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4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 186 - 195

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_186

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4.4 Langfristige Folgen der Inflationsbekämpfung 175 strikte Grenzziehung zwischen den Aufgabenbereichen der Wachstums- und Konjunkturpolitik unmöglich. 4.4.4 Bei der Wahl zwischen einer schnellen und einer graduellen Antiinflationspolitik sind die Kosten der Inflationsbekämpfung im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Stabilitätsorientierung der Notenbank und die langfristige Beeinträchtigung der Angebotsmöglichkeiten der Volkswirtschaft abzuwägen. Die Opferrate misst die volkswirtschaftlichen Kosten einer Disinflation, d.h. wie viele Prozentpunkte zusätzlicher Arbeitslosigkeit vorübergehend oder dauerhaft entstehen, wenn die Inflationsrate um einen Prozentpunkt verringert wird. Bei einer nicht-linearen Phillips-Kurve ist die Verringerung einer bereits niedrigen Inflation mit hohen Outputverlusten verbunden. 4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit 4.5.1 Von der Unterbeschäftigung zur Deflation: das Problem der Null-Zins-Grenze Ein negativer Nachfrageschock bedeutet, dass sich in den Unternehmen das Beschäftigungsvolumen verringert. Bestand zuvor Vollbeschäftigung bei N ∗ , so bestimmt die von der Güternachfrage abhängige Beschäftigungslinie N Yd a f bei zunächst unverändertem Reallohn nun den Punkt B (Abbildung 4-29). Wahrscheinlich wird die Lohn- und Preisbildung auf den entstandenen Beschäftigungsrückgang auf 0N zunächst nicht reagieren. Die Unternehmen erzielen unveränderte Stückgewinne; der Reallohn ist prinzipiell mit Vollbeschäftigung vereinbar. Die Beschäftigten wären aufgrund der nun höheren Konkurrenz durch Arbeitslose zwar prinzipiell bereit, zu einem niedrigeren Reallohn zu arbeiten (Punkt C), aber es wird einige Zeit dauern, bis dies zu einer Änderung des lohnpolitischen Kurses führt. Kurzfristig aber ist es naheliegend, dass die Beteiligten auf eine Normalisierung der Güternachfrage warten. Im Gütermarkt bedeutet dies, dass die Inflationsrate unverändert beim Ausgangs- und Zielwert 0p p∗= bleibt, während der Output unter den Gleichgewichtswert 0y∗ = sinkt N w P N ∗ Lohnsetzung Preissetzung N d( )Y AB C N0 Abbildung 4-29: Arbeitsmarkt nach Nachfragerückgang 176 4. Geldpolitik und Realwirtschaft (Punkt B' in Abbildung 4-30). Bildet sich die Nachfragestörung zurück, so verschiebt sich die Nachfragefunktion wieder in die Position 0dy ; in Punkt A' wird Vollbeschäftigung wiederhergestellt. Hält die Nachfrageschwäche an, so wird die Lohnpolitik auf einen zurückhaltenden Kurs einschwenken; die geforderte Nominallohnwachstumsrate wird verringert. Zu vermuten ist dann, dass auch die Preissteigerungsrate sinkt. Aus diesem Grund ist unbestimmt, ob sich der Reallohn tatsächlich auf das den Gewerkschaften ausreichende Niveau erniedrigt; denkbar ist auch ein Ergebnis zwischen den Punkten B und C (Abbildung 4-29). Die Auswirkung einer Reallohnänderung auf die Güternachfrage ist unbestimmt. Wenn die realen Verdienste der beschäftigten Arbeitnehmer sinken, so geht auch die Konsumnachfrage zurück. Dieser zusätzliche Nachfrageausfall wird durch den vermehrten Konsum aus den erhöhten Gewinneinkommen i.d.R. nicht kompensiert. Allerdings können die steigenden Stückgewinne einen positiven Effekt auf die Investitionsneigung haben. Gesamtwirtschaftlich wichtig ist jedoch der Rückgang der Inflationsrate, der die Notenbank bei der wie üblich unterstellten Reaktionsfunktion zu einer Zinssenkung