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Ralf Struffert, 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen in:

Deloitte & Touche GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Ed.)

Asset Securitisation in Deutschland, page 66 - 76

4. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4498-8, ISBN online: 978-3-8006-4499-5, https://doi.org/10.15358/9783800644995_66

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Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 61 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 61 hinaus hat der IASB beschlossen, auf die Angabe von Vergleichszahlen für das Vorjahr zu verzichten. Stattdessen sollen im Erstanwendungszeitpunkt Anhangangaben zur Überleitung von IAS 39 auf IFRS 9 (Comparative Transition Disclosures) veröffentlicht werden. 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 4.2.1 Klassifizierungsmodell des IFRS 9 Ein Unternehmen hat einen finanziellen Vermögenswert – mithin den erworbenen Verbriefungstitel – bei Zugang für Zwecke der Folgebewertung hinsichtlich des anzuwendenden Wertmaßstabs zu klassifizieren. In Abhängigkeit der Klassifizierung erfolgt die Folgebewertung entweder zum beizulegenden Zeitwert (Fair Value) oder zu fortgeführten Anschaffungskosten (Amortised Cost). Die in IAS  39 zur Anwendung kommenden Bewertungskategorien für finanzielle Vermögenswerte sind in ihrer bisherigen Abgrenzung entfallen.73 Entscheidend für die Klassifizierung des finanziellen Vermögenswertes zu fortgeführten Anschaffungskosten oder zum Fair Value sind nach IFRS 9.4.1.1 •• das Geschäftsmodell des Unternehmens, das der Steuerung finanzieller Vermögenswerte zugrunde liegt, und •• die Eigenschaften der vertraglichen Zahlungsströme (Contractual Cash Flow Characteristics) des Instruments. Das folgende Schema gibt einen Überblick über das grundsätzliche Modell des IFRS 9 zur Abbildung finanzieller Vermögenswerte. In Abhängigkeit der beiden genannten Klassifizierungskriterien erfolgt die Festlegung der Bewertungsklasse, woraus sich dann wiederum die Erfolgswirksamkeit der Wertänderungen ergibt. Eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten kommt letztlich nur dann in Betracht, sofern die nachfolgenden Bedingungen kumulativ erfüllt sind:74 •• Das Geschäftsmodell der Beurteilungseinheit (z. B. Portfolio), in der der finanzielle Vermögenswert gehalten wird, zielt auf die Vereinnahmung der vertraglichen Zahlungsströme (Geschäftsmodellbedingung) und 73 Hinsichtlich der Bewertung im Zeitpunkt des Zugangs des Finanzinstruments ergeben sich mit IFRS 9 keine Änderungen im Vergleich zu den Regelungen in IAS 39. Die Zugangsbewertung erfolgt somit weiterhin zum Fair Value. 74 Vgl. IFRS 9.4.1.2. 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 62 4 Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 962 •• die vertraglichen Zahlungsströme des Instruments stellen lediglich die Rückzahlung des Nominalbetrags und die Verzinsung auf den ausstehenden Nominalbetrag dar (Zahlungsstrombedingung). Dabei ist Verzinsung als Vergütung für den Zeitwert des Geldes sowie das aus dem ausstehenden Nominalbetrag resultierende Bonitätsrisiko definiert.75 Ist mindestens eine der Bedingungen nicht erfüllt, wird der finanzielle Vermögenswert erfolgswirksam zum Fair Value bewertet. Daneben kann unter bestimmten Voraussetzungen von der Fair-Value-Option Gebrauch gemacht und somit eine Bewertung erfolgswirksam zum Fair Value erzielt werden.76 Strukturierte Verbriefungen (Contractually Linked Instruments) werden nach IFRS 9 grundsätzlich analog zu den übrigen finanziellen Vermögenswerten anhand des Geschäftsmodellkriteriums und des Zahlungsstromkriteriums klassifiziert. Jedoch sieht IFRS 9 entsprechend der mit 75 Vgl. IFRS 9.4.1.3. 