1. Kapitel: Die eigene Grundhaltung erkennen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 10 - 22

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_10

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 1 1. Die eigene Grundhaltung erkennen Wer schnell zur Sache kommen möchte und sich Übungen zu konkreten Gesprächstechniken erhofft, mag gleich zum nächsten Kapitel springen. Wollen Sie jedoch unbeeinflusst von aller weiteren Lektüre zunächst einmal herausfinden, wo Sie gerade stehen, können Sie in den nächsten zwanzig Minuten eine Art Bestandsaufnahme vornehmen. Denn ehe wir uns einzelnen Methoden zuwenden, kann es ausgesprochen erhellend sein, sich darüber klar zu werden, aus welcher Grundhaltung man einem anderen beratend zur Seite steht. Was wie ein unnötiger Umweg erscheinen mag, wird sich im weiteren Verlauf als Abkürzung entpuppen, weil Ihnen das Wissen um Ihren persönlichen Standpunkt, um Ihre eigene Haltung die Augen öffnet. Sie erfassen, warum Ihnen manche Vorgehensweise geradezu geläufig vorkommt, während andere Interventionen eher mühsam sind. Im Folgenden habe ich für Sie einen kleinen Test zusammengestellt. Wer die „Professionelle Gesprächsführung“ gelesen hat, wird vielleicht schmunzelnd sagen: Kenne ich. Das mag dazu führen, die folgenden Seiten zu überspringen oder sich erneut zu prüfen, wie weit Gesprächssituationen aus dem Kontext von Coaching und Beratung ganz andere Reaktionen nach sich ziehen. Sie finden im Folgenden zehn Gesprächsanfänge, wie sie so oder ähnlich im Beratungsalltag vorkommen. Dabei lässt sich herausfinden, ob es für Sie eher eine typische Tendenz gibt, auf Ratsuchende zu reagieren oder ob Sie von Fall zu Fall verschieden antworten. Zu jeder Einstiegsäußerung des Ratsuchenden finden Sie sechs unterschiedliche Gesprächsreaktionen formuliert, die jede für sich genommen das Gespräch in eine bestimmte Richtung führen kann. Wenn Sie sich die sechs Äußerungen durchgelesen haben, kreuzen Sie bitte die Antwort an, die Ihrer eigenen Reaktion am ehesten entspricht. Sollte Ihnen gar keine Äußerung gefallen – was bei der Vielzahl der individuellen Möglichkeiten durchaus der Fall sein kann – so kreuzen Sie einfach die Erwiderung an, die Ihnen am ehesten gefällt. Wenn Sie die Antworten spontan ankreuzen, werden Sie kaum mehr als zwanzig Minuten benötigen. Im Anschluss daran finden Sie eine Anleitung, wie Sie diesen Test selbst auswerten können. 1. Die eigene Grundhaltung erkennen Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 2 1. Die eigene Grundhaltung erkennen2 Gesprächsausschnitt Fall 1 Der Ratsuchende, 37 Jahre, arbeitet seit 5 Jahren in der Entwicklung eines pharmazeutischen Unternehmens. Sein Coachinganliegen gründet in der Unzufriedenheit mit seiner bisherigen beruflichen Entwicklung. Wir hatten ja beim letzten Mal herausgearbeitet, wie ich mich gezielt für die freiwerdende Stelle positionieren könnte. Aber von wegen, Pustekuchen! Ich habe über den ,Buschfunk‘ erfahren, dass man bereits jemanden hat, der von außen kommt. Das war’s dann wohl. Ihre Antwort 1. Nun mal langsam! Was genau konnten Sie in Erfahrung bringen? Ehe Sie die Flinte ins Korn werfen, wäre es schon wichtig zu prüfen, wer genau von außen kommen soll. Welche besondere Qualifikation hat der Bewerber? Wer hat ein Interesse an diesem Menschen? Gibt es womöglich Beziehungen aus früheren Tagen? 2. Das ist in der Tat unfair, wenn die eigenen, engagierten Mitarbeiter vor den Kopf gestoßen werden. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet für diese Stelle jemand von außerhalb genommen werden soll. 3. Nun machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist jetzt Ihre erste frustrierende Erfahrung auf dem Weg nach oben, das gehört nun mal dazu. Am Ende werden Sie dorthin gelangen, wohin es Sie wirklich zieht, da bin ich ganz sicher. 4. Das ist wirklich schade, aber vielleicht waren Sie einfach zu spät, sich eindeutig zu positionieren. Oder Ihr Chef hat einfach nicht erkennen können, dass Sie es wirklich ernst meinen. Schließlich sieht er in Ihnen einen begabten Entwickler und hat womöglich noch gar nicht in Betracht gezogen, dass Sie sich selbst auch gern entwickeln möchten. 5. Im Gegenteil! Sie bekommen gerade eine Steilvorlage, Ihrem Chef zu vermitteln, dass Sie fest damit gerechnet hatten, auf diese Position befördert zu werden. Das bringt ihn zwangsläufig in die Lage, sich aktiv nach einer Alternative umzusehen. 6. Oh, wie enttäuschend. Sie klingen irgendwie resigniert, so als ob nun alles aus und vorbei ist. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 3 31. Die eigene Grundhaltung erkennen Gesprächsausschnitt Fall 2 Die Ratsuchende, 31 Jahre, arbeitet seit 3 Jahren im Vertrieb eines Kosmetikunternehmens. Ihr wurde von einer Kollegin geraten, für ein aktuelles Problem einen Coach aufzusuchen. So, jetzt habe ich Ihnen geschildert, was ich bislang gemacht habe und wie ich damit klar komme. Und nun kommt mein eigentliches Problem: Neulich hat mich meine Chefin beim Mittagessen damit überrascht, dass wir eine Niederlassung in Moskau planen und dass es für mich, weil ich Russisch kann, eine tolle Chance wäre, wenn ich dort die Leitung übernehme. Ich solle mir das einfach mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und ihr nächsten Montag Bescheid geben. Ihre Antwort 1. Das ist in der Tat eine großartige Chance und auch ein enormer Vertrauensbeweis, Ihnen die Leitung der russischen Niederlassung anzuvertrauen. Gratulation! Sie können wirklich stolz sein, wie sehr man Ihre Fähigkeiten einzuschätzen weiß. 2. Russland ist fürwahr nicht Deutschland und ich kann Ihr Zögern gut nachvollziehen, wer weiß, ob und wann Sie je wieder zurück kommen. Bei solchen Auslandseinsätzen gilt es zu prüfen, ob hier nur jemand Dummes gesucht wird, oder ob es sich wirklich um eine Entwicklungschance handelt. Die Tatsache, dass Ihre Vorgesetzte auf Ihre Russischkenntnisse anspielt, deutet auf Ersteres hin. 3. Sie sagen, dass dieses Angebot eigentlich ein Problem darstellt, das hört sich so an, als ob Ihnen das überhaupt nicht passt. Wobei ich nicht weiß, ob zur Zeit oder ganz grundsätzlich. 4. Mal der Reihe nach: Was genau sollen Sie dort machen? Denn bevor Sie Ihrer Chefin grünes Licht geben, sollten Sie sehr genau erfragen, was von Ihnen erwartet wird, an welchen Zeitraum man denkt, was man anschließend mit Ihnen plant und vielleicht bekommen Sie auch heraus, was passiert, wenn Sie dieses Angebot nicht annehmen. 5. Gerade weil Ihnen dieses Angebot beim Mittagessen, also ziemlich informell zugetragen wurde, sollten Sie ganz entspannt an die Sache gehen. Wie heißt es doch so schön: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. 