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4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 152 - 171

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_152

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4.2 Das makroökonomische Standardmodell 141 Inflationserwartungen; mit steigenden Inflationserwartungen verschiebt sie sich nach oben. Ein Gleichgewicht verlangt die Übereinstimmung von erwarteter und tatsächlicher Inflationsrate. Dies ist nur möglich, wenn die konjunkturelle gleich der strukturellen Arbeitslosenquote (der NAIRU) ist. Unter diesen Bedingungen gibt es nur kurzfristig eine Wahl zwischen Inflation und Beschäftigung. 4.2.3 Das makroökonomische Standardmodell besteht aus einer Güterangebots- und einer Güternachfragefunktion. Erstere ist aus der Phillips-Kurve entwickelt. Hier hängt die Inflationsrate von einer autonomen Komponente, insbesondere den Inflationserwartungen, und einer outputabhängigen Komponente ab; diese drückt den mit dem Beschäftigungsgrad wachsenden Lohndruck aus. Die Güternachfrage hängt neben autonomen Größen, insbesondere den Staatsausgaben, vom Realzins ab. Eine Geldmarktgleichung kann weggelassen werden, wenn die Geldmenge endogen ist und nicht selbst ein unmittelbares Argument in der Angebots- und Nachfragefunktion darstellt. Da die Inflation mit der Produktion und die Nachfrage mit der Inflation zunimmt, ist dieses Gütermarktsystem ohne eine korrigierende Zinspolitik dynamisch instabil. 4.2.4 Eine stabilisierende Zinspolitik kann die Form einer Reaktionsfunktion annehmen, die aus zwei Komponenten besteht. Die Notenbank setzt den kurzfristigen Geldmarktzins zunächst so, dass unter Berücksichtigung der laufenden Inflationsrate ein gleichgewichtiger Realzins erreicht wird. Das ist der Zins, bei dem der Güter- und Arbeitsmarkt langfristig geräumt ist; die Höhe dieses Zinses muss theoretisch oder aus empirischer Erfahrung ermittelt werden. Darüber hinaus muss der Notenbankzins auf Abweichungen der Inflation von ihrem Zielwert reagieren. Dabei sind aus stabilitätspolitischen Gründen überproportionale Nominalzinsänderungen notwendig (Taylor-Prinzip); eine unerwünschte Inflation wird so über einen steigenden Realzins bekämpft. 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 4.3.1 Monetäre Nachfrageexpansion bei Vollbeschäftigung: Lohnanpassung mit adaptiven Erwartungen Im Folgenden werden dynamische Anpassungsprozesse von Output und Inflation untersucht, die nach Angebots- oder Nachfragestörungen auftreten können. Dabei gilt weiterhin g g= ∗ und 0y p∗ ∗= = . Für den Verlauf der makroökonomischen Anpassungsprozesse ist die Art der Erwartungsbildung im privaten Sektor bedeutsam (Box 3-4). Es wird unterstellt, dass die Akteure angesichts der hohen Informationskosten strikt rationaler Erwartungsbildung einer keineswegs irrationalen und empirisch sinnvollen Faustregel folgen: Weil sich die Inflation selten in großen Sprüngen verändert, gehen sie davon aus, dass die Inflationsrate der laufenden Periode in etwa derjenigen der Vorperiode entspricht (quasi-rationale Begründung adaptiver Erwartungen). Mit der so begründeten Annahme 1et tp p −= ist die Angebotsfunktion p p y ye= + − ∗α ( ) [4.10] gegeben durch 1t t tp p yα−= + [4.16] 142 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Nachfrage- und Angebotsschocks werden zunächst ausgeblendet. Das erste Untersuchungsthema ist der Fall einer geldpolitischen Nachfrageexpansion. Die oben vorgestellte Zinsregel [4.12] lässt der Notenbank kaum einen diskretionären Entscheidungs- und Handlungsspielraum: Der gleichgewichtige Realzins r∗ ist in der Praxis schwierig zu bestimmen (Abschnitt 5.3.2) eine Abweichung von einem als richtig eingeschätzten Realzins ist jedoch schwer zu begründen. Der Reaktionskoeffizient γ bietet größere Freiheiten, ist aber formal an Änderungen der Inflation gekoppelt. Um die Auswirkungen rein diskretionärer Zinsänderungen zu prüfen, wird deshalb eine Variable δ t in die Zinsgleichung eingefügt, die eine Abweichung des Zinssatzes von der Basisregel darstellt. Mit dieser Modifikation ergibt sich folgende Zinsregel: ( )1t t ti r pγ δ∗= + + + [4.17] Durch Einsetzen dieser Zinsregel und der Realzinsbestimmung r g∗ = β [4.13] in die Nachfragefunktion ( )y g i pβ= − − [4.11] verändert sich diese zu y pt t t= − −β γ β δ [4.18] Abbildung 4-9 zeigt die Güternachfragefunktion in ihrer Abhängigkeit vom Realzins (a) und vermittelt über die Zinsreaktion der Notenbank von der Inflationsrate (b). Wenn die Notenbank mit einer einmaligen Zinssenkung ( 0tδ < ) eine Beschäftigungsförderung anstrebt und den Realzins von r∗ auf 1r senkt, nimmt die Güternachfrage zu (A' → B' bzw. 0 → B). Im Inflation-Output-Diagramm verschiebt sich die Nachfragekurve [4.18] nach rechts zu 1 dy . Zugleich ist angenommen, dass die Notenbank an ihrer Regel festhält, mit 0γ > auf steigende Inflation zu reagieren. Deshalb wird der Zinssatz schrittweise wieder angehoben. Die anfängliche Zinssenkung erzeugt auf dem Güter- und Arbeitsmarkt eine Übernachfrage. Zur Vereinfachung ist angenommen, dass die Unternehmen bei noch nicht voll ausgelasteten Kapazitäten Spielraum für eine Produktionssteigerung haben und dass der Gewinnaufschlag auf die Produktionskosten konstant bleibt. Mit dem Beschäftigungsgrad wächst jedoch der Lohndruck. Die damit verbundene Kostensteigerung wird in Preissteigerungen weitergegeben. Die erwartete Inflationsrate ist allerdings noch gleich Null. Der Schnittpunkt von 1dy mit der unveränderten Angebotsfunktion 0sy zeigt ein temporäres Gleichgewicht C mit einer auf 1p gestiegenen Inflationsrate. Wird die Inflationsrate 1p allgemein registriert, ändert sich die Geschäftsgrundlage des Lohnbildungsprozesses. Bei adaptiven Erwartungen wird von nun an 1p erwartet und in einen neuen Tarifvertrag eingebracht. Damit wird das zweite, unabhängig vom Beschäftigungsgrad wirkende Inflationselement aktiv. Die geforderten Nominallohnsteigerungen liegen nun allgemein im Niveau höher. Die Angebotsfunktion [4.16] verschiebt sich um den Betrag der ab jetzt erwarteten Inflationsrate 0D nach oben und verläuft als 1sy durch DE. Die Angebotskurve bewegt sich im dynamischen Prozess stets in die Gleichgewichtslage, in der bei p pe = Vollbeschäftigung besteht, also hier bei 0y y∗= = . Sie orientiert sich an 