2. Kapitel: Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 23 - 32

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_23

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 15 2. Der Unterschied zwischen Coaching/ Beratung und anderen Gesprächen Im ersten Kapitel hatte ich Sie bereits mit typischen Beraterreaktionen vertraut gemacht, ohne dass wir bislang die Besonderheiten von Coaching bzw. Beratung geklärt bzw. herausgearbeitet haben, wodurch Coaching von anderen Gesprächsformen abweicht. In diesem kurzen Theorie-Kapitel möchte ich Sie mit einem relevanten Unterschied vertraut machen, der weitreichende Folgen für das Verhalten in Coaching- bzw. Beratungsgesprächen hat: Die Initiative für das Gespräch geht immer vom Ratsuchenden aus. Dieser hat für sich erkannt, dass er die Unterstützung eines anderen benötigt. Sei es, weil er auf einen konkreten Rat hofft, einen Tipp oder eine Anregung, sei es, weil er in der Reflexion ein Gegenüber benötigt, was neudeutsch mit Sparringspartner umschrieben wird. Auch hört man in letzter Zeit immer häufiger den Begriff Sounding Board, was zwar mit Resonanzboden zu übersetzen wäre, aber gemeint ist hier das kritische Feedback eines Außenstehenden, um Entscheidungsprozesse bewusster ablaufen zu lassen. Wie auch immer die Begriffe lauten, stets holt sich jemand „fachmännischen“ Rat, Anleitung oder Hilfe bzw. möchte im Nachdenken über ein Problem begleitet werden oder möchte sich über etwas klar werden und die Sichtweise eines Außenstehenden hinzu nehmen. Ich habe mich entschieden, den, der sich Rat holt, Ratsuchenden zu nennen. Das klingt zwar altmodisch, trifft aber genau den Kern: Jemand, der aktiv sucht und bei seiner Suche Unterstützung in Anspruch nimmt, ist ein Rat-Suchender. Neuerdings wird das Gegenüber des Coach auch als Coachee bezeichnet. Diese Wortschöpfung kommt vermutlich durch das Begriffspaar Trainer – Trainee zustande. Während dort ein tatsächliches Gefälle zwischen einem „Könner“ und einem Lernenden, eben einem zu Trainierenden besteht, soll im Coaching der Reflexionsprozess zwischen zwei gleichberechtigten Menschen auf Augenhöhe stattfinden. Weil der Coach nicht etwas am anderen vollzieht, erscheint mir auch die geläufige Bezeichnung Klient ungeeignet, lautet doch die Übersetzung des lateinischen cliens Höriger, Schutzbefohlener und war die übliche Bezeichnung für die sogenannten Halbfreien, die vor Gericht durch ihren patronus vertreten wurden. Zudem entsteht ungewollt eine zu vermeidende Nähe zur Psychotherapie. Dort wird, in Abgrenzung zum Begriff Patient, vom Klienten gesprochen. Dabei stehen die Defizite im Vordergrund, die durch therapeutische Maßnahmen ausgeglichen werden sollen. Ich möchte vermeiden, die Eigenständigkeit des Suchenden durch belastende Begriffe einzuengen. Darum 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 16 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung16 erscheint mir auch der deutlich neutralere Vorschlag Kunde wenig geeignet, weil dadurch der Geschäftscharakter der Beziehung in den Vordergrund gerückt wird, also der Erwerb eines Produktes oder einer Dienstleistung. Ebenso erscheint mir die Bezeichnung Mandant (= Auftraggeber) ungeeignet, wird doch landläufig darunter der Kunde von rechts- und wirtschaftsberatenden Berufen verstanden. Wird der Ratsuchende gar als Symptominhaber bezeichnet, wird das Gefälle noch krasser, weil damit der Anspruch einhergeht, jemanden von seinen Symptomen zu befreien. Die Bezeichnung Ratsuchender hat noch einen weiteren Vorteil: Viele Gespräche sind von ihrem Charakter her zwar Coachinggespräche, werden aber von den Betroffenen nie so bezeichnet. Da gibt es beispielsweise das Kollegengespräch, bei dem der eine sich vom