6. Sie sollten Ihre Vorgesetzte um ein schriftliches Angebot bitten, damit Sie etwas Konkretes in Händen halten. Alternativ können Sie einfach mal herumhören, wie es den Kollegen in anderen Auslandsniederlassungen geht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 4 1. Die eigene Grundhaltung erkennen4 Gesprächsausschnitt Fall 3 Der Ratsuchende, 53 Jahre, ist in einem internationalen Unternehmen Geschäftsführer für einen deutschen Standort. Er hat das Coaching aufgesucht, weil er in seiner Position kaum noch Gelegenheit hat, sich auszutauschen. Ich muss erst einmal Dampf ablassen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich mir gestern alles habe anhören müssen. Da meint doch der B. H. Lewis, ich hätte keine Ahnung von Führung, ich wäre viel zu sanft, würde meine Leute mit Samthandschuhen anfassen und hätte nur nicht den Mumm, mal so richtig den großen Hammer auszupacken. Dabei interessiert ihn überhaupt nicht, wie wir in Deutschland tatsächlich arbeiten und auch arbeiten müssen. Er kennt nur seinen Cowboystil und der ist für ihn allein seligmachend. Ihre Antwort 1. Wenn es ihn überhaupt nicht interessiert, wie Sie arbeiten und wohl auch von den Vorschriften her arbeiten müssen, dann ist es Ihnen bislang wohl nicht gelungen, ihm diesbezüglich die Augen zu öffnen. 2. Sie fühlen sich völlig ungerecht behandelt und mit Vorwürfen bedacht, denen Sie sich geradezu hilflos ausgeliefert sehen. 3. Was genau würde er anders machen? Wieweit haben Sie sich beschreiben lassen, welche konkreten Maßnahmen in seinen Augen zielführend wären? 4. So wie Sie das schildern, ist die Atmosphäre zwischen Ihnen und B. H. Lewis derma- ßen vergiftet, dass Sie da aus eigener Kraft kaum herauskommen. Am besten nehmen Sie Kontakt zu John Bush auf und fragen ihn, was er empfiehlt. Erfahrungsgemäß wird er mit B. H. Lewis ein ernstes Wort reden. 5. Das ist wirklich schlimm, wie sich die Situation bei Ihnen zugespitzt hat. Sie haben sich doch nun wirklich in einzigartiger Weise ins Zeug gelegt und dann das. Derartige Pauschalvorwürfe sind doch alles andere als hilfreich. Ich verstehe nicht, wohin das führen soll. 6. So unangenehm derartige Vorwürfe sind, so wichtig ist es auch, zu unterscheiden, was sich gegen Ihre Person richtet und was einfach das Ergebnis der schlechten Laune Ihres Chefs ist. Nüchtern betrachtet sind diese Vorwürfe doch haltlos und resultieren aus dem Druck, dem sich B. H. Lewis ausgesetzt sieht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 5 51. Die eigene Grundhaltung erkennen Gesprächsausschnitt Fall 4 Die Ratsuchende, 39 Jahre, ist stellvertretende Abteilungsleiterin in der Auftragsabwicklung eines Automobilzulieferers. Das Coaching soll der Klärung Ihrer Rolle in der Arbeit mit Kunden, Kollegen und Vorgesetzten dienen. Ich glaube, ich bin viel zu gutmütig. Gestern war wieder so ein Beispiel. Da rief eine Kundin an und hatte noch tausend Zusatzwünsche, natürlich alle unentgeltlich, versteht sich. Als ich sie dann mal vorsichtig darauf hingewiesen habe, dass wir einen Rahmenvertrag hätten und es irgendwo auch Grenzen gebe, da hat sie schallend gelacht. Sie hat einfach behauptet, sie sei sich sicher, dass der Vertrag ihre Wünsche komplett abdecke und sie würde sich niemals erlauben, Grenzen zu überschreiten. Da ist man doch sprachlos, oder? Ihre Antwort 1. Solche Kunden gehören leider auch zum Alltag. Lohnt es wirklich, sich über Mensch aufzuregen, die wir beim besten Willen nicht ändern können? 2. Es gibt durchaus Wege, in ausgesprochen wertschätzender Form den Mehraufwand geltend zu machen. Beispielsweise können Sie ganz ruhig erklären, dass Sie gern bereit sind, diesem oder jenem Wunsch zu entsprechen und die dabei entstehenden Mehrkosten auf der üblichen Rechnung gesondert ausweisen. 