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6.2 Externe Rechnungslegung in:

Marcus Oehlrich

Betriebswirtschaftslehre, page 363 - 405

Eine Einführung am Businessplan-Prozess

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4545-9, ISBN online: 978-3-8006-4546-6, https://doi.org/10.15358/9783800645466_363

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6.2 Externe Rechnungslegung 351 Zusatzkosten dienen dazu, den Nutzen zu erfassen, auf den der Unternehmer verzichtet, da die im eigenen Unternehmen eingesetzten Produktionsfaktoren von einer anderweitigen Verwendung ausgeschlossen sind. Dieser Verzicht auf einen anderweitigen Nutzen stellt damit aus Unternehmersicht Kosten dar, die als Opportunitätskosten bezeichnet werden. Als Zusatzkosten verrechnet man in der Kosten- und Leistungsrechnung im Allgemeinen: • Kalkulatorische Unternehmerlöhne, die den Arbeitseinsatz der Unternehmer in Einzelunternehmen und Personengesellschaften widerspiegeln. • Kalkulatorische Eigenkapitalzinsen als Gegenwert für das im Unternehmen eingesetzte Eigenkapital. • Kalkulatorische Miete für die eigenen Räume, die betrieblich genutzt werden. Anderskosten stellen eine abweichende Bewertung des Werteverzehrs in der Kosten- und Leistungsrechnung gegenüber der Gewinn- und Verlustrechnung dar. Anderskosten werden vor allem in folgenden Fällen ermittelt: • Kalkulatorische Abschreibungen, weil in der Gewinn- und Verlustrechnung von den Anschaffungskosten, in der Kosten- und Leistungsrechnung aber von Wiederbeschaffungspreisen ausgegangen wird. • Kalkulatorische Zinsen, weil an Stelle der tatsächlich gezahlten Fremdkapitalzinsen in der Kosten- und Leistungsrechnung ein kalkulatorischer Zinssatz verrechnet wird. • Kalkulatorische Wagnisse, weil in der Kosten- und Leistungsrechnung nicht die tatsächlich eingetretenen Wagnisse, sondern Durchschnittswerte berücksichtigt werden. 6.2 Externe Rechnungslegung 6.2.1 Grundlegende Zusammenhänge Für das Verständnis der externen Rechnungslegung ist die Erkenntnis von Bedeutung, dass es für den externen Rechnungslegungsadressaten nur drei Auswertungen gibt, von denen er die Ausgangsdaten für seine Beurteilung des Unternehmens beziehen kann. Es handelt sich dabei um • die Bilanz (Balance Sheet), • die Gewinn- und Verlustrechnung (Profit and Loss Statement) und • die Kapitalflussrechnung (Cash Flow Statement). Bevor in den nachfolgenden Abschnitten detailliert auf diese drei Auswertungen vor dem Hintergrund der Rechnungslegungsnormen eingegangen wird, soll ihre Bedeutung im Folgenden abstrakt erläutert werden. Die Bilanz kann als ein Motor mit einer bestimmten Leistung angesehen werden, der Geschwindigkeit in Form von Gewinn erzeugt. Die Analogie verdeutlicht, dass ein solcher Motor zwar einen zu erwartenden Leistungsbereich hat, er aber je nach den individuellen Fahrkünsten die Geschwindigkeit variieren wird. Die Bilanz ist damit eine Momentaufnahme aller von dem Unternehmen verwendeten Vermögensgegenstände und dem ihm zur Verfügung gestellten Kapital. Es handelt sich um eine statische Auswertung, die sich auf einen bestimmten Zeitpunkt bezieht. Mit Momentaufnahmen zu verschiedenen Zeit- OehlrichBWL.pdf 375 29.01.2013 08:18:35 352 6 Rechnungswesen punkten wie etwa Monat, Quartal bzw. Jahr kann untersucht werden, wie sich die Vermögenswerte und das Kapital im Laufe der Zeit entwickeln. Die Gewinn- und Verlustrechnung ermittelt den Gewinn bzw. den Verlust, der sich aus der Geschäftstätigkeit in einer Periode ergibt. Grundsätzlich geschieht dies durch Bildung der Differenz aus den Gesamterträgen und den Gesamtaufwendungen. Während in der Bilanz der Gewinn einer Abrechnungsperiode als Saldo anhand der Gegenüberstellung von Vermögens- und Kapitalpositionen zu einem Zeitpunkt (Bilanzstichtag) ermittelt wird, saldiert die Gewinn- und Verlustrechnung sämtliche Erträge und Aufwendungen einer Periode und ermittelt somit nicht nur den Gewinn, sondern gibt zusätzlich seine Quellen an. Grundidee der Gewinn- und Verlustrechnung ist es, die Erträge und Aufwendungen den jeweiligen Geschäftsjahren zuzurechnen, wodurch sich ein „gleichmäßiger“ Gewinnausweis ergibt. Verdeutlichen lässt sich dies am Beispiel der Abschreibungen. Wie erläutert wurde, werden bei der Abschreibung die Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten eines Vermögensgegenstandes des Anlagevermögens auf die Geschäftsjahre der Nutzung verteilt. Dahinter steht die Prämisse, dass mit Hilfe dieses Vermögensgegenstandes in den entsprechenden Jahren auch Erträge erwirtschaftet wurden, denen die Aufwendungen gegenübergestellt werden sollen. Diese Vorgehensweise bietet zwar bedeutende Vorteile, wenn man sich die einzelnen Funktionen des Jahresabschlusses, insbesondere die Zahlungsbemessungsfunktion, vor Augen hält. Problematisch ist jedoch, dass zum einen durch den glättenden Effekt der Gewinnermittlung Informationen verloren gehen und zum anderen die Gewinngröße manipulationsanfällig ist. Die Kapitalflussrechnung ermöglicht einen Einblick in die Liquiditätslage des Unternehmens. Die Veränderung der Liquidität, d.h. die Differenz aus Einzahlungen und Auszahlungen, bezeichnet man dabei als Cash Flow. Addiert man den Anfangsbestand der liquiden Mittel und den Cash Flow, so erhält man den Endbestand der liquiden Mittel am Ende der Periode. Die Kapitalflussrechnung hat im Vergleich zur Gewinn- und Verlustrechnung zwei grundlegende Vorteile. Erstens gilt die Kapitalflussrechnung als eine sehr aussagefähige und wenig manipulierbare Auswertung, da Ein- und Auszahlungen in der Regel eindeutig bestimmt werden können. Zweitens handelt es sich bei der Liquidität, anders als beim Gewinn, nicht um eine Buchgröße, sondern um eine reale Größe. Ein Zufluss von liquiden Mitteln kann dazu verwendet werden, Investitionen zu tätigen, Forschung und Entwicklung durchzuführen, Schulden zu tilgen, andere Unternehmen zu kaufen oder Ausschüttungen an die Anteilseigner vorzunehmen. Im Gegensatz dazu sagt ein hoher Gewinn nichts darüber aus, ob das Unternehmen überhaupt die Liquidität besitzt, diesen Gewinn für irgendeinen der genannten Zwecke zu verwenden. Da Aufwendungen und Erträge einer Periode nicht mit den Ein- und Auszahlungen dieses Zeitraumes deckungsgleich sein müssen, verbergen sich in der Gewinn- und Verlustrechnung auch die Ein- und Auszahlungen aus vorherigen oder nachfolgenden Perioden. Zum Cash Flow zählen deshalb der Jahresüberschuss und alle nicht auszahlungswirksamen Aufwendungen (z.B. Abschreibungen auf Anlagen oder Zuführungen zu langfristigen Rückstellungen). Der Cash Flow lässt grundsätzlich erkennen, in welchem Maße sich ein Unternehmen aus eigener Kraft finanzieren kann. Anhand der Höhe und Entwicklung des Cash Flows lassen sich Rückschlüsse auf die Ertragskraft, Selbstfinanzierungskraft, Kreditwürdigkeit und Expansionsfähigkeit eines Unternehmens ziehen. OehlrichBWL.pdf 376 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 353 Die drei erläuterten Auswertungen stehen jedoch nicht unverbunden nebeneinander, sondern hängen vielmehr voneinander ab (Abb. 77). Denn erst zusammen ergeben sie einen vollständigen Überblick über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens. Der Zusammenhang ergibt sich dadurch, dass die Kapitalflussrechnung die Veränderung der liquiden Mittel zweier aufeinanderfolgender Bilanzen erläutert, während die Gewinn- und Verlustrechnung die Veränderung des Eigenkapitals erklärt. 6.2.2 Der handelsrechtliche Jahresabschluss Im Rahmen der Darstellung des externen Rechnungswesens unterscheidet man die beiden Teilbereiche des handelsrechtlichen und steuerrechtlichen Jahresabschlusses. Die folgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf die handelsrechtliche Jahresabschlusserstellung. Die Jahresabschlussadressaten sind neben der Unternehmensführung alle an der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens interessierten Personen (stakeholder). Dazu zählen insbesondere • die Eigen- und Fremdkapitalgeber, • die Arbeitnehmer, • die Kunden und Lieferanten sowie • der Staat bzw. Fiskus. Das Interesse dieser Personengruppen ist vielfältiger Natur, führt aber jeweils dazu, dass Informationen über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens abgerufen werden. Die Eigen- und Fremdkapitalgeber versprechen sich durch die Bereitstellung von Kapital eine feste oder möglichst hohe Verzinsung. Die Arbeitnehmer erwarten eine angemessene Bezahlung und einen krisensicheren Arbeitsplatz. Kunden und Lieferanten sind ebenfalls Interessengruppen, die sich durch die Geschäftsverbindung zum Unternehmen Abb. 77: Zusammenhang zwischen Kapitalflussrechnung, Bilanz und GuV Kapitalflussrechnung Bilanz GuV Anfangsbestand liquide Mittel + Einzahlungen – Auszahlungen = Endbestand liquide Mittel Anlagevermögen Umlaufvermögen (davon liquide Mittel) Eigenkapital (davon Jahres- überschuss) Fremdkapital Erträge – Aufwendungen = Jahresüberschuss OehlrichBWL.pdf 377 29.01.2013 08:18:35 354 6 Rechnungswesen einen eigenen Vorteil in Form von guten Produkten bzw. einer festen Absatzbasis versprechen. Und nicht zuletzt der Staat erwartet von den Unternehmen einen soliden Beitrag zum Steueraufkommen. Der Jahresabschluss soll mittels einer objektivierten Darstellung den Informationsbedürfnissen der einzelnen Gruppen von Adressaten nachkommen, um sichtbar zu machen, ob ihre jeweiligen Interessen im Unternehmen ausreichend vertreten sind. Um gleichzeitig zu verhindern, dass Fremdkapitalgeber und Minderheitsgesellschafter eines Unternehmens aufgrund ihres geringen wirtschaftlichen Einflusses Vermögensverluste erleiden, hat der Gesetzgeber versucht, den Gedanken des Gläubiger- und Anlegerschutzes in den gesetzlichen Vorschriften zu verankern. Somit lassen sich die folgenden Aufgaben des handelsrechtlichen Jahresabschlusses unterscheiden: • Zahlungsbemessungsfunktion und • Informationsfunktion. In der Literatur und Rechtsprechung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Ermittlung des ausschüttbaren Jahresüberschusses das primäre Ziel der Jahresabschlusserstellung ist (Zahlungsbemessungsfunktion). Hierbei muss der Gesetzgeber dem Konflikt Rechnung tragen, dass die Gläubiger an einer möglichst niedrigen und die Anleger an einer möglichst hohen Ausschüttung interessiert sind. Unter dem Gedanken des Gläubigerschutzes existieren Regelungen, die zu einer Ausschüttungssperre führen. Andererseits sind bestimmte gesetzliche Vorschriften so zu interpretieren, dass eine Mindestausschüttung, vor allem für Minderheitsgesellschafter, gewährleistet sein soll. Um die Informationsfunktion zu erfüllen, sollen mit der Erstellung des Jahresabschlusses die Ergebnisse des Wirtschaftens im Unternehmen in der vergangenen Periode möglichst realistisch abgebildet werden. Je nach Informationsempfänger kann die Informationsfunktion in weitere Teilfunktionen zerlegt werden und zwar vor allem in die • Dokumentationsfunktion, • Rechenschaftsfunktion und • Publizitätsfunktion. Die Dokumentationsfunktion stellt eine Art Selbstschutz der Unternehmensführung dar. Es soll durch die Pflicht zur Aufstellung eines Jahresabschlusses erreicht werden, dass die Unternehmensführung jederzeit über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens und seiner Vermögensgegenstände informiert ist. Außerdem dient der Jahresabschluss der Schuldendeckungskontrolle. Dies bedeutet, dass die Überprüfung der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens die Frage beantworten soll, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Insolvenz eintreten könnte. Da der Jahresabschluss aber nur eine vergangenheitsbezogene Rechnung ist, lassen sich mit ihm lediglich Anhaltspunkte über die zukünftige Liquidität ableiten. Die Unternehmensleitung ist rechtlich der Verwalter fremden Vermögens – des Vermögens der Eigenkapitalgeber. Es ist deshalb selbstverständlich, dass vor allem in Kapitalgesellschaften aus der Trennung von Unternehmensführung und Anteilseignern die Notwendigkeit resultiert, die Eigenkapitalgeber periodisch über den Stand ihres Vermögens zu unterrichten (Rechenschaftsfunktion). Der Jahresabschluss stellt somit für die Eigenkapitalgeber ein wichtiges Instrument dar, um den Wert ihres Kapitalanteils im Unternehmen richtig einschätzen zu können. OehlrichBWL.pdf 378 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 355 Weiterhin wendet sich der Jahresabschluss mit seiner Publizitätsfunktion an die übrigen externen Informationsadressaten, die ein berechtigtes Interesse an Informationen über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Unternehmens haben. Abschließend sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Gesetzgeber nicht nur das Informationsbedürfnis der externen Informationsadressaten, sondern auch das Schutzbedürfnis des jeweiligen Unternehmens beachten muss. Denn häufig können publizierte Informationen an Konkurrenten gelangen, die durch die Ausnutzung dieser Informationen dem Unternehmen wirtschaftlich schaden könnten, was natürlich nicht im Sinne der Interessengruppen des Unternehmens sein kann. Aus den Aufgaben des handelsrechtlichen Jahresabschlusses leiten sich die gesetzlichen Bestimmungen zu dessen Erstellung und Veröffentlichung ab. Die Rechtsgrundlagen dazu finden sich vor allem im Handelsgesetzbuch (HGB). Die den Jahresabschluss betreffenden Bestimmungen sind im Dritten Buch des HGB konzentriert. Nach § 238 Abs. 1 HGB i.V.m. § 242 HGB muss jeder Kaufmann einen Jahresabschluss erstellen, jedoch gilt diese Verpflichtung nur für den Ist-Kaufmann. Nach § 140 Abgabenordnung (AO) muss der Kaufmann, der nach dem HGB zur Jahresabschlusserstellung verpflichtet ist, diese Verpflichtung auch für die Besteuerung erfüllen. Gilt für gewerbliche Unternehmen nicht bereits § 140 AO, so erweitert § 141 AO die Verpflichtung auf Gewerbebetriebe, die eine der dort genannten Wertgrenzen überschreiten, d.h. im Kalenderjahr einen Umsatz von mehr als 500 000 Euro oder im Wirtschaftsjahr einen Gewinn von mehr als 50 000 Euro erwirtschaftet haben. Das HGB sieht für Kapitalgesellschaften ergänzende Vorschriften vor. Begründet ist dies in der auf das Vermögen der Gesellschaft beschränkten Haftung. Aus Gründen des Gläubigerschutzes soll die Haftungsmasse vor ungerechtfertigtem Zugriff geschützt werden. Insbesondere soll verhindert werden, dass die Anteilseigner der Gesellschaft die Haftungsmasse durch „übermäßige“ Ausschüttungen verringern (Zahlungsbemessungsfunktion). Die Vorschriften zur Erstellung des Jahresabschlusses sind allerdings nicht nur rechtsformabhängig, sondern richten sich auch nach der Größe der jeweiligen Unternehmen. Das HGB unterteilt die Kapitalgesellschaften in • kleine Kapitalgesellschaften (§ 267 Abs. 1 HGB), • mittelgroße Kapitalgesellschaften (§ 267 Abs. 2 HGB) und • große Kapitalgesellschaften (§ 267 Abs. 3 HGB). Tab. 35 gibt einen Überblick über die Abgrenzungsmerkmale. Abgrenzungsmerkmal Bilanzsumme Umsatzerlöse Ø Arbeitnehmer pro Jahr Kleine Kapitalgesellschaft 4,84 Mio. Euro 9,68 Mio. Euro 50 Arbeitnehmer Mittelgroße Kapitalgesellschaft > 4,84 und 19,25 Mio. Euro > 9,68 und 38,5 Mio. Euro > 50 und 250 Arbeitnehmer Große Kapitalgesellschaft Mehr als 19,25 Mio. Euro Mehr als 38,5 Mio. Euro Mehr als 250 Arbeitnehmer Tab. 35: Größenkriterien nach § 267 HGB OehlrichBWL.pdf 379 29.01.2013 08:18:35 356 6 Rechnungswesen Ein Unternehmen wird dann einer der drei Größenklassen