1 Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext in:

Marcus Schögel

Distributionsmanagement, page 18 - 26

Das Management der Absatzkanäle

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-2298-6, ISBN online: 978-3-8006-4477-3, https://doi.org/10.15358/9783800644773_18

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
Teil 1 Eigenschaften und Stellung der Distribution 1 Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext 1.1 Distribution als Grundbestandteil wirtschaftlichen Handelns Als Wirtschaft bezeichnet man allgemein das Gebiet des menschlichen Handelns, das der Bedürfnisbefriedigung dient. Wirtschaftliches Handeln zeichnet sich durch planmäßige Entscheidungen aus, die nicht spontan bzw. ad hoc, sondern unter einer „[. . .] systematischen gedanklichen Vorwegnahme (der Planung) ihrer mutmaßlichen Entscheidungskonsequenzen [.. .]“ (Zelewski 1999, S. 12) getroffen werden. Wirtschaftliche Handlungen bzw. Wirtschaft sind somit zu definieren als „[.. .] planmäßige Handlungen, die mit der Absicht erfolgen, Bedürfnisse durch Entscheidungen hinsichtlich der Auswahl zwischen alternativen Verwendungsweisen knapper Mittel unter Einhaltung des allgemeinen ökonomischen Prinzips zu befriedigen.“ (Zelewski 1999, S. 11). Menschliche Bedürfnisse sind nahezu unbegrenzt vorhanden, während die zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stehenden Güter von Natur aus nur in beschränktem Maß zur Verfügung stehen. Von knappen Gütern wird in der ökonomischen Theorie dann gesprochen, wenn ein Gut in geringerer Menge vorhanden ist als es bei kostenloser Verteilung des Guts insgesamt wünschenswert wäre. Ein knappes Gut ist somit nicht in ausreichender Menge vorhanden, um alle subjektiv empfundenen Bedürfnisse zu befriedigen. Wirtschaftliches Handeln dient dem Ziel der Bedürfnisbefriedigung durch eine Verringerung der – an den Bedürfnissen der Menschen gemessenen – bestehenden Knappheit von Gütern (Wöhe/Döring 2010, S. 4f.; Zelewski 1999, S. 12; Kirsch 1993, S. 28ff.; Von Böventer/Illing 1997, S. 1f.; Fehl/Oberender 2002, S. 1). Die Knappheit der Güter und das damit verbundene Spannungsverhältnis zwischen Güterbedarf und -bereitstellung erfordert es, vorhandene Mittel so einzusetzen, dass ein größtmögliches Maß an Bedürfnisbefriedigung erzielt wird. Wirtschaftliches Handeln unterliegt somit dem ökonomischen Prinzip: Ein vorgegebenes Ziel ist mit dem Einsatz möglichst geringer Mittel zu erreichen (Minimalprinzip) bzw. mit gegebenen Mitteln ist ein maximal möglicher Output anzustreben (Maximalprinzip; Wöhe/Döring 2010, S. 34). In den Urformen des Wirtschaftens hat der einzelne Mensch bzw. die Sippe ausschließlich für den eigenen Bedarf produziert und Dienste verrichtet. Ein Austausch von Leistungen mit anderen Wirtschaftssubjekten fand nicht statt. Ferner wurde nur diejenige Menge an Gütern produziert, die zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse geboten erschien. Vorräte wurden dann angelegt, wenn sich die Notwendigkeit dazu aus naturbedingten, z. B. aus klimatischen Gründen ergab. Im Gegensatz zu einer solchen isoliert lebensfähigen Einzelwirtschaft ist heutzutage eine extreme Arbeitsteilung mit der Tendenz zunehmend globaler Austauschbeziehungen zwischen den einzelnen Wirtschaftssubjekten verschiedener Regionen und Länder zu verzeichnen. Produktion und Konsumtion finden nur noch selten in einer Wirtschaftseinheit statt. 