76 Vgl. IFRS 9.4.1.5. Die Fair-Value-Option für finanzielle Vermögenswerte ist zukünftig nur noch zur Verringerung oder Beseitigung von Bewertungsanomalien (Accounting Mismatch, IFRS 9.B4.1.29–B4.1.32) ausübbar (IFRS 9.4.1.5), da nach dem neuen Klassifizierungsansatz die bisherigen weiteren Bedingungen (Steuerung auf Fair-Value-Basis (IAS  39.9(b)(ii) und Vermeidung Abtrennung eingebetteter Derivate (IAS  39.11A)) obsolet sind. Abb. 4.1: Klassifizierung für finanzielle Vermögenswerte Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 63 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 63 Verbriefungen verfolgten Reallokation von Kreditrisiken ergänzende Kriterien zur Einstufung der Zahlungsstrombedingung vor. 4.2.2 Geschäftsmodellkriterium IFRS 9 unterscheidet in Bezug auf das Geschäftsmodell für die jeweilige Beurteilungseinheit (z. B. Portfolio) zwischen der Steuerung zur Vereinnahmung der vertraglichen Zahlungsströme aus Finanzinstrumenten und der Steuerung auf Basis der Realisation von Fair-Value-Änderungen von Finanzinstrumenten.77 Dabei ist grundsätzlich nicht auf die Verwendungsabsicht des einzelnen Instruments abzustellen; vielmehr ist die Geschäftsmodellbedingung auf einer höheren Aggregationsebene (Beurteilungseinheit) zu bestimmen. Folglich wird damit für alle Instrumente innerhalb dieser Beurteilungseinheit das Geschäftsmodell einheitlich festgelegt. Maßgeblich für die Frage, ob das Geschäftsmodell in der Steuerung mit dem Ziel der Vereinnahmung der vertraglichen Zahlungsströme besteht, ist die Zielsetzung der Beurteilungseinheit, wie sie von den Leitungsgremien festgelegt wurde (Key Management Personnel im Sinne von IAS  24).78 Die Entscheidung, auf welcher Ebene das Geschäftsmodellkriterium beurteilt wird, bestimmt sich gemäß IFRS 9.BC4.19(b) nach der Art und Weise, wie das Unternehmen sein Geschäft tatsächlich steuert. Hervorzuheben ist, dass das Geschäftsmodellkriterium explizit keine Bedingung des zwingenden Haltens der Instrumente bis zur Endfälligkeit darstellt.79 Verkäufe sind explizit zulässig, sofern sie der Anzahl nach selten sind. Übersteigt die Anzahl der Verkäufe eine seltene Zahl („more than an infrequent number of sales“), stellt sich die Frage, ob die Verkäufe noch in Einklang mit der Bedingung „Steuerung mit dem Ziel der Vereinnahmung der vertrag-lichen Zahlungsströme“ stehen. Bei häufigen Veräußerungsvorgängen ist damit zu hinterfragen, ob diese noch mit dem dokumentierten Geschäftsmodell vereinbar sind. Gleichwohl wirken sie sich nicht zwingend schädlich in Bezug auf ein Amortised-Cost-fähiges Geschäftsmodell aus.80 In der Praxis wird als Folge der Finanzmarktkrise teilweise erwogen, das Verbriefungsportfolio abzubauen – sei es durch aktiven Verkauf 77 Vgl. IFRS 9.B4.1.6. 78 Vgl. IFRS 9.B4.1.1. 79 Damit besteht ein entscheidender Unterschied zu der bisherigen Regelung in IAS  39 bezüglich der Kategorie „Held to Maturity“. 80 Zu Beispielen vgl. IFRS 9.B4.1.3 und IFRS 9.B4.1.4. Siehe auch Deloitte, iGAAP 2011, S. 3018–3020. Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 64 4 Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 964 oder durch sukzessives Auslaufen und den Verzicht auf Neuerwerbe. Während ein aktiver Verkauf nicht in Einklang mit dem Geschäftsmodell „Halten zur Vereinnahmung vertraglicher Zahlungsströme“ steht und damit zur Fair-Value-Bilanzierung der Verbriefungsbestände führt, würde im anderen Fall grundsätzlich – vorbehaltlich der Erfüllung der weiteren besonderen Anforderungen an das Zahlungsstromkriterium bei Verbriefungen – nicht per se eine Amortised-Cost-Bewertung ausgeschlossen sein. Vielfach wird jedoch eine Mischung aus beiden Handlungsoptionen verfolgt. In diesem Fall ist eine Einzelbefallbeurteilung