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1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 29 - 44

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_29

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1.1 Theoretische Grundlagen 17 funktion aus. Eine Liquiditätsbeschaffung erfolgt nur über die Einwerbung von Depositen und den Verkauf sonstiger Aktiva. 1.1.5 Im Hinblick auf die Wertstandardfunktion erfüllt Geld die Eigenschaften eines öffentlichen Gutes. Zudem treten steigende Skalenerträge auf: Die Effizienzgewinne durch die Verwendung einer Währung wachsen mit der Größe des Währungsraumes. Deshalb führt die marktwirtschaftliche Suche nach einem geeigneten Geldmedium zumeist zu einer Monopollösung. Der Übergang von einer Währung auf eine andere ist mit Informations- und Einigungskosten verbunden. Deshalb ist die gesellschaftliche Konvention, eine bestimmte Währung als Zahlungsmittel zu akzeptieren, auch bei unvollkommener Währungsqualität oft recht stabil. Staatliche Institutionen können die Einführung einer bestimmten Währung begünstigen und sind bei der Überwachung der Währungsstabilität gefordert. 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 1.2.1 Notenbank und Geschäftsbanken: die Trennung von Geldversorgung und Kreditschöpfung Eine Volkswirtschaft mit konkurrierenden Geschäftsbanken, jedoch ohne eine Zentralbank, weist eine Reihe von Funktionsmängeln auf: (1) Die von den einzelnen Banken emittierten Noten stellen heterogene Finanztitel, d.h. verschiedene Währungen dar. Um den (zukünftigen) Marktwert dieser Noten beurteilen zu können, müssen die Wirtschaftssubjekte die Solidität der einzelnen Bankhäuser im Hinblick auf Kreditgeschäft, Notenemission und -deckungsquote prüfen. Im Gütermarkt können sich unterschiedliche Preise herausbilden, jeweils gemessen in den verschiedenen Währungen. Auch zwischen den heterogenen Banknoten werden dann variable Preise bestehen (flexible Wechselkurse). Die Volkswirtschaft hat demnach nicht den informationstheoretischen Vorteil eines einheitlichen Preis- und Währungssystems. (2) Die Goldreserven von Konkurrenz- oder Monopolbanken können kurzfristig nicht ver- änderten Kassenhaltungsbedürfnissen angepasst werden. Bei einem Vertrauensverlust im Banksystem droht so eine Liquiditätskrise. Da i.d.R. nicht alle Noten eingelöst werden können, kommt es zu einem Bank Run. Wer beim Umtausch der Noten in Gold zu spät kommt, muss befürchten, dass seine Noten zumindest kurzfristig am Markt erheblich an Wert verlieren oder nicht mehr als Zahlungsmittel angenommen werden. Gerade diese Erwartung kann so schon bei geringfügigen Zweifeln an der Sicherheit von Bankeinlagen i.S. einer sich selbst erfüllenden Prognose einen Run auslösen. Die Erfahrung der Zahlungsunfähigkeit einer Bank bewirkt einen Ansteckungseffekt, dem auch andere Banken zum Opfer fallen, selbst wenn diese solide Bilanzen aufweisen. Es treten große Vermögensverluste der Depositenhalter auf, Zahlungskreisläufe und Kreditketten können mit der Folge einer tiefen Wirtschaftskrise zusammenbrechen. 18 1. Geld, Zins und Banken (3) Mit jeder Kreditvergabe steigt die in der Volkswirtschaft verfügbare (Noten-) Geldmenge. Die Frage, welche Akteure für welche (Investitions-) Projekte eine Finanzierung erhalten sollen, ist jedoch von der Frage zu trennen, wie viel Geld als Bestandsgröße verfügbar sein soll, um die durchschnittliche Geldhaltung im Nichtbankensektor zu befriedigen. Im ersten Fall geht es um eine Übertragung von Kaufkraft von Gläubigern auf Schuldner, im zweiten um die Sicherung von Zahlungsfähigkeit durch Liquidation eigener Vermögenswerte. Das privatwirtschaftliche Motiv der (Zins-) Gewinnerzielung bei der Kreditvergabe kann so zu einem volkswirtschaftlich unangemessenen Geldvolumen führen, das mit der Wahrung der Geldwertstabilität unvereinbar ist. Die vorstehenden Funktionsmängel können in einem zweistufigen Banksystem vermieden werden, das sich in modernen Geldwirtschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Hier ist die Geldschöpfung die Aufgabe der − zumeist staatlichen − Notenbank (auch als Zentralbank bezeichnet) und die Kreditschöpfung eine Haupttätigkeit der − privatwirtschaftlich arbeitenden − Geschäftsbanken. Ein Kreditvertrag zwischen einer Geschäftsbank und einem Kunden (Haushalt, Unternehmen oder Staat) führt bei beiden Parteien zu einer Bilanzverlängerung. Analog zum Fall der Kreditvergabe im einstufigen System entstehen zwei Verpflichtungsbeziehungen (die durchgezogenen Pfeile in Abbildung 1-4 zeigen die Richtung der jeweiligen Forderungen, also vom Gläubiger zum Schuldner, an): • Die Bank räumt dem Kreditnehmer in Form eines Giroguthabens eine jederzeit fällige Forderung auf (Zentralbank-) Geld ein. Damit wird sie unmittelbar selbst zum Schuldner, während die geschaffene Bankeinlage ein Aktivum des Kreditkunden, d.h. eine Forderung an die Geschäftsbank, darstellt. Daraus ergibt sich für die Geschäftsbank das Liquiditätsproblem, weil sie sich zur Auszahlung eines Geldes verpflichtet, das sie selbst nicht schaffen kann. • Der i.d.R. längerfristigen Kreditforderung der Bank steht eine entsprechende Verschuldung des Kreditnehmers gegenüber. Dieser hat die Schuld in Raten oder am Ende der Laufzeit in Zentralbankgeld oder mittels Abtretung von Forderungen auf Zentralbankgeld an die Bank zurückzuerstatten. Das bei der Auflösung von Bankeinlagen entstehende Problem der Bargeldabforderungen können die Geschäftsbanken auf drei Wegen zu lösen versuchen: (1) Sie können sich Zentralbankgeld aus dem "Publikum" (d.h. dem Nichtbankensektor) verschaffen. Zu diesem Zweck bieten sie verzinsliche Anlagemöglichkeiten für Zentralbankgeld (nominell fixierte Depositen) an, die einerseits Funktionen im Zahlungsverkehr übernehmen (Girokonten ermöglichen Überweisungen sowie die Bezahlung mittels Schecks und Kreditkarten) und andererseits der Wertaufbewahrung dienen (Spar- und Terminkonten); die Definition von Geld wird damit schwierig (Box 1-1). Die Liquiditätslage der Wirtschaft insgesamt, gemessen an der Ausstattung mit Zentralbankgeld, bleibt dabei unverändert. 