zugeordnet, wenn mindestens zwei der drei Abgrenzungsmerkmale erfüllt sind. Das Unternehmen unterliegt damit den jeweiligen in den drei Klassen geltenden Aufstellungs-, Prüfungs- und Offenlegungspflichten. Ein Wechsel der bisherigen Größenklasse wird dann notwendig, wenn an zwei aufeinanderfolgenden Abschlussstichtagen mindestens zwei der drei Abgrenzungsmerkmale über- oder unterschritten werden. Eine Kapitalgesellschaft wird immer als große Kapitalgesellschaft behandelt (§ 267 Abs. 3 S. 2 HGB), wenn von ihr ausgegebene Aktien oder Wertpapiere an einer Börse in einem Mitgliedstaat der EU • zum amtlichen Handel zugelassen sind oder • in den geregelten Freiverkehr einbezogen sind oder • die Zulassung zum amtlichen Handel beantragt ist. Neben dem HGB existieren Bestimmungen des AktG für Aktiengesellschaften, des GmbHG für Gesellschaften mit beschränkter Haftung sowie des Publizitätsgesetzes für Personengesellschaften, die zusätzlich zur Erstellung des Jahresabschlusses heranzuziehen sind. Der handelsrechtliche Jahresabschluss, den Einzelkaufleute und Personengesellschaften zu erstellen haben, besteht aus der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung (§ 242 Abs. 3 HGB). Weder für die Bilanz (§ 242 Abs. 1 HGB) noch für die Gewinn- und Verlustrechnung (§ 242 Abs. 2 HGB) existieren explizite Vorschriften über den Inhalt und die Darstellung, d.h. dass beide Jahresabschlussteile entweder in Staffel- oder in Kontenform erstellt werden könnten. Im Allgemeinen richten sich aber auch diese Unternehmen nach den expliziten Vorschriften des HGB für Kapitalgesellschaften. Kapitalgesellschaften haben einen handelsrechtlichen Jahresabschluss aufzustellen, der die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung beinhaltet sowie um den Anhang zu erweitern ist (§ 264 Abs. 1 HGB). Für Kapitalgesellschaften schreibt der Gesetzgeber detailliert vor, wie der Inhalt der Bilanz auszusehen hat und dass sie in Kontenform aufzustellen ist (§ 266 HGB). Auch für die Gewinn- und Verlustrechnung ist der Inhalt genau vorgegeben. Die Darstellung hat in Staffelform zu erfolgen. Es ist sowohl das Gesamt- als auch das Umsatzkostenverfahren erlaubt (§ 275 HGB). Neben dem Anhang, dessen Vorschriften sich in §§ 284–288 HGB befinden, besteht für Kapitalgesellschaften eine Pflicht zur Aufstellung des Lageberichts (§ 289 HGB). Der Lagebericht ist allerdings nicht Bestandteil des Jahresabschlusses. Der Aufstellungsumfang und die jeweils zur Aufstellung des Jahresabschlusses verpflichteten Personen werden in Tab. 36 zusammengefasst. Versucht man, die Tätigkeiten im Rahmen der Jahresabschlusserstellung anhand des zeitlichen Aspektes zu systematisieren, so ergeben sich folgende Schritte: (1) Aufstellung, (2) Prüfung, (3) Feststellung und (4) Offenlegung. Die vollständige Abfolge dieser Vorgehensweise haben gemäß HGB allerdings nur Kapitalgesellschaften einzuhalten sowie die dem Publizitätsgesetz unterliegenden Einzelkaufleute und Personenhandelsgesellschaften. Ansonsten sind für Einzelkaufleute und Personenhandelsgesellschaften nur die Vorschriften der Aufstellung zu berücksichtigen. OehlrichBWL.pdf 380 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 357 Die Aufstellung des Jahresabschlusses bezeichnet die Aufbereitung von Informationen, die der Jahresabschluss aufgrund gesetzlicher Vorschriften enthalten muss oder aufgrund von Wahlrechten enthalten kann. Die Tätigkeiten zur Bereitstellung der notwendigen Informationen für die Aufstellung beginnen im Allgemeinen nicht erst am Bilanzstichtag, sondern erstrecken sich über den gesamten Zeitraum des Geschäftsjahres, z.B. in Form der laufenden Buchung von Geschäftsvorfällen in der Finanzbuchführung. Der Jahresabschluss von Einzelkaufleuten und Personengesellschaften besteht aus der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung (§ 242 Abs. 3 HGB). Die Aufstellung des Jahresabschlusses dieser Rechtsformen ist innerhalb einer dem ordnungsmäßigen Geschäftsgang entsprechenden Zeit vorzunehmen (§ 243 Abs. 3 HGB). Dieser unbestimmte Zeitraum wird durch den Bundesfinanzhof so ausgelegt, dass die Aufstellung innerhalb von 12 Monaten nach Ablauf des betreffenden Geschäftsjahres zu erfolgen hat (BFH-Urteil v. 6.12.1983, BStBl II 1984, S. 227). Kapitalgesellschaften haben für den Jahresabschluss neben der Bilanz und der Gewinnund Verlustrechnung auch einen Anhang zu erstellen (§ 264 Abs. 1 HGB). Für diese Rechtsformen schreibt der Gesetzgeber die in der folgenden Tabelle genannten expliziten Aufstellungsfristen vor (§ 264 Abs. 1 HGB), die allerdings von der Zugehörigkeit einer Kapitalgesellschaft zur jeweiligen Größenkategorie des HGB abhängt. Im Rahmen der Prüfung wird die Übereinstimmung des vorliegenden Jahresabschlusses mit den gesetzlichen Vorschriften untersucht. Für mittelgroße und große Kapitalgesellschaften schreibt der Gesetzgeber die Prüfungspflicht verbindlich vor (§ 316 HGB). Andere Gesellschaften können sich auf freiwilliger Basis prüfen lassen. Die Jahresabschlussprüfung hat ein nicht am Unternehmen beteiligter Wirtschaftsprüfer oder vereidigter Buchprüfer vorzunehmen. Rechtsform Umfang Aufstellungspflichtiger Einzelkaufleute und Personenhandelsgesellschaft • Bilanz • Gewinn- und Verlustrechnung • Einzelkaufmann • Gesellschafter Kapitalgesellschaft • Bilanz • Gewinn- und Verlustrechnung • Anhang • Vorstand • Geschäftsführer Genossenschaft • Bilanz • Gewinn- und Verlustrechnung • Anhang • Vorstand Tab. 36: Aufstellungsumfang und Aufstellungspflichtiger Unternehmenskategorie Aufstellungsfrist Veröffentlichungsfrist Kleine Kapitalgesellschaft 6 Monate 12 Monate Mittelgroße Kapitalgesellschaft 3 Monate 9 Monate Große Kapitalgesellschaft 3 Monate 9 Monate Tab. 37: Aufstellungsfristen für den Jahresabschluss OehlrichBWL.pdf 381 29.01.2013 08:18:35 358 6 Rechnungswesen Nach der Prüfung bedarf es bei der GmbH und der AG eines Feststellungsbeschlusses, damit der Jahresabschluss rechtskräftig wirksam wird. Mit der Feststellung wird der vorliegende Jahresabschluss von den Beteiligten als richtig anerkannt. Auf der Grundlage des festgestellten Jahresabschlusses wird die Ergebnisverwendung festgelegt. Die Feststellung erfolgt bei der GmbH durch die Gesellschafter. Demgegenüber nehmen bei der AG entweder der Vorstand und der Aufsichtsrat gemeinsam oder die Hauptversammlung die Feststellung vor. Der Gesetzgeber schreibt im HGB ferner die Offenlegung des festgestellten Jahresabschlusses für Kapitalgesellschaften vor (§ 325 HGB). Diese Publizitätspflicht ist deshalb notwendig, weil bei Kapitalgesellschaften nicht alle Gesellschafter die Möglichkeit haben, Einblick in die Bücher des Unternehmens zu nehmen, an dem sie beteiligt sind. Als Offenlegung gelten die Veröffentlichung im Bundesanzeiger und die Bekanntmachung im Bundesanzeiger, bei welchem Handelsregister die Unterlagen eingereicht wurden. Gemäß HGB hat jeder buchführungspflichtige Kaufmann am Anfang und am Ende jedes Geschäftsjahres seine Vermögensgegenstände und Schulden art-, mengen- und wertmäßig anzugeben (§ 240 HGB). Das dabei zu erstellende Verzeichnis wird Inventar genannt. Die zum Inventar führende Tätigkeit der mengen- und wertmäßigen Erfassung bezeichnet man als Inventur. Diese Bestandsaufnahme erfolgt körperlich (bei körperlichen Vermögensgegenständen) durch Zählen, Messen oder Wiegen und buchmäßig (bei nichtkörperlichen Vermögensgegenständen und Schulden) durch die Abstimmung vorhandener Belege. Das HGB lässt verschiedene Inventurarten zu (§§ 240 u. 241 HGB), die sich hinsichtlich Zeitpunkt und Zeitraum der Bestandsaufnahme unterscheiden: • Stichtagsinventur (§ 240, Abs. 2 HGB): Bei diesem klassischen Inventurverfahren fallen Bilanzstichtag, Tag der Bestandsaufnahme und Inventarstichtag zusammen. • Permanente Inventur (§ 241 Abs. 2 HGB): Um die mögliche Schließung des Unternehmens und einen zusätzlichen Personalbedarf zu vermeiden, kann im Rahmen der permanenten Inventur die Bestandsaufnahme auf beliebige Zeitpunkte im Laufe des Geschäftsjahres mit geringer Kapazitätsauslastung verteilt werden. Bei diesem Verfahren muss zur Erstellung des Inventars (der Inventarstichtag und Bilanzstichtag sind identisch) eine mengenmäßige Fortschreibung erfolgen, wobei die Bewertung erst am Bilanzstichtag vorgenommen wird. • Vor- oder nachverlegte Inventur (§ 241 Abs. 3 HGB): Der Inventurtag kann innerhalb der letzten 3 Monate vor oder innerhalb der ersten 2 Monate nach dem Bilanzstichtag liegen. Inventarstichtag und Bilanzstichtag fallen auseinander, weil am Inventurtag ein „besonderes Inventar“ erstellt wird. Der sich in der Bilanz ergebende Wert wird durch eine wertmäßige Fortschreibung bzw. Rückrechnung festgestellt. Das Inventar ist die Grundlage für die Erstellung der Bilanz, dem wichtigsten Teil des Jahresabschlusses. Zwar zeigen sowohl Inventar als auch Bilanz die Höhe des Vermögens und der Schulden an, jedoch unterscheiden sie sich in formaler und materieller Hinsicht. Während das Inventar in Staffelform erstellt wird, erfolgt die Darstellung der Bilanz in Kontenform. Im Inventar findet man z.B. in Bezug auf den Fuhrpark die genaue Auflistung aller in einem Unternehmen vorhandenen Fahrzeuge mit der Bezeichnung des Typs, Farbe, Kennzeichen und Baujahr, um eine genaue Identifizierung zu ermöglichen. Weiterhin wird jedes einzelne Fahrzeug zahlenmäßig und mit seinem Wert erfasst. In der Bilanz hingegen erscheint nur die zusammengefasste Bilanzposition „Fuhrpark“ mit dem Wert der Gesamtposition. OehlrichBWL.pdf 382 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 359 6.2.3 Bilanz 6.2.3.1 Grundlegender Aufbau der Bilanz Die Bilanz ist eine Aufstellung von Vermögen und Kapital des Unternehmens. Traditionell besteht die Bilanz aus zwei Spalten, die in Vermögenswerte (Aktiva) und Kapital (Passiva) eingeteilt wurden (Abb. 78). Zum besseren Verständnis kann die Aktivseite als Mittelverwendung und die Passivseite als Mittelherkunft interpretiert werden, wobei diese allerdings die hinter den Bestandsgrößen stehenden Stromgrößen beschreiben. Wichtig ist, dass die Bilanzsummen beider Seiten identisch sein müssen. Gerade im angelsächsischen Wirtschaftsraum wird heutzutage oftmals auch ein einspaltiges Layout verwendet. Diese Darstellung hat einige Vorteile, vor allem bietet sie den Vorteil, dass sie einfach in Tabellenkalkulationsprogrammen entwickelt werden kann. Auf der Aktivseite der Bilanz werden alle Vermögensgegenstände aufgeführt, die im Eigentum des Unternehmens stehen. Vermögensgegenstände werden in den Konten mit ihren Anschaffungs- oder Herstellungskosten bzw., sofern sie bereits abgeschrieben wurden, mit den verbleibenden Buchwerten aufgeführt. Daher stellt die Aktivseite eine Liste aller Vermögensgegenstände und deren Zeitwert für das Unternehmen dar. Auf der Passivseite der Bilanz steht hingegen das Kapital des Unternehmens. Hierbei kann grundsätzlich unterschieden werden zwischen dem Eigenkapital, das dem Unternehmen von den Anteilseignern zur Verfügung gestellt wurde, und dem Fremdkapital. Für die Unterscheidung ist jedoch nicht die Person des Kapitalgebers von Bedeutung als vielmehr die Ausgestaltung der mit dem Kapital verbundenen Rechtsposition. Während Eigenkapital das Haftungskapital des Unternehmens darstellt und (etwa bei einer Kapitalgesellschaft) im Falle der Insolvenz verloren ist, haben die Fremdkapitalgeber grundsätzlich einen Rückzahlungsanspruch, der freilich mangels Masse oft nicht in voller Höhe durchgesetzt werden kann. Somit kann auch ein Eigenkapitalgeber dem Unternehmen zusätzliches Kapital als Fremdkapital zur Verfügung stellen, genauso wie ein Fremdkapitalgeber auch (Eigenkapital-)Anteile des Unternehmens erwerben kann. Der Ausgleich der Bilanzsummen ergibt sich dadurch, dass das Eigenkapital als Residualgröße behandelt wird und genau in der Höhe ausgewiesen wird, dass die Bilanz ausgeglichen ist. Abb. 78: Zusammenhang zwischen Aktiv- und Passivseite der Bilanz Mittelverwendung Bilanzsumme Aktiva: 100 Mittelherkunft Bilanzsumme Passiva: 100 Aktiva Passiva OehlrichBWL.pdf 383 29.01.2013 08:18:35 360 6 Rechnungswesen Abb. 79 verdeutlicht den grundsätzlichen Aufbau der Bilanz nach HGB bzw. IFRS. Diese setzt sich aus fünf Blöcken zusammen, wovon sich zwei auf der Aktivseite und drei auf der Passivseite der Bilanz befinden. Da sich dieser grundlegende Aufbau sowohl in der handelsrechtlichen Bilanz als auch in der Bilanz nach den International Financial Reporting Standards (IFRS), den internationalen Rechnungslegungsvorschriften, wiederfindet, sind in der Abbildung auch die englischen Begriffe in Klammern angegeben. Ein großer Unterschied besteht bezüglich der Rückstellungen, die im HGB gesondert, bei IFRS jedoch im Rahmen der Liabilities ausgewiesen werden. Abb. 79 orientiert sich daher an den IFRS. An der Darstellung wird deutlich, dass die Fristigkeit des Vermögens bzw. des Kapitals eine besondere Rolle spielt und dass die Fristigkeit von oben nach unten abnimmt. Betrachtet man zunächst die beiden Kategorien der Aktivseite, so werden hier die Positionen in langfristige und kurzfristige Vermögensgegenstände untergliedert • Anlagevermögen (AV) und • Umlaufvermögen (UV). Das Anlagevermögen (fixed assets) umfasst diejenigen Vermögensgegenstände, die dazu bestimmt sind, dem Unternehmen langfristig zu dienen (§ 247 Abs. 2 HGB). Nach IFRS ist die Abgrenzung nach einem Kriterienkatalog vorzunehmen (IAS 1.57), der im Regelfall zu einem vergleichbaren Ergebnis führt. Nach dem Prinzip der Fristigkeit stehen sie an erster Stelle auf der Aktivseite der Bilanz. Der Begriff Anlagevermögen darf nicht zu wörtlich verstanden werden, da hier auch solche Wirtschaftsgüter aufgeführt werden, die – streng gesehen – keine Anlage darstellen. Man unterscheidet drei Arten von Gegenständen des Anlagevermögens: • Immaterielle Vermögensgegenstände (intangible assets): Hier werden mit Ausnahme der Finanzanlagen alle Werte zusammengefasst, die nicht physisch greifbar sind wie etwa Patentrechte, Marken, Lizenzen sowie der Geschäfts- oder Firmenwert. Hinsichtlich der Aktivierung von immateriellen Vermögensgegenständen unterscheiden sich die deutschen Rechnungslegungsnormen von den internationalen Standards. So kön- Abb. 79: Grundsätzlicher Aufbau der Bilanz Anlagevermögen (fixed assets) Umlaufvermögen (current assets) Eigenkapital (equity) Kurzfristige Verbindlichkeiten (current liabilities) Aktiva (Assets) Passiva (Equity & Liabilities) Langfristige Verbindlichkeiten (non-current liabilities) OehlrichBWL.pdf 384 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 361 nen etwa nach den IFRS auch selbst geschaffene Rechte aktiviert werden (IAS 38). Für selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens gelten die Besonderheiten des § 248 Abs. 2 HGB. • Sachanlagen (property, plant and equipment): Sachanlagen sind materielle Vermögensgegenstände, die sich im Eigentum eines Unternehmens befinden, auf Dauer im Unternehmen verbleiben und betriebsnotwendig sind, also nötig, um die Produktion und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Grundstücke, Gebäude, Maschinen und Fuhrpark sind die häufigsten Positionen und werden in § 266 Abs. 2 HGB zum Teil explizit genannt. Nach IFRS muss wahrscheinlich sein, dass der mit dem Asset verbundene zukünftige Nutzen dem Unternehmen zugute kommt und die Anschaffungs- und Herstellungskosten müssen bestimmbar sein (IAS 16.7). Typischerweise