bewegt. Damit nimmt die Güternachfrage entlang der Nachfragefunktion 1dy wieder zu; es wird nicht Punkt C', sondern D' erreicht (Abbildung 4-30). Auch hier herrscht noch konjunkturelle Unterbeschäftigung, wobei die Inflationsrate unter den Ausgangswert 0p gesunken ist. Im weiteren Verlauf sind mehrere Szenarien denkbar: • Die Notenbank könnte sich bei anhaltender Nachfrageschwäche zu einer zusätzlichen diskretionären Zinssenkung entschließen. Dabei würde sich die Nachfragekurve nach rechts in Richtung Vollbeschäftigung verschieben (der Prozess verläuft analog zu dem in Abschnitt 4.3.1 bzw. Abbildung 4-9 beschriebenen Fall). • Behält die Geldpolitik dagegen ihren Kurs bei, bleibt die Kurve 1dy stabil. Es kommt aufgrund der gesunkenen Inflationsrate zu einer entsprechenden Absenkung der Inflationserwartungen. Die Angebotskurve 0sy verlagert sich schrittweise nach unten. Auch dabei nähert man sich der Vollbeschäftigung (dieser Prozess verläuft analog zu dem in Abschnitt 4.3.3 bzw. Abbildung 4-11 beschriebenen Fall). Im zweiten Szenario besteht das Risiko, dass das Marktsystem (bei weiter anhaltender Nachfrageschwäche) in das Regime der Deflation, d.h. negativer Inflationsraten gelangt. y0 ys0 y0 d y1 d p p0 A' C' B' D' Abbildung 4-30: Gütermarkt nach Nachfragerückgang 4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit 177 Die Gefahr kumulativer Instabilität ist hier besonders hoch, weil die Notenbank ab einer bestimmten Rate der Deflation die Kontrolle über den Realzins verliert: Mit der allgemeinen Zinsregel i r p p p= + + −∗ ∗γ ( ) kann der angestrebte Realzins bei positiven Inflationsraten immer durch entsprechend höhere Nominalzinsen durchgesetzt werden; bei p p= ∗ wird so r∗ realisiert (Abbildung 4-31). Wegen der Null-Zins-Grenze der Geldpolitik (Abschnitt 3.1.3) kann der Realzins kann nur bis zu einer kritischen Rate der Inflation ′p abgesenkt werden, die sich aus der Zinsregel mit 0i = berechnen lässt (im obigen Beispiel ist 0p′ < ): ′ = + + ∗ ∗−p p r γ γ γ1 1 1 [4.47] Jenseits von ′p steigt der Realzins parallel mit der Deflationsrate an. Die Anpassung des Nominalzinses an Veränderungen des Geldwertes, die in der Inflation (u.U. mit Hilfe der Geldpolitik) gelingt (Abschnitt 2.1.3), versagt im Fall der Deflation. Ein Deflationsprozess kann bei Unterbeschäftigung außer Kontrolle geraten. Im folgenden Beispiel ist angenommen, dass nach einem Nachfragerückgang und einer Anpassung der Lohnpolitik die Position D erreicht wurde (Abbildung 4-32). Die Erfahrung der hier auf Null gesunkenen Inflation verschiebt dann die Angebotskurve nach 1sy . Die nach der Zinsregel weitergeführte überproportionale Nominalzinssenkung bewirkt bei nun absolut fallenden Preisen eine Zunahme der Nachfrage bis zu Punkt E. Hier ist die kritische Rate der Deflation erreicht, der Nominalzins wird Null. Die anhaltende Deflation hat deshalb ab hier einen Anstieg des Realzinses zur Folge, die Nachfragekurve knickt in E ab und erhält eine positive Steigung. Ein wachsendes Überschussangebot auf Güter- und Arbeitsmärkten beschleunigt den Verfall des allgemeinen Preisniveaus, und der damit steigende Realzins erzeugt einen weiteren Nachfragerückgang. Die Ökonomie befindet sich in der Deflationsfalle, aus der es allein mit zinspolitischen Mitteln keinen Ausweg gibt. Die Deflation geht mit Erwartungs- und Verhaltensänderungen der Akteure im Prozessverlauf einher. Daraus kann sich (wie in der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre) ein depressiver Zirkel entwickeln: p r i p* r r* p*−p' i r* r } Abbildung 4-31: Realzins mit Null-Grenze des Nominalzinses 178 