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1.1 Theoretische Grundlagen in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 13 - 29

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_13

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Kapitel 1 Geld, Zins und Banken Kapitelüberblick In diesem Kapitel wird zunächst erklärt, warum in einer Marktwirtschaft Geld verwendet wird und welche Eigenschaften dieses Geld aufweisen muss. Dabei zeigt sich die Bedeutung der Wertstabilität von Geld; sie kann durch die Marktkräfte allein nicht zuverlässig gesichert werden, sondern wird zu einer (in späteren Kapiteln zu untersuchenden) Aufgabe der Geldpolitik. Geld gewährleistet die Zahlungsfähigkeit von Wirtschaftssubjekten und wirft deshalb als Vermögensobjekt eine Liquiditätsprämie ab. Im Kredit wird Zahlungsfähigkeit vom Gläubiger auf den Schuldner übertragen. In einem einfachen Kreditmarktmodell wird gezeigt, dass die Zinszahlung des Schuldners den temporären Verlust an Zahlungsfähigkeit auf Seiten des Gläubigers kompensieren muss. Zu Anbietern von Geld haben sich historisch die Banken entwickelt. Es wird untersucht, warum sie die Rolle von Finanzintermediären einnehmen, über die einerseits ein Großteil der Kreditvergabe abgewickelt wird und die andererseits als Sammelstellen für die Geldvermögensbildung der Nichtbanken fungieren. Moderne Geldwirtschaften haben ein zweistufiges Banksystem, in dem die Geschäftsbanken unter Wettbewerbsbedingungen das Kreditgeschäft betreiben und dem Publikum verzinsliche Anlagemöglichkeiten bieten, während die Zentralbank das alleinige Recht zur Notenemission besitzt. In diesem System stehen die Geschäftsbanken in einem ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis zur Zentralbank, weil sie sich Bargeld nur von ihr beschaffen können. Dies gibt andererseits der Zentralbank die Möglichkeit, die Konditionen der Bereitstellung von Zentralbankgeld zu verändern und darüber das Kreditvolumen in der Volkswirtschaft zu beeinflussen. 1.1 Theoretische Grundlagen 1.1.1 Die Funktionen des Geldes: Zahlungsmittel aus informationstheoretischer Sicht Eine arbeitsteilige Volkswirtschaft bezieht ihren Wohlstand aus dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen den Wirtschaftssubjekten. Jedoch ist die Marktwirtschaft im eigentlichen Sinne keine Tauschwirtschaft; sie erhält ihren ordnungspolitisch besonderen Charakter als Geldwirtschaft. Die zentrale Rolle des Geldes wird deutlich, wenn man versucht, sich eine Ökonomie ohne Geld vorzustellen: Angenommen ist, dass die Menschen nicht autark wirtschaften, sondern sich auf bestimmte Aktivitäten spezialisieren. Für die 2 1. Geld, Zins und Banken vielfältigen Güter und Dienste, die sie benötigen, können sie deshalb ihren potenziellen Marktpartnern kurzfristig nur ein eingeschränktes Spektrum an Gegenleistungen anbieten. Aller Wahrscheinlichkeit nach käme es so gar nicht zu einem unmittelbaren Tausch von Gütern. Das vorherrschende Transaktionsmuster wäre vielmehr die einseitige Überlassung von Ressourcen. Der güternachfragende Akteur würde zunächst zum Schuldner; er müsste im Gegenzug einen Schuldschein ausstellen, der ihn dazu verpflichtet, dem Güteranbieter zu einem späteren Zeitpunkt die von diesem gewünschten Dinge zu liefern. Der Güteranbieter erhält somit als Gegenleistung nicht ebenfalls Güter, sondern eine Kreditforderung gegen den Nachfrager, d.h. nur einen Anspruch auf eine Güterlieferung. Eine Marktwirtschaft ohne Geld wäre also keine Tausch-, sondern eine Kreditwirtschaft. Eine solche Ökonomie würde vermutlich nicht gut funktionieren: • Erstens wäre das Ausmaß der Geschäfte aufgrund des Kreditrisikos auf Seiten der Güteranbieter gering. Denn bei anonymen Marktbeziehungen haben sie keinerlei Informationen über die Solidität der Nachfrager und müssten befürchten, dass letztere als Schuldner ihren Lieferverpflichtungen nicht nachkommen können oder wollen. Bei den vielfältigen, nicht standardisierten Lieferverträgen würde es auch einer Justiz schwer fallen, den Gläubigern zu ihrem Recht zu verhelfen. • Zweitens wären die Kreditforderungen in hohem Maße heterogen in Bezug auf Inhalt und Terminierung der Lieferversprechen. Dies beschränkt die Möglichkeit von wechselseitigen Verrechnungen dieser Schuldpapiere. • Schließlich gibt es keinen einheitlichen Maßstab zur Bewertung von Gütern und Schuldtiteln. Jeder Akteur könnte den Preis eines Gutes in Einheiten eines beliebigen anderen Gutes messen. Dies würde Wirtschaftsrechnungen und Markttransparenz erschweren. Zur Vermeidung derartiger Probleme wird in der Marktwirtschaft Geld verwendet. Güteranbieter wünschen als Gegenleistung von Nachfragern nicht deren Schuldscheine, sondern (nahezu) ausschließlich Einheiten eines Mediums, von dem sie mit einiger Sicherheit annehmen können, dass sie selbst es ebenfalls bei ihrer eigenen Güternachfrage einsetzen können. Historisch ist diese Geldfunktion vor allem durch zwei Medien übernommen worden: (1) Standardisierte Mengen edler Metalle (Münzen aus Gold und Silber) fungierten als Geld, weil die Menschen aufgrund ihres "inneren" Wertes davon ausgingen, dass diese Münzen immer akzeptiert würden. Notfalls konnte man die Münzen einschmelzen und das Metall auch direkt verwenden (z.B. zur Schmuckherstellung). Münzen wurden von der politischen Obrigkeit geprägt und in Umlauf gebracht. Der Herrscher geriet allerdings oftmals in Versuchung, den Metallgehalt der Münzen herabzusetzen. Er konnte so von der Differenz zwischen Metall- und Nennwert (Seigniorage) eine Zeitlang profitieren, bis die Münzen im Markt an Wert verloren. (2) Im Gegensatz zu anonymen Wirtschaftssubjekten hatten bekannte und angesehene Vermögenseigentümer (die späteren Banken) das Privileg, sich mit ihrem bloßen Lieferverspre- 1.1 Theoretische Grundlagen 3 chen am Markt Güter beschaffen zu können. Der "Schuldschein des reichen Mannes" war als Geldmedium anerkannt, wenn und weil man darauf vertraute, dass er bei Fälligkeit in Teile dessen Vermögens