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Kapitel 7: Kreislauftheorie in:

Volker Bergen, Wilhelm Löwenstein, Roland Olschewski

Forstökonomie, page 100 - 120

Volkswirtschaftliche Ansätze für eine vernünftige Umwelt- und Landnutzung

2. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4552-7, ISBN online: 978-3-8006-4553-4, https://doi.org/10.15358/9783800645534_100

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Kapitel 7: Kreislauftheorie 7.1. Gütermarkt Makroökonomische Theorie ist die Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und Prozesse auf der Basis aggregierter Größen. Diesen methodischen Ansatz haben wir bereits im Abschnitt 2.4. kennengelernt. Hauptaufgabe der makroökonomischen Theorie ist es, Hypothesen über die Determinanten des Verhaltens der Sektoren zu formulieren, um die ökonomischen Beziehungen zwischen ihnen und die sich dabei bildenden gesamtwirtschaftlichen Variablen zu erklären. Die Wirtschaftssubjekte agieren auf zahlreichen Märkten für Güter und Forderungen. Diese Einzelmärkte werden gedanklich zu wenigen gesamtwirtschaftlich relevanten makroökonomischen Märkten zusammengefasst. Wir beginnen mit einer Analyse des makroökonomischen Gütermarktes. Auf ihm wird das Sozialprodukt angeboten und nachgefragt. Reales Sozialprodukt und Preisniveau sind das Marktergebnis. Vereinfachend gehen wir zunächst davon aus, dass das Preisniveau exogen und konstant ist. Das bedeutet, dass die Produzenten die Güter zu konstanten Preisen anbieten. Über die absetzbare Menge entscheidet dann die Nachfrage. Produzieren die Unternehmen mehr als nachgefragt wird, müssen sie den Angebotsüberschuss auf Lager nehmen. Sie tätigen unfreiwillige Lagerinvestitionen. Darauf reagieren sie mit einer Einschränkung ihrer Produktion. Produzieren sie weniger als nachgefragt wird, dann müssen sie zur Befriedigung der Nachfrage Lagerbestände abbauen. Hier tätigen sie negative unfreiwillige Lagerinvestitionen. Das veranlasst sie zur Ausdehnung ihrer Produktion. Ein güterwirtschaftliches Gleichgewicht liegt dann vor, wenn die Produzenten keine unfreiwilligen Lagerinvestitionen tätigen müssen. Das Angebot entspricht dann der Nachfrage. Über die Höhe der gleichgewichtigen Produktion kann so lange nichts ausgesagt werden, wie der Umfang der geplanten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage unbekannt ist. Die einfachste Nachfragehypothese besteht darin, die Nachfrage als exogen und konstant anzusehen. Dann kann das gleichgewichtige Sozialprodukt in der Abbildung 7.1 folgendermaßen bestimmt werden. Die 45o-Linie ist der geometrische Ort aller Gleichgewichtsmengen an Sozialprodukt. Das Angebot Y entspricht stets der Nachfrage Yd. Der vorgegebenen Nachfrage Yda entspricht im Gleichgewicht das Sozialprodukt Y*. Dieses Konzept des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts basiert auf drei Konstruktionselementen (J. Siebke und H. J. Thieme, 2003, S. 103): Kapitel 7: Kreislauftheorie 91 (1) Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bestimmt das Gleichgewichtsniveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion: Y*=Yda. (2) Im Gleichgewicht sind die Planungen aller Sektoren erfüllt. Die Unternehmen müssen keine unfreiwilligen Lagerinvestitionen vornehmen: Iu=0. Die Nachfrager erhalten die Gütermenge, die sie geplant haben: Yd=Yda. (3) Ungleichgewichtssituationen treten nur bei den Unternehmen auf. Sie zeigen sich als unfreiwillige Investitionen. Diese lösen Produktionsentscheidungen aus, die das Ungleichgewicht beseitigen: Iu<0 führt zur Produktionserhöhung, Iu>0 führt zur Produktionssenkung. dY Y E *Y daY 0Iu > 0Iu < 45º Abb. 7.1: Gütermarkt bei exogener Nachfrage Nun wollen wir die vereinfachende Annahme einer exogenen Nachfrage aufheben. Um die Analyse dennoch nicht zu kompliziert zu gestalten, sollen folgende Annahmen getroffen werden: (1) Die betrachtete Volkswirtschaft unterhält keine außenwirtschaftlichen Beziehungen und die Regierung führt keine ökonomischen Transaktionen durch. Man nennt das eine Analyse einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat. (2) Die geplante Investitionsnachfrage des Unternehmenssektors bleibt exogen vorgegeben. Die Investitionen sind autonom bestimmt. (3) Die Konsumnachfrage wird durch die absolute Einkommenshypothese bestimmt. Das bedeutet, dass der Haushaltssektor seine geplanten Konsumausgaben an der Höhe des laufenden verfügbaren Einkommens orientiert. Mit steigendem Einkommen steigt auch der Konsum, allerdings nur unterproportional. Die marginale Konsumneigung, d.h. die Zunahme der Konsumausgaben bei einer Zunahme des Einkommens um eine Einheit, ist kleiner als Eins. Eine solche Konsumfunktion ist in der Abbildung 7.2 graphisch dargestellt. Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen92 C = a + bY β a Y 0S < 45º BY 0S > tg β = b C Abb. 7.2: Absolute Einkommenshypothese Unterhalb eines Basiseinkommens YB muss der Haushaltssektor entsparen, um seine Konsumpläne zu realisieren, oberhalb des Basiseinkommens kann der Haushaltssektor Teile seines Einkommens sparen. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage setzt sich nun aus der einkommensabhängigen Konsumnachfrage und der autonomen Investitionsnachfrage: Yd=a+bY+Ia zusammen. Wir wollen nun dasjenige Volkseinkommen bestimmen, bei dem gerade jene Gütermengen von den Konsumenten und Investoren nachgefragt werden, die der Unternehmenssektor in der betreffenden Periode produziert hat. Dieses einkommenstheoretische Gleichgewicht lässt sich graphisch folgendermaßen bestimmen. dY Y*Y 45º C = a + bY ad IbYaY ++= dYY = E *C a aIa + Abb. 7.3: Einkommenstheoretisches Gleichgewicht Produziert der Unternehmens-Sektor das Nettosozialprodukt zu Faktorkosten Y*, dann entsteht ein Volkseinkommen in gleicher Höhe. Bei diesem Einkom- Kapitel 7: Kreislauftheorie 93 men planen die Haushalte Konsumausgaben in Höhe von C*. Den Betrag EC* sparen sie. In dieser Höhe plant der Unternehmenssektor Investitionsausgaben Ia. Beide Sektoren können ihre Planungen realisieren. Unfreiwillige Investitionen treten nicht auf. Ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht ist realisiert. Ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht ist ein Ruhezustand, in dem alle Pläne erfüllt werden und somit kein Änderungsbedarf besteht. Störungen des Gleichgewichts können nur durch exogene Einflüsse eintreten. In unserer Analyse können solche Störungen durch eine Änderung der autonomen Investitionen verursacht werden. Planen die Unternehmen eine größere Investitionsgüternachfrage, dann erhöht sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bei jedem Volkseinkommen. Wir fragen, wie muss sich das Sozialprodukt ändern, um die erhöhte Investitionsgüternachfrage zu befriedigen? Die Analyse können wir wiederum graphisch durchführen. Ausgaben-Multiplikator In der Ausgangssituation besteht ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht Y0. Erhöhen sich nun die autonomen Investitionen um dIa, dann übertrifft die Nachfrage das Angebot um E0A. Um diesen Nachfrageüberschuss zu befriedigen, müssen die Unternehmen ihre Lagervorräte unfreiwillig reduzieren. Um diesen Lagerabbau zu kompensieren, erhöhen sie ihre Produktion auf B (Anstoßeffekt). dY Y 45º dYY = adI+ 0E 1E a 0 d 0 IbYaY ++= a 1 d 1 IbYaY ++= A 0Y 1Y B Abb. 7.4: Investitionsmultiplikator Mit dieser erhöhten Produktion können sie zwar die Investoren befriedigen, sie schaffen aber dadurch ein erhöhtes Volkseinkommen, das die Konsumenten veranlasst, höhere Konsumausgaben zu planen. Entsprechend der absoluten Einkommenshypothese erhöhen sie ihre Konsumnachfrage, allerdings nur mit einem Bruchteil des erhöhten Einkommens. Dies veranlasst die Konsumgüterproduzenten zur Produktionserhöhung. So konvergiert der Anpassungsprozess und führt zu einem neuen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht bei Y1. Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen94 Die Erhöhung der geplanten Investitionsausgaben erhöht somit das Sozialprodukt um mehr als der autonomen Nachfrageerhöhung entspricht. Dieser Multiplikatoreffekt, der die autonome Nachfrageerhöhung verstärkt, resultiert aus der Einkommensabhängigkeit des Konsums. Seine Stärke ist bestimmt durch die marginale Ausgabenneigung der Nachfrage b. Je größer diese marginale Ausgabenneigung ist, umso größer sind die Produktionserhöhungen, die notwendig sind, um die induzierte Nachfrageerhöhung zu befriedigen. In der Abbildung 7.4 wird das deutlich, wenn man die Nachfragegerade steiler einzeichnet. 7.2. Gütermarkt und Geldmarkt Investitionsfunktion Im vorangegangenen Abschnitt haben wir die Investitionsnachfrage als exogene Variable, die autonom bestimmt ist, angesehen. Diese Annahme wollen wir nun aufheben. Investitionen sind Güter, die der Erhaltung oder Erweiterung des Sachkapitalbestandes dienen, der seinerseits Produktionszwecken dient. Nettoinvestitionen erweitern das Sachkapital. Unternehmen tun dies mit dem Ziel, ihre Gewinne zu erhöhen. Der Kauf einer Maschine beispielsweise verursacht Anschaffungskosten Q0. Ihr Einsatz in der Produktion verursacht laufende Kosten Qt und bringt laufende Erträge Ut. Ein Gewinn entsteht nur dann, wenn die laufenden Erträge die laufenden Kosten einschließlich der Anschaffungskosten übersteigen. 0Qti)(1 tQ ti)(1 UG 0 T 1t T 1t t >−∑ + −∑ + = == Bezieht man den Gewinn auf die Anschaffungskosten, dann erhält man die durchschnittliche Gewinnrate der Kapitaleinheit r. i Q Gr 0 ≥= Die Anschaffungskosten stellen einen Geldbetrag dar, den die Unternehmen dem eigenen Vermögen entnehmen oder durch Kredite finanzieren. Dadurch entstehen den Unternehmen Kosten in der Form entgangener Zinsen bzw. Kreditkosten. Beide lassen sich durch einen Marktzinssatz i repräsentieren. Diese Zinskosten sind bei der Berechnung der Gewinnrate nicht berücksichtigt. Ein Gewinn aus der Investition entsteht dann, wenn die durchschnittliche Gewinnrate den Marktzinssatz übersteigt. Alle Investitionsprojekte, bei denen das der Fall ist, werden vom Unternehmenssektor durchgeführt. Ändert sich der Marktzinssatz, dann ändert sich auch die Anzahl der profitablen Investitionsprojekte. Sinkt der Marktzinssatz, dann werden mehr Investitionen profitabel und umgekehrt. Kapitel 7: Kreislauftheorie 95 I 0E 1E I= I(r) r, i 1I 1i 0i 0I Abb. 7.5: Investitionskalkül Die Investitionsfunktion kann somit algebraisch als I=I(i) mit δI/δi <0 formuliert werden. Graphisch ist sie in der Abbildung 7.6 dargestellt. Die Gewinnrate ist eine Erwartungsgröße über den Gewinn der investierten Geldeinheit. Steigen die Gewinnerwartungen, dann erhöhen sich die internen Verzinsungen der