des Geschäftsmodells anhand der dokumentierten und gelebten Geschäftsstrategie vorzunehmen. Die Prüfung des Geschäftsmodells ist zum Zeitpunkt der erstmaligen Anwendung des IFRS 9 (also bei Inkrafttreten – und rechtzeitiges Endorsement unterstellt – am 1.1.2015) auf Grundlage der an diesem Tag vorliegenden Tatsachen und Umstände zu beurteilen. Die sich daraus ergebende Klassifizierung ist unabhängig vom Geschäftsmodell des Unternehmens in früheren Berichtsperioden rückwirkend anzuwenden.81 Entsprechend ergeben sich für den Bilanzierenden bis zum Erstanwendungszeitpunkt noch Handlungsoptionen zum Abbau und ggf. zur Neustrukturierung eines bestehenden Verbriefungsportfolios. Bis einschließlich 2014 vorgenommene Verkäufe sind für die Beurteilung des Geschäftsmodells zum Zeitpunkt der erstmaligen Anwendung von IFRS 9 für sich genommen nicht relevant. Danach vorgenommene Verkäufe können hingegen einem Geschäftsmodell „Halten zur Vereinnahmung vertraglicher Zahlungsströme“ mit entsprechenden Implikationen für den Bewertungsmaßstab entgegenstehen. 4.2.3 Zahlungsstromkriterium Prüfungsschema Sind die Verbriefungspositionen einem auf das Halten ausgerichteten Geschäftsmodell zugeordnet, ist für eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten weitere Voraussetzung, dass das Zahlungsstromkriterium erfüllt wird. Der IASB definiert in IFRS 9.B4.1.20 ff. für Verbriefungen, die zu einer Reallokation von Kreditrisiken führen, besondere Anforderungen in Bezug auf das Zahlungsstromkriterium. Danach ist bei einer erworbenen Tranche aus einer Verbriefung das Zahlungsstromkriterium gegeben und somit (bei entsprechendem Ge- 81 Vgl. IFRS 9.7.2.4. Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 65 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 65 schäftsmodell) die Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten vorzunehmen, wenn folgende Bedingungen bejaht werden:82 Eine Amortised-Cost-Bewertung kann damit lediglich dann erreicht werden, wenn sämtliche Bedingungen kumulativ erfüllt werden. Entsprechend aufwendig ist in der Praxis die Beurteilung der bilanziellen Abbildung eines erworbenen Verbriefungstitels. IFRS 9 gibt keine bestimmte Abfolge der Prüfschritte vor. Die Prüfung sollte sich in der Praxis allein an operativen Erwägungen ausrichten. Vielfach dürfte die Prüfung auf Möglichkeit zur Durchschau auf die verbrieften Vermögenswerte das am einfachsten zu prüfende Kriterium sein. Bei anderen Verbriefungen könnte sich die Prüfung der Konditionen der erworbenen Tranche als erster Prüfschritt anbieten. Falls das First Loss Piece erworben wurde, kann aufgrund der Nichterfüllung des Kreditrisikotests und damit zwingender Fair-Value-Bewertung auf die Prüfung der weiteren Kriterien verzichtet werden. Da für eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten die kumulative Erfüllung der Kriterien erforderlich ist, hat die Prüfungsreihenfolge letztlich keinen Einfluss auf das Ergebnis der Prüfung. Im Folgenden sollen die einzelnen Prüfungsschritte näher beleuchtet und anhand von Beispielen erläutert werden. Die Beurteilung hinsichtlich der Anforderungen an die Tranche, den Pool sowie die Kreditrisikosituation ist – anders als in Bezug auf das Geschäftsmodell – (retrospektiv) zum Erwerbszeitpunkt der Tranche vorzunehmen. Auf die Bedingungen zum Emissionszeitpunkt der Tranche kommt es damit explizit nicht an. Falls eine Beurteilung zum Erwerbszeitpunkt nicht möglich ist, ist die Verbriefungsposition zum Fair Value zu bewerten.83 82 Vgl. zur Darstellung als Prüfungsschema Märkl/Schaber, KoR 2010, S. 71. 