eingelöst werden konnte. Bestand dieses Vermögen z.B. aus Rindern, Getreide oder Gold, so beinhaltete der Schuldschein die Verpflichtung, eine bestimmte Menge dieser Güter zu liefern. Der entscheidende Punkt war jedoch gerade, dass die allgemein verbreitete Erwartung einer Einlösbarkeit das Motiv beseitigte, diesen Anspruch zu realisieren. Denn auch andere Güteranbieter akzeptierten diesen Schein als Gegenleistung. Wenn allgemein das Vertrauen gegeben ist, dass der Schuldschein eingelöst werden kann, ist es viel einfacher, bei wirtschaftlichen Transaktionen nur diesen Schein als Gegenleistung einzusetzen, als die Güter des Scheinausstellers abzufordern und diese zu übertragen. Aus einer Forderung gegen den Aussteller des Schuldscheins wird so faktisch eine Forderung gegen den Markt: wenn nämlich jeder Produzent bereit ist, Güter im Austausch gegen Einheiten dieser Scheine abzugeben. Alles Geld [ist] nur eine Anweisung auf die Gesellschaft [...]; es erscheint gleichsam als ein Wechsel, in dem der Name des Bezogenen nicht ausgefüllt ist. [...] Die Solvierung jeder privaten Verbindlichkeit durch Geld bedeutet eben, dass jetzt die Gesamtheit diese Verpflichtung gegen den Berechtigten übernimmt. Georg Simmel (1907: 213f) Der im Markt zirkulierende Schuldschein eines Vermögensbesitzers wird so zum Zahlungsmittel. Dies ist die primäre Geldfunktion: Das Zahlungsmittel löst das Schuldverhältnis auf, das am Gütermarkt zwischen Käufer und Verkäufer entsteht. Die Zahlung von Geld ist die Gegenleistung der Übertragung des Eigentums vom Verkäufer der Güter auf den Käufer. Eng damit verbunden ist eine zweite Geldfunktion. Die Festsetzung einer bestimmten Anzahl von Geldeinheiten bei der Zahlung bedeutet eine Bewertung der betreffenden Güter in Geldpreisen. Geld wird damit zum Wertstandard oder Rechenmittel. Es wird auch bei internen Wirtschaftsrechnungen verwendet, um sicherzustellen, dass Investitionsprojekte und Produktionsprozesse angesichts der im Markt herrschenden Geldpreise ökonomisch rational durchgeführt werden. Schließlich ist eine Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes erkennbar. Geld kann als Zahlungs- und Schuldentilgungsmittel eingesetzt, aber auch unmittelbar als Vermögen gehalten werden. Der Besitz von Geld stellt eine Option dar: Eine Aneignung von Ressourcen ist jederzeit möglich, kann aber auch hinausgeschoben werden. Jede Zahlung ist mit dem Verlust des Optionswertes verbunden, der darin besteht, dass man die entsprechenden Mittel auch anders verwenden könnte. Niklas Luhmann (1988: 224) 4 1. Geld, Zins und Banken Das typische Transaktionsmuster in Geldwirtschaften besteht somit darin, dass Geschäfte durch eine Zahlung sofort abgeschlossen werden. Das ansonsten notwendige System intertemporaler Kreditbeziehungen wäre aufgrund der hohen Informations- und Transaktionskosten kaum lebensfähig und stabil. Geld tritt gleichsam als dritte Partei zwischen Güteranbieter und -nachfrager und entlastet letzteren von der Aufgabe, seine Solidität als potenzieller Schuldner unter Beweis zu stellen. Der Käufer muss nicht als Schuldner um das Vertrauen des Gläubigers werben, er bezahlt den Güteranbieter direkt durch die Übertragung eines allseits akzeptierten Zahlungsmediums. Da man sich Güter nur über Geldzahlungen aneignen kann, verlagern sich Auseinandersetzungen über die gesellschaftliche Verteilung von Vermögen und Einkommen auf eine monetäre Ebene. Monetary relations are trilateral. Monetary exchange [...] involves a third party of those authorities that may legitimately produce money. Geoffrey Ingham (2000: 23) Because money is a claim on the economy as a whole rather than on a single individual, there is no need to acquire information about the individual who offers it in exchange. [...] It is information costs that lie at the bottom of any difference between money and other assets. [...] The institution of money can act as a substitute for trust. Douglas Gale (1982: 187f, 239) Das Problem Knappheit wird durch Geld [...] in eine andere Form gebracht [...]: in die Form von Geldknappheit. Das Problem Knappheit [...] entsteht, wenn jemand im Interesse der eigenen Zukunft andere vom Zugriff auf Ressourcen ausschließt. Die Frage ist: Wann und wie darf er das? [...] Die Antwort, die das Kommunikationsmedium Geld ermöglicht, lautet: wenn er zahlt. Niklas Luhmann (1988: 252) 1.1.2 Traditionelle Strategien zur Wahrung des Geldwertes: Mengenbeschränkungen und Sicherheiten Die Vertrauensprobleme in einer arbeitsteiligen Ökonomie werden durch Geld natürlich nicht beseitigt, sondern nur verschoben: Sie konzentrieren sich nun auf das Geldmedium selbst. Entscheidend für die Akzeptanz eines Geldmediums ist die Erwartung seiner Wertsicherheit. Der Geldwert ist in Gütereinheiten zu messen. Er sinkt, wenn die in Geldeinheiten ausgedrückten Güterpreise steigen; daher lässt sich der Geldwert durch den Kehrwert des allgemeinen Preisniveaus messen. Die Wirtschaftssubjekte müssen Vertrauen in den künftigen Wert des Geldes haben: als Zahlungsmittel für anstehende Güterkäufe und als Wertaufbewahrungsmittel zur Vermögenssicherung für beliebige Zeitspannen. 