anderen beraten lässt, sich Feedback holt oder vage Ideen im Beisein des anderen reflektieren möchte. Oder nehmen Sie einen Mitarbeiter, der sich hinsichtlich seiner beruflichen Entwicklung von (s)einem Vorgesetzten beraten lässt. Oder denken Sie an Eltern, die das Gespräch mit der Schule suchen, weil sie auf der Suche nach der bestmöglichen Förderung für ihr Kind sind. Sie alle sind Rat-Suchende und ihr beratendes Gegenüber wird vieles von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, nutzen, ohne sich deswegen gleich Coach oder Berater zu nennen oder das Beratungsgespräch als Coaching-Sitzung zu bezeichnen. Zwar ist Coaching heutzutage modern und in aller Munde, doch das zugrundeliegende Handwerkszeug – die Grundfertigkeiten beratender Gesprächsführung – ist wesentlich älter. Man mag mir nun vorwerfen, dass ich dennoch am neudeutschen Begriff Coach festhalte, während doch das allseits bekannte Wort Berater viel vertrauter ist. Wenn ich doch am Coach festhalte, dann liegt mir daran, den Grundgedanken des Begleitens zu betonen und das Rat-Geben zurückzustellen. So gern manche Menschen anderen Rat erteilen, so zurückhaltend reagieren sie, wenn ihnen selbst Rat gegeben wird. Das liegt vermutlich daran, dass es in unserer Kultur viele Menschen immer noch als unangenehm empfinden, einen anderen um Hilfe zu bitten. Zu leicht erscheint die eigene Hilfsbedürftigkeit als Unterlegenheit oder Makel. Dieses Gefälle zwischen einem starken Ratgebenden und einem schwachen Ratempfangenden kann nur ausgeglichen werden, wenn es gelingt, dem Ratsuchenden auf Augenhöhe zu begegnen. Dies klappt am besten, wenn wir den anderen als jemanden betrachten, der ein Ziel erreichen möchte, für das er unsere Hilfe in Anspruch nimmt. In diesem Zusammenhang mag uns die etymologische Ableitung des Wortes Coach helfen. Coaching (vom Englischen coach = Kutsche) stellt einen Beratungsprozess dar, bei dem Menschen im beruflichen Kontext von einem Ort zum anderen gelangen. Der Coach ist Kutscher und „Reisegefährte“ und begleitet den Ratsuchenden auf dessen Weg. Und so wenig wie ein Kutscher das Ziel seines Fahrgastes bestimmt, so wenig nimmt der Coach Einfluss auf das Ziel seines Gesprächspartners. Darum liefert auch nicht der Coach die Lösungen für Probleme und Konflikte, sondern hilft dem Ratsuchenden im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe seine verdeckten Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Auch wenn der Ratsuchende ein Fachmann im Umgang mit sich selbst ist, so steht er sich doch oft genug im Wege, um seine eigenen Denk-, Fühl- und Handlungsmuster zu verstehen. Sind Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 17 172. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung ihm diese nachvollziehbar und vertraut, stärkt das seine Eigenverantwortung und sein Selbstvertrauen, die Herausforderungen des Lebens aus eigener Kraft bewältigen zu können. Spätestens jetzt mag der kritische Leser fragen, aus welchem theoretischen Konstrukt ich meine Inhalte ableite. Hilfe zur Selbsthilfe und zur Selbstverwirklichung hört sich als übergeordnetes, inhaltsunabhängiges Ziel ganz „hübsch“ und emanzipatorisch an. Doch dem Anspruch der humanistischen Psychologie, wonach Menschen sich schöpferisch und gesund entfalten und selbstverwirklichen können, stehen Ansätze entgegen, die sich unter der Überschrift „direktive Beratung“ zusammenfassen lassen. Diese arbeiten vorzugsweise mit Empfehlen, Informieren, Unterweisen und dem Erteilen von gut gemeinten Ratschlägen. Da ich in meiner eigenen Ausbildung sehr stark durch Carl Rogers, den Begründer der personzentrierten Beratung geprägt worden bin, will ich seine für eine Coachingausbildung wichtigsten Gedanken kurz darstellen: Die nicht-direktive Grundhaltung fußt auf der Überzeugung, dass unmittelbare Erfahrung die höchste Autorität darstellt und darum das Urteil anderer keine Leitlinie darstellen kann. Aus diesem Grund erübrigen sich Diagnose und Interpretation. Aus dieser subjektiven Sicht folgt, dass dem Selbst größter Stellenwert eingeräumt wird. Die dem Menschen innewohnende „Selbstaktualisierungstendenz“ ist stets positiv und konstruktiv und auf Entfaltung zur Reife gerichtet. Dabei drängt das Selbst in Richtung auf größere Unabhängigkeit und Selbstverantwortlichkeit. Historisch geht diese Überzeugung auf John Locke zurück und fußt auf dem oft zitierten Nihil est in intellectu, quid non fuerit in sensu. Für Locke gründet sich die gesamte Erkenntnis auf Erfahrung und leitet sich von ihr her. Nur in sehr begrenzten Fällen lassen sich persönliche Entscheidungen, die den häufigsten Anlass für das Aufsuchen eines Coach darstellen, durch Informationsvermittlung oder Verhaltensanweisungen lösen. Damit dennoch in einem zeitlich überschaubaren Rahmen die Autonomie und Selbststeuerung des Ratsuchenden wachsen kann, halte ich ein ganzheitliches Vorgehen für zielführend. Gemeint ist damit, dass im Coaching fortlaufend Bezug genommen wird auf Gefühls-, Empfindungs-, Erlebens- und Entscheidungsvorgänge des Ratsuchenden. Solange dieser nach Rat sucht und also ratlos ist, befindet er sich nämlich in einer ihn verunsichernden Situation, auf die er verständlicherweise emotional empfindlich reagiert. Das erfordert vom Coach, sowohl den Ratsuchenden und dessen Selbstkonzept (internal frame of reference) als einmalig zu begreifen und ihn und seine Probleme ernst zu nehmen, als auch auf dessen Wachstumswillen und Selbstaktualisierungskraft zu vertrauen. Ganzheitlichkeit meint: Neben der gefühlsmäßigen Auseinandersetzung mit dem Problem, findet auch eine kognitive Auseinandersetzung statt, um das Verständnis für Zusammenhänge und die sich daraus ableitenden Folgen zu fördern und schließlich diese in Aktionen münden zu lasen, damit der Ratsuchende konkrete Schritte der Problemlösung in Angriff nehmen kann. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 18 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung18 Diese idealistisch anmutende Berater-Haltung kann sich auf eine sehr lange Tradition berufen, ist doch dieses Vorgehen bereits in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles beschrieben, wo es wörtlich heißt: „Jeder hört nämlich auf zu fragen, wie er handeln soll, wenn er den Ursprung des Handelns auf sich selbst zurückgeführt hat und in sich selbst auf das Regierende; denn dieses ist es, was entscheidet. “ (Aristoteles, Eth. Nic. 1113 a) Beim Hinführen des Ratsuchenden auf „das Regierende“ können wir drei Phasen beobachten: •• Zu Beginn eines Coaching oder einer Beratung ist das vorrangige Ziel die Stärkung der Beziehung zwischen Ratsuchendem und Coach, •• gefolgt von der Phase des Herausarbeitens der Probleme. •• Das Stadium der Lösungsmöglichkeiten wird bewusst zeitlich zurückgeschoben, um der Vergegenwärtigung der problemerzeugenden Umstände und der Aktualisierung von Gefühlen und Bedürfnissen breiten Raum zu geben. Man mag sich nun fragen, warum der Aktualisierung von Gefühlen so eine große Bedeutung zukommt. In Coaching und Beratung geht es doch darum, eine Lösung für ein Problem zu suchen, für das der Ratsuchende bislang nichts gefunden hat. Gefühle, Emotionen, Stimmungen und Affekte sind nicht nur beständiger Teil unserer Kommunikation, sie begleiten auch jede Wahrnehmung. Sowohl die Wahrnehmung, die uns über unsere Sinnesorgane erreicht, als auch unsere innere Wahrnehmung, die uns signalisiert, ob wir uns in einer bestimmten Situation oder mit bestimmten Menschen