Content

Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 165 - 176

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_165

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 10.1. Marktanaloge Theorie der Bewertung Gütermengen lassen sich unterschiedlich bewerten. Die Unterschiede resultieren aus verschiedenen Interessenlagen oder Sichtweisen. Die Marktbewertung bietet dazu einen guten Einstieg, da sie Ihnen bereits vertraut ist. Die Abbildung 10.1 zeigt die Bewertungen eines Konsumgutes auf einem Konkurrenzmarkt. Bewertung aus der Sicht der Konsumenten Die aggregierte Nachfragekurve zeigt, welche Gütermengen die Konsumenten bei unterschiedlichen Güterpreisen zu kaufen wünschen. Die Nachfragekurve liest man ausgehend von der Preisachse von links nach rechts. Wenn man wissen will, was den Konsumenten verschiedene Gütermengen wert sind, dann interpretiert man die Nachfragekurve als Kurve maximaler marginaler Zahlungsbereitschaften der Konsumenten und liest die Kurve ausgehend von der Mengenachse von unten nach oben. Angebotskurve Nachfragekurve Menge Marktgleichgewicht Produzentenrente variable Kosten Konsumentenrente Preis Höchstpreis Marktpreis Mindestpreis Marktmenge Sättigungsmenge Abb. 10.1: Marktbewertung Für die erste Einheit des Gutes sind die Konsumenten bereit, den Höchstpreis zu zahlen. Mehr würden sie für diese erste Einheit nicht zahlen. Sie würden zwar gerne weniger bezahlen, bevor sie jedoch auf diese erste Mengeneinheit verzichten müssten, würden sie den Höchstpreis bezahlen. Für eine zusätzliche Mengeneinheit, die zweite Einheit, sind sie nur noch bereit weniger zu zahlen. Ihre maximale marginale Zahlungsbereitschaft sinkt entsprechend dem fallenden Verlauf ihrer Nachfragekurve. Sind die Konsumenten gesättigt, dann sind sie Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie156 nicht mehr gewillt, für eine zusätzliche Mengeneinheit etwas zu bezahlen. Wird von ihnen die Zahlung eines Marktpreises verlangt, dann vergleichen sie ihre maximalen marginalen Zahlungsbereitschaften für jede Mengeneinheit mit dem Marktpreis und kaufen so viele Gütereinheiten, bis die maximale marginale Zahlungsbereitschaft der letzten Einheit dem Marktpreis entspricht. Dadurch wird dann die Marktmenge bestimmt. Bei einem öffentlichen Gut wird von den Konsumenten keine Zahlung eines Marktpreises verlangt. Der Preis ist Null, und sie nutzen die Sättigungsmenge, für die ihre maximale marginale Zahlungsbereitschaft ebenfalls Null ist. Wie bewerten nun die Konsumenten die Sättigungsmenge? Wir haben gesehen, dass bei marginaler Betrachtung die Sättigungsmenge wertlos ist. Dabei wird aber nicht die gesamte Sättigungsmenge bewertet, sondern die letzte Gütereinheit dieser Menge. Die Sättigungsmenge muss also anders interpretiert werden, nämlich als Summe aller Gütereinheiten bis zur Sättigungsmenge. Die Frage lautet präziser: Wie bewerten die Konsumenten die Summe aller Gütereinheiten bis zur Sättigungsmenge? Addiert man sämtliche maximalen marginalen Zahlungsbereitschaften bis zur Sättigungsmenge, dann erhält man die maximale totale Zahlungsbereitschaft dieser Menge. Dies ist dann der gesuchte Geldbetrag, der auch als aggregierte Konsumentenrente bezeichnet wird. Halten wir als ersten Bewertungsansatz fest: Soll ein öffentliches Gut mit der aggregierten Konsumentenrente bewertet werden, dann ist eine aggregierte Nachfragekurve für dieses Gut zu ermitteln. Die Fläche unterhalb dieser Nachfragekurve entspricht dann dem gesuchten Wert. Bewertung aus der Sicht der Produzenten Die aggregierte Angebotskurve besagt, welche Gütermengen die Produzenten bei unterschiedlichen Güterpreisen zu verkaufen wünschen. Diese Kurve kann man auch als Kurve minimaler marginaler Entschädigungsforderungen der Produzenten interpretieren. Für jede Mengeneinheit wollen