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 19 (2) Weitere Möglichkeiten bietet der Geldmarkt. Hier findet ein horizontaler Liquiditätsausgleich zwischen den Banken statt, indem sich Kreditinstitute mit einem aktuellen Finanzierungsdefizit kurzfristig Geld von anderen Instituten leihen können. Damit wird das Zentralbankgeld effektiver verteilt. Eine einzelne Bank, nicht jedoch der Banksektor als ganzer kann sich so zusätzliche Liquidität beschaffen. (3) Zugleich ist auf dem Geldmarkt auch die Zentralbank aktiv. Sie bietet den Banken Refinanzierungsmöglichkeiten an. Praktisch handelt es sich dabei um kurzfristige Kredite der Zentralbank an die Geschäftsbanken; möglich ist auch, dass diese aus ihrem Bestand Aktiva (Kreditforderungen oder Wertpapiere) an die Zentralbank verkaufen. Als Monopolist für Zentralbankgeld bestimmt die Notenbank dabei die Konditionen derartiger Geschäfte: • Mit dem Umfang dieser Transaktionen wird die Zentralbankgeldmenge bestimmt. • Für diese Refinanzierungsgeschäfte wird ein von den Geschäftsbanken an die Notenbank zu zahlender Zins festgelegt. Damit kann die Nachfrage nach Zentralbankgeld durch preisliche Anreize gesteuert werden (Abschnitt 3.1.2). Geldschöpfung findet somit dadurch statt, dass die Zentralbank Aktiva ankauft und mit neu geschaffenen Noten "bezahlt"; dieses Geld gelangt dann über die Auflösung von Depositen in den Besitz der Nichtbanken. Geldvernichtung tritt umgekehrt bei Aktivaverkäufen der Notenbank oder bei Rückzahlung von Refinanzierungskrediten durch die Geschäftsbanken ein; dabei ergibt sich eine Verkürzung der Notenbankbilanz. Geld ist formal eine Schuld der Zentralbank; jedoch handelt es sich nur um eine fiktive Verpflichtung, weil Geld stets die "letzte", nur noch durch sich selbst einlösbare Forderung in einer Volkswirtschaft ist. Dementsprechend halten die Wirtschaftssubjekte Geld nicht als Forderung gegen die Zentralbank, sondern als Zahlungsmittel, d.h. als Option auf die Aneignung von Ressourcen. Noten Geschäftsbanken Kreditforderungen Noten Zentralbank Kreditforderungen Depositen SchuldenNoten Nichtbanken Bankeinlagen Abbildung 1-4: Geschäftsbanken als Mittler zwischen Notenbank und Nichtbanken 20 1. Geld, Zins und Banken Box 1-1: Zur "engen" und "weiten" Definition von Geld In einem zweistufigen Banksystem werden bestimmte Depositen (Verpflichtungen der Geschäftsbanken) als Giral- oder Buchgeld bezeichnet und neben dem Zentralbankgeld als Bestandteil weit gefasster Geldmengenbegriffe betrachtet. Diese Geldmengenabgrenzung ist aufgrund der im Bankenwettbewerb auftretenden neuen Depositenformen immer wieder Anpassungen unterworfen. In der Europäischen Währungsunion (EWU) gilt folgende, hier vereinfachte Definitionsliste: M0: Geldbasis = Zentralbankgeld, d.h. Zentralbanknoten und Zentralbankeinlagen (Münzen werden von der Regierung produziert und an die Zentralbank verkauft) M1: Summe aus Bargeld bei Nichtbanken und Sichteinlagen bei Geschäftsbanken M2: M1 + Bankeinlagen bis zweijähriger Laufzeit und dreimonatiger Kündigungsfrist M3: M2 + Geldmarktpapiere und Schuldverschreibungen bis zweijähriger Laufzeit Weite Gelddefinitionen sind problematisch: Erstens ist die Abgrenzung zwischen noch dem Geld zugerechneten Depositen und den übrigen Bankeinlagen relativ beliebig und unterliegt einem fortwährenden, von der Entwicklung der Finanzinnovationen im Banksektor abhängigen Wandel. Zweitens verschwimmt bei einem weiten Geldbegriff aufgrund der Verzinsung der Bankdepositen die analytische Trennung zwischen Geld und Kredit (bestimmte mit der Kontoführung verbundene Dienstleistungen der Bank kann man als implizite Verzinsung verstehen). Es erscheint klarer, sämtliche Forderungen auf (unverzinsliches) Zentralbankgeld als Kredit zu bezeichnen. Es ist irreführend, Geschäftsbanken als Geldschöpfer zu betrachten, weil dabei ihre liquiditätsmäßig stets prekäre Position als Geldschuldner verdeckt wird. Geschäftsbanken geben keine Noten auf eigene Rechnung und eigenen Namen heraus (also kein "Commerzbank-Euro"). Für einen weiten Geldbegriff spricht jedoch, dass in modernen Geldwirtschaften die einzelnen Geldfunktionen tendenziell von verschiedenen Geldmedien erfüllt werden. Wertstandard und Zahlungsmittel i.S. einer ultimativen Kontrakterfüllung ist allein Zentralbankgeld. Daneben kann aber die Zahlungsmittelfunktion auch von bestimmten Depositen der Geschäftsbanken übernommen werden; dabei handelt es sich formal um Forderungsrechte, die in Einheiten des gemeinsamen Wertstandards festgesetzt werden (da diese Depositen im Zuge des Kreditvergabeprozesses innerhalb des Banksektors entstehen, spricht man auch von Inside Money). Die Übertragung dieser Forderungsrechte wird anstelle einer Barzahlung akzeptiert, weil das Versprechen