wohlfühlen oder nicht und ob sich unsere aktuelle Handlungsweise im Einklang mit gesellschaftlichen Normen befindet (z. B. Handeln trotz schlechten Gewissens). Darüber hinaus spielen Gefühle eine wichtige Rolle bei der Motivation, wenn es darum geht, einen Gedanken in die Tat umzusetzen (z. B. Zögern trotz klarer Vorsätze). Und schließlich sind es unsere Gefühle, die uns unsere Intuition bescheren, beruht diese doch auf zustimmenden bzw. ablehnenden Gefühlen. Ganz abgesehen davon, dass Gefühle auch als Warnung fungieren (z. B. Angst bei gefahrvollen Aktivitäten). Emotionen entstehen im unbewusst arbeitenden limbischen System des Gehirns und beeinflussen Wahrnehmungen, Motivation, Gedanken und Erinnerungen. Was vordergründig als Entscheidung der Vernunft erscheint, ist eigentlich gefühlsmäßig entstanden: Der Verstand malt dem emotionalen Entscheidungszentrum die Folgen einer möglichen Handlung so plastisch emotional aus, dass dieses „überzeugt“ wird. Letztlich sind alle menschlichen Entscheidungen Gefühlsentscheidungen denn das limbischen Systems stimmt nur solchen Entscheidungen zu, die mit den bisherigen Erfahrungen übereinstimmen – wobei die momentane Affektlage noch mitspielt. Coaching- und Beratungsgespräche drehen sich um einen Wunsch nach Ver- änderung, auch wenn dieser nicht immer explizit formuliert wird. Und für die längerfristige Veränderung von Erleben und Verhalten spielen die Emotionen des Ratsuchenden eine zentrale Rolle, denn auf ihnen bauen nicht nur seine Werterfahrungen auf, sie steuern auch seine Entscheidungen. Die Aktualisie- Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 19 192. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung rung von Gefühlen hilft dem Ratsuchenden zu versehen, welchen Einfluss seine Bewertungen auf seine Empfindungen haben (Beispielsweise entsteht Angst, indem eine Situation als gefährlich angesehen wird und gleichzeitig die Fähigkeit, die Situation zu meistern, für unzureichend gehalten wird). Auch wenn die Rahmenbedingungen eines Problems außerhalb der Kontrolle des Ratsuchenden liegen, kann er doch darauf unterschiedlich reagieren und lernen, die damit verbundenen Gefühle zu beeinflussen. Man kann beobachten, dass sich Ratsuchende, die ihre Probleme wenig erfolgreich lösen, von erfolgreichen Ratsuchenden durch Impulsivität, Ungeduld und schnelle Bereitschaft aufzugeben, unterscheiden; bei ihnen besteht die Tendenz, nach der Problemerkennung spontan zu reagieren. Aufgabe des Coach ist demnach, den Ratsuchenden dabei zu unterstützen, das Vorhandensein von Hindernissen, Schwierigkeiten und Problemen anzuerkennen und ihm gleichzeitig dabei zu vermitteln, dass ihm prinzipiell zugetraut wird, diese ihn beeinträchtigende Situation zu lösen. Dabei liegt es in der Verantwortung des Coach, der möglichen Neigung des Ratsuchenden, bereits auf den ersten Eindruck zu reagieren, entgegen zu wirken. Hier mag das Bild des Kutschers auch dazu taugen, den Begriff der Prozessverantwortung zu umschreiben: Der Kutscher ist in der Tat dafür verantwortlich, dass seine Kutsche in einem ordentlichen Zustand ist, dass sein Fahrgast in regelmäßigen Abständen pausieren kann, und doch auf möglichst angenehme Weise schnell zum Ziel gelangt, um dort auszusteigen. Genauso ist der Coach dafür verantwortlich, dass er sein Handwerkszeug beherrscht und sich über die möglichen Konsequenzen seiner verschiedenen Interventionen im klaren ist. Das heißt, sich fortlaufend zu fragen, wie viel dem Ratsuchenden gerade zugemutet werden kann. Mit anderen Worten, der Coach übernimmt Verantwortung für das Arbeitstempo und was in der Beratung vertieft wird, nicht aber für die Umsetzung der besprochenen Maßnahmen. Oder noch pointierter formuliert: Der