3. Sie sagten zwar, dass Sie sprachlos waren, aber was genau haben Sie tatsächlich gesagt? Ich meine, was hat die Kundin letztlich aus diesem Telefonat mitgenommen? 4. Sie fühlen sich überrumpelt und ausgenutzt und vermuten, dass es an Ihrer Gutmütigkeit liegt, sich nicht recht wehren zu können. 5. Sie laden in gewisser Weise die Kundin zu ihrer Reaktion ein. Ihre liebenswürdig zurückhaltende Art wird nur zu leicht missverstanden als Zu- und Einverständnis. 6. Es ist erschreckend, wie dieser anmaßende Stil um sich greift. Man bekommt geradezu entwertend vermittelt, dass der andere über einen verfügen dürfe. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 6 1. Die eigene Grundhaltung erkennen6 Gesprächsausschnitt Fall 5 Die Ratsuchende, 41 Jahre, überlegt nach zehn Jahren Erziehungsurlaub in ihren alten Beruf zurückzukehren. Ich bin ja nun schon zehn Jahre raus, das ist eine verdammt lange Zeit. Also, da hat sich ja auch wahnsinnig viel verändert, ich weiß nicht, ob ich da noch den Anschluss finde. Ich habe mich ja all die Jahre auch nicht auf dem Laufenden gehalten, – wie auch bei drei Kindern?! Andererseits ist absehbar, dass meine Rolle als Mutter von Jahr zu Jahr an Bedeutung abnimmt. Ihre Antwort 1. Wie war denn Ihre Tätigkeit, bevor Sie in den Erziehungsurlaub gingen? Also, was daran hat Ihnen besonders gefallen? Und was würden Sie gern bei einer zukünftigen Beschäftigung anders haben wollen? 2. Wenn Sie sich in den vergangenen Jahren gar nicht um die Entwicklungen in Ihrem bisherigen Beruf gekümmert haben, mag das auch daran liegen, dass Ihr Herz nicht so ganz dafür schlägt. Vielleicht ist das auch ein Hinweis, einmal in ganz andere Richtungen zu schauen. 3. Einerseits machen Sie sich Sorgen, wie Sie möglichen beruflichen Anforderungen gerecht werden können, andererseits bedrückt Sie auch die Vorstellung, wie sich Ihre bisherige Familiensituation ohnehin verändert. 4. Da gibt es doch das neue Förderprogramm ,Ü-40 für Akademikerinnen’, das käme für Sie genau in Frage. Sie würden Zeit gewinnen hinsichtlich Ihrer endgültigen Entscheidung, wo Sie letztlich arbeiten und Sie würden Ihren Wert als gestandene Frau noch einmal ganz neu erleben, was Ihnen bei künftigen Bewerbungen helfen kann. 5. Da sollten Sie sich nicht zu sehr den Kopf zerbrechen. Aber die meisten Frauen, die nach der Familienphase wieder arbeiten, sind ganz überrascht, wie schnell und reibungslos der Wechsel vonstatten geht. Im Gegenteil, viele Unternehmen sehen die großen Vorteile, die sie mit ihren Ü-Vierzigerinnen haben. 6. Das ist gut, dass Sie einen sehr realistischen Blick auf Ihre Zukunft werfen. Denn jetzt, mit 41 Jahren, sind Sie ausgesprochen attraktiv für Arbeitgeber. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nur Ihnen gut tun wird, Anerkennung außerhalb der Familie zu bekommen, auch Ihre Familie wird davon profitieren, Sie verändert zu erleben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 7 71. Die eigene Grundhaltung erkennen Gesprächsausschnitt Fall 6 Der Ratsuchende, 38 Jahre, arbeitet seit sechs Jahren im Rechenzentrum einer Versicherung. Ihm wurde von seinem Vorgesetzten ein Seminar über Zeitmanagement empfohlen, weil er wiederholt Schwächen in seiner Arbeitsorganisation gezeigt hat. Er möchte gern im Coaching klären, ob die Ursachen nicht an ganz anderer Stelle liegen könnten. Ich hatte ja schon am Telefon angedeutet, dass mir gerade alles irgendwie zu viel wird. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Vielleicht ist es tatsächlich eine Frage effektiven Zeitmanagements, so sieht es wenigstens mein Chef – aber man muss auch sehen, dass die Arbeitsbelastung extrem zunimmt. Ihre Antwort 1. Gerade weil die Arbeitsbelastung allenthalben zunimmt, ist ein effektives Zeitmanagement das A und O. Insoweit erscheint mir ein Zeitmanagementseminar grundsätzlich empfehlenswert, damit Sie alle Möglichkeiten optimaler Organisation nutzen. 2. Es ist gut, dass Sie sich der Einschätzung Ihres Vorgesetzten nicht unreflektiert anschließen. Wenn wir herausfinden wollen, woran es wirklich liegt, dass Ihnen derzeit alles über den Kopf wächst, ist es wichtig, dass Sie sich von Fremdbeurteilungen freimachen. 3. Mit der Interpretation Ihres Vorgesetzten fühlen Sie sich in eine falsche Schublade gesteckt und haben den Eindruck, dass die Belastungen, denen Sie täglich ausgesetzt sind, völlig ausgeklammert bleiben. 4. Es mag Sie zunächst entlasten, dass ich daran nichts Außergewöhnliches finde. Das geht zur Zeit vielen Kollegen so, dass ihnen irgendwie alles zu viel wird. Oftmals hilft ein verbessertes Zeitmanagement, wobei es grundsätzlich nichts schadet, die eigenen Prozesse kritisch zu hinterfragen. 5. Was sind das für Situationen, in denen Sie gar nicht mehr wissen, wo Ihnen der Kopf steht? Wodurch unterscheiden sich diese Aufgaben von Arbeiten, bei denen Ihnen nicht alles zu viel wird? 6. Wenn Sie von extremer Arbeitsbelastung sprechen und andeuten, dass Ihnen alles über den Kopf wächst, kann das auch daran liegen, dass sich Ihre Arbeitsmotivation im Laufe der Zeit geändert hat. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 8 1. Die eigene Grundhaltung erkennen8 Gesprächsausschnitt Fall 7 Der Ratsuchende, 43 Jahre, arbeitet seit acht Jahren freiberuflich in einer Unternehmensberatung. Vielleicht können Sie mir bei einer Entscheidung helfen. Mir wurden zwei sehr unterschiedliche Projekte angetragen, die blöderweise beide gleichzeitig laufen. Ich muss mich also entscheiden, welches von beiden ich mache. Das eine ist vom Arbeitsaufwand gut überschaubar, das könnte ich in etwa 6 Monaten abhandeln und mir bliebe endlich mal wieder genügend Freizeit. Und vom Aufgabenspektrum her wäre es wirklich reizvoll – allerdings, und das ist der Pferdefuß, wird es nicht sonderlich gut bezahlt. Beim anderen Projekt ist es genau umgekehrt: Der Arbeitsaufwand ist tierisch hoch. Ich schätze mal, dass ich mindestens 10–12 Monate rechnen muss. Die Anforderungen sind allerdings überwiegend Routineaufgaben, also locker zu bewältigen, aber der entscheidende Vorteil: Da lässt sich wirklich ’ne goldene Nase verdienen. Ihre Antwort 1. Wenn Sie die ,goldene Nase‘ als entscheidenden Vorteil ansehen, dann ist Geldverdienen für Sie letztlich ausschlaggebend und insoweit haben Sie Ihre Entscheidung bereits innerlich getroffen. 2. Ich denke, dass Sie mit einer Lösungsmatrix am schnellsten zu einer Entscheidung kommen. Wir sollten in zwei getrennten Schritten die Projekte mit allen Vor- und Nachteilen analysieren, anschließend jedem Aspekt eine Wertigkeit von eins bis fünf zuordnen und am Ende haben Sie eine Entscheidungsgrundlage, die mathematisch sauber ist. 3. Es ist natürlich blöd, sich zwischen zwei attraktiven Herausforderungen entscheiden zu müssen, aber keine Sorge, sobald wir die verschiedenen Aspekte entwirrt haben, werden Sie ganz entspannt entdecken, wie leicht es ist, sich zu entscheiden. 4. Und doch fällt Ihnen die Entscheidung schwer. Da gibt es noch irgendetwas, das Sie abschreckt. 