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4.2 Das makroökonomische Standardmodell in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 140 - 152

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_140

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4.2 Das makroökonomische Standardmodell 129 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 4.2.1 Lohn- und Preissetzung: verteilungspolitische Determinanten des Arbeitsmarktgleichgewichts Im Folgenden wird der Einfluss der Geldpolitik auf die Realwirtschaft untersucht. Zu diesem Zweck wird ein einfaches Modell entwickelt, anhand dessen die makroökonomischen Wirkungen der Geldpolitik illustriert werden können. Ein Hauptproblem der Geldpolitik ist die Inflation. Ihr Ausgangspunkt ist die Lohn- und Preissetzung der Gewerkschaften und Unternehmen. Diese beiden Themenkreise werden deshalb zunächst betrachtet. (1) Die Präferenzen der Arbeitnehmer spiegeln sich in einer Arbeitsangebotsfunktion N s wider. Sie drückt aus, dass die Wirtschaftssubjekte in Erwartung eines steigenden Realeinkommens bereit sind, auf den Freizeitnutzen zu verzichten und im Rahmen von Lohnarbeitsverträgen ihre Arbeitskraft anzubieten. Man kann annehmen, dass diese Arbeitsangebotsfunktion eine positive Steigung aufweist, wenn bei höheren Reallöhnen eine Substitution von Freizeit zu Arbeitszeit lohnend wird (Abbildung 4-4; je nach Stärke des Einkommenseffektes einer Lohnerhöhung sind allerdings auch andere Verläufe der Arbeitsangebotsfunktion denkbar). Die Funktion N s ist die Grundlage einer individuellen Arbeitsangebotsentscheidung. Sie bildet ein (hypothetisches) Mengenanpassungsverhalten ab, d.h. die Bereitschaft aller Wirtschaftssubjekte zu unterschiedlichen Arbeitsmengen N bei alternativ vorgegebenen Reallöhnen, lässt jedoch das Muster der Lohnbildung selbst ungeklärt. Diese Funktion hat kaum eine direkte Marktrelevanz, da die Unternehmen in erster Linie mit ihren Beschäftigten verhandeln müssen (unabhängig davon, ob diese durch Gewerkschaften vertreten werden oder nicht). Auch Informations- und Transaktionskosten verhindern, dass alle potentiell an einem Arbeitsplatz interessierten Personen an den Lohnverhandlungen beteiligt werden können. In der Praxis werden die Lohnforderungen zumeist von den Beschäftigten oder ihren Interessenvertretern (Gewerkschaften) erhoben. Dabei spielen Marktmacht und Anspruchsverhalten eine Rolle. Bei einem hohen Beschäftigungsgrad ist die Marktstellung der Arbeitneh- N w P Ns N ∗ Lohnsetzung Preissetzung N d( )Y A B C Abbildung 4-4: Lohn- und Preissetzung in Abhängigkeit vom Beschäftigungsgrad 130 4. Geldpolitik und Realwirtschaft mer besser, weil ihre Arbeitsplätze sicherer erscheinen; infolgedessen werden auch die Ansprüche auf höhere Einkommen mit dem Beschäftigungsgrad zunehmen. Die Kurve der Lohnsetzungsfunktion mit 0, 0s Gew w N f f f P N ∗ ′ ′′= > > [4.1] die den gewünschten Reallohn aus Sicht der Gewerkschaften zeigt, hat demnach einen ansteigenden Verlauf. Formal ähnelt sie der oben beschriebenen Arbeitsangebotsfunktion, sie drückt jedoch eine andere Marktlogik aus: Dort geht es um hypothetische Mengenreaktionen bei unterschiedlichen Preisen, hier um Preiseffekte von Mengenrelationen, nämlich gewünschte Reallohnänderungen bei steigendem Beschäftigungsgrad. Die Lohnsetzungsfunktion spiegelt reale Einkommensziele wider; die Unternehmen als Verhandlungspartner können im Tarifvertrag jedoch keinen Reallohn zusichern, weil sie individuell keine Kontrolle über das gesamtwirtschaftliche Preisniveau haben. Man verhandelt deshalb über den Nominallohn mit Blick auf den gewünschten Reallohn, so dass die Lohnpolitik eine Erwartung über ein bestimmtes Preisniveau bilden muss. Die Lohnsetzungsfunktion ist somit präziser wie folgt zu notieren: w P w P P f N N e Gew e s ∗ ∗ = FHG I KJ = F HG I KJ [4.2] (2) Die Preissetzung der Unternehmen hängt von den Produktionskosten ab. Vor dem Hintergrund der jeweilig herrschenden produktionstheoretischen Beziehungen sind diese Kosten durch die technologische Leistungsfähigkeit des Produktionsprozesses (d.h. vor allem die Arbeitsproduktivität) und durch den ausgehandelten Nominallohn bestimmt. Es ist angenommen, dass die Unternehmen in einem normalen Bereich der Kapazitätsauslastung produzieren, in dem sich die physische Knappheit des Kapitalstocks noch nicht bemerkbar macht. