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7.2 Finanzierung in:

Marcus Oehlrich

Betriebswirtschaftslehre, page 462 - 471

Eine Einführung am Businessplan-Prozess

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4545-9, ISBN online: 978-3-8006-4546-6, https://doi.org/10.15358/9783800645466_462

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7.2 Finanzierung 451 7.2 Finanzierung 7.2.1 Finanzprozesse im Unternehmen In Kapitel 6 erfolgte die Analyse des Unternehmens anhand des Jahresabschlusses. Betrachtet man beispielsweise die Bilanz, so wird die Finanzierung auf der Passivseite abgebildet. Sie macht deutlich, welcher Anteil des Kapitals dem Unternehmen von den Anteilseignern als Eigenkapital (Haftungskapital) und welche Teile von Banken und anderen Kreditgebern (Lieferanten) als Fremdkapital (Gläubigerkapital) zur Verfügung gestellt wurde. Investition stellt hingegen die Verwendung finanzieller Mittel dar, um Sachvermögen, immaterielles Vermögen oder Finanzvermögen (Maschinen, Vorräte, Patente, Lizenzen, Wertpapiere, Beteiligungen) zu beschaffen. Vor dem Hintergrund der Bilanz liegt demnach die Aufgabe in der Finanzierung, durch Kapitalbeschaffung die Beschaffung von Vermögenswerten zu gewährleisten. Dabei umfasst die Finanzierung nicht nur den Bereich der betrieblichen Leistungserstellung und Leistungsverwendung, sondern auch die Vornahme von außerordentlichen finanztechnischen Vorgängen wie Gründung, Kapitalerhöhung, Fusion, Umwandlung, Sanierung oder Liquidation. Zur Finanzierung gehören damit auch der Verlust und die Rückzahlung früher beschafften Kapitals. Zwar stehen die Begriffe Finanzierung und Investition in engem Zusammenhang, denn eine Mittelverwendung setzt das Vorhandensein und damit die Beschaffung von finanziellen Mitteln voraus. Doch nicht jede Verwendung finanzieller Mittel stellt eine Investition dar. Genauso hat nicht jede Beschaffung von finanziellen Mittel eine Investition zum Ziel. Eine Aufnahme von Fremdkapital kann beispielsweise möglich sein, wenn ein Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten kommt. In diesem Fall erfolgt zwar eine Kapitalbeschaffung, welche zu einer Ausweitung des Gesamtkapitals führt; das Investitionsvolumen wird dadurch jedoch nicht beeinflusst. Zudem muss Finanzierung nicht zwingend die Erhöhung des Geldvermögens zur Folge haben. So können Anteilseigner eines Unternehmens auch durch die Einbringung von Sacheinlagen eine Kapitalerhöhung bewirken, so dass Investition und Finanzierung zusammenfallen. Außer bei Sacheinlagen schlagen sich die vermögensmäßigen Gegenwerte einer Finanzierung in der Bilanz zunächst in den liquiden Mitteln nieder, bevor sie für die Geschäftstätigkeit zum Beispiel zur Beschaffung von Maschinen investiert werden. Zudem ist es möglich, durch eine Desinvestition Kapital umzuschichten, indem die in Sach- und Finanzwerten investierten Geldbeträge liquidiert werden, so dass sie erneut für Investitionen zur Verfügung stehen. Neben Kapitalbeschaffung treten regelmäßig auch Kapitalabflüsse ein, wenn etwa Eigen- bzw. Fremdkapital zurückgezahlt wird, Gewinne ausgeschüttet oder Rücklagen aufgelöst werden. Somit lässt sich der gesamte Betriebsprozess als ein Prozess laufender Investitionen und Desinvestitionen, d.h. eine kontinuierlich wechselnde Bindung und Freisetzung liquider Mittel auffassen. Finanzierung und Investition unterscheiden