4. Geldpolitik und Realwirtschaft • Laufende Investitions- und Produktionsprozesse, die auf der Erwartung konstanter Preise basierten, werden aufgrund der fallenden Preise unrentabel. Die Unternehmen machen Verluste und ihre reale Schuldenlast steigt. • Demzufolge treten Schwierigkeiten bei der Rückzahlung fälliger Schulden auf. Bei Bankrotten der Schuldner erleiden die Gläubiger Vermögensverluste, die ihre deflationsbedingten Realkassengewinne übersteigen können − mit entsprechenden Konsequenzen für ihren vermögensabhängigen Konsum. Unterbrechungen in Zahlungskreisläufen und Kreditketten bewirken Liquiditätskrisen und Bankzusammenbrüche mit nachfolgenden negativen Multiplikatoreffekten auf dem Gütermarkt. • Die Verschuldungsneigung geht zurück und Planungen für neue Investitionsprojekte werden zurückgestellt. Die Investitionstätigkeit kommt nicht nur wegen steigender Realzinsen, sondern auch wegen der deflationsbedingten Abnahme der unternehmerischen Ertragserwartungen zum Erliegen. Ein fortlaufender Preisverfall bedeutet, dass die zukünftigen Verkaufserträge relativ hinter den heutigen Kosten bei der Erstellung von Produktionsanlagen zurückbleiben. Eine Rentabilität der Projekte wäre u.U. nur bei einem negativen realen Zinssatz gewährleistet. • Der langfristige Nominalzins bleibt oft positiv, weil die steigende Kreditnachfrage zur Bedienung von Altschulden auf eine erhöhte Liquiditätspräferenz der Vermögensbesitzer trifft. Die Geldhaltung entwickelt sich zur dominanten Investitionsstrategie, weil diese nun eine pekuniäre Ertragsrate in Höhe der Deflationsrate abwirft. Da der Wert des Geldes in Relation zu den Gütern steigt, führt die Deflation somit zu einer "Flucht aus den Gütern ins Geld". Die Folge ist ein Anstieg des realen Finanzmarktzinses, was in Verbindung mit der deflationsbedingt sinkenden oder negativen Ertragsrate auf Sachkapital einen kontraktiven Effekt auf die gesamte Wirtschaftsaktivität ausübt. y0 B A ys0 ys1 E y0 d y1 d p p0 − p' D Abbildung 4-32: Übergang in die Deflation bei anhaltender Unterbeschäftigung 4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit 179 • Da die Unternehmen Geldvorschüsse im laufenden Produktionsprozess wiederum in Geld zurückzuerstatten haben, werden sie − wenn die Deflation in ihre Erwartungen eingeht − Produktion und Beschäftigung verringern. Damit wird der Konsum aus Lohneinkommen weiter sinken. Die Deflation [...] bedeutet Verarmung für die Arbeiterschaft und das Unternehmertum, indem sie die Unternehmer in ihrem Streben, sich Verluste zu ersparen, zur Einschränkung der Produktion führt; sie ist daher vernichtend für den Arbeitsmarkt. John Maynard Keynes (1923: 39) Die geldpolitische Schlussfolgerung ist, die Entstehung von Deflationserwartungen und anhaltende Preissenkungen unbedingt zu vermeiden. Die Notenbank sollte mit aktiven Realzinssenkungen rechtzeitig die Nachfrage stabilisieren. Auch die Wahl der Zielinflationsrate ist wichtig: Der maximale Spielraum für eine Senkung des Nominalzinses ist von einem Gleichgewicht ausgehend durch die Summe (r p∗ ∗+ ) gegeben (Abbildung 4-31). Je höher demnach p∗ angesetzt wird, desto später wird die kritische Inflations- bzw. Deflationsrate 'p erreicht, ab der die Zinspolitik an ihre Grenzen stößt. Ist dagegen bereits eine Stagnation oder Deflation eingetreten, so wird die Ankündigung eines höheren Inflationsziels möglicherweise wenig bewirken: • Ihre Glaubwürdigkeit ist gering, da die Notenbank schon die anhaltende Verletzung des bisherigen Inflationsziels nicht verhindern konnte. • Erwarten die Marktakteure jedoch tatsächlich eine höhere Inflation, so