die Produzenten mindestens in Höhe der mit ihrer Produktion verbundenen variablen Kosten entschädigt werden. Bei einem geringeren Betrag wäre es für die Produzenten günstiger, diese Einheit nicht zu produzieren. Die minimalen marginalen Entschädigungsforderungen sagen etwas darüber aus, wann es sich für die Produzenten lohnt, die Produktionsmenge zu variieren. Diese Informationen reichen jedoch nicht aus, wenn es um die Frage geht, ob die Produktion eines Gutes überhaupt begonnen werden soll. Wenn beispielsweise die Sättigungsmenge eines Gutes bereitgestellt werden soll, dann lohnt sich die Produktion dieser Gütermenge erst dann, wenn neben den variablen Kosten mindestens noch die fixen Kosten entschädigt werden. Besitzen die Produzenten für ihre Produktionsfaktoren alternative Verwendungen, die ihnen die Erzielung eines Gewinns ermöglichen, dann Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 157 muss die minimale Entschädigung zusätzlich noch den entgangenen Gewinn enthalten. Hier wird deutlich, dass Produzenten eigentlich nicht Gütermengen bewerten, sondern nach gewinnbringenden Faktoreinsatzmöglichkeiten suchen. Halten wir fest: Wird ein öffentliches Gut mit der minimalen totalen Entschädigungsforderung der Produzenten bewertet, dann gibt dieser Betrag nicht den Wert des Gutes, sondern den Wert der für seine Bereitstellung erforderlichen Produktionsfaktoren an. 10.2. Kritik an der Konsumentenrente Die Kritik lässt sich am besten einzelwirtschaftlich begründen. Betrachten wir einen Haushalt 1, der das öffentliche Gut X und eine Vielzahl von privaten Gütern, die in einem Warenkorb Y zusammengefasst sind, konsumiert. Die Anteile, zu denen die privaten Güter in diesen Warenkorb eingehen, sind so dimensioniert, dass jede Einheit des Warenkorbs den Preis pY0 = 1 besitzt. Daraus folgt, dass die Konsummenge von Warenkorbeinheiten genau den Ausgaben für die Warenkorbeinheiten entsprechen, die - bei unterstellter Vollnutzung (siehe Abschnitt 3.4) - genau dem Haushaltseinkommen gleich sind. Die Nutzenfunktion des Haushalts genüge den üblichen Annahmen des Gesetzes von der abnehmenden Grenzrate der Substitution, der Unersättlichkeit und der Konsistenz (siehe Abschnitt 3.2). Darüber hinaus sei der Haushalt bei bestimmten Mengen des öffentlichen Gutes gesättigt. Der Haushalt verfüge über ein Einkommen in Höhe von Y0, das er beim Preis pY0 = 1 vollständig für den Erwerb von Y0-Einheiten des privaten Warenkorbs verausgabt. Da der Konsum des öffentlichen Gutes X für den Haushalt unentgeltlich ist, konsumiert er das öffentliche Gut entsprechend der Sättigungsmenge. Den zugrundeliegenden Entscheidungsprozess verdeutlicht die Abbildung 10.2. In das Y/X-Diagramm zeichnen wir zunächst die Budgetrestriktion ein. Sie ist eine Parallele zur Abszisse, da das öffentliche Gut unentgeltlich bereit gestellt wird (pX0 = 0) und ihre Steigung (pX0/pY0 = 0/1) somit gleich Null ist. Der Ordinatenwert zeigt die Anzahl der Konsumeinheiten des privaten Warenkorbs und da der Preis pro Warenkorbeinheit genau 1 entspricht – gleichzeitig die Höhe des Haushaltseinkommens und seiner Ausgaben (Y0/pY0 = Y0/1 = Y0) Die Indifferenzkurven haben den üblichen Verlauf. Das Haushaltsgleichgewicht der Ausgangslage befindet sich dort, wo der Haushalt sein Einkommen Y0 vollständig für den Konsum von Y0-Mengeneinheiten des privaten Warenkorbs ausgibt und gleichzeitig das öffentliche Gut entsprechend seiner frei gewählten Sättigungsmenge X0 konsumiert. Dies ist in der Ausgangslage (siehe Punkt A in Abb. 10.2) der Fall. Hier tangiert die Indifferenzkurve des höchsten erreichbaren Nutzens U0 die Budgetgerade. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie158 Nun werde für den Konsum des öffentlichen Gutes der Preis pX1 (> 0) verlangt. Diese Preiserhöhung dreht die Budgetgerade im Urzeigersinn im Ordinatenschnittpunkt der Budgetgerade. Bei diesem Preis reduziert der Haushalt seinen Konsum des öffentlichen Gutes. Da er nun aus seinem konstanten Einkommen auch für die Nutzung des öffentlichen Gutes zahlen muss, reduziert er auch seinen Verbrauch des privaten Warenkorbs. Das neue Haushaltsoptimum zeigt der Punkt B. Im Vergleich zur Ausgangslage ist es durch niedrigere Konsummengen sowohl des privaten Warenkorbs als auch des öffentlichen Gutes gekennzeichnet. Dadurch fällt er auf das Nutzenniveau U1 zurück. Die Preiserhöhung des öffentlichen Gutes führt zu einer Nutzeneinbuße. E D A CB D A X1CVX 1 EVX1X 0X G Y CS EV CV ES +U 0U IV I II III Xp 1 Xp 0 0 F X1CVX 1 EVX1X 0X 0Y 1U Abb. 10.2: Marshall’sche und Hicks´sche Bewertungsmaße Im unteren Teil der Abbildung 10.2 kann nun die individuelle Nachfragekurve nach dem öffentlichen Gut konstruiert werden. Der erste Nachfragepunkt entspricht der Sättigungsmenge X0 beim Preis pX0 = 0. Der zweite Nachfragepunkt entspricht der Menge X1 beim neuen Preis pX1 > 0..Dazwischen und links von X1 liegen die Nachfragepunkte, die sich bei einer fortlaufenden Erhöhung des Preises ausgehend vom Null-Preis bis zum Höchstpreis ergäben, die hier jedoch nicht explizit durchgeführt ist. Hilfsweise kann man die beiden bekannten Nachfragepunkte linear verbinden und bis zur Menge von 0 extrapolieren. Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 159 Wie bewertet der Haushalt die Erhebung eines Preises für das bisher unentgeltlich bereitgestellte Gut und den damit einhergehenden Verzicht auf Konsum? Die Antwort ist aus Abschnitt 3.7 bekannt. Seine Bewertung entspricht der aus der Preiserhebung resultierenden Senkung der Konsumentenrente, die wir als Fläche links der Nachfragekurve zwischen dem alten Preis px0 = 0 und dem neuen Preis px1 ablesen können. Diese uns aus Kapitel 3 bekannte Nachfragefunktion und die Verwendung der Konsumentenrente als Bewertungsmaß gehen auf Arbeiten von Jules Dupuit [französischer Bauingenieur und Ökonom, 1804- 1866] und Alfred Marshall [britischer Nationalökonom, 1842-1924] zurück. Da im Verlauf dieses Kapitels noch weitere Nachfragefunktionen und Bewertungsmaße vorgestellt werden, wollen wir die uns bereits bekannte Nachfragefunktion von nun an als Marshall’sche Nachfragefunktion und die Konsumentenrente als Marshall’sche Konsumentenrente (MKR) bezeichnen. In Abbildung 10.2 lässt sich die Senkung der Marshall’schen Konsumentenrente (∆MKR) anhand der Summe der Flächen I, II und IV ablesen. Mit dem Betrag ∆MKR bewertet der Haushalt die Verringerung des Verbrauchs des öffentlichen Gutes von der Sättigungsmenge X0 auf die Menge X1. Diesen Betrag wäre der Haushalt maximal zu zahlen bereit, um einer Verbrauchsminderung zu entgehen. Aber ist das richtig? Mit der Zahlung würde der Haushalt versuchen, eine Nutzeneinbuße zu vermeiden. Das kann ihm aber nicht gelingen, weil die Preiserhöhung für das öffentliche Gut seine Kaufkraft reduziert. Zwar mildert er die Nutzeneinbuße durch Substitution des teurer werdenden öffentlichen Gutes durch den im Preis konstanten Warenkorb, der Einkommenseffekt der Preiserhöhung drückt ihn jedoch auf ein geringeres Nutzenniveau (siehe dazu auch Abb. 3.17). Er landet schließlich beim Preis pX1 für das öffentliche Gut im Konsumpunkt B und dem Nutzenniveau U1. Die Zahlung des Betrages ∆MKR konnte also die Nutzeneinbuße von U0 nach U1 nicht verhindern. Was aber misst dann der Betrag ∆MKR? Er sollte ein Maß für die Nutzendifferenz sein, die dem Haushalt dadurch entsteht, dass er aufgrund einer Preiserhöhung seinen Konsum des öffentlichen Gutes ausgehend von der Sättigungsmenge X0 auf X1 reduziert. Die Bewegung vom Ausgangsoptimum (Punkt A) zum neuen Haushaltsgleichgewicht (Punkt B) bringt den Haushalt von U0 auf U1, das ist eindeutig. Diese Nutzendifferenz