1.1 Theoretische Grundlagen 5 Für dieses Erwartungsproblem gibt es keine perfekten Lösungen. Im historischen Rückblick kann man zwei Strategien unterscheiden, die zur Geldwertsicherung verfolgt wurden: (1) Knapphaltung der Menge der Zahlungsmittel. Es erscheint unmittelbar einsichtig, dass eine starke Ausweitung der Zahlungsmittelmenge in Relation zu den am Markt angebotenen Gütern letztlich ein Steigen der Geldpreise, d.h. einen Verfall des Geldwertes bewirken muss. Aus diesem Grund wird ein Geldmedium gewählt, das entweder aus natürlichen Gründen knapp ist oder mittels einer geeigneten Vorkehrung knapp gehalten werden kann. • Dies erklärt, dass z.B. Gold als Geld verwendet wurde. Seine Menge konnte zu jedem Zeitpunkt als gegeben angenommen werden. Die Neuproduktion war nur mit hohem Aufwand möglich; steigende (Grenz-) Kosten des Goldabbaus wirkten als Angebotsbeschränkung. Allerdings konnten neue Goldfunde oder der technische Fortschritt das weltweit verfügbare Goldangebot destabilisieren. • Schuldscheine reicher Vermögensbesitzer waren als Geld akzeptiert, weil man davon ausging, dass diese ihr Vermögen nicht durch die Emission von vielen solcher Forderungen zu stark belasten wollten. Bestand dieses Vermögen aus reproduzierbaren Gütern wie z.B. Vieh oder Getreide, so galten nicht etwa diese Güter als Geld (sie wären von jedem in beliebiger Menge zu produzieren gewesen), sondern die knappen Forderungen auf diese Güter. Später wurde versucht, die Emission von als Geld zirkulierenden Schuldscheinen durch institutionelle Regeln zu beschränken. Hier erwies es sich als schwierig, diese Beschränkung glaubwürdig erscheinen zu lassen und durchzusetzen. Die Strategie einer Mengenbegrenzung der Produktion von Zahlungsmitteln garantiert jedoch keine Geldwertstabilität. Selbst wenn ein Geldbestand gegeben wäre, so kann er doch unterschiedlich intensiv genutzt werden. Die Wirtschaftssubjekte können die durchschnittliche Dauer der Geldhaltung verringern und das Geld vermehrt am Gütermarkt als Zahlungsmittel einsetzen. Auch dabei kann sich eine Übernachfrage mit der Folge von Preissteigerungen entwickeln. Inflation ist also insbesondere kurzfristig nicht an eine erhöhte Neuausgabe von Geld gebunden; sie kann eine Zeitlang auch durch eine steigende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes "finanziert" werden. (2) Versprechen des Eintauschs des Zahlungsmittels zu einem festen Preis in ein anderes Aktivum. Als Geld verwendete Schuldscheine stellen Forderungen auf eine vom Emittenten dieser Papiere gehaltene Vermögensreserve dar; gerade die (vermutete) Existenz dieses Vermögensbestandes kann die Akzeptanz dieser Papiere als Zahlungsmittel begründen oder unterstützen. Wenn die Scheine jedoch im Markt zirkulieren, von Marktakteuren als Geld gehalten und faktisch nicht eingelöst werden, kann beim Aussteller der Anreiz entstehen, durch vermehrte eigene Güterkäufe eine höhere Anzahl von Scheinen in Umlauf zu setzen, die nicht mehr voll durch seinen Vermögensbestand gedeckt sind. Solange jedoch die Öffentlichkeit nichts davon erfährt, kann die Akzeptanz dieser Papiere im Markt als Zahlungsmittel gewahrt bleiben. Eben dies steigert den Anreiz des Ausstellers, sich durch immer größere Emissionen praktisch kostenlos Güter anzueignen. Die hohe Re- 6 1. Geld, Zins und Banken putation verführt zum Missbrauch. Würde das Vertrauen in die Solidität dieses Geldmediums schließlich aber doch zusammenbrechen, sind zwei Konsequenzen zu erwarten: • Vermutlich käme es zu einer Steigerung der in diesem Zahlungsmittel gemessenen Geldpreise, nicht einmal so sehr wegen der vom Aussteller betriebenen Vermehrung des Geldes, sondern vor allem, weil die übrigen Wirtschaftssubjekte die Haltung dieses Geldes aus Angst vor Wertverlusten aufgeben. Wenn die zugesicherte Einlösung der Papiere in das Privatvermögen des Geldemittenten wegen der Unterdeckung nicht gelingt, bleibt nur die möglichst rasche Ausgabe dieser Papiere am Gütermarkt. Und da die Bereitschaft der Güteranbieter zur Annahme dieser Schuldscheine als Zahlungsmittel sinkt, werden die Käufer versuchen, durch höhere Zahlungsgebote in den Besitz von Gütern zu gelangen. Die Folge sind steigende Preise. • Die Reputation des Geldemittenten wäre auf unbestimmte Zeit zerstört. Seine Schuldscheine haben nicht länger den Charakter eines Zahlungsmittels. Er selbst ist auf den Status eines normalen Marktakteurs zurückgesetzt, der sich Geld von dritter Seite verdienen muss, um sich damit Güter aneignen zu können. The publicness of money resides essentially in its general acceptability, which makes the value of money balances held by each individual depend not only on his own possession and market prices, but on the holdings of other persons. George Grantham u.a. (1977: 345) Dieser zweite Effekt einer Überemission kann einen Geldemittenten aus eigenem Interesse dazu bewegen, einen jederzeitigen Eintausch der von ihm herausgegebenen Scheine in Teile seiner Vermögensreserve zu versprechen oder auch eine bestimmte Deckungsquote öffentlich überwachen zu lassen. Dadurch kann er seinen privilegierten Status als Geldproduzent bewahren, während die Gesellschaft den Vorteil einer Beschränkung der Geldemission hat. Die Zusicherung des Einwechselns eines Geldmediums in einen anderen Vermögenswert bewirkt demnach ebenfalls eine Knapphaltung des Geldes. Allerdings ist auch diese Wertsicherungsstrategie unvollkommen. Zum einen stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit und Überwachung der Einlöseverpflichtung. Zum anderen lenkt die Gewährleistung der Einlösung die geldpolitische Aufmerksamkeit in die falsche Richtung. Die vollzogene Einlösung eines Zahlungsmittels in eine Vermögensreserve zeugt nicht von der hohen Qualität des Geldes, sondern zeigt einen bereits erfolgten Vertrauensverlust, eine Krise der Währung an. Die Marktakteure wünschen ein abstraktes, leicht handhabbares Zahlungsmittel, nicht die Vermögensreserven des Geldemittenten. Deren Marktwert ist möglicherweise unbekannt oder unsicher und vor allem besitzen sie als konkrete Vermögensgüter keine Geldeigenschaft. Der Einlösungszwang kann ein Disziplinierungsmittel für den Geldemittenten darstellen, aber die eigentliche geldpolitische Aufgabe besteht nicht darin, eine wie auch immer gearte- 1.1 Theoretische Grundlagen 7 te Deckungsquote des Geldes (gemessen an den Reserven) zu sichern, sondern den Wert des Geldes im Gütermarkt, gemessen an der dort verfügbaren Gütermenge. Die Vorstellung, dass Geld einen inneren Wert aufweisen oder durch Vermögenswerte und Reserven gedeckt sein müsse, war lange Zeit ein populärer Irrglaube. Er wurde genährt durch die in der Bankund Währungsgeschichte verbreitete Praxis, die Emission von Geld durch die Bindung an derartige Aktiva (oder ausländische Währungen) zu beschränken. Auch als vertrauensbildende Maßnahme