Coach ist verantwortlich für das, was im Coaching-Prozess geschieht, er ist nicht für das Ergebnis verantwortlich. Sein Ziel ist die Autonomie des Ratsuchenden zu unterstützen. Mit seinem Handwerkszeug fördert er die emotionale Eigenständigkeit, Flexibilität und Spontaneität des Ratsuchenden und bringt ihn in Kontakt mit seinen bereits vorhandenen Potenzialen. Man spricht auch davon, dass dem Coach die Rolle einer Hebamme zukommt. Zu dieser Rolle gehört eine gehörige Portion Geduld, den anderen so zu akzeptieren, wie er jetzt ist und sich seinem Tempo anzupassen. Und so wie sich eine verantwortungsvolle Hebamme dem zur Welt drängenden Kind anpasst (und nicht auf die Uhr schielt bzw. an das Ende ihrer Schicht denkt) und den Prozess der Geburt begleitet, wird sich ein verantwortungsbewusster Coach die momentanen Möglichkeiten seines Gegenübers vergegenwärtigen und dessen Rhythmus zum Maßstab seines weiteren Vorgehens machen. Dabei mag ihm die afrikanische Redensart helfen: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 20 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung20 Der Coach macht sich fortlaufend klar, dass er ein Begleiter ist und dem Ratsuchenden hilft, dass dieser •• sein Thema auf der Basis seiner Bedürfnisse und Wünsche entwickelt und sich seinen verinnerlichten Bewertungsmaßstab vergegenwärtigt, um dessen Bedeutung bei der Suche nach Lösungen zu erfassen, •• sein Ziel realistisch formuliert, eine Vielzahl von Lösungsalternativen entwickelt, sich möglicher Konsequenzen der Lösungsmöglichkeiten bewusst ist und hinsichtlich der Zielerreichung das Ergebnis mit dem angestrebten Ziel vergleicht, •• sein Handlungspotenzial gezielt erweitert, gegebenenfalls Verhaltensdefizite erkennt und behebt •• und seine Problemlösungskompetenz dauerhaft stärkt. Sobald der Coach jedoch glaubt, er wüsste besser, was der Gesprächspartner tun kann und soll, geht die Gesprächsbasis der wohlwollenden Akzeptanz verloren. Im Bild gesprochen bestimmt dann der Kutscher wohin die Reise geht und entscheidet, was gegebenenfalls sehenswert ist und was seiner Meinung nach auch entfallen kann. Wenn wir akzeptieren, dass die Gesprächsinitiative vom Ratsuchenden ausgeht, verbieten sich alle Versuche, einem anderen Coaching oder Beratung anzubieten, nahe zu legen oder gar aufzudrängen. Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Forderung quer liege zu allen Formen von „Zwangsbeglückung“, wie sie leider gang und gäbe sind. Sei es die vom Gericht nahe gelegte Trennungsberatung bei Scheidungen, die Erziehungsberatung, die Eltern empfohlen wird, wenn ihre Kinder in der Schule stören, die Schwangerschaftsberatung bei Abtreibungswünschen, die Prüfungsberatung, um Langzeitstudierende unter Druck zu setzen, die Schuldnerberatung, bei Kunden mit Zahlungsschwierigkeiten, die Ernährungsberatung bei gesundheitlichen Problemen oder die Karriereberatung für Mitarbeiter, von denen man sich gerade trennen möchte usw. Gerade weil es heute kaum noch einen beratungsfreien Raum gibt, bedarf es einer konsequenten Besinnung auf das Beratungsselbstverständnis einer Hilfe zur Selbsthilfe, die auf das Ansinnen von Ratsuchenden reagiert, statt diesen die Notwendigkeit von Beratung nahe zu legen. Andernfalls kann Beratung bzw. Coaching in den Ruf kommen, die Nachfrage nach der eigenen Beratungsleistung selbst zu kontrollieren. Natürlich sind für die Anforderungen einer sich ständig verändernden Arbeitswelt Schulungen, Trainings und fachliche Unterweisung unverzichtbar. Im Vordergrund steht dabei der Ausgleich eines Mangels an Wissen und/oder an Können bzw. der Erwerb zusätzlicher Fähigkeiten. Es verwässert allerdings die Begrifflichkeit, wenn derartige Maßnahmen mit dem Etikett Beratung oder gar Coaching versehen werden. Coaching unterscheidet sich grundlegend davon, denn: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 21 212. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung Coaching richtet sich ausschließlich auf einen Erkenntniszuwachs durch Selbstreflexion. Wenn der Ratsuchende sein Anliegen beschreibt, achtet der Coach besonders auf die Wortwahl, um zu prüfen, ob etwas gelernt (= Wunsch nach Unterweisung oder Schulung) oder gelöst (= Wunsch nach beratender Begleitung) werden soll. Typische Formulierungen, die auf Unterweisung/Training/Schulung hinweisen lauten: •• Ich will verbessern …, ich möchte lernen wie …, ich möchte optimieren …, ich möchte können …, ich will besser machen …, ich brauche …, ich würde mir gern aneignen … etc. Oder antonym: •• Mir fehlt …, mir mangelt es an …, es hapert …, ist nicht vorhanden, etc. Die Struktur von „Schulungswünschen“ folgt dem Muster: Ich weiß genau, was ich brauche, ich weiß aber nicht, wie ich dort hinkomme. → Weg Typische Formulierungen, die das Coachinganliegen als Beratung kennzeichnen, können sein: •• Ich möchte lösen …, ich möchte gern verstehen/nachvollziehen/begreifen …, ich würde gern überwinden …, ich möchte gern beheben …, mich belastet …, ich mache mir Sorgen … mich treibt die Frage um …, etc. Der Struktur von „Reflexionswünschen“ liegt das Muster zugrunde: Ich weiß nicht recht wohin, bin auf der Suche und möchte verstehen. → Ziel Da der Coach auf keine Inhalte zurückgreifen kann, die es zu vermitteln gilt, bedarf es einer besonderen Einfühlung in die momentane Situation seines Gegenübers. Dabei geht der Coach vom vorhandenen Potential des Ratsuchenden aus und ist bestrebt, dessen Stärken zu aktivieren, gegebenenfalls Blockierungen aufzulösen und Ziele herauszuarbeiten, die dem Suchenden sowohl erstrebenswert als auch realistisch erscheinen. Sie mögen sich nun fragen, woran Sie erkennen, wann ein Coaching sinnvoll ist und wann nicht? Eine simple Prüfmöglichkeit mag Ihnen dabei helfen, indem Sie sich fragen: Wie offen sind Sie für mögliche Entscheidungen, Entwicklungen und Ergebnisse? Stehen Sie in keiner Arbeitsbeziehung zum Ratsuchenden wird Ihre Offenheit naturgemäß größer sein, als wenn Sie kollegial beraten oder gar aus der Vorgesetztenposition beraten. Hierbei gilt es stets zu prüfen: Können Sie eine Entscheidung akzeptieren, die sich nicht mit Ihrer Sichtweise deckt, bzw. können Sie eine Gesprächsentwicklung zulassen, die Auswirkungen auf Ihren Verantwortungsbereich hat? Favorisiert der Coach gar eine bestimmte Lösung, besteht die Gefahr, das Instrument Coaching zu benutzen, um auf verdeckten Wegen eigene Ziele zu verfolgen. Das bezieht sich sowohl auf arbeitsbezogene Interessen als auch auf persönliche Intentionen, beispielsweise stets das letzte Wort zu haben, Recht behalten zu wollen oder dem eigenen Wertekanon zu dienen. Der dabei entstehende Vertrauensverlust hat katastrophale Folgen für zukünftige Gespräche. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 22 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung22 Was hier im Überblick dargestellt wird, werde ich in den nächsten Kapiteln vertiefen und mit einer Vielzahl von Übungen erlebbar machen. Das Selbstverständnis des Coach gründet auf seiner besonderen Fähigkeit zuzuhören. Diese Zuhörfähigkeit erlaubt ihm, •• stellvertretend die Fragen zu stellen, denen der Ratsuchende typischerweise ausweicht, •• ihm in Bereichen Feedback zu geben, die im Arbeitsalltag üblicherweise ausgeklammert werden •• und ihn zu motivieren, die Entscheidungen umzusetzen, die sich durch das Coaching geklärt haben. Sein Vorgehen zielt darauf ab, den Ratsuchenden in die Lage zu versetzen, die erforderlichen Schritte selbst zu erkennen