Investitionen. Bei jedem Marktzinssatz werden mehr Investitionsprojekte profitabel, die Investitionsnachfrage verschiebt sich nach rechts. I i 1I 1i 0i 0I 2I 0N 1N Abb. 7.6: Investitionsnachfrage Für die Bestimmung eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bedeutet die Endogenisierung der Investitionsnachfrage eine Komplikation. Der Gütermarkt wird nun durch die Bedingung Y=a+bY+I(i) beschrieben. Endogen ist nun nicht mehr nur das Sozialprodukt, sondern auch der Zinssatz. Die Gütermarkt- Gleichung vermag jedoch nur eine Variable zu bestimmen. Soll dies auch wei- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen96 terhin das Sozialprodukt sein, dann muss das Zinsniveau auf einem anderen Markt, nämlich dem makroökonomischen Geldmarkt bestimmt werden. Geldmarkt Auf dem makroökonomischen Geldmarkt wird Geld angeboten und nachgefragt. Das Marktergebnis bilden Geldmenge und Zinsniveau. Als Geld bezeichnet man alle Forderungen, die als Tauschmittel gegen Güter oder andere Forderungen akzeptiert werden und sich als Wertaufbewahrungsmittel eignen. Dazu zählen in erster Linie der Bestand an Bargeld in der Form von Banknoten und Münzen und der Bestand an Sichteinlagen der Nichtbanken bei den Geschäftsbanken. Die Geldmenge (M) ist dann die Summe aus Bargeld (C) und Sichteinlagen (D), also M=C+D. Diese Geldmenge wird vom Bankensektor angeboten. Der Bankensektor besteht aus der Zentralbank und den Geschäftsbanken. Die Zentralbank stellt den Geschäftsbanken das Zentralbankgeld (B) oder die Geldbasis zur Verfügung. Das Zentralbankgeld umfasst das Bargeld der Nichtbanken (C) und die Barreserve (R) der Geschäftsbanken, also B=C+R. Der Begriff Geldbasis weist darauf hin, dass das Zentralbankgeld die Grundlage für die Geldschöpfung der Geschäftsbanken ist. Geschäftsbanken schaffen Geld, indem sie Nichtbanken einen Kredit einräumen und den Kreditbetrag einem Konto der Nichtbank als Sichteinlage gutschreiben. Die Nichtbank hebt davon einen Teil bar ab und verfügt über den Rest durch Überweisung oder Scheck. Den von der Sichteinlage bar in Anspruch genommenen Anteil bezeichnet man als Kassenhaltungskoeffizient k=C/D. Die Barreserven der Geschäftsbanken bei der Zentralbank werden auf der Grundlage der Sichteinlagen der Nichtbanken bei den Geschäftsbanken berechnet. Der Reservekoeffizient r=R/D gibt diesen Anteil an. Die Geldmenge ist das Produkt aus Geldbasis und Geldschöpfungsmultiplikator. Der Geldschöpfungsmultiplikator wird durch den Kassenhaltungskoeffizienten und den Reservekoeffizienten bestimmt: m=(1+k)/(r+k). Da beide Koeffizienten positiv und kleiner als Eins sind, ist der Geldschöpfungsmultiplikator größer als Eins. Die Zentralbank hat einen erheblichen Einfluss auf beide Größen. Das bedeutet, dass das Geldangebot als durch geldpolitische Aktionen der Zentralbank determinierte Variable aufgefasst werden kann. Die Geldangebotsfunktion lautet dann: M=maBa=Ma. Die Geldmenge wird von den Nichtbanken nachgefragt. Zwei Motive sind es im Wesentlichen, die Haushalte und Unternehmen veranlassen, Geldbestände halten zu wollen. Das Transaktionsmotiv besagt, dass die Verwendung von Geld die ökonomischen Transaktionen erleichtert. Da die Einzahlungen und Auszahlungen zeitlich nicht synchron verlaufen, sehen sich die Wirtschaftseinheiten veranlasst, eine Kasse zu Transaktionszwecken zu halten, die es ihnen ermöglicht, Kapitel 7: Kreislauftheorie 97 stets die von ihnen gewünschten Transaktionen durchzuführen. Ein guter Maßstab für das Ausmaß der Transaktionen ist das Sozialprodukt bzw. das Volkseinkommen. Es umfasst den Handel mit Gütern zu Endnachfragezwecken und die Bezahlung von Faktorleistungen. Als wichtigste Determinante der Geldnachfrage zu Transaktionszwecken wird deshalb das Volkseinkommen angesehen. Erhöht sich das Volkseinkommen, dann bedeutet das eine Zunahme der Transaktionen und verlangt eine größere Kassenhaltung. Das Spekulationsmotiv besagt, dass die Verwendung von Geld die Realisierung von Kursgewinnen bzw. die Vermeidung von Kursverlusten zinsbringender Wertpapiere erleichtert. Geld als zinslose und risikolose Forderung konkurriert mit zinsbringenden und risikobehafteten Forderungen bei der Vermögensanlage. Als alternative Vermögensanlage soll hier ein festverzinsliches Wertpapier mit unendlicher Laufzeit dienen, das in jeder Periode den festen Zinsertrag i0K0 erbringt. Für diesen Wertpapiertyp gilt, dass seine Rendite i und sein Kurs K in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zueinander stehen: i=(i0K0)/K. Erwarten die Wirtschaftseinheiten für eine Periode einen Kapitalverlust infolge einer Kurssenkung bzw. Renditeerhöhung, der den festen Zinsertrag übersteigt, ziehen sie eine Geldhaltung vor. Erwarten sie einen Kapitalgewinn infolge einer Kurserhöhung bzw. Renditesenkung, halten sie Wertpapiere. Die Wirtschaftseinheiten nutzen die Kursschwankungen für Wertpapiere optimal aus, wenn sie bei den niedrigsten Kursen bzw. höchsten Renditen kaufen und bei den höchsten Kursen bzw. niedrigsten Renditen verkaufen. Das bedeutet, dass die Geldnachfrage bei hohen Zinsen niedrig und bei niedrigen Zinsen hoch ist. Als wichtigste Determinante der Geldnachfrage zu Spekulationszwecken wird deshalb der Marktzinssatz für Wertpapiere angesehen. Die gesamte Nachfrage nach Geld setzt sich aus der Transaktionskasse