war die Vorstellung hilfreich, "hinter" dem Geld stünden reale Vermögenswerte, die seine Wertstabilität bei Transaktionen im Gütermarkt verbürgen könnten. Eine steigende Geldemission durch den Ankauf von realen Vermögensgütern muss aber deren Preise und damit das allgemeine Preisniveau nach oben treiben. Tatsächlich beruht die Verwendung eines Mediums als Geld auf einer Konvention, d.h. einer impliziten oder expliziten Vereinbarung der Akteure, und die Stabilität der damit begründeten Währungsordnung wesentlich auf der wechselseitigen Erwartung jedes einzelnen Wirtschaftssubjekts, dass andere Marktakteure dieses Medium in naher und ferner Zukunft als Zahlungsmittel akzeptieren werden. Es ist die Kunst der Geldpolitik, dieses prekäre Erwartungsgleichgewicht aufrechtzuerhalten. Geld ist [...] eine Fiktion, wertloses Papier, das Wert nur erwirbt, weil sehr viele Menschen ihm Wert beimessen. Das System beruht auf Vertrauen. Nicht auf Wahrheit oder Realität, sondern auf kollektivem Glauben. Paul Auster (1997: 51) 1.1.3 Kredit, Liquiditätspräferenz und Zins: ein elementares Modell Die Transaktionen auf Vermögens-, Güter- und Arbeitsmärkten werden durch Verträge geregelt. Kredit-, Kauf- und Arbeitskontrakte werden in nominalen Geldeinheiten festgesetzt und erfüllt. Geld ist damit der Wertstandard aller wirtschaftlichen Planungen und Entscheidungen und zugleich das Zahlungsmittel, dessen Übertragung die im Vertrag eingegangene Verpflichtung auflöst. In seiner Eigenschaft als Wertstandard ist Geld nicht knapp jeder kann in Geldeinheiten kalkulieren , wohl aber in seiner Eigenschaft als Zahlungsmittel, weil Geld bei der Vertragserfüllung an den jeweiligen Gläubiger zu übertragen ist. Die Verfügung über Geld macht Wirtschaftssubjekte zahlungsfähig. Die Zahlungsmittelfunktion begründet damit einen besonderen Ertrag der Geldhaltung: eine nicht-pekuniäre Liquiditätsprämie. Der prinzipielle Wunsch von Marktakteuren nach jederzeitiger Zahlungsfähigkeit die Liquiditätspräferenz bedeutet, dass die Haltung von Geld der Haltung anderer ertragsloser Vermögenswerte vorgezogen wird. Kredit ist die temporäre Überlassung von Zahlungsmitteln, die vom Schuldner am Ende der vereinbarten Frist an den Gläubiger zurückzuerstatten sind. Ein derartiger Geldkredit ist von einer direkten Güterleihe zu unterscheiden, die in der Marktwirtschaft eher selten vorkommt 8 1. Geld, Zins und Banken (dabei wird das Recht zur Nutzung von Gütern durch die Miete abgegolten). Geldkredite sind in Geldeinheiten zu tilgen, weil nur dies den Gläubiger in seine ursprüngliche Vermögensposition zurückversetzt; verliehen werden monetäre Verfügungsrechte über Güter, also Zahlungsmittel, nicht Güter selbst. Die Tilgung in Form einer wertgleichen Gütermenge ist i.d.R. ausgeschlossen. Geld ist Zahlungsmittel, Kredit das Versprechen, Zahlungsmittel zu übertragen. Kredit ist damit ein Kontrakt, der den Gläubiger verpflichtet, zugunsten des Schuldners auf die Verfügung über Zahlungsmittel zu verzichten, während er den Schuldner verpflichtet, nach vereinbarter Frist dem Gläubiger erneut Zahlungsmittel zur Verfügung zu stellen. Verbindlichkeiten sind deshalb aufgeschobene Zahlungen, Forderungen ein Anspruch auf Zahlungen eines abgeschlossenen Kontraktes. Geld ist somit Zahlungsmittel, weil seine Übertragung den Ausweis der Erfüllung eines Kontraktes bildet. Hajo Riese (1989: 1) Ein Geldvermögensbesitzer, der aus seinem gehaltenen Geldbestand einen Kredit vergibt, nimmt eine Strukturverschiebung bei seinen Bilanzaktiva vor. Die Substitution "Geld gegen Kreditforderung" verschlechtert seine Vermögensposition als Gläubiger aus zwei Gründen: (1) Geld ist definitionsgemäß eine unabweisbare Forderung gegen die Wirtschaft als ganze, der Kredit dagegen ein Forderungsrecht gegen einen einzelnen Schuldner. Der Umstand, dass gesellschaftliches Vermögen in Form von Geld gehalten werden kann, macht andere konkrete Forderungsrechte zu prinzipiell unsicheren Aktiva, weil sie Ansprüche gegen bestimmte Schuldner darstellen. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, dass einzelne Forderungstitel untereinander ein unterschiedliches Risiko aufweisen, das sich in den Kreditvergabekonditionen niederschlagen kann. Man kann versuchen, sich gegen das Ausfallrisiko abzusichern: • Der Schuldner kann dazu verpflichtet werden, eine Sicherheit zu stellen, d.h. einen Vermögenswert, der im Falle der Nicht-Tilgung auf den Gläubiger übergeht. Der Wert solcher Aktiva ist allerdings unsicher. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten, wenn Schuldner typischerweise Schwierigkeiten bei der Rückzahlung von Krediten haben, tendieren auch die Preise von Vermögenswerten nach unten. Selbst wenn aber der Wert einer Sicherheit dem Betrag einer ausgefallenen Kreditforderung entspricht, so besitzt der Gläubiger eben kein Geld, sondern ein Vermögensaktivum und hat mögliche Informations- und Transaktionskosten beim Verkauf zu tragen. • Der Gläubiger kann eine Versicherung gegen einen Forderungsverlust abschließen. Dies setzt voraus, dass Forderungsausfälle versicherbar, d.h. wahrscheinlichkeitstheoretisch kalkulierbar sind, also unverbundene Schadensfälle darstellen. Systemische Risiken sind schwerer zu versichern (Forderungsausfälle stehen in einem konjunkturellen Zusammenhang). In jedem Fall sind aber Versicherungsprämien zu zahlen. 