4. Kapitel: Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 55 - 86

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_55

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 47 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Dieses Kapitel geht der Frage nach, was dazu beiträgt, dass zwischen Ratsuchendem und Coach eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. Ganz allgemein ist ja Vertrauen die Grundlage, auf der wir bereit sind, einem anderen zu folgen und umgekehrt lässt uns fehlendes Vertrauen zögern und zweifeln. Wenn wir die Kompetenz eines anderen Menschen anerkennen, sind wir in der Regel bereit, diesem fachlich zu vertrauen, beispielsweise vertrauen wir dem Kfz.- Meister unser Auto an. Für den Laien erschließt sich die fachliche Kompetenz oftmals aus der geschützten Berufsbezeichnung. So wissen wir, dass der Meisterbrief eine langjährige Ausbildung voraussetzt. Auch der Arzt oder Anwalt, der Steuerberater oder Lehrer unserer Kinder hat ein Studium absolviert und sich einem Examen unterzogen. Doch ob wir jemandem etwas (z. B. ein Auto) oder uns selbst anvertrauen, macht noch einen erheblichen Unterschied, erst recht, wenn es um persönliche Probleme geht. Übung zur Selbstreflexion Sie mögen sich gerade vergegenwärtigen, was für die Wahl Ihres Zahnarztes ausschlaggebend war und was für Sie notwendig war, um sich bzw. Ihr Gebiss diesem Menschen anzuvertrauen. Für den Fall, dass Sie Ihren Zahnarzt gewechselt haben: Was war der eigentliche Grund (mal abgesehen vom Wechsel des Wohnortes)? Was hat Ihre Entscheidung beeinflusst bei der Wahl anderer Fachärzte (analog bei der Wahl eines Anwaltes oder Steuerberaters, das gilt genauso für die Wahl des Friseurs, Masseurs oder auch Sporttrainers etc.)? Nun ist Coach bzw. Berater weder eine geschützte Berufsbezeichnung noch lässt die Arbeitseinrichtung eine besondere Qualifizierung erkennen. Auch fehlt ein weißer Kittel, eine Robe oder typische Werkzeuge, die auf Kompetenz hindeuten. Ob ein Ratsuchender einem Coach Vertrauen entgegenbringt, entscheidet sich erst im entstehenden Kontakt. Zwar kommen manche Ratsuchende aufgrund von Empfehlung durch Dritte (Mundpropaganda), so dass der Coach sich glücklich schätzen mag, weil er schon einen gewissen Bonus erhalten hat, doch wie er nun in Kontakt tritt und das Vertrauen belastbar aufbaut, das fällt genauso in seine Prozessverantwortung wie bei jedem neuen Ratsuchenden. Vor allem zu Beginn einer Coaching-Sitzung ist das aktive Handeln nicht unmittelbar auf die Hilfe zur Problemlösung gerichtet. Vielmehr gilt es zunächst die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass das überhaupt möglich wird. Der zentrale Faktor für das Gelingen jeder Form von Beziehung ist das Herstellen von Vertrauen. Erst auf der Basis von Vertrauen öffnet sich der Ratsuchende und 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 48 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen48 lässt sich auf die verschiedenen Interventionen des Coach ein, wie er umgekehrt sich selbst einfachen Fragen verweigert, wenn diese Basis fehlt. Für die Gestaltung der Vertrauensbasis gibt es zwei grundsätzliche Überlegungen: 1. Die Schaffung einer gewissen Nähe, gemeint ist damit, sich auf den anderen so einzustellen, dass eine Beziehung überhaupt zustande kommt. Umgangssprachlich sagen wir auch: Zum anderen einen guten Draht entwickeln, oder mit einem anderen auf gleicher Wellenlänge sein. 2. Das Erreichen der notwendigen Sicherheit, die dem Ratsuchenden erlaubt, sich frei zu äußern und über Probleme und Sorgen zu sprechen, und sich zudem soweit zu öffnen, dass auch Themen zur Sprache kommen können, die der Ratsuchende bislang nur mit sich allein abgemacht hat. In diesem Kapitel bekommen Sie Einblick in verschiedene Möglichkeiten, wie Sie die Beziehung zum Gegenüber aktiv gestalten können und welcher Part Ihnen zukommt, die nötige Sicherheit im Coachingprozess zu erzeugen. → Hinweis: Mehrere Leser haben mich darauf hingewiesen, dass die Kapitel 4 und 5 ausgesprochen anstrengend, ja fordernd seien. Sollte es Ihnen ähnlich ergehen, springen Sie getrost zu Kapitel 6. Vielleicht fallen Ihnen die übersprungenen Kapitel zu einem späteren Zeitpunkt deutlich leichter. Fangen wir zunächst mit dem Herstellen der Nähe an. Dafür hat sich der Begriff des Rapports (frz. = Beziehung, Verbindung) eingebürgert, der auf den Arzt Franz Anton Messmer zurückgeht. Gemeint ist damit, einen guten, von einfühlsamer Aufmerksamkeit getragenen Kontakt zum anderen zu erzeugen. Da der Ratsuchende sich nicht von allein vertrauensvoll öffnet, muss der Coach den Bezug zum anderen so herstellen, dass er ihm sowohl rational als auch emotional folgen kann. Dieses Folgen fällt Menschen schwer, wenn sie gewohnt sind, aktiv steuernd ins Geschehen einzugreifen. Im Coaching gilt jedoch die Regel: Vor dem Führen (leading) steht das Folgen (pacing). Man spricht auch vom „inneren Einschwingen“ von Coach und Ratsuchendem, das dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung dient. Dies ermöglicht, dass sich der Ratsuchende überhaupt öffnet und von seinen Wünschen und Träumen, von seinen vergeblichen Versuchen oder ähnlichem berichtet oder dass er anerkennen kann, dass er bislang die Lösung an einer falschen Stelle gesucht hat. Doch wie geschieht diese Annäherung? Menschen verfügen von Geburt an über die Fähigkeit, Rapport herzustellen. Die sogenannten Spiegelneuronen sind dafür verantwortlich, dass wir beim Beobachten die gleichen Gehirnaktivitäten produzieren, als wenn wir die beobachtete Aktion selbst ausführen würden. Beim „ansteckenden Gähnen“ oder dem „automatischen Mitlachen“ reagieren unsere Spiegelneuronen und führen dazu, dass wir uns unbewusst angleichen. Die gute oder auch schlechte Laune eines Mitmenschen kann zu unserer eigenen werden. Freude, Schmerz, Angst, Ekel eines anderen kann in uns selbst diese Gefühle erzeugen. Ohne das System der Spielgelneuronen gäbe es kein intuitives Verstehen, keine Einfühlung, keine Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 49 494. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Übertragung von Gefühlen und keine Ahnungen, wie sich Menschen in naher Zukunft vermutlich verhalten werden. In der Beziehung zum Ratsuchenden kommt es nicht nur darauf an, die richtigen Worte zu finden. Besonderes Augenmerk ist auf die mannigfaltigen nonverbalen Signale zu legen, die scheinbar nebenbei ausgesendet und empfangen werden. Es erscheint plausibel, dass Menschen, die sich gut verstehen, sich in ihrer verbalen und nonverbalen Kommunikation anpassen. Das lässt sich bei alten Paaren genauso beobachten wie bei lange zusammenarbeitenden Gruppen. Oder betrachten Sie bei nächster Gelegenheit Menschen am Nachbartisch im Restaurant oder Stehcafé. Sie werden feststellen, dass diejenigen, die sich gut verstehen, auch eine ähnliche Körpersprache verwenden und umgekehrt können Sie an der distanzierten Haltung erkennen, wo unterschwellige Aggressionen lauern. Für unser Thema ist die Erkenntnis interessant, dass Menschen einander stärker positiv bewerten, sich eher vertrauen und Äußerungen weniger kritisch aufnehmen, wenn zwischen ihnen ein guter Draht besteht. Weil genau dadurch erfolgreiches Coaching ermöglicht wird, wenn der Ratsuchende dem Coach vertraut, ihn positiv sieht und deshalb seine Interventionen wohlwollend aufnimmt, gilt es genau zu erfassen, was diesen Prozess beeinflusst. Bei Menschen, die auf einer Welle sind, lässt sich beobachten, dass •• eine nonverbale Angleichung von Mimik und Gestik stattfindet, die auch als Haltungsecho bezeichnet wird, und dass •• auf der verbalen Ebene eine Anpassung in Sprechgeschwindigkeit, Tonlage, und Lautstärke erfolgt und sich die Wortwahl bis hin zu Redewendungen angleicht. Wollen Sie sich nun auf den anderen einstellen, können Sie zunächst einmal die Körpersprache des Ratsuchenden genau erfassen, um sie in einem nächsten Schritt einfühlsam und mit Respekt zu spiegeln. Es geht dabei nicht darum, Ihr Gegenüber nachzuahmen oder gar nachzuäffen. Denn auffälliges, übertriebenes und wahlloses Kopieren von Bewegungen eines anderen Menschen, wird normalerweise als Angriff verstanden. Sie können sich jedoch durch kleine Handbewegungen an die Armbewegungen des Ratsuchenden anpassen, und durch Ihre Kopfbewegungen an seine Körperbewegungen. Auch kleine mimische Feinheiten wie Stirnrunzeln, Naserümpfen, Lippen schürzen oder Lächeln lassen sich behutsam spiegeln. Sitzt Ihr Gegenüber beispielsweise nach vorn gebeugt, mit Händen auf dem Tisch, können Sie das analog begleiten, während ein entspanntes Zurücklehnen fehl am Platz wäre. Genauso unpassend wie Kopfnicken und ein bejahendes Lächeln bei einem Gegenüber, das gerade die Stirn runzelt und unwillig den Kopf schüttelt. Mit verschobenem Spiegeln stellen Sie nicht nur Nähe her, sondern bringen sich auch selbst in eine körpersprachliche Lage, bei der Ihnen die Einfühlung in den Gesprächspartner zunehmend leichter fällt. Statt gewohnheitsmäßig alles, was wir wahrnehmen, zu bewerten und Stellung zu beziehen, geht es hier ums genaue Beobachten. