5. Bewertung III: Kleine Vorhaben in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 68 - 71

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_68

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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5. Bewertung III: Kleine Vorhaben Der überwiegende Teil der öffentlichen Vorhaben ist von so geringer gesamtwirtschaftlicher Bedeutung, dass sie auf die geltenden Marktpreise keinen wesentlichen Einfluss haben. Man spricht in dem Zusammenhang von kleinen Projekten. Wenn beispielsweise eine Gemeinde ein Hallenbad errichtet, dann sind die Auswirkungen dieses Projekts auf die betreffende Region beschränkt. Auf dieMarktpreise aber, die sich über Angebot undNachfrage in der gesamten Volkswirtschaft bilden, wird dies keinenmessbaren Einfluss ausüben.Was sich allerdings ändert, ist dasmengenmäßige Angebot an Freizeitmöglichkeiten auf lokaler Ebene. Unter pragmatischen Gesichtspunkten resultiert aus diesemUmstand der große Vorteil, dass der Analytiker im Bewertungsansatz nicht länger auf Preisänderungen Rücksicht nehmen muss. In das Bewertungskalkül gehen nunmehr lediglich Mengenänderungen ein, die auch für kleine Projekte beobachtbar sind. Als Verfahren zur Bewertung der Wohlfahrtswirkungen von kleinen öffentlichen Vorhaben bietet sich demzufolge das Konzept der Zahlungsbereitschaft an. Im Folgenden wird angenommen, dass das besagte Projekt ein zusätzliches Angebot auf demMarkt l schafft und auf den übrigenMärkten 2,…, n lediglich mengenmäßige Veränderungen auftreten, ohne dass dort die Preise tangiert würden. Betrachten wir hierzu nochmals das Schaubild 2 in Abschnitt 4.2, wobei diesmal die Nachfragekurven 1N und 2N sowie die Mengen 1X und 2X alsMarktnachfrage zu interpretieren sind. Die Gütermengen seien daher nachfolgendmit Großbuchstaben bezeichnet. Wieman erkennt, erhöht sich auf dem Markt l der Output von 11X auf 2 1X wodurch sich die Marktnachfrage von Punkt E zu Punkt F bewegt. Dies geht auf demMarkt 2 mit einer Nachfragereduktion von 12X auf 2 2X einher, bedingt durch die Verschiebung der Nachfragekurve von 2N nach ′2N . Diemit einem kleinen öffentlichen Projekt einhergehendeWohlfahrtsänderung bemisst sich nach diesem Konzept als μ = = Δ = = + = + Δ∑ ∑ ∑' ' ' ' 2 2 1 1 1 1 1 1 x xn n i i i 1 i i 1 1 i i i i 2 i 2c cx x W pdX p dX p dX p dX p X . (59) Neben dem oben aufgezeigten hat die Bewertungssituation bei kleinen Projekten noch den weiteren Vorteil, dass in ihr das Problem der Pfadabhängigkeit keine Rolle mehr spielt. Man muss allerdings weiterhin von einem kardinalen Nutzenkonzept und von der Möglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche ausgehen. In den Änderungen vonmaximalen Zahlungsbereitschaften erhalten wir somit einen Wohlfahrtsindikator, mit dem sich sowohl die positiven wie auch die 5. Bewertung III: Kleine Vorhaben 55 negativen Mengenwirkungen kleiner öffentlicher Projekte bewerten lassen. Man kann damit also einesteils den Wert derjenigen Gütermengen erfassen, die zusätzlich bereitgestellt werden. Andernteils misst dieser Indikator auch Rückgänge im Output, die projektbedingt durch den Abzug von Ressourcen aus anderen Bereichen der Volkswirtschaft entstehen. In der Praxis der Bewertung wird es dem Analytiker freilich Schwierigkeiten bereiten, die negativen Outputwirkungen eines Projekts direkt zu erfassen. Als Ausweg bleibt ihm dann nur dieMöglichkeit der indirekten Bewertung, indem er versucht, aus dem Wert der in einem Projekt eingesetzten Produktionsfaktoren auf den Wert des dadurch auf anderen Märkten verdrängten Outputs zu schließen. Sehen wir uns diese Möglichkeit im Folgenden etwas genauer an. Wir gehen davon aus, dass ein von einem öffentlichen Projekt negativ betroffenes Gut i mit Hilfe von l Inputfaktoren = =hiF (h 1,..., l) hergestellt wird. Verändert sich bei diesem Gut die eingesetzte Menge der einzelnen Produktionsfaktoren, dann reagiert sein Output hierauf entsprechend der Gleichung = ∂ = ∂ ∑ l i i hi h 1 hi X dX dF , F mit =i i 1i liX X (F ,...,F ), (60) wobei es sich bei den einzelnen Inputfaktoren sowohl um primäre Produktionsfaktoren, wie Arbeit und Boden, als auch um intermediäre Güter handeln kann. Mit dieser Gleichung sind wir in der Lage, die mengenmäßigen Outputänderungen zu erfassen, die sich durch einen Abzug von Produktionsfaktoren aus alternativen Verwendungen ergeben, denn es gilt = = = ∂ = ∂ ∑ ∑∑ n n l i i i i hi i 2 i 2 h 1 hi X p dX p dF . F (61) Der Wert des verdrängten Outputs lässt sich somit als