einer Einlösbarkeit in Zentralbankgeld als glaubwürdig gilt (letzteres wird auch als Outside Money bezeichnet, da die Zentralbank als Emittent "außerhalb" der privaten Marktbeziehungen steht). Das Publikum geht dabei davon aus, dass die Geschäftsbanken unter einer von der Zentralbank gesetzten Liquiditätsbeschränkung und Kontrolle operieren. Die Akzeptanz des Inside Money als Zahlungsmittel ist von der Reputation des Zentralbankgeldes abgeleitet. Once interest-bearing financial assets are admitted as part of the 'money supply' (and [...] it is impossible to exclude them if the notion of 'controlling the money supply' is to have any credibility) there is no clear demarcation line to be drawn between 'monetary' and 'non-monetary' financial assets. Any broad definition of the money supply is therefore arbitrary since it is invariably 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 21 surrounded by a spectrum of 'liquid assets' which are not comprised in it but which are close substitutes to it. Nicholas Kaldor (1982: 72) Die Konstruktion dieses zweistufigen Banksystems erlaubt prinzipiell eine bessere Lösung der eingangs zu diesem Abschnitt genannten Probleme: (1) Die Volkswirtschaft erhält eine einheitliche Währung und kann darüber Effizienzgewinne realisieren. Zugleich stehen die Geschäftsbanken jedoch untereinander im Wettbewerb. Sie haben kein Recht zur Emission eigener Banknoten, sondern wirtschaften mit Forderungen auf die einheitliche Währung "Zentralbankgeld". (2) Die Notenbank kann Liquiditätskrisen verhindern, indem sie im Bedarfsfall einer Geschäftsbank oder dem Banksektor zusätzliches Zentralbankgeld in Form eines Kredits zur Verfügung stellt (Lender of Last Resort) und so die Zahlungsfähigkeit der Geschäftsbanken sichert (Box 1-3). (3) Die Trennung der Aufgabenfelder von Kreditschöpfung und Geldversorgung erlaubt es den Geschäftsbanken, sich auf das privatwirtschaftlich profitable Kreditgeschäft zu konzentrieren, ohne gesamtwirtschaftliche Effekte der Geldmengenentwicklung bedenken zu müssen. Sie handeln unter einer für sie exogenen, d.h. von der Notenbank gesetzten Liquiditätsbeschränkung. Diese Beschränkung trägt mit dazu bei, dass die Banken in ihrem eigenen Interesse die volkswirtschaftliche Aufgabe einer Bewertung und Reihung der hinter den Kreditanträgen stehenden Investitionsprojekte vornehmen und unsolide erscheinende Anträge ablehnen. Wenn nämlich gescheiterte Investitionsvorhaben durch den Bankrott der Schuldner zu Zins- und Tilgungsausfällen bei den Banken führen, so bedeutet dies für sie nicht nur einen Kapital-, sondern auch einen Liquiditätsverlust. Auf der anderen Seite hat die Zentralbank eine primäre ordnungspolitische Aufgabe in einer Geldwirtschaft: durch die Wahrung der Geldwertstabilität die Akzeptanz des Geldes auf den Märkten zu sichern. Dies verlangt keine unbedingte mengenmäßige Knapphaltung der Geldemission; denn zur reibungslosen Abwicklung der Markttransaktionen in einer wachsenden Wirtschaft ist auch eine entsprechend steigende Zentralbankgeldmenge nötig. Ins Zentrum der Geldpolitik rückt vielmehr die Steuerung der Zinsen. Liquiditäts- und risikotheoretische Marktkräfte der Zinsbestimmung werden durch geldpolitische Impulse seitens der Notenbank überlagert. Der Ausgangspunkt für die Zinsentwicklung ist das Liquiditätsproblem der Geschäftsbanken. Sie refinanzieren sich allgemein beim billigsten Anbieter von Geld, d.h. bei den Nichtbanken oder der Zentralbank. Die Zentralbank kann ihrerseits durch die Variation von Umfang und Preis ihrer Refinanzierungsgeschäfte das Zinsniveau in der Volkswirtschaft beeinflussen. Dabei hat sie jedoch die Zinsforderungen der inländischen Nichtbanken zu berücksichtigen, denen sich bei freiem Kapitalverkehr auch Anlagemöglichkeiten an den internationalen Finanzmärkten bieten (Abschnitt 2.4). 22 1. Geld, Zins und Banken 1.2.2 Der Zusammenhang zwischen Geld und Kredit: Kreditschöpfungsmultiplikator und Zentralbankgeldbedarf Zwischen dem von der Zentralbank kontrollierten Geldbestand und der Kreditvergabe der Geschäftsbanken gibt es enge Beziehungen. Eine wichtige Relation ergibt sich aus der Bargeldneigung der Nichtbanken. Die für Transaktionszwecke relevante Geldmenge M1 besteht aus Bargeld BG und Sichtdepositen D. Die Bargeldquote BG b D = [1.1] drückt aus, in welcher Relation die Wirtschaftssubjekte ihre Transaktionskasse zu halten wünschen. In vielen Ländern (so auch in der EWU) werden die Geschäftsbanken verpflichtet, eine von der Höhe ihrer Depositen abhängige Menge an Zentralbankgeld als Mindestreserve MR zu halten (i.d.R. als Konto bei der Zentralbank). Dies war in der frühen Bankgeschichte eine freiwillige Vorsichtsmaßnahme der Banken gegen das Risiko von Liquiditätsengpässen. In der modernen Geldwirtschaft ist die Mindestreserveverpflichtung hingegen ein geldpolitisches Instrument, das die Abhängigkeit der Geschäftsbanken vom Geldangebot der Zentralbank verstärkt. Die Zentralbank bestimmt den Mindestreservesatz 1d < . MR d D= [1.2] Neben den Mindestreserven können die Geschäftsbanken freiwillig noch Überschussreserven halten; üblicherweise sind diese aber nahe Null. Die Gesamtnachfrage nach Zentralbankgeld ZBG ist damit die Summe aus Bargeld und Mindestreserve: ZBG BG MR= + [1.3] Zu berücksichtigen ist weiter die zentrale Beziehung "Kredite schaffen Depositen": Bei der Kreditvergabe Kr entstehen Ansprüche auf Zentralbankgeld, die die Bankkunden