Content

7.1 Finanzmathematische Grundlagen in:

Marcus Oehlrich

Betriebswirtschaftslehre, page 455 - 462

Eine Einführung am Businessplan-Prozess

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4545-9, ISBN online: 978-3-8006-4546-6, https://doi.org/10.15358/9783800645466_455

Bibliographic information
Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement Kapitelübersicht 7.1 Finanzmathematische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 7.2 Finanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451 7.2.1 Finanzprozesse im Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451 7.2.2 Innenfinanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 7.2.3 Außenfinanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 7.3 Unternehmensbewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 460 7.3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 460 7.3.2 Discounted Cash Flow-Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462 7.3.2.1 Gemeinsamkeiten der Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462 7.3.2.2 Equity-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 7.3.2.3 Entity-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 468 7.3.3 Realoptionsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469 7.4 Shareholder Value-Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471 7.4.1 Darstellung des Ansatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471 7.4.2 Shareholder vs. Stakeholder-Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 7.4.3 Werttreibermanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481 7.4.4 Anreizsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 7.5 Wertmanagement und Balanced Scorecard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 495 7.6 Fragen und Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 498 7.7 Literaturempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 OehlrichBWL.pdf 467 29.01.2013 08:18:36 7.1 Finanzmathematische Grundlagen In diesem Kapitel schließt sich der Kreis des vorliegenden Lehrbuchs. Als Hauptaufgabe des Businessplans wurde die Gewinnung von Kapitalgebern dargestellt – seien es externe Kapitalgeber wie Aktionäre oder interne „Kapitalgeber“ wie die Unternehmensleitung, welche einzelnen Geschäftsbereichen Ressourcen zuweist. Diese Bereitstellung finanzieller Mittel wird als Finanzierung bezeichnet. Klassischerweise wird in der Betriebswirtschaftslehre die Finanzierung zusammen mit der Investition, d.h. der Verwendung finanzieller Mittel, beschrieben. Dies hat zwar didaktische Vorteile, weil Investition und Finanzierung zwei Seiten einer Medaille sind. Jedoch werden dadurch grundlegende Zusammenhänge vernachlässigt. Im Folgenden soll die Finanzierung daher vor dem Hintergrund der Interessen der Anteilseigner dargestellt werden. Schließlich werden sie nur dann bereit sein, Kapital zur Verfügung zu stellen, wenn sie sich davon einen Mehrwert versprechen. Damit rückt die Bedeutung des Wertmanagements in den Vordergrund, das sicherstellen soll, dass dieser geforderte Wert geschaffen wird. Als quantitative Größe für diesen Wert wird gemeinhin der Shareholder Value, d.h. der Marktwert des Eigenkapitals, angesehen, den es zu maximieren gilt. Fast alle Probleme der Finanzierung handeln von der Ermittlung des Gegenwartswerts einer in der Zukunft liegenden Zahlungsreihe. In einer Zahlungsreihe werden die einzelnen Ein- und Auszahlungen den Zeitpunkten zugeordnet, zu denen sie eintreten. Aus Gründen der Vereinfachung werden nicht alle denkbaren