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Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 139 - 165

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_139

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 9.1. Umweltressourcen und ihre optimale Bereitstellung Umweltökonomie! Was verbinden Sie mit diesem Wort? Es setzt sich zusammen aus den beiden Wörtern Umwelt und Ökonomie. Mit Umwelt meint man die natürliche Umwelt des Menschen, die ihn umgebende Natur. Unter Ökonomie versteht man die Lehre von der vernünftigen Verwendung knapper Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Die natürliche Umwelt stellt solche Mittel in der Form natürlicher Ressourcen zur Verfügung. Die Umweltökonomie ist demnach die Lehre von der vernünftigen Verwendung knapper natürlicher Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Es sind dies Bedürfnisse nach Nahrung, Bekleidung, Behausung, Erholung, Bildung, Abfallbeseitigung und anderes mehr. Die von der Umwelt bereitgestellten Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse bezeichnet man als natürliche Ressourcen oder Umweltressourcen. Möglichkeiten > Bedürfnisse Paradies Bedürfnisse > Möglichkeiten Knappheit Entscheidung Was? Allokation Distribution Wie? effizient gerecht fortschrittlich Wer? dezentral zentral Umweltressourcenbereitstellung (Güter des Waldes) Aufgrund? Individuelle Präferenzen Gesellschaftliche Präferenzen Expertensicht Was? Struktur Niveau Wie? Vorsorge Privat Nachsorge Öffentlich Für wen? Verteilung Abb. 9.1: Umweltökonomische Grundprobleme In ihren Bezeichnungen spiegeln sich oft natürliche Beschaffenheit und Verwendungszweck wider: Atemluft, Trinkwasser, Waldboden, Mülldeponie, Erholungslandschaft. Der Gegenstand der Umweltökonomie sind die Umweltressourcen. Ihre optimale Bereitstellung ist das zu lösende Problem. Die Abbildung 9.1 zeigt die umweltökonomische Grundproblematik. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie130 Knappheit der Umweltressourcen Die Leistungsfähigkeit der Umwelt ist begrenzt. Übersteigen die menschlichen Bedürfnisse ihre Leistungsfähigkeit, dann sind die natürlichen Ressourcen knapp. Nicht jeder, der die natürlichen Ressourcen in Anspruch nehmen will, kann es in der gewünschten Menge und Qualität. Die Ursachen der Knappheit liegen in der Endlichkeit verfügbarer Ressourcen in Verbindung mit unendlichen Bedürfnissen. In diesem Jahrhundert sind die Bedürfnisse exponentiell gewachsen. Das Bevölkerungswachstum erhöht die Anzahl der Menschen und damit die Konsumwünsche. Das Wirtschaftswachstum erweitert die materiellen Konsummöglichkeiten und verlangt so ebenfalls nach mehr Konsum von natürlichen Ressourcen. Gleichzeitig vermindert die erhöhte Inanspruchnahme der natürlichen Umwelt ihre Leistungsfähigkeit. Umweltverschmutzung, erschöpfte Ressourcen und Zerstörung natürlicher Landschaften sind der Ausdruck einer solchen verminderten Leistungsfähigkeit. Knappheit zeigt sich dem Menschen in der Form des Mangels. Er kann ein Bedürfnis nicht befriedigen, er muss Verzicht leisten. Der Mensch muss lernen, mit dem Verzicht zu leben. Sein Streben nach Unsterblichkeit findet im unvermeidlichen Tod seine Begrenzung. Dies ist eine absolute Form der Knappheit, für die Lebenszeit eines Menschen gibt es keinen Ersatz. Für die meisten Bedürfnisse gibt es dagegen mehrere Mittel zu ihrer Befriedigung. Erholung bieten sowohl ein Urlaub im Gebirge als auch ein Urlaub an der See. Muss ein Haushalt auf einen an sich gewünschten Gebirgsurlaub verzichten, weil keine Unterkunft mehr frei ist oder diese zu teuer ist, dann kann er versuchen, einen Seeurlaub zu buchen. Diese Substitutionsmöglichkeit mildert seinen Mangel, sie beseitigt ihn jedoch nicht. Die Gesellschaft reagiert auf die Knappheit mit einer Bewirtschaftung des Mangels. Wenn nicht jeder alles bekommen kann, was er wünscht, dann müssen die Mittel zugeteilt werden. In einer sozialen Marktwirtschaft regelt der Markt die Zuteilung. Wir wollen uns dieses Verfahren an einem Beispiel verdeutlichen. Ein Grundstück, das für Freizeitzwecke nutzbar ist, wird zum Kauf angeboten. Der Verkäufer lässt das Grundstück versteigern. Zwei Haushalte interessieren sich dafür. Wer erhält das Grundstück? Das Zuteilungsverfahren läuft folgendermaßen ab. Die beiden Haushalte bieten Kaufpreise. Sie überbieten sich solange, bis ein Haushalt nicht mehr höher bietet und als Nachfrager ausscheidet. Der andere erhält dann den Zuschlag. Angenommen, H2 bietet maximal 4.900 €, H1 erhält den Zuschlag bei 5.000 €. Ist die Zuteilung an H1 volkswirtschaftlich sinnvoll? Die Konkurrenten um das Grundstück artikulieren mit ihren Geboten ihre Zahlungsbereitschaft. Sie orientieren sich dabei an dem Nutzen, den ihnen das Grundstück jeweils stiften wür- Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 131 de. Bei 4.900 € endet für H2 seine Zahlungsbereitschaft, einen höheren Betrag ist ihm das Grundstück nicht wert. Die maximale Zahlungsbereitschaft ist somit das Maß seines Nutzens, den ihm das Grundstück gestiftet hätte. Die Zahlungsbereitschaft des H1 ist hier jedoch noch nicht erschöpft. Die 5.000 € des H1 bedeuten, dass der Nutzen des H1 größer ist als der Nutzen des H2. Ob der H1 noch mehr zu zahlen bereit wäre, ist nicht von Bedeutung. Das Grundstück ist dorthin gelangt, wo es den größten Nutzen stiftet. Die Situation lässt sich nicht mehr verbessern, sie ist effizient. Man könnte nun einwenden, der H2 habe seine Zahlungsbereitschaft nicht deshalb bei 4.900 € begrenzt, weil das Grundstück ihm nicht mehr wert sei, sondern weil seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse kein höheres Gebot mehr zuließen. Dieser Einwand ist dann berechtigt, wenn die personelle Kaufkraftverteilung nicht als befriedigend angesehen wird. Die Interpretation der maximalen Zahlungsbereitschaft als Maß für den Nutzen ist also nur dann zulässig, wenn wir die zugrundeliegende Kaufkraftverteilung akzeptieren. Den Preis für das Grundstück von 5.000 € zahlt der H1 an den Verkäufer des Grundstücks. Die Preishöhe wird jedoch nicht vom Verkäufer bestimmt, sondern vom Mitkonkurrenten H2. Seine maximale Zahlungsbereitschaft ist die Preisuntergrenze. Um ihn vom Markt zu verdrängen, muss der H1 mehr als diese Preisuntergrenze bieten. Tut er das, so fügt er dem H2 einen Schaden zu, der darin besteht, dass H2 auf den Nutzen aus dem Grundstück verzichten muss. Diesen Schaden bezeichnet man als Opportunitätskosten. Es sind die Kosten im Sinne von Nutzenentgang, die der Käufer des Grundstücks dem Mitbewerber mit der zweithöchsten Zahlungsbereitschaft zufügt. Die beste alternative Verwendung (Opportunität) des Grundstücks wäre der Verkauf an den H2. H2 hat das Grundstück sinnvollerweise nicht erhalten, er braucht aber auch keinen Kaufpreis zu bezahlen. Ein Schadenausgleich ist deshalb an ihn nicht zu zahlen. Die Feststellung der Opportunitätskosten dient lediglich dem Zweck, den Käufer des Grundstücks mit den Konsequenzen seines Tuns zu belasten, unabhängig davon wem er den Preis zu zahlen hat. Der H1, der seine Bedürfnisintensität für das Grundstück mit dem Marktpreis für das Grundstück vergleicht, vergleicht damit implizit seine eigene Bedürfnisintensität mit der seiner Mitbewerber um das Grundstück. So lenkt der Preis das Grundstück in die effiziente Verwendung. Öffentlichkeit der Umweltressourcen Wir haben gelernt, dass der Käufer eines Gutes mit den Konsequenzen seines Tuns belastet werden muss, wenn er das Gut aus Effizienzgründen zu Recht erhält. Wir wollen nun annehmen, dass der H1 das Grundstück so nutzt, dass er den benachbarten Grundstückseigentümern einen Schaden zufügt. Er repariert in seiner Freizeit sein eigenes Auto und diejenigen seiner Freunde. Dadurch verursacht er Lärm und Gestank, was die ruhe- und frischluftsuchenden Nachbarn Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie132 stört. Die Geschädigten beziffern ihren Schaden auf 1.000 €. Dieser Betrag entspricht der maximalen Zahlungsbereitschaft der Geschädigten, den H1 zu veranlassen, die Schädigung zu unterlassen, bzw. der minimalen Entschädigungsforderung der Geschädigten, den Schaden hinzunehmen. Was bedeutet die Schädigung für die Zuteilung des Grundstücks? Ist es weiterhin sinnvoll, dem H1 das Grundstück zu verkaufen oder sollte nun der H2 das Grundstück erhalten? Der