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 143 demjenigen Outputniveau, das die Knappheitskomponente der Lohnentwicklung bei Null hält; sie hat deshalb ihren Bezugspunkt auf der Vollbeschäftigungslinie. Im Anpassungsprozess verläuft sie hier (bei adaptiven Erwartungen) stets durch den Punkt der vorherigen Inflationsrate. Aus jedem temporären Gleichgewicht findet sich daher die neue Lage der Angebotskurve durch eine Horizontale zur y∗ -Linie. Der zusätzliche, erwartungsbedingte Kostendruck führt zu einer nun angebotsseitigen Erhöhung der Inflationsrate. Bleibt die Notenbank bei ihrem durch die Zinsregel [4.17] beschriebenen Kurs, so wird sie den (Real-) Zins erhöhen. Damit kommt es entlang der Nachfragekurve 1dy zu einem Nachfragerückgang. Das neue temporäre Gleichgewicht ist E. Abermals ist hier die Inflation höher als erwartet, was eine erneute Anpassung der Lohnpolitik nach sich zieht. Die Angebotsfunktion verschiebt sich in den folgenden Perioden bei immer wieder enttäuschten Inflationserwartungen schrittweise nach oben. Der Prozess setzt sich entlang der Nachfragefunktion 1dy fort, bis A erreicht ist. Hier ist der Anpassungsprozess abgeschlossen. Im neuen Gleichgewicht ist das alte Outputniveau wiederhergestellt, jedoch bei einer nun positiven Inflationsrate 2ep p= . Auch der Realzins hat in A wieder sein Ausgangsniveau r∗ erreicht. Deshalb muss der Nominalzins entsprechend stärker erhöht worden sein, nämlich auf 2i r p∗= + , um diesen Realzins durchzusetzen (Abbildung 4-10). Wegen 0γ > steigt der Nominalzins nach 0t , dem Zeitpunkt der diskretionären Zinssenkung, schneller als die Inflationsrate. Die Stabilität des Anpassungsprozesses zum Gleichgewicht hängt von dieser Bedingung ab (Box 4-3). Unter- = y D 0y s0 y s1 y s2 y0d y1 d (b)p p1 p2 B E A 0ep = 1pep p2ep = A' y (a)y rd ( ) B' r r* r1 C Abbildung 4-9: Expansive Geldpolitik bei adaptiven Erwartungen 144 4. Geldpolitik und Realwirtschaft nimmt die Notenbank nach Abschluss des Anpassungsprozesses in A nichts, um zur ursprünglichen Zielinflation 0p∗ = zurückzukehren, so gilt nun faktisch 2p p∗ = . Das Ergebnis der anfänglichen Realzinssenkung durch die Notenbank ist eine nur temporäre Mehrbeschäftigung, jedoch eine dauerhaft (d.h. bis zu einer geldpolitischen Korrektur bestehende) höhere Inflationsrate. Die Geldpolitik kann die Beschäftigung über das Arbeitsmarktgleichgewicht bei y∗ hinaus nur erhöhen, solange eine unveränderte Inflationserwartung besteht. Jede Angebotskurve gilt nur bei gegebener Inflationserwartung. Wenn es jedoch bei einer Übernachfrage zu einer Änderung der Inflation kommt, werden falsche Inflationserwartungen früher oder später korrigiert. Die vertikale Verbindungslinie aller Gleichgewichtspunkte 0, D, A, ... (Abbildung 4-9) wird als langfristige Angebotskurve bezeichnet (im Inflation-Arbeitslosigkeit-Diagramm der Abbildung 4-5 entspricht dies einer langfristig vertikalen Phillips-Kurve). Langfristig besteht so keine Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation, sondern nur zwischen wenig oder viel Inflation. Der Versuch, Produktion und Beschäftigung dauerhaft über dem Gleichgewichtsniveau y∗ zu halten, führt zu einer sich ständig beschleunigenden Inflation; y∗ stellt somit das inflationsstabile Outputniveau dar, es korrespondiert zur NAIRU (Abschnitt 4.2.2). Jeder Punkt auf der Vertikalen kann ein langfristiges Gleichgewicht darstellen, das durch die Bedingung ep p= bestimmt ist. Sowohl Keynes (1936: 245) als auch Friedman (1968) betonten, dass eine Nachfrageexpansion bei Vollbeschäftigung nur zu einer Lohn- und Preisinflation führt. Dennoch verteidigten die Keynesianer lange Zeit gegen die Monetaristen die These auch anhaltender Beschäftigungseffekte expansiver Makropolitik. Ihre Argumente waren: • die praktische Unschärfe des gleichgewichtigen Beschäftigungsgrades, d.h. die empirisch schwierige Unterscheidung zwischen konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit (Abschnitt 4.4.1), und • die früher oft nicht vollständige Reaktion der Nominallöhne auf Preissteigerungen. Dies wird als Geldillusion bezeichnet: Die Arbeitnehmer registrieren nicht, dass Nominallohnsteigerungen in realer Rechnung durch Preissteigerungen wieder z.T. entwertet werden; sie verwechseln also den Nominal- mit dem Reallohn. Die Inflationserfahrung hat t r i r ip r* t0 p Abbildung 4-10: Entwicklung von Zinsen und Inflation nach expansivem Zinsimpuls 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 145 diesen Mangel an ökonomischer Rationalität weitgehend beseitigt: Inflationserwartungen gehen heute zumeist in die Lohnforderungen ein. Box 4-3: Die Stabilität des Anpassungsprozesses Die Frage, unter welchen Bedingungen der in Abbildung 4-9 illustrierte makroökonomische Prozess zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht konvergiert, lässt sich auch analytisch untersuchen. Zu diesem Zweck wird das oben verwendete Makromodell ( ) ( ) 1 t t t t t t t t t t y g i p p p y i r p p p α β γ δ − ∗ ∗ = − − = + = + + − + [4.19] mit r g∗ = β auf eine Differenzengleichung für die Inflationsrate reduziert: ( )111 1t t tp p p α β γ δ α β γ α β γ ∗ −− = −+ + [4.20] Nach der in Box 2-3 vorgestellten allgemeinen Lösungsgleichung [2.18] ergibt sich unter der Annahme, δ δt = sei eine einmalige, dann beibehaltene Änderung des seitens der Notenbank angestrebten Zinsniveaus, der Gleichgewichtswert tp p δ γ ∗= − [4.21] Mit diesem Wert für die Inflationsrate erhält man aus [4.19] auch den Gleichgewichtswert für den Output 0ty = . Die Stabilitätsbedingung lautet für die Gleichung [4.20] 1 1 0 1 γ α β γ < ⇒ > + [4.22] 4.3.2 Rationale Erwartungen: realwirtschaftliche Wirkungslosigkeit der Geldpolitik? Die eingangs dieses Kapitels gestellte Frage nach der Neutralität des Geldes wird nun nochmals aufgegriffen. Betrachtet man den oben geschilderten Prozess einer expansiven Geldpolitik, so ist zu vermuten, dass die Wirtschaftssubjekte das Muster einer solchen makroökonomischen Entwicklung erkennen und entsprechende Schlüsse für ihr Marktverhalten ziehen. Damit könnte der Inflationsprozess bei rationalen Erwartungen einen anderen Verlauf nehmen. Eine anfängliche Zinssenkung löst hier direkt (höhere) Inflationserwartungen aus, weil die Wirtschaftssubjekte das Marktergebnis des ablaufenden Prozesses antizipieren: Es sei angenommen, dass