allerdings auch in bar halten können. Es gilt ( )1Kr D BG b D M1= + = + = [1.4] Aus [1.1] bis [1.4] folgt die Beziehung ( )1 1 : 1 b DM1 BG D b M0 ZBG BG MR b d µ ++ + = = = = > + + [1.5] Dies ist der Geldbasismultiplikator µ ; er zeigt an, dass die Zentralbankgeldmenge typischerweise kleiner als M1 ist. Aus [1.1] und [1.4] folgt 1 b BG Kr b = + [1.6] 1 12 24 41 _S pa hn - B g 1 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 23 Ferner gilt wegen [1.4] und [1.5], geschrieben in Veränderungsgrößen: 1b Kr ZBG ZBG b d µ + ∆ = ∆ = ∆ + [1.7] Dies lässt sich als Kreditschöpfungsmultiplikator verstehen: Aus der Veränderung von ZBG um eine Einheit ergibt sich wegen 1µ > eine überproportionale Veränderung des Kreditvolumens. Damit ist die Vorstellung verbunden, dass ein Kreditschöpfungsprozess stets mit einer Erhöhung der Geldbasis durch die Notenbank beginnt: Im folgenden Beispiel wird die Überschussreserve an Zentralbankgeld erhöht (z.B. durch die Absenkung des Mindestreservesatzes) und löst eine Steigerung des Kreditangebots aus. Dabei wird nicht etwa die Überschussreserve verliehen; vielmehr wird ein Kreditvertrag in Höhe dieser Reserve abgeschlossen (Verlängerung der Bankbilanz). Diese Restriktion drückt ein hier unterstelltes Vorsichtsprinzip der Geschäftsbanken aus, mit dem sie sich auf den liquiditätsmäßig ungünstigsten Fall einer vollständigen Ausbezahlung der beim Kredit eingeräumten Forderung auf Zentralbankgeld einstellen. Die Entwicklung des Kreditvolumens wird dadurch bestimmt, dass in jeder Periode die Überschussreserve ÜR durch Bargeldabzüge und Mindestreservehaltung verringert wird (Tabelle 1-2; hier wird mit 1 3b = und 1 5d = gerechnet). 0 1 0 0 0 0 2 2 1 0 1 1 1 1 1 1 1 1 ... Kr ÜR b d d Kr ÜR BG MR Kr Kr Kr Kr b b b d d Kr Kr Kr b b = − = − − = − − = + + + − − = = + + [1.8] Periode Überschussreserve Kreditvergabe Bargeldabfluss nach [1.6] Depositenhaltung ( Kr BG− ) Mindestreserven nach [1.2] Überschussreserve 1 2 3 ... 1000 600 360 ... 1000 600 360 ... 250 150 90 ... 750 450 270 ... 150 90 54 ... 600 360 216 ... Summe 2500 625 1875 375 Tabelle 1-2: Prozess der multiplen Kreditschöpfung Das Kreditvolumen ist letztlich größer als die anfängliche Zunahme der Überschussreserve, weil diese nicht bloß in Kredite umgewandelt, sondern erst durch Bargeldhaltung und Mindestreserve gebunden wird. Der Kreditschöpfungsprozess kommt zum Abschluss, wenn die 2 12 24 41 _S pa hn - B g 2 24 1. Geld, Zins und Banken anfängliche Überschussreserve vollständig in Bargeldhaltung und Mindestreserve geflossen ist. Die Entwicklung des Kreditvolumens folgt einer geometrischen Reihe mit einem Ergebnis, das zu Formel [1.7] korrespondiert: 0 0 0 1 1 1 t t t t d b Kr Kr ÜR b b d ∞ ∞ = = − + ∆ = = + + [1.9] Diese mechanische Theorie des Kreditschöpfungsmultiplikators ist aufgrund ihrer vereinfachenden Annahmen zu kritisieren. So bleiben Zinseffekte auf allen Marktseiten ausgespart. Vor allem aber erweckt der Ansatz den falschen Eindruck, als müsse einer Kreditexpansion stets eine höhere Geldmengenvorgabe seitens der Zentralbank vorangehen. Tatsächlich sind aber oft die Geschäftsbanken in der Führungsrolle. Sie wählen solide und profitabel erscheinende Kreditprojekte aus und versuchen dann, die im Zuge des gesamten Bankgeschäfts anfallenden Bargeldabforderungen und Mindestreserveverpflichtungen durch eine nachträgliche Refinanzierung insbesondere bei der Zentralbank abzudecken. Damit ist die Logik des Kreditschöpfungsmultiplikators umzukehren. Gleichung [1.7] wird deshalb nach dem Zentralbankgeldbedarf aufgelöst, der nun die endogene, von der Kreditvergabe abhängige Größe darstellt: 1 ZBG BG MR Kr µ ∆ = ∆ + ∆ = ∆ [1.10] Der im Zuge des Kreditgeschäfts entstehende Zentralbankgeldbedarf des Geschäftsbankensektors muss letztlich von der Notenbank kurzfristig quantitativ auch befriedigt werden: Denn andernfalls könnten die Banken die Barauszahlungswünsche des Publikums nicht erfüllen, was eine Bankkrise zur Folge haben kann; oder die Banken wären nicht in der Lage, ihren Mindestreserveverpflichtungen nachzukommen. Auflagen, die objektiv unerfüllbar sind, verlieren aber ihre normative Kraft; daher hat die Notenbank selbst ein Interesse daran, dass quantitativ genügend Liquidität im Bankensektor vorhanden ist. Die Vorstellung eines Kreditvergabeprozesses bei konstanter Zentralbankgeldmenge ist wenig realistisch, weil dies rasch zu Liquiditätsengpässen und krisenhaften Zinssteigerungen führen müsste. Den Nichtbanken muss jederzeit der unbegrenzte Wechsel zwischen Bar- und Buchgeld möglich sein. Dies ist notwendig, um die Liquidität der Bankeinlagen und die Funktionsfähigkeit des Banksystems zu sichern. Frühere Versuche in der Geschichte der Geldpolitik, die makro- ökonomisch notwendige Kontrolle und Restriktion des Bankgeschäfts über eine rigorose quantitative Begrenzung ihrer Reserven durchzusetzen, haben bei Schwankungen der Bargeldnachfrage immer wieder zu Bankkrisen geführt. Any notion that money is not to be had, or that it may not to be had at any price, only raises alarm to panic and enhances panic to madness. Walter Bagehot (1873: 28) 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 25 Die Koppelung zwischen dem Zentralbankgeldbedarf und dem Kreditgeschäft der Geschäftsbanken stellt einen Zusammenhang zwischen dem Geldmarkt (zwischen Geschäftsbanken und Notenbank) und dem Kreditmarkt (zwischen Geschäftsbanken und Publikum) her (Abbildung 