83 Vgl. IFRS 9.B4.1.26. Abb. 4.2: Bedingungen für die Klassifizierung strukturierter Verbriefungen Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 66 4 Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 966 Durchschau Es ist erforderlich, auf den Pool an verbrieften Finanzinstrumenten durchschauen zu können (Look Through Approach). Hierbei ist immer auf die unterste Ebene der zu Grunde liegenden Finanzinstrumente abzustellen, also auf die Finanzinstrumente, die die Cashflows tatsächlich erzeugen und nicht nur weiterleiten. Bei einer Collateralized Debt Obligation Squared (CDO2) ist beispielsweise auf die zugrunde liegenden Finanzinstrumente der einzelnen CDOs abzustellen, die ihrerseits in der CDO2 enthalten sind. Ist eine Durchschau nicht möglich, ist die Tranche zum Fair Value zu bewerten.84 Grundsätzlich müsste der Investor damit jedes einzelne verbriefte Asset im Detail kennen. In vielen Fällen wird dies jedoch nicht möglich sein. Es stellt sich die Frage, welche Alternativen in der Praxis genutzt werden können. Eine Durchschaumöglichkeit könnte beispielsweise auch dann als gegeben angesehen werden, wenn aus Datenbanken wie z. B. Intex hinreichend genaue Informationen zum Portfolio zur Verfügung stehen oder das Portfolio über Eligibility Criteria hinreichend konkret spezifiziert ist, sodass die Existenz (wesentlicher) schädlicher Instrumente im Pool ausgeschlossen werden kann. Die Eligibility Criteria definieren die Finanzinstrumente, die anfänglich oder als Ersatz für ein beispielsweise auslaufendes Geschäft in den Pool aufgenommen werden dürfen. Dies ist insbesondere bei der Verbriefung von Kreditkartenzahlungen oder kurzfristigen unbesicherten Forderungen relevant. Unzweifelhaft ist, dass die Durchschaumöglichkeit bei Blind Pools nicht gegeben ist und solche Verbriefungen damit generell zum Fair Value zu bewerten sind. Sofern sich der Pool der zugrunde liegenden Finanzinstrumente während der Restlaufzeit der Verbriefung derart ändern kann, dass die Anforderungen an den Pool nicht mehr erfüllt wären (beispielsweise bei nachträglicher Aufnahme geschriebener Kreditderivate in den Pool), ist die Zahlungsstrombedingung ex ante nicht erfüllt und die Tranche ist nach IFRS 9.B4.1.26 zum Fair Value zu bewerten. Damit ist bei der Beurteilung einer Verbriefungsposition besonderes Augenmerk auf die Vereinbarung eines Replenishment oder die möglichen Zwischenanlagen von eingesammelten Cashflows aus den verbrieften Vermögenswerten bis zur Weiterleitung an die Investoren zu legen. In der Praxis ist die jeweilige Investitionsstrategie des Verbriefungsvehikels entsprechend sorgfältig zu analysieren. 84 Vgl. IFRS 9.B4.1.26. Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 67 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 67 Zahlungsstromkriterium je Tranche Hinsichtlich des Zahlungsstromkriteriums ist je erworbener Tranche zu beurteilen, ob die Zahlungen der Tranche ausschließlich Zins und Tilgung bzgl. des ausstehenden Nominalbetrags darstellen und keine (schädlichen) Nebenabreden den Zahlungsstrom beeinträchtigen.85 Bei der Verzinsung darf es sich für die Klassifizierung als Amortised Cost lediglich um eine über die gesamte Laufzeit ungehebelte feste oder variable Verzinsung handeln, die allein ein Entgelt für den Zeitwert des Geldes sowie das Ausfallrisiko darstellt (Plain-Vanilla-Verzinsung). Ausgeschlossen sind damit Vergütungsvereinbarungen wie beispielsweise •• Reverse Floater •• Equity Kicker •• Aktienindexierte Zinszahlungen.86 Des Weiteren ist zu untersuchen, ob vertragliche Vereinbarungen über eine vorzeitige Rückzahlung durch den Schuldner (emittierendes SPV) bzw. ein vorzeitiges Rückforderungsrecht des Investors bestehen. Diese stehen einer Amortised-Cost-Klassifizierung nur dann nicht entgegen, wenn die Vereinbarung unbedingt ist oder nur von künftigen Ereignissen abhängt, die •• dem Schutz des Gläubigers vor einer