Nutzen, den das Grundstück stiftet, ist gleich dem Nutzen des H1 plus dem Nutzen der durch das Grundstück betroffenen Personen, hier also abzüglich der Schäden der Nachbarn. Ist der H1 bereit, zusätzlich zum Kaufpreis von 5.000 € noch die Schäden in Höhe von 1.000 € zu bezahlen, dann beträgt seine Netto-Zahlungsbereitschaft noch immer 5.000 €. Sie übersteigt damit weiterhin die Zahlungsbereitschaft des H2, und die Nutzung des Grundstücks durch H1 bleibt weiterhin sinnvoll. Man sagt, der externe Effekt ist Pareto-irrelevant. Beträgt die maximale Zahlungsbereitschaft des H1 jedoch nur höchstens 5.800 €, dann beläuft sich seine Netto-Zahlungsbereitschaft auf höchstens 4.800 €. Sie liegt damit um 100 € unter derjenigen des H2. Nun wäre es sinnvoll, die Nutzung des Grundstücks dem H2 zu ermöglichen, der annahmegemäß keine belästigende Nutzung vornimmt. Der externe Effekt ist Paretorelevant. Die Versteigerung des Grundstücks führt ohne Belastung des H1 mit den Schäden nicht zu einem effizienten Ergebnis. Die Schäden bei den Nachbarn werden ausgelöst durch die Autoreparaturarbeiten des H1. Diese Grundstücksnutzung beeinträchtigt den Nutzen, den die Nachbarn aus ihren Grundstücken ziehen. Es handelt sich hier um einen einseitigen negativen technologischen externen Effekt im Konsumbereich. Technologische externe Effekte liegen dann vor, wenn die individuellen Nutzen- und Produktionsfunktionen Mengenvariablen enthalten, die von anderen Wirtschaftseinheiten bestimmt werden, ohne dass diese sie in ihren Wirtschaftsrechnungen berücksichtigen. Der Verursacher eines externen Effektes entlässt ihn aus seinem Entscheidungsbereich, er überantwortet ihn quasi der Öffentlichkeit. Externe Effekte besitzen deshalb einen Grad an Öffentlichkeit. Diese Verhaltensweise des Verursachers ist darin begründet, dass er für die freiwillige Beseitigung seines externen Effektes nicht belohnt, sondern bestraft wird. Die Vermeidung des Lärms und des Gestanks durch H1 verlangt das Unterlassen der Autoreparatur. Dies mindert seinen Nutzen aus dem Grundstück, wofür er nicht kompensiert wird. Freiwillig wird er darauf also nicht verzichten. Die Verletzung der Allokationseffizienz ist jedoch nicht nur bei externen Effekten möglich, sie kann auch dann vorliegen, wenn die Umweltressourcen ein öffentliches Gut darstellen. Die Lärmfreiheit und Sauberkeit der Luft ist ein solches öffentliches Gut. Ein öffentliches Gut ist ein gemeinschaftlich nutzbares Gut, bei dem die Nutzung des einen diejenige des anderen nicht beeinträchtigt Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 133 und ein Ausschluss von der Nutzung nicht möglich ist, wenn das Gut erst einmal bereitgestellt ist. Unter Lärm und Luftverschmutzung leiden alle Nachbarn, keiner kann sich dem entziehen. Freiwillig wird jedoch kein einzelner etwas dagegen unternehmen, denn dann muss er die vollen Kosten tragen, während alle Betroffenen Nutzen daraus ziehen. Dieses sogenannte Trittbrettfahrer-Verhalten („free-rider-position“) verhindert die freiwillige Lösung des Problems. Das dritte theoretische Konzept, das für das Verständnis und die Analyse von Umweltproblemen von großer Bedeutung ist, ist das der Umweltressourcen im öffentlichen Eigentum. Die Luft ist eine solche Umweltressource. H1 nutzt sie als Medium für seine Lärm- und Schadstoffemissionen. Die Nachbarn nutzen sie lediglich zum Atmen. Da ein öffentliches Eigentum niemandem die Nutzung verweigert, schädigt die eine Nutzungsart die Nutzung durch andere. Es handelt sich hier um eine Nutzungsasymmetrie. Freiwillig verzichtet keiner auf sein Nutzungsrecht, eine effiziente Nutzung ist somit nicht von vornherein zu erwarten. Soziale Dilemmata Bei der Diskussion der Öffentlichkeitseigenschaft der Umweltressourcen wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass der Umweltschutz durch freiwilliges Handeln der Beteiligten nicht erreicht wird. Der Grund liegt darin, dass der notwendige Verzicht auf die Umweltnutzung nicht belohnt, sondern bestraft wird; es also nicht individueller Rationalität entspricht, Umweltschutz zu betreiben. Diese ökonomische Aussage soll nun näher begründet werden. Hierzu bedienen wir uns der Spieltheorie, die von dem ungarischen Mathematiker und Ökonomen John von Neumann (1903-57) und dem deutschen Ökonomen Oskar Morgenstern (1902-77) in den 1940er Jahren entwickelt wurde. 2-Personen-Spiel Als Ausgangspunkt unserer Überlegungen eignet sich das sogenannte Gefangenen-Dilemma. Zwei Untersuchungshäftlinge sitzen in getrennten Zellen und haben keinerlei Möglichkeiten, miteinander Kontakt aufzunehmen. Sie werden einer gemeinsam begangenen Tat beschuldigt, die man ihnen jedoch nicht nachweisen kann. Der Richter unterbreitet nun beiden folgendes Angebot: Gesteht nur einer von beiden die Tat, dann wird der Geständige freigelassen und der andere wird zu sechs Jahren Haft verurteilt (Kronzeugenregelung). Gestehen beide, dann erhalten sie beide fünf Jahre Haft. Gestehen beide nicht, dann erhalten sie je ein Jahr Haft für ein minder schweres Delikt, das man ihnen nachweisen kann. Wir können diese Situation als Spiel auffassen und in der Form einer Auszahlungsmatrix darstellen. Ausgezahlt werden hier Haftjahre. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie134 Tab. 9.2: Auszahlungsmatrix für 2 Spieler Spieler 2 gesteht gesteht nicht gesteht 5; 5 0; 6 Spieler 1 gesteht nicht 6; 0 1; 1 Jeder Spieler versucht, die Anzahl seiner Haftjahre zu minimieren, darin besteht seine individuelle Rationalität. Welche Verhaltensweisen wählen die Spieler? Beide Häftlinge werden gestehen und jeweils fünf Jahre Haft erhalten. Die Begründung ist einfach. Betrachten wir die Situation von Spieler 1. Gesteht Spieler 2, dann erhält Spieler 1 ein Jahr längere Haft, wenn er nicht gesteht (6-5=1). Gesteht Spieler 2 nicht, dann erhält Spieler 1 ebenfalls ein Jahr längere Haft, wenn er nicht gesteht (1-0=1). Spieler 1 steht sich also stets besser, wenn er gesteht. Da die Situation von Spieler 2 die gleiche ist, gestehen beide. Sie erhalten dann beide fünf Jahre Haft (5; 5), obwohl sie auch mit jeweils einem Jahr hätten davonkommen können (1; 1). Die Lösung fünf Jahre Haft für beide ist ein ökonomisches Gleichgewicht, denn beide haben freiwillig die Tat gestanden. Das Gleichgewicht ist aber nicht Pareto-effizient, denn die 1-Jahres- Haft für beide wäre möglich gewesen und hätte beide bessergestellt. Das Dilemma resultiert aus den Spielregeln, die hier von der Justiz festgelegt werden und eine Kooperation zwischen den Häftlingen verhindern. N-Personen-Spiel Das Gefangenen-Beispiel ist ein 2-Personen-Spiel, bei dem das Verhalten des einen Spielers erhebliche Auswirkungen auf den anderen Spieler hat. Umweltprobleme betreffen in der Regel viele Personen, wobei das Verhalten eines Spielers kaum Auswirkungen auf alle übrigen Spieler hat. Diese Situation wird als soziales Dilemma bezeichnet. Um eine solche Situation zu beschreiben, wählen wir das Beispiel der Ruhestörung durch den Individualverkehr in Innenstädten (J. Weimann, 1995, S.66 ff.). Aus der Sicht jedes einzelnen Autofahrers verursacht der Verzicht auf die Benutzung seines Autos Kosten in der Form von Zeitverlusten, von Beweglichkeit und von Bequemlichkeit im Umfang bi>0. Das gilt für alle i=1,...,n Autofahrer. Nehmen alle Autofahrer diese Kosten auf sich, dann verbessert sich die Umweltqualität der Innenstadt z: ∑ = = n 1i ibβz Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 135 Diese Gleichung ist eine Art Produktionsfunktion, bei der die Umweltqualitätsverbesserung der Output und die individuellen Verzichte die Inputs sind. Der Parameter ß ist ein Maß für die Produktivität der individuellen Beiträge. Da bei der großen Zahl der Autofahrer, der Verzicht eines einzelnen nur sehr wenig zur Verbesserung der Umweltqualität beiträgt, ist ß wesentlich kleiner als Eins (ß<1). Tab. 9.3: Auszahlungsmatrix für n Spieler alle übrigen Spieler verzichten verzichten nicht verzichtet z - bi ßbi - bi Spieler i verzichtet nicht z - ßbi 0 Da die Autofahrer in die Innenstädte fahren, um dort in Ruhe einzukaufen, sind sie an einer autofreien Innenstadt interessiert. In einer verkehrsberuhigten Innenstadt erhält jeder die bessere Umweltqualität z>0, da es sich um ein öffentliches Gut handelt. Wie sieht die Auszahlungsmatrix der n