5. Das ist gut, dass Sie sich vorher genau überlegen, welche Konsequenzen mit welcher Entscheidung einhergehen. 6. Was ist es genau, was Sie an dem kleineren Projekt reizt? Wieweit sind Herausforderungen dieser Art für Sie zum jetzigen Zeitpunkt wichtig? Ich frage das so direkt, weil Sie dabei herausfinden können, warum Ihnen Ihre Entscheidung gerade so schwer fällt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 9 91. Die eigene Grundhaltung erkennen Gesprächsausschnitt Fall 8: Die Ratsuchende, 31 Jahre, arbeitet sei zwei Jahren in einer Unternehmensberatung. Ihr Vorgesetzter hat ihr dringend ein Coaching ans Herz gelegt, da sie in letzter Zeit wiederholt Anzeichen extremer Überlastung gezeigt hat. Irgendwie wollen mir immer alle einreden, ich solle mir mehr Freizeit gönnen. Aber meine Arbeit macht mir ehrlich Spaß und natürlich ist es mal stressig bis zum Anschlag. Aber es sollen doch bitte nicht alle so tun, als könne ich nicht selbst auf mich achten! Ihre Antwort 1. Was genau stresst Sie? Ich möchte gern mit Ihnen herausfinden, welche Arbeit Sie besonders belastet und wodurch Sie sich gelegentlich erschöpft fühlen. 2. Die Besorgnis der anderen nervt Sie bis aufs Blut. 3. Natürlich sind Sie alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Sie sprechen gleich das Wichtigste an, dass Ihnen nämlich Ihre Arbeit wirklich Spaß macht. Diese innere Hingabe an eine Aufgabe macht im Grunde genommen stressstabil. 4. Wenn Sie sich keine Freizeit gönnen, liegt es nahe, die eigene Arbeit zu überhöhen. Das Hamsterrad erscheint dann als einzige Möglichkeit voran zu kommen. 5. Ich schlage vor, dass wir mal gemeinsam Ihren Tagesablauf betrachten und prüfen, wieweit Sie ihre Prioritäten zielführend setzen. Sobald Sie Dringliches von Wichtigem unterscheiden, werden Sie entdecken, dass sich ein Großteil der Aufgaben in vergleichsweise kurzer Zeit bewältigen lässt. 6. Sie können ganz beruhigt sein, ich werde Ihnen gewiss nicht in Ihre Lebensgestaltung hineinreden, zumal ich den Eindruck habe, dass Sie sehr reflektiert mit den gelegentlichen Arbeitsbelastungen umgehen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 10 1. Die eigene Grundhaltung erkennen10 Gesprächsausschnitt Fall 9 Der Ratsuchende, 32 Jahre, ist Junior-Chef einer Schlosserei und reibt sich seit mehreren Jahren mit seinem Vater, dem Senior-Chef. Er möchte gern für sich klären, welche Möglichkeiten er nutzen kann, um sich von seinem sehr dominanten Vater abzugrenzen. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Der Laden gehört nun mal dem Alten und das lässt er mich tagein tagaus spüren. Ihre Antwort 1. Statt sich darüber zu ärgern, können Sie sich auch vergegenwärtigen, dass Sie den Laden früher oder später erben. So betrachtet sind Sie zwar in einer frustrierenden aber eben auch lohnenden Warteposition. 2. Wieweit ist das, was Ihr Vater Sie tagein tagaus spüren lässt, nur eine Reaktion auf Ihr Verhalten? Sie kennen die Redensart: ,Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus’. 3. Sie empfinden das geradezu als demütigend, wenn Ihr Vater Sie so deutlich spüren lässt, dass er das alleinige Sagen hat. 4. Es bringt nichts, gegen Windmühlenflügel anzukämpfen. Wenn Sie sagen, dass Sie es drehen und wenden können, wie Sie wollen, zeigen Sie, wie wenig Sie den Status quo akzeptieren können. Sie täten gut daran, Ihre Kräfte auf das eigentliche Geschäft zu richten und mit den dadurch bewirkten Erfolgen zu punkten. 