8. Kapitel: Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 185 - 212

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_185

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 177 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Zur Abwechslung leite ich dieses Kapitel mit einem Coaching-Gespräch ein. Sie werden beim ersten Überfliegen bereits bemerken, wie schwer sich die Ratsuchende tut, sich ihre momentane Situation anders zu wünschen, geschweige denn überhaupt ein klares Ziel zu formulieren. Wenn Sie dieses Gespräch für Übungszwecke nutzen wollen, schlage ich Ihnen vor, zum Stift zu greifen und während des Lesens einzelne Wörter oder Wendungen zu markieren, die eine Zielfindung erschweren bzw. die Sie gern hinterfragen möchten. Gleichzeitig können Sie Ihr im vorangegangenen Kapitel erworbenes Können zum Auflösen von Blockaden nutzen und nach negativen Denkmustern und Suggestionen, nach Verallgemeinerungen und Nominalisierungen suchen und mögliche Muster in der Sprache der Ratsuchenden aufdecken. Sie finden meine kommentierten „Lösungsvorschläge“ am Ende des Kapitels. Ratsuchende: Mein Mann hat mir geraten, mich einmal beraten zu lassen. Wir haben unlängst darüber gesprochen, dass ich schon über sieben Jahren die Qualitätssicherung leite. Vielleicht lässt sich ja durch so ein Coaching herausfinden, was sich ändern ließe. Coach: Ihr Mann würde es gern sehen, wenn sich bei Ihnen beruflich etwas verändern würde. Ratsuchende: Ja, wobei das auch irgendwie mein Wunsch ist. Wissen Sie, ich bin jetzt 47, unsere Tochter ist seit zwei Jahren aus dem Haus, wenn ich nicht bald die Kurve kriege, dann sitze ich die nächsten 20 Jahre weiterhin im Labor. Also, das ist eigentlich nicht so sehr mein Wunsch, dort vollends zu versauern. Ich würde schon gern mal irgendetwas ganz anderes machen. Coach: Die Perspektive noch viele, viele Jahre die gleiche Arbeit zu machen, schreckt Sie regelrecht ab. Ratsuchende: Na ja, das ist ja auch nicht sonderlich attraktiv. Da ist einfach keine Entwicklung mehr drin. Natürlich ist das eine wichtige Arbeit, aber beruflich eine Sackgasse, man könnte sogar sagen ein Abstellgleis. Ich muss fairerweise sagen, dass ich eigentlich gern im Labor arbeite. Damals, nachdem meine Tochter knapp zwei Jahre alt war, hat mich mein Betrieb mit Freuden wieder genommen und ich konnte dort zunächst an vier Vormittagen im Labor arbeiten, später dann, als meine Tochter in die Schule kam, ließ sich das problemlos auf 100 % aufstocken. Und mit 38 Stellvertreterin vom Abteilungsleiter zu werden ist ja doch auch nicht schlecht. Coach: Sie klingen ganz zufrieden, ja sogar ein wenig stolz. Ratsuchende: Ja. (Pause) Ich könnte eigentlich ganz glücklich sein. Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz, verdiene nicht schlecht, und habe im Grunde genommen alles, was man so braucht. 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Nr. 12 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 178 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen178 Coach: Sie schränken das gerade ein, wenn Sie sagen „könnte“, „eigentlich“ und „im Grunde genommen“. Ratsuchende: Meinen Sie? (Denkt nach) Ich weiß nicht. – Mein Mann hat auch schon mal so eine Andeutung gemacht und mich gefragt, ob ich wirklich zufrieden sei. Aber irgendwie bin ich das schon. Ich habe einen erfolgreichen Mann, eine aufgeweckte Tochter, wir wohnen in einem netten Haus mit kleinem Garten. Dank geregelter Arbeitszeit bleibt mir auch noch Zeit für mich, was will man denn mehr!? Coach: Sie sagten vorhin, Sie würden schon gern mal etwas ganz anderes machen, das klingt sehr offen, so als ob alles in Frage kommt. Ratsuchende: Ja und nein. Um etwas ganz anderes zu machen, müsste ich ja eine entsprechende Qualifizierung haben. Da macht mir allerdings mein Alter einen Strich durch die Rechnung. Nach 19 Jahren Laborarbeit ist man ganz schön eingefahren. Ich bin halt die Spezialistin für Qualitätssicherung, mehr kann ich eigentlich nicht. Coach: Einerseits sind Sie aufgrund Ihrer Spezialisierung eine ideale Besetzung für Ihre Stelle, andererseits sind Sie auf einen Wechsel gar nicht vorbereitet. Ratsuchende: Stimmt. Offengestanden habe ich mir über meine Karriere nie so richtig Gedanken gemacht. Ich war froh, nach dem Diplom sofort eine Stelle zu bekommen und die Möglichkeit, Kind und Beruf zu verbinden, fand ich einfach prima. Und als mir die Leitung meiner Abteilung anvertraut wurde, war das natürlich schmeichelhaft. Und so mache ich das nun schon sieben Jahre. Die Arbeit ist ja nicht schlecht, aber vielleicht ist es an der Zeit, sich mal klar zu werden, was man eigentlich will. Coach: Sie sagten vorhin, um etwas anderes zu machen, müssten Sie qualifiziert sein. Was würde Sie denn reizen? Wofür würden Sie sich gern qualifizieren? Ratsuchende: Wofür? Gute Frage. Das ist schon so lange her, dass ich etwas Neues gemacht habe. Das ist ja das Dilemma. Coach: Sie schauen geradezu ängstlich auf Neues und verspüren eine deutliche Hemmung gegenüber Veränderungen. Ratsuchende: Da ist was dran. Vielleicht sollte man sich auch zufrieden geben. Erwachsen einem nicht dadurch Probleme, dass man immerzu etwas verändern will. Das macht einen doch unzufrieden. Und ist Unzufriedenheit nicht etwas Schreckliches? Coach: Und doch möchten Sie herausfinden, was sich ändern ließe. Denn die Vorstellung, dass alles so bleibt wie es jetzt ist, erscheint Ihnen unangenehm. Man muss ja nicht unzufrieden sein, wenn man in seinem Leben etwas ändern möchte. Ratsuchende: Das gefällt mir. Man kann sich auch neuen Aufgaben zuwenden, ohne das Bisherige zu verteufeln, oder? Vielleicht haben Sie beim Lesen angesichts all dieser Selbstblockaden innerlich gestöhnt. Gleichzeitig mögen Sie erfasst haben, wie viel Geduld nötig ist, um sich in die Welt der Ratsuchenden hineinzudenken. Aber auch hinter einer scheinbaren Ziellosigkeit lässt sich eine Sehnsucht erahnen, die es in Form von Wünschen zu erfassen gilt. Coaching dient dazu, diese Sehnsüchte und Wünsche in für den Ratsuchenden erstrebenswerte Ziele zu formen. Im Kapitel 6 haben wir uns ausführlich mit der Problemsicht des Ratsuchenden beschäftigt. Sobald der Ratsuchende sein Problem schildert, formuliert er zugleich Wünsche, dass nämlich das Problem gelöst werden und verschwinden Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 179 1798. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen soll. Allerdings sind Wünsche noch keine Ziele, was freilich für viele Ratsuchende überhaupt nicht klar ist, weil die Begriffe Wunsch und Ziel oft synonym verwendet werden. Sie können das überprüfen, indem Sie bei einfachen Alltagsgesprächen Ihr Gegenüber nach seinen Zielen oder auch nach seinen Vorsätzen fragen. Vielleicht werden Sie erstaunt feststellen, wie häufig die Antworten in Wunschform kommen und wie oft Sie dabei eine negative Beschreibung erhalten, folglich erfahren Sie, was nicht sein soll. Beispielsweise: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Ich will mich bemühen, mich arbeitsmäßig nicht mehr so zu stressen. Ich möchte unbedingt versuchen noch ein Instrument (Fremdsprache etc.) zu lernen. Ich will in Zukunft mehr Sport treiben. Ich habe den festen Vorsatz, ohne Gewichtszunahme durchs Jahr zu kommen. So redlich diese Wünsche sein mögen, drücken sie doch eher aus, dass man sich die Erfüllung erhofft, als dass man bereit ist, sich dafür anzustrengen. Damit nämlich aus einem Wunsch ein Ziel wird, bedarf es der Konzentration auf den einen Punkt, der erreicht werden soll. Sie können dem Ratsuchenden helfen, sich zielgerecht auszudrücken, wenn Sie folgende Ziel-Regeln beachten: 1. Damit aus einem Wunsch ein Ziel wird, muss die Eigenverantwortung und Erreichbarkeit geklärt sein. 2. Damit Ziele zum Handeln motivieren, müssen sie positiv, vergleichsfrei, absolut, konkret und attraktiv formuliert sein. 3. Damit Ziele erreichbar sind, muss klar sein, wie der Erfolg kontrolliert bzw. das Ergebnis gemessen wird. 4. Damit Ziele widerspruchsfrei sind, müssen mögliche Nebenwirkungen und Folgen der Zielerreichung erfasst werden. Jede dieser vier Regeln stellt an den Coach besondere Ansprüche, liegt es doch in seiner Prozessverantwortung die Wunsch- und Zielformulierungen des Ratsuchenden respektvoll ernst zu nehmen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass dieser für sich erkennt, wo er mit seinen bisherigen Lösungsversuchen sich selbst im Wege stand. Im folgenden will ich die vier Regeln näher erläutern: 1. Damit aus einem Wunsch ein Ziel wird, muss die Eigenverantwortung und Erreichbarkeit geklärt sein. Das geschulte Ohr des Coach erfasst, wann der Ratsuchende sich über Andere/Äußeres auslässt und in seinen sogenannten Zielformulierungen mehr oder weniger unverhohlen Erwartungen an andere hegt. Dazu gilt es immer wieder die Aussagen so umzuformulieren, dass dabei der Ratsuchende selbst zum Handelnden wird. Aus dem Satz: Mein Ziel ist ganz klar, dass mein Mann endlich die Steuererklärung erledigt wird dann beispielsweise: Sie haben sich vorgenommen, da aktiv zu werden. So kann im nächsten Schritt geklärt werden, worin denn diese Aktivität genau bestehen wird. Nur was in der Eigenverantwortung des Ratsuchenden liegt, taugt für eine Zielformulierung, alles andere wird unter Wünsche und Hoffnungen eingeordnet. Dies