Autofahrer aus? Ausgezahlt werden hier Geldeinheiten, die sowohl die Umweltqualitätsverbesserung als auch die Kosten der Autofahrer im Falle des Verzichts messen. Jeder Spieler versucht, sein zusätzliches Einkommen zu maximieren bzw. Einkommensverluste zu minimieren, darin besteht seine individuelle Rationalität. Welche Verhaltensweise wählen die Spieler? Kein Autofahrer wird auf sein Auto verzichten. Betrachten wir die Situation des Spielers i. Verzichten alle übrigen Spieler, dann ist sein Gewinn größer bzw. sein Verlust kleiner, wenn er nicht verzichtet z-ßbi>z-bi. Verzichten alle übrigen Spieler nicht, dann gewinnt er zwar nichts, wenn er ebenfalls nicht verzichtet, verliert aber auch nichts wie im Falle des eigenen Verzichts 0>(ßbi-bi). Da die Situation aller übrigen Spieler individuell der Situation des Spielers i gleicht, verzichtet kein Autofahrer auf sein Auto, die mögliche Umweltqualitätsverbesserung wird nicht erreicht. Die Null-Lösung ist ein ökonomisches Gleichgewicht, denn alle Autofahrer haben die Benutzung ihres Autos freiwillig gewählt. Die Frage nach der Pareto-effizienten Lösung ist hier jedoch nicht so einfach zu beantworten. Gilt z-bi>0 für alle Spieler, dann gewinnt jeder Spieler durch den Verzicht aller und die Null-Lösung ist nicht Pareto-effizient. Gilt z-bi<0 für alle Spieler, dann gewinnt jeder Spieler dadurch, dass kein Autofahrer verzichtet und die Null-Lösung ist Pareto-effizient. Gilt z-bi<0 nur für einige Spieler, dann wäre die Null-Lösung dann nicht Pareto-effizient, wenn die Gewinner die Verlierer entschädigen könnten und noch einen Netto-Gewinn behielten. Ist die gleichgewichtige Null-Lösung ineffizient, dann führt das individuell rationale Verhalten Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie136 zu einem sozial nicht rationalen Ergebnis. Das Dilemma resultiert auch hier aus einer Spielregel. Aber anders als im Falle des Gefangenen-Dilemmas ergibt sie sich hier aus der großen Zahl der Beteiligten. Die Transaktionskosten einer Kooperation zwischen allen Autofahrern sind so hoch, dass sie eine effiziente Verhandlungslösung verhindern. Staatliche Umweltpolitik als Ersatz für freiwillige Kooperation Wenn die privaten Wirtschaftseinheiten in ein soziales Dilemma fallen, das eine effiziente Lösung der Umweltprobleme verhindert, dann bleibt nur die staatliche Umweltpolitik als Alternative. Im Falle des Innenstadtverkehrs könnte der Staat Durchfahrtsverbotsschilder aufstellen, und die erwünschte Umweltqualitätsverbesserung wäre erreicht. Gleichzeitig zwingt der Staat die Autofahrer zum Verzicht auf die Benutzung ihres Autos. Effizient wäre die staatliche Maßnahme nur dann, wenn entweder alle Autofahrer eine autofreie Innenstadt höher bewerten als die Kosten ihres Verzichts oder wenn die Gewinner die Verlierer entschädigen könnten und noch einen Netto-Gewinn behielten. Woher weiß der Staat das? Die dafür notwendigen Informationen kann der Staat nur von den Privaten selbst erhalten. Denn die Informationen sind privater Natur, da der Nutzen eine intrinsische Bewertung darstellt. Damit stellt sich die Frage, ob der Staat die Privaten veranlassen kann, ihm diese Informationen zur Verfügung zu stellen. Das ist die Frage nach der Anreizkompatibilität staatlicher Maßnahmen. Eine Maßnahme ist anreizkompatibel, wenn die privaten Wirtschaftseinheiten durch sie ein Interesse daran haben, ihre wahren Präferenzen zu offenbaren. Gelingt ihm das nicht, weil die individuelle Rationalität dem entgegensteht, dann ist keine effiziente Umweltpolitik möglich. Gelingt es dem Staat durch Zwang, die Privaten an der Verfolgung ihres Eigeninteresses zu hindern, dann bilden die damit verbundenen hohen Durchsetzungsund Kontrollkosten ein Hindernis für eine effiziente Lösung. Eine effiziente Umweltpolitik muss anreizkompatibel und individuell rational sein. Die Forschungen auf diesem Gebiet waren bislang wenig erfolgreich (A. Suchanek, 2000 und J. Weimann, 2009). Was können wir als Quintessenz unserer Überlegungen festhalten? Viele Umweltprobleme führen die privaten Wirtschaftseinheiten in soziale Dilemmata, aus denen sie sich nicht selbst befreien können. Der Staat kann zwar Umweltpolitik betreiben, ob damit jedoch ein Beitrag zur Wohlfahrtssteigerung verbunden ist, bleibt ungewiss. Das ist nun aber kein Freibrief für jede Art staatlichen Handelns. Auch wenn umfassende Effizienz nicht erreichbar ist, so sollten dennoch die erreichbaren Effizienzelemente durch eine rationale Umweltpolitik realisiert werden. Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 137 Umweltpolitik Um eine partielle Effizienzverbesserung zu erreichen, benötigt der Staat umweltpolitische Ziele und umweltpolitische Mittel. Wenn es richtig ist, dass Konkurrenzmärkte unter Berücksichtigung der externen Effekte zur Erreichung der Allokationseffizienz hilfreich sind, dann liegt es nahe, solche Märkte für Umweltressourcen zu konstruieren und zum Maßstab für Ziele und Mittel der Umweltpolitik zu machen. Marktanaloge Umweltqualität Die Umweltqualität ist ein öffentliches Gut, das Haushalten Nutzen stiftet und das Unternehmen als Produktionsfaktor verwenden. Eine Ermittlung ihrer maximalen Zahlungsbereitschaften für dieses Gut ergibt eine Nachfragekurve für dieses Gut. Ökonomische Aktivitäten der Produktion und des Konsums von nutzenstiftenden Gütern können die Umweltqualität verschlechtern. Die Unterlassung dieser Aktivitäten vermeidet zwar die Umweltqualitätsverschlechterung, sie führt aber auch zum Nutzenentgang der unterlassenen Aktivitäten. Dieser Nutzenentgang stellt die Kosten der Umweltqualität dar. Eine Ermittlung der maximalen Zahlungsbereitschaft für diese sonst zu unterlassenden Aktivitäten ergibt eine Angebotskurve für das Gut Umweltqualität. Die Abbildung 9.4 erläutert die Zusammenhänge. UQ B Angebot C E Nachfrage minQU MMZB maxQU0QU *QU Abb. 9.4: Zielbestimmung UQ bedeutet Umweltqualität, MMZB maximale marginale Zahlungsbereitschaft. Befindet sich die Volkswirtschaft im Ausgangszustand UQ0, dann bedeutet die Zunahme der Umweltqualität um eine marginale Einheit einen Nutzenzuwachs um UQ0B und einen Kostenzuwachs um UQ0C. Die Wohlfahrt der Gesellschaft steigt um BC, eine erhöhte Umweltqualität ist sinnvoll. Erst bei der Umweltqualität UQ* ist keine Wohlfahrtssteigerung mehr möglich. Dies ist die optimale Umweltqualität. Sie sollte das Ziel der Umweltpolitik sein. Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie138 Diese Zielbestimmung resultiert aus einer Nutzen-Kosten-Abwägung, die wir in ähnlicher Form bereits bei der Zuteilung des Freizeitgrundstückes vorgenommen haben. Hier konkurrieren die Interessen an hoher Umweltqualität mit den Interessen an hoher Güterversorgung, die umweltqualitätsmindernd wirkt. Der Interessenausgleich bestimmt das Ziel der Umweltpolitik. Der Interessenausgleich verlangt von beiden Seiten einen Verzicht. Sinnvoll ist weder eine minimale noch eine maximale Umweltqualität. Der ökonomisch begründete Interessenausgleich verlangt von beiden Seiten die Artikulation der Zahlungsbereitschaft. Sie macht die Nutzen und Kosten gleichnamig und für den Träger der Umweltpolitik vergleichbar. Der Staat ist also gehalten, Informationen über Zahlungsbereitschaften zu sammeln und seinen umweltpolitischen Überlegungen zugrunde zu legen. Die Bestimmung der optimalen Umweltqualität ist mit vielerlei Problemen verbunden. (1) Die Umweltqualität muss quantitativ formuliert werden. Hierzu benötigt man Kenngrößen und Klassifizierungs-Systeme, mit denen man die Umweltqualität beschreiben kann. Diese Indikatoren müssen einen Bezug zu den Nutzungsarten der Umweltqualität besitzen, um sie bewerten zu können, z.B. Gewässergüteklassen nach dem Saprobiensystem oder dB(A) für Lärmbelastung. (2) Die Nutzungsmöglichkeiten alternativer Umweltqualitäten sind zu bestimmen und zu bewerten. Hierzu gehört es festzustellen, welche Nutzungen bestimmte Umweltqualitäten verlangen (Nachfrage) und wie die Nutzungen die Umweltqualität beeinflussen. (3) Die Umweltfunktion muss bestimmt werden. Das ist der Zusammenhang zwischen der Umweltqualität und den sie schädigenden Faktoren („dose-response-function“). (4) Die Möglichkeiten sind zu bestimmen und zu bewerten, eine bestimmte Umweltqualität vor Schaden zu bewahren (Vorsorgeprinzip) oder eine beeinträchtigte Umweltqualität