ist jedoch nur ordinal messbar, da der Grenznutzen des Einkommens - ein Faktor, mit dem sich Nutzendifferenzen in Änderungen der MKR umrechnen lassen - nicht als konstant zu unterstellen ist, kann der eindeutigen Nutzeneinbuße keine eindeutige Zahlung - interpretiert als Einkommensreduktion - zugeordnet werden. Man weiß also nicht, ob der Betrag ∆MKR nicht zu groß ist, um die Nutzendifferenz des Haushaltes zwischen U0 und U1 korrekt wiederzugeben. Wäre ∆MKR zu groß, dann zahlt der Haushalt zu viel. Der Mehrbetrag geht zu Lasten des Konsums von Einheiten des privaten Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie160 Warenkorbs, und der Haushalt fällt noch unter U1. Diese Nicht-Eindeutigkeit lässt Zweifel an der korrekten Bewertung durch die Marshall’sche Konsumentenrente aufkommen. Ihre Eignung als Bewertungsmaßstab ist in Frage gestellt. 10.3. Hicks'sche Bewertungsmaße Die Maßproblematik der Konsumentenrente resultiert aus dem Versuch, ordinale Nutzendifferenzen zu messen. Dieses Problem lässt sich umgehen, wenn der Haushalt auf einem Nutzenniveau verbleibt. Trotz Zahlung eines Preises für das öffentliche Gut könnte er das, wenn er eine Einkommenserhöhung erhielte, die es ihm gestattet, sein Ausgangsnutzenniveau U0 zu halten. Eine solche Einkommenserhöhung wird kompensierende Einkommensvariation CV (compensation variation) genannt. Andererseits könnte der Haushalt, um die Preiserhöhung zu vermeiden, eine Einkommensminderung akzeptieren, die ihn nicht schlechter als bei der Preiserhöhung stellt, es ihm also gestattet, das neue Nutzenniveau U1 zu halten. Eine solche Einkommensminderung wird äquivalente Einkommensvariation EV (equivalent variation) genannt. Gesucht werden jetzt also Geldbeträge, welche die durch die Preiserhöhungen beim öffentlichen Gut veränderte Situation bewerten, ohne dass damit Nutzenänderungen verbunden sind. CV und EV und weitere Einkommensvariationen wurden von John Richard Hicks [britischer Nationalökonom, 1904-1989] entwickelt und werden in Abgrenzung zur Marshall’schen Konsumentenrente als Hicks’sche Maße bezeichnet. Die von Hicks vorgestellten Einkommensvariationen entsprechen Einkommenseffekten. Sie stellen sich in Abbildung 10.2 also als Parallelverschiebungen entweder der alten oder der neuen Budgetgerade dar. Soll U0 trotz Preiserhöhung gehalten werden, dann ist die Budgetgerade, die die Indifferenzkurve U1 im Punkt B tangiert, parallel so zu verschieben, dass sie zur Tangenten an der Indifferenzkurve U0 wird. Dies ist im Tangentialpunkt D der Fall. Die Parallelverschiebung wird durch eine Einkommenserhöhung ausgelöst, deren Ausmaß auf der Y-Achse als Differenz der Achsenabschnitte von alter und neuer Budgetgeraden gemessen wird. Die notwendige Einkommenserhöhung entspricht CV. Sie erlaubt es dem Haushalt durch Mehrkonsum von Einheiten des privaten Warenkorbes den Minderkonsum des öffentlichen Gutes auszugleichen (Punkt D). CV gleicht dem Einkommensbetrag, den der Haushalt mindestens benötigen würde, um für den Nutzenverlust der Preiserhöhung entschädigt zu werden. Sie entspricht der minimalen Entschädigungsforderung des Haushalts für die Preiserhöhung, auch willingness to accept genannt. Die Entschädigungsforderung CV kann als Fläche links einer Hicks’schen Nachfragekurve abgelesen werden. Diese Hicks’sche Nachfragekurve wird ebenso wie die aus Kapitel 3 bekannte Marshall’schen Nachfrage dadurch hergeleitet, Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 161 dass man die Nachfragereaktionen des Haushalts auf steigende Preise beobachtet. Der Unterschied zwischen beiden Nachfragekurven besteht darin, dass der Haushalt beim Hicks’schen Konzept fiktiv für den Kaufkraftverlust der Preiserhöhungen durch Mehreinkommen kompensiert wird, so dass ihm das Verbleiben auf einem Nutzenniveau möglich wird. Die