werden die Anschaffungsund Herstellungskosten um die planmäßige Abschreibung vermindert, um so den aktuellen Bilanzwert zu ermitteln. • Finanzanlagen (financial assets): Nur in seltenen Fällen handelt es sich bei den Finanzanlagen um klassische Kapitalanlagen. Vielmehr beinhalten die Finanzanlagen in der Regel strategische Beteiligungen von Unternehmen im Konzernverbund. Aufgrund der vielfältigen Finanz- und Lieferbeziehungen in Konzernen ist in diesem Fall ein separater Konzernabschluss aufzustellen, der die Aufgabe hat, den Konzern als Einheit darzustellen. Zum Umlaufvermögen (current assets) eines Unternehmens gehören Vermögensgegenstände, die umlaufen beziehungsweise umgesetzt werden sollen, deren Bestand sich also durch Zu- und Abgänge häufig ändert. Sie befinden sich nur kurze Zeit im Unternehmen und dienen nicht, wie das Anlagevermögen, dauerhaft dem Geschäftsbetrieb. Die Entscheidung darüber, welchen Zweck ein Gegenstand erfüllen soll und welcher Vermögensart er somit zuzurechnen ist, trifft die Unternehmensleitung. Eine selbst produzierte Maschine, die verkauft werden soll, wird zum Umlaufvermögen gerechnet. Verbleibt sie dauerhaft im Betrieb, ist sie ein Anlagegegenstand. Eine typische Unterscheidung findet sich bei Pkws: Während bei den meisten Unternehmen Pkws zum Fuhrpark gehören und somit im Anlagevermögen aktiviert werden, weist ein Automobilhersteller die von ihm hergestellten und zum Verkauf bestimmten Fahrzeuge im Umlaufvermögen aus. Nach IFRS ist wiederum der Kriterienkatalog nach IAS 1.57 maßgeblich. Ein wichtiger Unterschied zwischen den IFRS im Vergleich zum HGB besteht darin, dass bei langfristigen Fertigungsaufträgen, die über den Abschlussstichtag hinaus reichen (construction contracts), grundsätzlich auch eine Aktivierung teilfertiger assets möglich ist (IAS 11). Die damit einhergehende Teilgewinnrealisierung ist bei den IFRS gerade eine gewünschte Konsequenz im Sinne des Prinzips der periodengerechten Erfolgsermittlung. Die Posten des Umlaufvermögens können unter folgenden Überschriften zusammengefasst werden: • Vorräte (inventories), • Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände (trade receivables), • Wertpapiere (current investments) und • Liquide Mittel (cash and cash equivalents). Diese Positionen des Umlaufvermögens verändern sich im Rahmen der Geschäftstätigkeit des Unternehmens ständig. Rohmaterial wird zu fertigen Waren weiterverarbeitet. Wenn diese Waren verkauft werden, entsteht eine Forderung, die in absehbarer Zeit dem Unternehmen wieder liquide Mittel zuführt. In Bezug auf das Umlaufvermögen stellt OehlrichBWL.pdf 385 29.01.2013 08:18:35 362 6 Rechnungswesen sich in der Bilanzierungspraxis die Frage, wie mit den sich laufend ändernden Marktwerten der Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens zu verfahren ist. Wie ist der Bilanzwert zu bestimmen, und in welchen Fällen muss bzw. darf er angepasst werden? Diese Frage wird zum einen von den unterschiedlichen Rechnungslegungsstandards anders beantwortet, zum anderen bieten selbst genaue Regelungen dem Bilanzersteller einen Ermessensspielraum, den er „strategisch“ ausnutzen kann. Auf der Passivseite der Bilanz ist bei einer nach Fristigkeit orientierten Betrachtung zunächst das Eigenkapital zu untersuchen. Das Eigenkapital setzt sich aus den von den Anteilseignern dem Unternehmen ohne zeitliche Begrenzung zur Verfügung gestellten Mitteln zusammen. Gemeinsam ist dem HGB und den IFRS, dass es sich beim Eigenkapital um eine Residualgröße, d.h. der Differenz aus Vermögen und Fremdkapital handelt. Vor diesem Hintergrund ist zu beachten, dass für den Bilanzleser primär der Saldo des Eigenkapitals entscheidend ist und nicht die Unterteilung in viele verschiedene Positionen. Zwar existieren je nach Rechtsform unterschiedliche Ausweise der Eigenkapitalpositionen, deren Behandlung sich weiterhin in den unterschiedlichen Rechnungslegungsstandards deutlich unterscheidet. Allerdings kann hinsichtlich der Kapitalgesellschaften die folgende Einteilung vorgenommen werden: • Gezeichnetes Kapital (paid-in capital): Hierbei handelt es sich um den Nennwert (par value) der ausgegebenen Eigenkapitalanteile des Unternehmens. • Kapitalrücklagen (share premium): Bei den Kapitalrücklagen handelt es sich um Rücklagen, die nicht durch die Geschäftstätigkeit erwirtschaftet wurden, sondern vielmehr im Rahmen von Kapitalerhöhungen durch die Gesellschafter dem Unternehmen zugeführt wurden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um den Betrag, der bei der Ausgabe von Anteilen über den Nennbetrag hinaus eingezahlt wurde (Agio). • Gewinnrücklagen (other reserves): Die Gewinnrücklagen basieren auf Mitteln, die von der Gesellschaft im Rahmen der betrieblichen Tätigkeit erwirtschaftet wurden. Die im HGB unterschiedenen fünf Arten von Gewinnrücklagen (§ 266 Abs. 3) werden im folgenden Abschnitt erläutert. • Retained earnings: Die reteained earnings der IFRS haben keine Entsprechung im HGB. Es handelt sich dabei um die thesaurierten Vorjahresergebnisse sowie das Ergebnis des Geschäftsjahres. Sie stellen daher das Ausschüttungspotenzial des Unternehmens dar. Das Fremdkapital (liabilities) umfasst diejenigen Kapitalbeträge, die dem Unternehmen nur zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen. Während im HGB dabei zwischen Verbindlichkeiten, Rückstellungen und passiven Rechnungsabgrenzungsposten unterschieden wird, werden nach den IFRS und den US-GAAP die Rückstellungen den Liabilities zugeordnet. Verbindlichkeiten sind Zahlungsverpflichtungen eines Unternehmens gegenüber Dritten, die dem Grunde und der Höhe nach bekannt sind sowie deren Fälligkeitstermin eindeutig determiniert ist. Beispiele für Verbindlichkeiten finden sich im Gliederungsschema des § 266 HGB: (1) Anleihen; (2) Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten; (3) erhaltene Anzahlungen auf Bestellungen; (4) Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen; (5) Verbindlichkeiten aus der Annahme gezogener Wechsel und der Ausstellung eigener Wechsel; OehlrichBWL.pdf 386 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 363 (6) Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen; (7) Verbindlichkeiten gegenüber Unternehmen, mit denen ein Beteiligungsverhältnis besteht; (8) sonstige Verbindlichkeiten. In der Bilanz oder im Anhang werden nach HGB bei großen und mittelgroßen Kapitalgesellschaften zusätzliche Informationen verlangt, die es dem Bilanzleser ermöglichen, die Fristigkeit einzelner Verbindlichkeitspositionen anhand deren Restlaufzeit einzuteilen. Eine solche Einteilung erfolgt nach HGB grundsätzlich anhand der Restlaufzeit. Dabei unterscheidet man typischerweise kurzfristige Verbindlichkeiten (Restlaufzeit kleiner als 1 Jahr), mittelfristige Verbindlichkeiten (Restlaufzeit zwischen einem und fünf Jahren) und langfristigen Verbindlichkeiten (Restlaufzeit größer als 5 Jahre). Einen anderen Weg schlagen die IFRS ein, bei denen die Unterscheidung nicht nur auf Basis der Restlaufzeit, sondern auch auf Basis der geschäftlichen Art der Verpflichtung erfolgt: • Die kurzfristigen Verbindlichkeiten (current liabilities) weisen eine große Ähnlichkeit mit dem Umlaufvermögen auf. Beispielsweise bilden die Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung das Pendant zu den Forderungen aus Lieferung und Leistung. Ebenso können den liquiden Mitteln im Umlaufvermögen die Kontokorrentkredite in den kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenübergestellt werden. Wie die liquiden Mittel können auch die kurzfristigen Verbindlichkeiten, dann zu Lasten des Unternehmens, täglich zurückgefordert werden. Das Verhältnis von Umlaufvermögen und kurzfristigen Verbindlichkeiten stellt daher einen grundlegenden Zusammenhang bei der Bilanzanalyse dar. • Die langfristigen Verbindlichkeiten (non-current liabilities) umfassen alle Hypotheken, Darlehen, Kredite und Anleihen, die eine Rückzahlungsfrist von mindestens einem Jahr haben. Generell ist bei den langfristigen Verbindlichkeiten verwirrend, dass so vielfältige Bezeichnungen existieren. Diese sind zwar aus Sicht des Finanzmanagements von Bedeutung, da sie mit unterschiedlichen Konditionen wie Zinsen, Gestaltung der Rückzahlung etc. verbunden sind, der durchschnittliche Bilanzleser hat allerdings trotz in der Regel umfangreicher Anhangsangaben zu wenig Detailinformationen, um diese Positionen näher zu betrachten. Die bereits beschriebenen Rückstellungen stellen nach HGB Bilanzposten für ungewisse Verbindlichkeiten dar, also wirtschaftliche Verpflichtungen, die • dem Grunde nach, • des Auszahlungszeitpunktes oder • der Höhe nach noch nicht bestimmt sind. In der HGB-Bilanz zählen die Rückstellungen nicht zu den Verbindlichkeiten, sondern stellen eine eigenständige Bilanzposition auf der Passivseite dar. Im Gegensatz dazu existiert in den IFRS kein exaktes Gegenstück. Vielmehr unterscheidet IAS 37 zwischen provisions, accruals und contingent liabilities. Diese stellen jedoch keine eigenständige Bilanzposition dar, sondern werden unter den liabilities ausgewiesen. Die passiven Rechnungsabgrenzungsposten stellen schließlich Einnahmen vor dem Abschlussstichtag dar, die erst in einem Folgejahr zu Erträgen führen. Ein typisches Beispiel stellt die Vorauszahlung eines Kunden dar. Auch nach den IFRS sind wegen des Prinzips der Periodenabgrenzung (IAS 1.25) grundsätzlich Rechnungsabgrenzungsposten zu bilden, die jeweils in den liabilities auszuweisen sind. OehlrichBWL.pdf 387 29.01.2013 08:18:35 364 6 Rechnungswesen Im Folgenden wird nun der Aufbau der Bilanz nach HGB gesondert erläutert. 6.2.3.2 Die Bilanz nach dem HGB Für Einzelkaufleute und Personengesellschaften bestimmt § 247 Abs. 1 HGB eine Mindestgliederung, nach der das Anlage- und Umlaufvermögen, das Eigenkapital, die Schulden sowie die Rechnungsabgrenzungsposten gesondert auszuweisen und hinreichend aufzugliedern sind. Die Darstellungsform ist allerdings gesetzlich nicht geregelt. Nach herrschender Meinung sollen sich Einzelkaufleute und Personenhandelsgesellschaften bei der Aufstellung des Jahresabschlusses an der verkürzten Bilanz für kleine Kapitalgesellschaften orientieren. Als Darstellungsform wird in der Praxis in der Regel die Kontenform gewählt. Große und mittelgroße Kapitalgesellschaften haben ihre Bilanz nach der in § 266 HGB vorgegebenen Gliederung zu erstellen. Kleine Kapitalgesellschaften brauchen bei der Bilanzerstellung nur die in § 266 HGB mit Buchstaben und römischen Zahlen bezeichneten Posten in die Bilanz aufzunehmen. Grundsätzlich dürfen Kapitalgesellschaften ihre Bilanz nur in Kontenform aufstellen (§ 266 Abs. 1 HGB). Das Gliederungsschema für kleine Kapitalgesellschaften wird in Tab. 38 wiedergegeben. Die auf der Aktivseite der Bilanz zu aktivierenden Vermögensgegenstände lassen sich in das Anlage- und das Umlaufvermögen unterteilen. Zum Anlagevermögen gehören nur die Vermögensgegenstände, die dazu bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen (§ 247 Abs. 2 HGB). Im Umkehrschluss stehen Die in Abb. 79 dargestellte Bilanz bietet mit ihren fünf Einteilungen eine einfache und übersichtliche Grobgliederung. Gerade im Rahmen der Bilanzanalyse wird deutlich, wie leistungsfähig dieser Aufbau ist, um die Vielschichtigkeit der Unternehmensfinanzierung zu durchschauen und auch die auf Basis der Bilanz erstellten Kennzahlen verstehen zu können. Aktiva Passiva A. Anlagevermögen I. Immaterielle Vermögensgegenstände II. Sachanlagen III. Finanzanlagen B. Umlaufvermögen I. Vorräte II. Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände III. Wertpapiere IV. Schecks, Kassengeld, Bundes- und Postgiroguthaben, Guthaben bei Kreditinstituten C. Rechnungsabgrenzungsposten A. Eigenkapital I. Gezeichnetes Kapital II. Kapitalrücklage III. Gewinnrücklage IV. Gewinnvortrag/Verlustvortrag V. Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag B. Rückstellungen C. Verbindlichkeiten D. Rechnungsabgrenzungsposten Tab. 38: Gliederungsschema der Bilanz nach § 266 Abs. 2, 3 HGB OehlrichBWL.pdf 388 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 365 Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens dem Unternehmen nur vorübergehend, d.h. nicht dauerhaft zur Verfügung. Der unbestimmte Rechtsbegriff der Dauerhaftigkeit wurde durch den Bundesfinanzhof dahingehend konkretisiert, dass Vermögensgegenstände des Anlagevermögens Gebrauchsgüter sind, die dem Unternehmen für eine mehrmalige Nutzung zur Verfügung stehen sollen. Bei Verbrauchsgütern ist hingegen nur ein einmaliger Nutzungsvorgang (Verkauf oder Verbrauch) beabsichtigt; diese sind damit dem Umlaufvermögen zuzurechnen (BFH-Urteil v. 13.1.1972, BStBl. II 1972, S. 744). Zum Anlagevermögen gehören (§ 266 Abs. 2 HGB): • Immaterielle Vermögensgegenstände, • Sachanlagen und • Finanzanlagen. Die Bilanzposition immaterielle Vermögensgegenstände setzt sich nach § 266 Abs. 2 HGB zusammen aus: 1. Selbst geschaffene gewerbliche Schutzrechte und ähnliche Rechte und Werte; 2. entgeltlich erworbene Konzessionen, gewerbliche Schutzrechte und ähnliche Rechte und Werte sowie Lizenzen an solchen Rechten und Werten; 3. Geschäfts- oder Firmenwert; 4. geleistete Anzahlungen. Eine besondere Rolle spielen dabei die gewerblichen Schutzrechte, die in Abschnitt 2.4.3 dargestellt wurden: Patente, Gebrauchsmuster, Urheberrechte, Geschmacksmuster und Marken. Bislang durften selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände nach HGB nicht aktiviert werden. Mit der Neufassung des § 248 Abs. 2 HGB durch das Bil- MoG wurde das Aktivierungsverbot durch ein grundsätzliches Aktivierungswahlrecht ersetzt. Bei den Sachanlagen unterscheidet man zwischen abnutzbaren und nicht abnutzbaren Vermögensgegenständen. Die abnutzbaren Sachanlagegegenstände unterliegen einem nutzungsbedingten Verschleiß, wie z.B. Gebäude, technische Anlagen und Maschinen sowie die Betriebs- und Geschäftsausstattung. Demgegenüber erfahren die nicht abnutzbaren Sachanlagegegenstände wie etwa Grundstücke bei der Nutzung keine Wertminderung. Vermögensgegenstände des Finanzanlagevermögens sind verbriefte und unverbriefte Anteilsrechte und Gläubigerrechte, die dazu bestimmt sind, dem Geschäftsbetrieb dauernd zur Verfügung zu stehen. Die Dauerbesitzabsicht ist das entscheidende Kriterium für die Aktivierung von Anteilsrechten im Anlagevermögen. Der Ausweis nach § 266 HGB erfolgt vor allem als • Beteiligungen, wobei nach § 271 Abs. 1 HGB im Zweifelsfall ab 20% Anteilsbesitz eine Beteiligung vorliegt (sogenannte Beteiligungsvermutung) und • Anteile an verbundenen Unternehmen, die durch einen Anteilsbesitz an einem Tochterunternehmen gekennzeichnet sind. Sollen Anteilsrechte dem Geschäftsbetrieb nicht dauernd zur Verfügung stehen, so sind sie im Umlaufvermögen als Wertpapiere zu aktivieren. In der Bilanz muss das Umlaufvermögen vom Anlagevermögen getrennt ausgewiesen und hinreichend untergliedert werden (§ 247 Abs. 1 HGB). Aus dem Umkehrschluss des § 247 Abs. 2 HGB ergibt sich, dass zum Umlaufvermögen alle Vermögensgegenstände ge- OehlrichBWL.pdf 389 29.01.2013 08:18:35 366 6 Rechnungswesen hören, die nicht dazu bestimmt sind, dem Geschäftsbetrieb dauernd zur Verfügung zu stehen. Im Einzelnen sind dies aufgrund der Aufzählung des § 266 Abs. 2 HGB • Vorräte, • Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände, • Wertpapiere des Umlaufvermögens und • liquide Mittel. Das Vorratsvermögen als in der Regel größter Posten des Umlaufvermögens setzt sich zusammen aus Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen, unfertigen und fertigen Erzeugnissen, gekauften Waren und geleisteten Anzahlungen. Rohstoffe sind Hauptbestandteile der fertigen Endprodukte (z.B. Holz); Hilfsstoffe sind hingegen nur Nebenbestandteile (z.B. Leim zur Verarbeitung des Holzes). Betriebsstoffe gehen bei der Produktion unter, sind aber für die Herstellung erforderlich (z.B. Schmiermittel für die Holzfräsmaschine). Sind Produkte schon be- oder verarbeitet worden, aber noch nicht verkaufsfertig, so handelt es sich um unfertige Erzeugnisse; liegt auch die Verkaufsfertigkeit vor, bezeichnet man sie als fertige Erzeugnisse. Zahlt ein Unternehmen für bestellte, aber noch nicht gelieferte Vermögensgegenstände an Dritte im Voraus, so sind diese Beträge als geleistete Anzahlungen zu aktivieren. In den Forderungen sind alle finanziellen Leistungen enthalten, die das Unternehmen von Dritten erwartet. Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen stellen dabei die größte Einzelposition dar. Kapitalgesellschaften haben den Betrag von Forderungen mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr jeweils gesondert zu vermerken (§ 268 Abs. 4 HGB). Wechsel dürfen nicht in einer eigenen Position ausgewiesen werden, sondern unter den jeweils zugrundeliegenden Forderungen. Die Position der sonstigen Vermögensgegenstände beinhaltet Forderungen, die nicht zu den näher in § 266 HGB aufgeführten Forderungen gehören sowie Vermögensgegenstände, die sonst keiner Position der Aktivseite zugeordnet werden können. Sonstige Vermögensgegenstände sind beispielsweise Gehaltsvorschüsse, Kautionen, Steuererstattungsansprüche oder auch Forderungen aus Bürgschaften. Die Wertpapiere des Umlaufvermögens lassen sich untergliedern in Anteile an verbundenen Unternehmen, eigene Anteile und sonstige Wertpapiere. Besteht für Anteile an verbundenen Unternehmen keine dauerhafte Besitzabsicht, so hat eine Aktivierung im Umlaufvermögen zu erfolgen. Eigene Anteile sind generell im Umlaufvermögen zu aktivieren. Alle übrigen Wertpapiere, die nur zur vorübergehenden Anlage freier Mittel gehalten werden, sind als sonstige Wertpapiere des Umlaufvermögens auszuweisen. Dies sind z.B. festverzinsliche Wertpapiere, Zins- und Dividendenscheine, Bezugsrechte oder auch Finanzwechsel. Zu den liquiden Mitteln gehören im Einzelnen Schecks, Kassenbestände, Sichtguthaben bei Kreditinstituten und bei der Bundesbank. Die Passivseite wird nach der Rechtsstellung der Kapitalgeber in Eigen- und Fremdkapital (Schulden) untergliedert. Das Eigenkapital stellt den Kapitalbetrag in Form von Geld- oder Sachmitteln dar, den die Eigentümer einem Unternehmen bis zum Zeitpunkt der Bilanzerstellung zugeführt oder nicht entnommen haben. Der Inhalt und die Darstellung der Bilanzpositionen des Eigenkapitals sind sehr stark von der Rechtsform des Unternehmens abhängig. Grundsätzlich OehlrichBWL.pdf 390 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 367 kann man zwischen konstanten und variablen Eigenkapitalbestandteilen unterscheiden. Das konstante Eigenkapital ist dadurch gekennzeichnet, dass es in einer vorher vereinbarten Höhe dem Unternehmen dauerhaft zur Verfügung stehen soll. Aus diesem Grund ist die Rückzahlung dieser Art des Eigenkapitals an ganz bestimmte gesetzliche Regelungen gebunden. Variable Eigenkapitalbestandteile können sich dagegen von Jahr zu Jahr verändern. Tab. 39 stellt die bilanzielle Zusammensetzung des Eigenkapitals bei den deutschen Rechtsformen dar. Aufgrund der herausgehobenen Bedeutung der Kapitalgesellschaften sollen ihre Eigenkapitalpositionen im Folgenden näher dargestellt werden. Hierbei sind vor allem die Regelungen der §§ 266, 268 Abs. 1, 272 und 283 HGB zu beachten. Gemäß § 266 HGB ist das Eigenkapital von Kapitalgesellschaften in folgende Positionen zu unterteilen: I. Gezeichnetes Kapital; II. Kapitalrücklage; III. Gewinnrücklagen: 1. gesetzliche Rücklage; Rechtsform konstanter Anteil variabler Anteil Einzelunternehmen Kapitalkonto/Privatkonto des Einzelkaufmanns BGB-Gesellschaft Kapitalkonten/Privatkonten der Gesellschafter mit den jeweiligen Einlagen Offene Handelsgesellschaft (OHG) Kapitalkonten/Privatkonten der Gesellschafter mit den jeweiligen Einlagen Kommanditgesellschaft (KG) Kapitalkonto(en) mit der/den Einlage(n) des/der Kommanditisten Kapitalkonto(en)/Privatkonto(en) des/der Komplementärs(e) mit der/den jeweiligen Einlage(n)* Stille Gesellschaft Einlage des/der stillen Gesellschafter(s) Kapitalkonto/Privatkonto des Firmeninhabers* Genossenschaft Geschäftsguthaben der Genossen Aktiengesellschaft (AG) Grundkapital (§§ 6, 7, 152 AktG) Kapitalrücklage Gewinnrücklage Gewinnvortrag/Verlustvortrag Jahresüberschuss/ Jahresfehlbetrag Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) Grundkapital (§§ 6, 7, 152 AktG i.V.m. 278 Abs. 3 AktG Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) Stammkapital (§ 5, 42 GmbHG) * Es ist möglich, konstante Kapitalkonten (Kapitalkonto I) mit einem vorgeschalteten (variablen) Sonderkonto (Kapitalkonto II) zu führen. Tab. 39: Zusammensetzung des Eigenkapitals bei den Rechtsformen OehlrichBWL.pdf 391 29.01.2013 08:18:35 368 6 Rechnungswesen 2. Rücklage für Anteile an einem herrschenden oder mehrheitlich beteiligten Unternehmen 3. satzungsmäßige Rücklagen; 4. andere Gewinnrücklagen; IV. Gewinnvortrag/Verlustvortrag; V. Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag. Das Gezeichnete Kapital stellt das konstante Eigenkapital einer Kapitalgesellschaft dar, das nur durch Kapitalerhöhungen oder Kapitalherabsetzungen verändert werden kann. Diese Ausschüttungssperre soll verhindern, dass Ausschüttungen in Zeiten, in denen das Unternehmen keinen Gewinn erzielt, die Substanz der Kapitalgesellschaft gefährden. Die Positionen II. bis V. sind hingegen variable Eigenkapitalbestandteile. In der Bilanz von Kapitalgesellschaften wird das Nominalkapital als gezeichnetes Kapital bezeichnet. Es repräsentiert bei Aktiengesellschaften das Grundkapital und bei der GmbH das Stammkapital. Das gezeichnete Kapital ist mit dem Nennbetrag der ausgegebenen Anteile anzusetzen (§ 283 HGB). In der Kapitalrücklage werden die Eigenkapitalbeträge ausgewiesen, die die Anteilseigner über das Nominalkapital hinaus der Kapitalgesellschaft zur Verfügung gestellt haben. Nach § 272 Abs. 2 HGB resultieren diese Beträge z.B. aus der Bezahlung eines Aufgeldes (Agio) für die Kapitalanteile über den Nennbetrag hinaus, den Mehreinnahmen aus der Ausgabe von Wandel- und Optionsanleihen sowie sonstigen Zuzahlungen der Anteilseigner. Im Unterschied zu den Kapitalrücklagen werden Gewinnrücklagen durch die Einbehaltung nicht ausgeschütteter Gewinne gebildet. Die Gewinnrücklage besteht ihrerseits wieder aus verschiedenen Komponenten. Nach § 150 AktG sind Aktiengesellschaften und KGaAs zur Bildung einer gesetzlichen Rücklage verpflichtet. In diese sind 5% des um einen eventuellen Verlustvortrag des Vorjahres geminderten Jahresüberschusses einzustellen, bis die gesetzliche Rücklage und die Kapitalrücklage 10% des Grundkapitals erreichen. Eine gesetzliche Rücklage ist für die GmbH nicht vorgesehen. Gemäß § 272 Abs. 4 HGB ist für Anteile an einem herrschenden oder mit Mehrheit beteiligten Unternehmen eine Rücklage zu bilden. In diese ist der Betrag einzustellen, der dem auf der Aktivseite der Bilanz für die Anteile an dem herrschenden oder mit Mehrheit beteiligten Unternehmen entspricht. In die satzungsmäßigen Rücklagen fließen die Beträge, zu deren Bildung die Kapitalgesellschaft durch den Gesellschaftsvertrag oder die Satzung verpflichtet ist. Möchte die Kapitalgesellschaft zur Risikovorsorge weitere Gewinne einbehalten, werden diese in die anderen Gewinnrücklagen eingestellt. Die anderen Gewinnrücklagen stellen eine Sammelposition dar, die meist auch als freie Rücklagen bezeichnet wird. Die Bildung der anderen Gewinnrücklagen hängt davon ab, welches Organ den Jahresabschluss feststellt. Die Satzung kann nur für den Fall, dass die Hauptversammlung den Jahresabschluss feststellt, bestimmen, dass Beträge aus dem Jahresüberschuss in andere Gewinnrücklagen einzustellen sind. Aufgrund einer solchen Satzungsbestimmung kann höchstens die Hälfte des Jahresüberschusses in andere Gewinnrücklagen eingestellt werden. Stellen Vorstand und Aufsichtsrat den Jahresabschluss fest, so können sie einen Teil des Jahresüberschusses, höchstens jedoch die Hälfte, in andere Gewinnrücklagen einstel- OehlrichBWL.pdf 392 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 369 len. Die Satzung kann Vorstand und Aufsichtsrat zur Einstellung eines größeren oder kleineren Teils des Jahresüberschusses ermächtigen. Aufgrund einer solchen Satzungsbestimmung dürfen Vorstand und Aufsichtsrat keine Beträge in andere Gewinnrücklagen einstellen, wenn die anderen Gewinnrücklagen die Hälfte des Grundkapitals übersteigen oder soweit sie nach der Einstellung die Hälfte übersteigen würden. Der in § 266 Abs. 3 HGB für Kapitalgesellschaften vorgeschriebene Eigenkapitalausweis zeigt das Eigenkapital vor dem Beschluss zur Gewinnverwendung. Dabei ist der Jahres- überschuss bzw. Jahresfehlbetrag der Saldo der Gewinn- und Verlustrechnung, der sich durch die Subtraktion der Aufwendungen von den Erträgen ergibt. Liegt bei der Aktiengesellschaft bereits ein Gewinnverwendungsbeschluss vor, so kann das Eigenkapital nach § 268 Abs. 1 HGB auch unter der Berücksichtigung der vollständigen oder teilweisen Verwendung des Jahresergebnisses ausgewiesen werden. Bei der teilweisen Gewinnverwendung haben Vorstand und Aufsichtsrat bereits einen Teil des Jahresergebnisses mit den Rücklagen verrechnet. Über die Verwendung des restlichen Ergebnisses entscheidet die Hauptversammlung. In diesem Fall sind die Bilanzpositionen „Gewinn- bzw. Verlustvortrag“ und „Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag“ durch die Position Bilanzgewinn/Bilanzverlust zu ersetzen. Im Fall der vollständigen Verrechnung des Jahresergebnisses mit den Rücklagen (Regelfall der GmbH) erübrigt sich der Ausweis einer Ergebnisgröße. Das folgende Schema soll den Zusammenhang der einzelnen Ergebnisgrößen verdeutlichen (Tab. 40). Der Ausweis des Fremdkapitals ist geprägt durch das Vollständigkeitsgebot des § 246 Abs. 1 HGB, welches die Passivierung sämtlicher Schulden (Verbindlichkeiten und Rückstellungen) fordert. Für Verbindlichkeiten besteht somit eine Passivierungspflicht. Nach § 266 Abs. 3 HGB sind Verbindlichkeiten vor allem Bankkredite, vom Bilanzierenden emittierte Anleihen, erhaltene Anzahlungen, Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen sowie Verbindlichkeiten aus Wechseln. Der handelsrechtliche Schuldenbegriff umfasst neben den Verbindlichkeiten auch die Rückstellungen (§ 249 HGB). Ihr Zweck ist es, Aufwendungen, die erst in einer späteren Periode zu einer Ausgabe führen, der Periode der Verursachung zuzurechnen. Im Gegensatz zu den Verbindlichkeiten ist der Eintritt der Ausgabe zwar wahrscheinlich, aber unbestimmt. Die Unbestimmtheit kann sich Umsatzerlöse und sonstige Erträge – Aufwendungen = Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag + Gewinnvortrag – Verlustvortrag + Entnahmen aus den Rücklagen – Einstellung in die Rücklagen = Bilanzgewinn/Bilanzverlust Tab. 40: Jahresüberschuss und Bilanzgewinn OehlrichBWL.pdf 393 29.01.2013 08:18:35 370 6 Rechnungswesen • auf die Höhe der Ausgabe oder • den Eintrittszeitpunkt der Ausgabe oder • den Rechtsgrund beziehen. Das Vorliegen eines Merkmals reicht für die Unbestimmtheit aus und führt zur Passivierung als Rückstellung. 6.2.4 Gewinn- und Verlustrechnung 6.2.4.1 Grundlegender Aufbau der GuV Wie bereits erläutert, stellt die Gewinn- und Verlustrechnung die Verbindung her zwischen der Eröffnungs- und Schlussbilanz eines Geschäftsjahres, indem sie die Entwicklung des Eigenkapitals erklärt (Abb. 80). Dies geschieht über den Vergleich zwischen dem Gesamtertrag und dem Gesamtaufwand dieses Zeitraums. Die Differenz ist der erwirtschaftete Gewinn. Anders als beim Vergleich der Bestandsgröße Eigenkapital zu Beginn und zum Ende der Periode kann die Gewinn- und Verlustrechnung durch Betrachtung der Stromgrößen Ertrag und Aufwand nicht nur den Gesamterfolg, sondern auch Art, Höhe und Quellen des Unternehmenserfolges der Periode aufzeigen. Es ist demnach unerlässlich, die Bilanz als Zeitpunktrechnung durch eine Gewinn- und Verlustrechnung als Zeitraumrechnung zu ergänzen. Während nach dem HGB der in der Gewinn- und Verlustrechnung ermittelte Periodenerfolg in der Regel mit dem Saldo des Vermögensvergleichs der Eröffnungs- und Schlussbilanz übereinstimmt, werden sich die Werte nach IFRS meist unterscheiden. Daher kommt der Gewinn- und Verlustrechnung hier eine noch größere Bedeutung zu. Durch die Aufgliederung des Gewinns bietet die Gewinn- und Verlustrechnung dem Leser zusätzliche Informationen. Wenn beispielsweise ein Maschinenbauunternehmen eine Lagerhalle zu einem Preis verkauft, der über dem Buchwert liegt, so wird sich dadurch Abb. 80: Zusammenhang zwischen Strom- und Bestandsgrößen Summe der Erträge abzüglich Summe der Aufwendungen Gewinn- und Verlustrechnung Bilanz 31.12. 2008 Bilanz 31.12. 2009 OehlrichBWL.pdf 394 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 371 das Eigenkapital in der Bilanz des Unternehmens erhöhen. Allerdings darf diese Reinvermögensmehrung nicht den Eindruck erwecken, als handele es sich um einen Gewinnbestandteil aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens. Vielmehr muss der Ertrag in einer Position der Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesen werden, die deutlich macht, dass es sich um einen einmaligen und außerordentlichen Geschäftsvorfall handelt. Auch in Bezug auf den Aufwand sind Sonderfälle denkbar, die in der Gewinn- und Verlustrechnung entsprechend der zugrunde gelegten Rechnungslegungsvorschriften ausgewiesen werden müssen. Sollten Entwicklungskosten in dem Jahr ihrer Entstehung angerechnet werden oder erst dann, wenn das entwickelte Produkt verkauft wird? Wenn wir das Fabrikdach reparieren, handelt es sich dann wirklich um einen Aufwand, der der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit zuzuordnen ist? Der Anhang der Bilanz wird diese Aspekte genauer erläutern und sollte vom Bilanzleser bei wertmäßig bedeutenden Positionen zu Rate gezogen werden. Der Saldo aus den ausgewiesenen Erträgen und Aufwendungen ergibt den Jahresüberschuss (profit) bzw. Jahresfehlbetrag (loss), der zwar die wichtigste, aber nur eine von den verschiedenen Positionen der Gewinn- und Verlustrechnung darstellt. Gerade zu Zwecken der Jahresabschlussanalyse werden Zwischenergebnisse wie etwa EBIT, EBT oder EBITDA definiert, mit denen jeweils bestimmte Bereinigungen vorgenommen werden, welche die Vergleichbarkeit der Größen erhöhen sollen. Diese werden in Abschnitt 6.2.7 näher erläutert. Die Aufstellung der Gewinn- und Verlustrechnung basiert darauf, dass vergleichbare Größen gegenübergestellt werden, d.h. die Erträge und Aufwendungen sich auf das gleiche Mengengerüst beziehen. So dürfen den Umsatzerlösen nur die auf die abgesetzte Produktionsmenge entfallenden Herstellungskosten gegenübergestellt werden. Immer dann, wenn sich Produktions- und Absatzmenge in einem Geschäftsjahr unterscheiden, es demnach zur Veränderung von Lagerbeständen kommt, muss in der Gewinn- und Verlustrechnung eine Angleichung der Mengengerüste vorgenommen werden. Dies kann dadurch erreicht werden, dass man die Erträge des Geschäftsjahres an das Mengengerüst der Aufwendungen (Gesamtkostenverfahren) oder umgekehrt die Aufwendungen des Geschäftsjahres an das Mengengerüst der Erträge angleicht (Umsatzkostenverfahren). Tab. 41 fasst die Unterschiede der beiden Verfahren zusammen. „Beim Gesamtkostenverfahren werden allen in der betrachteten Periode erzielten Erträgen sämtliche Aufwendungen gegenübergestellt, die bei Erbringung der Betriebsleistungen angefallen sind. Da auf der Aufwandsseite die gesamten Periodenaufwendungen erfasst werden, ist das Gesamtkostenverfahren mit einer primären Gliederung nach Aufwandsarten verbunden, d.h. die betrieblichen Aufwendungen werden in Materialund Personalaufwand, Abschreibungen und sonstige betriebliche Aufwendungen aufgegliedert. Die rechnerische Angleichung von Aufwand und Ertrag gelingt dadurch, dass Mehrungen des Bestandes an unfertigen und fertigen Erzeugnissen und Eigenleistungen mit ihren Herstellungskosten den Umsatzerlösen hinzugerechnet und Minderungen des Bestandes an unfertigen und fertigen Erzeugnissen mit ihren Herstellungskosten von den Umsatzerlösen abgezogen werden.