1-5). Gegeben sei hier eine Kreditnachfragefunktion dKr und die Konstellation in Punkt A (die Kreditangebotsfunktion sei zunächst horizontal). Wenn das Kreditvolumen nach [1.10] fest mit dem Zentralbankgeldbedarf gekoppelt ist, dann ist die Bankennachfrage L nach Zentralbankgeld im Geldmarkt zinsunelastisch. Bei gegebenen Zinsen gilt dann Punkt A'. Eine steigende Kreditnachfrage verschiebt dKr nach rechts und zieht eine entsprechend größere Zentralbankgeldnachfrage der Geschäftsbanken nach sich (Verschiebung von L). Wenn die Notenbank diese Nachfrage stets zu konstantem Geldmarktzins ZBGi befriedigen würde, wäre die Zentralbankgeldmenge vollständig durch die Kreditvergabeentscheidungen der Geschäftsbanken bestimmt. Die Zentralbank kann dies unter bestimmten gesamtwirtschaftlichen Bedingungen zulassen, wird aber ansonsten versuchen, Zentralbankgeld durch Variationen des Geldmarktzinses knapp zu halten. Dies kann in Form einer zinselastischen Angebotsfunktion M für Zentralbankgeld geschehen; damit ist aus Kostengründen auch eine entsprechend positive Steigung der Kreditangebotsfunktion sKr erzwungen (eine Alternative sind diskretionäre Zinsänderungen der Notenbank; Abschnitt 3.1.2). Die Geschäftsbank verlangt einen steigenden Kreditzins infolge der zunehmenden Kosten der Beschaffung von Zentralbankgeld. Bei dieser Politik werden quantitative Liquiditätsengpässe vermieden; die Notenbank kann jedoch über Zinserhöhungen die Kredit- und Geldmengenexpansion bremsen und dadurch im Bedarfsfalle die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren. Kr L M ZBG iKr iZBG µ Kr s Kr d Kreditmarkt Geldmarkt A A' Abbildung 1-5: Zusammenhang von Geld- und Kreditmarkt 26 1. Geld, Zins und Banken 1.2.3 Geschäftsbanken und Finanzintermediäre: Vermögensbildung in nominal fixierten und marktbewerteten Aktiva Durch die (partielle) Entkoppelung von Kredit- und Geldschöpfung und die Zuweisung des letztgenannten Aufgabenbereichs an die Zentralbank stellt sich nun genauer die Frage nach dem eigentlichen Aufgabenbereich der Geschäftsbanken. Ihre Bilanzstruktur macht mehrere Tätigkeitsfelder deutlich (Tabelle 1-3): Die in verschiedenen Formen bestehenden Einlagen auf der Passivseite (die Unterscheidung zwischen Konten und Wertpapieren ist hier nicht wesentlich) zeigen die Rolle der Banken bei der Liquiditätshaltung und Geldvermögensbildung des Publikums. Die Interbankforderungen und -verpflichtungen fungieren als Arbeitsguthaben bei der Durchführung des Zahlungsverkehrs der Nichtbanken auf dem Wege von Überweisungen und dienen zugleich als Liquiditätspolster der Banken. Auch die Wertpapierhaltung auf der Aktivseite dient neben der Ertragssicherung diesem Zweck. Schließlich besteht aber der Großteil des Bankgeschäfts in der Kreditvergabe. Die Tätigkeit der Banken als Finanzintermediäre, d.h. als Kreditvermittler, ermöglicht volkswirtschaftliche Wohlfahrtsgewinne, die aus einer effizienteren Arbeitsteilung resultieren. Im Vergleich zur Alternative bilateraler Kreditverträge zwischen einzelnen Wirtschaftssubjekten ergeben sich unter den Marktbedingungen unvollkommener Information und positiver Liquiditätspräferenz durch die Existenz von Geschäftsbanken erhebliche Vorteile: • Während ein bilateraler Kreditvertrag zwischen einem Geldanleger und einem Schuldner die Einigung über die Befristung verlangt, ist bei einem großen Vertragsvolumen eines Finanzintermediärs bilanztechnisch eine Fristentransformation möglich: Langfristigen Krediten steht eine Vielzahl kurzfristiger Einlagen gegenüber; obgleich die Mittel Aktiva Passiva Kassenbestand Forderungen gegen EWU- Banken Kredite an Nichtbanken - in Deutschland - in anderen EWU-Ländern Wertpapiere Forderungen gegen Nicht- Euro-Währungsgebiet Derivate und sonstige Aktiva 16 2394 3069 310 295 995 1314 0 29 37 4 4 12 15 Einlagen von EWU-Banken Einlagen von Nichtbanken in Deutschland - Sichtguthaben - andere Einlagen von Nichtbanken in anderen EWU-Ländern Wertpapiere Verpflichtungen gegenüber Nicht-Euro-Währungsgebiet Kapital, Rücklagen, Derivate und sonstige Passiva 1445 1178 1776 80 1449 562 1904 17 14 21 1 17 7 23 8393 100 8393 100 Tabelle 1-3: Aggregierte Bilanz der Geschäftsbanken in Deutschland 2011 (Mrd. bzw. v.H.) 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 27 der Bank insgesamt in eher illiquiden Vermögenswerten angelegt sind, bleibt der Liquiditätsstatus jedes einzelnen Einlegers relativ hoch. Dies kommt zumeist den Bedürfnissen sowohl der Investoren wie der Geldvermögensbesitzer entgegen. • Das Ausfallrisiko ist wegen des größeren Kreditvolumens wahrscheinlichkeitstheoretisch besser zu kalkulieren und zu verkraften; es ist zudem aufgrund der Möglichkeit einer breiteren Streuung der Forderungen niedriger. • Durch die Konzentration des Kreditgeschäfts bei den darauf spezialisierten Banken sinken Informations- und Transaktionskosten. Bei den Banken sammelt sich ein Know How über Marktbedingungen und -trends, das eine bessere Beurteilung der Ertragsfähigkeit von Investitionsprojekten erlaubt. Bei wiederholten Geschäftsbeziehungen zwischen Banken und bestimmten Kreditnehmern (Hausbankprinzip) können die Informationskosten weiter gesenkt werden. Trotz aller Professionalisierung und Spezialisierung bleiben die Banken mit dem Problem der asymmetrischen Information konfrontiert: Ein potenzieller Schuldner ist über seine eigene wirtschaftliche Lage und die Aussichten seiner Investitionsprojekte i.d.R. besser