aus Preissteigerungen folgenden Nachfragerückgänge sind nun reine Substitutionseffekte. Sie fallen schwächer aus als bei der Marshall’schen Nachfragefunktion, bei denen zusätzlich der Einkommenseffekt der Preisänderung zu Nachfragereaktionen führt. Hicks’sche Nachfragekurven verlaufen daher steiler als die Marshall’sche Nachfragefunktion. Sie beziehen sich immer auf ein gegebenes Nutzenniveau. In Abbildung 10.2 ist die auf das Nutzenniveau U0 bezogene Hicks’sche Nachfrage hellgrau und gestrichelt eingezeichnet. Sie teilt sich mit der Marshall’schen Nachfrage den Punkt A und verläuft dann steiler. CV kann nun als Summe der Flächen I, II, III und IV links dieser auf U0 bezogenen Hicks’schen Nachfragekurve abgelesen werden. Ein alternatives Hicks’sches Bewertungsmaß lässt sich dadurch gewinnen, dass nicht mehr das Nutzenniveau der Ausgangslage (U0), sondern das Nutzenniveau U1 als Referenz verwendet. Aufgrund der Preiserhöhung für das öffentliche Gut realisiert der Haushalt das Güterbündel B, das auf der Indifferenzkurve U1 liegt. Wie hoch wäre seine maximale Zahlungsbereitschaft, um diese Preiserhöhung zu verhindern? Die Antwort auf diese Frage erhält man durch parallele Verschiebung der ursprünglichen, horizontal verlaufenden Budgetrestriktion nach unten, so dass sich der Tangentialpunkt C von verschobener Budgetrestriktion und Indifferenzkurve U1 ergibt (siehe Abb. 10.2, oben). Auf der Y-Achse lässt sich nun anhand der Differenz der Y-Achsenabschnitte von neuer und alter Budgetrestriktion die Einkommenssenkung ablesen, die den Haushalt auf das gleiche Nutzenniveau (= U1) bringen würde, das er auch nach der Preiserhöhung realisiert. Diese Einkommenssenkung entspricht dem maximalen Geldbetrag, den der Haushalt zu zahlen bereit wäre, um die Preiserhöhung für das öffentliche Gut zu verhindern. Dieser Geldbetrag wird EV genannt und beschreibt die Zahlungsbereitschaft - willingness to pay - des Haushalts. Auch EV lässt sich als Fläche links einer Hicks’schen Nachfragefunktion messen. Für deren Herleitung gilt das niedrigere Nutzenniveau U1 als Referenz. Sie wird wiederum unter der Annahme fiktiver Einkommensänderungen erzeugt, die nun aber nicht Einkommenserhöhungen, sondern Einkommenssenkungen bedeuten. Wegen dieser negativen Einkommensvariation verläuft die auf U1 bezogene, dunkelgrau gezeichnete Hicks’sche Nachfragekurve links unterhalb der Marshall’schen Nachfragefunktion, mit der sie den Punkt B als gemeinsamen Punkt besitzt. EV kann nun als Summe der Flächen I und IV links dieser auf U1 bezogenen Hicks’schen Nachfragekurve abgelesen werden. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie162 Man erkennt, dass EV kleiner ist als CV. Die Zahlungsbereitschaft des Haushalts ist kleiner als seine Entschädigungsforderung. Der Unterschied resultiert aus dem positiven Einkommenseffekt für die Nachfrage nach dem öffentlichen Gut. Mit zunehmendem Einkommen nimmt die Nachfrage nach dem öffentlichen Gut zu. Da EV das verfügbare Einkommen reduziert, während CV das verfügbare Einkommen erhöht, steigt die Nachfrage nach dem öffentlichen Gut bei CV stärker als sie bei EV sinkt. Deshalb muss der Geldbetrag, den der Haushalt als Kompensation erhält, größer sein als der Geldbetrag, auf den er als Ausgleich verzichten kann, woraus folgt: EV = I+IV < CV = I+II+III+IV. Halten wir als einen zweiten Bewertungsansatz fest: Ein öffentliches Gut kann mit der kompensierenden oder der äquivalenten Einkommensänderung bewertet werden. Je größer der Einkommenseffekt der Preisänderung für dieses Gut ist, um so mehr weichen beide Bewertungen von einander ab. Was ist nun mit der Konsumentenrente als Bewertungsmaßstab? Ist sie überflüssig geworden? Der untere Teil der Graphik zeigt, dass die Marshall’sche Nachfragekurve zwischen den beiden Hicks’schen Nachfragekurven