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität a Y N= ist dann konstant, ebenso die Stückkosten. Unter den Bedingungen der Marktform der monopolistischen Konkurrenz praktizieren die Unternehmen eine Aufschlagskalkulation. Dabei wird der Angebotspreis durch einen Gewinnaufschlag auf die Lohnstückkosten gebildet. Über diesen Mark-up sind die restlichen variablen sowie die fixen Kosten (einschließlich des Zinsendienstes für Eigen- und Fremdkapital) zu decken; er hängt somit auch von den Verteilungsansprüchen der Vermögensbesitzer und dem Wettbewerbsgrad ab. ( ) ( ) ( ) ( )1 1 1 1W w N w wP k k k k Y Y Y N a = + = + = + = + [4.3] Das Preisniveau P ist somit nicht abhängig von der Ausbringungsmenge, sondern vom Aufschlagssatz k und von den Lohnstückkosten; letztere entsprechen der Relation von gesamt- 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 131 wirtschaftlicher Lohnsumme W und gesamtwirtschaftlicher Produktionsmenge Y, d.h. der Relation von Nominallohn w und durchschnittlicher Arbeitsproduktivität a. Daraus folgt, dass der aus Unternehmenssicht maximal tolerierbare Reallohn unabhängig vom Beschäftigungsgrad ist. 1Unt w a P k ∗ = + [4.4] Setzt man den von Gewerkschaftsseite geforderten Lohn w∗ aus [4.2] in die Gleichung der unternehmerischen Preisbildung [4.3] ein, so wird deutlich, dass die Angebotspreise auch vom erwarteten Preisniveau abhängen und bei jederzeit flexiblen, nach f N N s( / ) variierenden Löhnen mit dem Beschäftigungsniveau ansteigen. 1 e s k N P P f a N ∗ += [4.5] (3) Das Gleichgewicht am Arbeitsmarkt ist durch den Schnittpunkt der Lohn- und Preissetzungskurven bestimmt (Punkt A, Abbildung 4-4). Aus Sicht der Arbeitnehmer erfordert ein Gleichgewicht die Bedingung P Pe = ∗ , weil ansonsten beim festgesetzten Lohn w∗ die Hoffnung auf den erwünschten Reallohn enttäuscht wird. Die Einsetzung dieser Bedingung in [4.5] führt zum gleichgewichtigen Beschäftigungsniveau N ∗ bei 1s N a f kN = + [4.6] Vollbeschäftigung ist das Beschäftigungsniveau N ∗ , bei dem die realen Einkommensziele der Lohnabhängigen und Unternehmen übereinstimmen. Da der Aufschlagssatz k auch alle variablen Kosten außer den Löhnen enthält, würde sich N ∗ z.B. bei einer Ölpreissteigerung verringern. Das tatsächliche Produktions- und Beschäftigungsniveau wird nicht unmittelbar durch die Lohn- und Preissetzungsfunktionen, sondern durch die Güternachfrage und die Produktionsfunktion Y a N= bestimmt. Die daraus abgeleitete Beschäftigungslinie N Yd a f ist als Vertikale gezeichnet (Abbildung 4-4), also unabhängig vom Reallohn. Dies lässt sich wie folgt begründen: Einerseits ist zu vermuten, dass bei sinkendem Reallohn und deshalb steigendem Stückgewinn der Investitionsanreiz und somit die Investitionsnachfrage zunehmen. Andererseits geht die Konsumnachfrage aus Lohneinkommen mit sinkendem Reallohn zurück, was durch einen zunehmenden Konsum aus Gewinneinkommen zumeist nicht kompensiert wird. Weil das Vorzeichen der Reaktion der gesamten Güternachfrage auf Reallohnänderungen in der kurzen Frist unklar ist, wird es hier gleich Null gesetzt. Wenn ( )dN Y zufällig bei N ∗ liegt, so besteht trotz dieser Gleichgewichtskonstellation Arbeitslosigkeit, gemessen durch die Differenz sN N ∗− . Diese Arbeitskräfte sind überschüssig, sie werden zur Produktion des gegebenen Nachfragevolumens nicht benötigt. Diese Per- 132 4. Geldpolitik und Realwirtschaft sonen sind unfreiwillig arbeitslos, wenn die Arbeitsangebotsfunktion ihre Präferenzen korrekt wiedergibt. Zugleich kann man jedoch die bestehende Arbeitslosigkeit als freiwillig ansehen, weil die Arbeitsanbieter als Gruppe (d.h. Beschäftigte und Arbeitslose) durch ihr lohnpolitisches Verhalten im Punkt A eine Akzeptanz dieser Konstellation ausdrücken. Die Existenz von Arbeitslosigkeit ist mit einem Gleichgewicht institutionell dadurch vereinbar, dass die Nichtbeschäftigten von den Lohnverhandlungen ausgegrenzt bleiben. Jedoch stellen die Arbeitslosen eine potentielle Konkurrenz für die Beschäftigten dar und beeinflussen daher indirekt die Lohnverhandlungen. Unternehmen haben den Anreiz, gut bezahlte Beschäftigte