die Akteure die volkswirtschaftliche Lage richtig einschätzen können und auf der Grundlage der oben skizzierten theoretischen Wirkungszusammenhänge 146 4. Geldpolitik und Realwirtschaft den Marktprozess gedanklich simulieren. Die Löhne werden dann unmittelbar infolge der gestiegenen Inflationserwartungen erhöht (und nicht wie bei adaptiven Erwartungen zunächst infolge des temporären Nachfrageüberschusses am Arbeitsmarkt). Eine direkte Überwälzung dieser Lohnsteigerung in die Preise schließt sich an. Mit der wahrgenommenen Zinssenkung 0tδ < verschiebt sich die Angebotsfunktion sofort nach oben in die Position 2 sy , da die Inflationsrate 2p erwartet wird (Abbildung 4-9). Die Notenbank muss nun auf die sprunghaft gestiegene Inflationsrate mit einer überproportionalen Zinserhöhung reagieren, damit das Nachfrageniveau stabilisiert werden kann. Dann bleibt jeglicher Mengeneffekt aus und die Produktion verharrt bei y∗ . Es kommt zu einem direkten Übergang 0 → A. Dieses Ergebnis lässt sich auch analytisch anhand des obigen Modells demonstrieren. Um möglichst allgemeine Lösungen zu erzielen, wird die Normierung 0y p∗ ∗= = aufgehoben und Marktstörungen, d.h. Angebots- und Nachfrageschocks, werden wieder berücksichtigt. Neben die Angebotsfunktion [4.10] tritt eine Nachfragegleichung, die sich aus der Funktion y g i p d= − − +β ε( ) [4.11], der Zinsregel i r p p p= + + − +∗ ∗γ δ( ) und der Realzinsdefinition r g y∗ ∗ ∗= −( ) β [4.13] ergibt: ( ) ( ) e s d p p y y y y p p α ε β γ β δ ε ∗ ∗ ∗ = + − + = − − − + [4.23] In den beiden Gleichungen gibt es drei Unbekannte, da neben y und p auch pe als Variable auftritt. Will man die Inflationserwartung pe nicht als bloßen Parameter behandeln, muss sie endogen bestimmt werden. Eine Möglichkeit besteht wie erwähnt in der Hypothese adaptiver Erwartungen mit 1et tp p −= . Rationale Erwartungen bedeuten, dass die Marktakteure die Funktionsweise des makroökonomischen Systems verstehen (Box 3-4). Sie entwickeln eine Vorstellung über die Marktmechanismen einer Volkswirtschaft, d.h. sie legen ihren Erwartungen, Entscheidungen und Handlungen − mehr oder weniger explizit − eine ökonomische Theorie zugrunde. Wenn dabei die obigen Gleichungen (und ihr ökonomischer Hintergrund) als zutreffende Beschreibung des makroökonomischen Geschehens angesehen werden, so dienen sie auch als Muster der Erwartungsbildung. Die Struktur des theoretischen Modells prägt die Struktur der Erwartungen. Es handelt sich gleichsam um eine Verdopplung der ökonomischen Funktionsbeziehungen in einen wirklichen und einen vorgestellten Prozessablauf. Die erwarteten Marktbeziehungen werden so zu eigenständigen prozessbeeinflussenden Faktoren; formal wirken deshalb die "Erwartungsversionen" der obigen Gleichungen ( ) ( ) e e e e e e p p y y y y p p α β γ β δ ∗ ∗ ∗ = + − = − − − [4.24] bei der Lösung des Modells mit. Angenommen ist hier, dass die Werte für das Gütermarktgleichgewicht und das Inflationsziel der Notenbank den Marktakteuren bekannt sind. Die 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 147 Störgrößen ε s und ε d symbolisieren unsystematische, nicht antizipierbare Ereignisse, die auch mit rationalen Erwartungen nicht prognostiziert werden können; ihr Erwartungswert ist gleich Null. Die Antizipierbarkeit des diskretionären Politikeffekts δ bleibe zunächst offen. Informationsstand für die Erwartungsbildung einer Variable xt ist im allgemeinen das am Ende der Periode 1t − verfügbare Wissen. Die Lösung des Erwartungssystems [4.24] e e e y y p p δ γ ∗ ∗ = = − [4.25] bestätigt das Gütermarktgleichgewicht y∗ und zeigt, dass die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartung grundsätzlich am Inflationsziel der Notenbank orientieren vorauszusetzen ist dabei die Glaubwürdigkeit dieses Ziels (Abschnitt 5.4.2). Mit [4.25] kann man nun das Gleichungssystem [4.23] lösen. Zum einen sieht man, dass Preise und Output von Schocks betroffen sind, die durch Geldpolitik prinzipiell stabilisiert werden können (dies wird in den folgenden Abschnitten 4.3.4 und 4.3.5 genauer gezeigt): ( ) 1 1 1 1 e s d e d s p p y y β δ γ α β δ ε α ε α β γ α β γ δ δ ε β γ ε α β γ α β γ ∗ ∗ − + + = − + + + − = + + + + [4.26] Zum anderen zeigt sich ein markanter Unterschied zum Fall adaptiver Erwartungen: Dort war das Ergebnis, dass die Nachfragepolitik kurzfristig entlang einer gegebenen Angebotskurve Produktion und Beschäftigung erhöht, während langfristig die Gleichgewichtsarbeitslosigkeit nicht unterschritten werden kann. Bei rationalen Erwartungen hängen die Effekte der Makropolitik dagegen nicht von der Fristigkeit der Instrumentenwirkung ab, sondern davon, ob eine solche Politik erwartet wird oder nicht. Die Beschäftigung kann nur durch eine überraschende Zinspolitik, d.h. bei 0eδ = , gesteigert werden, nicht jedoch bei eδ δ= . In diesem letztgenannten Fall steigt die Inflationsrate nach [4.26] sofort auf p p δ γ∗= − . Der Preis- bzw. Inflationseffekt kann sogar bereits vor der Durchführung einer expansiven Politik − als bloßer Erwartungseffekt − eintreten: aufgrund der Vermutung, dass die Wirtschaftspolitik einen expansiven Kurs einschlagen könnte. Die Schlussfolgerung des Konzepts rationaler Erwartungen ist, dass jegliche systematische und daher vorhersehbare Makropolitik auch kurzfristig realwirtschaftlich wirkungslos bleibt. Produktion und Beschäftigung könnten allein durch nach dem Zufallsprinzip ausgewählte nachfragepolitische Aktionen beeinflusst werden; aber für solche Aktionen gibt es kaum eine Begründung. Gegen das vorstehende Modell und seine Schlussfolgerung einer realwirtschaftlichen Neutralität der Geldpolitik lassen sich einige kritische Punkte einwenden: 148 4. Geldpolitik und Realwirtschaft • Wenn die Geldpolitik selbst mit einer Unsicherheit über das richtige Modell einer Volkswirtschaft konfrontiert ist (Abschnitt 3.2.3), so wird dies auch für die Marktakteure gelten. Sie können deshalb die Konsequenzen von Notenbankentscheidungen nicht eindeutig antizipieren und können allgemein nicht davon ausgehen, dass die Marktmeinungen zu einem einheitlichen Modell konvergieren. • Auch im Hinblick auf die Daten besteht Unsicherheit: Es ist häufig unklar, ob die Konstellation der Volkswirtschaft noch reale Expansionsspielräume zulässt oder nicht, m.a.W. ob man sich diesseits oder jenseits von y∗ befindet. Deshalb neigen die Wirtschaftssubjekte zu einer adaptiven Erwartungsbildung; sie warten häufig die Erfahrungen von wirtschaftspolitischen Aktionen ab, um dann angemessen reagieren zu können. • Aus mikroökonomisch gut nachvollziehbaren Gründen sind viele Löhne und Preise relativ rigide, d.h. für bestimmte Zeitspannen festgeschrieben (Tarifverträge erhöhen die Planungssicherheit im Produktionsprozess). Eine sofortige Anpassung ist demnach nicht möglich, selbst wenn sie erwünscht wäre. • Der Nachweis einer auch kurzfristigen Wirkungslosigkeit expansiver Geldpolitik bei Vollbeschäftigung ist nicht sonderlich wertvoll, weil in einer solchen Situation ohnehin keine Beschäftigungsförderung angezeigt ist. Es bleibt zu untersuchen, ob die Geldpolitik zur Überwindung allgemeiner Unterbeschäftigung hilfreich ist (Abschnitt 4.5.2). 