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 50 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen50 Übung zur Selbstreflexion •• Wie geht es Ihnen, wenn Sie angespannt sind (oder ratlos/unsicher/ver- ärgert/traurig/beschämt) und Ihr Gegenüber zeigt sich völlig entspannt? •• Wie erleben Sie Gespräche, die Sie sehr belasten, bei denen es sich Ihr Gesprächspartner betont bequem macht? •• Wie weit registrieren Sie in heiklen Situationen die Körpersprache der anderen? Vielleicht konnten Sie sich gerade vergegenwärtigen, wie sehr Sie durch die Haltung Ihres Gegenübers beeinflusst werden und dass Ihre Bereitschaft, ein Gespräch zu vertiefen, ganz wesentlich durch die (Sitz)-Haltung des Gesprächspartners beeinflusst wird. Eine weitere Möglichkeit, sich körpersprachlich anzugleichen besteht darin, sich sogar auf den Atem des Ratsuchenden einzustellen. Dabei werden Sie geradezu intuitiv erfassen, wo es Ihrem Gegenüber die Kehle zuschnürt, ihm schier die Luft wegbleibt, wo ihn etwas so im Innersten trifft, dass er für einen Moment den Atem anhält oder wo etwas so belastet, dass ein tiefes Durchatmen einfach nicht gelingen will. Wie auch umgekehrt bei einer einleuchtenden Erkenntnis sich das flache Atmen verändert und einem tiefen Atmen Platz macht. Mit zunehmender Sicherheit beim Herstellen von Nähe, werden Sie entdecken, wie hilfreich es für Sie sein kann, sich in den anderen so hineinzuversetzen, dass Ihnen sogar seine Atemfrequenz und -rhythmik vertraut wird. Auch wir selbst beeinflussen uns durch unsere eigene Haltung stärker als wir uns zumeist bewusst sind. Sie mögen das gerade an zwei kurzen Übungen ausprobieren: •• Lehnen Sie sich völlig entspannt zurück und malen Sie sich in dieser bequemen Lage eine bedrückende Situation aus. •• Setzten Sie sich nun auf die Vorderkante Ihres Stuhles, legen die Hände auf die Knie, beugen sich leicht vor und betrachten Ihre Füße. In dieser Haltung entsinnen Sie sich einer höchst beglückenden Situation. Die neurobiologische Forschung konnte entschlüsseln, wie wir darauf geeicht sind, intuitiv und unbewusst die körpersprachlichen Signale unserer Mitmenschen wahrzunehmen und zu entschlüsseln. So können wir uns auch einen weiteren, für die zwischenmenschliche Kommunikation hochrelevanten, nonverbalen Bedeutungsträger zunutze machen, nämlich die Stimme. Schon kleinste Signale geben darüber Auskunft, wie sich der Sprecher gerade fühlt, wie er die Beziehung zum Gesprächspartner definiert und was er ihm – oft genug unbewusst – mitteilen will. Der allseits bekannte Unterton in der Stimme ist fast noch eindeutiger zu entschlüsseln als der viel sagende Blick. In aller Regel reagieren wir weniger auf das was jemand sagt, als vielmehr wie es gesagt wird. Ob wir jemandem glauben, erfolgt intuitiv über eine Bewertung des Tonfalls. Kommen uns beispielsweise Zweifel, helfen keine noch so ausgefeilten, verbalen Beteuerungen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 51 514. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Menschen kommunizieren mit Hilfe zahlreicher Stimmvariationen eine breite Palette von Gefühlen, die – je nach Situation – die Beziehung zum Gegenüber definieren oder auf der Ebene der Selbstmitteilung liegen. So ist die verbale Ebene eine zusätzliche Möglichkeit, sich durch Angleichen der Stimme auf den anderen einzustellen. Das kann die Tonlage, die Geschwindigkeit oder Lautstärke sein. Nun haben wir uns ausführlich mit dem Herstellen einer gewissen Nähe, dem Rapport beschäftigt, also wie es Ihnen gelingt, einen guten Draht zum Ratsuchenden zu entwickeln und mit ihm auf einer Welle zu sein. Es fehlt noch die zweite Voraussetzung: Das Erreichen der notwendigen Sicherheit. Ein Problem nicht aus eigener Kraft bewältigen zu können, kann eine Verunsicherung darstellen; insbesondere wenn man meint, dafür kompetent zu sein bzw. in der Haltung lebt, Probleme alleine lösen zu müssen. Mit anderen Worten: Die Realität reibt sich mit dem Selbstbild. In dieser Situation einen anderen aufzusuchen, in unserem Kontext also Coaching in Anspruch zu nehmen, erfordert für viele Überwindung. Der Ratsuchende muss sich ja nicht nur die eigene Verunsicherung eingestehen, hinzu kommt auch die Ungewissheit, wie der andere einem denn helfen kann, ja ob er einen überhaupt noch ernst nimmt, angesichts so viel Schwäche. Für den Coach ist es immer wieder wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass der Ratsuchende emotional aufgewühlt kommt, vielleicht verwirrt ist oder mit sich hadert. So verwundert es auch nicht, dass Ratsuchende sich selbst gegenüber alles andere als wohlgesonnen sind und gewissermaßen dazu einladen, in ihre Selbstkritik einzustimmen bzw. ihre Selbstabwertung zu teilen. So beginnen Gespräche häufig mir Wendungen wie: Sie werden mir zustimmen, dass mir das auf keinen Fall hätte passieren dürfen. Ich habe mal wieder totalen Mist gemacht. Ich bin selbst schuld. Ich weiß auch nicht, wieso ich das gemacht habe. So einen Blödsinn bringe nur ich zustande. Ich hätte früher kommen sollen. Der Coach trägt ganz wesentlich zur Entlastung bei, wenn er diese vordergründige Bitte um Zustimmung überhört und sich klarmacht, dass auch dieser Mensch zunächst nur einen – unausgesprochenen – Wunsch hat, nämlich einfach so sein zu dürfen, wie er gerade ist. Diesem Wunsch entspricht der Coach, indem er für das Gespräch einen Rahmen gibt, der Sicherheit und Halt verspricht. Da sich dieser Rahmen auf die Unsicherheit, wie überhaupt auf die Emotionen des Ratsuchenden bezieht, spricht man auch von emotionaler oder affektiver Rahmung. Diese affektive Rahmung setzt einen guten Draht zum Gegenüber voraus, geht aber weit darüber hinaus. Im Coaching soll sich ja irgendetwas verändern. Nun sind es aber nicht nur unsere Gewohnheiten, die uns im Vertrauten verharren lassen, sondern auch unsere Zweifel und Ängste. Jede Veränderung ist mit einem gewissen Maß an innerer Unsicherheit verbunden und bringt etwas, das bislang als stabil betrachtet wurde in einen instabilen Zustand. Auch etwas so Simples wie eine neue Sportart zu beginnen oder ein Musikinstrument zu Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 52 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen52 erlernen, kann beängstigen. Man weiß beispielsweise noch nicht, ob man dafür Geschick und Talent mitbringt oder sich ausgerechnet vor denen blamiert, deren Anerkennung man erreichen möchte. Unter affektiver Rahmung versteht man die Schaffung eines emotionalen Klimas, das die notwendige Sicherheit während der gedanklichen Auseinandersetzung mit möglichen Veränderungen vermittelt. Affektiv insofern, als sich die Re-Aktionen des Coach nicht auf die Sachinhalte, sondern auf die Affekte, also die Emotionen und spontanen Reaktionen des Ratsuchenden beziehen. Übung zur Selbstreflexion •• Konnten Sie schon einmal nach einem Gespräch etwas in Worte fassen, was Sie zuvor nicht konnten? •• Wie hat der andere Ihnen dabei geholfen, Ihre Gefühle zu sortieren? Parallel zu der Arbeit an dem Problem, für das der Ratsuchende eine Antwort sucht, fällt dem Coach also die wichtige Aufgabe zu, dieses Klima aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Begriffe, die damit verbunden werden, sind beispielsweise Spiegelung, Resonanz oder die sogenannte Affektabstimmung, die auch als Attunement (tune = Einklang, Harmonie) bezeichnet wird. Darunter versteht man, dass Menschen unwillkürlich die Empfindungen eines anderen in abgeschwächter Form mimisch nachbilden, sie in der Folge selbst spüren und so nachvollziehen können, während dem Gegenüber durch die entsprechende Körpersprache sein eigenes emotionales Erleben widergespiegelt und dadurch gezeigt wird. Der Gesprächspartner empfindet dieses Spiegeln auch als Zeichen dafür, verstanden zu werden. Nebenbei: Wenn Erwachsene mit einem Kleinkind in Kontakt treten, stimmen sie sich ganz unbekümmert affektiv ab, indem sie ihre Stimme variieren, das Sprechtempo dehnen oder beschleunigen, die Augen aufreißen oder das Gesicht in tausend winzige Falten legen. So betrachtet müssen Erwachsene nicht lernen, wie man Resonanz erzeugt oder sich affektiv abstimmt. Wir müssen unsere anerzogene Scheu überwinden, uns auf das ratsuchende Gegenüber genauso einzustellen. Rapport, also das Herstellen von Nähe und affektive Rahmung sind nicht etwas, das man einmal „herstellt“ und dann für den weiteren Coaching-Prozess nutzen kann. Vielmehr sind sie ein integraler Bestandteil des Coaching selbst. Der Coach muss sich im Verlauf des gesamten Prozesses ständig auf sein Gegenüber einstellen und die emotionale Nähe immer wieder neu herstellen. Dabei steht ihm allerdings seine Lerngeschichte und Lebenserfahrung nur zu oft im Weg. Denn eines der grundsätzlichen Probleme mit Kommunikation besteht darin, dass wir Sprechen von Menschen lernen, die für uns gleichzeitig Autoritätspersonen sind, also beispielsweise Eltern, Erzieher oder Lehrer. Und die reden mit uns in einer Weise, die im weiteren Leben einer angemessenen Begegnung „auf Augenhöhe“ diametral entgegen steht. Wir meinen es zwar gut, sagen aber nur zu oft das, was wir sagen, auf eine Weise, die den anderen bevormundet bzw. wie ein Kind behandelt. Das ist natürlich keine geeignete Basis um Kontakt zum Ratsuchenden herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 53 534. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Eine psychologische Erklärung für dieses Kommunikationsproblem bietet das Modell der Transaktionsanalyse, in dem das Verhalten eines Menschen verschiedenen sogenannten Ich-Zuständen zugeordnet wird. Danach lässt sich unser gesamtes Verhalten in drei deutlich unterscheidbare Verhaltensweisen aufgliedern, die auch Ich-Zustände genannt werden. Man unterscheidet Eltern- Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich. Diese drei Ich-Zustände stellen eine Kombination aus Gedanken, Gefühlen und Verhalten dar. Das Ich, das uns ab der Geburt mitgegeben ist, wird als Kind-Ich bezeichnet. Zunächst ist jedes Neugeborene ausschließlich spontan. Spontan wacht es auf, schreit, trinkt, macht in die Windeln und schläft wieder ein. Doch diese ausschließliche Spontaneität währt nicht sehr lange, denn Eltern sind bemüht, dem Kind bestimmte Rhythmen beizubringen, es anzupassen. So entsteht bereits im ersten Lebensjahr neben dem spontanen Kind-Ich das angepasste Kind-Ich. Doch folgt auf die geforderte Anpassung auch die Verweigerung. Dieses Verhalten wird trotziges Kind-Ich genannt. Nun macht nicht nur das kleine Kind im Zustand des angepassten Kind-Ichs positive Erfahrungen, wenn es sich erwartungsgemäß verhält, auch Erwachsene handeln nur zu oft aus diesem Ich-Zustand, man spricht dabei vom hilflosen Kind-Ich. Aufgrund ungezählter Erfahrungen, dass einem geholfen wird, wenn man sich klein und schwach gibt, erwächst bei vielen Menschen geradezu ein Automatismus, sich bei Problemen abzuwerten und in eine Opfer-Rolle zu schlüpfen, die ihre Entsprechung in der Retter-Rolle findet. Womit wir zum nächsten Ich-Zustand kommen: Im Laufe der weiteren Entwicklung entsteht in jedem Menschen ein weiterer Ich-Zustand, der als Eltern-Ich bezeichnet wird. Überall auf der Welt imitieren Kinder ihre wichtigsten Bezugspersonen. Dabei werden die Eltern einerseits als befehlend und bevormundend erlebt. Dieser Teil wird kritisches Eltern-Ich genannt. Andererseits werden die Eltern auch als liebevoll und unterstützend, als helfendes Eltern-Ich wahrgenommen. Dieses in der Kindheit erworbene Eltern-Ich begleitet uns durch unser ganzes Leben. Ob wir aus dem helfenden oder kritischen Eltern-Ich reagieren – stets befinden wir uns dabei in einer Position der Stärke, der Macht und Überlegenheit. Dies mag erklären, warum dieser Ich-Zustand bei vielen Menschen so außerordentlich beliebt ist und warum sie bereitwillig in die Retter-Rolle schlüpfen und die Probleme anderer Leute lösen. Doch die unangenehmen Gefühle, die mit Unterlegenheit und Ohnmacht einhergehen, sind auch beim erwachsenen Menschen die ständigen Begleitgefühle, wenn er ungewollt in seinem Kind-lch angesprochen wird. Dafür sorgen die sogenannten Gesprächsstörer, die den Ratsuchenden aus dem Eltern-lch im Kind-lch ansprechen. Dazu gehören die im 3. Kapitel genannten •• Bewertungen, •• Interpretationen, •• Trost und Aufmunterung, •• forschende Fragen und •• schnelle Ratschläge. Es ist gleichgültig, in welcher Intention Gesprächsstörer verwendet werden. Sie richten sich immer an den Ratsuchenden als den „Schwächeren“. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 54 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen54 Neben die Stimmen des Wollens und Sollens rückt im Laufe der Entwicklung noch eine weitere innere Stimme, die als Erwachsenen-Ich bezeichnet wird. Das Erwachsenen-Ich prüft die Folgen einer Handlung und entscheidet zweckrational. Es kalkuliert, wägt ab und entscheidet nach den Erfordernissen der Realität und nicht nach unkontrollierten, sondern nach überprüften und integrierten Gefühlen. Die wichtigste Aufgabe dieses Ich-Zustandes ist das Prüfen: •• Was passiert, wenn …? •• Wieweit stimmt diese Aussage? •• Welche Vor- bzw. Nachteile ergeben sich aus …? Wenn Sie einen Ratsuchenden von Erwachsenen-Ich zu Erwachsenen-Ich ansprechen, sorgen Sie dafür, dass er sich ernst genommen und damit gut fühlt. Nun mögen Sie sich fragen, wie sich das denn genau umsetzen lässt. Vielleicht haben Sie sich in anderem Zusammenhang bereits mit dem aktiven Zuhören beschäftigt, dann wird Ihnen Vieles auf den nächsten Seiten vertraut sein. Zuhören erfordert zunächst einmal, dass man selbst nicht spricht. Viele Gespräche sind in Wirklichkeit keine Dialoge, sondern zwei parallel verlaufende Monologe. Die Redezeit des anderen wird bestenfalls genutzt um zu überlegen, was man selbst als Nächstes sagen oder erwidern möchte. Echtes Zuhören gibt dem anderen erstens den Raum zum Reden und zweitens die notwendige Aufmerksamkeit. Dabei werden auch Denkpausen in der Rede des anderen ruhig abgewartet. Erst, wenn der andere einen direkt anblickt, ist sein Beitrag beendet und man selbst zu einer Erwiderung aufgefordert. Gespräche, in denen beide Seiten sich in dieser Weise aufeinander einstellen, können eine große Tiefe erlangen. In meinen Ausbildungsgruppen erlebe ich immer wieder die Anspannung und den Druck, den eine Gesprächspause auslöst. Aufgrund der Prozessverantwortung fühlen sich viele zuständig, das Gespräch am Laufen zu halten, weil sie die entstandene Pause für eine Unterbrechung halten und sich sorgen, dass der Draht zum anderen abreißen könnte. Diese Sorge ist zwar berechtigt, aber aus einem völlig anderen Grund: Der Draht zum Ratsuchenden reißt bereits ab, wenn der Coach nicht erfasst, dass dieser gerade •• nachdenkt und mit seinen Gedanken beschäftigt ist (Sie erkennen das am fehlenden Blickkontakt. Meist gehen die Augen schräg nach oben.) •• oder etwas in sich nachwirken lässt und gefühlsmäßig ganz bei sich ist. (Dabei geht der Blick gewöhnlich entspannt nach unten.) Der Coach wird genau hinschauen müssen, wenn er verstehen will, wie eine Gesprächspause gemeint ist, denn sobald er erkennt, dass er überhaupt nicht dran ist, dass die Aktivität immer noch beim Ratsuchenden liegt – Nachdenken ist ja durchaus eine Aktivität –, kann er sich seiner eigentlichen Aufgabe zuwenden, dem anderen die gewünschte Sicherheit zu vermitteln. Ein ruhiger Blick, manchmal mit einem angedeuteten Kopfnicken kombiniert, macht nicht nur die innere Ruhe des Coach sichtbar, sondern zeigt auch, dass dieser die Pause für das Normalste von der Welt hält und völlig entspannt auf den weiteren Fortgang wartet. Derartige Gesprächspausen können manchmal sehr lang sein (ein, zwei Minuten). Gleichzeitig lassen sie erkennen, dass sich der Ratsuchende Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 55 554. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen wirklich einlässt. Dies mag für manchen zunächst gewöhnungsbedürftig sein, weil unvermittelt Pausen entstehen. Wer über diese ungewohnte Stille anfangs beunruhigt ist, wird alsbald erleichtert feststellen können, dass das Gespräch ohne weitere Intervention seinen Fortgang nimmt. Der Kernpunkt des Zuhörens besteht darin, dass man sich zunächst mit dem, was der andere gesagt hat, auseinandersetzt, anstatt sogleich selbst einen eigenen inhaltlichen Beitrag zu bringen. Diese Zuhörhaltung drückt sich in Verhaltensweisen aus, die analog zu den Gesprächsstörern als Gesprächsförderer bezeichnet werden und in ihrem Namen das tragen, was mit ihnen bewirkt wird: Das Gespräch selbst soll gefördert werden. Dazu gehören die folgenden Arten von Äußerungen: •• Umschreiben, mit eigenen Worten wiederholen Hier geht es darum, dem Ratsuchenden noch einmal wider zu spiegeln, was man bislang gehört und verstanden hat. Dies eignet sich besonders bei längeren Berichten mit vielen Details. •• Zusammenfassen Anstatt alle Einzelheiten zu wiederholen, kann man die Äußerung des Ratsuchenden auch in verkürzter Form wiedergeben. Er kann dann prüfen, ob das trifft, was er ausdrücken wollte. Da gibt es diesen aktuellen Konflikt und da hängt noch diese Vorgeschichte dran, wo Sie sich ausgebootet gefühlt haben. •• Klären, auf den Punkt bringen Gerade wenn der Ratsuchende aufgeregt ist und wortreich erzählt, kann der Coach versuchen, herauszuarbeiten, was der Kern des Problems ist. Der Konflikt mit Ihrem Kollegen wirkt sich lähmend auf Ihre Zusammenarbeit aus. •• Einschränkende Wiederholung Oft werden, gerade im Ärger, Tatsachen, aber auch Meinungen sehr absolut dargestellt. Dann kann der Coach versuchen, mit einer Einschränkung des Gesagten wieder Offenheit zu erzeugen. Im Moment können Sie sich nicht vorstellen, wieder mit ihm zu