zu entlassen und durch bislang arbeitslose Personen zu ersetzen, die zu niedrigeren Löhnen arbeiten wollen. Insbesondere bei hoher Arbeitslosigkeit müssen die Beschäftigten damit rechnen, dass die Unternehmen auf diese Weise bei der laufenden Personalfluktuation (Labour Turnover) ihre Lohnkosten senken wollen. Die Einschätzung der potenziellen Konkurrenz durch die Arbeitslosen wird daher Steigung und Lage der Lohnsetzungskurve bestimmen. Streng genommen stellt die Absenkung des Gehalts bei der Ersetzung eines Beschäftigten durch eine bislang arbeitslose Person einen Bruch der bestehenden Tarifvereinbarung dar, in der das Unternehmen der Belegschaft als ganze für die Vertragsdauer einen bestimmten Lohn zugesichert hat. Tarifverträge belassen den Unternehmen i.d.R. das Recht zur Anpassung der Beschäftigungsmenge an sich ändernde Marktbedingungen, weil eine vertragliche Lohn- und Beschäftigungsfixierung bei Absatzrückgängen via Konkurs die Plätze aller Beschäftigten gefährden kann. Neueinstellungen müssen aber zumeist zu den periodisch fixierten Löhnen vorgenommen werden. Der ausgehandelte Lohn w∗ wird zumeist für die Dauer der Laufzeit des Tarifvertrages fixiert, so dass die Angebotspreise insoweit ebenfalls starr sind. Produktionssteigerungen, die durch eine gestiegene Güternachfrage ausgelöst werden und mit einer entsprechenden Verlagerung der Beschäftigungslinie N d einhergehen, sind bei konstantem Lohnsatz auch zu konstanten Preisen möglich. In einem Preisniveau-Output-Diagramm verläuft die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion somit horizontal. Die Unternehmen befinden sich in einer verhandlungstheoretisch günstigeren Position, weil sie prinzipiell die Ergebnisse der Lohnverhandlung mit ihrer Preispolitik in ihrem Sinne korrigieren können. Zu jedem Nominallohn wird der Angebotspreis so festgelegt, dass Gewinnlage und Reallohn unverändert bleiben. Dies gilt auch außerhalb des Gleichgewichts: Im Bereich N N> ∗ (Abbildung 4-4) wird der durch die Lohnsetzungskurve angestrebte Reallohn faktisch nicht realisiert. Verläuft die Beschäftigungslinie N Yd a f vertikal durch BC, so streben die Arbeitnehmer Punkt B an, realisieren jedoch nach der unternehmerischen Preisanpassung Punkt C. Die Enttäuschung der Reallohnerwartungen auf Seiten der Beschäftigten wird dann lohnpolitische Reaktionen, d.h. weiter steigende Nominallohnforderungen nach sich ziehen. Eine Lohn-Preis-Spirale ist die Folge (Abschnitt 4.3.1). 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 133 4.2.2 Die Phillips-Kurve: Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation? Der Beschäftigungsgrad wird nun durch die Arbeitslosenquoten u N N N u N N N s s s s= − = −∗ ∗ und [4.7] ausgedrückt. Zumeist ist wegen N Ns > ∗ (wie in Abbildung 4-4) 0u∗ > : Denn auch bei makroökonomischer Vollbeschäftigung i.S. von Gleichung [4.6] gibt es Arbeitslosigkeit aus mikroökonomischen, institutionellen und strukturellen Gründen, z.B. Friktionen und Sucharbeitslosigkeit beim Wechsel zwischen Beschäftigungsverhältnissen oder ein Mismatch zwischen den Qualifikationsanforderungen vorhandener Arbeitsplätze und dem Qualifikationsprofil verfügbarer Arbeitskräfte. Stellenweise können die Unternehmen freie, eigentlich zur Produktion benötigte Arbeitsplätze nicht besetzen, weil sich die passenden Arbeitskräfte nicht finden. Insgesamt wird u∗ als strukturelle (zuweilen auch als natürliche) Arbeitslosenquote bezeichnet. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Preissetzungsgleichung [4.5], vereinfacht in Wachstumsraten geschrieben, in einen Zusammenhang zwischen Inflationsrate p und Arbeitslosenquote u überführen. Das ist die Gleichung der Phillips-Kurve (Abbildung 4-5): ( )ep p u uφ ∗= + − [4.8] • Bei einem Nachfrageüberschuss am Arbeitsmarkt, also bei u u< ∗, streben die Arbeitnehmer höhere Reallöhne an. Da ihr einziger Aktionsparameter jedoch der Nominallohn ist, tritt eine Lohninflation auf, d.h. eine anhaltende Zunahme der Nominallöhne. • Der Parameter 0φ > misst die Reaktion der Nominallohnveränderungen auf Nachfrageund Angebotsüberschüsse am Arbeitsmarkt und gibt insoweit den Konkurrenzgrad zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen wieder: φ ist groß, wenn bei u u< ∗ ein Nachfrageüberschuss massive Lohnsteigerungen nach sich zieht; φ ist klein, wenn eine bestehende Unterbeschäftigung u u> ∗ nur wenig Lohnzurückhaltung bewirkt, z.B. weil die Beschäftigten ihre individuellen Arbeitsplätze für relativ sicher halten. Der Parameter uu∗ p A B = 1pep 0=ep p1 C Abbildung 4-5: Phillips-Kurve mit alternativen Inflationserwartungen 134 4. Geldpolitik und Realwirtschaft φ kann somit als Maßgröße für Flexibilität und Konkurrenz am Arbeitsmarkt angesehen werden. • Eben weil die Lohnabhängigen unabhängig vom Beschäftigungsgrad stets auf den Reallohn achten, erhöhen sie jede Nominallohnforderung um die von ihnen erwartete Inflationsrate pe . Zunächst, von A ausgehend, ist dies 0ep = . • Die Unternehmen verteidigen einen konstanten Gewinnaufschlag auf die Produktionskosten. Deshalb werden Nominallohnsteigerungen, die nach (1 )P k w a= + [4.3] die Lohnstückkosten erhöhen (d.h. die das Wachstum der Arbeitsproduktivität übersteigen), vollständig in die Güterpreise überwälzt. Die Entwicklung der Güterpreise hängt damit unmittelbar von der Entwicklung der Nominallöhne ab. Empirisch zeigt sich allerdings, dass der Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Inflation nicht so streng ist (Abbildung 4-6); dies weist auf variable Nicht-Lohnkosten bzw. Gewinnmargen hin. • Bei einer konjunkturell sinkenden Arbeitslosigkeit steigen zwischen A und B Löhne und Preise, jedoch nicht der Reallohn. Die Wahrnehmung der falschen Inflationserwartung 1 ep p< wird zu einer Anpassung der Lohnforderungen führen, so dass die Phillips- Kurve dann durch C verläuft (dieser dynamische Prozess wird in Abschnitt 4.3.1 genauer untersucht). Die erwartete Inflationsrate ist ein Lageparameter der Phillips-Kurve. • Die Arbeitslosenquote u∗ wird auch als NAIRU (Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment) bezeichnet; dies bringt zum Ausdruck, dass bei einer Arbeitslosigkeit in dieser Höhe ein makroökonomisches Gleichgewicht vorliegt und die Lohninflation von den Knappheitsverhältnissen am Arbeitsmarkt her auf einem konstanten Wert verharrt. Jeder Punkt auf der Senkrechten u u= ∗ ist ein Arbeitsmarktgleichgewicht, unabhängig von der Höhe der Inflationsrate. Die Gleichgewichtsbedingung u u= ∗ bedeutet nach [4.8] zugleich auch p pe= : Wenn sich die Inflationserwartungen erfüllen, besteht Vollbeschäftigung. -2 0 2 4 6 8 -2 0 2 4 6 8 10 12 Wachstumsrate der Lohnstückkosten Inflationsrate Abbildung 4-6: Inflation und Lohnstückkosten in Deutschland, 1951-2010 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 135 4.2.3 Güterangebot und Güternachfrage: Interdependenzen zwischen Output und Inflation Die Phillips-Kurven-Gleichung lässt sich auch als Angebotsfunktion für den aggregierten Gütermarkt einer Volkswirtschaft verstehen. Nimmt man eine einfache lineare Produktionsfunktion an, bei der Produktionsmenge und Arbeitsinput proportional zusammenhängen (Sachkapital ist kein knapper Faktor), so besteht ein inverser Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Output. Deshalb kann man als Indikator einer Überschussnachfrage auf dem Arbeits- bzw. Gütermarkt anstelle der Differenz zwischen NAIRU und Arbeitslosenquote auch die Relation zwischen dem tatsächlichen und dem vollbeschäftigungskonformen Output Y∗ verwenden. Alle Variablen mit Ausnahme der Inflationsraten und Zinssätze sind im Folgenden als Logarithmen notiert (Box 4-1). Box 4-1: Rechnen mit Logarithmen In der modernen Makrotheorie wird häufig mit logarithmisch formulierten Modellen gearbeitet. Auf diese Weise können auch nicht-lineare Beziehungen in einfacher mathematischer Form behandelt werden. Die natürlichen Logarithmen einer Variablen X werden hier mit x bezeichnet, d.h. die Notation ist ln X x= . Dabei gelten folgende Rechenregeln: ( ) ( ) ( ) ( ) 1 1 ln ln / ln ln ln 1 0 ln ln 1 mit Eulersche Zahl Wachstumsrate von für kleine t t t t X Z x z X Z x z X x e e X X x x X r r r α φ α φ − − ⋅ = + = − = = = = = − ≈ + ≈ [4.9] ( )e sp p y yα ε∗= + − + [4.10] Der Parameter α hat eine analoge Bedeutung zu φ in [4.8]; er misst den Grad der Steigung der Angebotsfunktion. Hinzugefügt ist eine Störvariable ε s , die exogene Preisschocks erfasst (z.B. autonome Lohn- und Preissteigerungen mit Umverteilungszielsetzungen, Ölpreisoder Steuererhöhungen). Diese (und die im weiteren folgenden) Störvariablen haben alle die gleichen formalen Eigenschaften von White Noise: • Ihr erwarteter Mittelwert ist gleich Null, d.h. die Summe der Störungen addiert sich mit der Zeit auf Null. Man kann ihr Auftreten nicht quantitativ prognostizieren. • Ihre Varianz, d.h. die quadrierte Standardabweichung vom Mittelwert ist endlich; ihr Auftreten bewirkt keine chaotische Sprengung der Systembeziehungen. 