Content

C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen auf Volkseinkommen und Beschäftigung: einfache Multiplikatormodelle in:

Michael Broer, Klaus-Dirk Henke, Horst Zimmermann

Finanzwissenschaft, page 400 - 413

Eine Einführung in die Lehre von der öffentlichen Finanzwirtschaft

11. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4547-3, ISBN online: 978-3-8006-4548-0, https://doi.org/10.15358/9783800645480_400

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 385 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen auf Volkseinkommen und Beschäftigung: einfache Multiplikatormodelle I. Wirkungen der Fiskalpolitik auf das Nationaleinkommen Bei der Wirkungsanalyse fiskalpolitischer Instrumente ergibt sich das methodische Problem, wie ein Wirkungszusammenhang zwischen Zielen und Instrumenten hergestellt und erklärt werden kann. Die konjunkturpolitischen Einzelziele wie Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität sind nicht geeignet, um Instrumente unmittelbar an ihnen zu orientieren, so wie es etwa bei Sozialausgaben der Fall ist, die in der Regel direkt auf das Einkommen wirken. Vielmehr ist es erforderlich, die Instrumente an Zwischengrößen auszurichten. Wenn also im Rahmen der Fiskalpolitik die Gesamtnachfrage beeinflusst werden soll, wird sie in ihre Komponenten zerlegt, so dass z. B. der private und staatliche Konsum oder die privaten und öffentlichen Investitionen als zu beeinflussende Zwischengrößen verwendet werden. Wird versucht, die wichtigsten Instrumente und diese Zwischengrößen in einen theoretischen Zusammenhang zu bringen, so interessiert im Rahmen einer nachfrageorientierten Konjunkturpolitik vorrangig die Frage, welchen Einflüssen die Komponenten der Nachfrage unterliegen und wie sie gesteuert werden können. Eingriffe werden z. B. erforderlich, wenn die Gesamtnachfrage – als zu hoch angesehen wird und das Ziel der Preisniveaustabilität dadurch gefährdet wird, oder – als zu niedrig angesehen wird, um z. B. das Ziel der Vollbeschäftigung zu realisieren. Es sei davon ausgegangen, dass das in einer Periode geschaffene Einkommen Y zu Nachfrage geworden ist. Diese Nachfrage lasse sich auf die Konsumgüternachfrage C, Investitionsgüternachfrage I und Staatsnachfrage St in der Form von Staatsverbrauch (Personal- und laufende Sachausgaben) und öffentlichen Investitionen aufteilen. Der Auslandseinfluss bleibt zunächst unberücksichtigt. Dann ist die Höhe des Nationaleinkommens bestimmt durch (1) Y C I St= + + . Die Staatsnachfrage sei eine autonome Variable, da sie in diesem Modell durch keine andere Variable induziert wird. Für Investitionen gilt das gleiche, um die Darstellung zu erleichtern. Was C betrifft, so sei die auch von Keynes vorgenommene Annahme unterstellt, dass die Konsumausgaben mit steigendem Einkommen unterproportional steigen. Die Konsumfunktion laute: (2)  C a b Y= + , wobei a > 0 und 0 < b < 1. Mit dieser Funktion ist eine Gerade beschrieben. Trägt man sie in einem Koordinatensystem (mit Y auf der Abszisse) ab, so ergibt sich beispielsweise in Abb. 8.2 die Gerade C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 386 8. Kapitel: Finanzpolitik und Konjunktur386 mit dem Abstand C von der Abszisse. Hinter diesem angenommenen Kurvenverlauf steht der Gedanke, dass selbst bei einem Einkommen von 0 eine Konsumnachfrage a vorliegt, die unabhängig von der Höhe des Einkommens getätigt wird (sog. autonomer Konsum). Dieser Konsum müsste durch Entsparen oder Kreditaufnahme finanziert werden. Die Größe b bezeichnet die Steigung dieser Geraden und damit die marginale Konsumneigung. Dass b zwischen 0 und 1 liegt, folgt aus der Annahme, dass der Konsum in seiner Höhe nach unten vom autonomen Konsum und nach oben vom Einkommen begrenzt wird; die durchschnittliche Konsumquote sinkt, während die marginale Konsumquote konstant ist. Setzt man die Definition für C, I und St in die Bestimmungsgleichung für das Nationaleinkommen ein, so erhält man (2a)  Y a bY I St= + + + bzw. (3) 1 a I St Y b + + = − Damit ist in sehr einfacher Form ein Nachfragezusammenhang beschrieben. Einkommen entsteht, wird verausgabt und damit zu Nachfrage. Implizit sind in diesen Ausgangsüberlegungen noch die Annahmen enthalten, dass weder Einflüsse auf monetäre Größen, wie Geldmenge, Zinssätze oder Preisniveau, erfolgen noch von ihnen ausgehen (siehe zum Einfluss dieser Größen Teil III). Der in Gleichung 2a und 3 ausgedrückte Zusammenhang ist in Abb. 8.2 mit der deflationären Lücke wiedergegeben. C weist eine Abhängigkeit von Y auf, während I ebenso wie St, zur C-Geraden addiert, parallel zu ihr verläuft und exogen bestimmt ist. Die Theorie der antizyklischen (kompensatorischen) Finanzpolitik lässt sich dann mit Hilfe der Abb. 8.2 veranschaulichen. Sie wird auch als „Keynesian cross“ bezeichnet42. Der Punkt Yvb gibt das Vollbeschäftigungseinkommen an und