wiederherzustellen (Nachsorgeprinzip). Umweltqualitäts-Standards Schwierigkeiten mit der Erfüllung von (1) und (3) führen dazu, anstelle von Umweltqualitäten umweltschädigende Aktivitätsniveaus als umweltpolitische Ziele zu formulieren, also Produktion und Konsum von Gütern, Emission von Reststoffen, Immission von Schadstoffen. Schwierigkeiten mit (2) und (4) führen dazu, anstelle einer optimalen Zielbestimmung Standard-Ziele vorzugeben. Standard-Ziele oder Ziel-Standards sind Mengengrößen, die wertunabhängig erreicht werden sollen. Ihre Bedeutung wollen wir an einem Emissions-Standard erläutern. Die Abbildung 9.5 erläutert die Vorgehensweise. Die Emission von Reststoffen („waste“) führt zur Umweltverschmutzung, d.h. zur Minderung der Umweltqualität. Die Emission ist eine ökonomische Aktivität, die es einer Wirtschaftseinheit ermöglicht, Schadstoffe abzugeben. Die Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 139 Emission kann also als Bemessungsgrundlage für umweltpolitische Maßnahmen dienen. Emissionen MMZB 0W Abb. 9.5: Ziel-Standard Zur Minderung der Umweltverschmutzung legt der Staat einen Emissions- Standard fest. Er stellt sich als ein Eckwert dar und impliziert eine Extrembewertung. Emissionen von Schadstoffen bewirken Schäden. Die Standard- Setzung aber bedeutet, dass bei Emissionen, die geringer sind als W0, keine Schäden eintreten. Sobald jedoch W0 erreicht ist, werden die Schäden als unendlich hoch angesehen. Solche Emissionsstandards müssen für jede umweltbelastende Aktivität formuliert werden. Das führt zu einem Katalog an Zielgrößen, differenziert nach Umweltbereichen, einzelnen Belastungsparametern und Belastungsregionen. Bei der Bestimmung der anzustrebenden Ziel-Standards sind drei Ebenen zu unterscheiden. Auf der ersten, der ökologischen Ebene, haben die Naturwissenschaftler das Wort. Sie formulieren Mindest-Qualitäts-Standards (MQS) aus der Sicht der verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten. Beurteilungskriterien mit abnehmender Rangordnung sind Sicherung des Lebens, Erhaltung der Gesundheit, Erhaltung der Erholungsmöglichkeit, Ästhetik u.a.m. Auf der zweiten, der ökonomischen Ebene, geht es um die Bewertung der MQS durch die mit ihnen verbundenen ökonomischen Kosten, das sind die Kosten der Schadenvermeidung und die Kosten einer Zielverletzung im Rahmen des gesamtwirtschaftlichen Zielkatalogs. Hier steht die Prüfung der „wirtschaftlichen Vertretbarkeit“ des Ziel-Standards an. Diese Prüfung führt in der Regel zu einem Unterschreiten des MQS. Auf der dritten, der politischen Ebene, geht es um die gesellschaftliche Beurteilung der von Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern vorgeschlagenen Ziel-Standards. Dies geschieht unter Verwendung von zusätzlichen Beurteilungskriterien. Dabei handelt es sich um gesellschaftliche Grund- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie140 werte, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit, Fortschritt, Harmonie, aber auch um Kriterien der Wiederwahl, der Durchsetzung von politischen Programmen oder Gruppeninteressen. Prinzipien der Umweltpolitik Wenn Informationsprobleme die Formulierung operabler Umweltqualitätsziele nicht zulassen, dann bleibt als Beitrag zu einer rationalen Umweltpolitik nur noch die Beachtung von Prinzipien. Prinzipien sind Regeln staatlichen Wohlverhaltens, an denen der Staat sein umweltpolitisches Handeln ausrichten sollte. Seit der Formulierung des 1. Umweltprogramms der Bundesregierung (Bundesinnenminister Genscher) im Jahre 1971 soll sich die deutsche Umweltpolitik an drei grundlegenden Prinzipien orientieren: dem Verursacherprinzip, dem Vorsorgeprinzip und dem Kooperationsprinzip. Das Verursacherprinzip besagt, dass der Verursacher von Umweltbelastungen grundsätzlich die Kosten der Umweltbelastungen zu tragen hat. Damit will man die Kosten der Umweltbelastungen internalisieren, der Verursacher soll sie in seinen Wirtschaftsrechnungen berücksichtigen. Der Staat verspricht sich davon einen sparsamen Gebrauch von Umweltressourcen. Das Verursacherprinzip entspricht dem ökonomischen Denken in Opportunitätskosten. Derjenige, der knappe Umweltressourcen beansprucht, soll mit den Konsequenzen seines Tuns konfrontiert werden. Bei der Anwendung des Verursacherprinzips können sich Probleme folgender Art ergeben: (1) Der Verursacher einer Umweltbelastung muss identifizierbar sein. Die Komplexität von Ursachen oder zeitlichen Verzögerungen in der Wahrnehmung der Auswirkungen können die Identifikation verhindern. (2) Die Monetarisierung des Schadens und die Bestimmung des individuellen Anteils sind erforderlich und können schwierig sein. (3) Die Anlastung der externen Kosten kann für den Verursacher existenzbedrohend sein. Übergangslösungen, die nicht dem Verursacherprinzip folgen, werden als angemessen empfunden. Verhindern die Probleme eine Anwendung des Verursacherprinzips, dann tragen entweder die Geschädigten selbst oder die Gesellschaft als Ganzes die Kosten der Umweltbelastung. Es gilt dann das Nutznießer- oder Gemeinlastprinzip. Das Vorsorgeprinzip besagt, dass Umweltbelastungen vermieden werden sollen. Umweltbelastungen sollen erst gar nicht entstehen. Hierdurch wird der Schutzgedanke in den Vordergrund gerückt. Es geht um die Bewahrung der Umwelt, nicht um ihre Wiederherstellung. Dies ist allerdings ebenfalls mit Kosten verbunden, die eine Abwägung zwischen den Nutzen des Umweltschutzes und den Kosten des Umweltschutzes verlangen. Damit sind wir wieder auf die Problematik einer Quantifizierung und Monetarisierung umweltrelevanter Leistungen verwiesen. Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 141 Das Kooperationsprinzip besagt, dass die von Umweltbelastungen und Umweltschutz betroffenen Bürger an der Lösung von Umweltproblemen mitwirken und beteiligt werden sollen. Das beinhaltet Umweltaufklärung der Bevölkerung und Förderung des Umweltbewusstseins. Dies bedeutet auch Mitwirkung bei der Formulierung von Umweltzielen durch die Bürger und Rechtfertigung des Staates bezüglich der Ziele und Mittel des Umweltschutzes. Die Umsetzung des „Aktionsprogramms für das 21. Jahrhundert“ (Agenda 21) auf der lokalen Ebene ist ein Beispiel für dieses Prinzip. Arten umweltpolitischer Instrumente Im Folgenden sollen einige umweltpolitische Instrumente dargestellt und beurteilt werden, die in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion eine wichtige Rolle spielen. Vier umweltpolitische Instrumente sollen untersucht werden. Die Reihenfolge entspricht der Bedeutung, die sie in der praktischen Umweltpolitik einnehmen. Es handelt sich um Auflagen, Subventionen, Abgaben und Zertifikate. Für einen fairen Vergleich der Eigenschaften verschiedener Instrumente ist es unerlässlich, alle Instrumente im selben analytischen Rahmen zu behandeln. Das bedeutet vor allem, dass die alternativen Instrumente zur Erreichung desselben ökologischen Zieles eingesetzt werden. Das Ziel im Rahmen unserer Analyse soll darin bestehen, in einer abgegrenzten Region eine pro Zeiteinheit vorgegebene absolute Emissionshöchstgrenze für einen bestimmten Schadstoff einzuhalten. Die Zielformulierung entspricht der Abbildung 9.5. Das umweltpolitische Instrument soll bewirken, dass die Summe der absoluten Emissionsmengen aller Verursacher des betreffenden Schadstoffs in der betreffenden Region auf dieses höchstzulässige Niveau absinkt. Auflagen Unter einer Auflage wird eine staatliche Maßnahme verstanden, die jedem einzelnen Verursacher der betreffenden Region eine absolute Höchstgrenze seiner Emissionen pro Zeiteinheit vorschreibt. Betreibt ein Verursacher mehrere emittierende Anlagen, so wird für jede einzelne ein Höchstwert festgelegt. Die Summe aller individuellen Emissionshöchstgrenzen ergibt den vorgegebenen Emissionshöchstwert. Da es in der praktischen Umweltpolitik viele Spielarten von Auflagen gibt, soll diese Definition als Prototyp einer Auflage verstanden werden. Die Auflage schreibt ein zieladäquates Verhalten direkt vor, der einzelne besitzt keine Entscheidungsfreiheit über seine ökonomischen Aktivitäten. Der Staat benutzt hier sein Gewaltmonopol, das ihm die Gesellschaft eingeräumt hat. Da ökonomisches Fehlverhalten verboten wird, ist dieses Instrument grundsätzlich geeignet, das umweltpolitische Ziel zu erreichen. Auflagen