kann der Fisher- Effekt auf den Nominalzins die erwünschte Wirtschaftserholung behindern. Eine Steigerung der Bankkreditvergabe ist nur schwer zu erreichen, weil bei fallenden Preisen die Ertragsaussichten der Unternehmen gering sind und die Banken die hohen Risiken von Forderungsausfällen berücksichtigen müssen. Zinspolitik reicht daher in einer tiefen Deflation nicht mehr aus und sollte durch eine direkte Offenmarktpolitik mit langfristigen Wertpapieren ergänzt werden, die ein positives Geldmengenwachstum anstrebt. Dadurch kann die Notenbank versuchen, die Liquiditätsausstattung der Wirtschaftssubjekte so zu erhöhen, dass sie aus portfoliotheoretischen Gründen zur Güternachfrage motiviert werden (Abschnitte 2.2.2, 3.1.3). Sinnvoll ist eine Verknüpfung dieser Offenmarktpolitik mit einem Deficit Spending. In Extremfällen können einseitige Geldtransfers der Notenbank an öffentliche und private Wirtschaftssubjekte durchgeführt werden (Money Rain). Im Vergleich zu Offenmarktgeschäften tritt dabei ein Vermögenszuwachs der Wirtschaftssubjekte ein. Auch bei vorherrschenden Deflationserwartungen ist dann mit einer Zunahme der Güternachfrage zu rechnen. Die Lohnpolitik sollte auch bei anhaltender Unterbeschäftigung keine allgemeinen absoluten Lohnsenkungen zulassen. Die Rigidität der Nominallöhne nach unten stellt keine Marktunvollkommenheit, sondern eine makroökonomische Stabilitätsbedingung der Geldwirtschaft 180 4. Geldpolitik und Realwirtschaft dar. In der Vergangenheit sank bei steigender Arbeitslosigkeit in den entwickelten Industrieländern oft nur die Wachstumsrate der Nominallöhne, nicht ihr Niveau. Die gegenwärtigen Tendenzen einer Arbeitsmarktflexibilisierung, einer Erosion der Gewerkschaften sowie der Übergang zu betriebsbezogenen Lohnabschlüssen können jedoch dazu führen, dass sich die Reaktion der Löhne auf Änderungen im Beschäftigungsgrad − in beiden Richtungen − wieder verstärken wird. 4.5.2 Nachfragepolitik bei struktureller Arbeitslosigkeit: der Verlauf der langfristigen Phillips-Kurve Es war ein zentrales Ergebnis der Phillips-Kurven-Diskussion (Abschnitt 4.3.1), dass strukturelle Arbeitslosigkeit nicht mit expansiver Nachfragepolitik, sondern allenfalls mit Maßnahmen zur Arbeitsmarktflexibilisierung zu bekämpfen sei. Die Begründung war, dass in dieser Konstellation eine Nachfragesteigerung ein Arbeitsmarktungleichgewicht mit der Folge von Lohn- und Preissteigerungen hervorrufen muss: Die Besetzung insbesondere technisch hochwertiger Arbeitsplätze mit nicht einschlägig qualifizierten Arbeitskräften bedeutet einen Produktivitätsverlust, der sich in einer Kosten- bzw. Preisniveauerhöhung niederschlägt. Aufgrund dieser Problemlage der Unternehmen steigt die Marktmacht der besser qualifizierten Beschäftigten; sie können u.a. über Abwanderungsdrohungen Lohnsteigerungen durchsetzen, die tendenziell in die Absatzpreise überwälzt werden. Die durch die strukturelle Arbeitslosenquote bestimmte NAIRU kann jedoch von der makroökonomischen Nachfrageentwicklung selbst abhängig sein (Abschnitte 4.4.1, 4.4.2). Eine zu einem bestimmten Zeitpunkt konstatierte gleichgewichtige Arbeitslosigkeit muss somit nicht auf originär mikroökonomischen Faktoren beruhen, sondern kann auch die Spätfolge eines konjunkturellen Beschäftigungseinbruchs sein. Eine Abgrenzung der strukturell Arbeitslosen von den marktfähigen Arbeitskräften ist unabhängig vom Stand der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage kaum möglich, da sich praktisch jedes Niveau konjunktureller Unterbeschäftigung mit der Zeit in strukturelle Arbeitslosigkeit verwandelt, wenn eine