4.3.3 Der Fall der Disinflation: temporär unvermeidliche Beschäftigungsverluste Die vorangehende Schilderung expansiver Geldpolitik hat gezeigt, dass es in einer Volkswirtschaft zu einem Güter- und Arbeitsmarktgleichgewicht bei hoher Inflation kommen kann (z.B. Punkt A in Abbildung 4-9). In einem solchen Fall muss grundsätzlich ep p= = 0p∗ > gelten, d.h. • die laufende Inflationsrate wird von den Marktakteuren auch erwartet und ist in den Lohnverhandlungen berücksichtigt; und • sie stimmt mit dem Inflationsziel der Notenbank überein, die damit keine Veranlassung zu einem Kurswechsel in ihrer Zinspolitik hat. Mit der Zinsregel i r p p p= + + −∗ ∗γ ( ) [4.12], der Normierung 0y∗ = und der Realzinsdefinition r g∗ = β [4.13] erhält man bei Vernachlässigung von Schocks die Angebotsund Nachfragegleichungen p p y y p e p = + = −∗ α β γ β γ [4.27] Der Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung ist das Gleichgewicht in Punkt A mit der Inflationsrate 0p (Abbildung 4-11 b); im Realzins-Output-Diagramm entspricht dies dem Punkt A' (Abbildung 4-11 a). Nun sei angenommen, dass die Notenbank ihr Inflationsziel 5 12 24 41 _S pa hn - B g 5 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 149 von 0p p∗ = auf 0p∗ = absenkt. Gemäß der Zinsregel [4.12] bedeutet dies bei noch konstanter Inflationsrate 0p eine Anhebung des kurzfristigen Zinses; der Realzins steigt auf 1r , wodurch ein kontraktiver Impuls ausgelöst wird (A → B). ( )0 00i p p p rγ γ γ∗ =∆ = −∆ = − − = ∆ [4.28] Weil das Inflationsziel auf den neuen Wert 0p∗ = verringert wurde, verschiebt sich die Nachfragekurve aus [4.27] nach unten in die Position 1dy . Der nun folgende Prozessverlauf hängt wiederum von der Erwartungsbildung und der Lohn- und Preissetzung ab. (1) Im ersten Szenario sind adaptive Erwartungen angenommen. Die Angebotsfunktion bleibt zunächst unverändert in der Position 0sy . Der Schnittpunkt C mit der neuen Nachfragefunktion zeigt ein erstes temporäres Gleichgewicht an. Es ist durch Unterbeschäftigung gekennzeichnet. Dies ist die Folge eines zinsbedingten Nachfragerückgangs. Bei noch unveränderter Inflationsrate ist die Nominalzinserhöhung gleichbedeutend mit einer Realzinssteigerung, die insbesondere die Investitionstätigkeit bremst. Erst infolge der allgemeinen Unterauslastung der Wirtschaft lässt der Lohn- und Preisauftrieb etwas nach. Weil die Inflationsrate dabei auf 1p sinkt, nimmt die Notenbank gemäß ihrer Reaktionsfunktion den Nominalzins wieder ein Stückweit zurück. Jedoch ist der daraus resultierende Realzins 1r r< in C noch höher als der Gleichgewichtsrealzins r∗. In den Folgeperioden passen sich die Inflationserwartungen analog zum Fall expansiver Geldpolitik (Abbildung 4-9) schrittweise der effektiven Inflation an; dabei verschiebt sich B' y (a) y rd ( ) A' r r* r1 C y A 0 y s0 y snD y0d y1 d p p0 p1 (b) B Abbildung 4-11: Disinflationsprozess bei adaptiven Erwartungen 6 12 24 41 _S pa hn - B g 6 150 4. Geldpolitik und Realwirtschaft die Angebotsfunktion nach unten, bis über C, D, ... die seitens der Geldpolitik angestrebte Position 0 erreicht ist (Abbildung 4-11 b). Dieser Anpassungsprozess wird nachfrageseitig durch weiter nachgebende Realzinsen unterstützt, da die Notenbank gemäß ihrer Zinsregel bei einem Inflationsrückgang die Nominalzinsen überproportional absenkt. Disinflation ist ein Prozess sinkender, aber noch positiver Inflationsraten. Das Verlaufsdiagramm von Zinsen und Inflation (Abbildung 4-12) zeigt, dass der Nominalzins zunächst erhöht wird, im Disinflationsprozess jedoch auf ein niedrigeres Niveau sinkt. Er fällt in dem hier gewählten Beispiel schließlich mit dem Realzins zusammen, weil die Inflationsrate auf den Zielwert Null gedrückt wird. Der Realzins kehrt nach einer primären Erhöhung auf seinen Gleichgewichtswert zurück. Betrachtet man diesen Verlauf analytisch, so ist von den Änderungsgrößen in der Zinsregel [4.12] auszugehen: ∆ ∆ ∆ ∆i p p p= + − ∗γ d i [4.29] Erwartete, gewünschte und tatsächliche Inflationsrate ändern sich schließlich um den gleichen Betrag: 00ep p p p∗=∆ ∆ = ∆ = − [4.30] Setzt man [4.30] in [4.29] ein, ergibt sich, dass der Nominalzins insgesamt (ungeachtet seiner temporären Erhöhung zu Beginn) mit der Inflationsrate sinkt: 0i p−∆ = [4.31] Damit ist der Realzins am Ende des Prozesses unverändert: ( )0 00 0r i p p p−∆ = ∆ − ∆ = − − = [4.32] Ein Risiko der Disinflationspolitik liegt in möglichen Rückwirkungen auf die Investitionsneigung: Die Investitionstätigkeit wird nicht nur durch den zwischenzeitlich höheren Realzins gebremst, sondern zusätzlich auch durch niedrigere Ertragserwartungen. Sie können aus der schlechteren Kapazitätsauslastung resultieren oder aus der Einschätzung, dass es schwierig sein könnte, die Kostenentwicklung im gleichen Ausmaß wie die Absatzpreisentt i r p r* t0 Abbildung 4-12: Entwicklung von Zinsen und Inflation in der Disinflation 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 151 wicklung zu dämpfen. In diesem Fall käme es im Disinflationsprozess zu einer zusätzlichen Linksverlagerung der Nachfragekurve, d.h. zu einem kontraktiven Nachfrageschock, der von der Geldpolitik mit niedrigeren Zinsen beantwortet werden sollte. Disinflation ist zumeist ein langwieriger Prozess, der temporär mit Produktions- und Beschäftigungsverlusten einhergeht. Damit ist zu fragen, ob diese Mengeneffekte während der Disinflationsphase nicht bei rationalen Erwartungen, flexiblen Löhnen und Preisen sowie einer