LT und der Spekulationskasse LS zusammen. Die Geldnachfragefunktion lautet dann: L=LT(Y)+LS(i) mit LY>0 und Li<0. Sie lässt sich graphisch mit Hilfe der Methode der horizontalen Addition entsprechend der Abbildung 7.7. darstellen. iii )Y(L 0T TL SL )i(LS )i,Y(L 0 L Abb. 7.7: Geldnachfrage Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen98 Auf dem Geldmarkt herrscht dann Gleichgewicht, wenn das Geldangebot und die Geldnachfrage übereinstimmen. Der Geldmarkt wird somit durch die Bedingung Ma=LT(Y)+LS(i) beschrieben. Auch diese Gleichung enthält zwei endogene Variablen. Die Zinsbestimmung kann auf dem Geldmarkt demnach nur dann erfolgen, wenn das Volkseinkommen vorgegeben wird. Das Geldmarkt- Gleichgewicht kann dann graphisch bestimmt werden. M i 1i 2i *i a 0M )i,Y(L 0 AÜ NÜ E Abb. 7.8: Geldmarkt-Gleichgewicht Bei gegebenem Volkseinkommen Y0 und Geldangebot Ma0 existiert nur ein Zinssatz, bei dem die gewünschte Geldhaltung mit der tatsächlichen Geldmenge übereinstimmt. Bei einem niedrigeren Zinsniveau i1 besteht ein Nachfrageüberschuss nach Geld. Um diesen Liquiditätsbedarf zu befriedigen, verkaufen die Wirtschaftseinheiten Wertpapiere. Das führt zum Kursverfall und zur Zinserhöhung. Der Nachfrageüberschuss baut sich ab. Bei einem höheren Zinsniveau i2 besteht ein Angebotsüberschuss an Geld. Das überschüssige Geld wird für Wertpapierkäufe verwendet. Dadurch steigen die Kurse und das Zinsniveau sinkt. Der Angebotsüberschuss baut sich ab. Eine Störung des Geldmarktgleichgewichts kann durch die Änderung einer exogenen Variablen verursacht werden. Erhöht die Zentralbank die Geldmenge von Ma0 auf Ma1, dann erhöht sich das Geldangebot bei jedem Zinssatz. Wir fragen: Wie muss sich der Zinssatz ändern, um die Geldnachfrage dem erhöhten Geldangebot anzupassen? In der Ausgangssituation besteht ein geldwirtschaftliches Gleichgewicht E0. Steigt die Geldmenge auf Ma1, dann entsteht beim Zinsniveau i0 ein Überschussangebot an Geld. Bei unverändertem Volkseinkommen ist kein zusätzlicher Bedarf an Transaktionskasse vorhanden. Das zusätzliche Geld muss also von den Spekulanten nachgefragt werden. Das überschüssige Geld wird für Wertpapierkäufe verwendet. Die Kurse steigen, das Zinsniveau sinkt auf i1. Ein neues Geldmarktgleichgewicht E1 stellt sich ein. Kapitel 7: Kreislauftheorie 99 M i )i,Y(L 0 AÜ 0E 1E 1i 0i a 1M a 0M Abb. 7.9: Geldmarkt-Störung IS-LM-System Wir können nun fortfahren, ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht bei zinsabhängigen Investitionen zu bestimmen. Der Gütermarkt wird durch die Gleichung Y=a+bY+I(i) und der Geldmarkt durch die Gleichung Ma=LT(Y)+LS(i) bestimmt. Beide Gleichungen enthalten die endogenen Variablen Y und i. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht kann nun nur noch simultan bestimmt werden. Wenden wir uns zunächst der Gütermarktgleichung zu. Sie ordnet jedem Zinsniveau jenes Volkseinkommen zu, bei dem das Güterangebot der Güternachfrage entspricht. Wir fragen: Wie muss sich das gleichgewichtige Volkseinkommen ändern, wenn sich der Zinssatz gegenüber einem Ausgangsniveau vermindert? Eine Zinssenkung bedeutet eine Vergrößerung der Investitionsnachfrage. Diese Mehrnachfrage ist nur dann zu befriedigen, wenn das Sozialprodukt steigt. Aus der damit verbundenen Volkseinkommenserhöhung sparen die Haushalte mehr. Das neue güterwirtschaftliche Gleichgewicht ist dann erreicht, wenn die Volkseinkommenserhöhung eine zusätzliche Ersparnis impliziert, die der zusätzlichen zinsinduzierten Investition entspricht. Die notwendige Übereinstimmung von Nettoinvestitionen und Ersparnis im güterwirtschaftlichen Gleichgewicht hat der Gütermarktgleichung den Namen IS-Kurve gegeben. Die Abbildung 7.10 zeigt die graphische Darstellung. Der Bereich unterhalb der IS-Kurve ist durch eine Überschussnachfrage nach Gütern (YYd). Die IS-Kurve selbst ist der geometrische Ort aller güterwirtschaftlichen Gleichgewichte (Y=Yd). Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen100 Y i 1i 0i 0E 1E 0Y 1Y IS-Kurve Abb. 7.10: IS-Kurve Wenden wir uns nun der Geldmarktgleichung zu. Sie ordnet jedem Volkseinkommen dasjenige Zinsniveau zu, bei dem die Geldnachfrage dem Geldangebot entspricht. Wir fragen: Wie muss sich das gleichgewichtige Zinsniveau ändern, wenn sich das Volkseinkommen gegenüber einem Ausgangsniveau erhöht? Y i 1i 0i 0E 1E 0Y LM-Kurve 1Y Abb. 7.11: LM-Kurve Eine Einkommenserhöhung bedeutet eine Erhöhung der Geldnachfrage zu Transaktionszwecken. Diese Mehrnachfrage nach Transaktionskasse ist nur durch eine Mindernachfrage nach Spekulationskasse zu befriedigen. Die Spekulanten sind nur dann zu mehr Wertpapierkäufen bereit, wenn die Kurse sinken bzw. das Zinsniveau steigt. Das neue geldwirtschaftliche Gleichgewicht ist dann erreicht, wenn die Zinserhöhung soviel Spekulationskasse freisetzt, wie an zusätzlicher einkommensinduzierter Transaktionskasse verlangt wird. Die notwendige Übereinstimmung von Geldangebot und Geldnachfrage im geldwirtschaft- Kapitel 7: Kreislauftheorie 101 lichen Gleichgewicht hat der Geldmarktgleichung den Namen LM-Kurve gegeben. Die Abbildung 7.11 zeigt die graphische Darstellung. Im Bereich rechts der LM-Kurve liegt ein Nachfrageüberschuss nach Geld vor (ML). Die LM-Kurve selbst ist der geometrische Ort aller geldwirtschaftlichen Gleichgewichte (M=L). Während