“2 2 Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 510, Hervorhebungen durch den Verfasser. OehlrichBWL.pdf 395 29.01.2013 08:18:35 372 6 Rechnungswesen „Beim Umsatzkostenverfahren werden dem effektiven Umsatz der betrachteten Periode nicht die gesamten Aufwendungen der Periode, sondern außer den zeitlich abzugrenzenden nur diejenigen sachlich abzugrenzenden Aufwendungen gegenübergestellt, welche für die verkauften Produkte angefallen sind (sog. Umsatzaufwendungen). Dadurch bedingt folgt der Ausweis der betrieblichen Aufwendungen einer sekundären Gliederung nach Funktionsbereichen, die zwischen den sachlich abgegrenzten Herstellungskosten des Umsatzes und den zeitlich abgegrenzten Forschungs- und Entwicklungskosten, Vertriebskosten, Verwaltungskosten und sonstigen betrieblichen Aufwendungen unterscheidet.“3 Die Vor- und Nachteile der beiden Verfahren fasst Tab. 42 zusammen. „Der Vorteil des Umsatzkostenverfahrens liegt darin, dass es zu einem aussagefähigeren Betriebsergebnis, insbesondere für die kurzfristige (z.B. monatliche) Erfolgsrechnung, führt. Denn es zeigt einerseits das Bruttoergebnis in Form der Differenz des Umsatzes und der Herstellungskosten des Umsatzes, andererseits die Kosten der übrigen Funktionen Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung. Bei einer entsprechenden Gliederung der Aufwendungen nach Produktarten ermöglicht das Umsatzkostenverfahren, ohne großen rechnerischen Aufwand das Betriebsergebnis für die einzelnen Produktarten zu ermitteln. Andererseits hat das Umsatzkostenverfahren den Nachteil, dass es die Struktur der ursprünglichen Aufwandsarten, gegliedert nach Materialaufwand, Personalaufwand und Abschreibungsaufwand, nicht zeigt. Stattdessen müssen diese Aufwandsarten den Funktionsbereichen zugeordnet werden, was zum Teil nur durch Schlüsselung und damit nicht immer verursachungsgerecht möglich ist.“4 Unterscheidungsmerkmal Gesamtkostenverfahren Umsatzkostenverfahren Umfang der in die GuV übernommenen Aufwendungen eines Geschäftsjahres Ausweis der gesamten Aufwendungen eines Geschäftsjahres Ausweis nur der Aufwendungen, die auf den Umsatz des Geschäftsjahres entfallen Gliederung der in der GuV aufgeführten Aufwendungen Gliederung nach Aufwandsarten in Material- und Personalaufwand sowie Abschreibungen Funktionale Gliederung wie in der Kostenrechnung in Herstellungs-, Verwaltungsund Vertriebskosten Behandlung von Lagerbestandsveränderungen in der GuV Lagerbestandserhöhungen erhöhen die Erträge, Lagerbestandsverminderungen erhöhen die Aufwendungen in der Periode Lagerbestandsveränderungen werden nicht erfasst Berücksichtigung aktivierter Eigenleistungen in der GuV Aktivierte Eigenleistungen erhöhen die Erträge, da sie gleichzeitig auch in den gesamten ausgewiesenen Aufwendungen enthalten sind Aktivierte Eigenleistungen werden nicht berücksichtigt Tab. 41: Unterschiede beim Gesamt- bzw. Umsatzkostenverfahren 3 Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 510, Hervorhebungen durch den Verfasser. 4 Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 510. OehlrichBWL.pdf 396 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 373 Während sowohl die deutschen Rechnungslegungsvorschriften als auch die IFRS die Aufstellung der Gewinn- und Verlustrechnung nach dem Gesamtkostenverfahren und dem Umsatzkostenverfahren ermöglichen, kennen die US-amerikanischen Normen US- GAAP nur das Umsatzkostenverfahren. Nach den IFRS wird das Umsatzkostenverfahren empfohlen. 6.2.4.2 Die GuV nach dem HGB Explizite Vorschriften zur Erstellung der Gewinn- und Verlustrechnung bestehen nach HGB nur für Kapitalgesellschaften (§ 275 HGB), allerdings orientieren sich in der Regel auch Einzelkaufleute und Personenhandelsgesellschaften daran. Nach § 275 Abs. 1 HGB ist die Gewinn- und Verlustrechnung in Staffelform entweder nach dem Gesamtkostenverfahren oder dem Umsatzkostenverfahren zu erstellen (Abb. 81). Die Gewinn- und Verlustrechnung ist so konzipiert, dass es ohne weiteres möglich ist, eine Erfolgsspaltung in die verschiedenen Komponenten vorzunehmen, die im Einzelnen zum Jahreserfolg eines Unternehmens beitragen: Das Betriebsergebnis umfasst das Ergebnis der eigentlichen betrieblichen Leistungserstellung und -verwertung eines Unter- Kriterium Gesamtkostenverfahren Umsatzkostenverfahren (UKV) Aussagefähigkeit Es wird die Gesamtleistung des Geschäftsjahres allen Aufwendungen des Geschäftsjahres gegenübergestellt. Das Bruttoergebnis vom Umsatz ist als Zwischenergebnis eine aussagefähigere Erfolgsgröße als das alleinige Betriebsergebnis. Erstellungsaufwand Geringerer Erstellungsaufwand, da keine Anbindung an die Kostenrechnung vorgenommen wird. Produkterfolgsgrößen Mit dem UKV kann der jeweilige Produkterfolgsbeitrag zum gesamten Betriebsergebnis des Geschäftsjahres ermittelt werden. Langfristige Fertigung Bei einer langfristigen Fertigung ist die Gesamtleistung für das Betriebsergebnis aufschlussreicher als beim UKV, bei dem für Teilleistungen kein Betriebserfolg ausgewiesen wird. Zurechnungsprobleme Die Schlüsselung der Kosten auf Produkte, die im Geschäftsjahr Umsätze erzielt haben, kann nicht ohne Weiteres vorgenommen werden. Vergleichbarkeit Aufgrund der üblichen internationalen Anwendung des UKV vor allem in den angelsächsischen Ländern ist eine bessere internationale Vergleichbarkeit gegeben. Tab. 42: Vergleich von Gesamt- und Umsatzkostenverfahren OehlrichBWL.pdf 397 29.01.2013 08:18:35 374 6 Rechnungswesen Abb. 81: GuV-Gliederungsschema nach § 275 Abs. 2 u. 3 HGB Staffelform § 275 Abs. 1 HGB Umsatzkostenverfahren § 275 Abs. 3 HGB Gesamtkostenverfahren § 275 Abs. 2 HGB Große Kapitalgesellschaften Kleine und mittelgroße Kapitalgesellschaften Große Kapitalgesellschaften 1. Umsatzerlöse 2. Erhöhung des Bestandes an fertigen und unfertigen Erzeugnissen 3. Andere aktivierte Eigenleistungen 4. Sonstige betriebliche Erträge 5. Materialaufwand a) Aufwendungen für Roh-, Hilfs-, und Betriebsstoffe und für bezogene Waren b) Aufwendungen für bezogene Leistungen Rohergebnis Als Summe Nr. 1–5 Rohergebnis Als Summe Nr. 1–3 und 6 4. Vertriebskosten 5. Allgemeine Verwaltungskosten 1. Umsatzerlöse 2. Herstellungskosten der zur Erzielung der Umsatzerlöse erbrachten Leistungen 3. Bruttoergebnis vom Umsatz 4. Vertriebskosten 5. Allgemeine Verwaltungskosten 6. Sonstige betriebliche Erträge 6. Personalaufwand a) Löhne und Gehälter b) soziale Abgaben und Aufwendungen für Altersversorgung und Unterstützung – davon für Altersversorgung 7. Abschreibungen a) auf immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens und Sachanlagen sowie auf aktivierte Aufwendungen für die Ingangsetzung und Erweiterung des Geschäftsbetriebs b) auf Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens, soweit diese die in der Kapitalgesellschaft üblichen Abschreibungen überschreiten 8. Sonstige betriebliche Aufwendungen 9. Erträge aus Beteiligungen – davon aus verbundenen Unternehmen 10. Erträge aus anderen Wertpapieren und Ausleihungen des Finanzanlagevermögens – davon aus verbundenen Unternehmen 11. sonstige Zinsen und ähnliche Erträge – davon aus verbundenen Unternehmen 12. Abschreibungen auf Finanzanlagen und auf Wertpapiere des Umlaufvermögens 13. Zinsen und ähnliche Aufwendungen – davon aus verbundenen Unternehmen 14. Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit 15. außerordentliche Erträge 16. außerordentliche Aufwendungen 17. außerordentliches Ergebnis 18. Steuern vom Einkommen und Ertrag 19. sonstige Steuern 20. Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag 7. sonstige Betriebliche Aufwendungen – davon aus verbundenen Unternehmen 8. Erträge aus Beteiligungen – davon aus verbundenen Unternehmen 9. Erträge aus anderen Wertpapieren und Ausleihungen des Finanzanlagevermögens – davon aus verbundenen Unternehmen 10. sonstige Zinsen und ähnliche Erträge – davon aus verbundenen Unternehmen 11. Abschreibungen auf Finanzanlagen und auf Wertpapiere des Umlaufvermögens 12. Zinsen und ähnliche Aufwendungen – davon aus verbundenen Unternehmen 13. Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit 14. außerordentliche Erträge 15. außerordentliche Aufwendungen 16. außerordentliches Ergebnis 17. Steuern vom Einkommen und Ertrag 18. sonstige Steuern 19. Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag OehlrichBWL.pdf 398 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 375 nehmens. Demgegenüber enthält das Finanzergebnis alle Erfolgsbeiträge aus der Anlage von Kapital sowie der Fremdkapitalaufnahme. Dem außerordentlichen Ergebnis werden nur unternehmensfremde und seltene Aufwendungen und Erträge zugewiesen. Unternehmensfremd heißt, dass das zugrunde liegende Ereignis in hohem Maße außergewöhnlich für den normalen Geschäftsablauf des Unternehmens ist oder rein zufällig eintritt. Erfolgsbeiträge sind dann selten, wenn in absehbarer Zukunft nicht mit ihrer Wiederholung zu rechnen ist. Damit gehören nur wenige Geschäftsvorfälle unter diese Position, wie z.B. Aufwendungen für Katastrophenschäden sowie Gewinne aus dem Verkauf von Grundstücken oder Beteiligungen. Gesamtkosten- und Umsatzkostenverfahren unterscheiden sich allein in der Ermittlung des Betriebsergebnisses. Alle weiteren Bestandteile zur Berechnung des Jahresüberschusses bzw. Jahresfehlbetrages sind bei beiden Verfahren gleich und weichen lediglich hinsichtlich der unterschiedlichen Positionsnumerierung ab (Tab. 43). 6.2.5 Kapitalflussrechnung Die Kapitalflussrechnung (cash flow statement) ist ein im kontinentaleuropäischen Wirtschaftsraum vergleichsweise neues Publizitätsinstrument, welches in Deutschland für börsennotierte Mutterunternehmen erstmals im Jahre 1998 mit dem Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) eingeführt wurde.5 Seit dem 1.1.2005 sind in der EU alle kapitalmarktorientierten Mutterunternehmen zur Erstellung der Konzernbilanz nach IFRS verpflichtet. Dadurch wurde die Kapitalflussrechnung zum verpflichtenden Bestandteil des Konzernabschlusses. Ähnlich wie die Gewinn- und Verlustrechnung stellt die Kapitalflussrechnung eine Verbindung her zwischen der Eröffnungs- und Schlussbilanz eines Geschäftsjahres. Allerdings erklärt sie nicht die Entwicklung des Eigenkapitals, sondern die der Position „Liquide Mittel“ auf der Aktivseite der Bilanz. Dies geschieht über eine Betrachtung der liquiditätswirksamen Geschäftsvorfälle, d.h. der Ein- und Auszahlungen. Die Differenz GKV UKV Betriebsergebnis Pos. 1–8 Pos. 1–7 +/– Finanzergebnis Pos. 9–13 Pos. 8–12 = Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit Pos. 14 Pos. 13 +/– außerordentliches Ergebnis Pos. 15–17 Pos. 14–16 – Steuern Pos. 18+19 Pos. 17+18 = Jahresüberschuss/Jahresfehlbetrag Pos. 20 Pos. 19 Tab. 43: Erfolgsspaltung der GuV nach dem GKV und UKV des § 275 HGB 5 Der Begriff Kapitalflussrechnung war lange Jahre umstritten, da es grundsätzlich vielfältige Möglichkeiten zur Aufstellung einer Finanzierungsrechnung gibt. Anders als in der Gewinn- und Verlustrechnung kann der Betrachtungsgegenstand und damit die Struktur der Finanzierungsrechnung durch Wahl des „Fonds“ (liquide Mittel, Geldvermögen oder Netto-Geldvermögen) beeinflusst werden. Vgl. dazu Schmalenbach-Gesellschaft (1996). OehlrichBWL.pdf 399 29.01.2013 08:18:35 376 6 Rechnungswesen ist der Einzahlungsüberschuss (Cash Flow) der Periode (Abb. 82). Anders als beim Vergleich der Bestandsgröße Liquide Mittel zu Beginn und zum Ende der Periode kann die Kapitalflussrechnung durch Betrachtung der Stromgrößen Einzahlung und Auszahlung nicht nur den Cash-Flow, sondern auch seine Zusammensetzung aus Geschäfts-, Investitions- und Finanzierungsvorgängen abbilden. Wenn das Ziel des Jahresabschlusses die Vermittlung eines den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage ist, so bildet die Kapitalflussrechnung hierbei die Finanzlage des Unternehmens ab. Die Kapitalflussrechnung tritt somit neben die Gewinn- und Verlustrechnung als weitere Zeitraumrechnung hinzu. Der Unterschied zwischen Gewinn und Cash Flow führt häufig zu Verwirrung. Denn in der Gewinn- und Verlustrechnung ist die Entstehung des Cash Flow gerade nicht ersichtlich. Beispielsweise müssen Löhne und Gehälter, die zwar aufgelaufen aber nicht gezahlt worden sind, als Aufwand behandelt werden, obwohl keine Auszahlung erfolgt ist. Auf der anderen Seite verringern Zahlungen an Lieferanten für erhaltene Waren sofort den Cash Flow. Ein Aufwand entsteht jedoch erst dann, wenn Güter verbraucht wurden, nicht aber wenn sie gekauft oder verkauft wurden. Die Rückzahlung eines Kredits stellt keinen Aufwand dar, da ein Vermögenswert (Liquide Mittel) und eine Verbindlichkeit (Kredit) im selben Umfang reduziert werden und durch diesen Geschäftsvorfall keine Eigenkapitalveränderung erfolgt.6 Abb. 82: Ableitungszusammenhänge der Kapitalflussrechnung, Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung6 6 Quelle: Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 776. Bilanz Anlagevermögen Umlaufvermögen (ohne Finanzmittel) Finanzmittel Eigenkapital Veränderung des Eigenkapitals Schulden Veränderung der Finanzmittel Jahresüberschuss Aufwendungen Erträge Auszahlungen Einzahlungs- überschuss Einzahlungen Kapitalflussrechnung Soll Haben GuV Soll HabenAktiva Passiva OehlrichBWL.pdf 400 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 377 Der Cash Flow ist somit jener Teil der einzahlungswirksamen Umsatzerlöse, dem keine auszahlungswirksamen Aufwendungen gegenüberstehen (Tab. 44). Die Kapitalflussrechnung erfasst damit alle zahlungswirksamen Geschäftsvorfälle ganz gleich, ob diese erfolgswirksam oder erfolgsneutral sind.7 Die Bedeutung des Cash Flows im Vergleich zum Gewinn ergibt sich dadurch, dass der Gewinn nur eine buchhalterische Größe darstellt, die nicht unbedingt zu einer Steigerung der Liquidität des Unternehmens führen muss. Dagegen stellt der Cash Flow genau auf diese Liquidität ab und gibt an, welchen zusätzlichen Innenfinanzierungsmittel • für Investitionen, • zur Schuldentilgung, • für Dividendenzahlungen oder • zur Aufrechterhaltung der für den Geschäftsbetrieb erforderlichen Liquidität zur Verfügung stehen. Wenn erfolgversprechende Investitionen wegen mangelnder