Kooperationsbereitschaft auf Seiten der Lohnpolitik vermieden werden können. (2) Im zweiten Szenario ist deshalb angenommen, dass der Kurswechsel der Notenbank angekündigt wird und glaubhaft ist; ferner bilden die Wirtschaftssubjekte rationale Erwartungen und es besteht vollständige Lohn- und Preisflexibilität. In diesem Fall können die Marktakteure bei 0p∗ = aus der Erwartungsversion des Gleichungssystems [4.27] 0 e e e e ep p p y y α β γ = + = − [4.33] leicht errechnen, dass das neue Marktgleichgewicht bei 0y p= = liegen wird. Es erscheint sinnvoll, dass sich die Wirtschaftssubjekte auf diese Werte einstellen. Würden die Gewerkschaften Lohnforderungen mit einer Inflationserwartung 0ep > anmelden und durchsetzen, so würde dies nach der bekannten Reaktionsfunktion der Notenbank Realzinssteigerungen (in Relation zu r∗) und Beschäftigungsverluste mit sich bringen. Wenn die Lage der Nachfragekurve 1dy bekannt ist und Vollbeschäftigung bei y∗ = 0 angestrebt wird, so sollten die Akteure auf der Angebotsseite der Ökonomie Lohn- und Preissetzung unter der Annahme 0ep = durchführen; die Angebotskurve liegt dabei in der Position yn s . Das Ziel des Inflationsabbaus könnte dann ohne Produktions- und Beschäftigungsverluste erreicht werden. Es käme zu einem direkten Übergang von Punkt A zu Punkt 0 (Abbildung 4-11 b). Ganz analog zu der Kritik rationaler Erwartungen im Fall einer expansiven Geldpolitik (Abschnitt 4.3.2) kann man allerdings auch hier Zweifel daran haben, dass ein Inflationsabbau ohne jegliche Mengeneffekte gelingen wird; er ist auch empirisch nicht zu beobachten. Neben den oben bereits angeführten Argumenten sind folgende Punkte zu betonen: • Die makroökonomische Anpassung wird durch Struktureffekte erschwert. Faktisch muss eine allgemeine Nachfragerestriktion nicht alle Branchen gleichermaßen treffen; es kann also für einzelne Unternehmen und Gewerkschaften sinnvoll sein, die Entwicklung in ihrem Markt abzuwarten. Zudem ist bei einem Nachfragerückgang mit einer individuellen Preissenkung möglicherweise nur wenig zu gewinnen, weil dem preisbedingten Mehrabsatz der sinkende Stückgewinn gegenüberzustellen ist. • Geldwertstabilität ist ein "öffentliches Gut", von dem niemand ausgeschlossen werden kann. Jede einzelne Gewerkschaft erzielt deshalb (relative) Realeinkommensgewinne für ihre Mitglieder, wenn sie an ihren Lohnforderungen festhält, während die Lohnzu- 152 4. Geldpolitik und Realwirtschaft rückhaltung der übrigen Gewerkschaften zum Inflationsabbau beiträgt. Da diese jedoch ebenso denken, kommt es nicht zu einem allgemeinen oder nur zu einem langsamen Rückgang der Lohninflation. • In gleicher Weise wirkt eine mangelnde Glaubwürdigkeit der Antiinflationspolitik. Zweifeln einzelne Arbeitnehmer bzw. Gewerkschaften an der Entschlossenheit der Notenbank oder an der sofortigen inflationsdämpfenden Wirkung einer restriktiven Geldpolitik, so werden sie aus Angst vor Realeinkommensverlusten ihre Lohnforderungen nicht senken. Die durchschnittliche Lohnsteigerungsrate geht dann nicht ausreichend zurück und die Inflation sinkt langsamer als angekündigt. Die Lohnpolitik sieht sich so in ihrer zögernden Haltung bestätigt. Adaptive Erwartungsbildung kann als Ausdruck eines gewissen Misstrauens gegenüber der Geldpolitik angesichts einer vorangegangenen Inflationsphase gesehen werden. Die Notenbank muss dann dem Markt die Ernsthaftigkeit ihres Kurswechsels durch eine Nachfrageeinschränkung demonstrieren. • Gerade bei der Signalisierung einer geldpolitischen Entscheidung zugunsten einer niedrigeren Zielinflationsrate zeigt sich ein fundamentales Kommunikationsproblem: Da im neuen Gleichgewicht der Nominalzins ebenfalls niedriger ist (Abbildung 4-12), müsste die Notenbank den Zins senken, wenn sie einen direkten Übergang ohne Produktionseinschränkungen in dieses Gleichgewicht beabsichtigt. Zinssenkung und Ankündigung einer Inflationsbekämpfung erscheinen aber in der Öffentlichkeit wenig konsistent. Im Interesse der Glaubwürdigkeit müsste anfangs eher eine Zinserhöhung vorgenommen werden. Damit ist jedoch gerade bei einer erwünschten angebotsseitigen Inflationssenkung ein positiver Realzinseffekt verbunden, der das Entstehen von Arbeitslosigkeit unausweichlich macht. 4.3.4 Angebotsschocks: von Preisniveauänderungen zur Inflation Ein Angebotsschock besteht typischerweise in der Erhöhung eines volkswirtschaftlich bedeutsamen Faktorpreises, also z.B. des Lohnsatzes (bedingt durch Umverteilungsbestrebungen oder Inflationserwartungen), in einer Erhöhung der Gewinnmargen oder der Umsatzsteuer; technologische Störungen (z.B. unvorhergesehene Produktivitätsverluste) haben ebenfalls Kostensteigerungen zur Folge. Störungen können auch kombiniert auftreten. So bewirken Preiserhöhungen bei Importöl neben ihrem Preiseffekt i.d.R. auch eine Nachfragerestriktion, weil mit dem steigenden Importwert Einkommen an das Ausland transferiert wird (von derartigen "Doppelstörungen" wird allerdings im Folgenden abstrahiert). Auch wenn eine Preiserhöhung prozentual kalkuliert und durchgesetzt wird, so handelt es sich doch stets um einen Preisniveauschub, der für sich genommen die Inflationsrate rechnerisch nur für eine kurze Zeit berührt (ihre monatliche Kalkulation basiert zumeist auf einem Vorjahresvergleich). Im Prinzip bleibt jedoch die Entwicklung der Inflationsrate unbeeinflusst unabhängig davon, ob zuvor (a) Preisniveaustabilität bestand oder (b) eine bestimmte Inflation vorherrschte (Abbildung 4-13). 