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1.1 Präskriptive Entscheidungstheorie in:

Günter Bamberg, Adolf Gerhard Coenenberg, Michael Krapp

Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, page 13 - 17

15. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4518-3, ISBN online: 978-3-8006-4519-0, https://doi.org/10.15358/9783800645190_13

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie Als „Entscheidungstheorie“ wird im Allgemeinen die logische und empirische Analyse rationalen bzw. intendiert rationalen Entscheidungsverhaltens bezeichnet. Den Ausgangspunkt einer solchen Untersuchung bilden stets zwei elementare Faktoren: Ein (oder eine Gruppe von) Entscheidungsträger(n) sowie eine Entscheidungssituation, welche durch mögliche Aktionen, Rahmenbedingungen und Zielse ungen beschrieben wird, deren – durch den Entscheidungsträger in der Regel lediglich zum Teil beeinflussbare – Kombination zu unterschiedlich günstigen bzw. ungünstigen Ergebnissen für den Entscheidungsträger führt. Grundsä lich ist zu unterscheiden, welche Aussagen in Bezug auf das Verhalten in solchen Situationen durch eine entscheidungstheoretische Betrachtung generiert werden sollen: Je nach Zielse ung der Untersuchung wird zwischen einer präskriptiven sowie einer deskriptiven Entscheidungstheorie unterschieden. Um die unterschiedlichen Ansa punkte dieser beiden Richtungen der Entscheidungstheorie – wie sie sich zum gegenwärtigen Stand der Forschung präsentieren – verdeutlichen zu können, ist es zweckmäßig, zunächst von einem einfachen Modell eines Entscheidungsprozesses als Interaktionsprozess zwischen einem Subjektsystem und einem Objektsystem auszugehen, wie es in Abbildung 1.1 dargestellt ist. Das Objektsystem umfasst die unter dem Begriff Entscheidungsfeld zusammenzufassenden Aktionsmöglichkeiten des Entscheidungsträgers und die Bedingungskonstellationen, die den Erfolg einer gewählten Aktion beeinflussen. Ferner umfasst es Gese mäßigkeiten, nach denen sich das Entscheidungsfeld sowohl aus sich selbst heraus als auch unter dem Einfluss der Aktionsmöglichkeiten verändern kann.Wesentliche Komponenten desObjektsstems sind somit die objektiven Begrenzungsfaktoren des Handlungsspielraums, beispielsweise institutionelle und juristische Normen, Marktstruktur, Bevölkerungswachstum, Technologien, Kapazität der Produktionsfaktoren oder vorausgegangene Entscheidungen. Das Objektsystem repräsentiert also im Wesentlichen den in der konkreten Entscheidungssituation relevanten Ausschni aus der aktuell tatsächlich vorliegenden Umweltsituation des Entscheidungsträgers. Darüber hinaus enthält es die Gese mäßigkeiten, nach denen sich diese „Umwelt“ durch das Ergreifen einzelner Aktionen verändert bzw. verändern kann. Zu beachten ist, dass das Objektsystem dem Entscheidungsträger nicht stets vollumfänglich bekannt ist. Vielmehr werden Informationen über den Zustand des Objektsystems durch ein (unter Umständen fehlerhaftes und/oder ungenaues) Informationssystem im Subjektsystem des Entscheidungsträgers verarbeitet. Dieses Subjektsystem enthält die eigentlichen Entscheidungsdeterminanten, die im Rahmen der objektiven Entscheidungsbegrenzungen den Entscheidungsablauf und das Ergebnis des Entscheidungsprozesses maßgebend bestimmen, also das persönliche Zielsystem des Entscheidungsträgers, 2 1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie In fo rm at io ne n A kt io ne n Entscheidungsfeld Objektsystem Subjektsystem Zielsystem Informationssystem Entscheidungslogik Abb. 1.1: Entscheidungsprozess als Interaktionsprozess das bereits genannte Informationssystem sowie die Entscheidungslogik, welcher der Entscheidungsträger bei der Auswahl seiner Handlungen folgt. Das Zielsystem des Entscheidungsträgers liefert die