dominieren die praktische Umweltpolitik. Ihre Extrem-Variante ist die Betriebsschließung. Verbrei- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie142 teter ist die Festlegung von Immissions- und Emissionsgrenzwerten, die nach dem jeweiligen Stand der Technik realisierbar erscheinen. Häufig werden auch Produktions- oder Entsorgungstechnologien nach dem Stand der Technik vorgeschrieben, Endprodukt- oder Inputnormen erlassen oder Ansiedlungsverbote verhängt. Dem jeweils besten Stand der Entsorgungstechnik kommt in der praktischen Umweltpolitik eine große Bedeutung zu. Subventionen Unter einer Subvention wird eine staatliche Maßnahme verstanden, bei der jeder Verursacher des betreffenden Schadstoffs in der Region für die von ihm entsorgte Menge pro Zeiteinheit eine Zahlung erhält. Der Subventionssatz, also die Einnahme pro vermiedene Emissionseinheit, ist konstant und für alle Emittenten gleich. Er ist so bemessen, dass bei den einzelnen Verursachern eine Anpassungsreaktion ausgelöst wird, die zu einer Begrenzung des aggregierten Schadstoffausstoßes auf das Niveau des vorgegebenen Emissionszielwertes führt. Dies soll als Prototyp der Subvention verstanden werden. Die Subvention bezweckt, ein zieladäquates Verhalten durch Setzen eines ökonomischen Anreizes zu erreichen. Sie belässt dem einzelnen die Entscheidungsgewalt über seine ökonomischen Aktivitäten. Der Staat nutzt das Eigeninteresse der Verursacher, um sein Ziel zu erreichen. Subventionen sind ein verbreitetes Instrument der Umweltpolitik. Die Zahlung eines Wasserpfennigs an Landwirte in Baden-Württemberg, die Übernahme der Investitionskosten für Entsorgungsanlagen, Abschreibungsvergünstigungen für Umweltschutzinvestitionen sind beliebte Spielarten dieses Instruments. Das besondere Charakteristikum der Subvention ist die Anwendung des Gemeinlastprinzips anstelle des Verursacherprinzips. Nicht der Emittent zahlt für die Vermeidung des Schadens, sondern die Gesellschaft. Abgaben Unter einer Abgabe wird eine staatliche Maßnahme verstanden, bei der jeder Verursacher des betreffenden Schadstoffs in der Region für die von ihm emittierte Menge pro Zeiteinheit eine Zahlung zu leisten hat. Der Abgabesatz, also die Abgabe pro Emissionseinheit, ist konstant und für alle Emittenten gleich. Er ist so bemessen, dass bei den einzelnen Verursachern eine Anpassungsreaktion ausgelöst wird, die zu einer Begrenzung des aggregierten Schadstoffausstoßes auf das Niveau des vorgegebenen Emissionszielwertes führt. Dies soll als Prototyp der Abgabe verstanden werden. Auch hier setzt der Staat ein ökonomisches Signal, das die Verursacher veranlassen soll, ihre ökonomischen Aktivitäten im Sinne des Umweltziels anzupassen. Anders als bei der Subvention wird hier die Emission für den Verursacher verteuert. Die Leitidee ist das Verursacherprinzip. Dem liegt der Gedanke zu- Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 143 grunde, dass die Emission eine Beanspruchung der Assimilationskraft der Umwelt, also eine Leistung der Umwelt darstellt, für die der Nutzer einen Preis zu zahlen hat. Abgaben sind ein wenig verbreitetes Instrument der Umweltpolitik. Eine Spielart ist die praktizierte Abwasserabgabe, die jedoch die ökonomischen Anreizwirkungen nur unzureichend erfüllt. Zertifikate Unter einem Zertifikat wird eine staatliche Maßnahme verstanden, bei der das Recht auf Emission einer bestimmten Schadstoffmenge für die Verursacher der betreffenden Region und pro Zeiteinheit an den Besitz einer entsprechenden Menge von Emissionserlaubnisscheinen (Zertifikaten) geknüpft wird. Eine Gesamtmenge von Zertifikaten, deren Nennwerte sich zur regionalen Emissionshöchstgrenze addieren, wird unter den betreffenden Verursachern versteigert. Die Zertifikate sind übertragbar, sie können verkauft und gekauft werden. Dies soll als Prototyp eines Zertifikates verstanden werden. Hier institutionalisiert der Staat einen Markt, auf dem die Verursacher von Schadstoffen Emissionsrechte gegen Zahlung eines Kaufpreises vom Staat erwerben können. Der Staat legt hier nicht einen Abgabe- oder Subventionssatz, sondern die Anzahl der Emissionsrechte entsprechend seinem umweltpolitischen Ziel fest. Wie bei der Abgabe muss auch hier der Emittent eine Zahlung leisten, die nun jedoch dem Zertifikatpreis entspricht. Zertifikate sind ebenfalls ein wenig verbreitetes Instrument der Umweltpolitik. In den USA werden zurzeit einige Varianten praktiziert, die als Glockenkonzept („bubble-policy“) bekannt sind. Es handelt sich dabei um eine sehr restriktive Verwendung von Zertifikaten. Beurteilung umweltpolitischer Instrumente Die vier Instrumente sollen nun einer Beurteilung unterzogen werden. Vier Beurteilungskriterien sollen als Maßstab verwendet werden. Es handelt sich dabei um die Kriterien der statischen Effizienz, der dynamischen Effizienz, der ökologischen Effektivität und der gesellschaftlichen Akzeptanz. Statische Effizienz Unter der statischen Effizienz eines umweltpolitischen Instruments ist seine Eignung zu verstehen, die Verursacher von Emissionen zur Einhaltung eines Emissionszielwertes mit geringsten Kosten zu veranlassen. Die Kostenminimierung ist das zentrale Beurteilungskriterium. Für die Analyse wählen wir das folgende Modell (siehe Abb. 9.6). W sind die Emissionen, dQ/dW veranschaulicht den Verlauf der Grenzkosten der Emissionsreduktion. Das Modell impliziert unterschiedliche Grenzkosten für beide Emittenten. Das umweltpolitische Ziel besteht darin, die Ausgangsemission W0 auf die Hälfte zu reduzieren. Eine einheitliche Auflage (jeder Emittent Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie144 halbiert seine Emissionen) löst das Problem nicht kostenminimal. Entsorgt der Emittent 1 statt der Auflage W10/2 die Menge W1*, dann spart er mehr Entsorgungskosten als dem Emittenten 2 durch die Mehrentsorgung von W2*-W20/2 an Mehrkosten entstehen. Die Kostenreduktionen sind in der Abbildung als graue Dreiecke gekennzeichnet. Die Auflagenlösung führt nur dann zu einem effizienten Ergebnis, wenn die Auflage emittentenspezifisch erfolgt. Dies verlangt allerdings, dass der Staat die emittentenspezifischen Entsorgungskosten kennt. Emittent 1 Emittent 2 alle Emittenten Zielwert dW dQ 1 1 dW dQ 2 2 dW dQ 0W W2W1W *W2*W1 2 0W 1 0W 2 W 10 2 W 20 2 W0 t* Abb. 9.6: Prüfung der statischen Effizienz Die drei anderen Instrumente ermöglichen die kostenminimale Realisierung des Umweltzieles. Erhebt der Staat eine einheitliche Emissionsabgabe in Höhe von t*, dann passen sich die Emittenten an diese Abgabe kostenminimierend entlang ihrer Grenzkostenkurve der Entsorgung an. Zahlt der Staat eine einheitliche Emissionsvermeidungssubvention in Höhe von t*, dann reagieren die Emittenten in gleicher Weise. Um den Emissionssatz t* festzulegen, benötigt der Staat Informationen über die Entsorgungskosten aller Emittenten. Verkauft der Staat jedoch Zertifikate für die Emissionsmenge W0/2, dann bildet sich der Zertifikatpreis t* auf diesem Markt. Das Kostenminimum wird ebenfalls realisiert. Der Staat benötigt keine zusätzlichen Informationen. Dynamische Effizienz Unter der dynamischen Effizienz bzw. dynamischen Anreizwirkung eines umweltpolitischen Instruments ist seine Eigenschaft zu verstehen, die Entwicklung und Einführung eines umwelttechnischen Fortschritts zu induzieren. Ein solcher Fortschritt liegt dann vor, wenn es gelingt, mit gleichen Kosten höhere Emissionsreduktionen bzw. mit geringeren Kosten gleiche Emissionsreduzierungen zu erreichen. Als Anreiz für die Entwicklung und Einführung eines umwelttechnischen Fortschritts dient die damit bei den Emittenten erzielbare Kostensenkung. Beim Vergleich der Instrumente können die Entwicklungs- und Investitionskos- Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 145 ten der neuen Entsorgungstechnologie vernachlässigt werden, da sie bei allen Instrumenten gleich sind. Für die Analyse wählen wir das folgende Modell. Zielwert dW dQ 1 1 dW dQ 2 2 dW dQ 0W W2W1W *W2*W 1 2 0W 1 0W 0t 1t Emittent 1 Emittent 2 alle Emittenten 2 W 10 2 W 20 2 W0 Abb. 9.7: Prüfung der dynamischen Effizienz Der Emittent 1 führt einen umwelttechnischen Fortschritt ein, der seine variablen Entsorgungskosten bei jeder entsorgten Menge reduziert. Der Vorteil für die Gesellschaft ist offensichtlich, die Gesamtkosten der Entsorgung sinken. Was