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 153 Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung ist das Makrosystem [4.27], das durch die Vereinfachung 0p∗ = und die Hinzufügung eines Angebotsschocks modifiziert wurde: ε s bezeichnet eine einmalige Preissteigerung um den Betrag 0A, die die Angebotsfunktion von 0 sy nach 1sy verschiebt (Abbildung 4-14). p p y y e s p = + + = − α ε β γ [4.34] Der nun folgende Anpassungsprozess hängt insbesondere vom Verhalten der Geldpolitik und der Art der Erwartungsbildung ab. (1) Würde die Notenbank stets einen konstanten Realzins anstreben und nicht mit überproportionalen Nominalzinsanhebungen auf die Inflation reagieren ( 0γ = ), so verliefe die Nachfragekurve vertikal durch 0y∗ = . Der Angebotsschock führt unmittelbar zu Punkt A. Handelt es sich um eine einmalige Preissteigerung, so könnte die Inflationsrate (bei einem anhaltend höheren Preisniveau) insoweit in der nächsten Periode auf den Ausgangswert zurückkehren; mit 0sy gilt wieder Punkt 0. Produktion und Beschäftigung blieben unverändert. Dieses Ergebnis wird bestätigt, wenn man rationale Erwartungen annimmt. In diesem Fall würden die Wirtschaftssubjekte aus den Gleichungen [4.34] für jede Periode 0e ey p= = ableiten; die Erfahrung eines unsystematisch auftretenden Preisschocks ändert daran nichts. Da annahmegemäß ε s einen Erwartungswert von Null hat, ist auch für die dem Schock nachfolgende Periode 0ep = die beste Schätzung. Anders ist dies bei adaptiven Erwartungen, d.h. 1et tp p −= . Die Erfahrung der zunächst auf 1p gestiegenen Inflationsrate wird hier die Inflationserwartungen der Lohnbezieher für die auf den ursprünglichen Preisschock folgende Periode verändern. Das adaptive Muster der t p t p (a) (b) P t P t Abbildung 4-13: Preisniveau- (oben) und Inflationswirkungen (unten) von Angebotsschocks 154 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Erwartungsbildung bedeutet 1 1e st t tp p p ε= =+ = . Deshalb bleibt die Angebotsfunktion dann in der Position 1sy . Dies gilt auch für alle weiteren Perioden: Der rein erwartungsbedingte Lohndruck wird in die Preise überwälzt, Inflationserwartung und tatsächliche Inflation stimmen damit überein. Ein temporärer Preisschock mündet so in eine anhaltend höhere Inflationsrate. Nimmt die Notenbank dies hin und praktiziert eine monetäre Alimentierung der erwartungsbedingt expansiven Lohnpolitik, so hat sie faktisch ihr Inflationsziel verändert. Es gilt dann 1 0p p∗ = > . Im weiteren ist Punkt A das neue Gleichgewicht. (2) Verfolgt die Notenbank einen Stabilisierungskurs mit überproportionalen Zinsreaktionen auf die Inflation ( 0γ > ), so ist die Güternachfragekurve aufgrund dieser regelgebundenen Zinspolitik negativ geneigt (Abbildung 4-15). Der Angebotsschock 0A kann nicht voll auf die Preise durchwirken, weil die Notenbank die angebotsseitige Preissteigerung über eine restriktive Nachfragepolitik bekämpft. Statt Punkt A wird B erreicht. Die geldpolitisch durchgesetzte Realzinssteigerung erzeugt Arbeitslosigkeit. Der Lohn- und Preisdruck lässt infolge der Unterbeschäftigung nach; dabei gehen die Gewerkschaften bei adaptiven Erwartungen noch von 0etp = aus (die Angebotsfunktion liegt aufgrund des Schocks, nicht aufgrund von Inflationserwartungen bei 1sy ). Das auslastungsbedingt nachlassende Lohnwachstum bewirkt einen Abzug CD von dem schockbedingten Inflationsimpuls 0A = BD. Die effektive Inflationsrate ist damit 2p = BC. In den folgenden Perioden wird die Inflation wiederum primär von der Lohnpolitik geprägt, während der ursprüngliche Angebotsschock annahmegemäß keine Rolle mehr spielt. Das inflationsbestimmende Moment ist nun die erfahrene Preissteigerung 2p ; sie bewirkt eine Verlagerung der Angebotskurve auf 2sy . Bei gegebener Nachfragekurve führt dies jedoch zu der im Vergleich zur Erwartung niedrigeren Inflationsrate 3p . Die Zunahme des Outputs in Relation zu Punkt B erklärt sich durch die Realzinssenkung: Die Notenbank honoriert den angebotsseitig sinkenden Inflationsdruck gemäß ihrer Zinsregel [4.12] mit einer überproportionalen Absenkung des Nominalzinses. Die Nachfrage nimmt entlang yd zu. Die wiederholte Erfahrung einer Überschätzung der Inflation durch die Gewerkschaften bewirkt im Folgenden eine immer weitere Zurücknahme der Lohnsteigerungsrate, wobei sich die Angebotskurve entsprechend nach unten verlagert. Diese Bewegung endet im Ausgangsy A 0 y s0 ys1 p p1 yd Abbildung 4-14: Permanenter Inflationsschock bei passiver Zinspolitik 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 155 punkt bei Vollbeschäftigung und Preisstabilität (d.h. bei der angestrebten Inflationsrate von Null). Die Geldpolitik konnte durch ihren Stabilisierungskurs den Inflationsschub nicht nur anfänglich dämpfen, sondern schließlich auch vollständig abbauen, allerdings auf Kosten einer zwischenzeitlichen Erhöhung der Arbeitslosigkeit. Angebotsschocks schlagen sich in Kostensteigerungen oder -senkungen nieder, die in der laufenden Periode die Angebotspreise verändern. Die Zinspolitik kann einen Angebotsschock nicht direkt, sondern nur über eine Outputveränderung bekämpfen. Ein positiver Angebotsschock zeigt sich so in Preissteigerungen, gefolgt von einem Rückgang von Produktion und Beschäftigung. Diese Stagflation ist dadurch geprägt, dass der nachfragebedingte Output- und Beschäftigungseffekt die Lohn- und Preisinflation abdämpft (Bewegung entlang der Angebotskurve), während daraufhin nachlassende Inflationserwartungen und überproportional nachgebende Nominalzinsen zu einer langsamen Nachfrageerholung führen (Verschiebung der Angebotskurve). 4.3.5 Autonome Nachfrageveränderungen: einmalige und seriell korrelierte Störungen Marktbedingte Störungen ε d auf der Nachfrageseite können z.B. durch Schwankungen der Investitions- oder Konsumneigung hervorgerufen werden. Sieht man von Angebotsschocks und diskretionären Zinsimpulsen ab, so ist das Makrosystem gegeben durch p p y y e dp = + = − + α β γ ε [4.35] (1) Zunächst ist wieder eine passive Zinspolitik unterstellt, die lediglich auf einen konstanten Realzins abzielt, d.h. den Nominalzins ggf. im Ausmaß der Inflation erhöht. Mit 0γ = in [4.35] ist die Nachfragekurve vertikal. Ein positiver Nachfrageschock verschiebt diese B y A 0 y s0 ys1 C D ys2 p1 p2 y d p3 p Abbildung 4-15: Zinspolitische Stabilisierung nach einem Angebotsschock mit adaptiven Erwartungen 156 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Kurve um den Betrag 0A nach rechts in die Position 1dy . Bei der Bewegung auf der gegebenen Angebotskurve 0sy kommt es wegen der Übernachfrage zu knappheitsbedingten Lohn- und Preissteigerungen. Damit wird Punkt B realisiert (Abbildung 4-16). Handelt es sich um einen einmaligen Schock, so bewegt sich die Nachfragekurve in der Folgeperiode wieder zurück nach 0dy ; Damit könnte das Marktsystem wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Jedoch kann die zwischenzeitlich auf 1p gestiegene Inflationsrate in die (adaptiven) Erwartungen eingehen und die Lohnpolitik der Folgeperiode prägen. Damit verschiebt sich die Angebotsfunktion nach oben auf 1sy . Hält die Geldpolitik die Nachfragekurve in der Position 0dy , wird die Konstellation C realisiert. Dies ist das neue Gleichgewicht, wenn die Notenbank die Verletzung des Inflationszieles nun toleriert. (2) Bei stabilisierender Zinspolitik ( 0γ > ) ist die Nachfragekurve negativ geneigt (Abbildung 4-17). Die Preissteigerungen lösen im Gegensatz zum obigen Fall eine Realzinserhöhung aus. Dies wirkt dem primären Nachfrageimpuls entgegen und dämpft den Preisanstieg; erreicht wird Punkt B'. Die Inflationsrate 1p prägt nun die Lohn- und Preisbildung in der nächsten Periode, so dass die Angebotskurve bei 1sy liegt. Bildet sich der Nachfrageschock nun wieder vollständig zurück, ergibt sich der Schnittpunkt C als weiteres temporäres Gleichgewicht. Von hier aus setzt dann in den Folgeperioden nach dem Muster des oben beschriebenen Disinflationsprozesses (Abbildung 4-15) eine Anpassung zum Ausgangspunkt 0 ein. Gerade Nachfrageschocks treten oft nicht nach einem rein zufälligen Muster auf; sie sind häufig zeitlich korreliert und bilden damit einen konjunkturellen Prozess. Dies bedeutet, dass eine für sich genommen zufällige Nachfrageveränderung auch in der (bzw. den) folgenden Periode(n) systematische Spuren hinterlässt. So kann eine Verbesserung der unternehmerischen Ertragseinschätzungen über die nachfolgende Investitions- und Beschäftigungssteigerung allgemein optimistische Erwartungen in der Wirtschaft nach sich ziehen und dabei auch die Konsumneigung stärken. Die Nachfragestörung setzt sich dann in den Folgeperioden fort; sie schwächt sich i.d.R. dabei ab, jedoch können stets neue, rein zufallsverteilte Schocks hinzukommen (Box 4-4). Seriell korrelierte Schocks lassen sich vereinfachend mit Hilfe einer über mehrere Perioden in D y0 ys0 ys1 y0 d y1 dp p1 A B C Abbildung 4-16: Positiver Nachfrageschock mit passiver Zinspolitik 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 157 der Position 1dy verharrenden Nachfragekurve illustrieren. Wiederum hängt der Marktprozess nach Auftreten solcher Störungen vom Kurs der Notenbank ab (dabei sind stets adaptive Erwartungen unterstellt): (1) Bei passiver Zinspolitik und vertikaler Nachfragekurve (Abbildung 4-16) reproduziert sich der Nachfrageüberschuss in jeder Periode aufs Neue. Die Angebotskurve verschiebt sich fortlaufend wegen der in jeder Vorperiode erfahrenen Inflation nach oben (stets gilt 1 e t tp p −> ) und treibt gerade dadurch den Prozess der Preissteigerung weiter an. Über die Punkte A, B, D, ... entwickelt sich eine akzelerierende Inflation. Zur Stabilisierung ist hier ein Kurswechsel der Geldpolitik nötig. (2) Auch bei stabilisierender Zinspolitik und negativ geneigter Nachfragekurve (Abbildung 4-17) hält der Nachfrageüberschuss für einige Zeit an, wird jedoch schrittweise abgebaut. Die Verlagerung der Angebotskurve verläuft über die Punkte B', D', ... und endet in E. Hier kommt der Inflationsprozess zu einem Stillstand, weil die Übernachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht länger besteht. Normalisiert sich die Nachfrageentwicklung nach einer Aufschwungphase, so gilt wieder die Nachfragekurve 0dy . Ausgehend z.B. von Punkt E (Abbildung 4-17) setzt dann ein Prozess sinkender Inflationsraten ein, der i.d.R. mit Unterauslastung und Arbeitslosigkeit verbunden ist. Die Anpassung zum alten Gleichgewichtspunkt 0 verläuft analog zum Fall einer Disinflationspolitik (Abbildung 4-15). Wenn sich jedoch der serielle Schock als eine dauerhaft erhöhte autonome Nachfrage entpuppt, so ist die anhaltend höhere Inflationsrate in E der Preis für die Fehldiagnose seitens der Notenbank. Trotz der überproportionalen Zinsreaktion auf die Preissteigerungen konvergiert die Ökonomie zu einer höheren Inflationsrate. Zeitgleich zur Nachfrageerhöhung hätte der Gleichgewichtszins r g∗ = β [4.13] entsprechend heraufgesetzt werden müssen, um die Entstehung der Übernachfrage und die inflatorische Fehlentwicklung zu verhindern. y0 ys0 ys1y0 d y1 dp p1 B' C D' E A Abbildung 4-17: Nachfrageschock mit stabilisierender Zinspolitik 158 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Box 4-4: Persistenz und Random Walk (1) Die Entwicklung einer Variablen gemäß dem Muster 1t t tx xλ ω−= + [4.36] mit 1λ < wird als autoregressiver Prozess erster Ordnung bezeichnet, kurz: AR(1), weil xt von seinem Wert in 1t − abhängt (wenn auch frühere Perioden eine Rolle spielen, handelt es sich entsprechend um einen Prozess höherer Ordnung). Die Bewegung von xt zeigt damit Persistenz: Die Realisierung 0tx > in einer Periode zieht in der Folgeperiode einen vom Vorzeichen her gleichgerichteten, wenn auch quantitativ kleineren Effekt 1 0tx + > nach sich. Nach unendlich vielen Perioden wäre xt dann wieder gleich Null (Abbildung 4-18). Jedoch kann dieses regelmäßige Muster jederzeit durch neue exogene Impulse ω t modifiziert werden, die ihrerseits rein zufallsverteilt sind (White Noise). Der Erwartungswert von ω t ist stets Null. Die beste Schätzung der Variablen xt , d.h. ihr Erwartungswert, ist daher von ihrem Vergangenheitswert bestimmt: 1 e t tx xλ −= [4.37] x t Abbildung 4-18: Autoregressiver Prozeß einer Variablen mit potenziellen White-Noise-Störungen Aus einer sinngemäßen Anwendung des in Box 2-3 gezeigten Lösungsverfahrens folgt für die Differenzengleichung [4.36] die Lösung 0 j t t j j x λ ω ∝ − = = [4.38] In jeder Periode bestimmen somit alle bislang aufgetretenen Schocks ω t den aktuellen Wert von xt . In langfristiger Perspektive ist die Varianz von xt durch die Varianz des Schockterms ω t bestimmt; da letztere als endlich unterstellt ist, kann die Bewegung von xt nicht explodieren. ( ) ( )2 1 var var 1t t x ω λ = − [4.39] (2) Tritt in [4.36] der Spezialfall 1λ = auf, so bezeichnet man die Bewegung von xt als Random Walk. Die Besonderheit eines solchen Prozesses ist, dass er keinen stabilen Gleichgewichtswert aufweist. Der beste Erwartungswert der betreffenden Variablen ist nach [4.37] der Wert der Vorperiode. Sie kann im Zeitablauf jedoch wegen der Störungen ω t jeden beliebigen Wert erreichen; ihre Varianz nimmt dabei immer weiter zu. 