informiert als die Bank als potenzieller Gläubiger. Schon bei der Auswahl von Kreditkunden droht eine adverse Selektion, wenn Kreditzusagen an die artikulierte Zinszahlungsbereitschaft der Kreditnachfrager gebunden werden. Solide Kreditnehmer mit wenig profitablen, aber sicheren Projekten werden dabei tendenziell von Akteuren mit riskanten, aber möglicherweise ertragreichen Vorhaben verdrängt. Damit steigt für das Bank das Risiko von Forderungsausfällen, die trotz höherer Zinseinnahmen letztlich den Bankgewinn schmälern. Deshalb sollte die Bank Kredite nicht nach der gebotenen Zinshöhe, sondern auf der Grundlage einer qualitativen Einzelfallprüfung verteilen (Box 1-2). Box 1-2: Theorie der Kreditrationierung Auch ohne formale Ableitung kann man plausiblerweise annehmen, dass sich der Gewinn einer Bank ceteris paribus mit dem Kreditzins erhöht. Demnach hätte die Kreditangebotsfunktion einen ansteigenden Verlauf. Forderungsausfälle mindern zwar den Gewinn; solange jedoch die Ausfallquote, bezogen auf das Kreditvolumen, konstant ist, ändert sich nichts am Wunsch der Bank nach einem möglichst hohen Zins. Wenn hingegen die Ausfallquote aufgrund der adversen Selektion mit dem Zins steigt, so lässt sich zeigen, dass ab einer bestimmten Zinshöhe die Forderungsverluste den Zinsertrag überkompensieren. Das bedeutet, es gibt einen gewinnoptimalen Zinssatz i*, den die Bank setzen und nicht überschreiten wird. Ihre Gewinnfunktion Q(i) hat an dieser Stelle ein Maximum (Abbildung 1-6). Gilt diese Überlegung für alle Banken, so wird auch das Kreditangebot insgesamt nur bis zum gewinnmaximalen Zins ansteigen, jenseits von Punkt A jedoch wieder sinken. Verläuft die Kreditnachfragefunktion oberhalb von A, so liegt hier eine Kreditrationierung vor: Der Nachfrage- überschuss führt nicht, wie im üblichen Marktmodell, über eine Zinssteigerung zur Markträu- 28 1. Geld, Zins und Banken mung in B. Die Zahlungsbereitschaft der nicht zum Zuge kommenden Nachfrager wird nicht honoriert. Die Zuteilung erfolgt vielmehr nach qualitativen Kriterien. Q Q(i) i Kr i Kr s Kr dA i ∗ B Abbildung 1-6: Gewinnfunktion und Kreditmarkt bei Rationierung Die in Punkt A gegebene Konstellation beschreibt ein Marktgleichgewicht, obwohl der Markt nicht geräumt ist. Das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ist mikroökonomisch bedingt und von Seiten der Kreditanbieter optimal. Ändern sich die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder der Kurs der Geldpolitik, so werden sich Kreditangebots- und Kreditnachfragekurven verschieben; auch der gewinnoptimale Kreditzins kann sich ändern. Das Ausmaß der Kreditrationierung kann dann zu- oder abnehmen. Haben die Kreditnehmer nach Vertragsabschluss die Wahl zwischen mehreren Investitionsprojekten, so könnten sie hoch rentable, aber riskante Alternativen bevorzugen. Die Erträge von solchen Projekten übersteigen die gegebenen Zinskosten, während im Fall ihres Scheiterns die Haftung des Schuldners oft beschränkt ist und der ökonomische Verlust von der Bank zu tragen ist. Um dieses Moral Hazard zu begrenzen, betreiben die Banken ein Monitoring, d.h. sie versuchen, das Verhalten ihrer Kreditkunden zu überwachen. Forderungsausfälle belasten die Bank mit Kapital- und Liquiditätsverlusten. Um sich vor diesen Konsequenzen zu schützen, werden von Kreditnehmern zumeist Sicherheiten verlangt: Es sind Vermögenswerte nachzuweisen, die bei Nichtbedienung des Kredits auf die Bank übergehen. Allerdings kann sich der angesetzte Buchwert dieser Aktiva als trügerisch erweisen, wenn der Krisenfall eintritt; in einer Rezession, wenn sich Tilgungsschwierigkeiten häufen, sinken auch die Preise von Vermögensobjekten. Das Bankmanagement versucht, die teilweise konfligierenden Ziele Solvenz, Rentabilität und Liquidität zu erreichen. Ein Unternehmen ist insolvent, wenn eine Zahlungsunfähigkeit eintritt, weil der Wert der Bilanzaktiva nicht mehr ausreicht, um die anstehenden Ver- 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 29 pflichtungen zu decken. Bilanztechnisch wird in diesem Fall das Eigenkapital verringert; ist das Eigenkapital auf diesem Wege vernichtet, spricht man von Überschuldung. Das Risiko der Insolvenz könnte die Bank dadurch auszuschalten versuchen, dass sie lediglich als Finanzintermediär arbeitet und die Einleger an den Risiken der Bankaktiva beteiligt. Alle oben genannten Vorteile, die durch die Konzentration der Kreditvergabe bei den Banken entstehen, sind im Prinzip auch dann möglich, wenn die Depositenkunden ihre Mittel in Anteilscheinen der Bank anlegen. Diese sind jederzeit verkäuflich; jeder einzelne Anleger bleibt so relativ liquide. Im Durchschnitt gesehen wird auch eine Fristentransformation realisiert. Nach dem Prinzip von Investmentfonds vergibt die Bank aus dem gesamten Mittelaufkommen Kredite, während der Wert der vom Publikum gehaltenen Anteilscheine variabel ist. Vermehrte Forderungsausfälle im Kreditgeschäft schlagen sich in einer niedrigeren Marktbewertung der Anteilscheine nieder. Eine Insolvenz wird vermieden, weil die Bilanzpassiva gleichgerichtet mit den Aktiva schwanken. Sind auf diese Weise Aktiva und Passiva der Banken marktbewertet, so gibt es auch kein zusätzliches Liquiditätsrisiko. Ein Bank Run wäre dann ausgeschlossen; aber die Konsequenz wäre eben auch, dass Bankdepositen keine Zahlungsmittelfunktion hätten, denn Verkäufer auf dem Gütermarkt akzeptieren die Abtretung von verzinslichen