bedeutet die Einführung des Fortschritts für den Emittenten 1 (E1) und den Emittenten 2 (E2)? Das umweltpolitische Ziel bleibt weiterhin die Reduktion der gesamtwirtschaftlichen Emissionen auf die Hälfte des Ausgangsniveaus. Bei einer einheitlichen Auflage sinken die Entsorgungskosten des E1 um den Betrag des schwarz umrandeten Dreiecks. Der E2 erfährt dadurch keine Kostenveränderung. Der umwelttechnische Fortschritt wird bei dieser Auflage gefördert. Bei der Abgabenlösung führt der umwelttechnische Fortschritt zu einer Senkung des Abgabesatzes von t0 auf t1. Bei E1 führt dies zu einer Reduktion der Summe aus Entsorgungskosten und Emissionsabgaben in Höhe der schraffiert eingezeichneten Fläche. Die Verringerung der Emissionsabgaben des E2 ist ebenfalls schraffiert zu erkennen. Auch hierdurch wird umwelttechnischer Fortschritt gefördert. Die dynamische Anreizwirkung ist bei der Abgabenlösung größer als bei der Auflagenlösung, da bei der Abgabenlösung die Kostenersparnis der Emittenten größer ist. Bei der Subventionslösung sinkt der Subventionssatz von t0 auf t1. Dadurch entgehen den Emittenten Subventionseinnahmen. Die dynamische Anreizwirkung verringert sich. Bei der Zertifikatslösung sinkt der Zertifikatspreis von t0 auf t1. Die Wirkung ist mit derjenigen der Abgabenlösung vergleichbar. Ökologische Effektivität Unter der ökologischen Effektivität bzw. Wirksamkeit eines umweltpolitischen Instruments ist seine Eignung zu verstehen, den vorgegebenen Emissionszielwert sicher zu realisieren. Die Auflage schreibt jedem Emittenten seine Emissi- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie146 onsreduktion vor. Die Zielerreichung ist damit gewährleistet. Dies gilt auch für die Ausgabe der dem Ziel entsprechenden Emissionsmengen-Zertifikate. Bei der Abgabe und der Subvention setzt die Effektivität ein zielkompatibles Verhalten der Emittenten voraus. Wir haben ein kostenminimierendes Verhalten unterstellt. Sollten sich die Emittenten davon abweichend verhalten, dann ist auch der Abgabe- bzw. Subventionssatz anders festzulegen. Dabei bleibt jedoch die Unsicherheit über das tatsächliche Verhalten der Emittenten bestehen. Die Effektivität der beiden Instrumente ist beeinträchtigt. Gesellschaftliche Akzeptanz Unter der gesellschaftlichen Akzeptanz bzw. politischen Durchsetzbarkeit eines umweltpolitischen Instruments ist seine Eignung zu verstehen, den Interessen der an umweltpolitischen Entscheidungen beteiligten Gruppen zu dienen. Beteiligte Gruppen sind vor allem die Emittenten, die Umweltschützer, die Politiker und die Verwaltung. Auflagen sind politisch gut durchsetzbar. Sie sind die intuitiv unmittelbar einleuchtende Reaktion auf die Wahrnehmung eines Missstandes und entsprechen dem in Politik und Verwaltung vorherrschenden juristischen Denken. Für Umweltschützer sind Auflagen attraktiv, weil die Emittenten als Verursacher des Umweltschadens gesehen und entsprechend gemaßregelt werden. Für die Emittenten sind Auflagen attraktiv, weil die von der Auflage nicht geregelten Emissionen ihnen keine Kosten verursachen. Für Politiker sind Auflagen attraktiv, weil sie eine Zurechnung der umweltpolitischen Maßnahme zu dem beschlussfassenden staatlichen Organ ermöglichen. Für eine Verwaltung sind Auflagen attraktiv, weil sie den Ermessens- und Handlungsspielraum der Verwaltung in der Durchführungsphase der Maßnahmen erweitern. Subventionen, Abgaben und Zertifikate stoßen demgegenüber auf vielfältige Kritik. Zunächst sind sie für Nichtökonomen contraintuitive Instrumente, deren Wirkungsweisen schwer durchschaubar sind. Umweltschützer kritisieren Subventionen und Abgaben, weil den Emittenten eine legale Entscheidung zwischen Emission und Entsorgung offen steht. Zertifikate stellen Emissionsrechte dar, die nach ihrer Ansicht unmoralisch sind. Die Emittenten kritisieren Abgaben und Zertifikate, weil sie Kosten für alle Residuale bedeuten. Subventionen hingegen werden von ihnen begrüßt, weil damit zusätzliche Einnahmen verbunden sind. Diese Vorbehalte haben dazu geführt, Subventionen relativ oft, Abgaben und Zertifikate kaum und alle drei nur in Verbindung mit Auflagen als umweltpolitische Instrumente einzusetzen. Gesamtbeurteilung Eine Gesamtbeurteilung der umweltpolitischen Instrumente verlangt ein Aggregationsverfahren. Bei Verwendung von Platzziffern von 1 bis 4 kommt man zum Gesamturteil in Tabelle 9.8. Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 147 Tab. 9.8: Gesamtbeurteilung der Instrumente Beurteilungskriterien ökonomisch ökologisch politisch Instrumente Statische Effizienz Dynamische Effizienz Ökologische Effektivität gesellschaftliche Akzeptanz Gesamturteil Auflagen 4 3 1 1 2 Subventionen 2 4 3 2 4 Abgaben 2 1 3 3 3 Zertifikate 1 1 1 4 1 Die Zertifikatlösung zeigt danach die besten Eigenschaften aufgrund ihrer ökonomischen Effizienz und ökologischen Effektivität. Als zweitbeste Lösung erscheinen die Auflagen aufgrund ihrer politischen Durchsetzbarkeit und ökologischen Effektivität. Den dritten Platz nehmen die Abgaben ein, deren dynamische Anreizwirkungen überzeugen. Die Subventionen bilden das Schlusslicht, da sie bei keinem Kriterium überzeugen können. Interessant ist die gegenläufige Beurteilung aus ökonomischer und politischer Sicht. In der umweltpolitischen Praxis hat sich bei der Instrumentenwahl die politische Sichtweise durchgesetzt. Die Bereitstellung der Umweltressourcen fügt sich in die Knappheitsproblematik ein, die allgemein bereits im Abschnitt 1.1 behandelt wurde und in der Abbildung 9.1 ihre umweltökonomische Konkretisierung erfahren hat. Das Allokationsproblem verlangt zum einen Entscheidungen über die Mengen, die Qualität und die Struktur der Umweltressourcen. Zum anderen werden Entscheidungen über die Art der Bereitstellung verlangt. Sollen sie als private oder als öffentliche Güter bereitgestellt werden? Soll ihre Bereitstellung durch Vorsorge oder durch Nachsorge gesichert werden? Ergänzt wird das Allokationsproblem durch das Distributionsproblem. Dabei geht es um die Frage, wer welche Umweltressourcen nutzen bzw. verwenden darf. Eine öffentliche Bereitstellung trifft bereits eine Entscheidung im Sinne eines allgemeinen Nutzungszugangs. Hier können auch sozio-ökonomische Überlegungen eine Rolle spielen, bei denen soziale Gruppen die Adressaten der Ressourcenbereitstellung sind. Eine Umweltressourcenbereitstellung wird als optimal angesehen, wenn sie effizient, gerecht und nachhaltig erfolgt. Auf die Nachhaltigkeit als zeitraumbezogenes Beurteilungskriterium werden wir im Kapitel 13 näher eingehen. Wenn Entscheidungen über Knappheiten zu treffen sind, dann stellt sich die Frage nach den Entscheidungsträgern und ihren Entscheidungsgrundlagen. Dezentrale Entscheidungen überlassen die Entscheidungen den Wirtschaftseinheiten, also Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie148 Haushalten und Unternehmen. Als dominanter Bewertungsmaßstab dienen hier die individuellen Präferenzen, die jedoch auch Elemente gesellschaftlicher Präferenzen und Eigenwerte der Natur enthalten können. Dies deshalb, weil das Individuum wohl am besten weiß, was ihm wichtig ist, sich jedoch auch seines Gesellschafts- und Naturbezuges bewusst ist. Zentrale Entscheidungen werden von Bürokratien getroffen. Als dominanter Bewertungsmaßstab dienen hier die gesellschaftlichen Präferenzen, das Gemeinwohl. Doch auch hier können individuelle Präferenzen und Eigenwerte der Natur Eingang finden, weil einerseits das Gemeinwohl auch von den Lebensgrundlagen, welche die Natur bereitstellt, abhängt, und andererseits Individuen als Gesellschaftsmitglieder den Entscheidungs- und Durchsetzungsspielraum von Bürokratien mitbestimmen. Die Betonung der Allokations- und Bewertungsproblematik bei der Bereitstellung von Umweltressourcen soll darauf aufmerksam machen, dass die allgemeine Güterknappheit auch die Umweltressourcenbereitstellung zu einem Güterabwägungsproblem macht. Nur im Paradies könnte man darauf verzichten. In der real existierenden Welt verursacht jede Entscheidung Opportunitätskosten, die einen Verzicht an anderer Stelle anzeigen, der sinnvollerweise berücksichtigt werden sollte. 