4 Teil 1 Eigenschaften und Stellung der Distribution Neben der Produktion und Konsumtion gewinnt somit auch die Verteilung bzw. Distribution als weiterer Bestandteil wirtschaftlichen Handelns zunehmend an Bedeutung (Nieschlag/Dichtl/Hörschgen 2002, S. 4; Von Böventer/Illing 1997, S. 6; Ahlert 1996, S. 8). Gesamtwirtschaftlich unterscheidet man somit zwischen drei Bereichen wirtschaftlicher Tätigkeit (Gutenberg 1976; Klein-Blenkers 1974, S. 473, zit. nach Specht 1998, S. 3): · der Leistungserstellung (Produktion), · der Leistungsverwertung (Handel bzw. Distribution) und · der Leistungsverwendung (Konsumtion). Betriebliche Tätigkeit ist ein sich ständig wiederholender Prozess von Leistungserstellung und Leistungsverwertung mit dem Ziel der Bedürfnisbefriedigung des Nachfragers durch dessen Leistungsverwendung bzw. Konsumtion (Gutenberg 1976; Specht 1998, S. 3). Die Leistungserstellung liefert für sich genommen keinen Wert. Wie bereits erwähnt wurde, ist der Primat wirtschaftlichen Handelns die Nutzenstiftung. Insofern leistet die Produktion erst dann einen Beitrag zur Wertschöpfung, wenn die produzierten Güter einen Nutzen stiften und von Konsumenten nachgefragt werden. Aufgabe der Produktion von Gütern ist es somit, die in der Natur vorkommenden Grundstoffe unter Einsatz vonmenschlicher Arbeitskraft für die Bedürfnisse der Abnehmer umzuformen (Wöhe/Döring 2010, S. 28;Meffert/Burmann/Kirchgeorg 2008, S. 16). An einem bestimmten Ort produzierte Leistungen sind jedoch noch nicht konsumreif, solange sie sich nicht im Beschaffungsbereich des Konsumenten befinden (Gutenberg 1984, S. 3;Weinhold-Stünzi 1999, S. 335ff.). Somit kommt der Distribution vor dem Hintergrund der Zielsetzung wirtschaftlichen Handelns – der Bedürfnisbefriedigung – neben der Produktion eine zentrale Rolle zu (Weinhold-Stünzi 1999, S. 335ff.). Der Wirtschaftsbegriff ist somit zu erweitern. Wirtschaft ist demnach zu begreifen als der „Bereich des menschlichen Lebens, der hauptsächlich zu tun hat mit der Produktion und dem Tausch und der Übertragung (dem Transfer) von Waren und Dienstleistungen, mit den Institutionen dieser Tausch- und Transferbeziehungen und mit Abbildung 1: Bestandteile wirtschaftlichen Handelns 1 Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext 5 den Gütern, die dabei getauscht (oder transferiert) werden [.. .]“ (Von Böventer/Illing 1997, S. 2; vgl. auchHomburg/Krohmer 2003, S. 2ff.). Hierbei wird deutlich, dass aus Sicht der Distribution die gesamtwirtschaftliche Fragestellung zentral ist, wie in einer hochentwickelten, arbeitsteiligen Wirtschaft erreicht werden kann, dass produzierte Güter in den Beschaffungsbereich des Konsumenten gelangen. Aufgrund der Art und Komplexität heutiger Produktionsverhältnisse kommen Hersteller und Verbraucher üblicherweise nicht mehr unmittelbar miteinander in Berührung. Man spricht in diesem Zusammenhang davon, dass zwischen Produktion und Konsumtion Spannungen herrschen, die entweder durch den Hersteller selbst oder herstellerfremde Organe zu überwinden sind. Die betriebliche Leistungsverwertung ist für den Absatz der hergestellten Güter bzw. für die Übernahme von Diensten verantwortlich. Specht versteht unter der Leistungsverwertung bzw. Distribution im gesamtwirtschaftlichen Sinne alle Aktivitäten, „die die körperliche und/oder wirtschaftliche Verfügungsmacht über materielle oder immaterielle Güter von einem Wirtschaftssubjekt auf ein anderes übergehen lassen“ (Specht 1971, S. 13f.). Arbeitsteilige Produktions-, Verteilungs- und Konsumtionsprozesse können auf vielfältige Art und Weise gestaltet werden. Die zwei wesentlichen Grundformen der Organisation arbeitsteiliger Prozesse sind die Zentralverwaltungswissenschaft (in Form sozialistischer