Zeitpunkte eingetragen, sondern es findet eine Zuordnung zu einzelnen Zeitpunkten statt (Abb. 92). Für die diskreten Zeitpunkte wird meist die Variable t verwendet, die bis zum Endzeitpunkt T läuft (t = 0,1,…,T). Die Zahl der Perioden kann auch unendlich sein (T = ). Einzahlungen zum Zeitpunkt t werden mit der Variablen Et bezeichnet, Auszahlungen mit At. Allerdings wird eine Ein- bzw. Auszahlung nicht einzeln dargestellt, sondern es erfolgt eine Saldierung aller Ein- bzw. Auszahlungen zu einem Zeitpunkt. Der Cash Flow CFt als Differenz aus Einzahlungen abzüglich der Auszahlungen zum Zeitpunkt t wurde bereits in Unterabschnitt 6.2.5 dargestellt. Da es sich bei allen zukünftigen Zahlungen um Prognosen handelt, können die Zahlungen auch unsicher sein. Grundsätzlich bietet die Finanzierungstheorie auch Instrumente an, um unsichere Zahlungsreihen zu bewerten. Im vorliegenden Abschnitt wird jedoch von sicheren Erwartungen ausgegangen. Den Gegenwartswert, der als Barwert (Present Value) der Zahlungsreihe bezeichnet wird, erhält man, indem man alle Zahlungen, die vor oder nach dem Bezugszeitpunkt anfallen, auf- bzw. abzinst. Zahlungen, die vor dem Bezugzeitpunkt anfallen, werden aufgezinst. Zahlungen, die nach dem Bezugszeitpunkt liegen, werden abgezinst. Abb. 93 verdeutlicht die Berechnung des Barwerts mit dem Bezugszeitpunkt t = 2. Abb. 92: Schema einer Zahlungsreihe Zeitt=0 t=1 t=2 t=3 t=4 OehlrichBWL.pdf 469 29.01.2013 08:18:36 446 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement Für Auf- bzw. Abzinsung wird der Kalkulationszinssatz verwendet, der meist mit der Variablen i bezeichnet wird (engl. interest – Zinsen). Die Aufzinsung erfolgt für n Perioden durch Multiplikation mit dem Faktor (1 + i)n. Die Abzinsung erfolgt durch Division durch den Faktor (1 + i)n, die identisch ist mit der Multiplikation mit dem Faktor (1 + i)–n. Der Barwert zum Zeitpunkt t = n errechnet sich somit allgemein über die Summenformel: Bn = × (1+i) n–t Für das in Abb. 93 dargestellte Beispiel mit n = 2 gilt somit: B2 = × (1+i) n–t = CF0 × (1+i) 2 + CF1 × (1+i) 1 + CF2 × (1+i) 0 + CF3 × (1+i) –1 + CF4 × (1+i) –2 Da die Multiplikation mit einem Faktor mit negativem Exponenten (z.B. (1 + i)–2) identisch ist mit der Division durch denselben Faktor mit positivem Exponenten (z.B. (1 + i)2), lässt sich dies auch schreiben als: B2 = CF0 × (1+i) 2 + CF1 × (1+i) + CF2 + CF3 × + CF4 × Dem Kalkulationszinssatz kommt eine wichtige Rolle zu, da er die Opportunitätskosten der Zahlungsreihe repräsentiert. Beispiel: Nehmen wir an, dass eine Investition zu bewerten ist, die zum Jahresende der nächsten 5 Jahre jeweils (sichere) Einzahlungen in Höhe von 100 Euro verspricht. Wenn eine Bank uns einen jährlichen Zinssatz von 10% für die Anlage des Geldes über 5 Jahre hinweg zahlen würde, dann sind diese 10% die Opportunitätskosten der Investition, mit denen wir die Investition vergleichen Abb. 93: Berechnung des Barwerts einer Zahlungsreihe Unter Opportunitätskosten versteht man allgemein den Nutzenentgang, der bei mehreren Alternativen durch die Entscheidung für die eine und gegen die anderen Möglichkeiten entsteht. In der Investitions- und Finanzierungstheorie ergeben sich Opportunitätskosten durch die Verwendungsmöglichkeiten des Kapitals. Beispielsweise verzichtet ein Eigen- oder Fremdkapitalgeber des Unternehmens auf die Möglichkeit, sein Kapital für Konsumzwecke oder alternative Anlagen zu verwenden. Zeitt=0 t=1 t=2 t=3 t=4 (1 + i)2 (1 + i) (1 + i)2 (1 + i) × × ÷ ÷ CFt t=0 T CFt t=0 T 1 (1+i) ---------------- 