136 4. Geldpolitik und Realwirtschaft Die Güternachfrage reagiert positiv auf autonome (Staats-) Ausgaben g. Die Investitionstätigkeit sollte im Prinzip durch den negativen Einfluss des realen langfristigen Kapitalmarktzinses erfasst werden. Da der nominale Kapitalmarktzins sich zumeist gleichgerichtet mit dem kurzfristigen Zins ändert, stellt i hier jedoch den kurzfristigen Zins dar, der von der Notenbank direkt kontrolliert wird; empirisch zeigt sich zudem, dass die Güternachfrage auch direkt von der Entwicklung der kurzfristigen Zinsen abhängt (Abschnitt 3.2.2). ( ) dy g i pβ ε= − − + [4.11] Der Realzins 1et t tr i p += − ist formal korrekt mit Blick auf die für die künftige(n) Periode(n) erwartete Inflationsrate definiert. Zur Vereinfachung wird statt dessen jedoch hier die laufende Inflationsrate verwendet; die Annahme 1et tp p+ = lässt sich auch mit der in der Praxis verbreiteten adaptiven Erwartungsbildung rechtfertigen (Box 3-4). Die Semizinselastizität der Investitionsnachfrage, d.h. die prozentuale Änderung der Investition bei einer Variation des Zinssatzes um einen Prozentpunkt, ist mit β− angegeben. Die Störvariable ε d bildet Präferenz- und Erwartungsänderungen der Marktakteure, zufällige Nachfrageschwankungen u.ä. ab. Eine Geldmarktgleichung der Art M P L Y i= ,a f [2.52] kann im Folgenden unberücksichtigt bleiben, weil die Notenbank die Geldmenge an die Geldnachfrage anpasst und statt dessen den Zins als Instrument einsetzt. Die Geldmenge taucht weder in der Angebots- noch in der Nachfragegleichung auf und hat folglich keinen direkten Einfluss auf die beiden endogenen Makrovariablen p und y . Nach Lösung des Modells könnte man die gleichgewichtige, gewünschte Geldmenge aus der Geldnachfragegleichung ablesen. Jedoch ist diese Variable in dem hier betrachteten einfachen Modell ohne Interesse. Dieses Modell kann durch Zeitverzögerungen zwischen den einzelnen Variablen oder alternative Erwartungshypothesen modifiziert werden (Box 4-2). Box 4-2: Die neukeynesianische Variante des Standardmodells Die Gleichungen [4.10] und [4.11] stellen nur das Grundgerüst eines makroökonomischen Angebot-Nachfrage-Modells dar. Dieses kann u.a. im Hinblick auf Lag-Strukturen und Erwartungsbildung modifiziert werden. Die neukeynesianische Modellvariante baut auf dem Postulat einer Mikrofundierung auf, d.h. gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfragefunktionen werden aus Optimierungskalkülen repräsentativer Unternehmen und Haushalte abgeleitet. • Auf der Angebotsseite wird dabei angenommen, dass Firmen bei monopolistischer Konkurrenz ihre Preise bei temporär ungünstigen Marktkonstellationen und aufgrund von Anpassungskosten i.w.S. nur in größeren, unbekannten Abständen ändern können. Unter diesen Marktbedingungen ist denkbar, dass die Unternehmen bei einer Neufestsetzung von Preisen bereits die künftig erwartete Inflationsrate in die Kalkulation eingehen lassen; damit soll erreicht werden, dass der Preis des angebotenen Gutes in der jeweilig folgenden Periode besser mit der allgemeinen Preisentwicklung Schritt hält. Der Angebotspreis entspricht dann dem 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 137 Gegenwartswert der Reihe der künftigen Grenzkosten. In der Angebotsfunktion [4.10] wird deshalb pe durch die erwartete Inflationsrate der kommenden Periode ersetzt. • Die Nachfragefunktion wird aus dem intertemporalen Konsumplan des Haushalts entwickelt. Der Wunsch einer Glättung des Konsums im Zeitablauf führt dazu, dass die Erwartung eines höheren Zukunftseinkommen bereits heute die Konsumnachfrage erhöht. Dieser Effekt wird durch einen steigenden Realzins gebremst; er wirkt der Zeitpräferenz entgegen und gibt einen preislichen Anreiz für eine vermehrte Ersparnis. Aus