sich daher nur im Vorzeichen der ersten Zahlung: Während eine Finanzierungszahlungsreihe durch eine Einzahlung in t0 gekennzeichnet ist, der Auszahlungen folgen, beginnt die Zahlungsreihe einer Investition mit einer Auszahlung und weist in zukünftigen Perioden Einzahlungen auf. Die finanziellen Vorgänge des Betriebsprozesses können mit einem idealtypischen Finanzkreislauf beschrieben werden: OehlrichBWL.pdf 475 29.01.2013 08:18:37 452 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement (1) In der ersten Phase erfolgt die Kapitalbeschaffung durch Außenfinanzierung in der Form von Eigen- oder Fremdkapital. Bilanziell stellt diese Außenfinanzierung eine Bilanzverlängerung dar. (2) In der zweiten Phase wird dieses Kapital für Investitionen verwendet; es findet ein Aktivtausch statt, indem liquide Mittel verringert und dafür Investitionsgüter erhöht werden. (3) Die dritte Phase betrifft den Kapitalrückfluss, der sich hauptsächlich durch die Einzahlungen aus den vorteilhaften Investitionsprojekten ergibt. Dadurch wird dem Unternehmen zusätzliches Kapital zur Verfügung gestellt (Innenfinanzierung), das für weitere Investitionen in der zweiten Phase eingesetzt werden kann. Neben diesen Rückflüssen aus dem Umsatzprozess sind auch Rückflüsse aus Desinvestitionen möglich. (4) Die vierte Phase umfasst den Kapitalabfluss, d.h. Entfinanzierung, durch Rückzahlungen an Eigen- und Fremdkapitalgeber, Gewinnausschüttungen und Verluste (Bilanzverkürzung). Abb. 96 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen den Bestandsgrößen der Bilanz und der Investition und Finanzierung. Dieser Kreislauf kann beliebig oft durchlaufen werden. Wichtig ist nur, dass keine finanziellen Ungleichgewichte auftreten. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn die Einzahlungen aus dem Umsatzprozess so hinter den Auszahlungen zurückbleiben, dass neue Außenfinanzierungen notwendig werden, ohne dass diese für neue Investitionsprojekte verwendet werden. Die exakte Beurteilung dieser Finanzflüsse ist nicht auf Grundlage des Jahresabschlusses, sondern nur auf Grundlage der Kapitalflussrechnung möglich. Im Wege der Bilanzanalyse können höchstens Vermutungen bezüglich der Finanzflüsse generiert werden. Abb. 96: Zusammenhänge zwischen Kapital, Vermögen, Finanzierung und Investition Finanzierung Entfinanzierung Investition Desinvestition Kapital Vorgänge (dynamisch) Bestände (statisch) Vermögen OehlrichBWL.pdf 476 29.01.2013 08:18:37 7.2 Finanzierung 453 7.2.2 Innenfinanzierung Abb. 97 gibt einen Überblick über diese Quellen der Innenfinanzierung. Bei der Selbstfinanzierung stammen die finanziellen Mittel aus dem Umsatzprozess. Zwar fließen sie von außen zu, aber lediglich in Form des Rückflusses bereits einmal investierter Mittel. Sie stammen also im Gegensatz zu den im Rahmen der Außenfinanzierung genutzten Einlagen oder Krediten direkt aus dem Leistungsprozess. Es handelt sich bilanztechnisch daher um neu gebildete Mittel durch Vermögens- und Kapitalzuwachs und mithin um eine Bilanzverlängerung. Davon zu unterscheiden ist die Finanzierung aus Vermögensumschichtung. Zwar fließen auch hier dem Unternehmen Mittel von außen zu, allerdings wurden diese aus einer Liquidierung bereits investierter Mittel gewonnen. Der Erwerb neuer Vermögensgegenstände basiert somit aus dem Umsatz von vorhandenen Vermögensgegenständen. Die Finanzierung aus Vermögensumschichtung