Summe der mit ihrem jeweiligenWertgrenzprodukt bewerteten Änderungen der Inputmengen angeben. Aus der Annahme der Gewinnmaximierung seitens der privaten Unternehmen folgt, dass dasWertgrenzprodukt eines Faktors seinem Preis entspricht, ∂ = ∂ i i h hi X p w . F (62) Unter dieser Bedingung ergibt sich derWert des entgangenenOutputs alsWert der Inputfaktoren, die ein öffentliches Projekt aus anderen Bereichen abzieht, also = = = Δ = Δ∑ ∑∑ n n l i i h hi i 2 i 2 h 1 p X w F , (63) mit Δ = 'hi hi c F dF . A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse56 Aus den Gleichungen (58) und (63) erhalten wir schließlich den Wohlfahrtsindikator = = = = + Δ∑ ∑∑' ' 2 1 1 1 xn n l 1 i i 1 h hi i 1 i 2 h 1c x p dX p dX w F . (64) DieWohlfahrtswirkungen, die entstehen, wenn ein kleines öffentliches Projekt durchgeführt wird, setzen sich demnach zusammen aus – der mit ihrem Preis bewerteten Mengenänderung im Output der durch das Projekt erzeugten Güter sowie – der (negativen) Summe der mit ihren jeweiligen Faktorpreisen multiplizierten Inputmengen, die zugunsten des Projekts aus anderen Verwendungen abgezogen werden. In dieser Form lässt sich der erste Summand als der volkswirtschaftliche Nutzen und der zweite als die Opportunitätskosten des betrachteten Projekts interpretieren. Die Gesamtsumme kann demnach als dessenNettonutzen (Nettokosten) verstanden werden. Die Gleichung (64) stellt dem Analytiker nunmehr ein Instrumentarium zur Verfügung, das auch der praktischen Umsetzung zugänglich ist. Denn alle Größen, die darin enthalten sind, können unmittelbar beobachtet werden: die Outputwirkungen eines Projekts ebenso wie die Mengen an Inputfaktoren, die zu dessen Erstellung erforderlich sind. Diese sind mit ihren jeweiligen Preisen zu bewerten. 6. Bewertung IV: Unvollkommene Märkte 6.1 Vorbemerkungen Die Bewertung kleiner öffentlicher Projekte mit Hilfe der am Markt beobachtbaren Preise für Inputfaktoren beziehungsweise Outputgüter – wie wir sie in Kapitel 5 kennen gelernt haben – kann so elegant nur unter bestimmten Annahmen durchgeführt werden. Hierzu zählen insbesondere die Voraussetzungen, dass (1) auf allen betrachteten Märkten vollständige Konkurrenz herrscht, (2) keine Produktionsprozesse mit steigenden Skalenerträgen auftreten und (3) der Staat sich durch ein System von Kopfsteuern finanziert. Kannman auf den verschiedenenMärkten Preise beobachten, obgleich eine oder mehrere der obigen Voraussetzungen nicht gegeben sind, so stellen diese unter Umständen keinen geeigneten Bewertungsschlüssel mehr für die Evaluierung öffentlicher Vorhaben dar. In dieser Situation muss man sich folglich fragen, ob an den vorgefundenen Preisen nicht bestimmte Korrekturen vorzunehmen sind. Existieren gar für manche Güter überhaupt keine beobachtbaren Preise, so ist man auf jeden Fall gezwungen, diesen künstliche Verrechnungspreise zuzuordnen. Korrigierte sowie künstliche Verrechnungspreise bezeichnet man in der Nutzen-Kosten-Analyse gewöhnlich als Schattenpreise. Das Problem der Schattenpreise kann grundsätzlich auf allen Märkten vorkommen, mit denen ein öffentliches Projekt in Berührung kommt. Es kann also sowohl auf Faktor- und Konsumgütermärkten auftreten, auf denen Ressourcen abgezogen und dadurch die Angebote an Produkten verringert werden, als auch auf Märkten, die eine Ausweitung in der mengenmäßigen Nachfrage und im Angebot erfahren. Im ersten Fall hat man es vor allem mit Opportunitätskosten des öffentlichen Projekts im Rahmen unvollkommener Märkte zu tun, die mit Hilfe von Schattenpreisen zu bewerten sind. Dieser Problematik möchten wir uns in diesem Kapitel zuwenden. Im letzteren Fall treten vor allem dann Schwierigkeiten bei der Bewertung auf, wenn es sich bei dem Projekt um ein öffentliches Gut handelt oder externe Effekte auftreten, für die bekanntlich keine Marktpreise existieren. Die sich hieraus ergebenden Probleme für die Bewertung der Veränderung der Konsumentenwohlfahrt wollen wir in Kapitel 7 vorstellen. Kommenwir doch zuerst zu Bewertungsfragen, wie sie sich im Zusammenhang mit unvollkommenen Märkten ergeben. Bevor wir hierbei ins Detail gehen, möchten wir einige grundsätzliche Aspekte ansprechen. Für die Bewertung von Projektwirkungen mit Hilfe von Schattenpreisen müssen generell zwei Prinzipien der Nutzen-Kosten-Analyse berücksichtigt werden, die wir bereits in Kapitel l kennen gelernt haben. Einerseits unterstellt man bei Nutzen-Kosten-Analysen das Prinzip der Konsu-

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.