9.2. Güter des Waldes als Gegenstand der Umweltökonomie Die forstwissenschaftliche Literatur unterscheidet Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes. Der Funktionsbegriff bedeutet hier Aufgaben und Fähigkeiten, solche Wirkungen zu entfalten und Leistungen für die Wohlfahrt der Bevölkerung zu erbringen. Im Rahmen des Millennium Ecosystem Assessment (MEA, 2005) wurde eine Kategorisierung dieser Leistungen in solche mit bereitstellendem, unterstützendem, regulierendem und kulturellem Charakter vorgenommen. Abbildung 9.9 zeigt wesentliche Güter des Waldes. Die Nutzfunktion bezieht sich auf die Bereitstellung von Rohholz, jagdbarem Wild, Waldfrüchten und ähnlichen Gütern. In der Regel sind es private Güter, die auf forstlichen Märkten gehandelt werden. Die Schutzfunktionen werden weiter unterteilt. Als Unterscheidungskriterien dienen zum einen die Umweltmedien als Schutzobjekte, zum anderen die Lebewesen als Schutzsubjekte. Es gibt mehrere Klassifikationen. R. Zundel (1990, S. 75-85) unterscheidet Wasserschutz, Bodenschutz in der Form des Erosionsschutzes und des Lawinenschutzes, Luftschutz in der Form des Klimaschutzes, der Luftreinhaltung und des Lärmschutzes sowie Landschaftsschutz in der Form des Arten- und Biotopschutzes. Die Bedeutung des Waldes für den Wasserschutz ergibt sich aus seiner Fähigkeit, Niederschläge zu speichern und zu reinigen. Das Speichern von Wasser verstetigt den Wasserabfluss. Dadurch werden Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 149 Bodenerosion und Hochwasserschäden verhindert und die Verfügbarkeit von Grundwasser in Trockenzeiten erhöht. Allerdings verhindert der Wald auch, dass sämtliche Niederschläge gespeichert werden. Der Wald verbraucht selbst Wasser und fördert durch sein Kronendach die Verdunstung. Durch Baumartenwahl und Waldbau kann darauf Einfluss genommen werden. Die Reinigung des Wassers erfolgt durch die Schichten des Waldbodens, sie führt zu einem weniger mit Schadstoffen belasteten Rohwasser, das die Gewinnung von Trinkwasser erleichtert. Die Schadstoffe resultieren aus verunreinigten Niederschlägen, aber auch aus waldbaulich bedingten Schadstoffeinträgen, die jedoch im Vergleich zu anderen Bodennutzungsarten als gering eingestuft werden. Ökosystem Wald Private Güter Erholung Früchte Jagd Rohholz Öffentliche Güter Landschaftsschutz Luftschutz Wasserschutz Bodenschutz Abb. 9.9: Die Güter des Waldes Die Bedeutung des Waldes für den Luftschutz ergibt sich aus seiner Fähigkeit, die täglichen Temperaturschwankungen zu nivellieren, die Luft zu reinigen und die Ausbreitung von Lärm zu verringern. Größere Waldgebiete ändern das Kleinklima, in dem sie die täglichen Temperaturgegensätze reduzieren und so starke Hitze und strengen Frost vermeiden. Durch das hochgewachsene und weitverzweigte Gerüst der Waldbäume werden bei jeder Windbewegung Luftverunreinigungen ausgekämmt, die dann mit den Niederschlägen auf den Boden gelangen. Dichter Wald behindert die Ausbreitung der Schallwellen, der Wald wirkt wie eine Barriere. Die Bedeutung des Waldes für den Bodenschutz ergibt sich aus seiner Fähigkeit, Wasser zu speichern, die Windgeschwindigkeit zu reduzieren und den Boden zu befestigen. Die Verstetigung des Wasserabflusses verhindert, dass Boden weggeschwemmt wird. Der Wald wirkt als Barriere gegen starken Wind und verhindert so das Wegtragen leichter und trockener Böden. Die tiefe Durchwurzelung des Bodens verankert unterirdische Gleitschich- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie150 ten und reduziert die Feuchtigkeit als Gleitmittel. Erdrutschungen werden so verhindert. Die Bedeutung des Waldes für den Arten- und Biotopschutz ergibt sich aus dem geringen menschlichen Eingriff bei einer forstwirtschaftlichen Nutzung. Tiere und Pflanzen können sich relativ ungestört entwickeln. Allerdings nimmt der Waldbau Einfluss auf die Artenvielfalt. Die Schutzleistungen werden in der Regel als öffentliche Güter bereitgestellt, die nicht auf Märkten gehandelt werden. Tab. 9.10: Güterarten Ausprägungsgrad von Rivalität 0 1 0 Öffentliche Güter Prototypische Kollektivgüter, z.B. Klimaschutz durch CO2-Bindung Öffentliche Güter Quasikollektivgüter, z.B. intensiver Tourismus in Naturschutzgebieten Ausprägungsgrad von Ausschließbarkeit 1 Öffentliche Güter Klubkollektivgüter, z.B. Wasserqualitätsschutz Private Güter Individualgüter, z.B. Rohholz Die Bedeutung des Waldes für die Erholung des Menschen resultiert aus seinem die Extreme vermeidenden Kleinklima, der Reinheit der Luft, der Ruhe, dem weichen Waldboden, der Artenvielfalt und der Bewegungsfreiheit auf großer Fläche. Die Erholungsmöglichkeiten basieren demnach zu großen Teilen auf den Schutzwirkungen des Waldes. Auch die Erholungsleistungen werden in der Regel als öffentliche Güter bereitgestellt. Ihr Öffentlichkeitscharakter resultiert im Gegensatz zu den Schutzleistungen weniger aus natürlichen Eigenschaften, als vielmehr aus gesellschaftlichen Vorgaben in der Form eines gesetzlich garantierten freien Waldzutritts. Die Schutz- und Erholungsleistungen sind dann öffentlich, wenn für sie die Bedingungen der Nicht-Ausschließbarkeit von Nutznießern und/oder die Nicht- Rivalität der Nutznießer gelten. Da es sich dabei um zwei Kriterien handelt, sind durch Kombination vier Fälle möglich, die in der Tabelle 9.10 dargestellt sind. Aus ökonomischer Sicht sind die Schutz- und Erholungsleistungen Dienstleistungen der Forstbetriebe. Das kann schematisch anhand der folgenden Abbildung 9.11 gezeigt werden. Die Forstwirtschaft produziert durch die Kombination der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Vorleistungen das Produktionsergebnis Wald. Diesen Produktionsvorgang kann man als organischen Prozess bezeichnen. Bei Ur- Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 151 wäldern geschieht dieser Prozess ohne Beteiligung der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Vorleistungen. Durch Kombination der Produktionsfaktoren Wald, Arbeit, Kapital und Vorleistungen werden private und öffentliche Güter produziert. Besteht die Produktion in einer Ernte, dann kann man diesen Vorgang einen mechanischen Produktionsprozess nennen. Liegt keine Ernte vor, dann kann man dies einen natürlichen Produktionsprozess nennen. Organische Produktionsprozesse der Forstwirtschaft Produktionsprozesse der Holzwirtschaft, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Transportwirtschaft, und anderer sekundärer Sektoren sowie der privaten Haushalte Boden Vorleistungen Arbeit Kapital Wald Vorleistungen Arbeit Kapital Mechanische Produktionsprozesse der Forstwirtschaft Natürliche Produktionsprozesse der Forstwirtschaft Nutzen der privaten Haushalte Trinkwasser Fertigwaren aus Nebennutzungen Lebensmittel Erholung Fertigwaren aus Holz Wohnen Beförderung Bildung * * * * * * Nebennutzungen Wasserschutz Klimaschutz Landschaftsschutz Immissionsschutz andere Vorleistungen Kapital Arbeit * * * * * * Rohholz Lawinenschutz Erholungsmöglichkeiten Wohlstand der Gesellschaft Abb. 9.11: Der Wald im Wirtschaftsprozess Die Schutz- und Erholungsleistungen sind das Produktionsergebnis des natürlichen Produktionsprozesses der Forstwirtschaft. Bei Urwäldern ohne menschlichen Eingriff würde dieser Prozess ohne Beteiligung der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Vorleistungen ablaufen. Dies wäre auch der Fall, wenn die Kielwassertheorie zutrifft, die besagt, dass die Schutz- und Erholungsleistungen im Gefolge der privaten Güterproduktion ohne spezifischen Faktoreinsatz bereitgestellt werden. Nur zu einem geringen Teil sind die Schutz- und Erholungsleistungen bereits Konsumgüter, die Nutzen stiften. Dies trifft für manche Aspekte des Luftschutzes zu, der dem Atmen und dem angenehmen Aufenthalt im Freien dient. Zum größeren Teil sind die Schutz- und Erholungsleistungen Produktionsfaktoren, die in weiteren Produktionsprozessen eingesetzt werden. Der Wasserschutz erleichtert die Trinkwasserproduktion durch die Wasserwerke. Der Bodenschutz begünstigt die Lebensmittelproduktion durch die Landwirtschaft, er sichert die Beförderung durch Transportunternehmen. Der Luftschutz begünstigt das Wohnen in Gebäuden. Der Landschaftsschutz in der Form des Arten- und Biotopschutzes fördert die Bildung durch Universitäten. Die Erholungsleistung macht Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie152 Erholung durch private Haushalte erst möglich. Erst die Transformation der Schutz- und Erholungsleistungen in Konsumgüter stiftet Nutzen und erhöht den Wohlstand der Gesellschaft. Dabei ist zu beachten, dass die verschiedenen Leistungen nicht zwangsläufig in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. So konnten R. Olschewski et al. (2010) zeigen, in welchem Umfang Abwägungsprobleme bei der simultanen Produktion von Rohholz sowie Klima- und Biodiversitätsschutz bestehen. 