stellt somit einen Aktivtausch dar. 1 Die dritte Finanzierungsmöglichkeit stellt die Finanzierung aus Abschreibungen bzw. Rückstellungen dar. Die Vornahme von Abschreibungen bzw. die Bildung von Rückstellungen ist niemals gleichzeitig zahlungswirksam. Vielmehr ist bei der Abschreibung die Auszahlung bereits in früheren Perioden erfolgt, während bei der Rückstellung die Auszahlung erst bei der Auflösung der Rückstellung zum Tragen kommt. Die Vornahme von Abschreibungen bzw. Bildung von Rückstellungen mindert zwar den ausschüttungsfähigen Gewinn der Periode.Es handelt sich jedoch lediglich um eine Ausschüttungssperre, Innenfinanzierung bedeutet, dass Kapital durch innerbetriebliche Vorgänge bereit gestellt werden kann. Neben der Finanzierung aus Gewinnen und Vermögensumschichtungen spielt die Finanzierung aus Abschreibungen und Rückstellungen eine besondere Rolle. Abb. 97: Möglichkeiten der Innenfinanzierung1 1 In Anlehnung an: Schierenbeck/Wöhle (2008), S. 491. Vermögensumschichtung Abschreibung bzw. Rückstellung „Finanzierung“ aus Abschreibungen z.B. Verkauf Anlagevermögen, Lagerabbau Einzahlungsüberschüsse Selbstfinanzierung Finanzierung aus Gewinnen Innenfinanzierung OehlrichBWL.pdf 477 29.01.2013 08:18:37 454 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement d.h. der Abschreibungs- bzw. Rückstellungsbetrag wird im Unternehmen reinvestiert und fließt im Falle von Rückstellungen erst bei deren Auflösung ab, so dass damit zusätzliche Investitionen finanziert werden können. Zu beachten ist dabei, dass es sich bei der Finanzierung aus Abschreibungen um eine Eigenfinanzierung handelt (Eigenkapital), während die Finanzierung aus Rückstellungen eine Fremdfinanzierung darstellt (Fremdkapital). 7.2.3 Außenfinanzierung Abb. 98 gibt einen Überblick über diese Quellen der Außenfinanzierung. Die verschiedenen Möglichkeiten der Beteiligungsfinanzierung sowie Subventionen wurden bereits in Abschnitt 1.4 im Rahmen der Gründungsfinanzierung besprochen, so dass auf Business Angels, Venture Capital und Fördermittel nicht mehr eingegangen werden muss. Da die Emission von Aktien jedoch bei der Gründungsfinanzierung keine Rolle spielt, sondern erst bei der Wachstumsfinanzierung, soll im Folgenden die Bedeutung der Aktienemission auf dem Kapitalmarkt dargestellt werden. 2 Dem Kapitalmarkt als geordneter Markt für langfristige Wertpapiere kommen verschiedene Funktionen zu. Einerseits bietet er den Unternehmen die Möglichkeit, schnell und effizient große Summen an Kapital aufzunehmen – sei es als Eigenkapital über die Emission von Aktien oder als Fremdkapital über die Emission von Anleihen. Andererseits er- Außenfinanzierung bedeutet, dass das Kapital dem Unternehmen von außen zufließt, also nicht aus dem betrieblichen Umsatzprozess, sondern aus Kapitaleinlagen (Eigenkapital) oder Krediten (Fremdkapital) stammt. Daneben sind grundsätzlich auch Subventionen denkbar, die unmittelbar weder zu einer Erhöhung des Eigenkapitals, noch des Fremdkapitals führen. Abb. 98: Möglichkeiten der Außenfinanzierung2 2 In Anlehnung an: Schierenbeck/Wöhle (2008), S. 491. Außenfinanzierung Beteiligung Neue Gesellschafter bzw. Aktionäre Kredit Subvention Kurzfristig Langfristig Lieferantenkredit Bankkredit Investitionszulagen/ Zinszulagen OehlrichBWL.pdf 478 29.01.2013 08:18:37 7.2 Finanzierung 455 möglicht er Anlegern, ihr Kapital in verschiedene Wertpapiere mit