Forderungsrechten mit variablem Marktwert i.d.R. nicht als Schuldentilgung. Eine Zahlungstechnologie, die nur Bargeld verwendet, ist aber wenig effizient. Das Angebot von nominell fixierten Depositen seitens der Banken entspricht daher den Bedürfnissen der Marktakteure. Banken können so dem Publikum die Dienstleistung der bargeldlosen Durchführung des Zahlungsverkehrs anbieten. Sie sichern damit die Zahlungsfähigkeit der Wirtschaftssubjekte auf der Mikroebene, während sich die Zentralbank auf die Liquiditätsausstattung der gesamten Volkswirtschaft konzentriert. Geschäftsbanken unterscheiden sich dadurch von bloßen Finanzintermediären, dass (bestimmte) Bankdepositen als Geldsubstitut fungieren. Die markttheoretisch unterschiedliche Qualität der Bankaktiva und -passiva bedeutet vertragstheoretisch, dass Geschäftsbanken (als Finanzintermediäre gesehen) und Depositenkunden einen "unvollständigen" Kontrakt schließen: Letztere erhalten als Anleger keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Bank über die Mittelverwendung, dafür garantiert die Bank die nominelle Wertsicherheit der Depositen in Einheiten von Zentralbankgeld. Geschäftsbanken sind demnach nicht nur Finanzintermediäre. Durch die nominelle Fixierung eines Teils ihrer Bilanzpassiva setzen sie sich neben dem Insolvenz- auch einem Liquiditätsrisiko aus. Letzteres wird dann akut, wenn der Wert der Aktiva zwar noch den Passiva entspricht, jedoch eine Zahlungsunfähigkeit auftritt, weil bei rasch steigender Bargeldnachfrage Aktiva nicht in genügend großer Zahl rasch verkauft werden können. Eine solche Zahlungsunfähigkeit könnte auf zwei Wegen vermieden werden: • Bilanzaktiva wären jederzeit monetisierbar, wenn die Bank ausschließlich handelbare Finanzaktiva (Wertpapiere) im Portefeuille halten würde bzw. wenn Kreditforderungen jederzeit am Markt an andere Gläubiger weiterveräußert werden könnten. Aus informa- 30 1. Geld, Zins und Banken tions- und risikotheoretischen Gründen steht jedoch vielen Kunden der Weg über die Wertpapierfinanzierung nicht offen; sie sind auf Bankkredite angewiesen. Diese sind wiederum nicht handelbar, weil Geldanleger i.d.R. keine Bankkreditforderungen gegen Schuldner mit unbekannter Solidität erwerben wollen (Abschnitte 2.1.1, 2.3.2). • Die Zentralbank könnte Banken in Zahlungsschwierigkeiten zu Hilfe kommen. Das Wissen um die Existenz derartiger Notfallkredite könnte die Banken jedoch zu einem sorgloseren Portfoliomanagement verleiten. Sie kämen in Versuchung, vermehrt ertragreichere, aber zugleich riskantere und weniger liquide Aktiva zu halten und bei auftretenden Problemen auf Rettungsaktionen seitens der Zentralbank zu setzen (Box 1-3). Box 1-3: Lender of Last Resort Geschäftsbanken sind einem Liquiditätsproblem ausgesetzt, weil der Bestand an kurzfristigen, in Zentralbankgeld zu zahlenden Verpflichtungen weit größer ist als die Summe aus Kassenbeständen und liquiden Wertpapieren. Bei Zweifeln an der Sicherheit bzw. Einlösbarkeit von Bankdepositen kommt es unweigerlich zu einem Bank Run, der die Zahlungsunfähigkeit der Bank aufdeckt, wenn ihr nicht von dritter Seite Liquidität zugeführt wird (Abschnitt 1.2.1). Zur Vermeidung des mit einem Bankzusammenbruch drohenden systemischen Instabilitätsrisikos empfiehlt die klassische Lehre des Lender of Last Resort der Notenbank, solventen Geschäftsbanken großzügig und rasch Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen, wenn sie in akute Liquiditätsnöte geraten. Diese Lehre wurde mit zwei Argumenten kritisiert: • In den meisten Ländern gibt es heute eine Einlagenversicherung für Bankdepositen, die die Kunden (zumindest teilweise) vor Vermögensverlusten schützt. Damit ist die Gefahr von Bank Runs und der Ansteckung ursprünglich nicht betroffener Banken gemildert. • Wenn die Notenbank grundsätzlich das Geldangebot mengenmäßig der Nachfrage anpasst (Abschnitt 3.1.2), kann im Bankensektor keine Liquiditätskrise entstehen. Solvente Banken verfügen über Aktiva, die sie bei Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank einsetzen können. Darüber hinaus sollten sie auch auf einem gut funktionierenden Interbankenmarkt Kredite von anderen Banken erhalten können, da sie annahmegemäß als kreditwürdig gelten. Singuläre Rettungsmanöver der Notenbank zugunsten einzelner Banken erscheinen so als entbehrlich. Sie muss nicht direkt als Lender of Last Resort auftreten; es genügt, wenn sie im Rahmen ihrer Geldversorgungsoperationen den Geldmarkt "flüssig" hält. Gegen diese neue Position lassen sich jedoch ebenfalls kritische Punkte anführen. Die Unterscheidung zwischen Illiquidität und Insolvenz ist in der Praxis (zumal unter Zeitdruck) nicht leicht, weder für die Notenbank noch für andere Geschäftsbanken als potenzielle Kreditgeber eines in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Instituts. Die Grenze zwischen kurzfristig nicht liquidierbaren und nicht (mehr) ertragabwerfenden Aktiva ist fließend. Versuche einzelner Banken, sich über Aktivaverkäufe Liquidität zu verschaffen, können in "engen" Märkten zu einem Preisverfall führen, der zur Folge hat, dass andere, ursprünglich nicht betroffene Banken Wertabschreibungen auf ihre Aktiva vornehmen müssen und darüber in ihrer Solvenz gefährdet sind. Selbst in Fällen von Insolvenz aufgrund eigener Fehlinvestitionen gehen mit einer Bankpleite informationsökono- 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 31 misch wertvolle Bank-Kunden-Beziehungen