reden. •• Übertreibende Bestätigung Hier wird im Gegenteil versucht, auszuloten, wie ernst die Äußerung des Ratsuchenden gemeint ist, indem man sie noch weiter treibt. Mit dem wollen Sie überhaupt nie wieder reden. •• In Beziehung setzen Dieser Gesprächsförderer ist dann hilfreich, wenn der Ratsuchende sichtbar zwischen zwei Möglichkeiten schwankt oder verschiedene Seiten darstellt. Einerseits … andererseits … •• Nachfragen Im Gegensatz zum forschenden Ausfragen geht es hier nur darum, das, was der Ratsuchende gesagt hat, richtig zu verstehen. Was meinen Sie mit … ? •• Weiterführen und Denkanstoß geben Dieser Gesprächsförderer gehört schon zur Hohen Schule und wird einem selten spontan einfallen. Hier geht es darum, von dem Punkt aus, an dem der Ratsuchende fest hängt, den Faden weiter in die Zukunft zu spinnen, andere Wege auszuloten. Aber eben nicht als Vorschlag, sondern zum Bei- Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 56 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen56 spiel als: Ich frage mich gerade, ob es noch eine weitere Möglichkeit gibt, die Ihnen besser gefallen würden. •• Wünsche herausarbeiten Hier wird, ähnlich wie beim Auf den Punkt bringen, deutlich gemacht, was der andere gerade gesagt hat. Das heißt, am liebsten möchten Sie, dass er den ersten Schritt tut und sich bei Ihnen entschuldigt. •• Gefühle ansprechen Noch größeres Verständnis erschließt sich, wenn der Coach nicht nur auf die sachlich-inhaltliche Seite der Aussagen eingeht, sondern sich auch oder sogar vorrangig auf das konzentriert, was in den Aussagen des Ratsuchenden emotional mitschwingt. Denn in fast allen Äußerungen des Ratsuchenden klingen dessen Gefühle an. Freude, Stolz, Überraschung, Wut und Ärger, Besorgnis, Traurigkeit und so weiter. Anstatt auf die Inhalte des Gesagten einzugehen, kann der Coach auch die mitschwingenden Gefühle direkt ansprechen, beispielsweise Sie klingen total enttäuscht! Wie solche Gesprächsförderer wirken, können Sie an folgendem Beratungsgespräch überprüfen. Da sucht ein Teamleiter seinen Vorgesetzten auf, um ein aktuelles Problem zu besprechen. Notieren Sie in die Kästchen, welchen Gesprächsförderer der Vorgesetzte verwendet. Teamleiter: Das Thema, das ich heute mit Ihnen besprechen möchte, bereitet mir heftiges Kopfzerbrechen. Ich mache mir über Gerd Grau ziemliche Sorgen. Da steht jetzt ein Gespräch an, das muss sein. Denn wenn der Mann sich nicht organisiert kriegt, dann sehe ich schwarz für ihn. Vorgesetzter: Sie möchten dieses Gespräch alsbald angehen, und denken darüber ganz angespannt nach. 1.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Ja. Ich will ihn ja nicht vor den Kopf stoßen, denn ich brauche ihn ja im laufenden Projekt. Nur, so wie sich die Sache derzeit entwickelt, kann ich das nicht länger laufen lassen. Vorgesetzter: Sie befürchten, dass Herr Grau auf Ihre Kritik negativ reagiert und Sie womöglich hängen lässt. 2.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Ganz genau. Sie kennen ja unser knappes Zeitbudget. Und darum muss es mir gelingen, ihn so auf Kurs zu bringen, dass er weder beleidigt reagiert noch sich womöglich krank schreiben lässt. Denn dann sind wir geliefert. Vorgesetzter: Sie suchen nach einem Weg, es ihm irgendwie schonend beizubringen und wünschen sich gewissermaßen Samthandschuhe für den Umgang mit Herrn Grau. 3.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Nr. 3 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 57 574. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Teamleiter: Ja, irgendwie so etwas. Darum komme ich ja zu Ihnen. Vielleicht kennen Sie ja einen Trick für solche Fälle. Vorgesetzter: Ihre größte Sorge ist im Moment, dass er aussteigt und Sie sitzen lässt. 4.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Wenn ich das so höre, was Sie da sagen, dann merke ich gerade, dass ich mir was vormache. Gerd Grau ist ein total loyaler Kollege, der würde uns nicht sitzen lassen. Vorgesetzter: Sie zögern zwar, können Sie aber im Moment gar nicht vorstellen, dass er negativ reagiert. 5.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Na ja, ich denke dann, vielleicht sollte ich großzügiger sein. Vermutlich würde ich genauso durcheinander sein, wenn ich plötzlich Zwillinge hätte. Vorgesetzter: Sie malen sich gerade aus, wie belastet er ist. 6.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Stimmt. Der hat bestimmt gerade genug Stress. Vorgesetzter: Einerseits möchten Sie auf seine familiäre Belastung Rücksicht nehmen, andererseits möchten Sie ihm Grenzen setzen, weil seine Arbeitsorganisation für das Team zur Last wird. 7.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Sie sagen es. Das ist ein saublöder Spagat, ich kann‘s drehen und wenden wie ich will, ich habe den schwarzen Peter. Wenn ich nichts unternehme, leidet die Gruppe und wenn ich ihn kritisiere, komme ich mir so herzlos vor. Vorgesetzter: Sie gehen im Moment davon aus, dass Sie nur mit Kritik ans Ziel kommen. Da gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten, Herrn Grau die Augen zu öffnen, welche Folgen sein Verhalten bei den anderen und vor allem bei Ihnen auslöst. 8.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Mm. Sie meinen, ich könnte ihm einfach sagen, was mir zunehmend Sorgen bereitet? Mm, eigentlich keine schlechte Idee. Dann könnte ich das sogar mit ansprechen. Vorgesetzter: Was meinen Sie mit das? 9.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 58 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen58 Teamleiter: Na, dass ich großen Respekt habe, wie er das alles unter einen Hut bringt und mir wirklich gut vorstellen kann, wie seine Nächte zur Zeit aussehen. Und dann könnte ich ihm anbieten, dass er mich einbezieht, wenn es für ihn zeitlich eng wird. Vorgesetzter: Mit anderen Worten, statt ihn zu kritisieren, machen Sie ihm einen konkreten Vorschlag. 10.) Der Vorgesetzte verwendet den Gesprächsförderer: Teamleiter: Genau. Denn wenn ich weiß, dass er etwas nicht fristgerecht fertig bekommt, kann ich entsprechend planen. Damit habe ich kein Problem. Im Gegenteil! Okay, so mache ich das. Lösung: 1.) Zusammenfassen, 2.) Gefühle ansprechen, 3.) Wünsche herausarbeiten, 4.) Übertreibende Bestätigung, 5.) Einschränkende Wiederholung, 6.) Umschreiben, 7.) In Beziehung setzen, 8.) Weiterführen, 9.) Nachfragen, 10.) Klären Beim aktiven Zuhören stellt sich der Coach kontinuierlich die Frage: „Wie geht es meinem Gegenüber gerade?“ Indem er seinen diesbezüglichen Eindruck verbalisiert, drückt er nicht nur Verständnis aus, sondern häufig tritt auch der Fall ein, dass dem Ratsuchenden bislang seine Emotionen überhaupt nicht bewusst waren. Innere Abwehr, Ängste und Befürchtungen, die ihn vom Handeln abhalten, können dann hinterfragt werden. Umgekehrt kann es auch hilfreich sein, Freude an etwas oder mit einem Schritt verbundene Hoffnungen anzusprechen und diese als unterstützende Kräfte in der Begleitung zu nutzen. Dabei steht und fällt dieses Vorgehen mit der Haltung, die der Coach gegenüber dem gerade Gehörten einnimmt. Lehnt er innerlich ab, was sein Gesprächspartner äußert oder findet er übertrieben, wie der Ratsuchende etwas darstellt, so wird sich dies im Klang seiner Stimme, und auch in seiner übrigen Körpersprache ausdrücken. Eine wertschätzende Grundhaltung erfordert vom Coach, seinem Gegenüber zuzubilligen, die Dinge so zu sehen, wie er sie gerade sieht. Darum wird er sich immer wieder vergegenwärtigen, dass der Ratsuchende für seine Sichtweise und für sein Handeln Gründe hat, auch wenn diese im Moment noch nicht nachvollziehbar sein mögen. Um nachzuempfinden, wie einem anderen gerade zumute sein mag, muss man keineswegs seine Beweggründe kennen. Es reicht vollkommen aus, zuzuhören und die Aufmerksamkeit bewusst auch auf den Klang der Stimme zu lenken. Schon erschließt sich, was das Gegenüber gerade bewegt. Auch hier gilt wieder die Regel: Statt gewohnheitsmäßig alles zu bewerten, ist genaues Beobachten und Zuhören angebracht. In einer weiteren Übung lade ich Sie ein herauszufinden, in welcher emotionalen Verfassung sich der Ratsuchende gerade befindet. Fragen Sie sich, was ihm durch den Kopf geht, und reagieren Sie auf die Aussagen indem Sie das mitschwingende Gefühl benennen. Dies wird im weiteren Verlauf des Buches mit affektiver Rahmung bzw. aktivem Zuhören bezeichnet. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 59 594. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Aussage des Ratsuchenden Ihre Reaktion 1. Vor drei Jahren bin ich dann ins Marketing gewechselt, weil sich das irgendwie spannend angehört hatte. Aber letztlich sind wir nur ein Anhängsel des Vertriebs. 2. Am liebsten würde ich etwas anderes machen, z. B. kündigen und ein Aufbaustudium beginnen. Eigentlich hätte das was. 3. Ich habe mich dermaßen reingehängt und endlos Überstunden gekloppt. Aber glauben Sie, dass mein Chef das merkt? Null Reaktion! 4. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass ich den Test bestanden habe. 5. Wenn sich mein Kollege noch einmal über Absprachen hinwegsetzt, dann passiert aber etwas, das kann ich wohl sagen. 6. Ich sehe nicht, dass sich da jemals etwas ändert. Da ist alles so felsenfest und erstarrt, dass man nichts mehr erwarten sollte. 7. Meine Chefin hat in der Morgenrunde erklärt, dass einer von uns wohl noch viel lernen müsse und dabei mich angeschaut. 8. Das Apollo-Projekt wurde zum Glück abgeblasen. Sie können Ihre Antworten mit meinen Vorschlägen vergleichen und prüfen, wieweit Sie die mitschwingenden Gefühle erkannt und in in Worte gekleidet haben. Um deutlich zu machen, dass es kein „richtig“, sondern eine Vielfalt von Möglichkeiten gibt, biete ich Ihnen jeweils zwei Reaktionen an. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 60 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen60 1. Vor drei Jahren bin ich dann ins Marketing gewechselt, weil sich das irgendwie spannend angehört hatte. Aber letztlich sind wir nur ein Anhängsel des Vertriebs. Sie klingen ganz enttäuscht und unzufrieden, wie sich das entwickelt hat. Ihre Entscheidung stimmt Sie jetzt eher unglücklich. 2. Am liebsten würde ich etwas anderes machen, z. B. kündigen und ein Aufbaustudium beginnen. Eigentlich hätte das was. Aber irgendetwas lässt Sie noch zögern. Sie sind sich noch irgendwie unschlüssig, das konkret anzupacken. 3. Ich habe mich dermaßen reingehängt und endlos Überstunden gekloppt. Aber glauben Sie, dass mein Chef das merkt? Null Reaktion! Sie sind nicht nur enttäuscht, sondern fühlen sich auch ausgenutzt. Soviel Ignoranz macht Sie schier fassungslos. 4. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass ich den Test bestanden habe. Sie sind darüber ganz erleichtert. Das ist für Sie noch ganz unbegreiflich. 5. Wenn sich mein Kollege noch einmal über Absprachen hinwegsetzt, dann passiert aber etwas, das kann ich wohl sagen. Sie klingen ganz empört und sinnen schon auf Rache. Das bringt Sie regelrecht auf die Palme. 6. Ich sehe nicht, dass sich da jemals etwas ändert. Da ist alles so felsenfest und erstarrt, dass man nichts mehr erwarten sollte. Sie sehen da schwarz, weil es überhaupt keine Aussicht auf Änderung gibt. Die Zukunft erscheint Ihnen alles andere als rosig, das lässt Sie resignieren. 7. Meine Chefin hat in der Morgenrunde erklärt, dass einer von uns wohl noch viel lernen müsse und dabei mich angeschaut. Da fühlten Sie sich geradezu bloßgestellt. Mit dem Blick haben Sie sich irgendwie angesprochen gefühlt. 8. Das Apollo-Projekt wurde zum Glück abgeblasen. Das entlastet Sie. Der Kelch ist noch einmal an Ihnen vorübergegangen. Allen Antworten gemeinsam ist die Grundhaltung des Erlaubens, mit welcher der Coach signalisiert, dass Gefühle von Enttäuschung, Rache, Resignation oder Scham etc. etwas Normales sind und dass darüber genauso selbstverständlich gesprochen werden kann, wie über irgendwelche Fakten. Das trägt in der Regel zu einer Entlastung und Beruhigung bei. Sie haben sich vielleicht gefragt, wieso alle meine Erwiderungen in Form eines Aussagesatzes formuliert sind und geradezu wie eine Behauptung daher kommen. Es ist natürlich schwierig, Ihnen in einem Buch die erforderliche Sprechweise zu beschreiben. Die Wirkung dieser Sätze steht und fällt nämlich mit dem Tonfall. Sie können das gerade überprüfen: Nr. 3, S. 295 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 61 614. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen •• Lesen Sie irgendeine der Antworten einmal laut; so, als ob eigentlich ein Fragezeichen am Ende des Satzes steht; dabei geht Ihre Stimme am Satzende automatisch nach oben. •• Ein weiteres Mal lesen Sie den gleichen Satz und betonen die gefühlsmäßige Umschreibung •• und schließlich lesen Sie den gleichen Satz noch ein drittes Mal und zwar im Tonfall beiläufiger Selbstverständlichkeit. Dieser Tonfall gelingt Ihnen, wenn Sie im Grunde genommen gar keine Antwort erwarten, sondern nur umschreiben, was nun mal so ist. Sie werden vermutlich auf Anhieb die Unterschiede spüren, die sich allein aus der jeweiligen Sprechweise ergeben. Noch deutlicher wird das Ergebnis für Sie ausfallen, falls Sie jemanden dafür gewinnen können, irgendeinen der acht Sätze zu sprechen und Sie reagieren darauf in unterschiedlichem Tonfall. Ihr Gegenüber wird Ihnen aller Erfahrung nach sehr genau beschreiben können, was die jeweilige Erwiderung in ihm auslöst. Sie mögen einwenden, dass ich in die jeweilige Aussage etwas hineininterpretiert habe. Sich in einen anderen Menschen hinein zu fühlen bzw. hinein zu denken, beinhaltet in der Tat ein gewisses Mutmaßen. Dabei erschließt sich die Ahnung, was der Ratsuchende wohl empfindet sowohl aus dessen Tonfall und Mimik als auch aus dem Abgleich, wie einem denn selbst dabei zumute sein würde. Der Tonfall beiläufiger Selbstverständlichkeit trägt nicht nur zur Entlastung und Entspannung bei, der Coach signalisiert damit auch, dass er das, was ihm gerade mitgeteilt wird, für völlig „normal“ hält. Gleichzeitig vermittelt er dadurch emotionale Sicherheit. Es ist überhaupt nicht notwendig, immer ins Schwarze zu treffen. Es mag Sie erleichtern, dass der Ratsuchende bei einer unzutreffenden Erwiderung sofort korrigierend reagiert und erstaunlich präzise beschreibt, wie es ihm tatsächlich ergangen ist und was er dabei empfunden hat. Da äußert beispielsweise eine Ratsuchende: Ich weiß nicht, ob ich ihm blind vertrauen möchte. Manches erscheint mir so obskur, dass ich gar nicht erkennen kann, was er eigentlich beabsichtigt. Der Coach greift den mitschwingenden Zweifel auf: Das stellt sich für Sie ganz verwirrend dar, so dass Sie nur noch skeptisch sind. Da es nicht das trifft, was die Ratsuchende meinte, korrigiert sie: Nee, nee, skeptisch bin ich gar nicht. Es ist eigentlich mehr, dass ich mir unsicher bin, ob meine Zweifel nicht destruktiv sind. Wissen Sie, ich vertraue ihm im Grunde genommen total und finde das auch gut so. Nur manchmal weiß ich nicht, ob ich zu naiv bin. Oder nehmen wir das Beispiel, in dem sich ein Ratsuchender ereifert: Wenn mir mein Chef noch einmal so kommt, dann kann er was erleben. Irgendwann ist auch bei mir mal Schluss. Der Coach hört zwar die Empörung, greift aber zu einer zu schwachen gefühlsmäßigen Formulierung: Das verärgert Sie regelrecht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 62 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen62 Prompt berichtigt der Ratsuchende: Was heißt verärgert? Ich könnte platzen vor Wut. Ich bin zwar ein friedlicher Mensch, aber wenn ich rot sehe, dann gnade Gott. Ich hatte geschrieben, dass Ratsuchende erstaunlich präzise beschreiben können, wie sie sich gefühlt haben. Das funktioniert allerdings nur als Reaktion auf eine affektive Rahmung. Dabei wird die angebotene und gehörte Emotion gewissermaßen innerpsychisch abgeglichen und präzisiert. Interessanterweise reagieren die meisten Ratsuchenden auf eine direkte Frage nach ihrem Empfinden eher allgemein oder gar mit Unverständnis. Da beschreibt zum Beispiel ein Ratsuchender folgendes Problem: Erst hat er mir gesagt, wenn ich mein letztes Quartalsergebnis übertreffe, dann hätte ich die Stelle, nun will er, dass ich noch zehn Prozent drauflege. Also, ich weiß nicht … Der Coach hat noch nicht ganz erfasst, wie es dem Ratsuchenden geht, prompt fragt er: Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Worauf der Ratsuchende erwidert: Wie soll ich mich schon gefühlt haben, ziemlich blöd, was denn sonst? Die folgende Übung fußt auf einem längeren Coaching-Gespräch. Notieren Sie nach jeder Äußerung des Ratsuchenden zunächst, welche Emotionen mitschwingen und formulieren Sie anschließend eine einfühlsame Reaktion, um das Gehörte affektiv zu rahmen. Der Ratsuchende (36 Jahre) arbeitet in der Auftragsabwicklung einer Spedition und soll eine Führungsaufgabe übernehmen, weil sein Vorgesetzter in zwei Jahren in Ruhestand gehen wird. Zwei vorangegangene Coaching-Gespräche drehten sich um sein Rollenverständnis. Ratsuchender: Ich habe zum Schluss noch etwas ganz anderes: Ich bin da nämlich in eine saublöde Situation gekommen und weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Sie wissen ja, dass ich alleinstehend bin. Na ja, wie soll ich sagen, ich fände es natürlich schon ganz gut, wenn sich dieser Zustand irgendwie ändern ließe, aber das ist ja nicht so ganz einfach, wenn man so klein ist wie ich (Der Ratsuchende ist ca. 1,50 m). Nun hat mich letzte Woche eine Kollegin angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr am Freitag ein Feierabendbier trinken zu gehen. Na ja … Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende fühlt sich beeinträchtigt (in eine saublöde Situation gekommen) und ist verunsichert (weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll). Er beschreibt etwas für ihn Unerwartetes, womit er so nicht gerechnet hat. Coach: Das hat Sie völlig überrascht. Nr. 4 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 63 634. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Ratsuchender: Das kann man wohl sagen. Ich fand das schon toll. Also, ich mag die Kollegin. Aber ich hätte mich nie getraut, sie so direkt anzusprechen. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende bestätigt seine Überraschung, erwähnt seine Freude (fand das schon toll) und dass er sich gehemmt fühlt (nie getraut, sie so direkt anzusprechen). Coach: Sie sind da irgendwie befangen. Ratsuchender: Irgendwie schon. Verrückterweise habe ich zugesagt, bin dann aber am Freitag nicht hingegangen. Ich weiß auch nicht, warum. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende wird sich seiner Hemmung bewusst und beschreibt, dass er sich gewissermaßen nicht ganz bei Sinnen (verrückterweise) in etwas hinein manövriert hat. Coach: Oh weia, ich glaube ich ahne, was Sie da so quält. Die Kollegin fühlt sich versetzt, und Sie bekommen das gerade nicht undramatisch auf die Reihe. Ratsuchender: Haargenau. Natürlich kann ich ihr was von plötzlichen Zahnschmerzen erzählen oder so. Aber damit verschiebt sich das Problem doch nur. Denn der nächste Freitag kommt ja ganz gewiss, und ich kann ja schlecht jede Woche Zahnschmerzen vortäuschen. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 64 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen64 Der Ratsuchende bestätigt, was ihn so plagt und welche untauglichen Lösungsideen ihm bislang durch den Kopf gegangen sind, um dem fraglichen Treffen zu entgehen. Coach: Mit anderen Worten: Sie wollen eine reale Feierabendbegegnung mit dieser Kollegin in jedem Fall vermeiden. Ratsuchender: Irgendwie schon. Nein, eigentlich nicht. Ach, ich versteh’ überhaupt nicht, was mit mir los ist. Einerseits würde ich das super finden, endlich jemand kennen zu lernen, mit dem man auch mal privat etwas teilt. Wissen Sie, die besagte Kollegin ist genauso klein wie ich, also das würde irgendwie schon gut passen. Aber andererseits … ach, ich weiß auch nicht … Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende ist hin- und hergerissen (Irgendwie schon. Nein, eigentlich nicht. Wenig später: einerseits … – andererseits …) und kann sich im Moment noch für keine direkte Aktion entscheiden. Coach: Wenn es dann so konkret wird, schrecken Sie förmlich zurück. Ratsuchender: Stimmt. Das ist dann was ganz anderes. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können. Manchmal habe ich den Eindruck, ich verhalte mich wie ein pubertierender Schüler, der sich ganz doll etwas wünscht und wegläuft, wenn es ernst wird. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende bestätigt sein Zögern und begründet dies zwar unspezifisch (Das ist dann was ganz anderes.) lässt aber erkennen, dass ihn bereits die Vorstellung, konkret mit einem anderen Menschen in Kontakt zu treten, durcheinander bringt. Gleichzeitig gibt er zu erkennen, dass er sein Verhalten kritisch betrachtet, wenn nicht sogar ablehnt und überhaupt nicht verstehen kann, warum er sich so (pubertierender Schüler) verhält. Seine direkt an den Coach gerichtete indirekte Frage: Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, drückt eher Unsicherheit aus, als dass es sich um eine echte Frage handelt. Darum bleibt Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 65 654. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen sie unbeantwortet, zumal der Coach kaum glaubhaft vermitteln kann, dass er die besondere Problematik der Kleinwüchsigkeit wirklich nachvollziehen kann. Coach: Mir geht gerade durch den Kopf, dass ein Wunsch, der in Erfüllung geht, einen auch verwirren kann. Ratsuchender: Da haben Sie eigentlich recht. So habe ich das bislang noch nie gesehen. Ich habe mir das alles immer nur ganz schön vorgestellt. In meiner Phantasie gab es da keine Komplikationen. (Pause) Aber eben nur in Gedanken. Real habe ich so etwas ja noch nie gemacht, also mich mit einer Frau getroffen. Also, da fehlt mir einfach Erfahrung, wenn Sie verstehen. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende beginnt zu erkennen, was ihn eigentlich so durcheinander bringt. Die Realität stellt sich ganz anders dar als das, was er sich bislang im Kopf ausgemalt hat. Seine fehlende Erfahrung macht ihn scheu und aus Sorge vor Komplikationen zieht er sich in seine Phantasiewelt zurück. Coach: Ich stelle mir gerade vor, wie Ihr „Kopfkino” funktioniert. Da sind Sie der Regisseur und können sich jede Szene genau so vorstellen, wie es Ihnen gefällt. So betrachtet ist „Kopfkino” wesentlich sicherer als jede reale Begegnung. Ratsuchender: Da ist was dran. Wissen Sie, wenn man allein lebt, hat man ja auch viel Zeit. Und mit etwas Einbildungskraft kann man es sich halbwegs schön machen. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende räumt ein, sich eine Traumwelt ausgemalt zu haben, in der er einen großen Teil seiner Zeit verbringt. Gleichzeitig gibt er zu erkennen, dass diese ihn nicht wirklich beglückt hat (halbwegs schön). Coach: Beeindruckend! Sie haben eine echt pfiffige Lösung gefunden, so intensive Gefühle wie Sehnsucht oder Wehmut zu spüren und gleichzeitig unverletzt zu bleiben. Ratsuchender: Mm. Wenn man so lange allein lebt wie ich, dann richtet man sich halt ein. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 66 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen66 Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Auch wenn der Ratsuchende fast neutral beschreibt, wie er sich sein Leben eingerichtet hat, gibt er in der Art seiner Formulierung zu erkennen, dass er sich mit seiner Situation abgefunden hat, zwar ohne wirklich glücklich zu sein (dann richtet man sich halt ein), aber eben doch bewusst entschieden. So kommt auch das mitschwingende Gefühl der Resignation nicht so sehr zum Tragen, so dass offen bleibt, ob der Ratsuchende unter dem Alleinleben leidet. Coach: Okay, da spricht nichts dagegen. Mich beschäftigt dabei die Frage, ob Sie allein sind, oder sich einsam fühlen. Denn das wirkt sich direkt auf Ihre Lebensqualität aus. Ratsuchender: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber wenn Sie mich so fragen, wird mir bewusst, dass ich mir darüber unbedingt klar werden sollte. (denkt lange nach). Ich denke, dass ich vor dem Alleinsein keine Angst habe. Im Gegenteil, ich bin gern allein und manchmal habe ich eher Angst, dass mich jemand unvermittelt stören könnte. Welche Gefühle schwingen unausgesprochen mit? Ihr Vorschlag für eine affektive Rahmung: Der Ratsuchende wird sich gerade darüber klar, was ihm wichtig ist und was ihm eigentlich Sorge bereitet (manchmal habe ich eher Angst). Auch wenn das hier nicht direkt ausgesprochen wird, schwingt der zuvor geäußerte Gedanke von der fehlenden Erfahrung mit. Coach: Wenn Sie diesen Gedanken nun auf die Kollegin übertragen … Ratsuchender: Ja, dabei bin ich schon. Wenn sie nämlich auch gern allein sein mag, dann steht einer näheren Begegnung eigentlich nichts im Wege. Ich habe – glaube ich – Angst, der Retter für ihre Einsamkeit zu werden. Aber das lässt sich ja klären. Am Ende des Kapitels möchte ich Sie noch mit einer weiteren Möglichkeit bekannt machen, sich sogar in der Wortwahl auf den Ratsuchenden einzustellen, um Kontakt herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Es handelt sich dabei um eine sprachliche Feinheit, die üblicherweise als „Hohe Kunst“ betrachtet wird und nach Auskunft mehrerer Leser einiges abverlangt. Nr. 4, S. 297 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 67 674. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Eine besonders starke Wirkung geht nämlich von der sprachlichen Angleichung an den bevorzugten Wahrnehmungskanal des Gegenübers aus, die sich in seiner Wortwahl und Sprechweise niederschlägt. So ist es möglich, durch genaues Zuhören zu erfassen, ob Ihr Gegenüber die Welt bevorzugt über die Augen (visuell), die Ohren (auditiv) oder das Be-Greifen und Fühlen (kinästhetisch) wahrnimmt. Die folgende Tabelle enthält typische Wendungen: visuell auditiv kinästhetisch Absicht, Aufsicht, Aussicht, Einblick, Horizont, Perspektive, rosa Brille, Überblick, Einblick; sehen, anblicken, anstarren, aufblicken, ins Auge fallen, beobachten, besichtigen, mustern, einsehen, einleuchten, erscheinen, offenbaren, reflektieren, schwarz sehen, vorhersehen, vorsehen, zeigen, zurückschauen, glänzen, unter die Lupe nehmen; dunkel, hell, klar, bildhaft, oberflächlich, offensichtlich, verschwommen, schleierhaft usw. Schauen Sie mal, wie viele Redewendungen Sie noch finden, wenn Sie die Augen offen halten. Zustimmung, Resonanz, Echo, Klang, Stille, Frage, Antwort, Erwähnung, Erzählung; hören, abstimmen, ausrufen, befragen, beleidigen, sich gut anhören, gut klingen, erwidern, sich sagen, jubeln, klingen, kreischen, murmeln, plaudern, rufen, sagen, schreien, die erste Geige spielen, diskutieren, seufzen, singen, stammeln, tönen, zitieren; still, ruhig, sang- und