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4.1 Das Postulat der Neutralität des Geldes in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 134 - 140

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_134

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Kapitel 4 Geldpolitik und Realwirtschaft Kapitelüberblick Angesichts des großen Stellenwerts der Nachrichten über geldpolitische Entscheidungen in den Medien ist es überraschend, dass der herrschenden ökonomischen Theorie zufolge Aktionen der Geldpolitik letztlich "neutral" sind. Damit ist gemeint, dass sie lediglich auf die Nominalgrö- ßen, d.h. die Preise wirken, nicht jedoch auf Wachstum, Produktion und Beschäftigung. In diesem Kapitel werden die Effekte geldpolitischer Aktivitäten auf dem Güter- und Arbeitsmarkt genauer betrachtet. Diese Analyse wird im Rahmen eines einfachen Makromodells durchgeführt: Dieses geht auf der Angebotsseite von der Phillips-Kurve aus, betont die Abhängigkeit der Güternachfrage vom Realzins und beschreibt das Verhalten der Notenbank durch eine einfache Zinsregel. Im Vordergrund dieses Kapitels stehen die Beziehungen zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Eine Volkswirtschaft wird häufig von Angebots- und Nachfragestörungen betroffen, z.B. Ölpreissteigerungen oder Änderungen der Investitionsneigung. Es wird dann untersucht, wie die Notenbank mit ihrer Zinspolitik dazu beitragen kann, die Konsequenzen solcher Störungen abzudämpfen und eine Rückkehr zum Ausgangsgleichgewicht zu befördern. Kurz- und mittelfristig haben solche Störungen, wie auch Impulse der Geldpolitik selbst, nicht nur Preis-, sondern auch Beschäftigungswirkungen. Besonders umstritten ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit aber die Frage, ob Geldpolitik nicht auch langfristige Wirkungen auf den Wachstums- und Beschäftigungsspielraum hat. Diese Frage wird hier bejaht. Es lässt sich zeigen, dass strukturelle Arbeitslosigkeit nicht nur auf Marktrigiditäten zurückzuführen ist, sondern auch Spätfolge einer zu lange tolerierten konjunkturellen Unterbeschäftigung sein kann. Die Geldpolitik sollte sich deshalb nicht nur um die Bekämpfung von Inflationstendenzen kümmern; es besteht zum einen auch die Gefahr, dass Unterbeschäftigung und Investitionsschwäche das Arbeitsund Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft verringern; zum anderen kann bei flexiblen Löhnen und Preisen eine Deflation auftreten, die dann mit geldpolitischen Mitteln nur schwer zu bekämpfen ist. 4.1 Das Postulat der Neutralität des Geldes Die Redeweise von einer "Neutralität des Geldes" gehört zu den zentralen Bestandteilen der Theorie der Geldpolitik. Sie ist gleichwohl in mehrfacher Hinsicht missverständlich und verwirrend. Gemeint ist damit keineswegs, dass Geld letztlich unwichtig sei obwohl dies von berühmten Ökonomen scheinbar immer wieder behauptet wurde. Tatsächlich spielt es 124 4. Geldpolitik und Realwirtschaft sogar eine große Rolle, ob eine Ökonomie Geld verwendet oder nicht: Der Ablauf einer arbeitsteiligen Wirtschaft ohne Geld wäre außerordentlich ineffizient und mit massiven Wohlfahrtseinbußen verbunden (Abschnitt 1.1.1). In qualitativer Hinsicht ist demnach Geld durchaus nicht neutral. Seine Existenz stellt überhaupt erst die Kohärenz einer Marktwirtschaft her und begründet eine besondere Wirtschaftsordnung, in der die individuelle Interessenverfolgung die Form monetärer Investitionskalküle annimmt. There cannot, in short, be intrinsically a more insignificant thing, in the economy of society, than money. John Stuart Mill (1871: 488) Die Neutralitätsthese behauptet