unterschiedlichen Rendite-Risiko-Kombinationen zu investieren. Wichtig ist die Unterscheidung des Kapitalmarktes in den Primär- und den Sekundärmarkt. Dem Primärmarkt kommt die Aufgabe der Mittelbereitstellung zu, d.h. hier werden Unternehmen durch die Ausgabe von Wertpapieren mit neuem Kapital versorgt. Auf dem Sekundärmarkt werden hingegen bereits ausgegebene Wertpapiere gehandelt (Fungibilitätsfunktion), d.h. hier haben die Inhaber der Wertpapiere die Möglichkeit, sich jederzeit von ihrem Investment zu trennen. Insbesondere ihre Fungibilität hat die Aktie zu dem wichtigsten Instrument der Eigenkapitalbeschaffung gemacht. Denn keine andere Form der Beteiligung bietet einem Eigenkapitalgeber eine so große Flexibilität wie die Aktie eines börsennotierten Unternehmens. Die Fungibilität hängt direkt mit den Transformationsfunktionen des Kapitalmarktes zusammen: • Fristentransformation: Der Kapitalmarkt ermöglicht das Zustandekommen einer Transaktion, obwohl die Partner unterschiedliche Fristen der Kapitalaufnahme bzw. -anlage haben. • Losgrößentransformation: Eine große Investition kann auf viele Marktteilnehmer aufgeteilt werden. • Risikotransformation: Der Kapitalmarkt bietet den Handel mit Risiken an. So können etwa unsichere Zahlungsströme in einen sicheren Zahlungsstrom umgewandelt werden, wobei der Risikoübernehmende eine Risikoprämie verlangen wird. Durch den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sowie der Erfüllung der genannten Transformationsfunktionen sorgt der Kapitalmarkt für eine effiziente Allokation (Zuteilung) der knappen Ressource Kapital. Allerdings handelt es sich bei der effizienten Allokation um eine Idealvorstellung. In der Praxis hat sich leider gezeigt, dass irrationales Verhalten, Fehleinschätzungen sowie Spekulation den Kapitalmarkt auch destabilisieren können. Die Voraussetzungen für die Notierung von Aktien an den bekannten Börsen sind streng reglementiert. Beispielsweise werden Mindestkriterien für die Zahl der öffentlich gehandelten Aktien, dem Handelsvolumen, dem Jahresüberschuss und dem Marktwert des Unternehmens vorgegeben. Solche Voraussetzungen können offensichtlich nur von gro- ßen Unternehmen erfüllt werden. Kleine und mittelständische Unternehmen müssen daher auf andere Börsensegmente oder den außerbörslichen Handel ausweichen. Dies macht deutlich, warum sich mit einigen kleinen Ausnahmen nur reifere Unternehmen bei den Börsen listen lassen. Die Neuemission von Aktien erfolgt grundsätzlich auf dem Primärmarkt. Wenn ein Unternehmen, welches bis dahin noch keine Aktien herausgegeben hat, zum ersten Mal Aktien auf dem öffentlichen Markt für Aktien anbieten will, dann wird dies als Initial Public Offering (IPO) oder Going Public bezeichnet.3 Erstemission bedeutet, dass das Unternehmen zum ersten Mal Aktien an die Investitionsöffentlichkeit anbietet. Öffentlich heißt, dass die Aktien an die allgemeine Investitionsöffentlichkeit angeboten werden, d.h. an einen breiten, nicht spezifizierten Kreis an potenziellen Investoren. Bei dem Börsengang 3 Manchmal wird unterschieden zwischen dem Going Public als Prozess und dem IPO als Ergebnis eines Börsengangs. Da die Begriffe in der Praxis jedoch synonym verwendet werden, wird diese Unterscheidung nicht weiter verfolgt. OehlrichBWL.pdf 479 29.01.2013 08:18:37 456 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement muss der Emittent ein