für jeden der beiden Märkte unendlich viele Gleichgewichtskombinationen von Volkseinkommen und Zinsniveau existieren, sichert nur eine einzige Volkseinkommen-Zinsniveau-Konstellation ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht. Dies befindet sich dort, wo sich die IS- und die LM-Kurve schneiden. Im gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht entsprechen das Güterangebot der Güternachfrage und die Geldnachfrage dem Geldangebot. Das Hicks'sche Diagramm zeigt das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht. Das Diagramm ist nach dem englischen Nationalökonomen J. R. Hicks (1904 - 1989) benannt, der diese Darstellung 1937 entwickelte. Y i LM-Kurve IS-Kurve *Y *i E A B Abb. 7.12: Hicks'sches Diagramm Die Bildung eines solchen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts kann folgendermaßen beschrieben werden. Angenommen, die Volkswirtschaft befindet sich im Ausgangszustand A. Auf dem Gütermarkt besteht ein Nachfrageüberschuss, da das Einkommen beim zugehörigen Zins zu niedrig ist. Auf dem Geldmarkt besteht ein Angebotsüberschuss, da der Zins beim zugehörigen Einkommen zu hoch ist. Die Beseitigung des Nachfrageüberschusses auf dem Gütermarkt verlangt eine Sozialprodukterhöhung. Die Beseitigung des Angebotsüberschusses auf dem Geldmarkt verlangt eine Zinssenkung. Damit ist die Anfangsrichtung des Anpassungspfades bestimmt. Der genaue Verlauf des Anpassungspfades wird von der Reaktionsgeschwindigkeit der Märkte bestimmt. In der Regel reagieren die Wirtschaftseinheiten auf dem Geldmarkt bzw. Wertpapiermarkt Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen102 schneller als auf dem Gütermarkt. Dann erfolgt zunächst die Zinsanpassung bis ein geldwirtschaftliches Gleichgewicht erreicht ist (Punkt B). Nun liegt hier noch ein Nachfrageüberschuss auf dem Gütermarkt vor, der durch eine Sozialprodukterhöhung entlang der LM-Kurve beseitigt wird (Punkt E). Die Kurve der Geldmarktgleichgewichte wird damit zum Anpassungspfad der Gesamtwirtschaft. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht wird durch die Änderung exogener Einflussgrößen gestört. Solche Störungen können vom Gütermarkt oder vom Geldmarkt ausgehen. Diese Störungen lösen Anpassungsprozesse aus, die zu einem neuen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht hinführen. Betrachten wir zunächst eine Störung auf dem Gütermarkt. Diese kann darin bestehen, dass die Investoren optimistischer werden, weil sie eine Konjunkturverbesserung mit steigender Nachfrage erwarten. Ihr Optimismus führt zu einer Zunahme der Investitionsnachfrage bei jedem Zinsniveau. Diese zusätzliche Nachfrage kann nur dann befriedigt werden, wenn das Sozialprodukt bei jedem Zinssatz zunimmt. Die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts. Y i 1i 0i 0E 1E 0Y 01Y 01E 1Y 0IS 1IS 0LM Abb. 7.13: Gütermarkt-Störung Nach erfolgter Anpassung haben sich Zinsniveau und Volkseinkommen erhöht. Wie lässt sich dieses Ergebnis erklären? Die autonome Investitionsnachfrageerhöhung bewirkt ein neues Gleichgewicht auf dem Gütermarkt bei einem höheren Volkseinkommen Y01. Bei unverändertem Zinsniveau i0 beträgt die Volkseinkommenserhöhung Y01-Y0. Diese Strecke ist die Anstoß- und Multiplikatorwirkung der Investitionserhöhung, wie wir sie in der Abbildung 7.4 bestimmt haben. Im Punkt E01 herrscht zwar ein güterwirtschaftliches Gleichgewicht, es besteht aber ein Nachfrageüberschuss nach Geld, da ein erhöhtes Volkseinkommen mehr Transaktionskasse verlangt. Dieser Nachfrageüberschuss wird über eine Zinserhöhung abgebaut. Die Zinserhöhung reduziert jedoch die zinsabhängigen Kapitel 7: Kreislauftheorie 103 Investitionen und damit die erforderliche Zunahme des Sozialprodukts. Im neuen Gleichgewicht E1 ist deshalb die Volkseinkommenserhöhung kleiner als im reinen Gütermarktmodell. Man bezeichnet dies als die dämpfende Wirkung des Geldmarktes. Der Anpassungspfad verläuft von E0 entlang der LM-Kurve nach E1 und führt zu einem höheren Zinsniveau und erhöhtem Volkseinkommen. Betrachten wir nun eine Störung auf dem Geldmarkt. Diese kann darin bestehen, dass die Zentralbank die Geldmenge erhöht. Dies bedeutet eine Zunahme des Geldangebots, das nur dann von den Spekulanten aufgenommen wird, wenn das Zinsniveau bei jedem Volkseinkommen sinkt. Die LM-Kurve verschiebt sich nach unten. Y i 1i 0i 0Y 02Y1Y 0IS 01E 02E 0E 1E 01i 0LM 1LM Abb. 7.14: Geldmarkt-Störung Nach erfolgter Anpassung hat sich das Zinsniveau verringert, das Volkseinkommen hat sich erhöht. Wie lässt sich dieses Ergebnis erklären? Die Geldmengenerhöhung wird durch eine sofortige Zinssenkung auf i01 von den Spekulanten absorbiert. Doch in E01 herrscht zwar ein Geldmarktgleichgewicht, aber ein Nachfrageüberschuss auf dem Gütermarkt. Dieser resultiert aus der Investitionserhöhung, die durch die Zinssenkung ausgelöst wird. Der Nachfrageüberschuss wäre beim Sozialprodukt Y02 zwar abgebaut, dafür herrscht aber in E02 ein Nachfrageüberschuss auf dem Geldmarkt, der durch die notwendig größere Transaktionskasse verursacht wird. Dieser Nachfrageüberschuss kann nur durch einen Zinsanstieg abgebaut werden, der nun wiederum einen Rückgang der Investitionsnachfrage bewirkt. Der Anpassungspfad verläuft von E0 über E01 nach E1. Die Anpassung von E0 nach E01 bezeichnet man als Liquiditätseffekt der Geldpolitik, die Anpassung von E01 nach E1 als Einkommenseffekt der Geldpolitik. Der Liquiditätseffekt erfasst die unmittelbare monetäre Auswirkung, der Einkommenseffekt die Rückwirkungen des Gütermarktes auf den Geldmarkt. Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen104 7.3. Gütermarkt, Geldmarkt und Arbeitsmarkt Produktionsfunktion Bei der bisherigen Analyse haben wir das Preisniveau als eine exogen bestimmte Konstante behandelt, bei dem die Produzenten beliebige Mengen an Gütern, also reales Sozialprodukt anbieten. Diese Annahme wollen wir nun aufheben. Wie wir bereits aus der Theorie der Unternehmung des Kapitels 4 wissen, verlangt die Produktion der Güter den Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeitsleistungen, Kapitalleistungen und Vorleistungen. Da es sich beim Sozialprodukt entsprechend Kapitel 6 um eine gesamtwirtschaftliche Nettoproduktion handelt, können wir im Folgenden die Vorleistungen vernachlässigen. Des Weiteren wollen wir von einer partiellen Faktorvariation ausgehen, bei welcher der Sachkapitalbestand der Unternehmen kurzfristig unverändert bleibt. Änderungen des realen Sozialproduktes können dann nur durch eine Änderung der Arbeitsleistungen, makroökonomisch als Änderung der Beschäftigung bezeichnet, herbeigeführt werden. Wir verwenden also bei der folgenden Analyse eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion entsprechend dem neoklassischen Ertragsgesetz. " 0N )KY(N, 0 Y N Abb. 7.15: Produktionsfunktion Wenn die Produzenten auf Konkurrenzmärkten agieren und dabei ihre Gewinne maximieren wollen, dann bestimmen sie entsprechend Abschnitt 4.7 ihre gewinnmaximale Arbeitseinsatzmenge durch die Angleichung der Grenzproduktivität der Arbeit an den Reallohnsatz. Übertragen wir diese mikroökonomische Analyse in die Makroökonomik, könnten wir die Beschäftigung und das Realeinkommen dann bestimmen, wenn uns der Reallohnsatz w/P bekannt wäre. In der Abbildung 7.15 ist die Grenzproduktivität (= Reallohnsatz) als tg α dargestellt. Die Tangentiallösung bestimmt dann die zugehörige Beschäftigung N0 und das zugehörige reale Sozialprodukt Y0. Unsere Aufgabe besteht nun darin, Kapitel 7: Kreislauftheorie 105 den Reallohnsatz zu bestimmen. Dazu betrachten wir den makroökonomischen Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkt Auf dem Arbeitsmarkt bieten die privaten Haushalte ihre Arbeitsleistungen an, und die Unternehmen fragen diese nach. Die Nachfrage nach Arbeit wird dabei bestimmt durch die Grenzproduktivität der Arbeit und den Reallohnsatz. Da entsprechend der neoklassischen Produktionsfunktion die Grenzproduktivität mit zunehmendem Arbeitseinsatz sinkt, verläuft die Arbeitsnachfragekurve fallend. Auf einen steigenden Reallohnsatz reagieren die Unternehmen mit einer Reduktion der Beschäftigung. Die privaten Haushalte erhalten durch ihre erbrachte Arbeitsleistung ihr Arbeitseinkommen, das eine wesentliche Grundlage ihres Konsums darstellt. Ein steigender Reallohnsatz bedeutet eine erhöhte Kaufkraft. Sie sind in der Regel daran interessiert, diese erhöhte Kaufkraft zu realisieren und dehnen folglich ihr Arbeitsangebot aus. Auf einen steigenden Reallohnsatz reagieren die privaten Haushalte mit einer Zunahme des Arbeitsangebots. Diese Zunahme kann eine Grenze finden, wenn alle Arbeitsfähigen beschäftigt sind und trotz weiterer Erhöhungen des Reallohnsatzes nicht mehr Arbeit anbieten wollen. Dies kann man als maximale Beschäftigungsmenge Nmax bezeichnen. Die Abbildung 7.16 zeigt den Arbeitsmarkt. Arbeitsangebot Arbeitsnachfrage 0N N 0E P w ( ) minP w ( ) 0P w maxNUBN Abb. 7.16: Arbeitsmarkt In E0 herrscht Gleichgewicht. Bei dem Reallohnsatz (w/P)0 finden alle Arbeitswilligen eine Beschäftigung. Die gleichgewichtige Beschäftigung wird als Vollbeschäftigung bezeichnet. Den horizontalen Abstand zur maximalen Beschäftigung kann man als freiwillige Arbeitslosigkeit verstehen. Die Realisierung der maximalen Beschäftigung setzt eine Erhöhung des Reallohnsatzes auf mindestens (w/P)min voraus. Würde der Reallohnsatz auf dieser Höhe fixiert, dann wür- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen106 de die Beschäftigung allerdings auf NUB reduziert, da sich die jeweils kürzere Marktseite durchsetzt. Das Überschussangebot Nmax – NUB wäre dann unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit entsteht also aus einem zu hohen Reallohnsatz. Warum sinkt dann aber der Reallohnsatz nicht, um Vollbeschäftigung zu realisieren? Der Reallohnsatz ist definiert als Quotient aus dem Geldlohnsatz und dem Preisniveau. Diese beiden Preise werden aber nun nicht allein auf dem Arbeitsmarkt, sondern durch das Zusammenspiel von Gütermarkt, Geldmarkt und Arbeitsmarkt bestimmt. Dieser gesamtwirtschaftlichen Analyse wollen wir uns nun zuwenden. Gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfragekurve Dem gleichgewichtigen Arbeitsmarkt ist stets ein bestimmtes reales Sozialprodukt zugeordnet. Die Abbildung 7.15 weist dem Reallohnsatz tg α = (w/P)0 das reale Sozialprodukt Y0 zu. Wie ändert sich nun aber das Sozialprodukt, wenn sich das Preisniveau ändert? Mit dieser Frage befinden wir uns nun wieder auf dem gesamtwirtschaftlichen Gütermarkt, der aus einer gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve (S) und einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve (D) besteht. Wenden wir uns zunächst der Konstruktion der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve zu. Die Abbildung 7.17 zeigt die Vorgehensweise (V. Bergen, 1980, S. 252). Die beiden unteren Diagramme kennen wir bereits. Es handelt sich links um den Arbeitsmarkt und rechts um die neoklassische Produktionsfunktion. Gegenüber den früheren Darstellungen sind hier die Achsenbezeichnungen getauscht. Die gesamtwirtschaftliche Angebotskurve ist eine Preis-Mengen- Beziehung, die jedem Preisniveau dasjenige reale Sozialprodukt zuordnet, bei dem sich die Produzenten im Gleichgewicht befinden. Sie ist in der Abbildung rechts oben dargestellt. Die Gestalt der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve wird von der Variabilität des Preisniveaus und des Geldlohnsatzes bestimmt. Die Höhe des Geldlohnsatzes wird im oberen linken Diagramm als Produkt unter den rechtwinkligen Hyperbeln dargestellt. Beim Preisniveau P0 und dem Geldlohnsatz w0 ergibt sich der Reallohnsatz (w/P)VB. Die Produzenten setzen die Arbeitsmenge NVB ein, mit der sie das Sozialprodukt YVB produzieren. Beim Preisniveau P0 wird also das Sozialprodukt YVB angeboten. Da der Arbeitsmarkt beim Reallohnsatz (w/P)VB im Gleichgewicht ist, ist das zugehörige Sozialprodukt das Vollbeschäftigungs-Sozialprodukt YVB. Sinkt nun das Preisniveau auf P1, dann werden die Produzenten die Angebotsmenge nur dann aufrecht erhalten können, wenn der Geldlohnsatz im gleichen Ausmaß auf w1 sinkt, so dass der Reallohnsatz unverändert bleibt. Bleibt dage- Kapitel 7: Kreislauftheorie 107 gen der Geldlohnsatz unverändert bei w0, dann erhöht sich der Reallohnsatz auf (w/P)1. Die Produzenten reagieren darauf mit einem Rückgang der Arbeitsnachfrage auf NUB, das angebotene Sozialprodukt sinkt auf YUB. Auf dem Arbeitsmarkt entsteht eine Unterbeschäftigung in Höhe von UB. Die gesamtwirtschaftliche Angebotskurve zeigt nun eine positive Steigung, ein sinkendes Preisniveau führt zu einer Reduktion des angebotenen Sozialproduktes. P P NN Y Y UB 0P 1P VBS UBS 1E 0D 1D VBY UBN VBN 0K 0w 1w 0AA 0NA P w( ) VBP w ( ) 1P w UBY 0E P w Abb. 7.17: Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung und bei Unterbeschäftigung Doch warum sinkt das Preisniveau? Um dies zu klären, müssen wir in den gesamtwirtschaftlichen Gütermarkt noch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage einführen. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve ist ebenfalls eine Preis- Mengen-Beziehung, sie ordnet jedem Preisniveau dasjenige Realeinkommen zu, bei dem sich Konsumenten und Investoren im Gleichgewicht befinden. Ein solches Gleichgewicht haben wir im Abschnitt 7.2 mit Hilfe des Hicks'schen Diagramms bestimmt. Dabei haben wir angenommen, dass das Preisniveau exogen bestimmt und konstant ist. Diese Annahme müssen wir jetzt aufheben und stattdessen annehmen, dass das Preisniveau variabel ist. Ein sich änderndes Preisniveau verändert die Kaufkraft des Geldes. Sinkt das Preisniveau bei unveränder- Erster Teil: Volkswirtschaftliche Grundlagen108 tem Nominaleinkommen, dann können die Konsumenten mehr Güter kaufen. Die Kaufkraft des Geldes kann ausgedrückt werden, indem man die Geldmenge M durch das Preisniveau P dividiert. Den Quotienten M/P bezeichnet man als reale Geldmenge. Die Geldmenge stellt das Geldangebot dar. Im Hicks'schen Diagramm bestimmt es die Lage der LM-Kurve. Eine Änderung des Preisniveaus verschiebt die LM-Kurve und ändert so das Realeinkommen und den Geldzinssatz. Der Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve lässt sich nun folgendermaßen begründen. Ein niedrigeres Preisniveau bedeutet bei einem unveränderten nominalen Geldangebot ein erhöhtes reales Geldangebot. Die zur Erhaltung des geldwirtschaftlichen Gleichgewichts erforderliche Erhöhung der realen Geldnachfrage verlangt zur Erhaltung des einkommenstheoretischen Gleichgewichts eine Erhöhung beider Geldnachfragekomponenten, denn Realeinkommen und Geldzinssatz stehen entsprechend der IS-Kurve in einer entgegengerichteten Beziehung. Eine erhöhte reale Transaktionskasse impliziert ein erhöhtes Realeinkommen. Einem niedrigeren Preisniveau ist somit ein höheres Realeinkommen zugeordnet. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve verläuft fallend. In der Abbildung 7.17 ist sie im oberen rechten Diagramm als D eingezeichnet. Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht befindet sich im Schnittpunkt der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve und der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve. Angenommen, wir befinden uns in der Ausgangssituation E0. Es herrscht Vollbeschäftigung bei konstantem Preisniveau P0. Nun tritt eine Störung auf dem Gütermarkt dergestalt auf, dass die Investoren einen konjunkturellen Abschwung erwarten und ihre autonomen Investitionen senken. Die IS-Kurve verschiebt sich nach links und verlagert damit die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve ebenfalls nach links in die Position D1. Dieser Nachfragerückgang führt zu einem Angebotsüberschuss auf dem Gütermarkt, den die Anbieter durch eine Senkung des Preisniveaus abzubauen versuchen. Wenn die Arbeitnehmer bereit wären, eine begleitende Absenkung des Geldlohnsatzes hinzunehmen, dann könnte trotz der Nachfragesenkung die Vollbeschäftigung erhalten