vielmehr, dass die nominelle Quantität des Geldes für das reale Wirtschaftsgeschehen bedeutungslos ist. Diese Quantität ist durch die Zahlen- bzw. Zahlungssumme der umlaufenden Zahlungsmittel bestimmt. Die so gemessene Geldmenge kann auf zwei Wegen verändert werden, die strikt unterschieden werden müssen. (1) Der erste Fall ist eine reine Maßstabsänderung, die vor allem bei Währungsreformen vorgenommen wird (z.B. Ersetzung von 1000 alten Francs durch 10 neue Francs). Dabei wird der Wertstandard monetärer Kontrakte meist zu einem Stichtag neu definiert. Es ist offensichtlich, dass eine solche Operation realwirtschaftlich neutral ist. Da alle nominalen Werte proportional angepasst werden, bleiben die relativen Preise, d.h. die güterwirtschaftlichen Tauschverhältnisse unverändert. Zwar ändert sich rechnerisch das Preisniveau, aber eben im gleichen Verhältnis wie die Geldmenge, so dass die reale Geldmenge M P unberührt bleibt. Es gibt ebenfalls keinen Grund zur Änderung von Zins und Inflationsrate. Nachfrage, Produktion und Beschäftigung werden durch die Wertstandardänderung nicht betroffen. It is indeed evident that money is nothing but the representation of labour and commodities, and serves only as a method of rating and estimating them. Where the coin is in greater plenty, as a greater quantity of it is required to represent the same quantity of goods, it can have no effect, either good or bad [...] any more than it would make an alteration on a merchant's book, if, instead of the Arabian method, which requires few characters, he should make use of the Roman, which requires a great many. David Hume (1752: 32) (2) Umstritten ist dagegen der Fall einer expansiven (oder kontraktiven) Geldpolitik. Auch hier verändert sich die Geldmenge um einen bestimmten Faktor, so dass bei Vollbeschäftigung und flexiblen Preisen das Preisniveau letztlich um den gleichen Prozentsatz variiert: Wird die Geldmenge in 0t auf M' erhöht, so ergibt sich über die Verschiebung der LM-Kurve eine monetär bedingte Nachfragesteigerung auf das Einkommen 1Y (A → B, Abbildung 4.1 Das Postulat der Neutralität des Geldes 125 4-1 a). Damit ist jedoch das Vollbeschäftigungsniveau Y∗ überschritten und es kommt aufgrund des Nachfrageüberschusses auf Güter- und Arbeitsmarkt zu Preissteigerungen. Das Preisniveau erhöhe sich von 0P auf 1P . Hält die Notenbank das erhöhte Geldangebot M' nun konstant, tritt über den erhöhten Transaktionskassenbedarf wieder eine Zinssteigerung ein. Dadurch wird die Nachfrage auf das alte Niveau zurückgedrängt (B → A). Das zeitliche Verlaufsdiagramm der betroffenen Variablen (Abbildung 4-1 b) zeigt, dass sich im Gleichgewicht in 1t nur das Preisniveau an die erhöhte Geldmenge angepasst hat, während Zins und Einkommen wieder zu ihren Ausgangswerten zurückgekehrt sind. Wenn die Wirtschaftssubjekte den Ablauf dieses Prozesses verstehen, so können sie sein Ergebnis auch antizipieren. Bei derartigen rationalen Erwartungen (Box 3-4) würden dann alle Arbeitnehmer und Produzenten versuchen, sofort nach der Geldmengenänderung entsprechend höhere Lohn- und Preisforderungen am Markt durchzusetzen. Da das nominale Nachfragevolumen im gleichen Ausmaß wie die Geldmengenerhöhung zunimmt, können die Preissteigerungen auch ohne Einschränkungen durchgesetzt werden. Im Modell bleibt dann das reale Aktivitätsniveau konstant. In der Realität ist eine solche sprunghafte Anpassung des Preisniveaus an eine veränderte Geldmenge (bzw. der Inflationsrate an ein verändertes Geldmengenwachstum) ohne jegliche reale Effekte aber nie zu beobachten. Es gibt mehrere Möglichkeiten, dies zu erklären: • Geldpolitische