1.1 Theoretische Grundlagen 9 Das Ausfallrisiko eines Kredits verlangt also eine Entschädigung für die dem Gläubiger entstehenden Kosten. Dies ist ein erster Grund für eine Zinsforderung. If there is any doubt about repayment, there must be interest; for no one will voluntarily part with money [...] in return for anything less than a 100 per cent probability of the principle being repaid. [...] The greater the risk of default, the higher (other things being equal) will be the rate of interest. Sir John Hicks (1969: 73f) (2) Das Vermögensportfolio eines Kreditgebers verschlechtert sich während der Laufzeit des Kreditvertrags im Hinblick auf den Liquiditätsaspekt. Geld als perfekt liquides Aktivum wird durch eine Forderung substituiert, die keine Zahlungsmitteleigenschaft hat und zumeist bis zur Fälligkeit gehalten werden muss, d.h. nicht vorzeitig an einen anderen Gläubiger weiterverkauft werden kann. Zumindest aber treten bei der Substitution ertragabwerfender Aktiva Transaktionskosten auf. Bei konstanter Liquiditätspräferenz des Geldvermögensbesitzers muss der mit der Kreditvergabe eintretende sinkende Liquiditätsgrad des Portfolios durch eine Zinszahlung kompensiert werden. Der Zins zeigt sich als Optionspreis des Geldes: Er misst die Flexibilität, jederzeit in gewünschte Aktiva wechseln zu können. Die Bedeutung des Geldes muss jeder statischen Theorie unzugänglich bleiben, da seine entscheidende Funktion, die des Trägers höchster Liquidität, sich nur bei Berücksichtigung des Zeitablaufs erschließt. Die Liquidität bezieht sich nicht auf die Überbrückung der Zeit als bloßer Dauer, also auf die Funktion des Geldes als 'standard of deferred payments' im technischen Sinne, sondern sie wird getragen von dem Moment der grundsätzlichen Ungewissheit der Zukunft [...]. Da alles menschliche Wirtschaften auf die ungewisse Zukunft zielt [...], bildet sich ein besonderer Wert für das Gut, das es ermöglicht, der Ungewissheit der Zukunft gegenüber die günstige Position des 'Wartens' zu beziehen, also die Entscheidungsfreiheit noch zu bewahren. [...] Verzicht auf Liquidität ist ein 'Opfer'. Andreas Paulsen (1950: 52f) Liquidity preference is the reason why ready money commands a premium over bills or bonds is the cause, therefore, of the existence of a rate of interest. Sir John Hicks (1982: 240) There is thus a probability that a portfolio choice, once made, is not optimal in light of what will be learned. This consideration, when combined with transaction costs, leads to a premium on 'liquid' or low-transaction-cost assets. This premium is in nature of an option purchase. Frank H. Hahn / Robert M. Solow (1995: 144) 10 1. Geld, Zins und Banken Kreditangebotsfunktion Geld, Kredit Geldbestand Zins Zins Kreditvergabe Geldhaltung Abbildung 1-1: Kreditvergabe aus einem Geldbestand Das einfachste Beispiel einer Kreditvergabeentscheidung lässt sich beschreiben durch den Fall eines Vermögensbesitzers, der über einen gegebenen Bestand an Geld verfügt (Abbildung 1-1). Er wird der Reihe nach mit Kreditnachfragern konfrontiert, die jeweils einen kleinen, konstanten Teil des Geldbestandes als Kredit wünschen. Angenommen ist, dass alle Kreditnachfrager und -projekte von gleicher Solidität sind. Gleichwohl wird die Bereitschaft des Geldvermögensbesitzers zur Kreditvergabe mit jedem weiteren Antrag abnehmen: Mit jedem abgeschlossenen Kreditvertrag wird der ihm verbleibende Geldbetrag knapper und damit liquiditätstheoretisch wertvoller. Die Liquiditätsprämie, die er seinem gehaltenen Geld zuordnet, ist eine Funktion des Anteils der Geldhaltung am Gesamtportefeuille. Sie steigt mit jedem Schritt der Umstrukturierung seines Portfolios von der Geldhaltung zur Kreditvergabe. Die mit dem Kreditangebot zunehmende Liquiditätsprämie ist der preistheoretische Ausdruck des Bedürfnisses nach Sicherheit und Zahlungsfähigkeit. Wenn die Liquiditätsprämie der nicht-pekuniäre Ertrag der Geldhaltung ist, so muss bei Substitution eines Geldbetrages gegen eine Kreditforderung ein Zins in gleicher Höhe gezahlt werden. Eine zunehmende Bereitschaft zur Kreditvergabe verlangt also einen steigenden Zinssatz. Die Kurve, auf der in jedem Punkt die Gleichgewichtsbedingung "Liquiditätsprämie = Zins" gilt, ist die Kreditangebotsfunktion. Über die Aggregation der einzelwirtschaftlichen Kreditangebotskurven erhält man das gesamtwirtschaftliche Kreditangebot. Während im obigen Individualkalkül der Zins für jeden Vermögensbesitzer vorgegeben war, wird er nun zu einer endogen im Kreditmarkt bestimmten Größe (Abbildung 1-2). Die Kreditnachfrage ist negativ vom Zins abhängig: Mit sinkenden Zinsen nehmen die Finanzierungskosten von Sachinvestitionen ab und deshalb wird ein größeres Investitionsvolumen getätigt (Abschnitt 2.1.4). It is a recognised characteristic of money as a store of wealth that it is barren; whereas practically every other form of storing wealth yields some interest or profit. Why should anyone outside a lunatic asylum wish to use money as a store of wealth? Because, partly on reasonable and partly on instinctive grounds, our desire to hold money as a store of wealth is a barometer of the 1.1 Theoretische Grundlagen 11 degree of our distrust of our own calculations and conventions concerning the future. [...] The possession of actual money lulls our disquietude; and the premium which we require to make us part with money is the measure of the degree of our disquietude. [...] The rate of interest obviously measures [...] the premium which has to be offered to induce people to hold their wealth in some form other than hoarded money. The rate of interest [...] has to be established at the level which, in the opinion of those who have the opportunity of choice i.e. of wealth-holders equalises the attractions of holding idle cash and of holding the loan. John Maynard Keynes (1937: 115f, 213) Die Liquiditätspräferenz ist eine variable Größe, die positiv mit dem Grad der vom Wirtschaftssubjekt empfundenen Unsicherheit über Art und Ergebnis des Marktprozesses schwankt; sie reagiert damit auch auf Wellen von Optimismus und Pessimismus im Wirtschaftsablauf. Die Einschätzung der Sicherheit des Vermögensrückflusses ist (konjunkturellen) Schwankungen ausgesetzt. Pessimistische Erwartungen bewirken einzelwirtschaftlich eine Einschränkung der Kreditvergabe und darüber im Gesamtmarkt eine Erhöhung des im Individualkalkül gegebenen Zinssatzes: Wenn die Geldmenge gegeben ist, können alle Wirtschaftssubjekte zusammen nicht liquider werden. Ändert sich die Liquiditätspräferenz des Geldvermögensbesitzers, so verschiebt sich die Kreditangebotsfunktion entsprechend nach oben oder