Nachfrageerholung ausbleibt. Noch unbestimmter wird die Kategorie struktureller Arbeitslosigkeit, wenn man die Annahme homogener Arbeitskräfte fallen lässt. Faktisch lassen sich auch unter den Beschäftigten (trotz einheitlichem Lohn) Unterschiede im Hinblick auf Qualifikation und Leistungsfähigkeit finden. Probleme des Matching von Arbeitsplatzanforderungen und Qualifikationsprofilen treten somit prinzipiell auch bei Vollbeschäftigung auf. Die Redeweise von einer strukturellen Arbeitslosigkeit weist so im Kern auf mikroökonomische, betriebsinterne Effizienzprobleme hin, die sich im Zuge einer Beschäftigungssteigerung zeigen können. Dies kann jedoch kein grundsätzliches Argument gegen eine expansive Nachfragepolitik sein, da die Alternative − z.B. ein arbeitsmarktpolitisches Qualifikationsprogramm gegen strukturelle Arbeitslosigkeit − zwar den Substitutionsprozess zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen fördert, direkt jedoch das Beschäftigungsvolumen nicht erhöht. 4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit 181 Eine wirtschaftspolitisch oder marktendogen bewirkte Nachfragesteigerung, die auf ein quantitativ ausreichendes und strukturell richtig qualifiziertes Arbeitsangebot trifft, stellt eine Ausnahmekonstellation dar. Faktisch werden sich am Arbeitsmarkt immer partielle Angebotsbeschränkungen zeigen. Diese lassen sich jedoch gerade − und vielleicht nur − im Prozess der Wiederbeschäftigung auflösen. Der Hysteresis-Effekt kann auch in expansiver Richtung wirken. Mittels einer Nachfrageexpansion kann auch eine Verringerung der (partiell endogenen) strukturellen Arbeitslosenquote gelingen, indem die Neu- oder Wiederbeschäftigten verlorengegangene und neue Kenntnisse und Fähigkeiten schrittweise "on the job" (wieder-) erwerben. Eine z.B. von Preisstabilität bei hoher struktureller Arbeitslosigkeit ausgehende Nachfrageexpansion (Bewegung A → C in Abbildung 4-33) setzt zwei Marktprozesse in Gang: • Zum einen kommt es neben knappheitsbedingten auch zu erwartungsbedingten Preissteigerungen (A → D). • Zum anderen stellen die Unternehmen bei Übernachfrage auch solche Arbeitskräfte ein, die sie ansonsten als ungeeignet abgelehnt hätten ("strukturell" Arbeitslose). Mit einer vollständigen Requalifikation während ihrer Beschäftigung könnten diese Arbeitskräfte wieder in das marktfähige Arbeitspotenzial integriert werden, wodurch die NAIRU von 0u∗ auf 1u∗ sinkt (A → B). Das sich im Markt durchsetzende Ergebnis hängt von der relativen Stärke und Geschwindigkeit beider Prozessfaktoren ab. Das Szenario einer akzelerierenden Inflation ohne Beschäftigungsgewinne stellt einen Spezialfall dar. Ebenso ist eine endogene Erweiterung des Arbeitspotenzials möglich, wobei ein dauerhaft größeres Output- und Beschäftigungsniveau bei einer zwar höheren, aber nicht akzelerierenden Inflationsrate erreicht wird (faktisch handelt es sich um die Umkehrung des in Abbildung 4-22 illustrierten Falles einer restriktiven Nachfragepolitik bei Hysteresis). Das keynesianische Konzept einer Beschäftigungspolitik entlang einer links geneigten Phillips-Kurve wird damit bei einer variablen NAIRU bestätigt: Die anfängliche Überbeschäftigung wandelt sich zur Vollbeschäftigung und Punkt C stellt ein makroökonomisches Gleichgewicht (bei positiver, erwarteter Inflation) dar. uu0∗u1∗ AB C D p p1 Abbildung 4-33: Expansive Geldpolitik bei Hysteresis 182 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Vergleicht man die hierbei auftretenden Wohlfahrtsgewinne und -verluste, so spricht bei einer niedrigen Inflationsrate und hoher Arbeitslosigkeit im Ausgangspunkt