Bonitätsverschlechterung des Schuldners bzw. vor einem Kontrollwechsel beim Schuldner dienen (IFRS 9.B4.1.10(a)(i)) oder •• dem Schutz des Schuldners oder des Gläubigers vor Änderungen der relevanten Besteuerungsgrundlagen oder anderer Gesetze dienen (IFRS 9.B4.1.10(a)(ii)). Zusätzlich muss der Rückzahlungsbetrag im Wesentlichen die Tilgung des ausstehenden Nominalbetrages und die Zinsen auf den ausstehenden Nominalbetrag, gegebenenfalls zuzüglich einer angemessenen Vorfälligkeitsentschädigung, darstellen.87 Bei der Beurteilung einer Verbriefungsposition ist damit besonderes Augenmerk auf die in Verbriefungsstrukturen eingebetteten Kündigungsrechte zu legen. Während ein Regulatory Call oder Tax Call grundsätzlich unter die oben genannte Ausnahmeregelung des IFRS  9.B4.1.10(a)(ii) fallen und damit einer Amortised Cost-Klassifizierung nicht per se entgegenstehen dürften, erfüllt ein Clean Up Call die von IFRS 9 vorgesehenen Bedingungen nicht unmittelbar. Da der Clean Up Call im Normalfall aus wirtschaftlichen Gründen genutzt wird, wenn das entsprechende 85 Vgl. IFRS 9.B4.1.21(a) i. V. m. IFRS 9.4.1.1 ff. 86 Vgl. auch Deloitte, iGAAP 2011, S. 3038. 87 Vgl. IFRS 9.B4.1.10(b). Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 68 4 Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 968 Referenzportfolio einen festgelegten Prozentsatz (in der Regel zehn Prozent oder weniger) der ausstehenden Verbriefungen unterschreitet, stellt er ein bedingtes Kündigungsrecht dar, das nicht die zugelassenen Ausnahmen in IFRS 9.B4.1.10(a) erfüllt. Gleichwohl stellt sich die Frage, wie wesentlich ein solches Kündigungsrecht ist. Gegebenenfalls könnte eine Schädlichkeit aus Wesentlichkeitsgesichtspunkten88 verneint werden. Auch stellt sich dabei die Frage, inwieweit der Clean Up Call beim Pricing des Verbriefungstitels überhaupt Berücksichtigung findet. Entsprechendes wie bei Kündigungsrechten gilt für die – wohl eher theoretisch denkbare – Möglichkeit zur Verlängerung der ursprünglichen Vertragslaufzeit. Hier gilt es zu beachten, dass der zu beurteilende Verbriefungstitel auch nach einer Verlängerung in Einklang mit dem Zahlungsstromkriterium stehen muss.89 Anforderungen an den Pool Des Weiteren ist eine Analyse der verbrieften Assets vorzunehmen. Die oben aufgezeigten, an die Durchschaumöglichkeit zu stellenden Anforderungen hinsichtlich der verfügbaren Datenbasis ergeben sich aus der Beurteilbarkeit der nachfolgenden Bedingungen. Für eine Amortised- Cost-Bewertung gelten folgende Voraussetzungen:90 1. Im Pool muss sich mindestens ein Finanzinstrument befinden, dessen Zahlungen ausschließlich ungehebelte Zinsen und Tilgungszahlungen auf den ausstehenden Kapitalbetrag darstellen und das keine weiteren schädlichen Nebenabreden wie beispielsweise bestimmte Kündigungsrechte enthält. 2. Ergänzend zu einem solchen Plain-Vanilla-Schuldinstrument darf der Pool Instrumente (typischerweise Derivate) enthalten, die die Zahlungsstromvariabilität des zugrunde liegenden Bestands an Finanzinstrumenten verringern oder dazu beitragen, dass die Zahlungsströme lediglich aus Zinsen und Tilgungen bestehen. 3. Der zugrunde liegende Pool von Finanzinstrumenten darf darüber hinaus Finanzinstrumente enthalten, die die Zahlungsströme der emittierten Tranchen an die Zahlungsströme aus dem Pool angleichen, um Unterschiede in der Zinszahlungsfrequenz, der Währung oder Unterschiede durch fixe und variable Zinszahlungen (einschließlich Inflation) anzugleichen.91 88 IFRS 9.BC4.25 weist auf die allgemeine Geltung des Wesentlichkeitsgrundsatzes hin. 89 Vgl. IFRS 9.B4.1.11. 90 Im Referenzvermögen (Pool) dürfen mit den genannten Ausnahmen keine Finanzinstrumente enthalten sein, die ihrerseits die Zahlungsstromkriterien nicht erfüllen. Vgl. IFRS 9.B.4.1.21(b). 