bezieht sich ebenso auf Ziele, die nur mit anderen zusammen erreicht werden können. Auch hier gilt es zu klären, was in der Verantwortung Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 180 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen180 des Ratsuchenden liegt, was sein Beitrag zur Umsetzung sein wird und wie er die anderen aktiv einbeziehen will oder welche Formen der Einflussnahme nach seiner Vorstellung zielführend sind. Hinsichtlich der Erreichbarkeit prüft der Coach nicht nur die Verantwortlichkeit, sondern auch wie realistisch das Ziel erscheint. Dabei geht es keineswegs um die persönliche Einschätzung des Coach, sondern darum, den Ratsuchenden die Erfolgschancen für das, was er sich vornimmt, prüfen zu lassen. Im Eifer eines Klärungsprozesses kann es nur zu leicht passieren, dass sich der Ratsuchende zu viel vornimmt, oder gar übernimmt. So überprüft der Coach den Satz: Ich werde dafür jeden Tag zwei Stunden üben, macht 60 Stunden im Monat, dann habe ich die 600 geforderten Übungsstunden in zehn Monaten und hinterfragt dies beispielsweise so: Sie haben sich das gerade ganz klar ausgemalt und sehen auch, wann Sie diese zwei Stunden jeden Tag, auch am Wochenende unterbringen. Womöglich ernüchtert das den Ratsuchenden und er schränkt sich etwas ein: Na ja, so ganz klar ist mir das noch nicht. Vielleicht sollte ich erst einmal schauen, wo überhaupt noch Lücken sind … Nur Ziele, die der Ratsuchende für realistisch und erreichbar hält, wirken motivierend. Werden zu hohe Ziele gesteckt, kann sich unterschwellig Versagensangst breit machen, so dass die Umsetzung überhaupt nicht in Angriff genommen wird. Tritt dann tatsächliches Versagen ein, beeinflusst dies die künftige Leistung und weiteres Engagement negativ, da der Selbstwert durch das erlebte Versagen sinkt. In der Studienberatung begegne ich immer wieder Ratsuchenden, deren hochgesteckte Ziele eher blockierend als motivierend wirken, wie folgendes Beispiel zeigt: Studentin: Sie hatten mir ja freundlicherweise ein Gutachten für die Studienstiftung geschrieben. Ich kann es schaffen, wenn ich entsprechende Noten vorlege. Konkret heißt das, besser und schneller zu sein als die übrigen Bewerber. Ich denke, statt der üblichen drei Monate die Arbeit schon nach zwei Monaten abzugeben und was die Qualität betrifft, könnte ich mit einem internationalen Vergleich bei der Recherche bestimmt punkten, beispielsweise neben der amerikanischen auch die russische Forschung einbeziehen, oder besser noch einige aktuelle Daten aus Japan und China berücksichtigen. Das hätte doch einen gewissen Reiz. Professor: Das hört sich sehr ambitioniert an. Ich frage mich gerade, wie Sie die acht Wochen konkret gestalten. Wie kommen Sie innerhalb so kurzer Zeit an all die aktuellen Forschungsergebnisse, die Sie da einarbeiten wollen? Dabei kann ich mir noch gar nicht vorstellen, wie Sie das übersetzungstechnisch bewältigen. Studentin: Na ja, da bräuchte ich vermutlich Unterstützung. Vielleicht beschränke ich mich auf die angelsächsische Forschung. Vermutlich sind zwei Monate tatsächlich zu knapp und ich sollte die drei Monate komplett nutzen. (Pause) Selbst dann ist es immer noch ein Berg Arbeit, allerdings um einiges realistischer. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 181 1818. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Formulieren Sie die folgenden Äußerungen so um, dass die Eigenverantwortung des Ratsuchenden deutlich wird und er eine realistische Einschätzung seiner Möglichkeiten vornimmt. Aussage des Ratsuchenden Möglicher Umformulierung 2. Wir werden in unserem Projektteam den Zeitplan deutlich straffen müssen, als Zielmarke strebe ich das Quartalsende an. Wenn sich alle ins Zeug legen, dann müsste das zu schaffen sein. 3. Größte Priorität bei meinen Vorhaben hat einer meiner Gruppenleiter. Da schwelt ein Konflikt, der muss rasch entschärft werden, sonst gibt es einen Flächenbrand, der auf die Abteilung übergreift. 4. Es ist unser aller Ziel, die emotionale Kompetenz so zu stärken, dass jeder im Unternehmen spürt, dass wir anders sind als der Wettbewerb. 5. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, ab sofort das Prinzip der „offenen Tür“ zu praktizieren. Das heißt, dass meine Tür stets offen bleibt und alle Mitarbeiter jederzeit zu mir kommen können. 6. Diese Beförderung verlangt natürlich einigen Verzicht, aber ich denke, dass ich mit der Unterstützung meiner Familie rechnen kann, schließlich haben alle davon gewisse Vorteile, denn der Gehaltssprung ist ja nicht ganz ohne. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 182 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen182 Aus den verschiedenen Antworten meiner Ausbildungsteilnehmer habe ich jeweils zwei ausgewählt. So wird wieder deutlich, dass es kein „richtig“ gibt. 1. Mein Ziel, meine Abschlussquote um 20 % zu steigern, wird meinen Chef hoffentlich dazu bringen, mir die in Aussicht gestellte Gehaltserhöhung schon ein halbes Jahr früher zu gewähren. Mit anderen Worten: Ihr eigentliches Ziel ist die Gehaltserhöhung und Sie stellen sich vor, das durch die Steigerung Ihrer Abschlussquote zu erreichen. Wobei Ihnen 20 % als realistisch betrachten. Oder: Sie haben sich bereits genau überlegt, wie Sie diese Steigerung zuwege bringen. 2. Wir werden in unserem Projektteam den Zeitplan deutlich straffen müssen, als Zielmarke strebe ich das Quartalsende an. Wenn sich alle ins Zeug legen, dann müsste das zu schaffen sein. Ihnen ist bereits klar, wie das umzusetzen ist, was mir allerdings noch nicht klar ist, wie Sie das übrige Projektteam dafür gewinnen wollen, also auf welche Weise werden Sie vorgehen, damit sich die anderen Ihr Ziel zu eigen machen? Oder: Vielleicht hilft es, wenn wir klären, was genau in Ihrem Einfluss liegt. 3. Größte Priorität bei meinen Vorhaben hat einer meiner Gruppenleiter. Da schwelt ein Konflikt, der muss rasch entschärft werden, sonst gibt es einen Flächenbrand, der auf die Abteilung übergreift. Sie wollen in dieser Angelegenheit umgehend aktiv werden und stehen gerade vor einer Entscheidung, welche Maßnahmen Sie konkret ergreifen wollen. Oder: Sie haben die Absicht, da jetzt selbst einzugreifen. 4. Es ist unser aller Ziel, die emotionale Kompetenz so zu stärken, dass jeder im Unternehmen spürt, dass wir anders sind als der Wettbewerb. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen in der Tat alle am gleichen Strang ziehen. Vermutlich wird einiges in Ihrem Einflussbereich liegen, so dass Ihr konkretes Vorgehen Einfluss auf die Zielerreichung hat. Oder: Wenn Sie sagen ,unser aller Ziel‘ dann können wir gerade betrachten, was Sie dazu konkret beitragen. 5. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, ab sofort das Prinzip der „offenen Tür“ zu praktizieren. Das heißt, dass meine Tür stets offen bleibt und alle Mitarbeiter jederzeit zu mir kommen können. Sie klingen gerade so schwungvoll, dass Ihnen die damit verbundenen Einschränkungen harmlos erscheinen. Oder: Das hört sich spannend an, wobei ich mich gerade frage, was Sie machen, wenn jemand ungestört mit Ihnen sprechen möchte? 6. Diese Beförderung verlangt natürlich einigen Verzicht, aber ich denke, dass ich mit der Unterstützung meiner Familie rechnen kann, schließlich haben alle davon gewisse Vorteile, denn der Gehaltssprung ist ja nicht ganz ohne. Sie klingen ganz zuversichtlich und haben sich bereits vergewissert, wie Ihre Angehörigen reagieren werden. Oder: Mit welcher Unterstützung rechnen Sie konkret und was werden Sie unternehmen, um genau das zu erreichen ? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 183 1838. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen 2. Damit Ziele zum Handeln motivieren, müssen sie positiv, vergleichsfrei, absolut, konkret und attraktiv formuliert sein. Sprache dient nicht nur der Verständigung mit anderen, sie hat auch eine autosuggestive Komponente, d. h. sie spricht unser Unterbewusstsein an, denn dort entstehen fortlaufend Bilder vom angestrebten Zustand. Diese können für die Zielerreichung unterstützend oder aber auch kontraproduktiv wirken Da das Unterbewusstsein in Bildern arbeitet und keine Negation versteht, entfalten Ziele ihre Wirkung nur dann, wenn sie positiv, konkret und absolut formuliert sind. Dazu beachtet der Coach die Wortwahl und ersetzt die zwar unscheinbaren, aber häufig auftretenden Wörter nicht, nie mehr, niemals, kein oder ohne durch positive Wendungen, die konkret beschreiben, wann oder was passieren wird bzw. wer genau wie handelt. Die kleine Vorsilbe „un-” und die Nachsilbe ,,-los” sind im Deutschen beliebte Werkzeuge zur Bildung von Negationen sowohl bei Substantiven als auch bei Adjektiven. Viele zusammengesetzte Wörter brauchen lediglich von ihrer Vor- oder Nachsilbe befreit zu werden, und schon klingt Ihre Verwendung positiv: Es ist mir unangenehm, zu spät zu kommen. So ziellos zu beginnen, macht für mich Es ist Ihnen angenehm, wenn Sie pünktlich sind. Gezielt zu beginnen, macht für Sie Sinn, keinen Sinn. Es ist typisch für Beratungsgespräche, dass dem Ratsuchenden negative Formulierungen wesentlich leichter einfallen als die positive Variante. Weil das Problem bislang ungelöst ist und er verständlicherweise davon weg kommen will, kann er sehr viel leichter umreißen, was er nicht will als auszudrücken, was er erreichen möchte, was er konkret anstrebt. Es gehört mit zu den Aufgaben des Coach, auch die typischen Wörter des Vermeidens (unterlassen, aufhören, verhüten, verhindern etc.) in entsprechende positive Wendungen zu transformieren. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Ich will in Zukunft verhindern, dass Terminzusagen gemacht werden, die nicht abgestimmt sind. Ich frage mich gerade, wann Sie damit beginnen werden und wie Sie den Anfang gestalten wollen. Sie wollen für die Zukunft erreichen, dass nur Zusagen gegeben werden, die abgestimmt sind. Solange sich ein Wunsch auf das Negative konzentriert, entsteht kein Bild vom Ziel. Wo die Zielvorstellung fehlt, besteht die Gefahr, dass der momentane Zustand beibehalten wird. Neben den Wörtern für Negationen achtet der Coach auch auf Wörter, die einen Vergleich einleiten, wie weniger oder mehr. Angesichts der Tatsache, dass wir beim Sprechen automatisch Bilder produzieren, liegt es nahe, das Unterbewusstsein mit zielführenden Bildern zu versorgen, statt den belastenden Zustand sprachlich zu verfestigen. Denn im Grunde ist ein über Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 184 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen184 einen Komparativ formuliertes Ziel nichts Anderes als eine Negation. Der Beispielsatz Ich will in Zukunft mehr Sport treiben erscheint zwar verständlich, ist aber unvollständig, weil der Bezugssatz zu mehr fehlt, aber unterbewusst ergänzt wird, nämlich mehr als bislang. Und prompt sieht das Unterbewusstsein den Ist-Zustand, der ja in all seinen Facetten unschwer auszumalen ist, weil er täglich erlebt wird. Hingegen gibt es für den Zielzustand, eben mehr Sport treiben, noch keine bildhafte Vorstellung. Weil Komparative in der Zielformulierung nicht handlungsleitend sind, konkretisiert der Coach die entsprechenden Formulierungen, so wird aus mehr Sport treiben zum Beispiel: Ich kann mir noch nicht recht vorstellen, wie viel mehr Sport genau, vielleicht können Sie das zeitlich präzisieren. Damit ein Ziel absolut (wörtlich = losgelöst, und zwar losgelöst von den Gewohnheiten und Widrigkeiten des Alltags) wirkt und nicht nur schemenhaft erscheint, achtet der Coach auf Konjunktive (würde, könnte, möchte, sollte) sowie auf „Wattewörter“ (eigentlich, letztlich, schließlich, vielleicht, möglicherweise, irgendwie, irgendwann, gewissermaßen, im Grunde genommen, streng genommen, im großen und ganzen etc.). Es liegt in seiner Prozessverantwortung, diese Wörter nicht nur zu registrieren, sondern durch konkrete Begriffe zu ersetzen. Konkret meint hier, sich immer wieder Rechenschaft darüber abzulegen, wie anschaulich, greifbar und bestimmt die Beschreibung des Ratsuchenden ist. Die Aussage ich weiß eigentlich, was ich will wird durch das unscheinbare Wort eigentlich nebulös, so als ob eben keine klare Vorstellung über das existiert, was gewollt wird. Bei einer bereits belastbaren Beziehung kann der Coach den Ratsuchendem durch ein kurzes und uneigentlich? direkt mit seiner Wortwahl konfrontieren. Für die anderen „Wattewörter“ bietet sich die direkte Wiederholung an, zum Beispiel: Sie sagen vielleicht; Sie äußerten gerade möglicherweise; Sie meinten im Grunde genommen. Immer wieder wird der Ratsuchende ermuntert zu konkretisieren, was er wirklich ausdrücken möchte. Ein aufmerksamer Coach wird auch prüfen, wie genau eine Zeitangabe wirklich ist. Denn Ausdrücken wie bald, demnächst, künftig, in Kürze oder auch so schnell wie möglich, in allernächster Zeit, in Zukunft fehlt der konkrete Zeitpunkt, wann etwas eintreten wird. Im Beispiel ich will in Zukunft mehr Sport treiben kann der Coach auch die Zeitangabe in Zukunft hinterfragen, um den Ratsuchenden zu einer Entscheidung zu bringen, wann er genau mit der Umsetzung beginnen wird. Schließlich sollen Ziele attraktiv formuliert sein, um zu motivieren. Auch wenn es sprichwörtlich heißt kein Preis ohne Schweiß, so gibt es zahlreiche Wörter, die uns die Strapazen und Anstrengungen eher abstoßend verdeutlichen. Darum ersetzt der Coach Wörter des Bemühens (anstrengen, einsetzen, sich anhalten, anstreben, reinknien etc.) durch ansprechende Wendungen wie testen, ausprobieren, bestimmen, festlegen, kontrollieren, prüfen etc. So lässt sich der wenig motivierende Satz Ich will mich bemühen, mich arbeitsmäßig nicht mehr so zu stressen attraktiver formulieren: Sie legen ab sofort fest, wie viel Stress Sie bei der Arbeit zulassen werden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 185 1858. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Ebenso erkennt der Coach die lähmende Wirkung des Versuchens. So wird er folgenden Satz umformulieren Ich möchte unbedingt versuchen noch Arabisch zu lernen und das aktive Handeln betonen: Sie wollen arabisch verstehen und sprechen, darum haben Sie sich entschieden, damit jetzt anzufangen. Formulieren Sie die folgenden Äußerungen des Ratsuchenden so um, dass sie positiv, vergleichsfrei, absolut, konkret und attraktiv erscheinen. Aussage des Ratsuchenden Möglicher Umformulierung 1. Ich muss unbedingt aufhören, mich mit dem Kleinkram des Tagesgeschäfts zu verzetteln und das in Zukunft stärker delegieren, das würde schon vieles ändern. 2. Ich will versuchen, beim Halbmarathon mitzulaufen. Dazu sage ich mir immer wieder ,Anstrengung ist das halbe Leben’, also warum nicht dafür seinen Schweiß opfern. 3. Nach allem, was ich da erleben musste, habe ich die feste Absicht, mich nie mehr so ausnutzen zu lassen. Ich will mich in Zukunft bemühen, mich besser zu schützen. 4. Im Grunde genommen müsste ich das ohne fremde Hilfe schaffen, insoweit ist mein Ziel eigentlich völlig klar. 5. Wenn ich mich noch etwas mehr ins Zeug lege, dann könnte ich dieses Jahr ohne größere Verluste abschließen. 6. Ich könnte viel konzentrierter am Stück arbeiten, wenn ich mich weniger oft unterbrechen lasse. Das käme nicht nur meinem Zeitplan zugute, auch die Qualität würde um einiges besser. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 186 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen186 Ich habe mich entschieden, wieder mehrere Antworten von Teilnehmern auszuwählen, dann können Sie vielleicht noch besser diese mit Ihren Antworten vergleichen. Zum Verdeutlichen habe ich die Signalwörter fett geschrieben. 1. Ich muss unbedingt aufhören, mich mit dem Kleinkram des Tagesgeschäfts zu verzetteln und das in Zukunft stärker delegieren, das würde schon vieles ändern. Sie wollen beginnen, bestimmte alltägliche Arbeiten zu delegieren. Vielleicht legen Sie jetzt gleich fest, welche Arbeiten Sie ab wann welchem Mitarbeiter übergeben. Oder: Und wann werden Sie anfangen, damit Ihre Mitarbeiter zu betrauen? 2. Ich will versuchen, beim Halbmarathon mitzulaufen. Dazu sage ich mir immer wieder ,Anstrengung ist das halbe Leben’, also warum nicht dafür seinen Schweiß opfern. Es reizt Sie, diese sportliche Herausforderung zu meistern. Wie muss ich mir denn Ihre diesbezüglichen Vorbereitungen vorstellen? Oder: Sie sehen sich bereits ab sofort jeden Tag einige Kilometer zu laufen. 3. Nach allem, was ich da erleben musste, habe ich die feste Absicht, mich nie mehr so ausnutzen zu lassen. Ich will mich in Zukunft bemühen, mich besser zu schützen. Ihr Ziel ist es, sich vor unberechtigten Ansprüchen zu schützen. Oder: Sie wollen sich diese Erfahrung zunutze machen und rechtzeitig ablehnen. 4. Im Grunde genommen müsste ich das ohne fremde Hilfe schaffen, insoweit ist mein Ziel eigentlich völlig klar. Sie malen sich gerade aus, wie Sie Ihr Ziel aus eigener Kraft erreichen. Mir geht gerade durch den Kopf, was Sie wohl noch benötigen, um auf der Stelle anzufangen. Oder: Ihr Ziel erscheint Ihnen so greifbar, dass Sie das eigenständig meistern. 5. Wenn ich mich noch etwas mehr ins Zeug lege, dann könnte ich dieses Jahr ohne größere Verluste abschließen. Die Vorstellung, dieses Jahr positiv abzuschließen spornt Sie regelrecht an, wobei ich mir noch nicht recht vorstellen kann, welche Aktivitäten Sie dafür planen. Oder: Sie haben bereits ausgerechnet, was Sie dafür genau unternehmen werden. 6. Ich könnte viel konzentrierter am Stück arbeiten, wenn ich mich weniger oft unterbrechen lasse. Das käme nicht nur meinem Zeitplan zugute, auch die Qualität würde um einiges besser. Sie sehen sich bereits konzentriert an Ihrem Schreibtisch und genießen die Gewissheit, dass die Tür geschlossen und das Telefon umgeschaltet bleibt. Das macht Sie stolz, weil Sie sowohl rechtzeitig fertig werden, als auch eine Topqualität liefern. Oder: Ab sofort werden Sie nur noch nachmittags für andere ansprechbar sein. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 187 1878. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen 3. Damit Ziele erreichbar sind, muss klar sein, wie der Erfolg kontrolliert bzw. das Ergebnis gemessen wird. Zwar sind wir seit dem Eintritt in die Schule daran gewöhnt, dass Leistungen gemessen werden und haben auch gelernt, dass das, was nicht gemessen wird, irgendwie unwichtig ist, aber dies auf die eigenen Ziele und die damit verknüpften Leistungen zu beziehen, fällt vielen schwer. Doch nur wenn Zielformulierungen sinnesspezifisch überprüfbar sind, können Ratsuchende erkennen, wann sie ihr Ziel erreicht haben. Erfolgskontrolle meint nicht zwangsläufig messen, genauso gut kann der Ratsuchende angeben, was er sieht, hört, fühlt vielleicht auch riecht oder schmeckt, wenn er dort angekommen ist, wohin das Ziel ihn führt. Der Coach kann den Ratsuchenden anregen, seine Äußerung: Ich habe den festen Vorsatz, ohne Gewichtszunahme durchs Jahr zu kommen sinnesspezifisch umzuformulieren, damit diesem bewusst wird, was ihn seinen Erfolg oder eine Abweichung davon überhaupt wahrnehmen lässt. Möglicherweise kommt dabei heraus: Ich wiege im Moment 70 Kilogramm und werde mich ab jetzt jeden Sonntag wiegen, um zu sehen, dass mein Körpergewicht bei dieser Marke bleibt. Ein kinästhetisch orientierter Ratsuchender käme vielleicht zu folgender Formulierung: Die Hose, die ich im Moment an habe, passt wie angegossen. Ich mache das zum Maßstab und werde regelmäßig kontrollieren, wie sie sitzt. Fügen wir noch einen auditiv Orientierten an: Ich habe mein Ziel erreicht, wenn nicht nur meine Frau sagt, dass ich meine Figur gut gehalten habe, sondern auch mein Hausarzt sich positiv dazu äußert. Die Wirksamkeit dieses Vorgehens liegt darin, innere Bilder in mehreren Sinneskanälen hervorzurufen, hier also hören, sehen und fühlen. Darum wird der Coach immer wieder auffordern, sich etwas gedanklich vorzustellen: Wie sieht das Ergebnis aus? Was werden oder wollen Sie hören? Wie wird sich das anfühlen? Ob etwas wichtig ist, also ein Ziel Gewicht hat, wird daran deutlich, dass der Grad der Erreichung sichtbar gemacht wird, eben gemessen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Ernsthaftigkeit, mit der Ziele verfolgt werden und der Art und Weise wie die Ergebnisse feststellbar gemacht werden. Sie können das an einem sehr einfachen Beispiel überprüfen. Wenn beispielsweise für eine Besprechung ein zeitlicher Rahmen vorgegeben wird, neigen die Beteiligten dazu, diese Vorgabe komplett zu nutzen. Es kommt nur selten vor, dass ein Meeting wesentlich schneller beendet wird, als vorab angekündigt. Wissen jedoch die Beteiligten, dass die zeitliche Vorgabe üblicherweise nicht eingehalten wird, z. B. eine zweistündige Konferenz auch drei oder vier Stunden dauern kann, dann verhalten sie sich entsprechend und tragen mit dazu bei, dass der zeitliche Rahmen nicht ernst genommen wird. Und genau so verhält sich auch der einzelne Ratsuchende seinen persönlichen Zielen gegenüber, wenn er die einzelnen Schritte ungemessen und unkontrolliert umsetzt. Spätestens bei einer unvorhergesehenen Hürde wird der Plan„nachsichtig nachjustiert“. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 188 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen188 4. Damit Ziele widerspruchsfrei sind, müssen mögliche Nebenwirkungen und Folgen der Zielerreichung erfasst werden. Ein Ziel zu erreichen, ist zwar wichtig und gleichzeitig gilt es zu prüfen, wieweit die damit verbundenen Veränderungen bzw. Konsequenzen auf den Ratsuchenden selbst und auf seine Umgebung gewollt sind. Im Sinne der Prozessverantwortung wird der Coach den Ratsuchenden auffordern, sich über die Konsequenzen der Zielerreichung klar zu werden, sich beispielsweise zu vergegenwärtigen, welchen Preis (z. B. Zeit, Anstrengung, Geld) das Ziel fordert, oder welche Unannehmlichkeiten auftreten können bzw. was er gegebenenfalls aufgeben oder loslassen muss, um das Ziel zu erreichen. Denn jede Entscheidung für etwas beinhaltet auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Weil bei vielen Entscheidungsprozessen ein Sowohl-als-auch nicht möglich ist, verharren Ratsuchende manchmal in der Stufe des Abwägens, häufig überspringen sie ihr Zögern und stürzen sich auf ihr Ziel. Das hat zwar den Vorteil, der unangenehmen Spannung des Abwägens von Für und Wider zu entkommen, birgt aber das Risiko, dass bei auftretenden Schwierigkeiten womöglich der gesamte Zielfindungsprozess erneut aufgerollt wird. Darüber hinaus kann es hilfreich sein, den Ratsuchenden direkt aufzufordern, sich auszumalen, welche Reaktionen sein Umfeld zeigen wird, sobald das Ziel erreicht ist und welche langfristigen Veränderungen womöglich mit der Zielrealisierung einhergehen. Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit dem Arabisch-Lernen. Der Ratsuchende hat alle bisherigen Regeln sorgfältig umgesetzt, so dass das Ziel jetzt lautet: Ich beginne mit dem Arabischkurs kommenden Montag, dazu werde ich jeden Wochentag zwei Stunden für den Fernstudienlehrgang nutzen und zusätzlich am Wochenende die Lektionen vertiefen und alle schriftlichen Anforderungen jeweils bis Sonntag um 22 Uhr erledigt haben. Mein Ziel ist dann zufriedenstellend erreicht, wenn ich in der Benotung aller eingereichten Arbeiten stets mehr als 80 % der möglichen Punkte erhalte. Nun wissen wir vom Ratsuchenden, dass er nicht nur ein ambitionierter Fachmann auf seinem Gebiet ist und sich für Geschäftskontakte mit Ländern des Orients rüsten möchte, sondern auch verheiratet ist und zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren hat. So liegt es nahe, denkbare Nebenwirkungen zu beleuchten, beispielsweise: Das gerade von Ihnen beschriebene Vorgehen hat vermutlich Auswirkungen auf Ihr Familienleben. Die Zeit, in der Sie sich der neuen Sprache widmen, können Sie nicht gleichzeitig mir Ihren Kindern und Ihrer Frau verbringen. Womöglich entdeckt der Ratsuchende, dass er diese Aspekte bislang völlig übersehen hat, was ihn zur Entscheidung führt, mit welchen Folgen er künftig leben will. Ein im Zuhören geschulter Coach wird sich Details aus vorangegangenen Gesprächsabschnitten ins Gedächtnis rufen, um den Ratsuchenden prüfen zu lassen, wie weit diese bei der Zielerreichung möglicherweise hinderlich wirken können. Das können wichtige Bezugspersonen, Hobbys, Verpflichtungen, gesundheitliche Aspekte oder auch früheres Scheitern (Traumata) etc. sein. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 189 1898. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Hinterfragen Sie bei den folgenden Zielformulierungen, die möglichen Nebenwirkungen und prüfen Sie wie weit mögliche Folgen berücksichtigt wurden. Aussage des Ratsuchenden Mögliches Hinterfragen 1. Ich habe die feste Absicht, mich auf die Niederlassungsleiter-Stelle zu bewerben, auch wenn ich erst seit zweieinhalb Jahren in diesem Unternehmen bin. 2. Ich werde kündigen und zum Wintersemester mit einem Aufbaustudium beginnen. Wenn ich dann mit dem Master abschließe, habe ich deutlich bessere Chancen als jetzt. 3. Ich sehe in meinem Verantwortungsbereich noch reichlich Spielraum für Einsparungen und bin fest entschlossen, alles rauszuholen, was möglich ist. 4. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bei regelmäßigem Training den bevorstehenden Halbmarathon in einer angemessenen Zeit bewältigen werde. 5. Ich werde ab morgen jeden Vormittag von 10–12 mein Telefon zu meinem Kollegen umlegen und an meine Tür ein Schild hängen, dass ich erst ab 12 Uhr erreichbar bin. 6. Ich bin wirklich fest entschlossen, mich weiter zu qualifizieren und werde mir das dafür notwendige Wissen und Können in kürzester Zeit aneignen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 190 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen190 Hier können Sie wieder Ihre Antworten vergleichen: 1. Ich habe die feste Absicht, mich auf die Niederlassungsleiter-Stelle zu bewerben, auch wenn ich erst seit zweieinhalb Jahren in diesem Unternehmen bin. Gesetzt den Fall, Sie erhalten diese Position, dann würde sich das vermutlich auf die Beziehung zu Ihren Kollegen auswirken, besonders die, die länger dabei sind oder älter; ganz abgesehen davon, dass Mitbewerber, die dann abgewiesen wurden, mit der Tatsache fertig werden müssen, dass Sie nun diese Stelle bekommen haben und ihnen womöglich zukünftig vorgesetzt sein werden. 2. Ich werde kündigen und zum Wintersemester mit einem Aufbaustudium beginnen. Wenn ich dann mit dem Master abschließe, habe ich deutlich bessere Chancen als jetzt. Das Ziel formulieren Sie so klar, dass ich annehme, Sie haben die finanzielle Seite im Griff. Mich beschäftigt noch, wie viel Zeit Sie sich für dieses Aufbaustudium einräumen und mit welcher Note Sie Ihren Master abschließen wollen. 3. Ich sehe in meinem Verantwortungsbereich noch reichlich Spielraum für Einsparungen und bin fest entschlossen, alles rauszuholen, was möglich ist. Mit anderen Worten, Sie haben den Spielraum schon minutiös berechnet und wissen genau, wie viel sich bis zu welchem Zeitpunkt einsparen lässt. Ich stelle mir vor, dass Ihre Mitarbeiter hinsichtlich dieses Ziels eine ganz eigene Meinung haben. 4. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bei regelmäßigem Training den bevorstehenden Halbmarathon in einer angemessenen Zeit bewältigen werde. Wenn Sie sagen regelmäßig klingt das nach einem präzisen Trainingsplan, den Sie sich bereits erarbeitet haben. bleibt noch die Frage, welches Laufergebnis für Sie angemessen ist. 5. Ich werde ab morgen jeden Vormittag von 10–12 mein Telefon zu meinem Kollegen umlegen und an meine Tür ein Schild hängen, dass ich erst ab 12 Uhr erreichbar bin. Das wird Ihnen sicherlich zwei stille Stunden bescheren. Gleichzeitig bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf Ihren Kollegen, der Sie ja so lange vertreten soll und zu seinen Telefonaten nun auch noch Ihre hinzu bekommt. 