Prospekt über die Emission ausarbeiten, welches Informationen über den Herausgeber der Aktien und über die geplante Emission enthält. Bei der Emission von neuen Wertpapieren spielen die Investmentbanken eine zentrale Rolle. Ihre Aktivität umfasst mehrere Funktionen: • ratgebende Funktion (bei der Vorbereitung der Emission); • administrative Funktionen (bei der Registrierung der Emission bei der zuständigen Aufsichtsbehörde); • werbende Funktion (bei der Knüpfung von Kontakten mit potenziellen Käufern); • die Funktion der Realisierung (d.h. Platzierung) der Emission bis hin zu den Investoren (underwriting). Die Auswahl der Investmentbank kann auf zwei Wegen erfolgen. Erstens können zwischen dem Emittenten und der Investmentbank Verhandlungen stattfinden (negotiated offering), in denen die Bedingungen des Vertrages bei einer Verpflichtung der Bank festgelegt werden. Zweitens können konkurrierende Angebote gesammelt werden (competitive offering), wobei der Emittent zunächst die Bedingungen des Vertrages festlegt, und erst danach Angebote der interessierten Investitionsbanken sammelt. Für größere Emissionen bilden die Investmentbanken Konsortien (underwriting syndicate), um das Risiko untereinander aufzuteilen. Bei der Platzierung von neuen Emissionen unterscheidet man zwischen zwei grundlegenden Arten von Verpflichtungen der Investmentbanken. Die erste Art ist das sogenannte firm commitment. Dies ist der Fall wenn die Investitionsbank die Emission aufkauft, danach diese jedoch an eine größere Gruppe von Investoren weiterverkauft. In diesem Fall übernimmt die Bank das mit der Platzierung der Emission verbundene Risiko bzw. garantiert die Platzierung in der Hoffnung, dass sie die Emission zu einem höheren Preis weiterverkauft als sie bei dem Erstkauf ausgegeben hat. Die zweite Art der Verpflichtung wird als best effort bezeichnet. Hierbei verpflichtet sich die Bank nur, sich bestmöglich für die Platzierung der Emission einzusetzen, übernimmt jedoch kein Risiko. Diese Konsortien erscheinen in den sogenannten Tombstones, mit denen die erfolgreiche Platzierung einer Emission veröffentlicht wird. Auf den folgenden Seiten wird der Tombstone der Erstemissision der Deutsche Telekom AG im Jahre 1996 abgebildet. Die Bedeutung der einzelnen Konsortialbanken wird deutlich über die Schriftgröße und Reihenfolge abgegrenzt. Bezüglich der Preisfeststellung existieren zwei grundsätzliche Verfahren, die mit der Verpflichtung der Investmentbanken zusammenhängen: • Sofern das Bankenkonsortium die Übernahme des gesamten Emissionsvolumens garantiert, ist das Festpreisverfahren anzuwenden. Hierbei wird der Ausgabekurs der Aktien vor Veröffentlichung des Verkaufsprospektes innerhalb des Konsortiums ausgehandelt. Die Preisschätzung basiert auf einer umfassenden Unternehmensanalyse in Form einer Unternehmensbewertung, dem Vergleich mit anderen Unternehmen sowie der allgemeinen Marktsituation. • Beim Bookbuilding-Verfahren, dem am häufigsten angewandten Verfahren, bestimmt sich der Ausgabekurs durch Angebot und Nachfrage. Es handelt sich in der Regel um ein dreistufiges Verfahren, bei dem ein Anspruch der Altaktionäre auf Bezugsrechte ausgeschlossen ist (Abb. 99). Zunächst wird die Preisspanne in der in der Pre-Marketing-Phase mit wichtigen Investoren abgestimmt. Zu Beginn der Marketing-Phase wird OehlrichBWL.pdf 480 29.01.2013 08:18:37 7.2 Finanzierung 457 