einiges für den Einsatz einer expansiven Geldpolitik. Die Wirtschaftspolitik kann parallel zur Nachfrageexpansion dazu beitragen, die Realisierung dieses günstigen Szenarios zu fördern: • Die Beschäftigung von "strukturell" Arbeitslosen hat gesamtwirtschaftlich positive externe Effekte (eine niedrigere NAIRU). Deshalb könnte man den Unternehmen ein Teil der Kosten ersetzen, die mit der Einstellung und Ausbildung von Arbeitslosen anfallen. • Ein Stabilitäts- und Beschäftigungspakt könnte auf einkommenspolitischem Wege den Lohn- und Preisauftrieb bremsen, indem sich die Gewerkschaften als Gegenleistung zur expansiven Geldpolitik eine Zeitlang eine besondere Lohnzurückhaltung auferlegen. • Schließlich könnten staatliche Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen dafür sorgen, dass die individuellen Wiederbeschäftigungschancen der Arbeitslosen steigen. Die Rückverwandlung von "strukturell" Arbeitslosen in ein beschäftigungsfähiges Arbeitspotenzial ist schwierig, aber nicht unmöglich. Empirisch hat sich gezeigt, dass bei anhaltendem Wirtschaftswachstum auch eine verfestigte Arbeitslosigkeit von der Nachfrageseite wieder aufgelöst werden kann (Box 4-6). Wenn man aber die Arbeitslosen nicht ökonomisch reaktivieren kann, so wirkt der Hysteresis-Effekt asymmetrisch: Einem endogenen Anstieg der strukturellen Arbeitslosenquote bei Unterbeschäftigung steht nicht in gleicher Weise ein aus dem Marktmechanismus resultierender Reintegrationsprozess der Arbeitslosen gegen- über. Daraus ergibt sich eine Neubewertung des stabilitätspolitischen Ziels der Vollbeschäftigung: Die Kosten von Arbeitslosigkeit bestehen nicht nur in einem kurzfristigen Verzicht auf Realeinkommen, sondern auch in der Gefahr der Herausbildung einer höheren strukturellen Arbeitslosigkeit, wodurch sich die langfristigen Wachstums- und Beschäftigungsmöglichkeiten der Volkswirtschaft vermindern. Box 4-6: Das britische "Beschäftigungswunder" In den 1970er Jahren wurde Großbritannien wie die übrigen Länder der westlichen Welt von Ölpreis- und Lohnschocks betroffen. Sie hatten eine sehr starke Zunahme der Inflation zur Folge. Der allgemeine Zustand der englischen Volkswirtschaft galt damals als schlecht: Die "britische Krankheit" wies folgende Merkmale auf: ein wenig kooperatives gesellschaftliches Klima, ein schwaches Produktivitätswachstum und eine wenig effiziente Organisationsstruktur der Gewerkschaftsbewegung. Die Unternehmen mussten mit einer Vielzahl konkurrierender Einzelgewerkschaften verhandeln. Die Lohnpolitik zeigte wenig gesamtwirtschaftliche Verantwortung und die Streikbelastung war hoch. Nach einem Regierungswechsel wurden in den 1980er Jahren grundlegende angebotspolitische Reformen durchgesetzt. Der Einfluss des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen wurde begrenzt, Märkte wurden dereguliert, staatliche Dienste privatisiert. Die bislang starke Stellung der Gewerkschaften wurde gesetzlich beschränkt, die sozialen Unterstützungszahlungen wurden relativ zu den Markteinkommen abgesenkt. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung blieb jedoch un- 4.5 Geldpolitik bei Arbeitslosigkeit 183 befriedigend. Wie auch in Deutschland war der Prozess der Disinflation mit einer deutlichen Zunahme der Arbeitslosigkeit verbunden (Abbildung 4-34). 