unten. Eine Zunahme der Liquiditätspräferenz führt zu einer Linksverschiebung der Kreditangebotsfunktion und damit zu einer Zinserhöhung; die Kreditnachfrage geht daraufhin zurück. Zins Kredit Kreditnachfrage Kreditangebot Abbildung 1-2: Kreditmarkt bei steigender Liquiditätspräferenz 1.1.4 Die Bank als Geldproduzent: Kreditschöpfung und das Liquiditätsproblem Im obigen Beispiel wurde die Geldfunktion durch eine materielle Ressource wie z.B. Gold ausgefüllt. Die vorstehend entwickelten Zusammenhänge gelten jedoch im wesentlichen analog, wenn der Schuldschein eines reichen Vermögensbesitzers die Geldfunktion übernimmt. Dieser Vermögensbesitzer wird nun als Bank definiert. Es sei angenommen, dass die 12 1. Geld, Zins und Banken Bank neben anderen Vermögenswerten auch Gold im Portfolio hält. Dieses kann durch frühere kaufmännische Aktivitäten in den Besitz der Bank gekommen sein, es wird ihr aber auch auf dem Wege des Depositengeschäfts zufließen: Dabei zahlen Kunden Goldmünzen bei der Bank ein und erhalten im Gegenzug als Einzahlungsbestätigung einen Schuldschein der Bank, eine Banknote. Für die Kunden ist dies sinnvoll, weil Banknoten ein bequemeres Zahlungsmittel als Goldmünzen darstellen. Dies setzt freilich voraus, dass die übrigen Marktakteure diese Noten akzeptieren. Bei voll gedeckten Noten stellt dies aber kaum ein Problem dar. Die Bankbilanz wird durch die Hereinnahme von Depositen verlängert, wobei Forderungen auf der Aktiv- und Schulden auf der Passivseite verbucht werden (Tabelle 1-1). Aktiva Passiva Vermögensaktiva Gold Eigenkapital ∆ Gold ∆ Banknoten Tabelle 1-1: Bankbilanz nach Depositen- ∆ Kredite ∆ Banknoten und Kreditgeschäft Der ungenutzte Goldbestand motiviert die Bank zum gewinnbringenden Kreditgeschäft. Die Bank erhält eine Kreditforderung gegen einen Kunden und emittiert dabei wiederum Banknoten, die eine Forderung des Kreditnehmers auf die Goldreserve der Bank darstellen. Bilanztechnisch ist dies wiederum eine Bilanzverlängerung, während im obigen Beispiel eines direkten Verleihs von Gold (Abschnitt 1.1.3) die Kreditvergabe einen Aktivtausch in der Bilanz bedeutete. Ein weiterer Unterschied zu diesem Fall besteht darin, dass das Kreditvolumen nicht strikt durch die Goldreserve beschränkt ist. Prinzipiell können auch mehr Schuldscheine emittiert werden, so dass diese Banknoten nicht mehr vollständig gedeckt sind. Solange die Halter der Noten diese jedoch nicht alle gleichzeitig einlösen wollen, ist die Unterdeckung für die Bank unmittelbar kein Problem. Zirkulieren die Banknoten im Markt als Geld, so werden sie im Durchschnitt nie eingelöst. Gleichwohl wird die Bank mit steigendem Kreditvolumen einen höheren Zins fordern (Abbildung 1-3). Der Grund ist eine zunehmende Belastung der vorhandenen Goldreserve durch die ausgegebenen Banknoten, also letztlich wiederum eine variable Liquiditätsprämie. Mit jeder Kreditvergabe über die Goldreserve hinaus entsteht für die Bank ein Liquiditätsproblem: Sie verpflichtet sich, im Einlösungsfall Zahlungen in einem Medium zu leisten, das sie selbst nicht schaffen kann. Die Bank wirtschaftet unter dem Liquiditätsrisiko, dass bei einer Konvertierung großer Notenmengen ihr Goldbestand zu klein ist, um den Forderungen nachzukommen. In diesem Fall müsste sie versuchen, zusätzliche Einzahler zu gewinnen oder ihre übrigen Vermögensaktiva am Markt zu verkaufen, um sich Gold zu verschaffen. 1.1 Theoretische Grundlagen 13 Die preistheoretische Konsequenz dieses Risikos ist wiederum eine vom Sicherheitsmotiv getragene Abneigung gegen eine unbeschränkte Kreditvergabe; steigende Zinsen sind notwendig, um die Bank zu einem größeren Kreditangebot zu bewegen. Der Bankkredit ist in Form ausgegebener Banknoten oder in Gold zu tilgen. Im ersten Fall verkürzt sich die Bankbilanz um die betreffende Kreditforderung und eine Notenmenge in gleicher Höhe, im zweiten ergibt sich ein Aktivtausch zwischen Kreditforderungen und Goldreserve. Die periodischen Zinszahlungen erhöhen den Bankgewinn. Werden sie in Gold gezahlt, so wird dieses dem Marktsystem fortlaufend durch die Bank entzogen. Bei der Zinszahlung in Noten wird noch deutlicher, dass hier ein gesamtwirtschaftliches Ungleichgewicht auftaucht: Bei unveränderter Kreditvergabe und Notenemission müssten die Nichtbanken über die Zinsen mehr Noten an die Bank zurückzahlen als emittiert worden sind. Dieses Ungleichgewicht wird aber behoben, wenn die Bankeigentümer den Zinsgewinn konsumieren: Ihre Güterkäufe führen zu einem Zahlungsstrom in den Nichtbankensektor und schließen so den Kreislauf der Banknotenbewegung. Der Bankgewinn ist demnach einerseits Motiv des Bankbetriebs, andererseits (über seine Verausgabung) Bedingung eines Liquiditätsgleichgewichts in der Gesamtwirtschaft. 1.1.5 Geld als öffentliches Gut: Monopolwährung und staatliche Kontrolle Der gesellschaftliche Prozess der Einigung auf ein Geldmedium ist dadurch geprägt, dass Geld auf den ersten Blick die Funktion eines öffentlichen Gutes erfüllt. Die beiden Kriterien "Nicht-Ausschließbarkeit von der Nutzung" und "keine Konsumentenrivalität" sind im Hinblick auf Geld als Wertstandard offensichtlich. In diesem Zusammenhang ist häufig auf die Analogie zur Verwendung von Sprachen verwiesen worden: Es entsteht ein Informationsund Wohlfahrtsgewinn, wenn die Teilnehmer eines Interaktionsprozesses auf einer gemeinsamen Ebene miteinander kommunizieren können. Ähnliches gilt für die Einigung auf gemeinsam anerkannte Rechtsregeln bei der Ausgestaltung und Durchsetzung von Verträgen. Kreditangebotsfunktion Kredit Zins Zins Kreditvergabe Goldreserve Abbildung 1-3: Goldreserve und Kreditvergabe einer Bank 14 1. Geld, Zins und Banken Beim Zahlungsmittel ist der Sachverhalt allerdings komplizierter. Deutlicher als beim Wertstandard zeigt sich im Hinblick auf die Geldakzeptanz nicht nur ein Fehlen der Rivalität im Gebrauch, sondern vielmehr sogar das Element steigender Skalenerträge: Der Wert der Haltung eines Geldmediums steigt mit seiner Verbreitung, d.h. mit