OehlrichBWL.pdf 481 29.01.2013 08:18:37 458 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement OehlrichBWL.pdf 482 29.01.2013 08:18:37 7.2 Finanzierung 459 4 diese Preisspanne öffentlich bekannt gegeben. Präsentationen des Unternehmens an den internationalen Finanzmärkten (Roadshows) dienen dazu, weitere mögliche Anleger zu gewinnen. Innerhalb der Zeichnungsfrist (Order Taking) werden anschließend die Kaufaufträge interessierter Investoren im Orderbuch gesammelt. Die Investoren können dabei den Kaufpreis nach oben beschränken (Limit). Am Ende der Zeichnungsfrist legen das emittierende Unternehmen oder der platzierende Altaktionär gemeinsam mit den Konsortialbanken die Höhe des Emissionspreises fest. Alle Kaufaufträge, die über diesem Emissionspreis liegen, werden zu diesem ausgeführt. Die anderen Kaufauträge erhalten keine Zuteilung. Eine besondere Rolle beim Bookbuilding-Verfahren spielt die sogenannte Greenshoe. Es handelt sich dabei um eine Möglichkeit, weitere Aktien bis zu einer im Voraus festgelegten Höchstgrenze auszugeben, d.h. es wird mehr Kapital aufgenommen als eigentlich geplant. Die Greenshoe ist ein Instrument der Feinsteuerung, über das bei hoher Nachfrage weitere Aktien an den Markt gebracht werden können, um den Kurs zu stabilisieren und Kurssprünge zu verhindern. • Das letzte Verfahren ist das Auktionsverfahren, bei dem wiederum verschiedene Untergruppen unterschieden werden können. Bis auf wenige Ausnahmen spielt das Auktionsverfahren bei IPOs mittlerweile eine untergeordnete Rolle. 5 Abb. 99: Ablauf des Bookbuilding-Verfahrens4 4 Quelle: Thommen/Achleitner (2009), S. 606. 1. Börsengang der Deutsche Telekom AG (1996)5 Mit dem 18. November 1996 wurde ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte der Deutschen Telekom aufgeschlagen. Nach der Umwandlung der Deutschen Bundespost Telekom in eine Aktiengesellschaft zum Jahresanfang 1995 markierte der erste Börsengang der 5 Quelle: Deutsche Telekom AG. Wahl des Bookrunners BookbuildingMarketing KursstabilisierungPre-Marketing Bekanntgabe der Preisspanne (10–15%) Lead Manager Konsorter Pressekonferenzen Research- Berichte Unternehmensdarstellungen (Equity Story) Erstkontakt mit einzelnen Investoren Unternehmenspräsentation (Roadshows) Einzelgespräche (One-to-One) Beginn des Ordertaking Festsetzung des Emissionspreises Zuteilung Greenshoe (risikolose Option des Bookrunners zur Überzuteilung bei Überzeichnung der Emission) Sicherung der Marktliquidität Fest für einen Kunden (direct allotment) Als von der Konsortialbank frei verfügbare Masse (free Retention) OehlrichBWL.pdf 483 29.01.2013 08:18:37 460 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement 7.3 Unternehmensbewertung 7.3.1 Einführung Die Ermittlung des Wertes von Unternehmen zählt zu den interessantesten, aber auch anspruchsvollsten Aufgaben. Auch wenn viele Bewertungsanlässe wie etwa der Kauf oder Verkauf von Unternehmen im vorliegenden Buch nur am Rande gestreift werden konnten, so muss der Ersteller eines Businessplans unbedingt die Grundlagen der Unternehmensbewertung kennen. Einerseits muss im Rahmen der Beteiligungsfinanzierung bei der Ausgabe von Eigenkapitalanteilen deren Wert festgelegt bzw. ausgehandelt werden. Andererseits muss eine auf die Werterhöhung dieser Anteile ausgerichtete Strategie immer wieder kontrolliert werden. Schließlich schloss sich in Abb. 14 auf S. 48 an die