6. Ich bin wirklich fest entschlossen, mich weiter zu qualifizieren und werde mir das dafür notwendige Wissen und Können in kürzester Zeit aneignen. Wenn Sie sagen dafür notwendig, höre ich heraus, dass Sie bereits genau wissen, was Sie benötigen und auch schon entschieden haben, wie lange Sie sich dafür Zeit geben werden, um dieses Wissensgebiet komplett zu erarbeiten. Mir ist noch nicht klar, welchen Maßstab Sie an Ihr Lernergebnis legen, also wann Sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 191 1918. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Betrachten wir nun das Gespräch vom Anfang des Kapitels und prüfen, auf was der Coach alles achten kann. Angesichts der Fülle von Möglichkeiten, wird es zwar unvermeidlich sein, sich zu beschränken, für Übungszwecke habe ich jedoch jedes Wort gewissermaßen auf die Goldwaage gelegt. Ratsuchende: Mein Mann hat mir geraten, mich einmal beraten zu lassen. Wir haben unlängst darüber gesprochen, dass ich schon über sieben Jahren die Qualitätssicherung leite. Vielleicht lässt sich ja durch so ein Coaching herausfinden, was sich ändern ließe. Die Ratsuchende kommt auf Anraten ihres Mannes und teilt weder ein Problem noch einen Wunsch mit, sondern wählt die Passivformulierung (lässt sich herausfinden, sich ändern ließe) und packt diese mit dem vielleicht in Watte ein. Wir befinden uns am Anfang eines ersten Gesprächs. Es ist typisch für solche Situationen, dass Ratsuchende zunächst unsicher sind und sich vorsichtig ausdrücken. Coach: Ihr Mann würde es gern sehen, wenn sich bei Ihnen beruflich etwas verändern würde. Ratsuchende: Ja, wobei das auch irgendwie mein Wunsch ist. Wissen Sie, ich bin jetzt 47, unsere Tochter ist seit zwei Jahren aus dem Haus, wenn ich nicht bald die Kurve kriege, dann sitze ich die nächsten 20 Jahre weiterhin im Labor. Also, das ist eigentlich nicht so sehr mein Wunsch, dort vollends zu versauern. Ich würde schon gern mal irgendetwas ganz anderes machen. Während die Ratsuchende auf der Ebene Handlung/Erleben/Bericht klare Informationen gibt, bleibt die Ebene der Wünsche/Hoffnungen/Ziele schwammig. Es ist normal, in verunsichernden Situationen eine negative Abgrenzung vorzunehmen, also zu beschreiben, was man nicht will (nicht mein Wunsch) und gleichzeitig erfahren wir, dass die Ratsuchende bereits anfängt zu versauern, (vollends). Der Wunsch nach Veränderung bleibt aber in Watte gehüllt (würde, schon mal, irgendetwas). Coach: Die Perspektive noch viele, viele Jahre die gleiche Arbeit zu machen, schreckt sie regelrecht ab. Ratsuchende: Na ja, das ist ja auch nicht sonderlich attraktiv. Da ist einfach keine Entwicklung mehr drin. Natürlich ist das eine wichtige Arbeit, aber beruflich eine Sackgasse, man könnte sogar sagen ein Abstellgleis. Ich muss fairerweise sagen, dass ich eigentlich gern im Labor arbeite. Damals, nachdem meine Tochter knapp zwei Jahre alt war, hat mich mein Betrieb mit Freuden wieder genommen. Ich konnte dort zunächst an vier Vormittagen im Labor arbeiten, später dann, als meine Tochter in die Schule kam, ließ sich das problemlos auf 100 % aufstocken. Und mit 38 Stellvertreterin vom Abteilungsleiter zu werden ist ja doch auch nicht schlecht. Erneut erhalten wir genaue Angaben über die bisherige Entwicklung, während die Gegenwart diffus und negativ beschrieben wird (nicht sonderlich attraktiv). Losgelöst von ihrer persönlichen Beurteilung findet eine Verallgemeinerung statt (ist keine Entwicklung, ist wichtig – aber Sackgasse, man könnte sagen). Die Formulierung eigentlich gern schränkt genauso ein, wie doch nicht schlecht. Es gilt, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass wir uns in einem frühen Stadium der Selbstreflexion befinden. Dabei ist es üblich, sich vorsichtig auszudrücken Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 192 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen192 und sich Halt und Orientierung zu geben bei den sicheren Fakten der Vergangenheit. Da die Ratsuchende auf der Ebene Meinung/Vermutung nicht ihre eigene Sichtweise beschreibt, wird auf die Ebene des Empfindens gewechselt, um die Ratsuchende mit ihren Gefühlen in Kontakt zu bringen. Coach: Sie klingen ganz zufrieden, ja sogar ein wenig stolz. Ratsuchende: Ja. (Pause) Ich könnte eigentlich ganz glücklich sein. Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz, verdiene nicht schlecht, und habe im Grunde genommen alles, was man so braucht. Diese Formulierungen lassen mich annehmen, dass die Ratsuchende alles anderes als glücklich ist (könnte eigentlich, nicht schlecht) und dass sie sich einredet, keinen Grund zu haben, etwas an ihrer Situation zu verändern (im Grunde genommen, was man so braucht). Vermutlich ist der Ratsuchenden gar nicht bewusst, wie viel ihre Wortwahl preisgibt. Es macht ja einen Unterschied, ob der Satz lautet: Ich bin glücklich oder ich könnte eigentlich glücklich sein. Bzw. ob es heißt: Ich habe alles, was ich brauche oder alles, was man im Grunde genommen so braucht. Coach: Sie schränken das gerade ein, wenn Sie sagen „könnte“, „eigentlich“ und „im Grunde genommen“. Ratsuchende: Meinen Sie? (Denkt nach) Ich weiß nicht. – Mein Mann hat auch schon mal so eine Andeutung gemacht und mich gefragt, ob ich wirklich zufrieden sei. Aber irgendwie bin ich das schon. Ich habe einen erfolgreichen Mann, eine aufgeweckte Tochter, wir wohnen in einem netten Haus mit kleinem Garten. Dank geregelter Arbeitszeit bleibt mir auch noch Zeit für mich, was will man denn mehr!? Die Intervention bewirkt zwar ein Nachdenken, mündet aber wieder in eine Sicherheit vermittelnde Beschreibung dessen, was sie hat. Natürlich erkennen wir, dass jemand nicht wirklich zufrieden ist, wenn wir hören: Irgendwie bin ich schon zufrieden. Gleichzeitig scheint sich die Ratsuchende ihre Unzufriedenheit keineswegs einzugestehen und flüchtet geradezu trotzig in die Durchhalteparole was will man mehr. Da die Ratsuchende jedoch aktiv geworden ist und den Termin für das Coaching selbst vereinbart hat, können wir von einem Veränderungswunsch ausgehen. Coach: Sie sagten vorhin, Sie würden schon gern mal etwas ganz anderes machen, das klingt sehr offen, so als ob alles in Frage kommt. Ratsuchende: Ja und nein. Um etwas ganz anderes zu machen, müsste ich ja eine entsprechende Qualifizierung haben. Da macht mir allerdings mein Alter einen Strich durch die Rechnung. Nach 19 Jahren Laborarbeit ist man ganz schön eingefahren. Ich bin halt die Spezialistin für Qualitätssicherung, mehr habe ich eigentlich nicht vorzuweisen. Hier liegt ein schönes Beispiel für eine negative Suggestion kombiniert mit einer Nominalisierung vor. Eine Qualifizierung haben zu müssen stellt eine wesentlich höhere Hürde dar, als sich zu qualifizieren. Das dahinter liegende Muster lautet: Ich müsste etwas haben, was ich nicht habe. Also kommt es nicht infrage. Die anschlie- ßende Äußerung stellt eine Rechtfertigung dar, dass dieses Defizit gang und gäbe ist und jedem (man) so ergehen würde. Unterstützt wird dieses Muster am Ende des Satzes mit mehr habe ich eigentlich nicht. So ergibt sich das Muster: Wer nichts vorzuweisen hat, hat auch keine Veränderungswünsche zu haben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 193 1938. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Coach: Ihre berufliche Kontinuität erweist sich als Einschränkung. Einerseits sind Sie aufgrund Ihrer Spezialisierung eine ideale Besetzung für Ihre Stelle, andererseits sind Sie auf einen Wechsel gar nicht vorbereitet. Ratsuchende: Stimmt. Offengestanden habe ich mir über meine Karriere nie so richtig Gedanken gemacht. Ich war froh, nach dem Diplom sofort eine Stelle zu bekommen und die Möglichkeit, Kind und Beruf zu verbinden, fand ich einfach prima. Und als mir die Leitung meiner Abteilung anvertraut wurde, war das natürlich schmeichelhaft. Und so mache ich das nun schon sieben Jahre. Die Arbeit ist ja nicht schlecht, aber vielleicht ist es an der Zeit, sich mal klar zu werden, was man eigentlich will. Wir können natürlich fragen, was nie so richtig tatsächlich bedeutet, also welche Gedanken sie sich doch schon gemacht hat. Auch wäre eine Betrachtung ihrer bisherigen Arbeit möglich, um zu prüfen, was ihr daran wirklich gefällt und was sie gern anders machen würde, denn die Formulierung nicht schlecht lässt viel Interpretationsspielraum zu. Zum Ende der Äußerung kommt jedoch ein zaghafter (vielleicht, eigentlich) unpersönlicher (ist es, sich, man) Wunsch. Coach: Sie sagten vorhin, um etwas anderes zu machen, müssten Sie qualifiziert sein. Was würde Sie denn reizen? Wofür würden Sie sich gern qualifizieren? Ratsuchende: Wofür? Gute Frage. Das ist schon so lange her, dass ich etwas Neues gemacht habe. Das ist ja das Dilemma. Wieder erscheint die Intervention des Coach zu direkt, denn prompt flüchtet die Ratsuchende und malt sich das Dilemma aus, das sich in ihrer Vorstellung unweigerlich einstellen wird, sobald sie sich mit etwas Neuem beschäftigt. Coach: Sie schauen geradezu ängstlich auf Neues und verspüren eine deutliche Hemmung gegenüber Veränderungen. Ratsuchende: Da ist was dran. Vielleicht sollte man sich auch zufrieden geben. Erwachsen einem nicht dadurch Probleme, dass man immerzu etwas verändern will. Das macht einen doch unzufrieden. Und ist Unzufriedenheit nicht etwas Schreckliches? Auch wenn die Ratsuchende zunächst zustimmt (Da ist was dran.), weicht sie aus und nennt geradezu normativ ihre Lebensmaxime, wonach Unzufriedenheit regelrecht sündhaft ist. Es ist bezeichnend, derartige Lebensregeln unpersönlich zu formulieren und in Watte zu packen (vielleicht, man, einem, ist), denn das macht weniger angreifbar. In der Formulierung der Ratsuchenden wird deutlich, wie suggestiv dieses Denkmuster wirkt: Bereits der Wunsch, über mögliche Veränderungen nachzudenken ist gefährlich, weil er unzufrieden macht. Denn bereits der Vergleich von Ist-Zustand und möglichem Wunsch oder Ziel-Zustand beinhaltet auch eine kritische Betrachtung des Bisherigen. Das erscheint bedrohlich, weil dabei etwas zutage treten könnte, was sich nicht länger mit Pseudozufriedenheit bemänteln ließe. Coach: Und doch möchten Sie herausfinden, was sich ändern ließe. Denn die Vorstellung, dass alles so bleibt wie es jetzt ist, erscheint Ihnen unangenehm. Man muss ja nicht unzufrieden sein, wenn man in seinem Leben etwas ändern möchte. Ratsuchende: Das gefällt mir. Man kann sich auch neuen Aufgaben zuwenden, ohne das Bisherige zu verteufeln, oder? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 194 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen194 Der Coach wechselt ebenfalls auf die unpersönliche Ebene und setzt dem Konstrukt, Veränderungswünsche resultieren aus Unzufriedenheit mit dem Bisherigen eine geänderte Vorstellung entgegen: Man muss nicht unzufrieden sein (nicht unzufrieden = zufrieden), wenn man etwas ändern möchte, mit anderen Worten, ein Veränderungswunsch und Zufriedenheit können gleichzeitig existieren. Das eröffnet der Ratsuchenden einen völlig neue Perspektive, die ihr spontan zusagt. Ihr Nachsatz ohne das Bisherige zu verteufeln zeigt noch einmal ihre Befürchtung, in Teufels Küche zu kommen, wenn sie den Ist-Zustand infrage stellt. Wenn es dem Coach gelingt, diese Sorge ernst zu nehmen und ihre Neugier zu entfachen, kann jetzt die Ausschau nach möglichen Zielen beginnen. Ich habe dieses Gespräch ausgewählt, um zu verdeutlichen, dass ein schnelles Ermitteln von möglichen Wünschen ins Leere läuft. Nur wenn der subjektive Wertekanon der Ratsuchenden erfasst wird, kann diese sich für etwas Neues öffnen. Selbst wenn es gelingt, mit dem Ratsuchenden zusammen eine konkrete Zielbeschreibung zu erarbeiten, betrachtet der Coach diese zunächst als vorläufig und richtet seine Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Frage, was dieses Ziel eigentlich so erstrebenswert macht. Er hinterfragt das, was er hört, damit der Ratsuchende für sich klären kann, was er selbst wirklich will und was womöglich andere von ihm diesbezüglich erwarten. Dabei ergründet der Ratsuchende, wofür sein Ziel letzten Endes gut sein soll. Beispielsweise kann eine angestrebte Beförderung darauf abzielen, finanziell besser da zu stehen, um sich angesichts einer wachsenden Familie endlich eine größere Wohnung oder ein Haus zu leisten, dahinter kann aber auch die Absicht liegen, endlich die Anerkennung vom strengen Vater zu erhalten und bei einem anderen geht es in Wirklichkeit darum, sich dadurch einem kritischen Kollegen überlegen zu fühlen. Ein zu enger Zielfokus macht blind für bedeutende Fragen, die mit dem gerade formulierten Ziel nicht in Verbindung zu stehen scheinen. Dabei werden wichtige Ziele ignoriert. Kurzzeitziele werden fokussiert und Langzeitziele außer Acht gelassen. Im Beispiel mit dem kurzfristigen Ziel Arabisch zu lernen wurde deutlich, dass dabei Fragen zum Langzeitziel der Familiengestaltung bislang ausgeklammert waren. Oder die Lehrerin, der die aufwendige Unterrichtsvorbereitung zunehmend zum Problem wurde und dabei übersehen hatte, dass sie der übergeordneten Frage ausgewichen war, nämlich: Wie will ich mein Leben gestalten? Obgleich es im Coaching vorzugsweise um Probleme im Kontext des Arbeitslebens geht, richtet der Coach immer wieder die Aufmerksamkeit auf die Gesamtsicht des Lebens, wozu alles gehört, was dem Ratsuchenden wichtig ist. Eine ganzheitliche Betrachtung prüft fortlaufend, wie weit mögliche Nebenwirkungen und Folgen einer Entscheidung berücksichtigt werden. Dazu bettet der Coach das aktuelle Anliegen des Ratsuchenden in dessen Lebenszusammenhang ein und richtet seine Aufmerksamkeit auch auf folgende Fragen: •• Wie gestaltet sich die private Situation? •• Konnte der Ratsuchende seine Ziele von Partnerschaft bereits zufriedenstellend verwirklichen? •• Was macht ihn dort glücklich und welche Hoffnungen und Wünsche gibt es in diesem Bereich? Nr. 16, S. 331 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 195 1958. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen •• Was interessiert und beschäftigt ihn außerhalb seiner Arbeit? •• Gibt es Erwartungen anderer an den Ratsuchenden? (z. B. Partner, Kinder, Angehörige aber auch Sportkameraden, Vereinsmitglieder, Kirche etc.) •• Wie erlebt der Ratsuchende seine gesundheitliche Situation bzw. welchen Stellenwert nimmt seine momentane Gesundheit und mögliche Präventionsmaßnahmen ein? Die Qualität unserer Entscheidungen hängt wesentlich von klaren Zielen ab. Manche haben Mühe mit dem Formulieren eines Lebensziels, weil sie sich lieber kurzfristige Ziele setzen, die leichter zu terminieren, umzusetzen und zu kontrollieren sind. Die langfristigen, hohen vielleicht auch idealistischen Ziele lassen sich ja nicht aus dem Ärmel schütteln. Sich ihrer bewusst zu werden und sie gewissermaßen als Kompass für den eigenen Lebensweg zu nehmen, erfordert eine gedankliche Distanz, um gleichsam von außen auf sein Leben zu schauen. Hier liegen die besonderen Möglichkeiten des Coaching als Reflexionsprozess. Der Coach kann den Ratsuchenden ermuntern, sich Fragen zu stellen, mit denen man üblicherweise nicht direkt konfrontiert wird oder denen man eher ausweicht. Und doch trägt eine Reflexion über diese Themen dazu bei, sich selbst besser zu verstehen und das aktuelle Anliegen im Zusammenhang zur persönlichen Lebensgestaltung und den damit verbundenen Entscheidungen zu sehen. Als hilfreich haben sich Impulse ergeben, die den Ratsuchenden in eine spielerische Frage-Antwort Situation bringen, beispielsweise: •• Was werden Sie erwidern, wenn Ihre Kinder Sie eines Tages fragen, wofür Sie gelebt haben? •• Stellen Sie sich ein Klassentreffen nach 40 Jahren vor und jeder soll erklären, worauf er sein Leben ausgerichtet hat. •• Bei einem Krankenbesuch wird Ihnen die Frage gestellt: „Was erhoffst du dir eigentlich vom Leben?“ •• Wenn Sie eines Tages auf Ihr Leben zurückblicken, was möchten Sie dann erreicht haben? Oder umgekehrt: Was würde Sie traurig machen, wenn Sie es bis dahin noch nicht erreicht haben? •• Es ist natürlich völlig abwegig zu Lebzeiten über seinen Nachruf nachzudenken, und doch haben Sie vielleicht Ideen oder Wünsche, was man eines Tages über Sie sagen oder schreiben soll. Um bei der Formulierung langfristiger Ziele zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu gelangen, ist es hilfreich, wenn sich der Ratsuchende auch seine inneren Stimmen – man spricht auch von inneren Antreibern – vergegenwärtigt. Diese sowohl antreibenden als auch hemmenden inneren Stimmen zeigen sich manchmal sehr klar und bewusst, oftmals aber diffus und versteckt. Je nach Ratsuchendem sind unterschiedliche Stimmen dominant. Neben den fordernden Antreibern: Sei schnell!, Sei perfekt!, Sei stark!, Streng dich an!, Mach es allen recht! gibt es auch hemmende Stimmen, wie: Ich traue mir das nicht zu. – Es wird bestimmt schief gehen. – Meine bisherigen Erfahrungen hindern mich. – Ich kann das nicht, weil ich so etwas noch nie gemacht habe. – Dafür fehlt mir Talent. etc. Diese Treiber und Hemmnisse sind nicht einfach schlecht. Sie verdienen es, mit Respekt und Würde behandelt zu werden. So kann der Ratsuchende im Coaching erfassen, wo seine Entscheidungen bislang unreflektiert durch seine inneren Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 196 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen196 Stimmen beeinflusst werden, und sich in einem nächsten Schritt entscheiden, wo er der inneren Stimme folgen will, weil diese auch sein persönliches Wertesystem widerspiegelt und wo er sich von Gewohnheiten frei macht, z. B.: Ratsuchender: Dieser neue Posten ist verflixt anspruchsvoll und mir darf da natürlich kein Fehler unterlaufen. Von daher ist mir klar, welche Erwartungen ich zu erfüllen habe. Insoweit sind mir meine Ziele nicht nur bewusst sondern auch handlungsleitend. Coach: Ihr Anspruch nicht nur gut, sondern perfekt sein zu wollen, ehrt Sie und die, die Sie befördert haben, werden möglicherweise genau diese Seite an Ihnen besonders schätzen. Ratsuchender: Wohl wahr. Zum Glück habe ich vorher nicht gewusst, was da wirklich auf mich zukommt … (hört mitten im Satz auf. Pause) Na ja, ein Zurück gibt es auf keinen Fall. Coach: Gerade weil Sie trotz der hohen Ansprüche bereits nach vorne schauen, können wir ja mal gemeinsam prüfen, wie viel Sie geben wollen. Ratsuchender: Was heißt hier wollen? Es ist doch mehr eine Frage des Müssens. Also, da mache ich mir nichts vor. Coach: Nun, ich bin überzeugt, dass Sie Ihr Bestes geben werden. (Der Ratsuchende nickt.) Vielleicht gelingt es Ihnen, sich zu erlauben, dass das bereits genug ist. Ratsuchender: Sie meinen, dass ich mir sagen soll: Ich gebe mein Bestes und das reicht. Mm. (Pause) Das ist eine völlig neue Sichtweise. Coach: Das glaube ich sofort. Die Qualität Ihrer Arbeit wird ja nicht leiden, wenn Sie Ihr Bestes geben. Sobald Sie sich erlauben, dass das vollkommen reicht, können Sie nicht nur zufrieden auf Ihre Arbeit blicken, sondern auch etwas abschließen, weil etwas in dem Moment für Sie okay ist und im weiteren Sinne, dass Sie okay sind. Ratsuchender: Das hat was. Denn bislang habe ich auch an fertigen Dingen immer noch etwas gefunden, was sich verbessern ließ. Vielleicht könnte ich tatsächlich entspannter an manches gehen … Statt dem Ratsuchenden den wohlmeinenden Vorschlag zu geben, doch mal fünfe grade sein zu lassen, wird zunächst der Antreiber „Sei perfekt!