91 Vgl. IFRS 9.B.4.1.24. Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 69 4.2 Klassifizierung von Verbriefungen 69 Die Verbriefung eines reinen Derivate-Pools ist entsprechend der unter 1. formulierten Bedingung von der Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten ausgeschlossen. Im Pool müssen sich letztlich Kassainstrumente befinden, was bei Verbriefungen regelmäßig der Fall ist. Kassainstrumente mit variabler Verzinsung aufgrund einer Referenzierung auf einen notierten oder beobachtbaren Zins (z. B. EURIBOR) sind ebenso wie festverzinsliche Kassainstrumente unschädlich; bei Einfügen eines Hebels scheiden sie indes für eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten aus. Die unter 2. genannte Reduktion der Variabilität der Zahlungsströme kann beispielsweise bei folgenden Konditionen als gegeben erachtet werden: •• Kombinationen aus fixen und variablen Verzinsungen (beispielsweise variabler Zins und Cap/Floor), •• Erwerb von Credit Default Swaps oder vergleichbarer kreditrisikomindernder Instrumente zur Absicherung der Referenzinstrumente. Weitere Hebeleffekte in Finanzinstrumenten des Referenzvermögens stehen einer Bewertung zu Amortised Cost generell entgegen.92 Synthetische Verbriefungen scheiden entsprechend für eine Bewertung zu Amortised Cost generell aus. Geschriebene Credit Default Swaps und ähnliche Kreditderivate erhöhen das Kreditrisiko, zulässig sind indes allein kreditrisikomindernde Instrumente. Eine Amortised- Cost-Bewertung kann damit allein bei True-Sale-Verbriefungen (bei gleichzeitiger Erfüllung der übrigen in IFRS 9.B4.1.20 ff. genannten Voraussetzungen) in Betracht kommen. Zur Unterstützung der Prüfung des Zahlungsstromkriteriums je Referenzvermögen könnten die Eligibility-Kriterien herangezogen werden. Voraussetzung ist indes, dass über diese Kriterien auch hinreichend sichere Aussagen über eventuelle Nebenabreden der Referenz-Assets gewonnen werden können. Eine Erfüllung der Anforderungen an den Pool kann bei einzelnen verbrieften Asset-Klassen bereits aus deren Namen abgeleitet werden. So dürfte bei einer Verbriefung von Future Flows oder Whole Business Securitisation regelmäßig von keiner Erfüllung der Voraussetzungen auszugehen sein, mit der Folge, dass solche Verbriefungen einer Fair- Value-Bilanzierung zu unterziehen wären. Andere Asset-Klassen wie beispielsweise Auto Loans, Consumer Loans oder Student Loans stehen hingegen nicht per se einer Klassifizierung als Amortised Cost entgegen. Erforderlich ist vielmehr eine Einzelprüfung. Dies wird am Beispiel 92 Vgl. zu zulässigen Einsatzmöglichkeiten von Derivaten auch Deloitte, iGAAP 2011, S. 3040. Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 70 4 Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 970 von Residential Mortgage Backed Securities (RMBS) deutlich. Während verbriefte Wohnungsbaudarlehen vielfach die oben definierten Anforderungen (Plain-Vanilla-Verzinsung und keine schädlichen Kündigungs-/Verlängerungsrechte) erfüllen, gibt es bei Verbriefungen von RMBS aus einzelnen US-Bundesstaaten auch die Besonderheit, dass ein Schuldner wahlweise statt Rückzahlung des Kredits die Übereignung des Sicherungsgegenstands an den Gläubiger vornehmen kann. Ein solches Recht dürfte kritisch in Bezug auf das Zahlungsstromkriterium sein, da hier das Objektrisiko einen deutlichen Anteil am Gesamtrisiko der Verbriefung hat.93 Kreditrisikotest der Tranche Zusätzlich zu den zuvor genannten Anforderungen an die Durchschau, die Ausgestaltung der Tranche sowie den Pool ist auch das Kreditrisiko der Tranche für die Klassifizierung maßgeblich.94 Für eine grundsätzlich mögliche Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten muss das Kreditrisiko der zu beurteilenden