Strategieimplementierung die strategische Erfolgskontrolle an. Die Unternehmensbewertung stellt daher auch die Grundlage für das wertorientierte Management dar, wie es im nachfolgenden Abschnitt am Beispiel des Shareholder Value-Ansatzes dargestellt wird. Die Suche nach dem „richtigen“ Verfahren der Unternehmensbewertung stellt ein in der Forschung seit jeher vieldiskutiertes und heftig umstrittenes Problemgebiet dar. Die Entwicklung der Theorie der Unternehmensbewertung kann historisch in drei Phasen eingeteilt werden: Deutschen Telekom die Öffnung des Unternehmens für den Kapitalmarkt. Mit der Platzierung von rund 713,7 Mio. Aktien wurde zum einen das Ziel verfolgt, die Verbesserung des Eigenkapitals der Deutschen Telekom AG in Form einer Kapitalerhöhung sicherzustellen und zum anderen, die Leistungsfähigkeit und Bedeutung des Finanzplatzes Deutschland zu demonstrieren. Die Deutsche Telekom ging bei diesem ersten Börsengang innovative Wege: um möglichst viele private Interessenten für die Anlageform Aktie mit Ihren Chancen – aber auch Risiken – zu interessieren und die T-Aktie breit zu vermarkten, wurde in Deutschland das Aktien-Informations-Forum (AIF) gegründet. Das AIF wurde auch nach Abschluss der Platzierung als „Forum T-Aktie“ aufrechterhalten und steht weiterhin als Investor Relations-Einrichtung der Deutschen Telekom AG für Privatanleger zur Verfügung. Privatpersonen erhielten hier kostenlos eine breite Palette von Informationen über die Aktie als solche, die Deutsche Telekom als Unternehmen und das Aktienangebot für Privatanleger im Rahmen der Platzierung. Zusätzlich wurde bereits früh in einer breit angelegten Kommunikationskampagne bekannt gemacht, dass Privatanlegern allgemein eine Bevorzugung in Form eines reduzierten Ausgabepreises und von Treue-Aktien angeboten wurde. Die Emission war – auch nach der Erhöhung der Tranche auf 600 Mio. Aktien, zuzüglich einer Emissionsreserve, dem so genannten Greenshoe in Höhe von 90 Mio. Aktien, – fünffach überzeichnet. Zusammen mit den rund 23 Mio. Anteilscheinen für die Mitarbeiter wurden insgesamt 713,7 Mio. Aktien verkauft. Der offizielle Ausgabepreis der T-Aktie belief sich auf Euro 14,57 (bzw. US-Dollar 18,89 und Yen 2140). Bei Einhaltung der Emissions- und Transferbedingungen konnten Privatanleger in Deutschland T-Aktien zu einem ermäßigten Kaufpreis von Euro 14,32 sowie Treueaktien aus dem Bonus-Programm erhalten. Der Deutschen Telekom flossen aus der Kapitalerhöhung ca. 10 Mrd. Euro frische Mittel zu. OehlrichBWL.pdf 484 29.01.2013 08:18:37

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References

Zusammenfassung

Dieses Lehrbuch vermittelt eine verständliche Einführung in die Betriebswirtschaftslehre mit einem Schwerpunkt auf den Managementfunktionen. Die Besonderheit besteht darin, dass es die betriebswirtschaftlichen Funktionen nicht getrennt voneinander darstellt, sondern die Praxiszusammenhänge, z.B. zwischen der Organisation und dem Strategischen Management, deutlich macht. Dies gelingt dadurch, dass der Erstellungsprozess eines Businessplans gemeinsame Grundlage ist.

Aufbau

1. Businessplan und Business Planning

2. Geschäftsmodell, Zielsystem und Strategie

3. Analyse von Markt, Kunden und Konkurrenten

4. Gestaltung der Wertschöpfung

5. Unternehmensstruktur

6. Rechnungswesen

7. Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement

8. Businessplan