notwendigen Wertprämissen zur zielorientierten Ausrichtung der Informationsgewinnung und für den Prozess der entscheidungslogischen Informationsverarbeitung. Zu beachten ist, dass es – anders als beispielsweise in der Ethik – nicht Aufgabe der Entscheidungstheorie ist, dieses Zielsystem moralisch zu beurteilen. Vielmehr ist lediglich von Bedeutung, wie die Vorstellungen des Entscheidungsträgers widerspruchsfrei in das Zielsystem übertragenwerden können undwie der Entscheidungsträger im Einklang mit dem gewählten Zielsystem entscheiden könnte bzw. sollte. Durch das Informationssystem wird der Entscheidung ein subjektives Situationsbild zu Grunde gelegt. Es werden somit faktische Entscheidungsprämissen geschaffen. Durch entscheidungslogische Verknüpfung der wertenden und faktischen Entscheidungsprämissen wird eine Bewertung der verfügbaren Handlungsmöglichkeiten und damit eine Lösung des Entscheidungsproblems erreicht.¹ Das Subjektsystem könnte somit vereinfacht als der ¹ So formuliert, liegt die Vermutung nahe, das Treffen von Entscheidungen sei eine relativ schematische Angelegenheit. Die tatsächlichen Schwierigkeiten verstecken sich aber hinter den Begriffen „entscheidungslogische Verknüpfung“ und „Lösung“. Diese Schwierigkeiten sowie die möglichen Präzisierungen dieser Begriffe werden in den nächsten Kapiteln ausführlich behandelt. 1.1 Präskriptive Entscheidungstheorie 3 „Horizont“ des Entscheidungsträgers aufgefasst werden, also als die Kombination aus seinem durch Informationsverabeitung gewonnenen Wissen um den Zustand desObjektsystems, erweitert um seine persönlichen, das Objektsystem betreffenden Ziele sowie die grundlegende Logik, nach der er seine Aktionen auswählt, um diese Ziele zu verwirklichen. Somit ist zusammenfassend festzustellen, dass das Objektsystem als relevantes Umfeld des Subjektsystems in dessen Informationssystem abgebildet und durch Ergreifen zielentsprechender Aktionen in einen wünschenswerteren Zustand transformiert wird. Ein Entscheidungsprozess ist somit als die Ableitung einer Entscheidung aus Entscheidungsprämissen zu interpretieren. Aus dieser Charakterisierung ergeben sich für die Entscheidungstheorie zwei Fragestellungen: „Wie kommt es bei gegebenen Entscheidungsprämissen zur Entscheidung?“ und „Wie kommen die Entscheidungsprämissen selbst zu Stande?“ Die präskriptive Entscheidungstheorie und die deskriptive Entscheidungstheorie lassen sich schwerpunktmäßig jeweils einer dieser Fragestellungen zuordnen. Die präskriptive Entscheidungstheorie untersucht, wie bei gegebenen faktischen und wertenden Entscheidungsprämissen unter der Vorausse ung rationalen Handelns zu entscheiden ist. Ihr Ziel ist also die Gewinnung vorschreibender, normativer Aussagen. Die deskriptive Entscheidungstheorie geht demgegenüber nur von intendiert rationalem Handeln aus und betrachtet die faktischen und wertenden Entscheidungsprämissen nicht als gegebene, sondern als zu erklärende Größen. Hieraus ergeben sich beschreibende, also deskriptive Aussagen. 1.1 Präskriptive Entscheidungstheorie Im Mi elpunkt der präskriptiven Entscheidungstheorie steht die Entscheidungslogik; es wird nach Regeln zur Bewertung von Aktionsresultaten gesucht, die dem Postulat rationalen Verhaltens entsprechen. Die präskriptive Entscheidungstheorie ist somit im Wesentlichen eine Rationalitätsanalyse und kann als Erklärung des Rationalverhaltens aufgefasst werden. Der Rationalitätsbegriff ist damit der zentrale Begriff der präskriptiven Entscheidungstheorie. Je nach den Anforderungen, die an die wertenden bzw. faktischen Entscheidungsprämissen gestellt werden, sind verschiedene Rationalitätsbegriffe zu unterscheiden. Im allgemeinsten Sinne se t das Rationalitätspostulat lediglich voraus, dass der Entscheidungsträger