0 5 10 15 20 25 0 2 4 6 8 10 12 '61 '71 '75 '80 '86 '90 '93 p u '00 Phillips-Kurven- Konstellation in Großbritannien, 1961-2000 Abbildung 4-34: -2 2 6 10 14 Kapitalmarktzins Wirtschaftswachstum Geldmarktzins -8 -4 0 4 8 12 1990 1992 1994 1996 1998 2000 30 40 50 60 70 80 90 100 110 Realer Wechselkurs Index 2000 = 100 (rechts) Budgetsaldo / BIP (links) xx xx Abbildung 4-35: Zinsen, Wachstum Budgetpolitik in Wechselkurs und Großbritannien Nach einer tiefen Wirtschaftskrise ging die Wirtschaftspolitik zu Beginn der 1990er Jahre zu einer Nachfrageförderung über (Abbildung 4-35): Die Zinsen wurden kräftig gesenkt, das Budgetdefizit erreichte einen Wert von 8 %; die Exportnachfrage profitierte von einer realen Abwertung der Währung (zu den Wirkungsmechanismen der Wechselkurspolitik siehe Abschnitt 6.2). Die auf über 10 % gestiegene Arbeitslosigkeit konnte so nach 1993 halbiert werden. Bemerkenswert 184 4. Geldpolitik und Realwirtschaft ist, dass die Inflation dabei sogar weiter zurückgeführt werden konnte (Abbildung 4-34) das Ergebnis einer nun zurückhaltenden Lohnpolitik. Das Beispiel der Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien zeigt die hohe Erfolgswirksamkeit eines kombinierten Einsatzes von Nachfrageund Angebotspolitik. Beide Politikansätze stellen keineswegs eine Alternative dar, sondern können sich in sinnvoller Weise ergänzen. Zusammenfassung 4.5.1 Bei Unterbeschäftigung und flexiblen Löhnen und Preisen kann eine Deflation eintreten. Eine Null-Untergrenze für den Nominalzins bedeutet bei anhaltender Deflation einen endogenen Anstieg des Realzinses und führt zu einer kumulativ instabilen Entwicklung. In der Deflation verstärkt sich die Vermögensumverteilung von Schuldnern zu Gläubigern. Schuldner werden zahlungsunfähig, Kreditketten brechen zusammen; die zunehmende Geldhaltung als in der Deflation profitabelste Investitionsstrategie kann die Wirtschaft über eine Liquiditätskrise in den Zusammenbruch treiben. In der Deflation sollte die Notenbank das Geldmengenwachstum über eine Offenmarktpolitik in langfristigen Titeln fördern und dadurch eine expansive Fiskalpolitik unterstützen. Die Lohnpolitik sollte keine absoluten Lohnkürzungen zulassen. 4.5.2 Auch bei struktureller Arbeitslosigkeit kann eine expansive Nachfragepolitik zu einer dauerhaften Beschäftigungssteigerung führen, wenn eine Flexibilität des Arbeitsmarktes gesichert ist und zusätzliches Arbeitspotenzial im Produktionsprozess qualifiziert wird. Temporär entstehen jedoch Effizienzverluste in den Unternehmen, die einen Kosten- und Preisdruck bewirken. Für die Arbeitsmarktpolitik ergibt sich die Aufgabe, der Dequalifizierung der Arbeitslosen entgegenzuwirken und sich an den unternehmerischen Kosten der Wiedereingliederung von Arbeitslosen in das Beschäftigungssystem zu beteiligen. Oft ist der Hysteresis-Effekt jedoch asymmetrisch; die Wiedereingliederung von strukturell Arbeitslosen misslingt. Der Stellenwert des Vollbeschäftigungsziels nimmt damit zu, weil seine Verletzung auch langfristige Kosten mit sich bringt. Literatur und zitierte Quellen zu Kapitel 4 Ball, L. (1991): The Genesis of Inflation and the Costs of Disinflation. Journal of Money, Credit, and Banking, 23, 439-452. Ball, L. (1997): Disinflation and the NAIRU. In: Romer, C. D. / Romer, D. H., Hg.: Reducing Inflation Motivation and Strategy. Chicago, 167-185. Ball, L. (1999): Aggregate Demand and Long-Run Unemployment. Brookings Papers on Economic Activity, 2, 189-251. Blanchard, O. J. (1991): Wage Bargaining and Unemployment Persistence. Journal of Money, Credit, and Banking, 23, 277-292. Blanchard, O. J. / Illing, G. (2009): Makroökonomie. 5. Aufl. München. Kap. 6, 8-9, 23, 28. Bofinger, P. (2001): Monetary Policy Goals, Institutions, Strategies, and Instruments. Oxford, Kap. 5. 6 12 24 41 _S pa hn - B g 6

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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.