und umzusetzen. Dafür •• hinterfragt er die Denk- und Handlungsansätze seines Gegenübers, •• bezweifelt deren „Richtigkeit“ und bringt so den Ratsuchenden zu einer Neubetrachtung bzw. •• bekräftigt diese und löst vorhandene Zweifel, •• ergänzt die Sichtweise seines Gegenübers und überwindet Denkbarrieren, •• hilft komplexe Prozesse so zu ordnen, dass die Handlungsfähigkeit des Ratsuchenden gestärkt wird. Das erfordert vom Coach, sich immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen, um den Ratsuchenden nicht mit seinen Lösungen zu „beglücken“. Das aktive Handeln als Coach findet ausschließlich auf der kommunikativen Ebene statt, verbal und nonverbal. Auch wenn andere Medien gestaltend einbezogen werden, erfolgt die Reflexion stets im Gespräch. Es geht in den folgenden Kapiteln um eine ungewohnt detaillierte Betrachtung des Handwerkszeugs „Sprache“, weil jeder Gesprächsverlauf neben dem eigentlichen Inhalt ganz wesentlich durch die kommunikative Kompetenz der Beteiligten beeinflusst wird. Selbstverständlich bedarf es für ein gekonntes Coaching weit mehr, als die Beherrschung der sprachlichen Feinheiten. Dessen ungeachtet lernt jeder Handwerker zunächst den professionellen Umgang mit seinem typischen Handwerkszeug (Werkzeugkunde) und studiert die Besonderheiten des jeweiligen Materials (Materialkunde), um angemessen damit umgehen zu können. Das vorliegende Trainingsprogramm befasst sich mit dem handwerklichen Können eines Coach, nämlich seinen sprachlichen Möglichkeiten und wie sich diese in der Arbeit mit dem Ratsuchenden nutzen lassen. Da Sie Ihre Sprache alltäglich nutzen, wird Ihnen manches fremd vorkommen und Sie auch stutzen lassen, weil es Ihren alltäglichen Gewohnheiten zuwider läuft. Während Sie dies lesen, erfassen Sie selbstverständlich ganze Sätze und Sinnzusammenhänge und können sich vermutlich nur noch dunkel daran erinnern, dass am Beginn Ihres Lesen-Lernens mühseliges Buchstabieren stand. Ähnlich ergeht es jedem, der ein Musikinstrument erlernt. Ist man am Anfang glücklich, die richtigen Töne zu treffen, findet eine zunehmende Sicherheit Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 23 232. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung statt und mündet schließlich in das Erfassen ganzer musikalischer Sequenzen. Ein „Könner“ spielt diese dann nicht nur fehlerfrei vom Blatt, sondern bereitet damit auch dem Zuhörer einen Ohrenschmaus. Erfahrungsgemäß liegen zwischen dem Beginn und zunehmender „Meisterschaft“ einige tausend Übungsstunden. Es mag Sie ernüchtern: Nicht anders verhält es sich, wenn Sie im Coaching mit dem Handwerkszeug Sprache meisterlich arbeiten wollen. Als Coach zu arbeiten, verlangt ein hohes Ausmaß an Echtheit und Selbstkongruenz. Bei aller Professionalität verleugnet der Coach keineswegs sich selbst und muss – ganz gleich, was im Gespräch thematisiert wird – keine Fassade zeigen oder sonst ein Verhalten schauspielern. Für alle Coaching-Gespräche gilt eine Regel, die auf Ruth Cohn zurückgeht: Nicht alles, was echt ist, muss ich sagen, aber alles, was ich sage, soll echt sein. Dazu gehört in erster Linie, sich einzugestehen, dass das, was der Coach hört, oftmals ungewohnt, fremd, vielleicht auch verunsichernd wirkt, und dass ihm dazu im Moment keine „geeignete Lösung“ einfällt. Fehlende Echtheit macht den Coach nicht nur unglaubwürdig, sie macht auch unsicher. Sobald der Coach nämlich darüber nachdenkt, wie er wohl in den Augen seines Gegenübers wahrgenommen wird, und wie seine Reaktionen womöglich ausgelegt werden, richtet er einen Teil seiner Energie darauf, wie er gern gesehen werden möchte. Die Beziehung zwischen Coach und Ratsuchendem leidet dann und erschwert den Aufbau einer echten Beziehung. Das