liegt. Die Änderung der Marshall’schen Konsumentenrente ∆MKR liegt damit zwischen der äquivalenten (EV) und der kompensierenden Einkommensänderung (CV): EV = I+IV < ∆MKR = I+II+IV < CV = I+II+III+IV Verwendet man die Marshall’sche Konsumentenrente anstelle von EV oder CV, dann begeht man zwar eine Ungenauigkeit. Diese ist jedoch klein, wenn der Unterschied zwischen EV und CV klein ist, wenn also der Einkommenseffekt klein ist (siehe Willig (1976)). Die Marshall’sche Nachfragekurve ist auf dem Markt beobachtbar, sie lässt sich durch Marktanalysen empirisch schätzen. Somit ist auch die Marshall’sche Konsumentenrente als Fläche unterhalb der Nachfragekurve berechenbar. EV und CV sind vielfach nur durch Befragungen zu ermitteln. Die Hicks’schen Nachfragekurven sind nicht beobachtbar, weil die dort unterstellten Einkommenskompensationen tatsächlich nicht stattfinden. Wenn man also die Bewertung eines öffentlichen Gutes aus Markttransaktionen von Haushalten ableiten will, dann erhält man eine Bewertung durch die Marshall’sche Konsumentenrente, deren Bedeutung mit Hilfe der Hicks'schen Maße erkannt werden kann. Soll die Bewertung eines öffentlichen Gutes durch Befragungen erfolgen, dann sind die Hicks'schen Maße zu verwenden. Halten wir also fest: Trotz der theoretischen Mängel ist die Konsumentenrente als Bewertungsmaßstab grundsätzlich geeignet. Bei den Variationsmaßen EV und CV wurde der Haushalt aus seiner Ausgangssituation dadurch verdrängt, dass er einen Preis für das öffentliche Gut bezahlen sollte. Es ist aber auch denkbar, dass ihm eine Nutzungsbeschränkung für das öffentliche Gut auferlegt wird. Statt das öffentliche Gut wie bisher unentgeltlich, Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 163 seinen Präferenzen und damit der Sättigungsmenge X0 entsprechend konsumieren zu können (siehe Abb. 10.2, Güterbündel A), wird der Haushalt gezwungen, seinen weiterhin unentgeltlichen Konsum auf die Menge X1 zu beschränken. Er konsumiert zwar weiterhin Y0-Einheiten des privaten Warenkorbs, muss aber mit der kleineren Menge des öffentlichen Gutes X1 vorlieb nehmen (Güterbündel E). Diese Mengenreduktion ist mit einer Nutzensenkung von U0 auf U+ verbunden, die kleiner ausfällt als im Fall der Preiserhöhung, da der Haushalt zwar in beiden Fällen die gleichen Mengen konsumiert, diese aber bei einer Mengenreduktion unentgeltlich erhält. Auch in diesem Fall hat der Haushalt wiederum zwei Anpassungsstrategien. Soll er trotz der Nutzungseinschränkung keinen Nutzenentgang erleiden, also weiterhin auf U0 bleiben, dann müsste er ein zusätzliches Einkommen in Höhe von CS (compensation surplus) erhalten. Dieses Mehreinkommen würde es ihm erlauben, den erzwungenen Minderverbrauch des öffentlichen Gutes durch den Mehrverbrauch von Einheiten des privaten Warenkorbs ohne Nutzenverlust zu ersetzen. Graphisch lässt sich das neue Güterbündel G durch Parallelverschiebung der horizontal verlaufenden Budgetrestriktion nach oben bestimmen. Die Verschiebung muss so stark ausfallen, dass die neue Budgetrestriktion die Indifferenzkurve U+ bei der Menge X1 schneidet. Das ist im Punkt G der Fall. Nun lässt sich CS als Differenz der Achsenabschnitte der alten und der neuen Budgetrestriktion ermitteln. CS entspricht den minimalen Entschädigungsforderungen (willingness to accept) des Haushalts und beschreibt den Geldbetrag, der dem Haushalt zufließen müsste, um ihn für die Einschränkung seines Konsums des öffentlichen Gutes zu entschädigen. Dieser Geldbetrag ist offensichtlich kleiner als CV, da mit ihm nur die Auswirkungen der Mengenreduktion, nicht aber - wie im Fall CV - auch noch jene einer Preissteigerung kompensiert werden müssen. Alternativ könnte der Haushalt durch eine Geldzahlung versuchen, die Nutzungseinschränkung nicht in Kraft treten zu lassen. Sie beträgt maximal