Tranche gleich oder niedriger als das Kreditrisiko des zugrunde liegenden Bestands an Finanzinstrumenten sein. Beim Erwerb der Most-Senior-Tranche kann der Kreditrisikotest generell als erfüllt angesehen werden und steht damit einer Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten nicht per se entgegen. Im Umkehrschluss kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass ein Investment in das First Loss Piece den Kreditrisikotest nicht besteht und somit generell zum Fair Value zu bilanzieren wäre. Beim Erwerb von Mezzanine-Tranchen ist eine individuelle Ermittlung der Risikosituation vorzunehmen. IFRS 9 selbst macht bezüglich der Ausgestaltung des Kreditrisikotests indes keine konkreten Vorgaben. IFRS 9.BC4.35(f) nennt gleichwohl das Abstellen auf den Expected Loss als mögliche Herangehensweise. Hinsichtlich der Operationalisierung des Kreditrisikos könnten u. a. die folgenden Varianten in Betracht kommen: •• Expected-Loss-Methode: Vergleich des erwarteten Verlusts der Tranche mit dem des zu Grunde liegenden Pools •• Ratingbasierte Methode: Vergleich des Ratings der Tranche mit einem vergleichbaren Rating des zugrunde liegenden Pools. Dies setzt jedoch die Vergleichbarkeit der Ratings voraus bzw. es ist eine entsprechende Vereinheitlichung der Ratings wie beispielswiese die Umrechnung in den Weighted-Average-Rating-Faktor (WARF)95 vorzunehmen. 93 Vgl. auch die Regelungen zu Non Recourse in IFRS 9.B.4.1.16 f. 94 Vgl. IFRS 9.B4.1.21(c). 95 Der WARF dient der Bestimmung des durchschnittlichen Ratings eines Portfolios. Bestimmt werden die Qualität eines Portfolios unter Zuhilfenahme von kumulativen Vahlen – Deloitte Press – Asset Securitisation in Deutschland – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 71 4.3 Bewertung von Verbriefungen 71 •• Credit-Spread-basierte Methode: Vergleich der Credit Spreads der erworbenen Tranche mit dem durchschnittlichen gewichteten Credit Spread des zugrunde liegenden Referenzvermögens. Für die Beurteilung des Kreditrisikos ist vom Bilanzierenden ein entsprechender Test zu entwickeln und in den Prüfungsprozess für die erworbene Verbriefungstranche zu implementieren. 4.2.4 Umklassifizierung Ein Wechsel der Bewertungskategorie im Sinne der Umklassifizierung von Instrumenten von der Amortised-Cost- zur Fair-Value-Bewertung oder umgekehrt ist ausschließlich bei Änderung des Geschäftsmodells, in dem die Verbriefungstitel gehalten werden, vorgesehen, in diesem Fall aber verpflichtend vorzunehmen.96 Die Umklassifizierung erfolgt prospektiv ab dem Umklassifizierungszeitpunkt.97 Der Zeitpunkt der Umklassifizierung ist der erste Tag der ersten Berichtsperiode nach der Änderung im Geschäftsmodell, die ein Unternehmen zur Umklassifizierung finanzieller Vermögenswerte veranlasst.98 Eine Änderung des Geschäftsmodells muss als Ergebnis externer oder interner Änderungen durch die Geschäftsleitung beschlossen werden, sich signifikant auf die Unternehmensaktivitäten auswirken und Dritten gegenüber nachweisbar sein. Der IASB geht indes davon aus, dass eine solche Änderung eher selten ist.99 4.3 Bewertung von Verbriefungen Die Folgebewertung der Verbriefungstitel hängt von der getroffenen Klassifizierungsentscheidung ab. Sowohl bei den als Fair Value klassifizierten Verbriefungen als auch bei denjenigen, die für eine Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten in Betracht kommen, ist die Bewertung alles andere als trivial. Ausfallwahrscheinlichkeiten. Beispielsweise besitzt bei einem WARF von 3 der zugrunde liegende Pool das dreifache Ausfallrisiko eines Aaa-gerateten Pools. 96 Vgl. IFRS 9.4.4.1. 97 Vgl. IFRS 9.5.6.1. 98 Vgl. IFRS 9 Appendix A. 99 Vgl. IFRS 9.B4.4.1 mit entsprechenden Beispielen. 4.3 Bewertung von Verbriefungen