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 159 Zusammenfassung 4.3.1 Eine von der Zinsregel abweichende expansive Geldpolitik hat zunächst positive Mengeneffekte. Es kommt dabei zu Preissteigerungen, weil die Unternehmen im Wettbewerb um zusätzliche Arbeitskräfte höhere Nominallöhne zugestehen, die dann in höheren Preisen auf die Endnachfrager überwälzt werden. Mit der Zeit passen sich die Inflationserwartungen an die realisierte Inflation an. Die Angebotskurve verschiebt sich dabei nach oben. Um eine akzelerierende Inflation zu verhindern, müssen die Zinsen überproportional zur Inflation erhöht werden. Dadurch wird die Nachfrage wieder auf das Ausgangsniveau verringert. Im neuen Gleichgewicht ist nur die Inflation höher als zu Beginn. Langfristig ist die Angebots- bzw. Phillips-Kurve vertikal. Eine wirtschaftspolitische Wahl zwischen Beschäftigung (jenseits dieses Gleichgewichts) und Geldwertstabilität besteht insoweit nicht. 4.3.2 Bei rationalen Erwartungen versuchen die Wirtschaftssubjekte, die beste Schätzung für einen künftigen Wert zu erreichen, indem sie alle ihnen zugänglichen Informationen nutzen, aus ihren Erfahrungen in den Marktprozessen lernen und nicht andauernd systematischen Erwartungsfehlern erliegen. Problematisch ist die Annahme, dass sich bei allen Marktakteuren der Glaube an eine einzige Wirtschaftstheorie durchsetzt und eindeutige Erwartungen über die Gleichgewichtswerte aller wichtigen volkswirtschaftlichen Variablen gebildet werden. Unter diesen Bedingungen hätte die Geldpolitik auch kurzfristig keinen realwirtschaftlichen Einfluss. Mittels Inflation lässt sich das unterstellte Vollbeschäftigungsniveau nicht überschreiten. Abweichungen vom Gleichgewicht treten nur bei unerwarteten Aktionen der Wirtschaftspolitik sowie bei exogenen Störungen auf, die auch mit rationalen Erwartungen nicht antizipiert werden können. 4.3.3 Eine zinspolitische Inflationsbekämpfung ist hypothetisch nur bei rationalen Erwartungen ohne volkswirtschaftliche Kosten möglich. Faktisch werden im Anpassungsprozess Beschäftigungsverluste eintreten, da Lohn- und Preissteigerungen nicht sofort entsprechend reduziert werden. Erstens können nominell fixierte Verträge nicht umgehend revidiert werden. Zweitens folgt aus dem Charakter der Geldwertstabilität als öffentlichem Gut der Anreiz, die Lohn- und Preiszurückhaltung jeweils der anderen Marktakteure abzuwarten, um individuell höhere Realeinkommen zu erzielen. Drittens ist möglich, dass die Marktakteure einem angekündigten wirtschaftspolitischen Kurswechsel bzw. seiner inflationsdämpfenden Wirkung misstrauen. Die Zinssignale der Notenbank sind widersprüchlich, da eine niedrigere Zielinflationsrate letztlich auch einen niedrigeren Nominalzins, die aktive Inflationsbekämpfung zunächst jedoch einen höheren Nominalzins verlangt. Inflationserwartungen können zumeist nur über die Erfahrung tatsächlicher Fortschritte bei der Geldwertstabilisierung abgebaut werden. 4.3.4 Angebotsschocks sind unvorhersehbare Kostenänderungen, die unmittelbar auf das Preisniveau wirken und in der laufenden Periode die Inflationsrate verändern. Bei adaptiven, d.h. jeweils an der vergangenen Erfahrung ausgerichteten Erwartungen und neutraler Zinspolitik bleibt die Inflationsrate auch langfristig höher; das Beschäftigungsniveau wird nicht berührt. Eine stabilisierende Geldpolitik dagegen bekämpft den Inflationsimpuls über einen höheren Realzins, der Arbeitslosigkeit und damit eine niedrigere Lohninflation bewirkt. Langfristig wird wieder Vollbeschäftigung bei der gewählten Zielinflationsrate erreicht. 160 4. Geldpolitik und Realwirtschaft 4.3.5 Nachfrageschocks haben einen temporären Mengeneffekt zur Folge. Bei adaptiver Erwartung und neutraler Zinspolitik ergibt sich jedoch ein anhaltender Inflationseffekt, während eine stabilisierende Zinspolitik über kompensierende Nachfrageveränderungen die ursprüngliche Inflationsrate wieder herstellt. Schocks treten auch in seriell korrelierter Form auf; hierbei setzt sich eine Störung über mehrere Perioden fort, schwächt sich dabei jedoch ab. In diesen Fällen verliert eine bloß neutrale Zinspolitik phasenweise die Kontrolle über die Inflation. Eine exogen angetriebene Nachfrageexpansion muss dann über Realzinssteigerungen stabilisiert werden. 4.4 Langfristige Folgen der Inflationsbekämpfung 4.4.1 Vertikale und horizontale Verschiebungen der Phillips-Kurve: die variable NAIRU Grundsätzlich wäre zu erwarten, dass Output und Inflation nach möglichen Schocks letztlich wieder zu ihren Gleichgewichts- bzw. Zielwerten y∗ , u∗ und p∗ zurückkehren. Dies gilt auch im Fall anhaltender, d.h. seriell korrelierter Störungen zumindest dann, wenn eine stabilitätsorientierte Geldpolitik betrieben wird. Die empirischen Fakten lassen sich jedoch nur schwer mit diesem theoretischen Bild vereinbaren (Abbildung 4-19). Die sehr hohe Inflation insbesondere in den 1970er Jahren kann man noch mit kräftigen (Öl-) Preisschocks und einem relativ niedrigen Stellenwert des Ziels der Geldwertstabilität (oder einer hohen Zielinflationsrate) erklären. Unmittelbar weniger verständlich sind die ausgeprägten Veränderungen der Arbeitslosenquote und ihr überzyklischer Anstieg in Deutschland. Stellt man Inflation und Arbeitslosigkeit in einem Diagramm dar, so lässt sich die Phillips- Kurven-Konstellation eines Landes über die Zeit verfolgen (Abbildung 4-20). Nach der Theorie der Phillips-Kurve (Abschnitt 4.2.2) sollten aus der Punkteschar der jährlichen Werte der Arbeitslosen- und Inflationsraten drei typische Bewegungen deutlich werden: • Liegen die Punkte auf einer gedachten Linie mit negativer Steigung, so handelt es sich um globale Nachfrageschwankungen bei gegebenen Inflationserwartungen, also Bewegungen auf einer Angebotsfunktion. • Je schneller sich die Inflationserwartungen anpassen, desto eher sollte sich das Bild einer vertikalen (langfristigen) Phillips-Kurve zeigen. Die Arbeitslosenquote schwankt dabei nur wenig um ihren Gleichgewichtswert, die NAIRU u∗ . • Unabhängig von der Art und Stärke makropolitischer Interventionen und gesamtwirtschaftlicher Störungen prognostiziert das Modell letztendlich stets eine Rückkehr zum ursprünglichen Vollbeschäftigungsgleichgewicht. Ein Blick auf die Daten bestätigt diese Voraussagen nur sehr eingeschränkt. Im Fall der USA ist zwar in den 1960er Jahren ein Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation erkennbar, jedoch scheint es insgesamt praktisch keinen Fixpunkt für die Arbeitslosenquote

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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.