“ gewürdigt, um in einem nächsten Schritt zu prüfen, was der Ratsuchende selbst geben will. Daraus kann dann die Erkenntnis erwachsen, dass der Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung nicht nur durch perfekte Leistung verdient wird, sondern auch, wenn man sein Bestes gibt, und nicht noch mehr. Im Idealfall erlaubt sich der Ratsuchende sich für okay, oder liebenswert zu halten, so wie er ist. Im Nachdenken über die eigenen Ziele, passiert es nur zu leicht, sich im Kreis zu drehen bzw. bestimmte Möglichkeiten von vornherein auszuschließen. Der Coach als Wegbegleiter fragt ja nicht aus eigenem Interesse, sondern fragt stell vertretend und bringt den Ratsuchenden immer wieder dazu, etwas auf neue Weise zu betrachten oder anders zu gewichten. Am Ende dieses Kapitel erhalten Sie wieder die Möglichkeit, anhand eines weiteren Beratungsgesprächs das bislang Gelernte anzuwenden. Die Ratsuchende ist freiberufliche Trainerin und bat um ein Coaching-Gespräch, um das Durcheinander in ihrem beruflichen Leben neu zu ordnen. Wir blenden uns etwa zehn Minuten nach Beginn der Sitzung ein: Nr. 13 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 197 1978. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Coach: Sie haben mir jetzt ausführlich geschildert, was Ihnen mit dem Personalleiter widerfahren ist und wie Sie dort behandelt wurden. Mir ist bislang nicht deutlich geworden, was Ihr Ziel ist, worauf Sie hinaus wollen und wie Sie es gern hätten. Ratsuchende: Das ist doch eigentlich klar: Ich muss zusehen, dass ich die Anforderungen von Herrn Schacht irgendwie erfülle. Was bleibt mir auch anderes übrig? Welche verschleiernden Formulierungen fallen Ihnen auf? Welcher negativen Suggestion sitzt die Ratsuchende auf? Es macht einen Unterschied, ob etwas klar ist oder doch eigentlich klar. Mit der negativen Suggestion ich muss wird der Ring der Verantwortung weit weggeschoben, folglich werden die Anforderungen auch nur irgendwie erfüllt. Indem die Ratsuchende behauptet, dass ihr nichts anderes übrig bleibe, bringt sie sich in eine Zwangslage und erlebt sich als reagierend, ja ausgeliefert. Coach (lachend): Das sieht aber gar nicht nach einem Ziel aus. Sie scheinen da eher notgedrungen zu handeln und beschreiben sich als völlig reaktiv. Ratsuchende: Da ist was dran. Die Vorschriften des Vertrages erlauben mir zwar einen großen Spielraum und letztlich bin ich im Recht. Aber was hilft mir das?! Wenn es hart auf hart kommt, dann schau ich in die Röhre, weil der Vertrag nicht verlängert wird und ich dann raus bin. Wie gelingt es der Ratsuchenden, einer Zielformulierung auszuweichen? Die Ratsuchende skizziert eine Horrorvision in Form einer Tatsachenbehauptung und flüchtet in die Opferrolle. Eine Zielformulierung ohne Eigenverantwortung ist abwegig. Coach: Sie malen sich bereits das Horrorszenario aus, das Sie erwartet, wenn Sie seinen Ansprüchen nicht nachkommen. Und um dieser Schreckensvision zu entgehen, basteln Sie an einer Konstruktion, die Ihnen weitere Vorwürfe erspart. Ratsuchende: Offensichtlich habe ich mich da völlig verfangen. Man muss allerdings beachten, dass ich mit dieser Firma fast 30 % meines Umsatzes mache. Die zu verlieren, ist ja nun nicht gerade eine attraktive Perspektive. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 198 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen198 Wie ist die Problemsicht der Ratsuchenden? In welche Falle könnte der Coach tappen? Indem konkrete Zahlen angeführt werden (30 % Umsatz) bekommt die Behauptung etwas scheinbar Objektives, was so nachvollziehbar klingt, dass man als Coach womöglich Mitleid für die Ausweglosigkeit empfindet, in der die Ratsuchende steckt. Vordergründig entsteht das Zielbild, der Kunde muss um jeden Preis zufrieden gestellt werden, weil die Ratsuchende sonst pleite geht. Prompt verführt dies dazu, Lösungen zu entwickeln, um dieses Ziel zu erreichen. Doch solange die erste der vier Zielregeln missachtet wird (Damit aus einem Wunsch ein Ziel wird, muss die Eigenverantwortung und Erreichbarkeit geklärt sein), können wir an dieser Stelle nicht weitermachen. Coach: Solange Sie auf das blicken, was Ihnen dann fehlt, schaut es in der Tat grässlich aus. Allerdings hatten Sie vorhin angedeutet, dass es Ihnen wirtschaftlich ausgezeichnet geht. Dass Sie kaum die Nachfrage stillen können, ja dass Sie bereits mehrere Unteraufträge vergeben mussten, um nicht in der Arbeit unterzugehen. Beschreiben Sie doch einmal Ihr Leben, wenn es diesen Kunden nicht mehr geben würde. Ratsuchende: (denkt längere Zeit nach und fährt lächelnd fort) Wenn man mal von den innerfamiliären Spannungen absieht, hätte ich plötzlich wieder Zeit. Ich könnte stärker konzeptionell arbeiten und auch mal die Dinge machen, die mir wirklich Spaß bringen. Wodurch schränkt die Ratsuchende den möglichen Nutzen ein? Welche Nebenwirkungen könnte der Coach überhören? Das unscheinbare wenn man mal absieht lässt die innerfamiliären Spannungen nicht so ins Gewicht fallen. Prompt könnte der Coach versucht sein, die positiven Aspekte zu vertiefen, um der Ratsuchenden die Attraktivität der beschriebenen Möglichkeiten noch mehr zu verdeutlichen. Das mag für den Moment funktionieren, um später doch wieder ausgepackt zu werden, nach dem Motto das ist ja alles schön und gut, aber Sie kennen meinen Mann nicht … In der Konsequenz bedeutet dies, problembehaftete Formulierungen grundsätzlich zu beachten und diese in jedem Fall anzusprechen, wenn diese eingehüllt oder gar nebensächlich erscheinen. Coach: Das Innerfamiliäre kommt noch hinzu. Ratsuchende: Na ja, irgendwie hat mein Mann die ständige Sorge, dass das Geld nicht reichen könnte. Ich verdiene ja für uns beide. Wobei ich nicht ungerecht sein will, er ist mir eine große Hilfe in der Buchhaltung und mit dem Computer. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 199 1998. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Welcher innere Antreiber kommt hier zum Tragen? Wo ist der Ring der Verantwortung gelandet? Die Ratsuchende beschreibt sich erneut als Getriebene, die für andere da zu sein hat, gemäß dem Antreiber: Mach es allen recht! Hier kommt das destruktive Muster, sich bevorzugt in die Opferrolle zu begeben, erneut zum Einsatz. Und wer ist dafür verantwortlich? Natürlich die anderen … Coach (lachend): Sie zeigen sich von einer ausgesprochen pflegeleichten Seite. Wenn Ihnen Herr Schacht Vorwürfe macht, sind Sie umgehend bemüht, es ihm recht zu machen, obgleich sie seine Ansprüche als völlig unberechtigt betrachten. Und Ihr Mann hat auch ein leichtes Spiel, wenn er seine finanziellen Sorgen ausmalt. Prompt lassen Sie sich vor den Karren spannen. Ratsuchende: Das ist ja furchtbar! So will ich überhaupt nicht sein. Wieso mache ich das? Wodurch schränkt die Ratsuchende den möglichen Nutzen ein? Welche Nebenwirkungen könnte der Coach überhören? Mit dem Negativ-Ziel (So will ich überhaupt nicht sein) kommt die Ratsuchende noch keinen Schritt weiter, außer dass sie über sich entsetzt ist. Ihre naheliegende Frage zeigt, wie sehr sie darum ringt, sich selbst verstehen zu wollen. Natürlich wird der Coach sich hüten, ihr seine Interpretation zu präsentieren, stattdessen kann er die Ratsuchende behutsam auf Unstimmigkeiten hinweisen, die sich aus ihren bisherigen Aussagen ergeben. Coach: Ich war vorhin überrascht, wie positiv, geradezu respektvoll Sie über Herrn Schacht gesprochen haben, obgleich Sie sich über seine unberechtigten Angriffe in der letzten Woche fürchterlich geärgert hatten und … Ratsuchende: (unterbricht): Stimmt! Ich glaub’ das liegt daran, dass ich diesen Mann schon lange Zeit irgendwie bewundere. Er ist so souverän, so klar in seiner Gesprächsführung und auch so engagiert … Wie erklärt sich die Ratsuchende ihre Situation? Welche Rolle spielt dabei ihr innerer Antreiber? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 200 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen200 Die Ratsuchende geht der Frage nach, was sie dazu bringt, ihren Ärger herunterzuschlucken und erkennt, dass Bewunderung jeglichem negativen Gefühl einen Riegel vorschiebt, nach dem Motto: Wer sich so verhält, ist über jeden Zweifel erhaben, so jemanden kann man nur bestaunen. Und wenn man so einem Menschen alles recht macht, fällt ein wenig von dessen Glanz auf einen ab. Coach: Geradezu perfekt! Bislang haben Sie sich seine Wünsche zu eigen gemacht und dabei gar nicht gemerkt, dass Sie sich selbst dabei ausnutzen. Allerdings scheint er diesmal überzogen zu haben. Ihr Ärger über ihn lässt Sie das Geschehen ganz neu betrachten. (Die Ratsuchende denkt nach, schweigt und schüttelt langsam den Kopf.) Sie werden gerade ganz nachdenklich. Ratsuchende: Ja, ich gestehe mir gerade ein, dass ich über Vieles hinweggesehen habe. Wenn ich’s genau überdenke, dann ist er alles andere als souverän, ganz im Gegenteil – eher kleinkariert. Außerdem mangelt es ihm schon lange an engagiertem Interesse. Nichts von meinen bisherigen Vorschlägen ist auch nur ansatzweise umgesetzt. Der ist so mit sich beschäftigt und im Grunde zur Zeit völlig überfordert. Statt das Problem in seiner Firma auch nur halbwegs zu meistern, lenkt er auf einen Nebenschauplatz ab und flickt mir am Zeug. Wo befindet sich der Ring der Verantwortung? Auf welche Ebene könnte sich das Gespräch verlagern? Die Ratsuchende beginnt Verantwortung zu übernehmen (habe über Vieles hinweggesehen) und erlaubt sich, ihren Kunden völlig neu zu sehen. Dabei hagelt es nur so an negativen Bewertungen, ohne dass die Ratsuchende darüber nachdenkt, was sie denn bislang dazu gebracht hat, alle diese Kritikpunkte zurückzustellen. Würde der Coach auf die Ebene Äußeres/Andere einsteigen, könnte die Ratsuchende vermutlich noch viele Beispiele bringen wo und wie ihr am Zeug geflickt wird und flüssig weitersprechen, ohne sich jedoch ihrem eigentlichen Anliegen zu nähern. Stattdessen geht der Coach auf ihr aktuelles Erleben ein und schiebt so den Ring der Verantwortung wieder zur Ratsuchenden. Coach: Mit einem Mal können Sie das Ganze aus einer großen Distanz sehen. Was ist nun Ihr eigentliches Ziel? Ratsuchende: Verrückt, aber mir geht gerade ein ganzer Kronleuchter auf. Ich will endlich ernst genommen werden, das ist es. (Pause) Ich mache mich lächerlich, wenn ich mich an die Forderungen anderer Leute anpasse, die mich offensichtlich nicht ernst nehmen wollen oder können. Mal ganz abgesehen davon, dass die sich ja selbst nicht ernst nehmen. Ich weiß, dass ich einen guten Job mache. Und darauf kommt es an. Und wenn denen meine Nase nicht passt, okay – dann müssen wir darüber reden. Aber deswegen lasse ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 201 2018. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Was fehlt der Zielbeschreibung? Wie lässt sich die Äußerung positiv umformulieren? Der Wunsch ich will ernst genommen werden ist zwar positiv, vergleichsfrei und absolut, mag auch eine gewisse Attraktivität haben, ist aber noch nicht überprüfbar formuliert. Denn woran merkt die Ratsuchende, dass sie ihr Ziel erreicht hat? Durch die negativen Formulierungen wissen wir zwar, dass sie sich nicht ins Bockshorn jagen lassen will und dass sie meint, sich lächerlich zu machen, wenn sie sich an Forderungen von Menschen anpasst, die sie nicht ernst nehmen, doch fehlt uns noch, worauf sie konkret, eben positiv abzielt. Beim Zuhören kann der Coach im Geiste umformulieren und abgleichen, ob folgender Gedanke stimmig ist: Ich verhalte mich so, dass andere Menschen mich ernst nehmen. Dazu nehme ich mich ab sofort selbst ernst. Das wird dazu führen, dass ich mich nur noch mit Forderungen anderer Leute auseinandersetze, von denen ich mich respektiert fühle. Der Coach achtet immer wieder darauf, den Ring der Verantwortung zur Ratsuchenden zu schieben. Dazu erlaubt er sich eine liebevolle Provokation: Coach: Und da fangen Sie vermutlich bei sich an. Ratsuchende: Wie soll ich das verstehen? Coach: Ich vermute, Sie werden sich als erstes selbst nicht länger ins Bockshorn jagen, indem Sie sich selbst ernst nehmen. Ratsuchende: Das sitzt! (Pause) Ich jage mich ins Bockshorn. Das ist ja total verrückt! Nicht Herr Schacht macht etwas mit mir, sondern ich lasse mit mir machen. Das ist schon der zweite Kronleuchter. Allmählich kapiere ich, was hier gespielt wird – nein, was ich hier spiele. Dann heißt mein Ziel, ich werde mich selbst ernst nehmen. Da muss ich dann aber ganz konkret ran und mir Rechenschaft ablegen, wann genau, mit wem, wie viel Toleranz ich einräume will und wo ich mir aus Konfliktscheu in die Tasche lüge. Da habe ich noch ein ganzes Stück Arbeit vor mir. Ist das Ziel widerspruchsfrei und sind mögliche Nebenwirkungen erfasst? Welche Arbeit muss die Ratsuchende jetzt leisten? Coach: Sie sehen im Moment sehr energisch aus. Ratsuchende: Stimmt! Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Ich habe viel zu lange vergessen, mich zu fragen, was ich will. Vor lauter Blickrichtung auf die anderen und deren verborgene Wünsche, bin ich so beschäftigt es allen recht zu machen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie unzufrieden ich bin. Ich habe immer gedacht, meine Erschöpfung kommt von der vielen Arbeit. Aber mir ist gerade klar geworden, dass ich mir da etwas vorgemacht habe. Meine Erschöpfung kommt von der permanenten Unzufriedenheit, Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 202 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen202 es pausenlos allen recht machen zu wollen und mich selbst dabei völlig aus den Augen zu verlieren. Wie erklärt die Ratsuchende ihre Situation? In welche Falle könnte der Coach tappen? Bei aller Selbsterkenntnis der Ratsuchenden besteht die Gefahr, dass sie ihren bisherigen Kurs zu abrupt wechselt. Ihre Gewohnheit es allen recht machen zu wollen, mag ein tradiertes Lebensmuster sein, das sie möglicherweise schon ein ganzes Leben begleitet. Mit diesem Muster hat sie jedoch bislang gelebt und all das erreicht, was sie ausmacht. Es gehört auch zur Reflexion über Ziele, mit der Ratsuchenden zu prüfen, welchen Nutzen ihr der Antreiber „Mach es allen recht!“ bisher gebracht hat. Statt die Ratsuchende zu ermuntern, ihr bisheriges Verhaltensmuster aufzugeben, fokussiert der Coach die positiven Aspekte. Coach: Ihr Wunsch, es allen recht zu machen, hat Sie zwar fürchterlich unzufrieden gemacht und war vermutlich irgendwie auch zielführend für etwas anderes. Ratsuchende: (Schluckt, greift zum Taschentuch) Ich glaube, ich wollte einfach nur geliebt werden. Das war schon ganz früher so, als kleines Mädchen und später war das ganz automatisch. Eben auch im Beruf. Ich habe mich deswegen manchmal unausstehlich gefunden. Und jetzt wird mir klar, dass mich doch keiner ernst nimmt, wenn ich mich selbst bescheuert finde. Wie auch? Vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus. Wenn ich mit mir anders umgehe, bleibt den anderen gar nichts anderes übrig, als mich zu respektieren. Coach: Welche Taten wollen Sie dieser Einsicht folgen lassen? Ratsuchende (lacht): Zunächst geht es ja in den Urlaub. Allerdings hatte ich bis vor einer Stunde geglaubt, ich brauche den Urlaub, um mich zu erholen, um Energie aufzutanken. Jetzt sieht es plötzlich ganz anders aus. Die Energie ist bereits da. Das gibt natürlich einen ganz anderen Urlaub. Und ich werde nachher gleich mit meinem Mann reden. Ich bin sicher, dass wir uns einig werden, dass der mögliche Verlust dieses Kunden unter‘m Strich einen Gewinn für unsere gemeinsame Zukunft darstellen wird. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 203 2038. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen Zusammenfassung Damit Sie dem Ratsuchenden helfen können, sich zielgerecht auszudrücken, habe ich Sie mit den 4 Ziel-Regeln vertraut gemacht: 1. Damit aus einem Wunsch ein Ziel wird, muss die Eigenverantwortung und Erreichbarkeit geklärt sein. 2. Damit Ziele zum Handeln motivieren, müssen sie positiv, vergleichsfrei, absolut, konkret und attraktiv formuliert sein. 3. Damit Ziele erreichbar sind, muss klar sein, wie der Erfolg kontrolliert bzw. das Ergebnis gemessen wird. 4. Damit Ziele widerspruchsfrei sind, müssen mögliche Nebenwirkungen und Folgen der Zielerreichung erfasst werden. Um mögliche Nebenwirkungen und Folgen einer Entscheidung berücksichtigen zu können, bettet der Coach das aktuelle Anliegen des Ratsuchenden in dessen Lebenszusammenhang ein. Dazu richtet der Coach seine Aufmerksamkeit auf die Gesamtsicht des Lebens, wozu alles gehört, was dem Ratsuchenden wichtig ist. Sie konnten lernen, die Ziele des Ratsuchenden so zu hinterfragen, dass deutlich wird, was seine eigenen Ziele sind und was er – meist unbewusst – glaubt erreichen zu müssen, weil andere das von ihm erwarten. Dafür haben Sie die Bedeutung der inneren Antreiber erfahren. Neben den fordernden Antreibern: •• Sei schnell! •• Sei perfekt! •• Sei stark! •• Streng dich an! •• Mach es allen recht! haben Sie auch die hemmenden Stimmen kennen gelernt wie: Ich traue mir das nicht zu. Dafür fehlt mir Talent. Ich habe nur schlecht Erfahrungen gemacht, darum weiß ich das es nicht klappt. Es wird bestimmt schief gehen. Ich habe das noch nie gemacht, also kann ich das nicht. Durch die Zielklärung kann der Ratsuchende entscheiden, wo er seinen inneren Stimmen folgen will und wo er sich von unreflektierten Gewohnheiten freimachen möchte. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 204 8. Die Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen204 Ehe Sie am Ende dieses Kapitels wieder reflektieren, wo Sie gerade stehen, rege ich an, dass Sie zunächst nachlesen, was Ihnen nach den beiden vorangegangenen Kapiteln jeweils notierenswert erschien. Mir wichtige Erkenntnisse/Punkte: Was fiel mir leicht? Was fiel mir schwer? Was will ich besonders üben?

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References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.