verloren; insbesondere gilt dies für große Banken ("too big to fail"). Deshalb könnte man erwägen, jede Bank aus Zahlungsproblemen zu befreien, ungeachtet des jeweiligen Problemhintergrunds. Spätestens hier stellt sich jedoch ein Moral-Hazard-Problem. Banken könnten ihre Investitionsstrategie ändern und verstärkt hochprofitable, aber riskante Projekte finanzieren, wenn sie erwarten, dass sie im Notfall von einem Lender of Last Resort gerettet werden. Gegen ein solches Fehlverhalten könnte man folgende Vorkehrungen treffen: • Die Notenbank könnte sich eine Einzelfallprüfung vorbehalten und nicht in jedem Fall Liquiditätshilfen bereitstellen. Das damit verbundene höhere Risiko der Banken kann einen Disziplinierungsdruck in Richtung auf ein solideres Aktivgeschäft erzeugen; es bringt aber auch Unsicherheit in den Finanzmarkt und kann daher kontraproduktiv wirken. • Die klassische Lösung besteht darin, für Notfallkredite hohe Zinsen zu verlangen, so dass Banken pekuniär von hochriskanten Projekten abgeschreckt werden. • Eine Bankenregulierung und -aufsicht könnte darauf achten, dass bestimmte Prinzipien der Geschäftspolitik eingehalten werden. Zusammenfassung 1.2.1 Im zweistufigen Banksystem sind Kreditvergabe und Geldschöpfung institutionell getrennt. Die Zentralbank hat das alleinige Recht zur Notenemission durch den Ankauf von Wertpapieren, Kreditforderungen oder Devisen und verfolgt dabei das Ziel einer volkswirtschaftlich angemessenen Geldversorgung. Geschäftsbanken vergeben nach privatwirtschaftlichen Gewinninteressen Kredite, indem sie den Kreditnehmern Forderungen auf Zentralbankgeld einräumen. Wie im einstufigen System entsteht dabei ein Liquiditätsproblem, da sich die Geschäftsbanken zu Zahlungen in einem Geld verpflichten, das sie nicht selbst produzieren können. Geschäftsbanken refinanzieren sich durch Annahme verzinslicher Zentralbankgeldeinlagen seitens der Nichtbanken sowie durch Kredite seitens der Zentralbank. Bei dieser Geldschöpfung legt die Zentralbank den kurzfristigen Zins als Preis für Zentralbankgeld fest. Bestimmte Depositen der Geschäftsbanken übernehmen neben dem Zentralbankgeld eine Zahlungsmittelfunktion. 1.2.2 Im Zuge der Kreditvergabe der Geschäftsbanken entsteht aus zwei Gründen gesamtwirtschaftlich ein Zentralbankgeldbedarf: Zum einen wünschen die Nichtbanken einen Teil ihrer Bankdepositen in bar zu halten. Zum anderen müssen Geschäftsbanken bei der Zentralbank zumeist eine Mindestreserve halten, die einem kleinen Prozentsatz ihrer Depositen entspricht. Die Notenbank muss kurzfristig den Zentralbankgeldbedarf der Geschäftsbanken befriedigen, um deren Zahlungsfähigkeit zu sichern. Mittelfristig kann die Zentralbank die Kreditvergabe und den entstehenden Zentralbankgeldbedarf steuern, indem sie den Zins der Refinanzierungskredite an die Geschäftsbanken variiert. Das Konzept des Kreditschöpfungsmultiplikators drückt aus, dass die Notenbank durch die Zuführung einer bestimmten Menge Zentralbankgeld ein Mehrfaches an zusätzlicher Kreditvergabe erzeugen kann, eben weil die Kreditvergabe nur infolge des entstehenden Bargeld- und Mindestreservebedarfs Zentralbankgeld benötigt. 32 1. Geld, Zins und Banken 1.2.3 Im Vergleich zu bilateralen Kreditgeschäften zwischen einzelnen Geldvermögensbesitzern und Schuldnern bietet die Konzentration der Kreditvergabe bei den Geschäftsbanken volkswirtschaftliche Vorteile. Bei einem großen Geschäftsvolumen können langfristige Ausleihungen mit kurzfristigen Einlagen finanziert werden (Fristentransformation), das Ausfallrisiko wird durch Diversifikation verringert und besser kalkulierbar, Informations- und Transaktionskosten sinken. Es bleibt jedoch eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen Bank und Kreditkunden. Eine Allokation der Kredite nach Höhe der gebotenen Zinsen würde Kunden mit riskanten Projekten anlocken (adverse Selektion); Banken praktizieren daher eine Kreditrationierung bei gegebenem Zins, wählen Kreditprojekte nach einer Bonitätsprüfung und überwachen ihre Kreditkunden. Die besonderen Solvenz- und Liquiditätsrisiken von Geschäftsbanken (im Vergleich zu bloßen Finanzintermediären) entstehen daraus, dass der Wert der Depositen nicht mit dem Wert der Bilanzaktiva schwankt, sondern nominal fixiert ist; eben dies erlaubt eine Zahlungsmittelfunktion der Bankdepositen. Können sich Geschäftsbanken auf Notfallkredite eines Lender of Last Resort verlassen, so werden sie zu einer riskanten Investitionspolitik verleitet (Moral Hazard). Literatur und zitierte Quellen zu Kapitel 1 Auster, P. (1997): Von der Hand in den Mund. Reinbek 1999. Bagehot, W. (1873): Lombard Street A Description of the Money Market. Westport 1979. Belke, A. / Polleit, T. (2009): Monetary Economics in Globalised Financial Markets. Berlin / Heidelberg, Kap. 1. Blanchard, O. J. / Illing, G. (2009): Makroökonomie. 5. Aufl. München, Kap. 4. Bofinger, P. (2001): Monetary Policy Goals, Institutions, Strategies, and Instruments. Oxford, Kap. 1, 3. De Grauwe, P. (1996): International Money. 2. Aufl. Oxford, Kap. 1. Gale, D. (1982): Money In Equilibrium. Cambridge. Gischer, H. u.a. (2012): Geld, Kredit und Banken. 3. Aufl. Berlin u.a., Kap. 4, 8-9. Grantham, G. u.a. (1977): On the Microeconomics of the Supply of Money. Oxford Economic Papers, 29, 339-356. Hahn, F. H. / Solow, R. M. 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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.