Liquidität unterbleiben müssen, wird auf die entsprechende Rendite verzichtet. Wenn Schulden nicht getilgt werden können, fallen weiterhin Zinszahlungen an. Wenn Dividendenzahlungen gekürzt oder ausgesetzt werden, kann dies insbesondere bei börsennotierten Unternehmen negative Auswirkungen auf den Aktienkurs haben. Problematisch ist es allerdings, wenn die Liquidität nicht mehr für den laufenden Geschäftsbetrieb ausreicht, da das Unternehmen dann in die Gefahr der Insolvenz gerät. Die Bedeutung der Kapitalflussrechnung ist insbesondere im Zusammenhang mit der zentralen Zielsetzung der angelsächsischen Rechnungslegungstradition zu sehen, dem Eigenkapitalgeber entscheidungsrelevante Informationen zu liefern. Die Kapitalflussrechnung weist im Vergleich zur Gewinn- und Verlustrechnung den weiteren Vorteil einer hohen Zuverlässigkeit und damit Informationsqualität auf, da sie im Gegensatz zu den periodisch abge- Arten von Geschäftsvorfällen KFR (Zahlungskonten) Bilanz (Bestandskonten) GuV (Erfolgskonten) 1) erfolgs- und zahlungswirksam (Ertrag und Einzahlung oder Aufwand und Auszahlung) × × 2) zahlungs- und bilanzwirksam (Einzahlung und kein Ertrag oder Auszahlung und kein Aufwand) × × 3) erfolgs- und bilanzwirksam (Ertrag und keine Einzahlung oder Aufwand und keine Auszahlung) × × 4) nur bilanzwirksam (Aktivtausch, Passivtausch, Bilanzverlängerung oder Bilanzverkürzung) × Tab. 44: Buchungsmäßige Erfassung der Arten von Geschäftsvorfällen7 7 Quelle: Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 777. OehlrichBWL.pdf 401 29.01.2013 08:18:35 378 6 Rechnungswesen grenzten und daher von Schätzungen und Ermessensentscheidungen abhängigen Daten der Gewinn- und Verlustrechnung beobachtbare, tatsächlich messbare, und somit von Schätzungen unbeeinflusste Ein- und Auszahlungsgrößen präsentiert. Denn während für die Ermittlung des Gewinns ein großer Ermessensspielraum besteht, muss der Cash Flow eines Geschäftsjahres mit der Veränderung der liquiden Mittel übereinstimmen. Allgemein lässt sich der Cash Flow bzw. Brutto Cash Flow entweder direkt (originär) oder indirekt (derivativ) ermitteln. Bei der Anwendung der direkten Methode zur Aufstellung der Kapitalflussrechnung werden die zahlungswirksamen Geschäftsvorfälle direkt aus der Finanzbuchhaltung entnommen. Der Cash Flow ergibt sich dann als Differenz aus Einzahlungen und Auszahlungen (Tab. 45). Um die Entstehung des Cash Flows verstehen zu können, werden die Zahlungsvorgänge anschließend den Bereichen laufendes (operatives) Geschäft, Investition und Finanzierung zugeordnet (Tab. 46). Einzahlungen eines Geschäftsjahres – Auszahlungen eines Geschäftsjahres = Cash Flow Tab. 45: Direkte Ermittlung des Cash Flows operativer Bereich Mittelzuflüsse aus operativen Geschäften – Mittelabflüsse für operative Geschäfte = Cash Flow aus der laufenden Geschäftstätigkeit Investitionsbereich Mittelzuflüsse aus Desinvestitionen – Mittelabflüsse für Investitionen = Cash Flow aus Investitionstätigkeit Finanzierungsbereich Mittelzuflüsse aus Finanzierungen – Mittelabflüsse für Definanzierungen = Cash Flow aus Finanzierungstätigkeit Finanzmittelbereich Cash Flow (Summe der drei Cash Flows) + Anfangsbestand des Finanzmittelfonds = Endbestand des Finanzmittelfonds Tab. 46: Grundaufbau der Finanzierungsrechnung OehlrichBWL.pdf 402 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 379 Dadurch wird für den Leser der Kapitalflussrechnung auf einen Blick deutlich, ob aus der betrieblichen Geschäftstätigkeit ein Einzahlungsüberschuss erwirtschaftet wurde. Die Bereiche Investition und Finanzierung sind deshalb von Bedeutung, da sich Investitionen zwar negativ auf den Cash Flow auswirken, sie jedoch in folgenden Geschäftsjahren zu Einzahlungen führen werden. Ebenso wird beispielsweise auch deutlich, wenn ein positiver Cash Flow nur durch den Verkauf von Investitionsgütern erzielt werden konnte. Für den Bereich der Finanzierung verhält es sich genau andersherum: Mittelzuflüsse aus Finanzierungen erhöhen zwar den Cash Flow, sie beruhen aber auf der Aufnahme von Krediten oder der Ausgabe von jungen Aktien. Ein Defizit aus der Finanzierungstätigkeit ergibt sich etwa durch Schuldentilgung. Bei der Anwendung der indirekten Methode zur Aufstellung der Kapitalflussrechnung wird hingegen von dem in der Gewinn- und Verlustrechnung ermittelten Jahresüberschuss ausgegangen (Tab. 47). Dieser wird dann um die nicht zahlungswirksamen Aufwendungen und Erträge korrigiert. Ohne auf die verschiedenen Berechnungsschemen einzugehen, existieren mehrere Positionen, die regelmäßig eine Korrektur erfordern. Diese betreffen vornehmlich den Mittel- überschuss aus der laufenden Geschäftstätigkeit, der auch als operativer Cash Flow bezeichnet wird (Tab. 48). So stellen Abschreibungen und Rückstellungen zwar Aufwand dar; sie sind aber zu diesem Zeitpunkt nicht zahlungswirksam. Vielmehr hat im Falle der Abschreibungen der Mittelabfluss bereits stattgefunden, während er im Falle der Rückstellungen erst zum Zeitpunkt der Auflösung stattfindet. Die Zunahme der Vorräte und der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen betrifft Erträge, die keine Einzahlungen darstellen. Die Abnahme der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen stellt hingegen Auszahlungen dar, die bereits in früheren Perioden als Aufwendungen berücksichtigt wurden. Jahresüberschuss (Jahresfehlbetrag) + Auszahlungsunwirksame Aufwendungen eines Geschäftsjahres – Einzahlungsunwirksame Erträge eines Geschäftsjahres = Cash Flow Tab. 47: Indirekte Ermittlung des Cash Flows operativer Bereich Jahresüberschuss + Abschreibungen + Zunahme der Rückstellungen + sonstige zahlungsunwirksame Aufwendungen – Gewinn aus dem Abgang von Sachanlagen – Zunahme der Vorräte und der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen – Abnahme der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen = Cash Flow aus der laufenden Geschäftstätigkeit Tab. 48: Indirekte Ermittlung des operativen Cash Flows OehlrichBWL.pdf 403 29.01.2013 08:18:35 380 6 Rechnungswesen 6.2.6 Konzernabschluss Als Konzern bezeichnet man den Zusammenschluss mehrerer rechtlich selbstständiger Unternehmen (Konzernunternehmen) zu einer wirtschaftlichen Einheit unter der einheitlichen Leitung eines Mutterunternehmens. Für die Rechnungslegung bedeuten Konzerne eine besondere Herausforderung. Dies resultiert aus der Tatsache, dass bei einer einheitlichen Leitung oder einem beherrschenden Einfluss die Konzernunternehmen zwar rechtlich selbstständig, aber wirtschaftlich unselbstständig sind. Zudem bestehen innerhalb eines Konzerns meist vielfältige Leistungsverflechtungen. So stellen etwa Forderungen eines Konzernunternehmens gegenüber einem anderen Konzernunternehmen aus dessen Sicht Verbindlichkeiten in gleicher Höhe dar. Das Gleiche gilt für Erträge und Aufwendungen, bei denen sich die Salden meist gegenseitig aufheben. Aufgrund derartiger Leistungsverflechtungen ist die Aussagekraft der Einzelabschlüsse der einzelnen Konzernunternehmen beschränkt. Diese eingeschränkte Aussagekraft kann dadurch aufgehoben werden, dass für den Konzern als wirtschaftliche Einheit ein Konzernabschluss aufgestellt wird. Die Pflicht zur Aufstellung eines Konzernabschlusses ergibt sich für deutsche (Konzern-) Mutterunternehmen nach ihrer Rechtsform: • Kapitalgesellschaften sowie Personenhandelsgesellschaften im Sinne des § 264a HGB8 mit Sitz in Deutschland haben den Konzernabschluss nach § 290 Abs. 1 HGB aufzustellen. Eine Befreiung von dieser Pflicht zur Aufstellung ergibt sich gemäß §§ 291, 292 HGB für Mutterunternehmen, wenn sie als Tochterunternehmen in einen übergeordneten Konzernabschluss einbezogen werden. Darüber hinaus entfällt die Pflicht, wenn der Konzern die in § 293 HGB bestimmten Größenkriterien nicht überschreitet. • Für alle übrigen Rechtsformen, die als Mutterunternehmen einheitliche Leitung über andere Unternehmen ausüben und deren Tätigkeit über eine bloße Vermögensverwaltung hinausgeht, ergibt sich die Pflicht zur Aufstellung eines Konzernabschlusses nach § 11 Publizitätsgesetz (PublG), sofern die dort genannten Größenkriterien überschritten werden. In diesem Fall sind die inhaltlichen Bestimmungen des HGB anzuwenden. Die Unterscheidung in HGB und PublG betrifft also nur die unterschiedliche Abgrenzung der Konzernabschlusspflicht. So gelten unterschiedliche Größenkriterien; auch Unter einem Konzernabschluss versteht man einen konsolidierten Jahresabschluss für die Posten der Einzelabschlüsse aller Unternehmen, die unter der einheitlichen Leitung oder dem beherrschenden Einfluss des Mutterunternehmens eines Konzerns stehen. Durch die Konsolidierung wird der Konzern fiktiv so dargestellt, als ob er ein rechtlich einheitliches Unternehmen wäre (Einheitstheorie). Dafür müssen die zahlreichen Verflechtungen innerhalb des Konzerns bei der Erstellung des Konzernabschlusses eliminiert werden. Der Konzernabschluss soll daher den Berichtsadressaten ein objektives Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns liefern (§ 297 Abs. 2 S. 2 HGB bzw. IAS 27.9). 8 Personenhandelsgesellschaften im Sinne des § 264a HGB sind Personengesellschaften, bei denen nicht wenigstens ein persönlich haftender Gesellschafter eine natürliche Person oder eine Personengesellschaft mit einer natürlichen Person als persönlich haftenden Gesellschafter ist. OehlrichBWL.pdf 404 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 381 kennt das PublG das im Folgenden beschriebene Control-Konzept nicht, sondern nur das der einheitlichen Leitung. Eine besondere Rolle spielt der Konzernabschluss nach IFRS, der den HGB-Konzernabschluss in den folgenden Fällen ersetzen kann: • Handelt es sich bei dem Mutterunternehmen um ein sogenanntes kapitalmarktorientiertes Unternehmen, dessen Aktien oder Schuldverschreibungen an einer Börse innerhalb der EU gehandelt werden (Art. 4 der IAS-Verordnung9), so ist die Konzernrechnungslegung zwingend nach IFRS aufzustellen. • Ein Unternehmen, das zur Konzernrechnungslegung nach HGB verpflichtet ist, kann jedoch nach § 315a HGB freiwillig einen Konzernabschluss und Lagebericht nach IFRS aufstellen. Da sich für Unternehmen mit Sitz im Inland die Verpflichtung zur Aufstellung des Konzernabschlusses primär nach HGB ergibt, erfolgt im Folgenden eine Beschränkung auf die Vorschriften des HGB. Der Konzernabschluss ist in §§ 290 ff. HGB geregelt. Dort wird bestimmt, welche Konzerne aus den Einzelabschlüssen ihrer rechtlich selbstständigen, aber wirtschaftlich abhängigen, Unternehmen einen konsolidierten Jahresabschluss für den gesamten Konzern erstellen müssen. Die fiktive Darstellung als einheitliches Unternehmen soll dem Betrachter eine objektive Möglichkeit geben, die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns zu bewerten (§ 297 Abs. 2 S. 2 HGB). Anders als dem Einzelabschluss kommt dem Konzernabschluss nach HGB weder eine Ausschüttungsbemessungsfunktion, noch eine Gläubigerschutz- oder Besteuerungsfunktion zu. Vornehmlich dient er der Informationsfunktion, d.h. er fungiert als Grundlage für wirtschaftliche Entscheidungen. Der Konzernabschluss nach HGB besteht aus der Konzernbilanz, der Konzern- Gewinn- und Verlustrechnung, dem Konzernanhang, der Kapitalflussrechnung und dem Eigenkapitalspiegel. Er kann um eine Segmentberichterstattung erweitert werden. Darüber hinaus ist gemäß § 290 Abs. 1 HGB stets auch ein Konzernlagebericht aufzustellen. Grundsätzlich unterscheidet § 18 AktG zwischen Unterordnungs- und Gleichordnungskonzernen, wobei nur Erstere zur Konzernrechnungslegung verpflichtet sind. Der Unterordnungskonzern ist dabei von einem Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen den beteiligten Konzernunternehmen geprägt. Ein Unternehmen beherrscht die anderen untergeordneten Unternehmen. Diese verlieren dabei ihre wirtschaftliche, aber nicht ihre rechtliche Selbstständigkeit. Innerhalb der Unterordnungskonzerne unterscheidet man zwischen faktischem Konzern, Vertragskonzern und Eingliederungskonzern: • Im faktischen Konzern besteht formalrechtlich kein Weisungsrecht der übergeordneten Konzernmutter gegenüber dem Tochterunternehmen. Man bedient sich daher einer widerlegbaren Vermutungskette, dass eine Mehrheitsbeteiligung zu einem Abhängigkeitsverhältnis und dieses zu einer einheitliche Leitung führt. Es wird erwartet, dass die Geschäftsleitung der unterworfenen Unternehmen sich den Entscheidungen der Konzernspitze nicht entgegenstellen wird. 9 Verordnung (EG) Nr. 1606/2002 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Juli 2002 betreffend die Anwendung internationaler Rechnungslegungsstandards (Nichtamtlicher Kurztitel: IAS-Verordnung). OehlrichBWL.pdf 405 29.01.2013 08:18:35 382 6 Rechnungswesen • Ein Vertragskonzern entsteht durch den Abschluss eines Beherrschungsvertrags nach § 291 Abs. 1 S. 1 AktG. Dabei unterwirft sich das „beherrschte Unternehmen“ dem anderen und verpflichtet sich vertraglich, den Weisungen des herrschenden Unternehmens Folge zu leisten, soweit sie dem Konzerninteresse dienen. Daher vermutet § 18 Abs. 1 S. 2 AktG unwiderleglich, dass ein Unterordnungskonzern besteht. • Von einem Eingliederungskonzern spricht man, wenn das eine Unternehmen mit mindestens 95% am Grundkapital des anderen Unternehmens beteiligt ist und das abhängige Unternehmen wie eine Abteilung in die Hauptgesellschaft eingegliedert ist. Es ist die engste Form einer Verbindung zweier rechtlich selbstständiger Unternehmen. • Der Gleichordnungskonzern ist eine Zusammenfassung rechtlich selbstständiger Unternehmen unter einer einheitlichen Leitung, ohne dass eine wirtschaftliche Abhängigkeit besteht. Die Konzernunternehmen sind vielmehr gleichgeordnet und fügen sich auf freiwilliger Basis in den Konzern ein. Da nach dem HGB ein Mutter-Tochter-Verhältnis die Voraussetzung für die Konzernrechnungslegungspflicht ist, sind Gleichordnungskonzerne nicht dazu verpflichtet. Es fehlt ein Subordinationsverhältnis. Das HGB unterscheidet in § 290 HGB zwei unterschiedliche Konzepte nach denen bestimmt wird, ob für einen Konzern die Aufstellung eines Konzernabschlusses zwingend ist. Zum einen das Konzept der einheitlichen Leitung (§ 290 Abs. 1 HGB) und zum anderen das Control-Konzept (§ 290 Abs. 2 HGB). Dabei spielt es keine Rolle, nach welchem Konzept ein Konzern zum Konzernabschluss verpflichtet wird. Ein Mutter-Tochter Verhältnis muss auf jeden Fall bestehen. • Beim Konzept der einheitlichen Leitung nach § 290 Abs. 1 HGB besteht die Pflicht zur Konzernrechnungslegung, wenn das Mutterunternehmen die einheitliche Leitung auf ein Unternehmen tatsächlich ausübt und es an dem Unternehmen eine Beteiligung hält. Der Begriff der einheitlichen Leitung ist nicht legal definiert und muss daher in jedem Einzelfall bestimmt werden. Entscheidend ist dabei, ob das Mutterunternehmen die einheitliche Leitung tatsächlich ausübt und nicht nur die Möglichkeit dazu hat. Grundsätzlich kann man von einer einheitlichen Leitung ausgehen, wenn die Konzernleitung die Geschäftspolitik und grundsätzliche Fragen aller Konzernunternehmen aufeinander abstimmt. Das Einzelinteresse ordnet sich dabei dem Konzerninteresse unter. Um Abgrenzungsschwierigkeiten vorzubeugen, sind auch hier die widerlegbare und unwiderlegbare Vermutung der einheitlichen Leitung aus § 18 AktG anwendbar. • Neben dem Konzept der einheitlichen Leitung besteht die Pflicht zur Konzernrechnungslegung nach dem