Planwirtschaften) und die Marktwirtschaft. Während die Arbeitsteilung unabhängig von der konkreten Ausprägung der Gesellschaftsform ist, ist die Koordination arbeitsteiliger Aktivitäten gesellschaftsspezifisch. Das Bindeglied zwischen Produktion und Konsumtion, die Verteilung von knappen Gütern bzw. der Güteraustausch, kann grundsätzlich mittels vier verschiedener Prinzipien organisiert werden, namentlich · über Märkte, · durch Autorität, · mittels Verhandlung und · durchWahlen. (Von Böventer/Illing 1997, S. 7; vgl. auch Kotler/Keller/Bliemel 2007, S. 14). In verschiedenen Gesellschaften werden unterschiedliche Prinzipien bzw. Kombinationen von Prinzipien des Güteraustauschs als die in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation am besten geeignetsten ausgewählt. InsbesonderenachdenerstenbeidenTauschprinzipienkönnenunterschiedlicheTypen von Wirtschaftssystemen unterschieden werden. An den Extrempunkten eines durch diese Prinzipien aufgespannten Kontinuums ist auf der einen Seite eine privat organisierteWirtschaft ohne jeden Staat zu verzeichnen.Der Staat agiert allenfalls in derRolle des „Nachtwächterstaats“, d. h. er beschränkt sich auf die Schaffung und Erhaltung von Rahmenbedingungen. Auf dem anderen Extrempunkt des Kontinuums ist eine Zentralverwaltungswirtschaft zuverzeichnen, bei der imSinne einer Befehlswirtschaft kein Privateigentum und keine Wahlmöglichkeiten der Haushalte bzw. Individuen hinsichtlich ihres Konsums und ihres Arbeitseinsatzes vorliegen. Inwestlichen Industrienationen haben sichMarktsysteme durchgesetzt, die durchWettbewerb, freie Preis- 6 Teil 1 Eigenschaften und Stellung der Distribution bildung und Konsumentensouveränität gekennzeichnet sind. Der Staat beschränkt sich in der Regel darauf, Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Rechtsordnung zu setzen undbetreibt eine (beschränkte) Stabilitäts- und Sozialpolitik. Kennzeichnend für Planwirtschaften ist es, dass die verschiedenen Aktivitäten durch einen einzigen Plan von einer zentralen Stelle aus mittels Anordnung gestaltet werden. In marktwirtschaftlichen Systemen hingegen werden arbeitsteilige Aktivitäten auf der Basis individuell ausgehandelter Verträge zwischen den Wirtschaftssubjekten koordiniert. Fürdie InteraktionenderWirtschaftssubjektewerdendurchdasRechtssystemund dasMoralsystemSpielregeln festgelegt (Tietz1993b, S. 8ff.;Fehl/Oberender2002, S. 1ff.). Anhand eines Vergleichs dieser zwei Wirtschaftssysteme werden zwei grundlegende, unterschiedliche Funktionen der Leistungsverwertung bzw. Distribution besonders deutlich. In planwirtschaftlichen Systemen ist die Leistungsverwertung mit der physischen Verteilung der produzierten Güter bzw. der Bereitstellung von Dienstleistungen gleichzusetzen. Der zentrale Volkswirtschaftsplan bestimmt, welche Menge in welcher Qualität zu welchem Preis an welchen Abnehmer geleitet wird. Das primäre Ziel wirtschaftlichen Handelns in Planbetrieben besteht somit in der Planerfüllung. In marktwirtschaftlichen Systemen geht der Aufgabenbereich der Leistungsverwertung über die rein physische Warenverteilung hinaus. Unternehmen sind prinzipiell frei in der Entscheidung über die zu produzierenden Güter, ihre Qualität, den Preis und die Abnehmer. Es existiert jedoch keine Abnahmegarantie. Kunden müssen somit in aller Regel umworben werden. Neben der physischen Warenverteilung umfasst die Leistungsverwertung somit auch die Suche nach Abnehmern (Wöhe/Döring 2010, S. 500). Dies entspricht der gängigen Unterscheidung von akquisitorischer und physischer Distribution (vgl. Kap. I. 3.2). Diese Tatsache ist insbesondere auf den Wandel von Verkäufer zu Käufermärkten zurückzuführen, der in Industrieländern seit ca. Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachten war (vgl. Tabelle 1). In Verkäufermärkten, die durch einen Nachfrageüberhang und damit einhergehende Knappheit von Gütern gekennzeichnet sind, ist naturgemäß ein Werben um die Gunst der Kunden nicht erforderlich. Demnach liegt der Schwerpunkt unternehmerischer Aktivitäten auf den Bereichen Beschaffung und Tabelle 1: Verkäufermarkt und Käufermarkt Quelle: Wöhe/Döring 2010, S. 383 1 Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext 7 Produktion. Anders gestaltet sich die Lage in Käufermarkten. Sie sind durch einen Überfluss an Gütern gekennzeichnet, das Angebot übersteigt die Nachfrage. Somit müssen Anbieter höhere Anstrengungen als die Nachfrager unternehmen, um am Marktgeschehen teilzunehmen. Zwarmuss auch in Käufermärkten die Produktion zu möglichstminimalenKosten betriebenwerden. ImFokus liegt jedoch vielmehrderAbsatzbereich eines Unternehmens, der eine Stimulierung der Nachfrage nach den eigenen Produkten zu erwirken hat (Wöhe/Döring 2010, S. 383f.;Nieschlag/Dichtl/Hörschgen 2002, S. 3f.; Tomczak/Kuß/Reinecke 2009, S. 1f.; Becker 2006, S. 1ff.;Ahlert 1996, S. 15). Ahlert weist jedoch auch auf Schwierigkeiten bei der eindeutigen Bestimmung distributiver Aktivitäten hin (Ahlert 1996, S. 9). In einigen Fällen bereitet die eindeutige AbgrenzungderDistribution vonder Produktion undKonsumtion Probleme.Dies ist beispielsweise bei Dienstleistungen der Fall, bei denen Leistungserstellung und -verwendung oftmals zeitlich zusammenfallen (vgl. z. B. Corsten, D. 1997; Meffert/ Bruhn 2009 S. 42.). Alsweiteres Beispiel ist der Bereich der Investitionsgüter zu nennen. Hier besteht die Gesamtleistung häufig aus einem komplexen Leistungssystem, das neben der Kernleistung (z. B.Maschinen) auchweiterematerielle und immaterielle Bestandteile enthält, wie z. B. Beratung bei der Implementierung, Mitarbeiterschulung etc. Schließlich sei angemerkt, dass Produkte im Verlauf des Distributionsprozesses häufig substanzielle Veränderungen erfahren (z. B. Rösten, Mischen, Sortieren, Reifeprozesse), was die Unterscheidung zwischen Produktion undDistribution erschwert. 1.2 Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Distribution Im volkswirtschaftlichen Sinn zielt der Distributionsbegriff im Wesentlichen auf die Verteilung knapper Güter ab. Anders als in betriebswirtschaftlichen Betrachtungen, bei denen die Verteilung von Realgütern von Produzenten an Konsumenten im Mittelpunkt steht, ist die volkswirtschaftliche Betrachtung auf die Verteilung der in der Produktion erworbenen Anspruchsberechtigungen auf diese Güter und somit auf die Einkommensverteilung konzentriert (Thies 1978, S. 38ff, zit. nach Ahlert 1996, S. 10). „Das Problem der Knappheit der Güter ist also immer im Zusammenhang mit dem ihrer Verteilung zu sehen“ (Von Böventer/Illing 1997, S. 1). Zentrale gesamtwirtschaftliche Probleme sind somit die „[. . .] Bewältigung der Knappheit der Güter, das Zustandekommen der Entscheidungen über die Verwendung knapper Güter sowie die Institutionen und Koordinationsmechanismen für die Abstimmung der Entscheidungen [.. .]