der Anzahl der Marktakteure, die es als Zahlungsmittel akzeptieren. The supplier issues a liability, which is used as money, and purchases an asset (extends credit). The source of the profit of the issuer of money (the bank) is the margin between the interest rate earned on the asset and the interest paid on the liability. When the liability of the bank gains increasing acceptance as money, the users are willing to pay more for the service. [...] In this sense the issuer of money profits from increasing returns to scale. Paul De Grauwe (1996: 3f) Abweichend vom Konzept des öffentlichen Gutes zeigt sich Geld im Hinblick auf seine Zahlungsmittelfunktion als ein ausgesprochen privates Gut. Die Verfügung über Zahlungsmittel ist an die Bereitschaft zur Zahlung eines Zinses (bzw. zur Übernahme von Opportunitätskosten) gebunden. Eben dies ermöglicht es privaten Akteuren, die Bereitstellung von Geld als ein rentables Geschäft zu betreiben. Das Problem öffentlicher Güter besteht üblicherweise in einer mangelnden Bereitschaft zu einem privatwirtschaftlichen Angebot (weil man dabei kaum verdienen kann); beim Geld liegt hingegen der umgekehrte Fall vor: Wenn private Schuldscheine als Geld zirkulieren, haben eher zu viele Marktakteure das Interesse, als Geldanbieter aufzutreten. Die Existenz externer Effekte wird jedoch die Durchsetzung eines bestimmten Geldmediums beschleunigen; die dezentralen Entscheidungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte hängen dabei von unmittelbar spürbaren ökonomischen Kriterien (Kosten bzw. Erträge) ab. In diesem Zusammenhang spielen auch technische Eigenschaften wie Haltbarkeit und Teilbarkeit des Geldmediums eine Rolle; ausschlaggebend ist aber letztlich die Frage, welche Währung − jetzt und in Zukunft − die niedrigsten Transaktionskosten bei der Aneignung von Ressourcen aufweist: Wird die Geldfunktion durch private Schuldscheine erfüllt, so haben Marktakteure den Anreiz, sich qualitativ hochwertige Schuldpapiere zu verschaffen. Die Güterpreise, ausgedrückt in Einheiten dieser Papiere, sind niedriger, während man bei Abgabe fragwürdiger Papiere Risikoaufschläge im Preis zahlen muss. Das Bedürfnis nach allgemein akzeptierten Schuldscheinen impliziert, dass vergleichsweise wenigen Wirtschaftssubjekten das Privileg zufällt, Schuldscheine emittieren zu können. Diese finden dann am Markt eine leichte Aufnahme. Das Auftreten positiver externer Effekte lässt erwarten, dass ein Geldmedium den Markt mit zunehmender Geschwindigkeit erobern wird. Es ist dabei wahrscheinlich, dass der dezentrale Such-, Selektions- und Einigungsprozess zu einer Monopollösung führt, in der eine 1.1 Theoretische Grundlagen 15 Marktgemeinschaft nur noch ein Geldmedium verwendet. Diese Monopollösung muss jedoch gesellschaftlich keineswegs optimal sein. Es kann sich auch um ein sog. lokales Optimum handeln, eine Station im Evolutionsprozess, die eingenommen und längere Zeit nicht mehr durch endogene Marktkräfte verlassen wird, weil ein Lock-in-Effekt auftritt: Die Marktteilnehmer halten trotz erkennbarer Mängel eines Geldmediums zumindest teilweise an seiner Nutzung fest, wenn und weil beim Übergang zu einer neuen Währung gleichsam der Markenname der alten Währung als Aktivum abzuschreiben ist. Die Bestimmung eines Zahlungsmittels beruht nach John Locke (1690) letztlich nur auf einer − wie auch immer begründeten − "Übereinkunft der Individuen"; auch das Gold bezog seinen Wert nicht in erster Linie aus seinem Metallwert, sondern aus dieser Übereinkunft, es als Zahlungsmittel zu nutzen. Die Akzeptanz des Geldes hängt nicht von den direkten Eigenschaften des Geldmediums selbst ab, sondern von einer Art sozialer Konvention: von der kollektiven Erwartung hinsichtlich der künftigen Akzeptanz. Dies unterstreicht die mögliche Labilität und allokative Ineffizienz eines solchen Erwartungsgleichgewichts. Eben weil Marktprozesse bei der Auswahl eines Geldmediums nicht zwingend zu einem Wohlfahrtsoptimum führen, kann somit das Eingreifen einer öffentlichen Instanz sinnvoll sein, um ein Marktversagen zu korrigieren oder auch nur um den Suchprozess abzukürzen. So könnte der Staat ein gesetzliches Zahlungsmittel definieren und in Eigenregie zur Nutzung anbieten. In diesem Sinne hat Georg Friedrich Knapp (1909) Geld als ein "Geschöpf der Rechtsordnung" bezeichnet. Das Geld ist nicht durch Gesetz entstanden; es ist seinem Ursprunge nach keine staatliche, sondern eine gesellschaftliche Erscheinung. [...] Wohl aber ist die Institution des Geldes [...] durch staatliche Anerkennung und Regelung in ähnlicher Weise vervollkommnet und den vielfältigen und wechselnden Bedürfnissen des sich entwickelnden Verkehrs angepasst worden, wie das Gewohnheitsrecht durch die Gesetzgebung. Carl Menger (1909: 574) Knapps Theorie wandte sich gegen die zeitgenössische metallistische Geldauffassung, die dazu neigte, die Geldeigenschaft aus der physischen Substanz des Geldmediums abzuleiten. Wie Knapp hatte jedoch auch schon Georg Simmel (1907) erkannt, dass der Unterschied zwischen dem gedeckten und dem ungedeckten Papiergeld für die funktionale Rolle des Geldes "ganz irrelevant" sei; denn auch metallisches Geld sei nichts als ein Versprechen, dass die Gesellschaft dem Geldbesitzer auf sein Verlangen hin einen Zugriff auf knappe Ressourcen einräumen werde. Simmel deutete an, es sei eine Aufgabe der Gemeinschaft bzw. der Regierung, den Marktwert des Geldes zu sichern. Die Banken als typische Geldanbieter sind in der Geschichte oftmals auf dem Wege einer quasi-staatlichen Gründung entstanden, indem bekannte und vermögende Wirtschaftssubjekte von öffentlicher Seite das Privileg der Notenausgabe erhielten. Privaten und öffentli- 16 1. Geld, Zins und Banken chen Interessen war damit gleichermaßen gedient: Durch den hoheitlichen Akt wurde das Schwellenwertproblem der Einführung, Akzeptanz und Durchsetzung einer Währung gelöst, das Bankunternehmen konnte sich lästige Konkurrenten zunächst vom Hals halten und die öffentliche