5. Wie lässt Ihr Vater Sie das spüren? Also, was genau ist bevormundend und auch einengend? Und wo meinen Sie, dass Ihr Vater Ihnen stärker entgegenkommen sollte? 6. Sie erwähnten, dass Ihr Vater bereits 60 ist. Mir scheint es ratsam, die Nachfolgeregelung beizeiten zu organisieren und gemeinsam ein Modell zu entwickeln, das beiden Seiten gerecht wird. Dabei sind in erster Linie juristische Aspekte von Bedeutung. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 11 111. Die eigene Grundhaltung erkennen Gesprächsausschnitt Fall 10 Der Ratsuchende, 47 Jahre, leitet seit sechs Jahren eine Abteilung mit 14 Mitarbeitern in einem Unternehmen der EDV-Branche. Das Thema, das ich heute mit Ihnen besprechen möchte, bereitet mir heftiges Kopfzerbrechen. Ich mache mir über einen meiner Mitarbeiter ziemliche Sorgen. Da steht jetzt ein Gespräch an, das muss sein. Denn wenn der Mann sich nicht organisiert kriegt, dann sehe ich schwarz für ihn. Das Problem ist nur – und darum wollte ich das zuvor mit Ihnen durchsprechen – er hat keinerlei Einsicht. Aber er schadet sich, wenn er sich stur stellt, das ist schon mal klar. Wie packt man so jemanden? Ihre Antwort 1. Sie fühlen sich verpflichtet, ein Gespräch zu führen, für das Ihr Mitarbeiter wenig oder gar kein Verständnis aufbringt. Und Sie hadern jetzt schon bei der Vorstellung, dass dieses Gespräch womöglich einen größeren Schaden anrichtet, als irgendeinen Nutzen zu erbringen. 2. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist das nicht irgendein Gespräch, sondern eine regelrechte Ermahnung. Dafür gibt es ja den Gesprächsleitfaden, der Ihnen recht anschaulich vermittelt, wie Sie die einzelnen Schritte aufeinander aufbauen. Es lohnt sich, denkbare Reaktionsweisen des Mitarbeiters einmal zu sammeln, um dafür passende Erwiderungen zu entwickeln. 3. Es ist gut, dass Sie so ein schwieriges Gespräch nicht aus dem Ärmel schütteln wollen, sondern gründlich vorbereitet da hinein gehen. Das bringt Ihnen die nötige Sicherheit, die Sie dringend brauchen, damit sich Ihre Sorge nicht störend auf das Gespräch auswirkt. 4. Sie befürchten, dass er sich stur stellt, und das hat dann nicht nur Konsequenzen für ihn, sondern auch für Sie. So betrachtet sehen Sie eigentlich auch schwarz für sich. 5. Oftmals sind die eigenen Befürchtungen die Ursache für dramatische Entwicklungen. Vielleicht schauen wir mal ganz nüchtern auf den Vorgang, so dass Sie erkennen, wie groß Ihr Spielraum tatsächlich ist. 6. Was genau wird passieren, wenn der Mitarbeiter sich nicht organisiert bekommt? An welche Konsequenzen haben Sie bereits gedacht? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 12 1. Die eigene Grundhaltung erkennen12 Einzelauswertung der Übung Beginnen Sie, die Nummer Ihrer Antwort zu jedem Gesprächsausschnitt in der untenstehenden Tabelle einzutragen, indem Sie das Kästchen markieren, das – je nach Fall – die Nummer Ihrer spontanen Antwort aufweist. Fall 1 Fall 2 Fall 3 Fall 4 Fall 5 Fall 6 Fall 7 Fall 8 Fall 9 Fall 10 Summe 2 1 5 6 6 2 5 3 4 3 4 2 1 5 2 6 1 4 2 4 3 5 6 1 5 4 3 6 1 5 1 4 3 3 1 5 6 1 5 6 5 6 4 2 4 1 2 5 6 2 6 3 2 4 3 3 4 2 3 1 Die erste Spalte ist noch frei geblieben. Tragen Sie nun dort untereinander die Buchstaben A bis F ein. Sie haben nun den Test ausgewertet. In der Summenspalte rechts tragen Sie ein, wie viele Kästchen Sie pro Zeile markiert haben. Der Wert der jeweils markierten Zahl spielt keine Rolle. Unabhängig von der Anhäufung in den einzelnen Zeilen, können Sie jetzt schon Aussagen darüber machen, ob sich Ihre Antworten gleichmäßig auf alle Zeilen verteilen, also etwa zwei pro Zeile, oder ob es typische Häufungen gibt, in einer Zeile also mehr als fünf Antworten liegen. Wer also beispielsweise in Zeile A sechs Kästchen schraffiert hat und in Zeile E vier, von dem lässt sich sagen, dass 60 % seiner spontanen Antworten einem A-Verhalten entsprechen und 40 % seiner Antworten dem E-Verhalten zuzuordnen sind. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 13 131. Die eigene Grundhaltung erkennen Doch was verbirgt sich nun hinter diesen Buchstaben? ADiese Antworten drücken in erster Linie Ihre Meinung zu dem aus, was Sie gerade hören. Diese Reaktionen sind wertend, d. h. sie implizieren einen moralischen Standpunkt und beinhalten ein ablehnendes oder zustimmendes Urteil. Bewerten ist immer die Sichtweise des Coach. Das kann seine ganz persönliche Meinung sein oder er vertritt den Standpunkt anderer, weil er dies auch so sieht. BDiese Antworten sind geprägt durch Vermutungen über mögliche Zu-sammenhänge. Aufgrund Ihrer Erfahrung suchen Sie nach möglichen Erklärungen, was dazu führen kann, dass Sie nur verstehen, was Sie verstehen wollen, bzw. was Ihnen einleuchtet. Die Gefahr der Interpretation kann im Tempo liegen, weil dem Gesprächspartner Ihre Sichtweise neu und fremd ist. Sie kann aber auch darin liegen, dass es dem Ratsuchenden unangenehm ist, durchschaut zu werden. CDiese Antworten haben stützenden Charakter und zielen auf eine Ermu-tigung oder Beruhigung ab. Sie empfinden eher Mitleid und glauben, dass man das Problem nicht noch stärker dramatisieren sollte. Das kann allerdings wie Bagatellisieren oder Herunterspielen wirken, wobei sich der andere nicht ernst genommen fühlt. DDiese Antworten sind forschend. Sie bemühen sich, mehr zu erfahren und lenken das Gespräch in die Richtung, die Ihnen wichtig erscheint. Durch Fragen wird zwar der Gesprächsfluss in Gang gehalten, gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das Gespräch auf der Ebene von Fakten und Erlebnissen stehen bleibt und im schlimmsten Fall zum Verhör verkommt. EDiese Antworten zielen auf eine sofortige Lösung des Problems. Sie re-agieren durch Handeln und drängen zur Tat. Das Risiko des schnellen Ratschlags liegt darin, dass das eigentliche Problem vielleicht ganz woanders liegt oder der Rat-Suchende ein anderes Tempo hat und sich die vorgeschlagene Lösung noch nicht zu eigen machen kann. FDiese Antworten zeigen Verständnis und spiegeln Ihre Bemühungen wi-der, sich wirklich in die Problemlage des Ratsuchenden zu versetzen. Sie wollen vor allem sichergehen, das Gesagte richtig verstanden zu haben. Diese Haltung ermutigt den Gesprächspartner und regt ihn zu weiteren Ausführungen an, was dazu führt, noch intensiver über das bislang Geschilderte nachzudenken. Dabei bleibt die Verantwortung beim Gesprächspartner. Vielleicht ist der eine oder andere Leser jetzt irritiert und kann sich mit seinem Testergebnis gar nicht anfreunden, während andere weniger überrascht sind, weil sie sich in ihrem Ergebnis wiederfinden. Falls Sie jetzt gleich herausfinden möchten, welchen Einfluss die jeweilige Haltung auf das weitere Gespräch hat, können Sie das folgende Kapitel überschlagen und gleich bei Kapitel  3 weiterlesen. Was im Moment noch verwirren mag, wird im Laufe des Buches detailliert begründet. Doch allem voran bedarf es zunächst einer Klärung, was Beratungsgespräche von anderen Gesprächsformen unterscheidet und was das Besondere an einem Coachinggespräch ist.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.