bleiben. Sie könnten dies auch tun, da ihr Realeinkommen erhalten bliebe. Sind die Arbeitnehmer jedoch nicht bereit, eine Absenkung des Geldlohnsatzes hinzunehmen, dann führt die Erhöhung des Reallohnsatzes zu einer Reduktion des realen Sozialproduktes und zur damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht befindet sich nun in E1. Dieses Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung führt ebenfalls zu einer Senkung des Preisniveaus, die allerdings geringer ist als im Fall eines nach unten flexiblen Geldlohnsatzes. Dieses starre Lohnverhalten der Arbeitnehmer begünstigt die Beschäftigten dann, wenn ihr Realeinkommen steigt. Das ist dann der Fall, wenn die Abnahme der Beschäfti- Kapitel 7: Kreislauftheorie 109 gung nicht mit einer Arbeitszeitreduktion für den einzelnen Arbeitnehmer verbunden ist. Die Verlierer sind zum einen die Arbeitslosen, die kein Arbeitseinkommen mehr erhalten, zum anderen die Volkswirtschaft, da das reale Sozialprodukt sinkt. Was kann getan werden, um trotz nach unten starrer Geldlöhne Vollbeschäftigung zu erreichen? Die Antwort lautet: die gesamtwirtschaftliche Nachfrage muss wieder in die Position D0 verlagert werden. Dies könnte mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden. Vermehrt die Zentralbank das nominale Geldangebot, dann verschiebt sich die LM-Kurve nach rechts. Aufgrund des sinkenden Geldzinssatzes erhöhen sich die Investitionen und verstärken die Nachfrage nach Gütern. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve verschiebt sich nach rechts. Damit geht die Erhöhung des Preisniveaus von P1 auf P0 einher. Die Arbeitslosigkeit verschwindet. Die Preiserhöhung hat den auch vorher beschäftigten Arbeitnehmern ihren Vorteil wieder genommen. Hier zeigt sich ein mögliches Dilemma zwischen den gesamtwirtschaftlichen Zielen der Vollbeschäftigung und der Preisniveaustabilität. Kapitel 8: Finanzwissenschaft 8.1. Öffentliche Finanzwirtschaft Die ökonomischen Aktivitäten des Staates lassen sich in drei Gruppen einteilen: (1) Der Staat setzt oder ändert Daten im Rahmen der Wirtschaftspolitik, an denen sich die Pläne der Wirtschaftseinheiten ausrichten, z.B. Steuersätze oder Zentralbankzinssätze. (2) Der Staat tritt als Käufer von Gütern bei Unternehmen auf. Er beschäftigt Arbeitskräfte und schafft damit Einkommen. Er produziert selbst Güter, die er überwiegend ohne spezielles Entgelt den privaten Wirtschaftseinheiten zur Verfügung stellt. (3) Der Staat erhebt Gebühren, Beiträge und Steuern. Er nimmt Kredite auf und zahlt sie zurück. Er leistet Transferausgaben an private Wirtschaftseinheiten. Soweit mit diesen Aktivitäten Transaktionen verbunden sind, die öffentliche Ausgaben und Einnahmen darstellen und im Staatshaushalt (Staats-Budget) erfasst werden, sind sie der Gegenstand der Finanzwissenschaft. Dabei handelt es sich vornehmlich um (1) die Staatsausgaben für Güter und Dienste, die den Staatsverbrauch und die staatlichen Investitionen umfassen, (2) die Transferausgaben, die aus den Subventionen an Unternehmen und den Transferzahlungen an private Haushalte bestehen, (3) die Steuereinnahmen, die in direkte und indirekte Steuern eingeteilt werden und (4) die Nettokreditaufnahme, welche die Differenz zwischen der Zunahme der Verbindlichkeiten (Kreditaufnahme) und der Tilgung aufgenommener Kredite darstellt. Die Finanzwissenschaft beschäftigt sich somit mit dem Handeln des Staates, soweit es mit staatlichen Einnahmen und Ausgaben verbunden ist. Unter dem Staat versteht man (1) die Gebietskörperschaften, also Bund, Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände sowie die Europäische Union, und (2) die Parafisci, das sind Organisationen ohne Erwerbscharakter, die überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, wie die Sozialversicherungen, die Kirchen und die politischen Parteien. Die Forstwirtschaft ist mit dem Gegenstand der Finanzwissenschaft vielfältig verbunden. Der Staat ist der Eigentümer etwa der Hälfte der deutschen Waldfläche. Er erstellt durch seine Forstverwaltungen einen erheblichen Teil der Leistungen des Waldes. Hierfür kauft er Güter und Dienste und beschäftigt zahlreiche Beamte, Angestellte und Arbeiter im öffentlichen Dienst. Die Einnahmen und Ausgaben des Staats- und Kommunalwaldes sind Teil der öffentlichen Haushalte. Die privaten Forstbetriebe verfügen über die andere Hälfte der deut-

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Zusammenfassung

Zur Forstökonomie liefert dieses Lehrbuch theoretisch fundierte Antworten auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes. Als umfassende Umweltökonomie bietet es dabei gleichzeitig Analysen, die sich mit der Vermarktung von Holz und Holzwaren auseinandersetzen und den ökonomischen trade-off zwischen Schutz und Nutzung der Wälder verdeutlichen. Es stellt sich ebenso den Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung sowohl von Gütermärkten als auch – wie die internationale Klimaschutzdebatte zeigt – von Umweltproblemen ergeben.

Zur Neuauflage

Die aktuellen Entwicklungen, wie u.a. die Klimaschutzdebatte wurden integriert. Der Fokus ist nun stärker auf Fragen des nationalen und internationalen Waldschutzes ausgerichtet.

Die Autoren

Prof. Dr. Volker Bergen, Göttingen, Dr. Wilhelm Loewenstein, Bochum, und Dr. Roland Olschewski, Göttingen.