dieser Überlegung folgt, dass das erwartete Einkommen der nächsten Periode als zusätzliches Element auf der rechten Seite der Gleichung [4.11] einzufügen ist. Die Investitionsnachfrage wird dabei nicht explizit berücksichtigt; unterstellt wird, dass sie über perfekte Finanzmärkte durch die Sparentscheidungen der Haushalte bestimmt wird. Die Berücksichtigung des erwarteten Zukunftseinkommens wäre allerdings auch bei traditioneller Interpretation der Nachfragefunktion vertretbar: Da die Investitionsentscheidung neben dem Zins auch von den Absatz- und Ertragserwartungen abhängt, könnten diese durch das erwartete Zukunftseinkommen abgebildet werden. Die neukeynesianische Modellierung des Makrosystems betont die Bedeutung von Zukunftserwartungen. Die jeweils für die kommende Periode erwarteten Werte von Nachfrage und Inflation haben danach einen zentralen Einfluss auf ihre heutigen Werte. Selbst wenn man die theoretischen Argumente für eine solche Modellkonstruktion akzeptiert, so ist dagegenzuhalten, dass sie empirisch nicht gut bestätigt werden kann. Beobachtet wird vielmehr umgekehrt, dass vergangene Werte zentraler Makrovariablen einen großen Einfluss auf ihre aktuellen Werte haben. Dieser Aspekt wird in der folgenden modelltheoretischen Analyse stärker berücksichtigt. Angebots- und Nachfragefunktionen werden nun in einem Diagramm betrachtet, das den aggregierten Gütermarkt der Volkswirtschaft zeigt (Abbildung 4-7). Punkt A stellt ein makroökonomisches Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung und Preisstabilität dar. Die Angebotsfunktion ys weist eine positive Steigung auf. Entlang dieser Angebotskurve wird die Inflation von einer steigenden Kapazitätsauslastung bzw. einem steigenden Beschäftigungsgrad angetrieben; auf der Kurve gilt die Logik ∆ y → ∆ p . Die vertikale Position der Angebotskurve hängt von den Inflationserwartungen pe sowie von den Preisschocks ε s ab. Die Nachfragekurve [4.11] hat im Inflation-Output-Diagramm ebenfalls eine positive Steigung (1 β ), jedenfalls solange der Zinssatz eine konstante Größe bleibt. Die Güternachfray p ys y* y d A B Abbildung 4-7: Angebots- und Nachfragefunktion bei konstantem Nominalzins 138 4. Geldpolitik und Realwirtschaft ge würde demnach mit der Inflation zunehmen; dies ist eine Konsequenz der Investitionsreaktion auf den sinkenden Realzins. Es ist unmittelbar ersichtlich, dass das so entstehende makroökonomische System dynamisch instabil ist. Ein Angebotsschock verschiebt die ys - Kurve nach oben und erzeugt in B eine höhere Inflationsrate bei gestiegenem Output. Jede Angebotskurve gilt jedoch nur bei gegebener Inflationserwartung. Die anfängliche Konstellation 0ep = in A wird aber durch die Erfahrung steigender Preise in B unterminiert. Als Reaktion darauf würden sich vermutlich die Inflationserwartungen ebenfalls erhöhen, womit sich ys weiter nach oben verlagert. Die positive Koppelung von Inflation und Nachfrage kann die Volkswirtschaft so immer weiter vom Gleichgewicht wegführen. Deshalb besteht ein Bedarf an Stabilitätspolitik. Im Folgenden wird untersucht, wie eine Zinspolitik angelegt werden könnte, um diese Stabilisierung zu ermöglichen. 4.2.4 Der Ansatzpunkt der Geldpolitik: die zinspolitische Reaktionsfunktion Wenn die Notenbank mit Hilfe der kurzfristigen Zinsen eine Orientierungs- und Stabilisierungsfunktion ausüben will, so muss einerseits ein bestimmtes Zinsniveau gewählt werden, das im Gleichgewicht realisiert werden soll, andererseits ist eine Handlungsvorschrift zu finden, die Zinsreaktionen im Ungleichgewicht beschreibt. Schon vor über hundert Jahren hat Wicksell gefordert, die Zinspolitik an der Preisentwicklung auszurichten. Bei unveränderten Preisen würde auch der Zinssatz der Banken unverändert bleiben, bei steigenden Preisen müsste der Bankzins erhöht, bei fallenden Preisen erniedrigt, und jedes Mal auf dem so erreichten Stande erhalten werden, bis eine weitere Bewegung der Preise eine neue Veränderung der Zinssätze in dieser oder jener Richtung verlangt. Knut Wicksell (1898: 224) Ausgehend von diesem Gedanken lässt sich eine Regel für die Gestaltung der Notenbankzinsen in der Form einer Reaktionsfunktion formulieren, die aus zwei Elementen besteht: ( ) Basiselement Stabilisierungselement i r p p pγ∗ ∗= + + − [4.12] (1) Die Grundlage für die Wahl eines nominalen Zinssatzes i durch die Notenbank ist ein kurzfristiger Realzins r∗, der aufgrund von empirischen Erfahrungen oder theoretischen Überlegungen mit einem langfristigen Gleichgewicht auf Güter- und Arbeitsmarkt vereinbar ist. In einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht müssen einige allgemeine Bedingungen erfüllt sein, aus denen sich im obigen Modell der gleichgewichtige Realzins bestimmen lässt: • Güter- und Arbeitsmarkt sind geräumt: y y= ∗ . • Es treten keine Störungen auf: 0s dε ε= = . 