“ (Von Böventer/Illing 1997, S. 1f.). Die Ausführungen im Rahmen dieses Werks konzentrieren sich ausschließlich auf eine betriebswirtschaftliche Betrachtung. Um jedoch die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Distribution zu verdeutlichen, werden im Folgenden ausgewählte Eckdaten aufgezeigt. In hochentwickelten Volkswirtschaften wird der Distribution sowohl quantitativ wie auch qualitativ ein höherer Stellenwert beigemessen als der Produktion. So übersteigt der Distributionsanteil an den Gesamtkosten bzw. Güterpreisen in vielen Branchen den Produktionsanteil (Klein-Benkers 1964, S. 478, zit. nach Ahlert 1996, S. 14). Oft sind im Warenpreis bis zu 50 Prozent Distributionswertschöpfung enthalten (Weinhold- Stünzi 1999, S. 337). 8 Teil 1 Eigenschaften und Stellung der Distribution Volkswirtschaften, in denen das Distributionssystem traditionalistisch und eher vorindustriell organisiert ist, weisen hohe Distributionskosten auf, was zu Wohlstandsminderungen führt.Weinhold-Stünziweist in diesem Zusammenhang auf die zentrale Position des Schweizer Einzelhandelskonzerns Migros hin, der durch die Rationalisierung seiner Distribution auch die Wettbewerber dazu zwang ihre Preise anzupassen, was letztlich positive Auswirkungen auf die Schweizer Volkswirtschaft und die Konsumenten hatte (Weinhold-Stünzi 1999, S. 337). Um die quantitative Bedeutung desWarenhandels in einer Volkswirtschaft zu bestimmen, können diverse Indikatoren aus unterschiedlichen Quellen herangezogen werden. Die Vergleichbarkeit unterschiedlicher statistischer Quellen ist doch eingeschränkt. Oftmals unterscheiden sie sich hinsichtlich des Erhebungsbereichs, der Erhebungseinheit, der Erhebungsmethode, der Definition der erfassten Merkmale und dadurch, dass sie sich auf unterschiedliche Erhebungspunkte bzw. -zeiträume beziehen (Laumer 1992, S. 5f.) Bei den amtlichen Handelsstatistiken in Deutschland wird das wirtschaftliche Schwerpunktprinzip angewendet, wonach Unternehmen dann zumHandel gehören, wenn „[. . .] deren Hauptaufgabe im Vertrieb von Waren, also in der Mittlertätigkeit zwischen Produktion und Verbrauch besteht.“ (Statistisches Bundesamt 2009). Weiterhin wird unterschieden zwischen Binnen- und Außenhandel (vgl. beispielsweiseMüller-Hagedorn 1998, S. 14). Die Außenhandelsstatistik umfasst den grenzüberschreitenden Warenverkehr zwischen Deutschland und den anderen Mitgliedsstaaten der EU (Intrahandelsstatistik) sowie zwischen Deutschland und den als Drittländer bezeichneten Staaten außerhalb der Europäischen Union (Extrahandelsstatistik; vgl. Statistisches Bundesamt 2009). Der Außenhandel wird hier nicht weiter betrachtet. Dem Binnenhandel werden die Wirtschaftsbereiche Einzelhandel, Großhandel und Handelsvermittlung zugerechnet. Das Statistische Bundesamt erfasst relevante Daten zum Handel mittels unterschiedlicher Verfahren (Handels- und Gaststättenzählungen in ca. zehnjährigen Abständen sowie monatliche, jährliche und mehrjährliche Erhebungen auf der Basis repräsentativer Stichproben). Dabei werden die Entwicklung der Umsätze, die tätigen Personen, die gezahlten Löhne und Gehälter, die Investitionen und die Umsätze nach Arten der wirtschaftlichen Tätigkeit erfasst. (Statistisches Bundesamt 2009). In Deutschland sind ungefähr 4,2 Millionen Personen sind im Groß- und Einzelhandel beschäftigt. Der Gesamtumsatz der Groß- und Einzelhandelsunternehmen betrug im Jahr 2007 knapp 1,2 Billionen Euro (Statistisches Bundesamt 2009). Einen Überblick über zentrale Eckdaten gibt Tabelle 2. Die institutionelle Abgrenzung von Handelsunternehmen hat einen gravierenden Nachteil: Zunehmend beobachtbare Verschiebungen von Handelsfunktionen auf diejenigen Unternehmen, die nicht mehrheitlich Handelsfunktionen ausüben, können nicht erfasst werden (Laumer 1992, S. 6). So können distributive Aktivitäten von herstellenden Unternehmen (insbesondere Verkaufsinnen- und Außendienst, vgl. Kap. II. 2.2) nicht erfasst werden. Es ist somit kaum möglich, den gesamtwirtschaftlichen Anteil sämtlicher distributiver Aufgaben an der Wertschöpfung eines Staates quantitativ zu erfassen. Um trotzdem einen Anhaltspunkt zu erhalten, können allenfalls Schätzungen von nationalen Logistikkosten herangezogen werden. 