Coachinggespräch erfordert darüber hinaus ein hohes Maß an Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle. Erstere dient dazu, sich der inneren und äußeren Einflüsse und Gefühle möglichst bewusst zu werden. In der anschlie- ßenden Selbstreflexion gilt es zu prüfen, was davon nicht ins Gespräch gehört, also einzudämmen ist und was sich sinnvoll integrieren lässt. (Während das Gewahrwerden eigener Hunger- oder Durstgefühle definitiv nicht ins Coachinggespräch gehört, kann Straßenlärm oder die Raumtemperatur durchaus für Coach und Ratsuchenden gleichermaßen relevant sein.) Sobald der Coach jedoch merkt, dass das, was der Ratsuchende vorträgt, ihn emotional berührt oder gar sprachlos macht, öffnet er sich dem Ratsuchenden und zeigt seine momentane Betroffenheit. Denn wenn der Ratsuchende ein sensibles Thema anspricht und der Coach nicht darauf eingeht, sondern beispielsweise ablenkt, so bekommt der andere Sorge, wie schlimm sein Problem wohl sein muss, wenn sogar der Coach sich scheut, darüber zu sprechen. Wer sich also auf seine Rolle als Coach vorbereitet, muss gewahr sein, dass im Rahmen eines Coaching durchaus auch Themenbereiche wie Partnerschaft und Sexualität, schwere Krankheiten und deren Verarbeitung oder ähnliches angesprochen werden. Es ist sogar möglich, dass der Ratsuchende in einer für ihn besonders belastenden Situation Selbstmordgedanken äußert. Wer darüber hinweg geht, lässt nicht nur jemand im Regen stehen, der sich vertrauensvoll geöffnet hat, sondern handelt geradezu fahrlässig. Ob im Einzelfall ein Coaching das richtige Mittel ist, steht dann zwar in Frage. Genauso wie ein Arzt dem Patienten einen Facharzt empfiehlt bzw. ihn überweist, gereicht es jedem Coach zur Ehre, seine eigenen Grenzen zu kennen und bei Themen, die über das eigene Vermögen hinausgehen, auf andere Fachleute zu verweisen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 24 2. Der Unterschied zwischen Coaching und Beratung24 Nun drängt sich die Frage auf, was Coaching von Psychotherapie unterscheidet. Die Übergänge sind weder sauber definiert, noch klar zu erkennen. Das liegt daran, dass viele Ratsuchende mit einem Anliegen kommen, das scheinbar „nur“ eines Rates bedarf, weil sie sich nicht eingestehen wollen oder auch können, dass hinter ihrem aktuellen Problem eine schwere Krise steckt. Und umgekehrt muss man bei mancher Psychotherapie fragen, ob hier etwas als „Krankheit“ gedeutet wird, was zwar krankenkassenmäßig abrechenbar ist, aber eigentlich in den Bereich der Lebensberatung gehört. So betrachtet, wird es im Verlauf eines Coaching auch vorkommen, dass hinter einem konkreten Anliegen allmählich eine „krankhafte Störung“ zutage tritt. Hier ist dann zwingend das Ende der Beratung angezeigt, um sich nicht dem Vorwurf grober Fahrlässigkeit auszusetzen. Und umgekehrt, gilt es konsequent zu prüfen, wie weit die bearbeitete Thematik einer „Optimierung an Lebensqualität“ dient. Gerade weil sich der Coach mit Hören und Sehen sowie mit seinem Denken und Fühlen ganz auf den Ratsuchenden konzentriert, gerät er leicht in Situationen, in denen seine eigene, möglicherweise konfliktreiche Situation berührt wird. Um nicht eigene Gedanken und Gefühle auf den Ratsuchenden zu projizieren und die eigene Situation mit der des Gesprächspartners zu vermischen, ist eine kritische Selbstreflexion notwendig. Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle lassen sich nicht nur durch regelmäßige Supervision erreichen, ebenso zielführend ist die Teilnahme an einer Selbsterfahrungs- oder Fallbesprechungsgruppe. Aber auch der regelmäßige Erfahrungsaustausch mit vertrauten Kollegen oder Freunden schärft den selbstkritischen Blick.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.