Kurswechsel könnten so überraschend vorgenommen werden, dass sich die Marktakteure nicht darauf einstellen können. Dieses Argument trifft aber zumindest mit Blick auf die heutige Geldpolitik kaum zu; Entscheidungen der Notenbank werden angekündigt, breit diskutiert und kommentiert, und werden von den Finanzmarktakteuren häufig sogar korrekt prognostiziert. • Es gibt mikroökonomisch-institutionell bedingte Einschränkungen einer vollständigen Lohn- und Preisflexibilität. Löhne und Preise sind oft vertraglich für bestimmte Zeitspannen fixiert und Anpassungen sind mit Preisänderungskosten (Menu Costs) i.w.S. LM P LM P0 1( ) ( )= ′ LM P0′( ) (a) t P M i Y (b) Y i Y ∗ A B Y d Y1 i0 i1 t0 t1 Abbildung 4-1: Geldmengenerhöhung bei Vollbeschäftigung (mit 0 1P P< ) 126 4. Geldpolitik und Realwirtschaft verbunden. Dies ist kein Beleg für Marktfehler oder -versagen; vielmehr ist der Grad der Lohn- und Preisrigidität oft von den beteiligten Marktparteien frei gewählt, um Transaktionskosten gering zu halten. Wenn die Wirtschaftssubjekte flexiblere Möglichkeiten zur Anpassung an veränderte Preiserwartungen wünschen, so könnten sie grundsätzlich bestehende institutionelle Arrangements dahingehend umgestalten (allerdings können auch nicht effiziente, wirtschaftspolitisch verordnete Regulierungen der Preisflexibilität im Wege stehen). • Denkbar ist schließlich, dass Marktakteure keine unbedingte Preissteigerungserwartung an die Geldmengenerhöhung knüpfen (und deshalb ihre individuelle Lohn- und Preisgestaltung nicht ändern). Möglicherweise existieren unterschiedliche Meinungen in Bezug auf den gegebenen Ausgangspunkt einer geldpolitischen Expansion: Nur im obigen Modell ist Vollbeschäftigung eindeutig als Punktwert definiert, faktisch kann es auch bei hohem Auslastungsgrad der Wirtschaft Erwartungen eines weiteren realen Expansionsspielraums geben. Zudem können auf einzelnen Märkten im Zuge einer expansiven Geldpolitik reale Mengeneffekte auftreten, selbst wenn auf der hoch aggregierten makroökonomischen Ebene Preiseffekte vorherrschen. Die Fälle einer Währungsreform und einer Änderung des Expansionsgrades der Geldpolitik sind demnach grundverschieden. Wesentlich ist nicht der Unterschied im Hinblick auf die Größenordnung der jeweilig bewirkten Geldmengenänderung, sondern die regulative Ausschaltung eines Marktprozesses im ersten Fall. Es gibt keinen Anreiz, von der vorgeschriebenen Umstellung jedes einzelnen Preises abzuweichen. Umgekehrt könnte eine Variation der Geldmenge um x % im Zuge einer graduellen Kursänderung der Geldpolitik nur dann einer Währungsreform gleichen, wenn alle Wirtschaftssubjekte freiwillig überein kämen, gleichzeitig jeden Lohn und Preis um x % zu verändern. Eine solche Vereinbarung kommt aber nicht zustande, weil viele einzelne Akteure nicht zu Unrecht darauf setzen, im Zuge einer geldpolitischen Expansion zumindest eine Zeitlang von einer individuell gewählten Strategie eher zu profitieren; der Beschluss, alle Preise im Gleichschritt zu verändern, käme einer Wettbewerbsbeschränkung gleich. Die Vorstellung, alle Wirtschaftssubjekte würden gleichzeitig ihre individuellen Preise um einen einheitlichen Prozentsatz anpassen, nur weil sie erwarten, dass das allgemeine Preisniveau später einmal um diesen Prozentsatz höher sein wird, weist keine solide mikrotheoretische Grundlage auf. Nach einer Entscheidung zu einer Änderung des geldpolitischen Kurses bleibt somit der Wirtschaftsprozess nicht wie im Fall der Währungsreform "für einen Moment" stehen, um eine realwirtschaftliche neutrale Preisanpassung auf allen Ebenen durchzuführen vielmehr entwickelt