1 Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext 9 Tabelle 2: Eckdaten im Binnenhandel Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 Tabelle 3 verdeutlicht die Bedeutung der Logistikkosten durch die Abschätzung ihres Anteils am Bruttosozialprodukt verschiedener Länder. Hierbei gilt es jedoch zu beachten, dass die Vergleichbarkeit aufgrund unterschiedlicher geografischer Gegebenheiten und Infrastrukturen eingeschränkt ist (Pfohl 2010, S. 51). Tabelle 3: Vergleich der nationalen Logistikkosten und des Bruttosozialprodukts ausgewählter Länder Quelle: Klaus/Hartmann/Kille 2009, S. 54 2 Distribution im Rahmen der Betriebswirtschaft 2.1 Geschichte und Entwicklung des Handels und der Distribution Die Geschichte des Handels und der Distribution ist stets auch eine Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung. Um die Entwicklung des Handels und der Distribution nachzuvollziehen, ist es daher sinnvoll, die Entwicklung der Handels- und der Distributionsforschung in ihrenwesentlichenGrundzügen zu skizzieren.Hierbei ist es unerlässlich, etwas weiter auszuholen und die Entwicklungsgeschichte der Betriebswirtschaft bzw. der betriebswirtschaftlichen Forschung sowie des Marketing (früher synonym:Absatzwirtschaft) heranzuziehen. Tabelle 4 verdeutlicht die engenVerknüpfungen zwischen demHandel, der Distribution, der Betriebswirtschaftslehre und dem Marketing (vgl. hierzu auch Tietz 1993b, S. 49ff.; Leitherer 1961; Leitherer 1974, S. 666ff.). Auf die Geschichte der Handels- und Distributionsforschung kann hier nicht im Detail eingegangen werden (vgl. zu detaillierteren Ausführungen z. B. Tietz 1993b, S. 49ff.). Nichtsdestotrotz werden im Folgenden wesentliche Entwicklungen jüngerer Zeit in ihren Grundzügen dargestellt, die für das Verständnis des Wesens und der Besonderheiten des Distributionsmanagements wichtig sind. Die Entstehung der Betriebswirtschaftslehre durch die Gründungen der Handelshochschulen um 1900 markiert auch den Beginn der wissenschaftlichen Dis- Tabelle 4: Entwicklungsstufen der Handelsbetriebs-, Betriebswirtschafts- und Marketinglehre Quelle: Schenk 1991, S. 20

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Distributionsmanagement – Absatzkanäle erfolgreich managen.

Distributionsmanagement – viele Wege führen zum Ziel

Dieses Werk stellt das komplette Distributionsmanagement aus einer managementorientierten Entscheidungsperspektive dar. Gleichzeitig gibt es den aktuellen Stand der Forschung wieder und zeigt Lösungen auf, wie alle Unternehmensaktivitäten auf den Kunden ausgerichtet werden können.

Die Schwerpunkte zum Distributionsmanagement:

* Distribution im gesamtwirtschaftlichen Kontext, im Rahmen der Betriebswirtschaft und des Marketing Managements

* Eigenschaften von Absatzkanälen

* Institutionen und Akteure der Distribution

* Absatzkanalalternativen

* Distributionsmanagement in unterschiedlichen Branchen

* Modell des Distributionsmanagements

* Informationsgrundlagen des Distributionsmanagements

* Ziele im Distributionsmanagement

* Mikro- und Makro-Ebene des Distributionsmanagements

* Controlling in der Distribution

Beste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Marcus Schögel ist Direktor des Instituts für Marketing an der Universität St. Gallen (IfM-HSG).