klanglos, geräuschvoll, harmonisch, schrill, stimmig usw. Hören Sie sich doch mal um, welche Formulierungen Ihnen jetzt noch alle zu Ohren kommen. Begriff, Belastung, Erleichterung, im Handumdrehen, Gefühl, Empfinden; arbeiten, ausrutschen, behandeln, berühren, binden, bürsten, drehen, drücken, erleiden, etwas im Griff haben, auf der Hand liegen, kalt lassen, fühlen, kneifen, halten, schlagen, schnappen, schütteln, schwingen, teilen, tragen, umarmen, umkippen; fest, glatt, matschig, steif, grob, stark, sanft, weich, verletzt, beleidigt, haltbar, stabil usw. Es wird Ihnen leicht fallen, im Handumdrehen noch viel mehr Begriffe zusammenzutragen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 68 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen68 Um Sie nicht zu sehr zu verwirren, habe ich auf die olfaktorischen (Geruch) und gustatorischen (Geschmack) Wendungen verzichtet. Typische Beispiele wären: Das stinkt zum Himmel. Den kann ich nicht riechen. Das schmeckt mir überhaupt nicht. Das war bitter für mich. Vielleicht sind Sie jetzt neugierig geworden und prüfen, wieweit Ihre Sprechweise Ihren bevorzugten Kanal widerspiegelt. Der bevorzugte Wahrnehmungskanal drückt sich nicht nur bei der Verwendung bestimmter Wörter aus, manchen Menschen erwachsen sogar Probleme daraus. Ihre Art, die Welt zu sehen, zu verstehen oder zu begreifen halten sie für die einzig normale und fühlen sich unverstanden, wenn andere auf die Welt anders reagieren. Folgendes Beispiel illustriert dies sehr eindringlich: Ratsuchende: Ich sehe, dass mein Mann mich nicht mehr liebt. Mir scheint, er ist meiner überdrüssig. Coach: Sie sagen, Sie sehen das? Ratsuchende: Wissen Sie, eine Frau sieht das, außerdem gibt es genug Beispiele, die auch Ihnen einleuchten würden. Coach: Das ist für Sie völlig offensichtlich. Ratsuchende: Klar. Letzte Woche zum Beispiel, da war er für ein paar Tage verreist gewesen. Ich hatte mich für seine Rückkehr ganz besonders hübsch gemacht, mir die Haare rechtzeitig eingelegt, ein langes Kleid angezogen, die Wohnung aufgeräumt, alles so gerichtet, dass es für ihn schön aussieht, und wissen Sie, was er getan hat? Er hat mich begrüßt, in die Arme genommen und ist dann in sein Zimmer gegangen. Coach: Er hat dann gar nicht gesehen, welche Mühe Sie sich gegeben haben, ihm sichtbar zu gefallen. Ratsuchende: Ganz genau. Dabei ist das anderen Leuten sofort ins Auge gesprungen. Nachmittags war eine Freundin kurz da, die hat gleich gefragt, für wen ich mich denn so herausputze. Sehen Sie, solche Beispiele könnte ich noch stundenlang präsentieren. Coach: Für Sie sieht das Verhalten Ihres Mannes so richtig lieblos aus. Ratsuchende: Ja, würde er mich lieben, so würde er doch sehen, was ich für ihn tue. Coach: Sie werden geradezu übersehen. Ratsuchende: Ja, richtig, er übersieht mich einfach. Wissen Sie, ich weiß nicht, ob das dazugehört, aber ich habe mich schon oft gefragt, warum mein Mann, wenn wir uns küssen, immer die Augen schießt. Wenn ich ehrlich bin, dann erscheint mir das schon merkwürdig. Ich meine dann, der guckt mich gar nicht an, vielleicht denkt er auch an eine andere, während er einfach die Augen zumacht. Sie konnten gerade mitverfolgen, wie sich der Coach verbal an die Ratsuchende angeglichen hat und auf diese Weise den Aufbau von Rapport begünstigt hat. Dem Coach im folgenden Beispiel gelingt das ganz und gar nicht. Seine bevorzugte Sichtweise wird sogar zu einer Belastung für den Gesprächsverlauf. Ratsuchender: Die Beziehung zu meinem Sohn wird immer bedrückender. Was immer ich tue, es ist falsch. Nun ist langsam der Punkt erreicht, an dem ich mich am Ende fühle. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 69 694. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Coach: Sie sehen da keinen Ausweg mehr. Ratsuchender: Nun, es ist so unbegreiflich festgefahren. Ich spüre da auch so eine große Kluft zwischen uns, dass mir ganz kalt ums Herz wird. Warum ist es nur so? Coach: Für Sie ist das alles ganz uneinsichtig. Ratsuchender: Neulich habe ich ihn besucht, und da hat er mir doch tatsächlich zur Begrüßung die Hand hingestreckt. Mich fröstelt jetzt noch, wenn ich daran denke. So viel Zurückhaltung ist doch nicht normal, oder? Coach: Sie wollen sich jetzt darüber klar werden, woran das liegt. Ratsuchender: Ich weiß nicht, ob Sie das nachfühlen können, aber für mich ist so eine Situation fürchterlich beklemmend. Das schlägt sich auch körperlich nieder, also ich spüre dann so einen Kloß im Hals, so dass ich gar nicht richtig schlucken kann. Können Sie das nachempfinden? Coach: Ja klar, zumindest sehe ich jetzt, worum es Ihnen im einzelnen geht. Ratsuchender: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht so ganz verständlich machen kann. Bei diesem Gespräch blieb der Coach bei seiner Anschauungsweise und sprach entsprechend augenorientiert. Fehlt Rapport, also wenn es nicht gelingt, sich auf den anderen einzustellen, wird der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung erschwert. Sich auch verbal an den Ratsuchenden anzupassen, kann dazu beitragen, dass sich der andere spürbar verstanden fühlt. Diese Möglichkeit, zum Gegenüber einen guten Draht herzustellen, betrifft keineswegs nur Coaching-Gespräche. In der Lehrforschung ließ sich belegen, dass Menschen, denen der Lernstoff so aufbereitet worden war, dass er genau ihrer bevorzugten Wahrnehmungsart entsprach, viel mehr und viel schneller lernen konnten als auf eine andere Weise. Wenn Sie also die gängige Wahrnehmungsart Ihres Gesprächspartners erkennen oder hören oder auch erfassen, können Sie probieren, in seiner Sprache zu sprechen. Wie sehr dies zum Verstanden- Werden und Wohlfühlen führt, möchten Sie vielleicht bei nächster Gelegenheit einmal ausprobieren. Das mag am Anfang unvertraut sein. Wer selbst Dialekt spricht, hat hinreichend Erfahrung, wie beziehungshinderlich es sein kann, mit einem Gegenüber in Kontakt zu kommen, das Hochdeutsch spricht. Sie haben bis hierher gelesen. Manches erscheint Ihnen einleuchtend oder hört sich stimmig an und mag leicht umsetzbar sein. Sie fragen sich vielleicht, wie gut es Ihnen gelingen wird, sich an den bevorzugten Wahrnehmungskanal Ihres Gesprächspartners anzupassen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 70 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen70 Nun, bei der folgenden Übung können Sie das gleich austesten. Ordnen Sie zunächst die Äußerung des Ratsuchenden einem der Kanäle zu (v = visuell, a = auditiv, k = kinästhetisch) und formulieren Sie eine Erwiderung im gleichen Kanal. Ratsuchender v/a/k Coach 1. Ich sehe schon, worauf Sie hinaus wollen, aber ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor, das erscheint mir nicht praktikabel. 2. Das klingt ausgesprochen unverständlich und hört sich irgendwie lächerlich an, so redet doch kein normaler Mensch. 3. Ich weiß überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll, das hört sich für mich zunächst nur schrill, ja unerhört an. 4. Ich bin eigentlich sonst nicht schwer von Begriff, aber ich fühle mich bei der Bewältigung dieser Aufgabe überfordert. 5. Es erscheint mir unglaublich, aber wenn das wahr ist, was Sie mir gerade beschreiben, dann gehen mir so langsam die Augen auf. 6. Die Verhandlung war dermaßen beklemmend, da fühlte man sich regelrecht an der Nase herumgeführt und war doch hilflos. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 71 714. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Zum schnelleren Erkennen des bevorzugten Wahrnehmungskanals habe ich die entsprechenden Signalwörter unterstrichen. Bitte nehmen Sie meine Antworten als eine von vielen Möglichkeiten. Ratsuchender v/a/k Coach 1. Ich sehe schon, worauf Sie hinaus wollen, aber ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor, das erscheint mir nicht praktikabel. v Für Sie zeigt sich das gerade ganz knifflig und da treten all die Hindernisse zu Tage, die das mit sich bringt. 2. Das klingt ausgesprochen unverständlich und hört sich irgendwie lächerlich an, so redet doch kein normaler Mensch. a Das ist für Sie so gar nicht eingängig, wobei Sie betonen, dass sich normale Menschen anders anhören. 3. Ich weiß überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll, das hört sich für mich zunächst nur schrill, ja unerhört an. a Das verschlägt Ihnen schier die Sprache und klingt für Sie geradezu himmelschreiend. 4. Ich bin eigentlich sonst nicht schwer von Begriff, aber ich fühle mich bei der Bewältigung dieser Aufgabe überfordert. k Diese Aufgabe zu erfüllen, belastet Sie ungeheuer, wobei Sie noch gar nicht recht fassen können, woran es eigentlich liegt. 5. Es erscheint mir unglaublich, aber wenn das wahr ist, was Sie mir gerade beschreiben, dann gehen mir so langsam die Augen auf. v Es will Ihnen zwar noch nicht so recht einleuchten, aber Sie betrachten es bereits von einer anderen Warte. 