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 139 • Erwartete und angestrebte Größen stimmen mit den realisierten Werten überein, d.h. es gilt hier p p pe = =∗ . • Die Staatsausgaben sind auf einem Niveau, das den politischen Präferenzen entspricht und langfristig aufrechterhalten werden kann (Prinzip der Nachhaltigkeit; Abschnitt 5.4.4): Dies lässt sich mit g g= ∗ ausdrücken. Unter diesen Bedingungen folgt aus den Gleichungen [4.10], [4.11] und [4.12]: g y r β ∗ ∗ ∗ −= [4.13] Die Logik dieser Realzinsbestimmung ist: Je größer die langfristige autonome Nachfrage in Relation zum Gleichgewichtsoutput ist, desto höher muss der Realzins sein, um die zinsabhängige Nachfrage so zu beschränken, dass ein Gütermarktgleichgewicht bei gegebenen Angebotsmöglichkeiten gesichert ist. Der gewählte Nominalzins i in [4.12] ergibt sich dann aus der Summe von r∗ und der laufenden Inflationsrate p. Wenn die Notenbank die laufende Inflationsrate zum Zeitpunkt ihrer Zinsentscheidung beobachten kann, steuert sie faktisch mit dem Notenbankzins den kurzfristigen Marktrealzins r i p= − . (2) Ein realer Gleichgewichtszins ist theoretisch mit beliebigen Inflationsraten vereinbar wenn nur der Nominalzins entsprechend angepasst wird. Will die Geldpolitik einen bestimmten Zielwert für die Inflation p∗ erreichen, so muss sie bei p p≠ ∗ stabilisierend in den makroökonomischen Prozess eingreifen und von der Nachfrageseite her versuchen, die Inflationsrate zu senken bzw. zu erhöhen. Damit wird die Größe des Reaktionskoeffizienten γ in [4.12] wichtig. • Bei 0γ = würde lediglich der Nominalzins an eine veränderte Inflationsrate angepasst. Der Realzins bleibt konstant; die Verletzung des Inflationsziels würde hingenommen. • Grundsätzlich sollte deshalb 0γ > sein. In diesem Fall steigt der Realzins bei p p> ∗ und die Inflation wird über einen Güternachfragerückgang gebremst. Zur Kontrolle der Inflation ist demnach eine überproportionale Reaktion des Nominalzinses auf Inflations- änderungen notwendig, d.h. 1di dp > in [4.12]. Das ist das Taylor-Prinzip. Nach Einsetzen der Zinsregel [4.12] in die Nachfragefunktion [4.11] ergibt sich nun unter Berücksichtigung von [4.13] ( ) dy y p p g gβ γ ε∗ ∗ ∗= − − + − + [4.14] Diese Funktion lässt sich weiter vereinfachen: • Das vollbeschäftigungskonforme Outputniveau wird auf 0y∗ = normiert. Alternativ zu dieser Normierung kann man y als Outputlücke, d.h. als Abweichung des Outputs vom Gleichgewichtswert verstehen. 140 4. Geldpolitik und Realwirtschaft • Obwohl in der geldpolitischen Praxis zumeist ein Inflationsziel von ca. 2 % angestrebt wird (Abschnitt 5.1), kann hier zunächst zur Vereinfachung 0p∗ = gesetzt werden. • Die Differenz ( g g− ∗ ) beschreibt eine außergewöhnlich starke Nachfrageaktivität insbesondere des Staates. Wenn diese nach keinem besonderen Muster auftritt, kann man derartige Nachfrageimpulse dem Schockterm ε d zuordnen und g g= ∗ setzen. Damit reduziert sich [4.14] auf y p d= − +β γ ε [4.15] Die Nachfragekurve yd ist demnach in einem Inflation-Output-Diagramm (Abbildung 4-8) im Fall 0γ = eine Vertikale, hat dagegen bei 0γ > eine negative Steigung. In diesem Fall einer stabilisierenden Zinspolitik erzeugt die Geldpolitik bei zunehmender Inflation einen die Nachfrage beschränkenden Realzinseffekt. Damit gilt bei einer Bewegung entlang der Nachfragekurve die Logik ∆ p → −∆ y : Eine steigende Inflationsrate veranlasst die Notenbank zu einer überproportionalen Zinserhöhung, die auf dem Weg einer Investitionseinschränkung restriktiv auf die Einkommensbildung wirkt. Im folgenden Abschnitt 4.3 wird gezeigt, dass das Marktsystem auf diese Weise bei