sich eine Kette von Anpassungsvorgängen in der gesamten Volkswirtschaft (Abschnitt 3.2). Dabei verschieben sich Angebot-Nachfrage-Konstellationen keineswegs auf allen Märkten in gleicher Weise; auch die Struktur von Einkommen, Produktion und Beschäftigung, sowie die Einkommens- und Vermögensverteilung ändern sich. Die relativen Preise 4.1 Das Postulat der Neutralität des Geldes 127 geraten in Bewegung. Selbst wenn am Ende des Anpassungsprozesses das Preisniveau im gleichen Ausmaß wie die Geldmenge zugenommen hat und im Durchschnitt (wieder) Vollbeschäftigung herrscht, so ist das reale, strukturelle Bild der Wirtschaft schließlich ein anderes als am Ausgangspunkt. Eben deshalb wäre es auf Seiten der einzelnen Akteure auch wenig rational zu erwarten, dass die geldpolitische Aktivität letztlich nur Konsequenzen für makroökonomisch-nominale Größen haben wird. Selbst auf makroökonomischer Ebene sind die Erfahrungen, die Wirtschaftssubjekte mit Geldmengenänderungen machen konnten, nicht ganz eindeutig. Einerseits ist über viele Jahre und Länder betrachtet das Geldmengenwachstum hoch korreliert mit der Inflation (Abbildung 4-2). Dies spricht für die Quantitätstheorie und die realwirtschaftliche Neutralität des Geldes: Man kann nicht erwarten, dass ein jährliches Geldmengenwachstum von 50 % ein ebensolches reales Wachstum hervorbringen könnte. Andererseits sieht das Bild im Bereich moderaten Geldmengenwachstums nicht so klar aus: Der Zusammenhang zwischen Geldmengen- und Preisentwicklung ist weniger stringent, es zeigt sich sogar ein mindestens ebenso klarer Zusammenhang zwischen Geldmengen- und Wirtschaftswachstum (in Abbildung 4-3 wurden in Anlehnung an die stilisierten Fakten des Transmissionsmechanismus Zeitverzögerungen zwischen den Makrovariablen berücksichtigt, allerdings hat dies kaum einen Einfluss auf die Art der gezeigten Beziehungen). Eine weitgehend parallele Bewegung von Geldmenge, Output und Preisen entspricht dem üblichen Muster des Konjunkturzyklus. Kurz- und mittelfristig kann demnach von einer realwirtschaftlichen Neutralität des Geldes und der Geldpolitik nicht die Rede sein. Es wird im weiteren Verlauf dieses Kapitels zu untersuchen sein, ob die Notenbank nicht eine aktive Rolle bei der Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einnehmen kann. Abschließend wird dann auch die Frage der langfristigen Neutralität noch einmal aufgegriffen. Als vorläufiges Resümee lässt sich festhalten, dass der Neutralitätsthese eher ein normativer 0 40 80 120 160 200 0 40 80 120 160 Geldmengenwachstum (M1) Inflation Abbildung 4-2: Quantitätstheoretische Evidenz für mehr als 100 Industrie- und Entwicklungsländer, 1970-1999 (De Grauwe 2009: 211) 128 4. Geldpolitik und Realwirtschaft als ein positiver Charakter zukommt. Sie beschreibt weniger den unmittelbaren Zusammenhang zwischen monetärer und realer Sphäre, sondern eher eine Wunschvorstellung. Operationen der Notenbank oder Instabilitäten auf den Finanzmärkten sollen den Ablauf auf Güter- und Arbeitsmärkten nicht in unnötiger Weise beeinträchtigen. I find the [standard monetary neutrality] proposition baffling. Taken seriously, monetary neutrality means that central bankers are irrelevant: real magnitudes which are what ultimately matter to people go their own way, independently of what the central banker does. Central bankers are important insofar as money is not neutral and does have real effects. Neutrality propositions give little if any guide to effective central bank behaviour under such circumstances. Perhaps they offer comfort to central bankers by implying that all mistakes will average out