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References

Zusammenfassung

Höchste Fachkompetenz zum Thema Securitisation.

Deloitte (Hrsg.), Asset Securitisation in Deutschland

4. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4498-8

Asset Securitisation

Dieses Handbuch liefert Ihnen Antworten auf die wesentlichen, bei einer Securitisation auftretenden Praxisfragen. Neben einem Überblick über gängige Securitisation-Strukturen und die Marktentwicklung in Deutschland werden vor allem die Rechnungslegung nach HGB und IFRS aus der Perspektive sowohl des Originators als auch des Investors vorgestellt. Zudem wird auf Bewertungsfragen eingegangen. Den als Reaktion auf die Finanzmarktkrise deutlich verschärften aufsichtsrechtlichen Anforderungen an Verbriefungstransaktionen wird besonderer Raum gegeben. Abgerundet wird das Buch durch Beiträge, die sich mit steuerlichen Aspekten sowie rechtlichen Fragestellungen und deren Lösungsmöglichkeiten beschäftigen.

Alles zu Asset Securitisation:

* Der deutsche Verbriefungsmarkt – Strukturen und Entwicklungen

* Die Bilanzierung von ABS-Transaktionen beim Veräußerer nach deutschem Handelsrecht

* Die Bilanzierung von ABS-Transaktionen beim Originator/Veräußerer nach IFRS

* Bilanzierung von Verbriefungen beim Investor nach IFRS 9

* Bewertung von ABS-Transaktionen

* Aufsichtsrechtliche Behandlung von Verbriefungen

* Steuerliche Aspekte bei Asset-Backed-Securities-Finanzierungen

* Rechtliche Aspekte bei Verbriefungen in Deutschland