ES (equivalent surplus), und lässt sich durch Parallelverschiebung der ursprünglichen Budgetrestriktion nach unten ermitteln. Diese Parallelverschiebung muss so stark ausfallen, dass die neue Budgetrestrestriktion die Indifferenzkurve U+ bei der Sättigungsmenge tangiert. Das ist im Punkt F der Fall. Die nun geringere Sättigungsmenge ist bedingt durch den Einkommenseffekt, der erwarten lässt, dass in der Regel mit einer Einkommenssenkung auch eine geringere Nachfrage einhergeht. Die maximale Zahlungsbereitschaft des Haushalts für die Vermeidung der Nutzungseinschränkung ist auf der Y-Achse als ES bestimmt. Seine willingness to pay ES ist auch hier kleiner als seine willingness to accept CS. Der Grund ist wiederum der positive Einkommenseffekt für die Nachfrage nach dem öffentlichen Gut. Auch zwischen den Zahlungsbereitschaftsmaßen zur Ver- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie164 hinderung einer Mengenreduktion bzw. einer Preiserhöhung lässt sich eine eindeutige Reihenfolge bestimmen: Die maximale Zahlungsbereitschaft des Haushalts ES fällt geringer aus als EV, da der drohende Nutzenverlust der Mengenreduktion geringer ist als jener der oben untersuchten Preiserhöhung. Die Abbildung zeigt, dass CV > EV, CS > ES, CV > CS und EV > ES. Diese Unterschiede resultieren aus dem positiven Einkommenseffekt. Steigendes Einkommen auf Grund der Kompensationszahlung führt zu einem Mehrkonsum des öffentlichen Gutes. Mehrausgaben, wie sie bei CV gegeben sind, erhöhen die notwendige Kompensationszahlung. Die gleiche Überlegung gilt für den Fall, die Nutzungseinschränkung durch Zahlung zu vermeiden. Der positive Einkommenseffekt bedeutet, dass sich die Sättigungsmenge des öffentlichen Gutes mit sinkendem verfügbarem Einkommen ebenfalls verringert. Halten wir also fest: Soll ein öffentliches Gut mit Hilfe von Befragungen bewertet werden, dann ist die Formulierung der Bewertungsfrage sehr wichtig. Sie muss exakt auf das Hicks'sche Bewertungsmaß abgestimmt sein, das der Bewertung zugrunde gelegt werden soll. Die Konsumentenrente und die Hicks´schen Maße bewerten ein öffentliches Gut insgesamt. Nun kann der Nutzen, den ein Haushalt aus dem Konsum eines Gutes zieht, unterschiedlicher Art sein. Die ökonomische Theorie unterscheidet seit der Mitte der sechziger Jahre (B. A. Weisbrod, 1964; J. V. Krutilla, 1967) den Nutzen, der aus der tatsächlichen Inanspruchnahme eines Gutes resultiert, von dem Nutzen, der dem Haushalt auch ohne Inanspruchnahme zufließt. Die erste Art bezeichnet man als Gebrauchswert, Nutzungswert oder use value, die zweite Art als intrinsischen Wert oder non-use value. Gebrauchswerte entstehen aus der tatsächlichen Nutzung eines Gutes. Die Inanspruchnahme sauberer Luft, reiner Gewässer, gesunder Wälder fördern die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Haushaltes. Als öffentliche Güter lassen sie sich mit der Konsumentenrente bewerten, wenn sie zu privaten Gütern in einem Komplementaritätsverhältnis stehen. Das ist dann der Fall, wenn ihr Konsum den Verbrauch privater Güter voraussetzt. Beispielsweise setzt die Inanspruchnahme eines Waldes zur Erholung die Beförderung zum Wald voraus. Existiert kein solches Komplementaritätsverhältnis, dann kann die Bewertung mit einem Hicks´schen Maß erfolgen, bei dem der Wert direkt beim Haushalt abgefragt wird, beispielsweise die Inanspruchnahme von sauberer Luft zum Atmen. Intrinsische Werte setzen keine tatsächliche Inanspruchnahme des Gutes voraus. Sie entstehen allein aus dem Wissen um die Existenz eines Gutes oder aus dessen möglicher Inanspruchnahme in der Zukunft. Der Existenzwert verlangt lediglich, dass der Haushalt das Vorhandensein und die Erhaltung einer seltenen Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 165 Tier- oder Pflanzenart, der Artenvielfalt, der