6. Die Verhandlung war dermaßen beklemmend, da fühlte man sich regelrecht an der Nase herumgeführt und war doch hilflos. k Sie wurden da in einer Weise behandelt, dass Sie sich förmlich ausgeliefert gefühlt haben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 72 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen72 Vielleicht regt Sie diese Übung an, bei Gesprächen auf den bevorzugten Kanal Ihres Gegenübers zu achten, um auszuprobieren, wie Sie darauf eingehen können. Darüber hinaus möchte ich Sie ermuntern, bei allen möglichen Situationen auszuprobieren, sich auch körpersprachlich auf Ihr Gegenüber einzustellen. Wer eine Fremdsprache lernt, wird nicht daran vorbeikommen, Vokabeln und Redewendungen zu lernen. Genauso geht es mit dem Handwerkszeug Sprache, das der Coach nutzt. Hinsichtlich des emotionalen Ausdrucks begnügen sich die meisten Menschen mit zehn bis zwölf Wörtern. Die folgende, unvollständige Zusammenstellung mag Sie dabei unterstützen, Ihren aktiven Wortschatz gezielt zu erweitern. Dabei folge ich Carroll Izard, die zehn unterschiedliche Gefühle ausgemacht hat, die auf der ganzen Welt vorkommen. Überraschung, Zorn, Scham, Schuldgefühl, Widerwillen, Verachtung, Leid, Furcht, Interesse und Zuneigung sowie Freude. Überraschung und Erstaunen überrascht, Überraschung in Erstaunen versetzt sein erstaunt, Erstaunen verwundert sein enttäuscht, Enttäuschung betrübt sein, da sich Erwartungen nicht erfüllt haben verblüfft, Verblüffung sprachlos sein vor Überraschung verwundert, Verwunderung erstaunt sein über etwas verwirrt, Verwirrung im klaren Denken beeinträchtigt sein sprachlos, Sprachlosigkeit vor Erstaunen keine Worte haben schockiert, Schock fassungslos vor Entrüstung sein überwältigt, Überwältigung von großer Intensität ergriffen sein Abwehren und Kämpfe sich ärgern, Ärger, Verärgerung Missfallen an etwas, gereizt sein über zornig, Zorn, Raserei, rasend heftiger, leidenschaftlicher Unwille wütend, wüten, wutentbrannt, Wut, wild, grimmig, toben, rasen unbeherrscht ausbrechender Zorn sich empören, Empörung sich auflehnen, entrüstet sein aggressiv sein, Aggression geneigt sein, jemanden anzugreifen, streitsuchend, streitbar, streitsüchtig grollen, Groll verborgener Ärger und Hass gereizt, Gereiztheit verärgert, durch etwas Unangenehmes erregt Nr. 5, S. 299 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 73 734. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Sich verantwortlich fühlen sich schämen, Scham quälendes Gefühl von Schuld und Versagen peinlich, Peinlichkeit Verlegenheit blamiert, Blamage etwas sehr Peinliches, Beschämendes bloßgestellt, Bloßstellung Aufzeigen einer Schwäche von anderen verlegen, Verlegenheit Befangenheit, Verwirrung unterlegen, Unterlegenheit schwächer sein als der andere überfordert, Überforderung zu große geistige oder körperliche Belastung mutlos, Mutlosigkeit ohne Zuversicht sein bereuen, Reue etwas sehr bedauern zerknirscht, Zerknirschung schuldbewusst sein und bereuen gedemütigt, Demütigung erniedrigt Abgeneigt sein sich ekeln, angeekelt, Ekel von heftigem Widerwillen ergriffen sein eifersüchtig, Eifersucht übersteigerte Furcht, die Zuneigung eines anderen teilen oder verlieren zu müssen neidisch, Neid dem anderen etwas nicht gönnen Kummer und Schmerz trauern, Trauer seelischen Schmerz empfinden leiden, Leid bedrückt sein, etwas mit sich herumschleppen bekümmert, Kummer bedrückt, bekümmert, depressiv sein sich grämen, Gram über etwas bekümmert sein bedrückt, Bedrücktsein beklommen, niedergeschlagen, sorgenvoll sein gelangweilt, Langeweile etwas trostlos finden trübselig, Trübsal missmutige, traurige Stimmung Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 74 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen74 trübsinnig, Trübsinn sehr niedergeschlagene, düstere Stimmung verdrossen, Verdrossenheit missmutig, lustlos sein verzweifeln, Verzweiflung Hoffnungslosigkeit ratlos, Ratlosigkeit sich keinen Rat wissen hilflos, Hilflosigkeit sich selbst nicht helfen können ohnmächtig, machtlos, Ohnmacht nichts ausrichten können ausgeliefert preisgegeben, ausgesetzt sein Sich negative Folgen ausmalen ängstlich, Angst von einem Gefühl der Unsicherheit, der Besorgnis erfüllt sein sich fürchten, Furcht Angst angesichts einer drohenden Gefahr besorgt, Besorgnis bedacht sein auf jemand/etwas aufgeregt, Aufregung in Erregung versetzt sein bestürzt, Bestürzung erschrecken auf Grund von etwas Unerwartetem zaghaft, verzagt, Zaghaftigkeit die Hoffnung, Zuversicht, das Selbstvertrauen verlieren bangen, bange, Bange in großer Sorge um jemand sein argwöhnen, Argwohn hegen misstrauisch sein grauen, Grauen beim Gedanken an etwas Zukünftiges Angst empfinden entsetzt, Entsetzen außer Fassung geraten erschreckt, Schreck, Schrecken in Angst versetzt werden panisch, Panik kopflos durch übermächtige Angst Zweifel bedenklich, Bedenken Befürchtungen hegen zweifeln, Zweifel unsicher werden in Bezug auf etwas sich zerrissen fühlen, Zerrissenheit hin- und hergezogen sein zaudern, Zaudern, Zauderei aus Unentschlossenheit zögern Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 75 754. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen skeptisch, Skepsis zurückhaltend auf Grund von Zweifeln unentschlossen noch nicht entschieden sein unsicher, sich unsicher fühlen verwirrt, gehemmt sein überfordert, Überforderung zu stark beansprucht sein misstrauisch, Misstrauen argwöhnisch sein Stolz und Zuversicht zuversichtlich, Zuversicht voller Hoffnung sein wagemutig, Wagemut Mut zum Risiko haben schwungvoll, Schwung mit viel Dynamik, Kraft begeistert, Begeisterung freudig erregt fasziniert, Faszination gefesselt, sich angezogen fühlen entzückt, Entzücken im Zustand höchster Begeisterung sein stolz, Stolz mit Selbstbewusstsein und Freude erfüllt sein heiter, Heiterkeit unbeschwert, heiter und fröhlich sein Zuneigung lieben, Liebe innige Zuneigung zu jemandem empfinden verliebt, Verliebtheit von Liebe ergriffen sein vernarrt, Vernarrtheit unüberlegte Zuneigung akzeptiert, Akzeptanz Billigung, sich angenommen fühlen geborgen, Geborgenheit Sicherheit und Schutz empfinden sich hingeben, Hingabe völliges Aufgehen in etwas vertrauen, Vertrauen sich auf jemand verlassen können zugeneigt, Zuneigung liebevolle Empfindung verbunden, Verbundenheit Gefühl von Zusammengehörigkeit sich verstanden fühlen, Verständnis Fähigkeit, sich in jemand hineinzudenken Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 76 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen76 Freude sich freuen, Freude froh sein froh, fröhlich, Fröhlichkeit vergnügt sein erleichtert, Erleichterung von einer Sorge befreit sein glücklich, Glück von tiefer Freude erfüllt sein vergnügt, Vergnügen fröhlich, heiter und zufrieden sein behaglich, Behagen sich wohl fühlen, zufrieden fühlen zufrieden, Zufriedenheit innerlich ausgeglichen sein befriedigt, Befriedigung erfüllt und zufrieden sein zuversichtlich, Zuversicht voller Hoffnung sein wagemutig, Wagemut Mut zum Risiko haben schwungvoll, Schwung mit viel Dynamik, Kraft begeistert, Begeisterung freudig erregt fasziniert, Faszination gefesselt, angezogen sein entzückt, Entzücken im Zustand höchster Begeisterung sein stolz, Stolz mit Selbstbewusstsein und Freude erfüllt sein heiter, Heiterkeit unbeschwert, heiter und fröhlich sein Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 77 774. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen Zusammenfassung Dieses Kapitel hat von verschiedenen Seiten gezeigt, welche Prozessverantwortung der Coach beim Aufbau einer gelingenden Beratungsbeziehung hat. Die Verwendung von Gesprächsstörern kann zu einer Belastung der Beziehung führen, wenn sich der Ratsuchende unterlegen und schwach fühlt. Die Verwendung von Gesprächsförderern stärkt die Beziehung. Beziehungsförderlich sind: Umschreiben, Zusammenfassen, Klären, Einschränkende Wiederholung Übertreibende Bestätigung In Beziehung setzen Nachfragen Weiterführen, Denkanstoß Wünsche herausarbeiten Gefühle ansprechen Eltern-Ich Eltern-Ich Kind-Ich Kind-Ich Erwachsenen- Erwachsenen- Ich Ich Eltern-Ich Eltern-Ich Kind-Ich Kind-Ich Kritisch sind: Bewerten Interpretieren Trösten, Herunterspielen Ausfragen Vorschläge, schnelle Lösungen Erwachsenen- Erwachsenen- Ich Ich Vertrauen Nähe Sicherheit Affektive Rahmung durch aktives Zuhören Körpersprache (verbale und nonverbale Signale spiegeln) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 78 4. Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen78 Reflektieren Sie auch am Ende dieses Kapitels, wo Sie gerade stehen. Manches wird Ihnen noch fremd vorkommen, während Ihnen anderes vertraut ist. Es kann für Sie erhellend sein, Ihre Notizen noch einmal durchzugehen, nachdem Sie das ganze Buch durchgearbeitet haben. Mir wichtige Erkenntnisse/Punkte: Was fiel mir leicht? Was fiel mir schwer? Was will ich besonders üben?

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References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.