über ein in sichwiderspruchsfreies Zielsystem verfügt und sich seinem Zielsystem entsprechend verhält. Da diese Interpretation des Rationalitätsbegriffes keine Anforderungen an den substanziellen Inhalt der Ziele stellt, sondern nur die Form des Zielsystems betrifft, wird von formaler Rationalität gesprochen. Inwieweit bei Vorliegen formaler Rationalität zugleich Rationalität in einem substanziellen Sinne gegeben ist, lässt sich nur durch Bewertung der Entscheidungsergebnisse im Lichte eines als Standard akzeptierten Zielsystems beur- 4 1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie teilen. Die Entscheidungstheorie geht nur von der Vorausse ung formaler Rationalität, nicht von der Vorausse ung substanzieller Rationalität aus, da dies ihren Anwendungsbereich auf jeweils bestimmte Gesellschaftssysteme, Organisationstypen usw. einengen würde. In der praktischen Anwendung entscheidungstheoretischer Analysen gewinnt die Forderung nach substanzieller Rationalität dagegen besonderes Gewicht. Dabei wird man die Ziele des jeweiligen Referenzsystems als Beurteilungskriterien bezüglich der Rationalität der zu analysierenden Entscheidungen verwenden müssen. Legt man das gesamtbetriebliche Zielsystem zu Grunde, so ist denkbar, dass ein nach Maximierung der Liefertreue strebender Vertriebsleiter formal (das heißt hinsichtlich der Ziele seines Geschäftsbereichs) rational handelt, substanziell (das heißt hinsichtlich des gesamtbetrieblichen Zielsystems) dagegen nicht rational handelt – möglicherweise auf Grund einer eher untergeordneten Betrachtung der Lagerbestandshöhe in verschiedenen angrenzenden Unternehmensbereichen. Ähnlich müssen die primär an der Gewinnmaximierung orientierten Entscheidungen eines privatwirtschaftlich geführten Betriebes nicht zwangsläufig substanziell rational sein, das heißt dem Ziel der Gesellschaft entsprechen. Je nach den an die faktischen Entscheidungsprämissen zu stellenden Anforderungen ist zwischen objektiver und subjektiver Rationalität zu unterscheiden. Von objektiver Rationalität ist dann zu sprechen, wenn das Situationsbild des Entscheidungsträgers mit der Wirklichkeit bzw. mit den Informationen über dieWirklichkeit übereinstimmt, wie sie ein objektiver Beobachter (z. B. ein kundiger Unternehmensberater) ermi eln kann. Eine Forderung nach objektiver Rationalität hä e sicherlich den Vorteil, das Entscheidungsverhalten unmi elbarer empirischer Beobachtung und wissenschaftlicher Erklärung zugänglich zu machen. Bei Vorliegen objektiver Rationalität könnte ein objektiver Beobachter aus dem Entscheidungsverhalten auf den verfolgten Zweck schließen oder bei Kenntnis des Zwecks das Entscheidungsverhalten und seine Ergebnisse prognostizieren. Andererseits würde die Annahme objektiver Rationalität die Entscheidungstheorie für die meisten praktischen Zwecke untauglich machen und, falls als Forderung verstanden, in vielen Fällen gegen das Postulat formaler Rationalität verstoßen. Besonders deutlich wird dies in den Entscheidungsmodellen der traditionellen Betriebswirtschaftslehre, die imAllgemeinen auf der Annahme vollkommener Voraussicht des Entscheidungsträgers bzw. auf der Prämisse objektiver Rationalität beruhen. Einerseits kommt der Fall vollkommener Voraussicht praktisch kaum vor, andererseits verstößt die Forderung nach Gewinnung möglichst vollkommener Voraussicht in denjenigen Fällen gegen das Postulat formaler Rationalität, in denen der Entscheidungsträger die Kosten zusä licher Informationsgewinnung höher bewertet als den durch die Information zu erwartenden zusä lichen Nu en. Diese Überlegungen führen zum Begriff der subjektiven Rationalität, demgemäß eine Entscheidung auch dann als optimal gilt, wenn sie mit den subjektiv wahrgenommenen Informationen des Entscheidungsträgers in Übereinstimmung steht. Bei einem Rückgriff auf das Postulat subjektiver Rationalität müssen – soll das Rationalitätspostulat nicht inhaltsleer werden – die mög- 1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie 5 lichen Informationsentscheidungen des Entscheidungsträgers in die entscheidungstheoretische Analyse einbezogen werden. Zusammenfassend lässt sich die präskriptive Entscheidungstheorie als Analyse von Entscheidungen unter dem Postulat subjektiver Formalrationalität kennzeichnen. 