Yub Unterbeschäftigung des Faktors Arbeit. Wenn das realisierte Nationaleinkommen unter dem bei Vollbeschäftigung möglichen Volkseinkommen liegt (z. B. bei Yub), ergibt sich eine sog. 42 Siehe etwa Romer, D., Advanced Macroeconomics, 2. Aufl., a. a. O., S. 221. Abb. 8.2: Die deflationäre Lücke C I St Y YvbYub Nvb Nub deflationäre Lücke I C St B A 45° Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 387 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 387 deflationäre Lücke in Höhe von AB, die es durch Maßnahmen „aufzufüllen“ bzw. zu kompensieren gilt, die die ökonomische Aktivität ankurbeln. Der Abszissenabschnitt Yub Yvb gibt also das Ausmaß der Zielverletzung an und der Ordinatenabschnitt AB das Ausmaß der Nachfragelücke. Die Kurve Nub zeigt beim Punkt Yvb die zu geringe volkswirtschaftliche Nachfrage, während die Kurve Nvb beim gleichen Punkt die Nachfrage zeigt, die zum Erreichen von Vollbeschäftigung erforderlich ist. Der umgekehrte Fall liegt in Abb. 8.3 vor, wo das realisierte Nationaleinkommen (Yüb) über dem Nationaleinkommen bei Vollbeschäftigung (Yvb) liegt. Da hier die geplante Gesamtnachfrage Nüb die Produktion bei Normalauslastung des Produktionspotentials übersteigt, ist eine dämpfende bzw. kontraktive Konjunkturpolitik zur Beseitigung der sog. inflationären Lücke (AB in Abb. 8.3) erforderlich. Wenn Yub oder Yüb in Abb. 8.2 und Abb. 8.3 das Nationaleinkommen darstellt, das ohne zusätzliche Maßnahmen realisiert worden wäre, Yvb in beiden Fällen aber erreicht werden soll, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten, so ist die geplante Gesamtnachfrage C + I + St um die eingezeichnete deflationäre Lücke zu niedrig bzw. um die inflationäre Lücke zu hoch. „Wie ist die Lücke mit finanzpolitischen Mitteln zu beseitigen?“, lautet dann die Frage, deren Beantwortung den hauptsächlichen Gegenstand der „fiscal policy“ bildet. Als strategische Faktoren stehen der Finanzpolitik in diesem Modell der private Konsum, die private Investition und die Staatsnachfrage, alle in einer geschlossenen Volkswirtschaft, zur Verfügung. Im Falle einer Abweichung von der Vollbeschäftigung kann die gewünschte Variation der Nachfrage über jede dieser Komponenten der Gesamtnachfrage erfolgen. Wenn einer der Nachfrager, also der Staat, der Unternehmer oder der private Haushalt, seine Nachfrage erhöht, verschiebt sich in Abb. 8.2 die Gerade Nub nach oben, und umgekehrt erfolgt in Abb. 8.3 eine Senkung der Übernachfrage Nüb, wenn eine der drei Komponenten bei Konstanz der übrigen zurückgeht. Damit kann man nunmehr die Aufgabe der nachfrageorientierten Finanzpolitik formulieren: Durch geeignete Maßnahmen muss die Gesamtnachfrage auf das Niveau des Vollbeschäftigungseinkommens gebracht werden, m. a. W. die öffentlichen Einnahmen Abb. 8.3: Die inflationäre Lücke C I St Y Yüb Yvb Nüb Nvb inflationäre Lücke B A 45° Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 388 8. Kapitel: Finanzpolitik und Konjunktur388 und Ausgaben sind so zu gestalten, dass aus den Maßnahmen, die das Nationaleinkommen erhöhen (z. B. Mehrausgaben) oder senken (z. B. Mehreinnahmen), ein Saldo entsteht, der – bei Unterbeschäftigung die Gesamtnachfrage genügend erhöht, um die deflationäre Lücke zu schließen, und – im entgegengesetzten Fall, im Boom, die Gesamtnachfrage genügend vermindert, um die inflationäre Lücke abzubauen. So fragt sich z. B., welcher Effekt in der durch Gleichung (3) umschriebenen Situation auf das Gesamteinkommen Y ausgehen würde, wenn die öffentliche Hand ihren eigenen Nachfragebeitrag, die Staatsnachfrage St, variiert (die also zugleich strategischer Faktor und Instrument ist). Um die marginale Änderung von Y, die sich als Folge einer marginalen Änderung von St ergibt, zu ermitteln, genügt es, die Gleichung (3) nach St partiell zu differenzieren: (4)   1   1 Y St b δ δ = − Diese Größe 1/(1 – b) drückt also aus, um wie viel sich Y in diesem Modell unter dem Einfluss einer Änderung der Staatsausgaben für Güter und Dienstleistungen ändert; sie wird daher als Staatsnachfragemultiplikator bezeichnet. Da die marginale Konsumneigung b zwischen 0 und 1 liegt, ist dieser Multiplikator größer als 1. Folglich kann man sagen, dass im Fall einer Ausgabenerhöhung durch die öffentliche Hand unter den eingeführten Annahmen das Gesamteinkommen um mehr als den zusätzlichen Ausgabenbetrag steigt. Im Grenzfall, wenn die marginale Konsumneigung b = 0 wäre, also das gesamte zusätzliche individuelle Einkommen gespart werden würde, steigt das Nationaleinkommen nur um den Betrag der Ausgabenerhöhung. Je näher b an 1 heranrückt, umso stärker vervielfacht sich der Effekt auf das Nationaleinkommen. Bei einem Konsum in Höhe von 80 % des Einkommens der privaten Wirtschaftssubjekte (d. h. b = 0,8) wäre der Zusatzbetrag an Ausgaben mit 1/(1–0,8), d. h. mit 5 zu multiplizieren. Da 1 – b die marginale Sparneigung