9.3. Bewertung durch individuelle Präferenzen, gesellschaftliche Präferenzen und Eigenwerte der Natur Güter werden bewertet, um sie vergleichbar zu machen. Begehrt ein privater Haushalt verschiedene Konsumgüter, dann ermöglicht ihm die Bewertung, unterschiedliche Güterbündel zu vergleichen und so eine vernünftige Konsumentscheidung zu treffen. Produziert ein Unternehmen ein Gut unter Einsatz anderer Güter, den Produktionsfaktoren, dann ermöglicht ihm die Bewertung, die eingesetzten Güter mit dem Produktionsergebnis zu vergleichen und so eine vernünftige Produktionsentscheidung zu treffen. Ein Konsumgut erhält der private Haushalt von einem Unternehmen. Ein solcher Liefervertrag basiert auf Leistung und Gegenleistung, der nur dann sinnvoll ist, wenn beide Vertragspartner von der Geschäftsbeziehung einen Vorteil haben. Die Bewertung des Konsumgutes aus der Sicht des privaten Haushalts und aus der Sicht des Unternehmens ermöglicht jedem die Vorteilsprüfung. Bei der Lieferung von öffentlichen Gütern wird keine Gegenleistung des Begünstigten erbracht. Damit fehlt der Beweis für die Vorteilhaftigkeit der Produktion und Lieferung dieses Gutes. Die Bewertung durch den Liefernden und den Begünstigten könnte es jedoch einem Dritten, z.B. dem Staat ermöglichen, die Vorteilhaftigkeit dieser Transaktion zu prüfen. Bewertungen haben also den Zweck, vernünftige Entscheidungen über knappe Güter zu treffen. Allgemein beschreibt der Wert das Interesse, die Wichtigkeit, die Dringlichkeit von Menschen für oder an etwas. Etwas besitzt einen Wert, wenn jemand es für gut hält. Werte werden immer von Menschen artikuliert und zugeordnet. Es lassen sich jedoch mehrere Wertebenen unterscheiden, je nachdem welche Menschen die Werte artikulieren und zuordnen. Bei den Umweltwerten, also den Werten, die der natürlichen Umwelt zugeschrieben werden, unterscheidet die Wissenschaft drei Wertebenen: Der Nutzen als Ausdruck individueller Präferenzen, das Gemeinwohl als Ausdruck gesellschaftlicher Präferenzen und die Natur in ihren natürlichen Prozessen und Systemen. Die Abbildung 9.12 zeigt eine Übersicht in Anlehnung an D. W. Pearce und R. K. Turner (1990, S. 227). Diese drei Wertebenen stehen in Beziehungen zueinander, dennoch ist es zweckmäßig, Kapitel 9: Umweltökonomische Grundprobleme 153 sie zu unterscheiden. Denn die verschiedenen Wissenschaften bewegen sich vornehmlich auf jeweils einer Wertebene. Nutzen (Gebrauchs-, Options-, Existenznutzen) GemeinwohlNormen Natur Expertensicht GesellschaftlichePräferenzen Beitrag zur Wohlfahrt der Gesellschaft Bewahrung natürlicher Eigenschaften (Eigenwerte) Einhaltung von Regeln kollektiven Wohlverhaltens Umweltqualitätsziele Intergenerationale Gerechtigkeit Ethische Normen Indikatoren Bewahrung von Naturnähe, Artenvielfalt, Seltenheit Vermeidung von Gefährdung Beachtung von Ökosystemstabilität und der Gesetze der Thermodynamik Individuelle Präferenzen tatsächliche · hergeleitete · geäußerte (actual · revealed · stated) Messung · Zahlungsbereitschaften · Entschädigungsforderungen Indikatoren Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen (Umweltqualitätsstandards, safe minimum standards usw.) externe Effekte Lebensgrundlagen Abb. 9.12: Umweltwerte Die Naturwissenschaften bevorzugen die Wertebene Natur. Sie schreiben der Natur Eigenwerte zu, die von Experten artikuliert werden. Es handelt sich dabei um natürliche Eigenschaften. Es ist gut, dass ein Wald naturnah gestaltet und genutzt wird, es ist wichtig, dass er eine große Artenvielfalt beherbergt, dass seltene Arten geschützt und nicht in ihrem Bestand gefährdet werden. Das Ökosystem Wald sollte stabil sein. Es ist wichtig, die Gesetze der Thermodynamik zu beachten. Wälder, die solche Eigenschaften besitzen, haben einen hohen Wert. Die Rechts- und Sozialwissenschaften bevorzugen die Wertebene Gemeinwohl. Sie suchen nach Regeln kollektiven Wohlverhaltens unter Bezugnahme auf Gerechtigkeitsvorstellungen, ethische Normen, Umweltqualitätsanforderungen und ähnliches mehr. Diese Regeln werden von Gruppen von Menschen artikuliert, die dazu legitimiert sind, die sie dann in Gesetzen niederlegen, die für alle Gesellschaftsmitglieder verbindlich sind. Es ist für eine Gesellschaft wichtig, eine nachhaltige und umweltgerechte Forstwirtschaft zu betreiben. Möglichst genaue Bewirtschaftungsstandards sollen dies gewährleisten. Die Wirtschaftswissenschaften bevorzugen die Wertebene Nutzen. Hier ist der Wert in erster Linie Ausdruck individueller Präferenzen. Das Individuum weiß selbst am besten, was ihm wichtig ist. Um dem Vorwurf zu begegnen, das Indi- Zweiter Teil: Umwelt- und Waldschutzökonomie154 viduum sei kurzsichtig und materialistisch, hat die Umweltökonomie die Unterscheidung von Gebrauchs-, Options- und Existenznutzen in die Literatur eingeführt. Der Gebrauchsnutzen bewertet die Güter, die tatsächlich verwendet werden. Der Optionsnutzen bewertet die Möglichkeit, Güter in Zukunft verwenden zu können. Der Existenznutzen drückt die Bedeutung aus, dass Güter unabhängig von einer heutigen oder zukünftigen Verwendung existieren. Da uns kein kardinaler Nutzenmaßstab bekannt ist, operationalisiert die Wirtschaftswissenschaft den Nutzen mit Zahlungsmitteln. Dahinter steht der Gedanke, dass jemand eine Gegenleistung erbringen würde für etwas, was ihm wichtig ist. In modernen Volkswirtschaften werden Gegenleistungen für Güter in Geldeinheiten gerechnet. Erhält jemand ein Gut, dann könnte die Gegenleistung seine Zahlungsbereitschaft dafür sein. Muss jemand auf ein Gut verzichten, dann könnte die Gegenleistung seine Entschädigungsforderung sein. Zahlungsbereitschaften und Entschädigungsforderungen werden somit als Maßstäbe für den Nutzen verwendet. Dieser Zusammenhang ist zwar theoretisch wohlbegründet, aber er ist nicht unbedingt eindeutig. Die Einkommens- und Vermögensverteilung spielt dabei eine Rolle, sie sollte zumindest als befriedigend angesehen werden. Die Orientierung am Nutzen beantwortet die Frage, was uns eine Umweltressource wie der Wald wert „ist“. Die Orientierung am Gemeinwohl und an der Natur beantwortet die Frage, was uns eine Umweltressource wie der Wald wert „sein sollte“. Kapitel 10: Volkswirtschaftliche Theorie der Bewertung öffentlicher Güter 10.1. Marktanaloge Theorie der Bewertung Gütermengen lassen sich unterschiedlich bewerten. Die Unterschiede resultieren aus verschiedenen Interessenlagen oder Sichtweisen. Die Marktbewertung bietet dazu einen guten Einstieg, da sie Ihnen bereits vertraut ist. Die Abbildung 10.1 zeigt die Bewertungen eines Konsumgutes auf einem Konkurrenzmarkt. Bewertung aus der Sicht der Konsumenten Die aggregierte Nachfragekurve zeigt, welche Gütermengen die Konsumenten bei unterschiedlichen Güterpreisen zu kaufen wünschen. Die Nachfragekurve liest man ausgehend von der Preisachse von links nach rechts. Wenn man wissen will, was den Konsumenten verschiedene Gütermengen wert sind, dann interpretiert man die Nachfragekurve als Kurve maximaler marginaler Zahlungsbereitschaften der Konsumenten und liest die Kurve ausgehend von der Mengenachse von unten nach oben. Angebotskurve Nachfragekurve Menge Marktgleichgewicht Produzentenrente variable Kosten Konsumentenrente Preis Höchstpreis Marktpreis Mindestpreis Marktmenge Sättigungsmenge Abb. 10.1: Marktbewertung Für die erste Einheit des Gutes sind die Konsumenten bereit, den Höchstpreis zu zahlen. Mehr würden sie für diese erste Einheit nicht zahlen. Sie würden zwar gerne weniger bezahlen, bevor sie jedoch auf diese erste Mengeneinheit verzichten müssten, würden sie den Höchstpreis bezahlen. Für eine zusätzliche Mengeneinheit, die zweite Einheit, sind sie nur noch bereit weniger zu zahlen. Ihre maximale marginale Zahlungsbereitschaft sinkt entsprechend dem fallenden Verlauf ihrer Nachfragekurve. Sind die Konsumenten gesättigt, dann sind sie

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References

Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.