Regenwälder als wichtig ansieht und daraus einen Nutzen zieht. Der Optionswert belässt dem Haushalt die Möglichkeit, eine zukünftige Inanspruchnahme zu realisieren, und drückt den damit verbundenen Nutzen aus. Intrinsische Werte können sich zumindest teilweise auf Märkten artikulieren und somit durch Konsumentenrenten quantifiziert werden. Beispiele sind die Mitgliedsbeiträge und Spenden für Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Ein Trittbrettfahrerverhalten oder Gegenleistungen der Organisationen als Gebrauchswerte mindern die Exaktheit dieser Ermittlungsmethode für intrinsische Werte. Als Alternative und Ergänzung bieten sich die Hicks´schen Maße an, welche die Wertermittlung auf dem direkten Wege der Befragung anstreben. Aber auch dieser Methode sind Grenzen gesetzt, da der private Haushalt nicht nur für sich, sondern auch als Stellvertreter für ungeborenes Leben und für Tiere und Pflanzen fungieren muss. Durch die intrinsischen Werte wird eine Brücke zu den Naturwissenschaften geschlagen, die diesen Werten eine besondere Bedeutung zuschreiben. Kapitel 11: Praktikable Bewertungsmethoden 11.1. Systematisierung der Methoden Aus den in Kapitel 10 vorgestellten volkswirtschaftlichen Theorien sind bereits in den 1920er und 1930er Jahren erste rudimentäre empirische Anwendungen hervorgegangen. Ab den 1960er Jahren finden sich im Schrifttum stärker theoretisch fundierte Fallstudien, die sich zunächst auf die marktanaloge Ermittlung des Wertes von Erholung in der freien Natur und auf die Bewertung alternativer Land- und Gewässernutzungen konzentrierten. Im Zeitverlauf erschließen sich weitere Politikfelder diese praktikablen Bewertungsverfahren und so finden sich heute Fallstudien in den Sektoren Bildung, Transport, Energie, Immobilienwirtschaft und Gesundheitswesen (R.E. Just et al., 2004), wobei die Bewertung von Umweltgütern nach wie vor das wichtigste Anwendungsfeld ist. Umweltgüter sind entweder private oder öffentliche Güter. Für private Güter lassen sich die Bewertungen der Menschen anhand von Marktdaten ermitteln, die durch das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage auf Märkten entstehen. Damit sind sie Ausdruck unmittelbar beobachtbarer Wahlhandlungen (‚actual preferences’), was jener Gruppe von Verfahren, die Marktdaten zur monetären Bewertung von Umweltgütern einsetzen, im englischen Sprachgebrauch den Namen ‚market methods’ eingetragen und zu ihrer Verortung unter der Überschrift ‚actual preferences’ geführt hat. Der theoretische Ansatz, der als Basis für die Bewertung privater Umweltgüter dient, ist im Abschnitt 10.1 vorgestellt worden, empirische Anwendungsbeispiele liefern die Abschnitte 12.2 und 12.3. Für die monetäre Bewertung von Umweltgütern, die die Eigenschaften öffentlicher Güter aufweisen, bietet sich eine Vielzahl von Verfahren an, die sich hinsichtlich der Datenanforderungen in zwei Gruppen einordnen lassen. Dies sind zum einen Methoden, die dann eingesetzt werden können, wenn Wirtschaftseinheiten das öffentliche Umweltgut in Verbindung mit privaten Gütern für Konsum- oder Produktionszwecke einsetzen: Voraussetzung für Erholung in der Natur (öffentliches Gut) ist der Transport (privates Gut) dorthin, der durch Wald gestiftete Schutz vor Erosion angrenzender landwirtschaftlicher Flächen (öffentliches Gut) steigert die Bodenproduktivität und damit den landwirtschaftlichen Output (privates Gut). Liegen Beziehungen zwischen privaten Gütern und öffentlichen Gütern vor, dann lassen sich die Bewertungen der Menschen für die Nutzung öffentlicher Güter aus ihren in der Realität beobachtbaren Wahlhandlungen über die verbundenen privaten Güter herleiten (‚revealed preferences’, siehe N.E. Bockstael und K.E. McConnell, 2010). Die dieser Gruppe zugehöri-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.