darstellt (wenn 80 % einer Einkommenserhöhung konsumiert wurden, müssen 20 % gespart worden sein), kann man es auch in der üblichen Formulierung ausdrücken, nach der der zusätzliche Ausgabenbetrag mit der reziproken Sparneigung zu multiplizieren ist, um den Effekt auf das Nationaleinkommen zu ermitteln. – Die Frage, wie eine solche Ausgabenerhöhung finanziert wird, wenn das Modell keine Steuererhöhung vorsieht, wird dann meist unter Hinweis auf die Defizitfinanzierung beantwortet (siehe D II c). Dass diese Multiplikatorwirkung, die die Nachfrage stärker als die Ausgaben steigen lässt, nur allmählich eintritt, kann man anhand der arithmetischen Ermittlung des Multiplikators verdeutlichen43. Bei einer marginalen Konsumneigung von 0,8 läuft die Nachfragewirkung als Folge eines einmaligen Ausgabenstoßes der öffentlichen Hand von 1.000 (beispielsweise in der Form eines befristeten Investitionsprogramms) wie folgt ab: 43 Mit der Mehrperiodenanalyse wird das komparativ-statische Modell verlassen, und es ist erforderlich, eine dynamische Konsumfunktion z. B. der Form Ct = Ct (Yt–1) zu unterstellen. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 389 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 389 Wirkung auf Nachfrage je Periode Kumuliert 1. Periode: Erhöhung der öffentlichen Käufe für Güter und Dienstleistungen um 1.000 2. Periode: private Verausgabung 1.000 · 0,8 = 3. Periode: private Verausgabung 800 · 0,8 = · · · bis zum Grenzwert von 1.000 800 640 · · · 0 1.000 1.800 2.440 · · · 5.000 Der fünffache Wert der Ausgangssumme wird theoretisch zwar erreicht, aber erst nach unendlich vielen Perioden. Der Zeitbedarf für diese Anpassung wird in diesem Zusammenhang nicht explizit berücksichtigt. Den gleichen Wert wie der Multiplikator für die Staatsnachfrage nimmt in diesem Modell der Investitionsmultiplikator für private Investitionen an, wenn die Gleichung (3) nach I partiell differenziert wird: (5)   1   1    Y I b δ δ = − . Gelingt es also, die private Investition anzuregen, z. B. durch das Versprechen von (späteren) Steuererleichterungen bei den Gewinnsteuern, so tritt der gleiche Effekt auf. Einen wesentlichen Unterschied würde es dagegen machen, wenn es gelänge, die marginale Konsumneigung b zu beeinflussen. Die Wirkung lässt sich verdeutlichen, wenn man die Gleichung (3) nach b differenziert: (6) ( )2             1    dY a I St db b + + = − . Wenn b erhöht werden könnte, so würde sich diese Änderung im Maße der quadrierten (statt wie oben der einfachen) reziproken Sparneigung auf das Nationaleinkommen übertragen. Dies wird durch einen Blick auf Abb. 8.2 plausibel. Eine Erhöhung der Staats- bzw. privaten Investitionsausgaben verschiebt die Gerade in Abb. 8.2 lediglich parallel nach oben. Eine Erhöhung von b dagegen dreht die Gesamtnachfragekurve im Schnittpunkt mit der Ordinate gegen den Uhrzeigersinn, d. h. eine geringfügige Erhöhung der marginalen Konsumquote übt einen beträchtlichen Einfluss auf die Gesamtnachfrage aus. Eine finanzpolitisch bewirkte Änderung der marginalen Konsum- und damit auch der Sparneigung ist nicht auszuschließen. So kann sich die Sparneigung als Folge umfangreicher Anreize zur Vermögensbildung erhöhen oder bei nachlassender Inflationsbekämpfung vermindern. In den bisherigen Überlegungen war die Staatstätigkeit nur in grober Form berücksichtigt worden. Zwar war die Staatsnachfrage St in der Nachfrage enthalten, aber über die Finanzierung dieser zusätzlichen bzw. autonomen Ausgaben wurde nur auf die Defizitfinanzierung verwiesen. Um der Realität näher zu kommen, werden nunmehr zusätzlich drei Annahmen eingeführt: – Die öffentliche Hand erhält eine einkommensunabhängige Steuer V, die zwar aus dem persönlichen Einkommen gezahlt wird, ohne aber das Einkommen als Bemes- Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 390 8. Kapitel: Finanzpolitik und Konjunktur390 sungsgrundlage zu haben44. Hier kann man z. B. an eine Kopfsteuer (lump-sum tax, Pauschalsteuer) denken. – Die öffentliche Hand leistet Transferzahlungen Tr, deren Höhe wie bei St exogen vorgegeben sei (lump-sum transfer). – Der Konsum C der privaten Haushalte hängt vom verfügbaren Einkommen Yv ab: (7)           vC a b Y= + . Das verfügbare Einkommen ergibt sich aus der bisher verwendeten Einkommensgröße Y, indem die Transferzahlungen Tr hinzugefügt und die Steuer V abgezogen werden45. (8)          –  vY Y Tr V= + . Setzt man diese Gleichungen in die Ausgangsgleichung (2a) ein, so ergibt sich (8a)          (      –   )       Y a b Y Tr V I St= + + + + , bzw.  –                –            Y b Y a b Tr b V I St= + + + und damit (9)                       1 a b Tr b V I St Y b + − + + = − . Die Multiplikatoren für eine Änderung der Staatsnachfrage sowie der Investitionen bleiben die gleichen und sind nach wie vor identisch, denn die partielle Differenzierung nach I und St ergibt in Gleichung (9) jeweils 1/(1 – b). Hinzu treten jedoch durch partielle Differenzierung von Gleichung (9): – nach Tr der Transferausgabenmultiplikator: (10)      –   1    Y b V b δ δ = − und – nach V der Steuermultiplikator für die unterstellte Steuer V: (11)       1 Y b Tr b δ δ = − . Der Transferausgabenmultiplikator erhöht das Nationaleinkommen nur um das b-fache der durch den Staatsnachfragemultiplikator bewirkten Volkseinkommenserhöhung; die Einkommenseffekte sind entsprechend geringer. Der Steuermultiplikator ist genauso groß wie der Transferausgabenmultiplikator, nur mit negativem Vorzeichen wegen des Kaufkraftentzuges. II. Wirkungen einer Erhöhung des ausgeglichenen Budgets Diese kleine Erweiterung des Modells und die Kenntnis der zusätzlichen Multiplikatoren (10, 11) erlauben es, eine erste Kombination öffentlicher Einnahmen und Ausgaben in ihrer Wirkung auf das Gesamteinkommen zu untersuchen. Die Frage lautet, was unter den gegebenen Annahmen geschieht, wenn das Volumen des öffentlichen 44 Diese Annahme erleichtert die anfängliche Diskussion, da kein Zusammenhang zwischen der Höhe des Nationaleinkommens und dem Aufkommen dieser Steuer angenommen werden muss. Im Übrigen haben die hier unterstellten Lump-sum-Steuern und Lump-sum-Transfers den Vorteil, keine oder wenig Verzerrungen der privatwirtschaftlichen Entscheidung hervorzurufen. Vgl. dazu die Ausführungen zur optimalen Besteuerung (7. Kapitel, B I b 2.2). 45 Die übrigen Posten, die bei der Ermittlung des verfügbaren Einkommens in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Berücksichtigung finden (siehe Tab. 8.4), werden hier vernachlässigt. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 391 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 391 Haushalts erweitert wird, wobei der Haushalt ausgeglichen und der Zuwachs durch Steuern finanziert sein soll. In einer ersten Überlegung würde man vermuten, dass das Nationaleinkommen unverändert bleibt, weil die öffentliche Hand genau die Summe, die sie an Steuern zusätzlich erhebt, an zusätzlichen Ausgaben wieder in den Kreislauf zurückgibt. Mit Hilfe der bisher abgeleiteten Multiplikatoren lässt sich jedoch nachweisen, dass sich die Wirkungen dieser öffentlich induzierten Ströme auf das Nationaleinkommen nicht bzw. nur im Ausnahmefall gegenseitig neutralisieren. Wenn sich die öffentlichen Einnahmen durch Ausweitung der erwähnten Steuer V erhöhen und mit diesem Steueraufkommen eine gleich hohe zusätzliche öffentliche Nachfrage nach Gütern und Diensten finanziert wird, verbindet sich die Einkommen erhöhende Wirkung des Staatsnachfragemultiplikators (4) mit der Einkommen senkenden Wirkung des Steuermultiplikators (11): (12) 1 1       (–  )       1 1    1    1    b b b b b − + = = − − − . Eine Erhöhung des Budgets z. B. um 1  Mrd.  € führt also, da dieser Betrag mit 1 zu multiplizieren ist, zu einer Erhöhung des Gesamteinkommens um 1 Mrd. € und nicht, wie eine erste Überlegung nahegelegt hätte, zu keiner Erhöhung. Dieses Ergebnis bezeichnet einen der Fälle, in denen das sog. Haavelmo-Theorem46 gilt. Es besagt, dass die Erhöhung eines ausgeglichenen Budgets unter bestimmten Bedingungen das Gesamteinkommen um den Betrag der Budgetausweitung erhöht. Zur Veranschaulichung sei das Ergebnis noch einmal im Ablauf der Perioden ermittelt (vgl. dazu das frühere Beispiel in I). Die marginale Konsumneigung betrage wiederum 0,8. Wirkung auf die Nachfrage erhöhend Senkend je Peri ode kumu liert je Peri ode kumu liert 1. Periode: Erhöhung der öffentlichen Käufe für Güter und Dienstleistungen um 1.000 Steuereinnahme 1.000 2. Periode: private Verausgabung 3. Periode: private Verausgabung bis zu einem Grenzwert von + 1.000 0 + 800 + 640 + 1.000 0 + 1.800 + 2.440 + 5.000 0 – 800 – 640 – 512 0 – 800 – 1.440 – 1.952 – 4.000 Der Unterschied von 1.000 zwischen Zuführungseffekt (Erhöhung) und Entzugseffekt (Senkung) kommt dadurch zustande, dass die öffentlichen Ausgaben in voller Höhe zu Nachfrage werden (+1.000), die Steuer aber nur in Höhe der Konsumneigung (0,8) zur Nachfragesenkung führt (–800), d. h. 200 der weggesteuerten 1.000 wären lt. Annahme gespart worden. Die weggesteuerten 800 hätten in der zweiten Phase zu Nachfrage von 640 geführt, die jetzt entfällt (–640), usw. Dabei wird angenommen, dass die Steuer voll aus dem laufenden Einkommen, d. h. nicht durch Entsparen, finanziert wird. 46 Haavelmo, T., Multiplier Effects of a Balanced Budget, in: Econometrica, Bd. 13, 1945, S. 311 ff., wieder abgedruckt in: American Economic Association, Hrsg., Readings in Fiscal Policy, London 1955, S. 335 ff. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 392 8. Kapitel: Finanzpolitik und Konjunktur392 Dass das Haavelmo-Theorem nur unter gewissen Bedingungen gilt, zeigt sich, wenn man als Ausgabe anstelle der Staatsnachfrage nunmehr Transferausgaben wählt. Fasst man ihre Wirkung (10) mit der des Steuermultiplikators (11) zusammen, so ergibt sich: (13)    (–  )   0 1    1    b b b b + = − − , d. h. die Gesamtnachfrage ändert sich nicht. Im Ablauf der Perioden würde in diesem Falle auch die Wirkung der Verausgabung mit + 800 beginnen, da von den empfangenen Transfers im Maße der Sparneigung gespart würde. Dadurch halten sich erhöhende und senkende Wirkungen die Waage. Wodurch entsteht dieser Unterschied in der Wirkung auf die Gesamtnachfrage? Da der Besteuerungsvorgang unverändert blieb, muss er im bisherigen Modell in der Art der öffentlichen Verausgabung liegen. Die entscheidende Annahme liegt darin, dass die Staatsnachfrage nach den bisherigen Annahmen unmittelbar in voller Höhe zur Nachfrage wird und das Einkommen erhöht, während sich bei Transfers die Entscheidung des Empfängers zwischen staatliche Verausgabung und Nachfrageentfaltung am Markt schiebt, der annahmegemäß einen Teil spart und nur im Maße seiner marginalen Konsumneigung b sein Einkommen wieder zu Nachfrage werden lässt. An dieser Stelle sind die Aussagen über die Bedeutung der Staatsnachfrage St für die Gesamtnachfrage zu differenzieren. Die Größe St umfasst neben den investiven und laufenden Sachausgaben die Personalausgaben. Eine Erhöhung der Personalausgaben (die zusammen mit den Sachausgaben die Leistungsentgelte ausmachen, die ihrerseits den Transferausgaben gegenübergestellt werden), würde in ihrem Effekt auf die private Nachfrage nämlich ebenso geschmälert wie eine Erhöhung der Transferausgaben für private Haushalte, weil in beiden Fällen die Empfänger der Ausgabe nur im Maße ihrer marginalen Konsumneigung Nachfrage entfalten. Dagegen sind staatliche Sachausgaben per se Nachfrage im privaten Sektor und üben dadurch einen stärkeren Effekt auf die Gesamtnachfrage aus. Genau genommen müssten daher in der Ausgangsgleichung (1) statt der Größe St zwei Größen eingeführt werden: für die Sachausgaben und für die Personalausgaben. Beide Ausgabenarten zusammen, die in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen als Expost-Analyse in die „Konsumausgaben des Staates“ bzw. die staatlichen Investitionen eingehen (siehe B III), werden üblicherweise auch als „Staatsnachfrage“ bezeichnet, was sich, soweit es die Personalausgaben betrifft, als eine nicht sehr zweckmäßige Bezeichnung erweist, wenn es um die Einschätzung der Nachfragewirksamkeit öffentlicher Ausgaben geht. Daher wurden in den Konjunkturprogrammen der Jahre 2008/2009 auch nur die Sachausgaben erhöht, nicht aber die Personalausgaben des Staates. Wiederum einen anderen Wert für die Erhöhung des Nationaleinkommens erhält man, wenn man zusätzlich zur Pauschalsteuer eine vom Einkommen abhängige Steuer in Form einer proportionalen Einkommensteuer einführt. Wenn sie den Satz t hat, wobei 0 < t < 1 sein soll, ändert sie das verfügbare Einkommen in folgender Weise47:      –          –  Yv Y t Y Tr V= + bzw. (14) v   (1 –   )       –  Y t Y Tr V= + . Für die Nationaleinkommensgleichung ergibt sich anstelle von (8 a):          [(1 –   )       –   ]       Y a b t Y Tr V I St= + + + +  bzw.            –            –        1 Y a b Y bt Y b Tr b V St= + + + +  bzw. (15)                       1          a bTr bV I St Y b bt + − + + = − + . 47 Es wird angenommen, dass die Transferzahlungen Tr dieser Einkommensteuer nicht unterliegen. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 393 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 393 Unter diesen Annahmen sei nun erneut der Fall aufgegriffen, dass die Einnahmen und Ausgaben zugleich ausgedehnt werden, d. h., dass das Budget erhöht wird. Das geschieht wiederum durch eine Erhöhung der Staatsnachfrage St; sie wird wie bisher durch die Steuer V finanziert, deren Aufkommen vom Nationaleinkommen unabhängig ist. Es ist also nur die Annahme einer proportionalen Einkommensteuer hinzugekommen, deren Satz t aber unverändert bleibt. Durch ihre bloße Existenz ändert sich jedoch das Ergebnis. Zur Erklärung zieht man die nunmehr veränderten Multiplikatoren heran. Durch partielles Differenzieren ergibt sich: (16)   1     1          Y St b bt δ δ = − + (Staatsnachfragemultiplikator), (17)         1          Y b Tr b bt δ δ = − + (Transferausgabenmultiplikator), (18)         1          Y b V b bt δ δ = − + (Steuermultiplikator für Steuer V). Da jeweils im Nenner der Wert bt (marginale Konsumneigung multipliziert mit dem Satz der proportionalen Einkommensteuer) dazu addiert wird, sind alle drei Multiplikatoren, absolut genommen, kleiner als ohne die Annahme der Existenz einer proportionalen Einkommensteuer (vgl. mit [4], [10], [11]). Das bedeutet, werden die beiden Arten von Staatsausgaben im gleichen Umfang wie bisher erhöht, wird eine vergleichsweise geringere Nachfrageausweitung und zugleich eine geringere Entzugswirkung durch die Besteuerung hervorgerufen, da auch der