Control-Konzept auch dann, wenn das Mutterunternehmen einen beherrschenden Einfluss auf das Tochterunternehmen hat. Dabei nennt § 290 Abs. 2 HGB drei unterschiedliche Tatbestände, bei deren Erfüllung jeweils ein beherrschender Einfluss vorliegt. Wesentlicher Unterschied zum Konzept der einheitlichen Leitung ist, dass nur die Möglichkeit eines beherrschenden Einflusses bestehen muss. Auf eine tatsächliche Ausübung kommt es nicht an. Entweder besitzt das Mutterunternehmen die Mehrheit der Stimmrechte am Tochterunternehmen, oder es hat das Recht, die Mehrheit der Mitglieder von Verwaltungs-, Leitungs- und Aufsichtsratsorganen zu bestellen oder es besteht ein Beherrschungsvertrag zwischen beiden Unternehmen. Aber nicht in allen Fällen muss ein Konzern einen Konzernabschluss erstellen, wenn die Voraussetzungen des § 290 HGB erfüllt sind. Nach § 293 HGB kommt eine größenmäßige Befreiung in Betracht, wenn der Konzern eine bestimmte Größe nicht erreicht. Maßgeblich sind die Bilanzsumme, die Umsatzerlöse und die Mitarbeiterzahl. OehlrichBWL.pdf 406 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 383 Ist ein Konzern zur Erstellung eines Konzernabschlusses verpflichtet, so stellt sich die Frage, welche Konzernunternehmen in den Konsolidierungskreis aufgenommen werden können oder müssen. Nach § 296 Abs. 1 HGB besteht ein Konsolidierungswahlrecht, wenn nur eine eingeschränkte Verfügungsmacht besteht, die Aufstellung mit unverhältnismäßigen Kosten oder Aufwand verbunden ist oder die Anteile nur für den Zweck der Weiterveräußerung gehalten werden. Nach § 296 Abs. 2 HGB besteht zudem ein Wahlrecht, wenn das Tochterunternehmen nur von geringer Bedeutung für die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns ist. In welchem Umfang ein Tochterunternehmen in den Konzernabschluss einbezogen wird, bestimmt sich nach einem Stufenprinzip, das vom Grad der Beeinflussung des Mutterunternehmens auf das Tochterunternehmen abhängig ist. Stehen die Unternehmen unter einer einheitlichen Leitung, greift das Prinzip der Vollkonsolidierung. Werden die Unternehmen gemeinschaftlich geführt, so besteht ein Wahlrecht zwischen der Quotenkonsolidierung und der Equity-Methode. Bei nur maßgeblicher Beeinflussung greift die Equity-Methode. • Bei der Vollkonsolidierung werden die Einzelabschlüsse der Unternehmen zu einem Konzernabschluss zusammengefügt. Dabei werden die Aktiva und Passiva eines Tochterunternehmens vollständig übernommen. Zunächst werden bei der Kapitalkonsolidierung die innerbetrieblichen Kapitalverflechtungen beseitigt, indem die Beteiligungswerte des Mutterunternehmens mit dem auf diese Anteile entfallenden (anteiligen) Eigenkapitalbetrag des einzubeziehenden Unternehmens verrechnet werden. Dies kann über die Buchwertmethode oder die Neubewertungsmethode erfolgen. Anschließend folgt die Schuldenkonsolidierung, bei der Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb des Konzerns saldiert werden. • Die Quotenkonsolidierung nach § 310 HGB greift bei gemeinschaftlich geführten Unternehmen. Dabei werden die Aktiva und die Passiva des Tochterunternehmens nur entsprechend der Höhe der Beteiligung des Mutterunternehmens im Konzernabschluss berücksichtigt. • Die Equity-Methode greift beim Einbezug von Unternehmen, auf deren Geschäfts- und Finanzpolitik nur ein maßgeblicher Einfluss ausgeübt wird (assoziiertes Unternehmen). Bei der Equity-Bewertung kommt es nicht zu einer Darstellung der Aktiva und Passiva des Tochterunternehmens im Konzernabschluss. Dort wird nur das anteilige Eigenkapital des Tochterunternehmens dargestellt. Bei dieser Methode wird der Wertansatz der Beteiligung aus dem Einzelabschluss des vollkonsolidierten Unternehmens so modifiziert, dass die Bewertung zeitnah mit dem anteiligen Eigenkapital erfolgen kann. Die Vereinfachung der Equity-Methode besteht darin, dass die Modifizierung nur bei erstmaliger Anwendung der Equity-Methode erfolgen muss. In den nachfolgenden Perioden ist lediglich eine Fortschreibung des Wertansatzes durchzuführen. 6.2.7 Bilanzanalyse Aufgabe der Bilanzanalyse (Jahresabschlussanalyse) ist es, anhand der Daten des Jahresabschlusses (Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung und Anhang) sowie des Lageberichts die derzeitige bzw. zukünftige wirtschaftliche Lage eines Unternehmens zu beurteilen bzw. zu prognostizieren. Da der Jahresabschluss in der Regel öffentlich zugänglich ist, bildet die Bilanzanalyse insbesondere für Unternehmensexterne OehlrichBWL.pdf 407 29.01.2013 08:18:35 384 6 Rechnungswesen eine wichtige Entscheidungsgrundlage etwa für den Kauf von Anteilen, die Kreditgewährung oder die Aufnahme sonstiger Vertragsbeziehungen. Die Bilanzanalyse stellt jedoch nicht zuletzt aus diesem Grund auch für interne Steuerungszwecke eine wichtige Informationsquelle dar. Strategisch kommt der Bilanzanalyse die Aufgabe zu, den Unternehmenswert und die Wertgenerierung abzubilden. Operativ sind insbesondere Erfolg und Liquidität als Voraussetzung der Existenzerhaltung zu untersuchen. Die Bilanzanalyse ist nicht in der Lage, jede Information aus den vorhandenen Daten gewinnen oder prognostizieren zu können. Sie leidet somit unter den gleichen Nachteilen wie der zugrunde liegende Jahresabschluss: • Jahresabschlussinformationen weisen per se eine mangelnde Zukunftsbezogenheit auf, da sie sich auf abgeschlossene Perioden beziehen. Nur der Lagebericht bietet zusätzliche, zukunftsbezogene Informationen. Insofern sind Fortschreibungen bzw. Schätzungen der Informationen mit der damit verbundenen Unsicherheit notwendig. • Die Jahresabschlussinformationen sind auf monetär bewertbare Informationen begrenzt und weisen somit eine mangelnde Vollständigkeit auf. Gerade immaterielle Werte wie Know-how, Managementerfahrung und Forschungsprojekte bleiben ebenso verborgen wie Transaktionen, die keinen buchhalterischen Geschäftsvorfall darstellen (z.B. Abschluss eines Kooperationsvertrages oder Gewährung einer Kreditlinie). • Die im Rahmen der Rechnungslegungsvorschriften eingeräumten Ermessensentscheidungen und Möglichkeiten der Bilanzpolitik durch Sachverhaltsgestaltungen sind für Außenstehende nicht zu erkennen. Gerade die internationalen Rechnungslegungsvorschriften basieren auf sachgerechten Beurteilungen durch den Bilanzierenden (judgement). • Das dem HGB zugrunde gelegte Vorsichtsprinzip kann zu einer Unterbewertung des Reinvermögens führen und die Aussagekraft der Jahresabschlussinformationen verringern. • Zuletzt führt die international zu beobachtende Vielzahl von Rechnungslegungsstandards zu einer geringen Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse. Da sich die in dem Jahresabschluss ausgewiesenen Positionen nicht immer für eine detaillierte Analyse eignen, sind zunächst Umstrukturierungen, Zusammenfassungen sowie Aufspaltungen und Saldierungen einzelner Positionen vorzunehmen. Die möglichen Anpassungen sind zum Teil sehr umfangreich, so dass auf die am Ende dieses Kapitels angegebene weiterführende Literatur verwiesen wird. Im Folgenden sollen ausgewählte Anpassungen von Größen der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung kurz dargestellt werden, die in der Unternehmenspraxis täglich verwendet werden. Für die Bilanz sollen im Folgenden vier zentrale Größen dargestellt werden: • Gesamtkapital (total assets), • eingesetztes Kapital (capital employed), • Reinvermögen (net assets) und • Working Capital. Der Zusammenhang dieser vier Größen lässt sich anhand der Grobstruktur der Bilanz erläutern, die zur Verdeutlichung in Abb. 83 mit exemplarischen Werten versehen wird. Das Gesamtkapital (GK) stellt das Gesamtvermögen des Unternehmens dar und errechnet sich als Summe aus dem (bilanziellen) Eigenkapital (EK) und den kurz- und langfristigen Verbindlichkeiten (KV und LV). Das bilanzielle Eigenkapital stellt dabei eine Berich- OehlrichBWL.pdf 408 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 385 tigung des Eigenkapitals um ausstehende Einlagen, Ausschüttungen, eigene Anteile und den Sonderposten mit Rücklagenanteil dar. Wie Abb. 83 verdeutlicht, kann das Gesamtkapital aber auch auf der Aktivseite als Summe aus Anlagevermögen (AV) und Umlaufvermögen (UV) errechnet werden, sofern die o.g. Wertberichtigungen unterlassen werden. Die zweite Größe stellt das eingesetzte Kapital dar, das auch im deutschen Sprachraum eher unter dem Begriff Capital Employed bekannt ist (Abb. 84). Das Capital Employed errechnet sich als Eigenkapital zuzüglich der langfristigen Verbindlichkeiten. Es gibt dasjenige Kapital an, das dem Unternehmen langfristig zur Verfügung steht, und spielt daher bei der Beurteilung der langfristigen Liquidität eine besondere Rolle. Zu beachten ist, dass das langfristige Fremdkapital nicht nur Finanzschulden, sondern auch Pensions- Abb. 83: Ermittlung des Gesamtkapitals Abb. 84: Ermittlung des Capital Employed Anlagevermögen 600 (fixed assets) Umlaufvermögen 400 (current assets) Eigenkapital 450 (equity) Kurzfr. Verbindlichkeiten 300 (current liabilities) Aktiva (Assets) Passiva (Equity & Liabilities) Langfr. Verbindlichkeiten 250 (non-current liabilities) GK Anlagevermögen 600 (fixed assets) Umlaufvermögen 400 (current assets) Eigenkapital 450 (equity) Kurzfr. Verbindlichkeiten 300 (current liabilities) Aktiva (Assets) Passiva (Equity & Liabilities) Langfr. Verbindlichkeiten 250 (non-current liabilities) CE OehlrichBWL.pdf 409 29.01.2013 08:18:35 386 6 Rechnungswesen rückstellungen beinhaltet. Die Größe Capital Employed macht somit auch deutlich, dass die Mitarbeiter des Unternehmens mit der (meist unfreiwilligen) Investition ihres Pensionsanspruches in das Unternehmen eine wichtige Kapitalquelle sind. Abb. 84 macht wiederum deutlich, dass das Capital Employed auch über die Aktivseite ermittelt werden kann. Es sind dazu das Anlagevermögen und das Umlaufvermögen zu addieren und die kurzfristigen Verbindlichkeiten abzuziehen. Das Reinvermögen (RV) ist bereits als eigenständige Position in der Bilanz bekannt (Abb. 85). Das Reinvermögen wird jedoch nicht einfach der Bilanz entnommen, sondern errechnet sich aus der Summe aus Anlage- und Umlaufvermögen abzüglich der kurzund langfristigen Verbindlichkeiten. Diese Definition verdeutlicht eindrucksvoll die Bedeutung des Reinvermögens. Es gibt an, dass der den Anteilseignern zuzordnende Wert eines Unternehmens sich durch den Wert aller Vermögensgegenstände abzüglich des Fremdkapitals ergibt. Die letzte Größe ist das Working Capital (WC), auf das bei den Kennzahlen zurückgegriffen wird (Abb. 86). Das Working Capital errechnet sich als Umlaufvermögen abzüglich der kurzfristigen Verbindlichkeiten. Es spiegelt die faktisch zur Verfügung stehenden liquiden Mittel und somit die betriebliche Liquidität wieder. Von Bedeutung ist diese Größe, da viele Unternehmen auf den ersten Blick als sehr liquide erscheinen, da sie ein hohes Umlaufvermögen aufweisen, das bei Liquiditätsbedarf verflüssigt werden kann. Wie das Beispiel in Abb. 86 verdeutlicht, wird dabei jedoch außer Acht gelassen, dass dem Umlaufvermögen in Höhe von 400 kurzfristige Verbindlichkeiten in Höhe von 300 gegenüberstehen. Geht man davon aus, dass diese kurzfristigen Verbindlichkeiten innerhalb kurzer Zeit zurückgezahlt werden müssen, so stehen dem Unternehmen bei Verflüssigung des Umlaufvermögens nur liquide Mittel in Höhe von 100 zur Verfügung. Sofern das Working Capital positiv ist, lassen sich dadurch nicht ausgenutzte langfristige Finanzierungsvolumen identifizieren, weil Teile des kurzfristig liquidierbaren Umlaufvermögens mittel- bis langfristig finanziert sind. Ein positives Working Capital ist demnach ein Anzeichen für die Expansionskraft des Unternehmens. Abb. 85: Ermittlung des Reinvermögens Anlagevermögen 600 (fixed assets) Umlaufvermögen 400 (current assets) Eigenkapital 450 (equity) Kurzfr. Verbindlichkeiten 300 (current liabilities) Aktiva (Assets) Passiva (Equity & Liabilities) Langfr. Verbindlichkeiten 250 (non-current liabilities) RV OehlrichBWL.pdf 410 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 387 Für die Gewinn- und Verlustrechnung werden meist die folgenden Zwischenergebnisse ermittelt, bei denen einzelne Einflüsse herausgerechnet wurden: • EBITDA (Earnings before interest, taxes, depreciation and amortization), • EBIT (Earnings before interest and taxes), • EBT (Earnings before taxes), • EAT (Earnings after taxes) und • RE (Retained earnings). Im Mittelpunkt der Korrekturen stehen die gewinnabhängigen Steuern und der Zinsaufwand. Hintergrund ist, dass eine Vergleichbarkeit hergestellt werden soll, die vom Steuersystem, der Rechtsform und der Kapitalstruktur des Unternehmens unabhängig ist. Alle Vermögenswerte des Unternehmens haben dazu beigetragen das EBIT (earnings before interest and taxes) zu erwirtschaften. Daher „gehört“ das EBIT den Eigentümern dieser Vermögenswerte und muss entsprechend verteilt werden. Zunächst werden die Zinszahlungen an die Fremdkapitalgeber abgezogen. Es verbleibt das EBT (earnings before taxes), welche die (hypothetische) Bemessungsgrundlage für die Steuerzahlung darstellt. Es verbleibt das EAT bzw. PAT (earnings/profits after taxes), der sogenannte Reingewinn, von dem die Zahlungen an die Anteilseigner, die Dividenden, abgezogen werden. Der Restbetrag, das RE (retained earnings), verbleibt im Unternehmen und kann dort reinvestiert werden. Abb. 86: Ermittlung des Working Capital EBIT (earnings before interest and taxes) – Zinsen = EBT (earnings before taxes) – Steuern = EAT (earnings after taxes) – Dividenden = RE (retained earnings) Anlagevermögen 600 (fixed assets) Eigenkapital 450 (equity) Kurzfr. Verbindlichkeiten 300 (current liabilities) Aktiva (Assets) Passiva (Equity & Liabilities) Langfr. Verbindlichkeiten 250 (non-current liabilities) Umlaufvermögen 400 (current assets) WC OehlrichBWL.pdf 411 29.01.2013 08:18:35 388 6 Rechnungswesen Jede dieser Kennzahlen kann für den Leser der Gewinn- und Verlustrechnung hilfreiche Informationen beinhalten. So kann man mit Hilfe des EBIT beispielsweise den betrieblichen Gewinn verschiedener Geschäftsjahre, Quartale oder Unternehmensbereiche direkt vergleichen, ohne dass die Resultate durch schwankende Steuersätze, Zinsaufwendungen oder sonstige außerordentliche Faktoren verzerrt werden. Das Herausrechnen der Zinsaufwendungen kann auch sinnvoll sein, wenn man das Unternehmen mit einem Unternehmen vergleichen möchte, welches vollständig mit Eigenkapital finanziert ist. Eine weitere wichtige Kennzahl in diesem Zusammenhang ist das EBITDA (earnings before interest, taxes, depreciation and amortization), bei dem ausgehend vom EBIT auch der Effekt von Abschreibungen und Zuschreibungen herausgerechnet wird.10 Allerdings hat das EBITDA seit der Jahrtausendwende an Bedeutung verloren, da es zur Zeit des Neuen Marktes von manchen unprofitablen Unternehmen zur Verschleierung einer Verlustsituation genutzt wurde. Es ist unmittelbar einsichtig, dass es durch das Bereinigen des Ergebnisses um fast alle wichtigen Aufwandspositionen unter Umständen trotzdem positive Werte liefert. Obwohl bereits die ermittelten absoluten Zahlen Informationen bieten, werden betriebswirtschaftliche Entscheidungen schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf Kennzahlen und Kennzahlensysteme gestützt. Kennzahlen werden gebildet, indem absolute Zahlen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Durch den Vergleich dieser Zahlen