Regulierungsinstanz ließ sich als Gegenleistung zumeist einen Anspruch auf zinsgünstige Kredite zusichern. Die staatliche Begrenzung und Regulierung der Geldproduktion lief so auf die Schaffung und Absicherung einer Monopolstellung hinaus. Zusammenfassung 1.1.1 Die Verwendung von Geld in einer Marktwirtschaft ist eine Antwort auf das Problem mangelnder Information und mangelndem Vertrauen in bilateralen Kreditbeziehungen, die ansonsten in einer nicht-geldlichen Wirtschaft auftreten würden. Geld vermittelt als dritte Partei zwischen Verkäufer und Käufer von Ressourcen, ermöglicht eine sofortige Zahlung, die an die Stelle eines Versprechens auf spätere güterwirtschaftliche Gegenleistung tritt. Ökonomische Transaktionen in der Geldwirtschaft basieren auf Verträgen, die in Geldeinheiten nominiert und durch Geld als Zahlungsmittel zu erfüllen sind. Geld ist damit zugleich der Wertstandard aller wirtschaftlichen Planungen und Entscheidungen und fungiert auch als Wertaufbewahrungsmittel. 1.1.2 Die Akzeptanz eines Geldmediums als Zahlungsmittel ist an die Erwartung eines langfristig stabilen Geldwertes gebunden. Diese Bedingung ist nur zu erfüllen, wenn die Menge dieser Zahlungsmittel beschränkt ist und ihr Angebot einer Regulierung unterliegt. Im Falle der Goldmünzen stellten hohe private Produktionskosten eine Angebotsbeschränkung dar. Schuldscheine privater Vermögensbesitzer erschienen deshalb knapp und wertvoll, weil sie als Sicherheit den Eintausch in die Gold- bzw. Vermögensreserve ihres Ausstellers versprachen. In ähnlicher Weise signalisierten Banknoten die Einlösung in eine Bankreserve (i.d.R. Gold). Jedoch kann auch eine strikte Begrenzung des Neuangebots an Zahlungsmitteln seinen Wert nicht garantieren, weil dieser auch der variablen Haltung des Zahlungsmittelbestandes auf Seiten der Marktakteure abhängt. 1.1.3 Die Zahlungsmitteleigenschaft des Geldes und seine Qualität als Option auf einen jederzeitigen Ressourcenzugriff begründen die Liquiditätsprämie als nicht-pekuniären Ertrag der Geldhaltung. Der Kredit eines Geldvermögensbesitzers, d.h. die zeitweilige Überlassung von Geld, erfordert daher eine Zinszahlung zum Ausgleich des temporären Liquiditätsverzichts des Gläubigers; Zweifel an der Sicherheit der Kredittilgung können sich ebenfalls in der Zinsforderung niederschlagen. Schwankungen der Liquiditätspräferenz bewirken Verschiebungen der positiv zinsabhängigen Kreditangebotsfunktion. 1.1.4 Der Bankkredit in einem einstufigen Banksystem stellt nicht unmittelbar einen Geldverleih, d.h. einen Aktivtausch, sondern eine Bilanzverlängerung dar: Der Kreditforderung steht eine dem Kreditnehmer eingeräumte Forderung auf die Barreserve der Bank (z.B. Goldmünzen) gegenüber, die die Form einer Banknote oder eines Girokontos erhält. Das Kreditvolumen geht i.d.R. über die Bankreserve hinaus; die Noten sind nicht vollständig gedeckt. Die zunehmende Belastung der Liquiditätsreserve, d.h. das wachsende Risiko der Zahlungsunfähigkeit der Bank drückt sich wiederum in einer zinsabhängigen Kreditangebots- 1.1 Theoretische Grundlagen 17 funktion aus. Eine Liquiditätsbeschaffung erfolgt nur über die Einwerbung von Depositen und den Verkauf sonstiger Aktiva. 1.1.5 Im Hinblick auf die Wertstandardfunktion erfüllt Geld die Eigenschaften eines öffentlichen Gutes. Zudem treten steigende Skalenerträge auf: Die Effizienzgewinne durch die Verwendung einer Währung wachsen mit der Größe des Währungsraumes. Deshalb führt die marktwirtschaftliche Suche nach einem geeigneten Geldmedium zumeist zu einer Monopollösung. Der Übergang von einer Währung auf eine andere ist mit Informations- und Einigungskosten verbunden. Deshalb ist die gesellschaftliche Konvention, eine bestimmte Währung als Zahlungsmittel zu akzeptieren, auch bei unvollkommener Währungsqualität oft recht stabil. Staatliche Institutionen können die Einführung einer bestimmten Währung begünstigen und sind bei der Überwachung der Währungsstabilität gefordert. 1.2 Grundstruktur des zweistufigen Banksystems 1.2.1 Notenbank und Geschäftsbanken: die Trennung von Geldversorgung und Kreditschöpfung Eine Volkswirtschaft mit konkurrierenden Geschäftsbanken, jedoch ohne eine Zentralbank, weist eine Reihe von Funktionsmängeln auf: (1) Die von den einzelnen Banken emittierten Noten stellen heterogene Finanztitel, d.h. verschiedene Währungen dar. Um den (zukünftigen) Marktwert dieser Noten beurteilen zu können, müssen die Wirtschaftssubjekte die Solidität der einzelnen Bankhäuser im Hinblick auf Kreditgeschäft, Notenemission und -deckungsquote prüfen. Im Gütermarkt können sich unterschiedliche Preise herausbilden, jeweils gemessen in den verschiedenen Währungen. Auch zwischen den heterogenen Banknoten werden dann variable Preise bestehen (flexible Wechselkurse). Die Volkswirtschaft hat demnach nicht den informationstheoretischen Vorteil eines einheitlichen Preis- und Währungssystems. (2) Die Goldreserven von Konkurrenz- oder Monopolbanken können kurzfristig nicht ver- änderten Kassenhaltungsbedürfnissen angepasst werden. Bei einem Vertrauensverlust im Banksystem droht so eine Liquiditätskrise. Da i.d.R. nicht alle Noten eingelöst werden können, kommt es zu einem Bank Run. Wer beim Umtausch der Noten in Gold zu spät kommt, muss befürchten, dass seine Noten zumindest kurzfristig am Markt erheblich an Wert verlieren oder nicht mehr als Zahlungsmittel angenommen werden. Gerade diese Erwartung kann so schon bei geringfügigen Zweifeln an der Sicherheit von Bankeinlagen i.S. einer sich selbst erfüllenden Prognose einen Run auslösen. Die Erfahrung der Zahlungsunfähigkeit einer Bank bewirkt einen Ansteckungseffekt, dem auch andere Banken zum Opfer fallen, selbst wenn diese solide Bilanzen aufweisen. Es treten große Vermögensverluste der Depositenhalter auf, Zahlungskreisläufe und Kreditketten können mit der Folge einer tiefen Wirtschaftskrise zusammenbrechen.

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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.