1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie Während die präskriptive Entscheidungstheorie der Frage nachgeht: „Wie sind Entscheidungen bei gegebenen Entscheidungsprämissen zu treffen, so dass sie dem Postulat subjektiver Formalrationalität entsprechen?“, versucht die deskriptive Entscheidungstheorie die Frage zu beantworten: „Wie werden Entscheidungen in der Wirklichkeit getroffen und warum werden sie so und nicht anders getroffen?“ Wie schon ausgeführt, wird mit dieser Fragestellung offenkundig, dass die deskriptive Entscheidungstheorie nicht von gegebenen Entscheidungsprämissen ausgehen kann, sondern deren Zu-Stande-Kommen zum Untersuchungsobjekt erheben und daher empirisch beobachtete Begrenzungen der Rationalität in ihre Aussagen einbeziehen muss. Der deskriptiven Entscheidungstheorie stellen sich – wie jeder deskriptiven Theorie – explikative und explanatorische Aufgaben. Die explikative Aufgabe besteht in der Bildung exakter Begriffe und deren Abgrenzung zu den Begriffen der Umgangssprache oder anderer wissenschaftlicher Disziplinen sowie in der Schaffung begrifflich-theoretischer Bezugsrahmen als Vorstufe der Modellentwicklung. Die Aufdeckung und Erklärung empirischer Zusammenhänge zwischen den Variablen des Bezugssystems gehört zur explanatorischen Aufgabenstellung. Auf der Basis hinreichend abgesicherter Gese eshypothesen und bekannter Ausgangsbedingungen gilt es zu erklären, warum bestimmte Ereignisse eingetreten sind bzw. eintreten werden. Solche wissenschaftlichen Erklärungen basieren auf einer einheitlichen Formalstruktur, die sich auf folgende Elemente zurückführen lässt: Explanandum: Eine Menge von beschreibenden, empirisch gewonnenen Aussagen über den zu erklärenden Sachverhalt. Explanans: 1) Ein Gese , das für die Erklärung des infrage stehenden Sachverhaltes relevant ist. 2) Anfangsbedingungen, die im konkreten Fall die Gese esaussage festlegen. Die Erklärung besteht in der Ermi lung eines unbekannten Explanans aus einem bekannten Explanandum. Folgendes Beispiel mag zur Verdeutlichung dienen: Es gilt, die in den vergangenen Zeitperioden um einen gewissen Betrag gestiegene Nachfrage nach

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Zusammenfassung

Vorteile

- Ein Lehr- und Lernbuch für einen einführenden Kurs in die Entscheidungstheorie

- Mit zahlreichen Aufgaben und Lösungen

Zum Werk

In Unternehmen werden und müssen Entscheidungen getroffen werden, deren Auswirkungen zum Teil große Konsequenzen auf die eigene Geschäftstätigkeit haben können.

Dieses Lehrbuch führt den Leser in die Entscheidungstheorie ein und stellt Entscheidungen bei Sicherheit, Risiko und Unsicherheit ausführlich dar. Es erläutert die Grundbegriffe der Spieltheorie ebenso wie die der dynamischen Programmierung.

Autoren

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Günter Bamberg war Inhaber des Lehrstuhls für Statistik an der Universität Augsburg.

Prof. em. Dr. Dres. h.c. Adolf G. Coenenberg war Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsprüfung und Controlling, an der Universität Augsburg.

Prof. Dr. Michael Krapp ist Extraordinarius für Quantitative Methoden an der Universität Augsburg.

Zielgruppe

Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.