1 (1+i)2 ----------------- OehlrichBWL.pdf 470 29.01.2013 08:18:36 7.1 Finanzmathematische Grundlagen 447 müssen. Der Barwert kann also durch Abzinsung der Cash Flows ermittelt werden, indem wir die Opportunitätskosten als Kalkulationszinssatz verwenden. Ein besonders wichtiger Gegenwartswert ist der Kapitalwert (Net Present Value). Der Kapitalwert gibt den Gegenwartswert einer Zahlungsreihe unmittelbar vor der ersten Zahlung an: K0 = CF0 + × (1+i) –t Der Kapitalwert gibt die Vermögensmehrung des Entscheiders zum Zeitpunkt 0 an, d.h. er könnte zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Zahlungsreihe den Betrag K0 zusätzlich konsumieren oder für andere Zwecke verwenden. Geht es bei der Zahlungsreihe etwa um eine Investition, so wäre der Entscheider bereits zu diesem Zeitpunkt um den Betrag K0 reicher. Zum ökonomischen Gehalt des Kapitalwertes finden sich in der Literatur die unterschiedlichsten Ausführungen. Hier sollen drei mögliche Interpretationen kurz vorgestellt werden, um zu veranschaulichen, was unter dem Begriff des Kapitalwertes verstanden werden kann: 1. Der Kapitalwert ist die Differenz zwischen dem Barwert der Bruttoeinzahlungsüberschüsse und dem Barwert der Bruttoauszahlungsüberschüsse. Ein positiver Kapitalwert resultiert aus der Tatsache, dass der Barwert der Bruttoeinzahlungsüberschüsse größer ist als der Barwert der Bruttoauszahlungsüberschüsse. Die Durchführung der Investition lohnt sich also. Im umgekehrten Fall ist der Kapitalwert negativ und es lohnt sich nicht, die Investition zu realisieren. 2. Bei der Durchführung der Investition erzielt der Investor einen auf t0 bezogenen Vermögenszuwachs (Mehrkonsummöglichkeit) in Höhe des Kapitalwertes gegenüber einer Alternativanlage. Dieser Vermögenszuwachs ist allerdings lediglich eine rechentechnische Vergleichsgröße, da die Zahlungen des Investitionsobjektes in t0 tatsächlich noch nicht eingetreten sind. Der Vermögenszuwachs als Vergleichsgröße sagt aus, dass der Investor durch die Investition – bezogen auf t0 – mehr Kapital zur Verfügung hat als bei einer alternativen Anlage seines Eigenkapitals zum jeweiligen Kalkulationszinssatz. 3. Der Kapitalwert repräsentiert die gesamte Zahlungsreihe eines Investitionsobjektes durch einen einzigen Betrag. Der Kapitalwert lässt sich somit als Grenz- oder Marktpreis der zugrunde liegenden Zahlungsreihe des Investitionsobjektes am Kapitalmarkt interpretieren. Denn wenn die mit der Investition verbundene Zahlungsreihe in t0 am Kapitalmarkt verkauft werden könnte, würde der Verkäufer mindestens den Kapitalwert fordern und der Käufer maximal den Kapitalwert bezahlen wollen. Der Gleichgewichtspreis beim Handel von Investitionsobjekten wie z.B. von Aktien folgt genau dieser Konzeption. Der Kapitalwert kann damit als Entscheidungskriterium für Investitions- und Finanzierungsentscheidungen herangezogen werden. Immer dann, wenn der Kapitalwert größer ist als null, ist die Investition bzw. Finanzierung für den Entscheider vorteilhaft. Bei einem Kapitalwert von null ist der Entscheider indifferent. Bei einem negativen Kapitalwert ist sie für ihn nachteilig. CFt t=1 T OehlrichBWL.pdf 471 29.01.2013 08:18:37 448 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement In der Theorie wird ein vollkommener Kapitalmarkt vorausgesetzt, bei dem alle Marktteilnehmer über denselben Informationsstand (Informationssymmetrie) sowie über eine unendlich schnelle Reaktionsgeschwindigkeit verfügen und keine Transaktionskosten anfallen. Unter diesen Annahmen werden alle Finanzierungen