kann ihre Aussagekraft erhöht werden. Der Vorteil von Kennzahlen besteht darin, dass sie eine quantitative Verdichtung der komplexen Realität darstellen und so über zahlenmäßig erfassbare betriebswirtschaftliche Sachverhalte informieren können. Ihr Nachteil besteht in der großen Anzahl von Kennzahlen und der Schwierigkeit der Interpretation. Dabei hängt die Verwendbarkeit einer Kennzahl grundsätzlich vom Einsatzgebiet wie Branche oder Unternehmensgröße ab. Einzige Voraussetzung ist die Beachtung des Entsprechungsprinzips, das besagt, dass Zähler und Nenner in einem sinnvollen Zusammenhang stehen müssen. Ein solcher Zusammenhang ist bei drei Arten von Kennzahlen gegeben: • Gliederungszahlen setzen Teilgrößen einer Gesamtgröße miteinander in Beziehung wie etwa Eigenkapital und Gesamtkapital oder Eigenkapital und Fremdkapital. • Beziehungszahlen setzen hingegen verschiedenartige Gesamtheiten in Bezug, die in einem sachlogischen Zusammenhang stehen. Beispielsweise kann die Gesamtkapitalrentabilität ermittelt werden, die den Gewinn mit dem Gesamtkapital in Beziehung setzt. Der sachlogische Zusammenhang besteht hierbei darin, dass das Gesamtkapital ursächlich für die Erwirtschaftung des Gewinns ist. Das Entsprechungsprinzip fordert EBIT (earnings before interest and taxes) + Abschreibungen auf das Anlagevermögen – Zuschreibungen zum Anlagevermögen = EBITDA 10 Der englische Begriff „amortization“ (Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände) darf hier nicht mit dem deutschen Begriff „Amortisation“ verwechselt werden. OehlrichBWL.pdf 412 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 389 dabei, dass der Gewinn vor Fremdkapitalzinsen (z.B. EBIT) ermittelt wird, da das Gesamtkapital sowohl Eigen- als auch Fremdkapital beinhaltet. • Indexzahlen ermöglichen die Darstellung der zeitlichen Entwicklung von Größen, indem die aktuelle Größe mit dem Wert zu einem Basiszeitpunkt gemessen wird. Kennzahlen erlauben den internen Zeitvergleich, indem ihre Entwicklung über verschiedene Perioden betrachtet wird. Darüber hinaus ermöglichen sie jedoch auch den Betriebsvergleich, indem die Kennzahlen verschiedener Unternehmen der gleichen Branche miteinander verglichen werden. Im Mittelpunkt der Kennzahlenanalyse stehen Kriterien wie Vermögensstruktur, Liquidität und Rentabilität. Zu den bestandsorientierten Strukturkennzahlen gehören die Vermögensstruktur, die Kapitalstruktur sowie die Liquiditätskennzahlen. Die Vermögensstruktur kann über zahlreiche Kennzahlen gemessen werden. Die Vermögens-Intensitätskennzahlen analysieren das Verhältnis von langfristig zu kurzfristig investiertem Vermögen. Die Anlagenintensität ergibt sich etwa aus der Division von Anlagevermögen mit dem Gesamtvermögen: Anlagenintensität = × 100 Da das Anlagevermögen dem Unternehmen längerfristig zur Verfügung steht, andererseits aber auch die finanziellen Mittel dadurch länger gebunden sind, steht ein niedriges Anlagevermögen für eine höhere (betriebliche) Flexibilität. Auf der anderen Seite ist ein geringes Anlagevermögen auch darauf zurückzuführen, dass ein Unternehmen mit abgeschriebenen Anlagen arbeitet. In Bezug dessen ist keine eindeutige Aussage zu dieser Kennzahl zu treffen. Zwei andere Kennzahlen sind die Vermögensintensität und die Umlaufintensität: Vermögensintensität = × 100 Umlaufintensität = × 100 Eine Analyse der Vermögensstruktur ist auch über die Umschlagskoeffizienten möglich. Diese geben an, wie häufig ein Vermögensposten in der Periode umgeschlagen wurde (Umschlagshäufigkeit). Die Grundstruktur der Umschlagshäufigkeit lautet: Umschlagshäufigkeit = Ein Beispiel für die Umschlagskoeffizienten ist die Umschlagshäufigkeit des Gesamtkapitals: Umschlagshäufigkeit des Gesamtkapitals = Diese Kennzahl gibt an, wie oft sich das Gesamtkapital in der Periode umschlägt, d.h. wie produktiv das dem Unternehmen zur Verfügung stehende Kapital eingesetzt wurde. Je höher die Kennzahl ist, desto schneller ist der Finanzmittelrückfluss aus dem Umsatzprozess. Anlagevermögen Gesamtvermögen -------------------------------------------------- Anlagevermögen Umlaufvermögen ------------------------------------------------- Umlaufvermögen Gesamtvermögen -------------------------------------------------- Abgang in der Periode durchschnittlicher Bestand -------------------------------------------------------------------------- Umsatzerlöse durchschnittliches Gesamtkapital ------------------------------------------------------------------------------------------- OehlrichBWL.pdf 413 29.01.2013 08:18:35 390 6 Rechnungswesen Die Beurteilung der finanziellen Stabilität des Unternehmens ist durch das Kundenziel möglich. Kundenziel = Eine Verschlechterung der Kennzahl drückt aus, dass die Kunden ihre Verbindlichkeiten später zurückführen. Dies kann einerseits mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zusammenhängen. Andererseits könnten Qualitätsprobleme der Produkte dazu führen, dass die Kunden Rechnungen erst verzögert begleichen. Zentrale Kennzahl der Kapitalstruktur ist die Eigenkapitalquote. Sie ergibt sich aus der Division von Eigenkapital mit dem Gesamtkapital: Eigenkapitalquote = × 100 Äquivalent dazu ist der statische Verschuldungsgrad: Statischer Verschuldungsgrad = × 100 Die in Deutschland bekanntere Eigenkapitalquote gilt als Gradmesser der Kreditwürdigkeit des Unternehmens. Grundsätzlich gilt: Je höher die Eigenkapitalquote, desto niedriger ist das Finanzierungsrisiko. Allerdings ist es in der Praxis nicht immer sinnvoll, eine möglichst hohe Eigenkapitalquote anzustreben. Denn mit steigendem Fremdkapitalanteil, steigt auch die Rentabilität des Eigenkapitals. Die Suche nach der optimalen Kapitalstruktur ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Forschungsthema („Modigliani-Miller-Theorem“).11 Die Liquiditätsanalyse mit den Liquiditätskennzahlen stellt die Frage nach dem Risiko der Zahlungsunfähigkeit in den Mittelpunkt. Der besondere Fokus liegt dabei auf der Fragestellung, inwieweit die Liquidität ausreicht, um den gegebenen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die einfachste Regel ist der Grundsatz der Fristenkongruenz, d.h. dass das kurzfristige Vermögen größer ist als das kurzfristige Kapital. Eine solch vereinfachende Analyse führt jedoch nicht immer zum richtigen Ergebnis. Man unterscheidet zwischen der statischen Liquiditätsanalyse auf Basis der Bilanz und der dynamischen Liquiditätsanalyse unter Einbeziehung des Cash Flows. Die statische Liquiditätsanalyse unterscheidet zwischen der lang- und mittelfristigen Deckungskennzahlen und den kurzfristigen Liquiditätskennzahlen. Die Deckungskennzahlen errechnen sich als: Deckungsgrad 1 = × 100 Deckungsgrad 2 = × 100 11 Modigliani, Franco; Miller, Merton (1958): The Cost of Capital, Corporation Finance and the Theory of Investment, in: American Economic Review, Vol. 48, S. 443–453. durchschnittlicher Bestand an Warenforderungen × 365 Umsatzerlöse ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Eigenkapital Gesamtkapital ----------------------------------------- Fremdkapital Eigenkapital ------------------------------------- Eigenkapital Anlagevermögen ------------------------------------------------ Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital Anlagevermögen ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ OehlrichBWL.pdf 414 29.01.2013 08:18:35 6.2 Externe Rechnungslegung 391 Die kurzfristigen Liquiditätskennzahlen errechnen sich als: Liquidität 1. Grades = × 100 Liquidität 2. Grades = × 100 Liquidität 3. Grades = × 100 Problematisch ist bei den Liquiditätskennzahlen, dass nur Werte aus der Bilanz verwendet werden, nicht jedoch laufende Zahlungsverpflichtungen wie Löhne, Gehälter und Mieten. Sinnvoller ist daher die Verwendung dynamischer Kennzahlen auf Basis von Stromgrößen. Eine übliche Kennzahl ist der dynamische Verschuldungsgrad: Dynamischer Verschuldungsgrad = × 100 Der dynamische Verschuldungsgrad gibt an, in wie vielen Jahren das Fremdkapital getilgt sein wird, wenn der Cash Flows jeweils vollständig zur Rückführung der Schulden verwendet wird. Die Erfolgskennzahlen werden erfahrungsgemäß durch die Eigenkapitalrentabilität, die Gesamtkapitalrentabilität (Return on Investment) und die Umsatzrentabilität abgebildet. Innerhalb der Betrachtung der Eigenkapitalrentabilität wird der erwirtschaftete Jahres- überschuss auf das in der Periode betrachtete, durchschnittlich eingesetzte Eigenkapital bezogen: Eigenkapitalrentabilität = × 100 Diese Kennzahl gibt an, wie sich die Kapitaleinlage der Eigenkapitalgeber verzinst. Grundsätzlich ist die Eigenkapitalrentabilität besser zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens geeignet, da diese als relative Erfolgskennzahl eine Beziehung zum Mitteleinsatz herstellt. Unter kritischer Betrachtung lässt sich hierbei allerdings festhalten, dass sich die Eigenkapitalrentabilität durch eine erhöhte Verschuldung steigern lässt (Leverage-Effekt). Die Gesamtkapitalrentabilität und die Umsatzrentabilität sind Kennzahlen, die von einem unverschuldeten Unternehmen ausgehen. Aufgrund des Entsprechungsprinzips ist daher im Zähler nicht der Jahresüberschuss als Erfolgsgröße anzugeben, sondern das EBIT, welches weder Zins-, noch Steueraufwand enthält. Die Gesamtkapitalrentabilität, die auch als Return on Investment (ROI) oder als Return on Assets (ROA) bezeichnet wird, errechnet sich als: Gesamtkapitalrentabilität = × 100 Beim ROI wird eine Ergebnisgröße auf das eingesetzte Gesamtkapital bezogen. Allerdings herrscht keine Einigkeit darüber, ob als Ergebnisgröße der Jahresüberschuss, der Jahresüberschuss vor Ertragssteuern oder das ordentliche Betriebsergebnis herangezogen werden soll. liquide Mittel kurzfristige Verbindlichkeiten --------------------------------------------------------------------------------liquide Mittel + kurzfristige Forderungen kurzfristige Verbindlichkeiten ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------liquide Mittel + kurzfristige Forderungen + Vorräte kurzfristige Verbindlichkeiten ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Fremdkapital Cash Flow ------------------------------------- Jahresüberschuss durchschnittliches Eigenkapital -------------------------------------------------------------------------------------- EBIT durchschnittliches Gesamtkapital ------------------------------------------------------------------------------------------- OehlrichBWL.pdf 415 29.01.2013 08:18:35 392 6 Rechnungswesen Jedoch existieren auch ähnliche Kennzahlen, bei denen andere Größen im Nenner Verwendung finden. Die bekanntesten sind der Return on Net Assets (RONA) bzw. der Return on Capital Employed (ROCE): RONA = × 100 ROCE = × 100 Diese beiden Kennzahlen spielen insbesondere im Rahmen von wertorientierten Steuerungsrechnungen eine Rolle. Als eigenständige Kennzahlen sind sie jedoch weniger aussagekräftig. Die Umsatzrentabilität ergibt sich durch die Division des EBIT durch den Umsatz: Umsatzrentabilität = × 100 Diese Kennzahl gibt die durchschnittliche aus dem Umsatz erwirtschaftete Marge an. Gesamtkapitalrentabilität und Umsatzrentabilität sind über den Kapitalumschlag rechnerisch miteinander verbunden: Kapitalumschlag = × 100 Deutlich wird der Zusammenhang, wenn man die Gesamtkapitalrentabilität (ROI) mit dem Faktor Umsatz/Umsatz multipliziert: ROI = × × 100 Durch Umstellen kann man den ROI in Umsatzrendite und Kapitalumschlag zerlegen: ROI = × × 100 Mit dieser Zerlegung wird deutlich, dass der ROI verbessert werden kann, indem die Umsatzrentabilität oder der Kapitalumschlag erhöht werden. Zudem wird deutlich, dass man durch Zerlegung von Kennzahlen Kennzahlensysteme entwickeln kann, bei denen eine Spitzenkennzahl über verschiedene Ebenen auf zugrunde liegende Kennzahlen zurückgeführt werden kann. Eines der ältesten und zugleich bedeutendsten Kennzahlensysteme ist das „Du-Pont-System of Financial Control“, das heute meist als ROI-Kennzahlensystem oder Du Pont-Kennzahlensystem bezeichnet wird (Abb. 87). Das ROI-Kennzahlensystem wurde bereits 1919 bei „I.E. DuPont de Nemours & Co.“ entwickelt und zu Beginn der 1920er Jahre von General Motors übernommen. Im Mittelpunkt dieses Kennzahlensystems steht der Kapitalertragsstammbaum, an dessen Spitze der Return on Investment (ROI) steht. Durch dessen Erweiterung mit dem Umsatz erfolgt eine Aufspaltung in den Kapitalumschlag (Einflussbereich der Vermögensstruktur) und die Umsatzrentabilität (Einflussbereich der Kosten- und Erlösstruktur). Dank seiner sehr allgemeinen Ausformung hat sich das Modell als Basis vieler nachfolgender Systeme etabliert. EBIT Net Assets ------------------------------ EBIT Capital Employed ------------------------------------------------- EBIT Umsatz ---------------------- Umsatz durchschnittliches Gesamtkapital ------------------------------------------------------------------------------------------- EBIT Ø Gesamtkapital ----------------------------------------------- Umsatz Umsatz ---------------------- EBIT Umsatz ---------------------- Umsatzrentabilität Umsatz Ø Gesamtkapital ----------------------------------------------- Kapitalumschlag OehlrichBWL.pdf 416 29.01.2013 08:18:35 6.3 Internes Rechnungswesen 393 6.3 Internes Rechnungswesen 6.3.1 Grundlegende Zusammenhänge Aufgrund der Aufgaben der externen Rechnungslegung sind die Informationen, die etwa in den handelsrechtlichen Jahresabschluss eingehen, vergangenheitsbezogen. Dies ist natürlich notwendig, wenn man einen im abgelaufenen Geschäftsjahr erwirtschafteten Jahresüberschuss ermitteln soll, der an die Eigenkapitalgeber ausgeschüttet werden kann. Dies führt allerdings auch dazu, dass die Daten des Jahresabschlusses für eine zukunftsorientierte Planung, Steuerung und Kontrolle eines Unternehmens nicht geeignet sind. Vor allem auch deshalb, wenn man berücksichtigt, dass ab dem Bilanzstichtag bis zur Veröffentlichung des Jahresabschlusses noch einmal drei bis sechs Monate vergehen. Außerdem ist der Jahresabschluss eine pagatorische Rechnung, in die nur die Wertgrößen eingehen dürfen, die auch tatsächlich mit Zahlungen verknüpft sind. Dies ist vor dem Hintergrund der notwendigen Objektivität für außenstehende Interessengruppen ver- Abb. 87: ROI-Kennzahlensystem ROI Umsatzrentabilität Kapitalumschlag EBIT Umsatzerlöse Umsatzerlöse Gesamtkapital Umsatzerlöse betriebl. Aufwand Umlaufvermögen Anlagevermögen Vorräte Forderungen Liquide Mittel Sachanlagen Immat. Anlagewerte Herstellungsaufwand Vertriebsaufwand Verwaltungsaufwand × + + + + + + ÷ ÷ – OehlrichBWL.pdf 417 29.01.2013 08:18:36

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Zusammenfassung

Dieses Lehrbuch vermittelt eine verständliche Einführung in die Betriebswirtschaftslehre mit einem Schwerpunkt auf den Managementfunktionen. Die Besonderheit besteht darin, dass es die betriebswirtschaftlichen Funktionen nicht getrennt voneinander darstellt, sondern die Praxiszusammenhänge, z.B. zwischen der Organisation und dem Strategischen Management, deutlich macht. Dies gelingt dadurch, dass der Erstellungsprozess eines Businessplans gemeinsame Grundlage ist.

Aufbau

1. Businessplan und Business Planning

2. Geschäftsmodell, Zielsystem und Strategie

3. Analyse von Markt, Kunden und Konkurrenten

4. Gestaltung der Wertschöpfung

5. Unternehmensstruktur

6. Rechnungswesen

7. Finanzierung, Shareholder Value und Wertmanagement

8. Businessplan