auftretenden Angebots- und Nachfragestörungen stabilisiert werden kann. Zusammenfassung 4.2.1 Die Arbeitsangebotsfunktion zeigt die Bereitschaft zur Beschäftigung bei alternativen Reallöhnen. Die Lohnsetzungsfunktion beschreibt umgekehrt die Lohnforderungen der aktiven Arbeitskräfte bei unterschiedlichem Beschäftigungsgrad. Sie richten sich auf einen erwünschten Reallohn; es kann jedoch nur über den Nominallohn verhandelt werden, wobei ein erwartetes Preisniveau unterstellt wird. Die Preissetzung ergibt sich aus Arbeitsproduktivität und Nominallohn. Der Schnittpunkt von Lohn- und Preissetzungsfunktion bestimmt das Arbeitsmarktgleichgewicht. Auch hier besteht zumeist eine gewisse Arbeitslosigkeit; die nicht beschäftigten Arbeitsanbieter sind von den Lohnverhandlungen ausgeschlossen. 4.2.2 Wenn die Unternehmen die über das Produktivitätswachstum hinausgehenden Nominallohnsteigerungen in die Güterpreise überwälzen, ergibt sich ein inverser Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflationsrate: die Phillips-Kurve. Sie gilt nur bei konstanten y p ysy d 0 Abbildung 4-8: Angebots- und Nachfragefunktion bei alternativer Zinsregel 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 141 Inflationserwartungen; mit steigenden Inflationserwartungen verschiebt sie sich nach oben. Ein Gleichgewicht verlangt die Übereinstimmung von erwarteter und tatsächlicher Inflationsrate. Dies ist nur möglich, wenn die konjunkturelle gleich der strukturellen Arbeitslosenquote (der NAIRU) ist. Unter diesen Bedingungen gibt es nur kurzfristig eine Wahl zwischen Inflation und Beschäftigung. 4.2.3 Das makroökonomische Standardmodell besteht aus einer Güterangebots- und einer Güternachfragefunktion. Erstere ist aus der Phillips-Kurve entwickelt. Hier hängt die Inflationsrate von einer autonomen Komponente, insbesondere den Inflationserwartungen, und einer outputabhängigen Komponente ab; diese drückt den mit dem Beschäftigungsgrad wachsenden Lohndruck aus. Die Güternachfrage hängt neben autonomen Größen, insbesondere den Staatsausgaben, vom Realzins ab. Eine Geldmarktgleichung kann weggelassen werden, wenn die Geldmenge endogen ist und nicht selbst ein unmittelbares Argument in der Angebots- und Nachfragefunktion darstellt. Da die Inflation mit der Produktion und die Nachfrage mit der Inflation zunimmt, ist dieses Gütermarktsystem ohne eine korrigierende Zinspolitik dynamisch instabil. 4.2.4 Eine stabilisierende Zinspolitik kann die Form einer Reaktionsfunktion annehmen, die aus zwei Komponenten besteht. Die Notenbank setzt den kurzfristigen Geldmarktzins zunächst so, dass unter Berücksichtigung der laufenden Inflationsrate ein gleichgewichtiger Realzins erreicht wird. Das ist der Zins, bei dem der Güter- und Arbeitsmarkt langfristig geräumt ist; die Höhe dieses Zinses muss theoretisch oder aus empirischer Erfahrung ermittelt werden. Darüber hinaus muss der Notenbankzins auf Abweichungen der Inflation von ihrem Zielwert reagieren. Dabei sind aus stabilitätspolitischen Gründen überproportionale Nominalzinsänderungen notwendig (Taylor-Prinzip); eine unerwünschte Inflation wird so über einen steigenden Realzins bekämpft. 4.3 Dynamische Prozesse bei gesamtwirtschaftlichen Störungen 4.3.1 Monetäre Nachfrageexpansion bei Vollbeschäftigung: Lohnanpassung mit adaptiven Erwartungen Im Folgenden werden dynamische Anpassungsprozesse von Output und Inflation untersucht, die nach Angebots- oder Nachfragestörungen auftreten können. Dabei gilt weiterhin g g= ∗ und 0y p∗ ∗= = . Für den Verlauf der makroökonomischen Anpassungsprozesse ist die Art der Erwartungsbildung im privaten Sektor bedeutsam (Box 3-4). Es wird unterstellt, dass die Akteure angesichts der hohen Informationskosten strikt rationaler Erwartungsbildung einer keineswegs irrationalen und empirisch sinnvollen Faustregel folgen: Weil sich die Inflation selten in großen Sprüngen verändert, gehen sie davon aus, dass die Inflationsrate der laufenden Periode in etwa derjenigen der Vorperiode entspricht (quasi-rationale Begründung adaptiver Erwartungen). Mit der so begründeten Annahme 1et tp p −= ist die Angebotsfunktion p p y ye= + − ∗α ( ) [4.10] gegeben durch 1t t tp p yα−= + [4.16]

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.