einen Kapitalwert von null aufweisen. Die Kapitalwertmethode ist damit die grundlegende Methode der Investitions- und Finanzierungstheorie. Der Barwert der oben genannten Zahlungsreihe zum Zeitpunkt 0 beträgt 379,08 Euro, d.h. die Zahlungsreihe ist zu diesem Zeitpunkt genau diesen Betrag wert. Wenn man nun für diese Zahlungsreihe zum Zeitpunkt 0 einen Preis in Höhe von 300 Euro bezahlen müsste, dann beträgt der Kapitalwert: K0 = –300 + 379,08 = 79,08 Der positive Kapitalwert zeigt somit an, dass das Investitionsprojekt vorteilhaft ist und sich zum Zeitpunkt 0 das Vermögen des Entscheiders um 79,08 Euro mehrt. Würde das Projekt eine Anschaffungsauszahlung CF0 in Höhe von 400,00 Euro erfordern, so wäre es unvorteilhaft. Dies bedeutet, dass zwei oder mehrere Investitionen allein aufgrund des Kapitalwertes miteinander verglichen werden können. Unterschiede in der Höhe der Anschaffungsauszahlungen, der zeitlichen Struktur der Zahlungsströme und der Nutzungsdauer werden damit bedeutungslos. Die Berechnung von Kapitalwerten erfolgt in der Praxis mit Hilfe von Microsoft Excel. Es bietet sich an, die Tabelle so aufzubauen, dass die Periode in der Zeile, die Cash Flows in der Spalte stehen (Abb. 94). Denn in der Regel sind die Cash Flows noch nicht bekannt, sondern müssen zuerst auf Basis der Ein- und Auszahlungen (direkte Methode) oder auf Basis des Jahresüberschusses (indirekte Methode) berechnet werden. Die Eingabe des Kalkulationszinssatzes erfolgt am besten in einer separaten Zelle, so dass der Kalkulationszinssatz bei Bedarf leicht geändert werden kann. Zur besseren Darstellung kann der Kalkulationszinssatz über Zellen formatieren > Zahlen > Prozent formatiert werden. Zu beachten ist dabei, dass sich die Bezeichnungen in Excel von den standardmäßigen Begriffen unterscheiden. Excel verwendet die Funktion „NBW (Kapitalwert)“ zur Bezeichnung des Barwertes, nicht des Kapitalwerts einer Zahlungsreihe. Zum Berechnen des finanzwirtschaftlichen Kapitalwerts einer Zahlungsreihe mit Excel muss zuerst der Abb. 94: Grundschema der Kapitalwertberechnung in MS Excel Kalkulationszinssatz Kapitalwert Jahr Cash Flow OehlrichBWL.pdf 472 29.01.2013 08:18:37 7.1 Finanzmathematische Grundlagen 449 Barwert der zukünftigen Cash Flows ermittelt werden. Dann wird von diesem Wert der Cash Flow zum Zeitpunkt 0, d.h. die Anschaffungsauszahlung abgezogen (Abb. 95). Wenn man die Zahlenformatierung mit zwei Dezimalstellen einstellt, ergibt sich als Kapitalwert der Betrag 79,08. Neben dem Aufzinsungs- und Abzinsungsfaktor sind in der Finanzmathematik noch drei weitere Zinsfaktoren von grundlegender Bedeutung, die die Arbeit mit Zahlungsreihen deutlich vereinfachen. Der Rentenbarwertfaktor (RBWF) gibt den Barwert einer endlichen Rente Rt, die bis zur Periode T gezahlt wird (t = 1,…,T), zum aktuellen Zeitpunkt an: Als Rente bezeichnet man dabei eine gleichbleibende, periodische Zahlung. Der Rentenbarwertfaktor ist somit das Resultat der aufsummierten Abzinsungsfaktoren für den betrachteten Zeitraum, in dem die Rente gezahlt wird. Der Barwert der Rente ergibt sich aus der Multiplikation der Rente mit dem Rentenbarwertfaktor: B0 = × Rt Beispiel: Ein Versicherter erhält aus einer Lebensversicherung in den folgenden 10 Jahren eine gleichbleibende jährliche Zahlung in Höhe 5000 Euro. Der Kalkulationszinssatz beträgt 5%. Der Barwert der Zahlungsreihe zum Zeitpunkt t = 0 ergibt sich aus der Multiplikation der Rente mit dem Rentenbarwertfaktor: B0 = × 5000 = 7,721734 × 5000 = 38 608,67 Euro Der Rentenbarwertfaktor