Steuermultiplikator niedriger ist. Dann ergibt sich für die beabsichtigte Erhöhung des ausgeglichenen Budgets mittels Staatsnachfrage und Steuer V die kombinierte Wirkung aus der Verbindung des neuen Staatsnachfragemultiplikators mit dem neuen Multiplikator für die Steuer V: (19) 1 1      –    1          1          1          b b b bt b bt b bt − + = − + − + − + . Nach den Annahmen nimmt dieser Ausdruck positive Werte zwischen 0 und 1 an. Er erhielte den Wert 1, wenn b oder t den Wert 0 annähme, d. h. entweder die Konsumneigung gleich 0 wäre (vgl. I), was einen Grenzfall darstellt, oder keine proportionale Einkommensbesteuerung, sondern ausschließlich die Erhebung der Pauschalsteuer erfolgte. Die Existenz einer Einkommensteuer führt allerdings dazu, dass auch das neugeschaffene Einkommen der Besteuerung unterliegt. Um diesen Betrag müssten, genau genommen, auch die Staatsausgaben erhöht werden, da sonst ein Einnahmenüberschuss statt eines Budgetausgleichs vorliegt. Berücksichtigt man diesen Effekt, so gibt es zusätzliche Fälle, in denen das Haavelmo-Theorem gilt. Als letzte Variante der Erhöhung des ausgeglichenen Budgets sei angenommen, dass dieselbe Steuer V zur Finanzierung von Transferzahlungen vorgesehen ist. Die kombinierte Wirkung auf das Gesamteinkommen, die sich aus den beiden neuen Multiplikatoren ergibt, gleicht sich wie auch bei Gleichung (13) völlig aus: (20)   –  01          1          b b b bt b bt + = − + − + . V ah len s H an d b ü ch er – Zim m erm an n /H en ke /B ro er – Fin an zw issen sch aft (11. A u fl.) – H erst. Frau D eu rin g er Stan d : 14.09.2012 Statu s: D ru ckd aten Seite 394 8. K ap itel: Fin an zp o litik u n d K o n ju n ktu r 394 Tab. 8.5: Vergleich der abgeleiteten Multiplikatoren für Veränderungen der Ausgaben und Einnahmen Einnahmen (= Finanzierung der Ausgaben) Ausgaben I. ohne Steuererhöhung (z. B. Zentralbankfinanzierung) -snemmoknieredgnuhöhrEtim.II unabhängigen Steuer V 1. im System einer einkommensunabhängigen Steuer (z. B. Kopfsteuer) 2. im System einer proportionalen Einkommensteuer (0 < t < 1) 1. im System einer einkommensunabhängigen Steuer (z. B. Kopfsteuer) 2. im System einer proportionalen Einkommensteuer (0 < t < 1) A. Erhöhung der Staatsnachfrage St 1 1 – b > 1 (4) 1 1 – b + bt > 1 (16) 1 1 – b + ( – b 1 – b ) = 1 (4) + (11) = (12) 0 < 1 1 – b + bt + ( – b 1 – b + bt ) < 1 (16) + (18) = (19) B. Erhöhung des Transfers Tr b 1 – b > 0 (10) b 1 – b + bt > 0 (17) b 1 – b + ( – b 1 – b ) = 0 (10) + (11) = (13) b 1 – b + bt + ( – b 1 – b + bt ) = 0 (17) + (18) = (20) C. ohne Erhöhung der Ausgaben (z. B. Stilllegung bei der Zentralbank) –– – b 1 – b < 0 (11) – b 1 – b + bt < 0 (18) Die Ziffern in den Klammern beziehen sich auf die Gleichungen im Text. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 395 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 395 Fasst man die Ergebnisse der Multiplikatoranalyse in Tab. 8.5 überblicksartig zusammen, so lassen sich ihr die isolierten Ausgabenmultiplikatoren (4, 10, 16, 17), die isolierten Multiplikatoren der einkommensunabhängigen Steuer V (11, 18) und die kombinierten Multiplikatoren (12, 13, 19, 20) entnehmen. Dabei liegt bei den genannten vier isolierten Ausgabenmultiplikatoren keine Steuererhöhung, sondern z. B. eine Zentralbankfinanzierung (bei unveränderter Existenz der zwei unterschiedenen Steuersysteme) vor. Die beiden isolierten Steuermultiplikatoren (11, 18), die sich bei der Erhöhung der Steuer V in den zwei Steuersystemen ergeben und nicht von einer Erhöhung der Ausgaben begleitet sind, kann man sich in Verbindung mit einer Stilllegung des Steueraufkommens vorstellen. Von besonderer Bedeutung sind die kombinierten Multiplikatoren, d. h. eine Erhöhung der Staatsnachfrage oder der Transferausgaben, die über die Pauschalteuer V im System einer einkommensunabhängigen Steuer (12, 13) oder im System einer proportionalen Einkommensteuer (19, 20) finanziert werden. Besonders hohe Einkommens- bzw. Multiplikatorwirkungen lassen sich dabei über eine Erhöhung der Staatsnachfrage erzielen, insbesondere, wenn die negativen Kreislaufwirkungen der Finanzierung vermieden oder gering gehalten werden können. Eine Erhöhung der Staatsnachfrage und ihre zinsneutrale Finanzierung über die Zentralbank (Geldschöpfung) sind im Hinblick auf eine Erhöhung des Nationaleinkommens unter den getroffenen Annahmen am vorteilhaftesten. Um abschließend den Unterschied in den zu bewegenden Budgetströmen zu zeigen, sei noch unterstellt, dass im Rahmen der bisherigen Annahmen eine Nachfrage von 5 Mrd. € durch staatliche Ausgaben erreicht werden soll. Die marginale Konsumneigung b sei 0,8, und es werde später eine proportionale Einkommensteuer mit einem Steuersatz in Höhe von 30 % eingeführt (t = 0,3). Aus Tab. 8.6 ist zu ersehen, dass je nach Art des verwendeten Instruments unterschiedlich hohe Ausgabensummen