in that mythical long run in which Keynes assured us 'we are all dead'. Milton Friedman (2002: 366) Zusammenfassung 4.1 Die These einer Neutralität des Geldes besagt, dass Änderungen der Geldmenge nur die Nominalgrößen, also Löhne und Güterpreise, berühren, hingegen keine Auswirkungen auf Wachstum, Produktion und Beschäftigung haben. Bei einer Währungsreform ist diese These erfüllt, weil der Wertstandard aller Nominalkontrakte zu einem Zeitpunkt umgestellt wird. Ein Kurswechsel der Geldpolitik geht dagegen mit graduellen Geldmengeneffekten einher, die sowohl im Transmissionsmechanismus auf den Finanzmärkten wie auch auf Güter- und Arbeitsmärkten mit Allokationseffekten verbunden sind. Während des Anpassungsprozesses sind z.T. erhebliche Realeffekte zu beobachten, selbst wenn sich unter bestimmten Bedingungen schließlich im Aggregat das Neutralitätsergebnis einstellt. -2 0 2 4 6 8 10 0 5 10 15 20 M3-Wachstum Wirtschaftswachstum (in t+1) -1 1 3 5 7 0 5 10 15 20 Inflation (in t+2) M3-Wachstum Abbildung 4-3: Geldmengenwachstum, reales Wirtschaftswachstum (ein Jahr verzögert) und Inflation (zwei Jahre verzögert) in der Bundesrepublik Deutschland, 1956-1996 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 129 4.2 Das makroökonomische Standardmodell 4.2.1 Lohn- und Preissetzung: verteilungspolitische Determinanten des Arbeitsmarktgleichgewichts Im Folgenden wird der Einfluss der Geldpolitik auf die Realwirtschaft untersucht. Zu diesem Zweck wird ein einfaches Modell entwickelt, anhand dessen die makroökonomischen Wirkungen der Geldpolitik illustriert werden können. Ein Hauptproblem der Geldpolitik ist die Inflation. Ihr Ausgangspunkt ist die Lohn- und Preissetzung der Gewerkschaften und Unternehmen. Diese beiden Themenkreise werden deshalb zunächst betrachtet. (1) Die Präferenzen der Arbeitnehmer spiegeln sich in einer Arbeitsangebotsfunktion N s wider. Sie drückt aus, dass die Wirtschaftssubjekte in Erwartung eines steigenden Realeinkommens bereit sind, auf den Freizeitnutzen zu verzichten und im Rahmen von Lohnarbeitsverträgen ihre Arbeitskraft anzubieten. Man kann annehmen, dass diese Arbeitsangebotsfunktion eine positive Steigung aufweist, wenn bei höheren Reallöhnen eine Substitution von Freizeit zu Arbeitszeit lohnend wird (Abbildung 4-4; je nach Stärke des Einkommenseffektes einer Lohnerhöhung sind allerdings auch andere Verläufe der Arbeitsangebotsfunktion denkbar). Die Funktion N s ist die Grundlage einer individuellen Arbeitsangebotsentscheidung. Sie bildet ein (hypothetisches) Mengenanpassungsverhalten ab, d.h. die Bereitschaft aller Wirtschaftssubjekte zu unterschiedlichen Arbeitsmengen N bei alternativ vorgegebenen Reallöhnen, lässt jedoch das Muster der Lohnbildung selbst ungeklärt. Diese Funktion hat kaum eine direkte Marktrelevanz, da die Unternehmen in erster Linie mit ihren Beschäftigten verhandeln müssen (unabhängig davon, ob diese durch Gewerkschaften vertreten werden oder nicht). Auch Informations- und Transaktionskosten verhindern, dass alle potentiell an einem Arbeitsplatz interessierten Personen an den Lohnverhandlungen beteiligt werden können. In der Praxis werden die Lohnforderungen zumeist von den Beschäftigten oder ihren Interessenvertretern (Gewerkschaften) erhoben. Dabei spielen Marktmacht und Anspruchsverhalten eine Rolle. Bei einem hohen Beschäftigungsgrad ist die Marktstellung der Arbeitneh- N w P Ns N ∗ Lohnsetzung Preissetzung N d( )Y A B C Abbildung 4-4: Lohn- und Preissetzung in Abhängigkeit vom Beschäftigungsgrad

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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.