bietet zwei Vorteile: Zum einen erspart er die Berechnung der einzelnen Abzinsungsfaktoren (im Beispiel wären das zehn). Zum anderen lässt er sich Abb. 95: Verwendung der Funktion „NBW (Kapitalwert)“ in MS Excel Kalkulationszinssatz Kapitalwert Jahr Cash Flow 1 i+ T 1– i 1 i+ T --------------------------- 1 i+ T 1– i 1 i+ T --------------------------- 1 0 05 + 10 1– 0 05 1 0,05+ 10 --------------------------------------------------- OehlrichBWL.pdf 473 29.01.2013 08:18:37 450 7 Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement wiederverwenden, wenn der Barwert anderer Renten berechnet werden soll, die in Laufzeit und Kalkulationszinssatz identisch sind. Wenn also die Rente statt 5000 Euro nur 3000 Euro jährlich beträgt, sinkt der Barwert auf 7,72173 × 3000 = 23 165,19 Euro. Für andere Laufzeiten und/oder Kalkulationszinssätze muss der Rentenbarwertfaktor allerdings neu berechnet werden. Die ewige Rente gibt den Barwert einer unendlichen Rente von t = 1,…, an. Dieser ergibt sich aus der Division der Rente durch den Kalkulationszinssatz, d.h. durch Multiplikation mit dem Faktor 1/i: B0 = Dabei ist zu beachten, dass die erste Rente – wie beim Rentenbarwertfaktor – erst ab der folgenden Periode t = 1 berücksichtigt wird. Beispiel: Eine britische Staatsanleihe zahlt dem Inhaber des Papiers ohne zeitliche Befristung einen jährlichen Zins in Höhe von 50 Pfund Sterling. Der Kalkulationszinssatz beträgt 3%. Der Wert dieses Wertpapiers ergibt sich bei sicheren Erwartungen über die Höhe der Zinszahlungen und den Kalkulationszinssatz als: B0 = = 1 666,67 Der Annuitätenfaktor ist das Gegenstück des Rentenbarwertfaktors. Er gibt an, welche endliche, gleichbleibende Rente (Annuität), At, aus einem gegebenen Gegenwartswert, B0, für die Perioden t = 1,…,T gezahlt werden kann. Der Annuitätenfaktor ist somit mathematisch der Kehrwert des Rentenbarwertfaktors: Die gleichbleibende Annuität, die aus dem Gegenwartswert B0 gezahlt werden kann, errechnet sich somit als: At = × B0 Beispiel: Ein Versicherter erhält zum 65. Lebensjahr die Ablaufleistung seiner Kapitallebensversicherung in Höhe von 213 000 Euro (nach Steuern) ausgezahlt. Er möchte dieses Kapital in den folgenden 15 Jahren verbrauchen, indem jährlich eine gleichbleibende Annuität entnommen wird; das Restkapital verzinst sich zum Kalkulationszinssatz in Höhe von 4%. Mit der letzten Rentenzahlung in der Periode T ist das Kapital aufgezehrt. Die Höhe der Annuität ergibt sich bei sicheren Erwartungen als: At = × 213 000 = 19 157,45 Euro R i ------ 50 0,03 -------------i 1 i+ T 1 i+ T 1 – ----------------------------i 1 i+ T 1 i+ T 1 – ----------------------------- 0,04 1 0,04+ 15 1 0,04+ 15 1 – ----------------------------------------------------- OehlrichBWL.pdf 474 29.01.2013 08:18:37 7.2 Finanzierung 451 7.2 Finanzierung 7.2.1 Finanzprozesse im Unternehmen In Kapitel 6 erfolgte die Analyse des Unternehmens anhand des Jahresabschlusses. Betrachtet man beispielsweise die Bilanz, so wird die Finanzierung auf der Passivseite abgebildet. Sie macht deutlich, welcher Anteil des Kapitals dem Unternehmen von den Anteilseignern als Eigenkapital (Haftungskapital) und welche Teile von Banken und anderen Kreditgebern (Lieferanten) als Fremdkapital (Gläubigerkapital) zur Verfügung gestellt wurde. Investition stellt hingegen die Verwendung finanzieller Mittel dar, um Sachvermögen, immaterielles Vermögen oder Finanzvermögen (Maschinen, Vorräte, Patente, Lizenzen, Wertpapiere, Beteiligungen) zu beschaffen. Vor dem Hintergrund der