erforderlich sind, um einen gleich hohen Anstieg der Nachfrage zu bewirken. Bei einer (zinsneutralen) Zentralbankfinanzierung ergeben sich die höchsten Multiplikatoren, d. h. die niedrigsten Ausgabensummen sind erforderlich, um eine Nachfrageerhöhung um 5 Mrd. € zu erreichen. Bei Verwendung von Transfers muss eine Ausga- Tab. 8.6: Aufzuwendende Ausgabensummen zur Erreichung eines Nachfragezuwachses in Höhe von 5 Mrd. € (in Mio. €; b = 0,8; t = 0,3; ESt = Einkommensteuer) Ausgabeart erforderli che Ausga benhöhe finanziert durch ergibt als Multiplikator Effekt auf Nachfrage Höhe Gleichung St 1.000 Zentralbank (ohne ESt) 5 (4) 5.000 St 5.000 V (ohne ESt) 1 (12) 5.000 St 10.989 V (mit ESt) 0,455 (19) 5.000 Tr  1.250 Zentralbank (ohne ESt) 4 (10) 5.000 Tr nicht bestimmbar V (ohne ESt) 0 (13) nicht gegeben Tr nicht bestimmbar V (mit ESt) 0 (20) nicht gegeben Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 396 8. Kapitel: Finanzpolitik und Konjunktur396 benerhöhung etwas höher ausfallen (1.250) als beim Einsatz der Staatsnachfrage (1.000). Werden die Ausgaben über die Steuer V finanziert, so ist es bei einer Verausgabung über Transferzahlungen unmöglich, überhaupt einen expansiven Effekt zu erzielen, unabhängig davon, ob zugleich eine (proportionale) Einkommensteuer erhoben wird. Im Falle der Staatsnachfrage lässt sich zwar ein positiver Effekt erzielen, er ist aber bei einer Kopfsteuer nur genau gleich 1 (Haavelmo-Fall), und im Falle einer proportionalen Einkommensteuer von 30 % muss mehr als die doppelte Ausgabensumme aufgewendet werden. Hierbei zeigt sich noch einmal, dass in dem erwähnten Haavelmo-Theorem ein spezieller Fall einer konjunkturorientierten Budgetvariation (Multiplikator  =  1) beschrieben wurde. Die vorstehenden Betrachtungen wurden nur für eine expansive Fiskalpolitik, wie sie in der starken Rezession und in den Jahren 2008/2009 in Deutschland erforderlich war, durchgeführt. Die Annahmen erlauben es aber ohne weiteres, die vorgenommenen Budgetvariationen auch für die kontraktive Fiskalpolitik, also in der Hochkonjunktur, zu untersuchen. Dann treten an die Stelle von Ausgabenerhöhungen und ihrer Finanzierung Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und die Verwendung der dadurch entstehenden Budgetüberschüsse zur Schuldentilgung. Dieser Fall wird angesichts der fiskalpolitischen Situation in der Eurozone für Länder in einer Situation mit besonders hohen Verschuldungsdefiziten wie Griechenland, Italien oder Portugal wieder aktuell und in der Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts innerhalb der EU deswegen aufgegriffen48. Ausgangslage ist in diesen Fällen keine Hochkonjunktur und ihre Bekämpfung, sondern eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise im Euroraum. III. Weitere Bestimmungsgrößen der Multiplikatorprozesse Die bisher beschriebenen Multiplikatorwirkungen galten nur unter einer Reihe von Annahmen, von denen die folgenden drei kurz untersucht werden sollen: – Die private Investitionsgüternachfrage wird von den zuvor analysierten finanzpolitischen Maßnahmen nicht beeinflusst, – es liegt kein Auslandseinfluss vor, und – von der Geldversorgung gehen keine Wirkungen aus. Die Annahme, dass die private Investition aus dem beschriebenen System heraus nicht beeinflusst wird, ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn die Ergebnisse für die Realität bedeutsam sein sollen. Wird also z. B. eine Pauschalsteuer oder eine Einkommensteuer erhoben, so geht von der Besteuerung möglicherweise ein bedeutender Effekt auf die Investitionen aus. Das trifft nicht nur für den Fall zu, in dem der Eigentümer eines Unternehmens der Steuerträger ist. Unter dem kurzfristigen konjunkturellen Aspekt kann auch eine auf die Dauer voll überwälzte Steuer zu Investitionsänderungen führen. Wenn z. B. die Gewinnbesteuerung der Unternehmen angehoben wird, sich das Unternehmen seiner kurzfristigen Überwälzungschancen keineswegs sicher ist und daraufhin vielleicht kurzfristig seine Investitionstätigkeit vermindert, ergibt sich ein negativer steuerlicher Einfluss auf die private Investition. Ebenso kann eine erhöhte Besteuerung der privaten Haushalte über 48 Siehe hierzu 6. Kapitel. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 397 C. Der Einfluss öffentlicher Ausgaben und Einnahmen 397 verminderte Nachfrage nach Konsumgütern die Gewinnerwartungen und damit die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ungünstig beeinflussen. Solche Steuerwirkungen legen es also nahe, der Wirkung der Steuerpolitik als einem Einflussfaktor für die kurzfristige Investitionsbereitschaft besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Es ist eine übliche und vertretbare Annahme für Anfangsüberlegungen, die Außenwirtschaft zunächst auszuschließen, zumal es auch in der Realität Perioden gibt, in denen sich die Außeneinflüsse weitgehend ausgleichen und ohne weiteres eine Argumentation „bei geschlossener Wirtschaft“ vertretbar ist. In der Regel und angesichts der zunehmenden Globalisierung beeinflussen allerdings inlandsbezogene öffentliche Maßnahmen zugleich auch die Ströme zwischen Inland und Ausland. Dieser Einfluss wird unter Berücksichtigung von Einkommens- und Zinswirkungen im Abschnitt E erörtert. In den bisherigen Überlegungen wurde unterstellt, dass von der Geldversorgung keine Wirkungen ausgehen, die die Ergebnisse der Multiplikatoranalyse verändern. Damit ist aber unausgesprochen angenommen worden, dass die Veränderungen des Nationaleinkommens, die durch finanzpolitische Maßnahmen induziert werden, von einer parallellaufenden Entwicklung der Geldmenge begleitet worden sind. Wenn durch eine Ausgabensteigerung das Einkommen jeder folgenden Periode höher wird, als es ohne die Maßnahme gewesen wäre, muss bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ceteris paribus auch die Geldmenge steigen, die zur Finanzierung dieser Ströme erforderlich ist. Weitere monetäre Probleme ergeben sich, wenn statt der direkten Steuern die indirekte Besteuerung berücksichtigt wird und man sich den Überwälzungshypothesen angeschlossen hätte, die in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen verwendet werden, in der die indirekten Steuern als preiswirksam und damit überwälzbar angesehen werden. Sofern man diese Annahme akzeptiert, ändert sich mit dem jeweiligen Anteil dieser Steuern gleichzeitig das Preisniveau. Vahlens Handbücher – Zimmermann/Henke/Broer – Finanzwissenschaft (11. Aufl.) – Herst. Frau Deuringer Stand: 14.09.2012 Status: Druckdaten Seite 398 D. Der fiskalpolitische Einsatz des Budgets in Rezession und Boom Der traditionell-keynesianische Ansatz ist insofern reizvoll, als er den Einsatz von Instrumenten aus der öffentlichen Finanzwirtschaft nahelegt. Auch wer dieser Theorie nicht anhängt, wird eine diagnostizierte Rezession mit sinkenden Wachstumsraten, wie es im Jahre 2008/2009 der Fall war, bekämpfen wollen und dazu die Finanzpolitik einsetzen. Die folgenden nachfrageorientierten Überlegungen gelten auch bei anderen Theorien und nicht nur in einer Rezession. Das gilt schon für das Ausnutzen automatischer Wirkungen des Budgets (I) und erst recht für die Finanzpolitik in Rezessionszeiten (II) und auch im Boom (III). Auch die Berechnung eines strukturellen Defizits (IV) wird von Anhängern unterschiedlicher Theorierichtungen, seien sie stärker angebots- oder nachfrageseitig, vertreten. I. Fiskalpolitik mit automatischen Stabilisierungswirkungen Der Einsatz der öffentlichen Finanzen zur Beeinflussung der Konjunkturschwankungen kann durch gezielte fallweise Eingriffe (sog. diskretionäre Maßnahmen) erfolgen, z. B. in Form der zuvor untersuchten Steuer- oder Ausgabenerhöhungen. Außerdem tragen einige Ausgabe- und Einnahmearten auch ohne Ad-hoc-Veränderungen – quasi automatisch – zur Konjunkturstabilisierung bei. Bei schwankendem Nationaleinkommen verändert sich das Gesamtvolumen der meisten Steuern und einiger Transferzahlungen automatisch, d. h. ohne eine gesetzliche Adhoc-Variation ihrer Bemessungsgrundlagen und Sätze. So steigt z. B. das Aufkommen der Einkommensteuer bei wachsendem Nationaleinkommen wegen ihrer Progression überproportional an, während die öffentlichen Zahlungen an Arbeitslose bei sinkendem Sozialprodukt und abnehmender Beschäftigung zunehmen. Einen ersten Anhaltspunkt für die automatische Wirkung bei Veränderung des Sozialprodukts erhält man, wenn das Aufkommen einer Steuer bzw. das Volumen einer Ausgabe in Abhängigkeit von der Änderung der kurzfristigen ökonomischen Aktivität verfolgt wird. Dies sei am Beispiel der Steuer gezeigt; für die Ausgaben lässt sich dieser Zusammenhang entsprechend untersuchen. Im Falle der Besteuerung wird in zwei Schritten vorgegangen. Zunächst wird die Aufkommenselastizität einer Steuer gemessen, d. h. die relative Änderung des Steueraufkommens T, die aus einer relativen Änderung des Volkseinkommens Y (oder auch des Bruttonationaleinkommens) als dem Indikator für die ökonomische Entwicklung resultiert: 0 0 /   / T T ET Y Y ∆ = ∆ , D. Der fiskalpolitische Einsatz des Budgets in Rezession und Boom

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Standardwerk zur Finanzwissenschaft.

Finanzwissenschaft kompakt

Dieses Lehrbuch verschafft einen gezielten Überblick über die öffentlichen Einnahmen und Ausgaben

– der EU,

– des Bundes,

– der Länder und Gemeinden

sowie der verschiedenen Zweige der Sozialversicherung. Wissenschaftlich fundiert bringt das Werk die spannende Thematik einer Ausbalancierung zwischen privatem und öffentlichem Sektor näher.

Die 11. Auflage

berücksichtigt die vielfältigen aktuellen wirtschaftspolitischen Herausforderungen, u.a. die Staatsschuldenkrise der Euro-Staaten sowie das Problem der »kalten Progression«.