Bilanz liegt demnach die Aufgabe in der Finanzierung, durch Kapitalbeschaffung die Beschaffung von Vermögenswerten zu gewährleisten. Dabei umfasst die Finanzierung nicht nur den Bereich der betrieblichen Leistungserstellung und Leistungsverwendung, sondern auch die Vornahme von außerordentlichen finanztechnischen Vorgängen wie Gründung, Kapitalerhöhung, Fusion, Umwandlung, Sanierung oder Liquidation. Zur Finanzierung gehören damit auch der Verlust und die Rückzahlung früher beschafften Kapitals. Zwar stehen die Begriffe Finanzierung und Investition in engem Zusammenhang, denn eine Mittelverwendung setzt das Vorhandensein und damit die Beschaffung von finanziellen Mitteln voraus. Doch nicht jede Verwendung finanzieller Mittel stellt eine Investition dar. Genauso hat nicht jede Beschaffung von finanziellen Mittel eine Investition zum Ziel. Eine Aufnahme von Fremdkapital kann beispielsweise möglich sein, wenn ein Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten kommt. In diesem Fall erfolgt zwar eine Kapitalbeschaffung, welche zu einer Ausweitung des Gesamtkapitals führt; das Investitionsvolumen wird dadurch jedoch nicht beeinflusst. Zudem muss Finanzierung nicht zwingend die Erhöhung des Geldvermögens zur Folge haben. So können Anteilseigner eines Unternehmens auch durch die Einbringung von Sacheinlagen eine Kapitalerhöhung bewirken, so dass Investition und Finanzierung zusammenfallen. Außer bei Sacheinlagen schlagen sich die vermögensmäßigen Gegenwerte einer Finanzierung in der Bilanz zunächst in den liquiden Mitteln nieder, bevor sie für die Geschäftstätigkeit zum Beispiel zur Beschaffung von Maschinen investiert werden. Zudem ist es möglich, durch eine Desinvestition Kapital umzuschichten, indem die in Sach- und Finanzwerten investierten Geldbeträge liquidiert werden, so dass sie erneut für Investitionen zur Verfügung stehen. Neben Kapitalbeschaffung treten regelmäßig auch Kapitalabflüsse ein, wenn etwa Eigen- bzw. Fremdkapital zurückgezahlt wird, Gewinne ausgeschüttet oder Rücklagen aufgelöst werden. Somit lässt sich der gesamte Betriebsprozess als ein Prozess laufender Investitionen und Desinvestitionen, d.h. eine kontinuierlich wechselnde Bindung und Freisetzung liquider Mittel auffassen. Finanzierung und Investition unterscheiden sich daher nur im Vorzeichen der ersten Zahlung: Während eine Finanzierungszahlungsreihe durch eine Einzahlung in t0 gekennzeichnet ist, der Auszahlungen folgen, beginnt die Zahlungsreihe einer Investition mit einer Auszahlung und weist in zukünftigen Perioden Einzahlungen auf. Die finanziellen Vorgänge des Betriebsprozesses können mit einem idealtypischen Finanzkreislauf beschrieben werden: OehlrichBWL.pdf 475 29.01.2013 08:18:37

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dieses Lehrbuch vermittelt eine verständliche Einführung in die Betriebswirtschaftslehre mit einem Schwerpunkt auf den Managementfunktionen. Die Besonderheit besteht darin, dass es die betriebswirtschaftlichen Funktionen nicht getrennt voneinander darstellt, sondern die Praxiszusammenhänge, z.B. zwischen der Organisation und dem Strategischen Management, deutlich macht. Dies gelingt dadurch, dass der Erstellungsprozess eines Businessplans gemeinsame Grundlage ist.

Aufbau

1. Businessplan und Business Planning

2. Geschäftsmodell, Zielsystem und Strategie

3. Analyse von Markt, Kunden und Konkurrenten

4. Gestaltung der Wertschöpfung

5. Unternehmensstruktur

6. Rechnungswesen

7. Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement

8. Businessplan