3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 29 - 36

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_29

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen 3.1 Allgemeine Vorbemerkungen Den Fragenkreis „Bewertung öffentlicher Projekte“ wollen wir in mehrere Kapitel aufgliedern. Vor allem hier wird die Ambivalenz deutlich werden, die zwischen dem Anspruch auf theoretische Stringenz, den die Nutzen-Kosten- Analyse zu erfüllen sucht, und ihrem Bemühen um Praxisbezogenheit besteht. Vieles, was die Theorie an präziser Betrachtung anzubieten hat, erscheint aus der Sicht der Praxis mehr oder weniger als formale Spielerei. Denn dort ist man gezwungen, Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung theoretischer Konzepte entstehen, auf möglichst einfache Weise zu lösen. Um die vorhandene Kluft deutlich zu machen, die in der Nutzen-Kosten-Analyse zwischen theoretischer und pragmatischer Vorgehensweise erkennbar ist, vor allem aber auch, um diese Scheidung überwinden zu helfen, wollenwir die anstehende Stofffülle wie folgt abhandeln: Zunächst werden wir in diesem Kapitel die methodischen Grundlagen zur Bewertung öffentlicher Projekte erörtern und dabei vor allem den Unterschied zwischen dem kardinalen und dem ordinalenNutzenkonzept herausstellen, der in der wohlfahrtstheoretischen Diskussion eine große Bedeutung hat. Damit erarbeiten wir uns zugleich den Rahmen für die nachfolgenden Kapitel 4 und 5. Darin gehen wir auf die verschiedenen Verfahren ein, die aus der Sicht der Wohlfahrtstheorie die Bewertung der ökonomischen Wirkungen eines öffentlichen Projekts kennzeichnen. In Kapitel 4 diskutieren wir die theoretischen Ansätze zur Bewertung in einem allgemeinen volkswirtschaftlichen Kontext. Dies bedeutet insbesondere, dass wir dort eine Modellbetrachtung vornehmen, wie sie für die Sichtweise der allgemeinen Gleichgewichtstheorie typisch ist. Von einem öffentlichen Projekt gehenWirkungen aus, die sowohl die Preise als auch dieMengen von Konsumgütern auf verschiedenen Märkten berühren. Wir analysieren also Projektwirkungen auf der Grundlage allgemeinerMarktinterdependenzen und sehen uns die Konzepte an, die man im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse zu deren Bewertung entwickelt hat. In der Literatur spricht man in diesem Zusammenhang von der „Bewertung großer Projekte“ des öffentlichen Sektors. Kapitel 5 übernimmt im Wesentlichen die Grundannahmen der vorhergehenden Betrachtung. Es unterscheidet sich von dieser allerdings in einer sehr folgenreichen Hinsicht. Darin werden nun nicht mehr Projekte von nationalem oder gar internationalem Zuschnitt untersucht, sondern es geht primär um die Analyse kleiner Vorhaben, etwa auf lokaler oder regionaler Ebene. Diese Einschränkung hat zur Konsequenz, dass der Analytiker davon ausgehen kann, die von ihm betrachteten Projekte würden die relative Preisstruktur in einer A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse16 Volkswirtschaft nicht verändern. Er kann sich somit auf einfachere Verfahren der Bewertung stützen, die sich für die praktische Umsetzung eher eignen. Das Kapitel 6 will insbesondere aufzeigen, wieman zu verfahren hat, wenn auf den Märkten die Bedingungen der Vollkommenheit nicht mehr erfüllt sind. Dabei wird es um die Bewertung mit Hilfe von Schattenpreisen gehen, hauptsächlich im Zusammenhang mit den Kosten, die ein Projekt verursacht. Kapitel 7 schließlich geht ebenfalls auf das Problem der Schattenpreise ein. Es widmet sich solchen Fragen, die im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern, die ein Projekt bereitstellt, aber auch in Verbindung mit externen Effekten auftreten, die mit dem öffentlichen Angebot einhergehen. Da beide Situationen für die Praxis der Nutzen-Kosten-Analyse beinahe als typisch anzusehen sind, werden wir in der Hauptsache solche Bewertungsansätze erörtern, wie sie den Alltag des Nutzen-Kosten-Analytikers bestimmen. 3.2 Kardinaler und ordinaler Bewertungsansatz Wie bereits in Kapitel l deutlich wurde, ist die Nutzen-Kosten-Analyse durch zwei methodische Prämissen gekennzeichnet, sobald man Fragen der Bewertung anspricht: Die grundlegende Bewertung der Vor- und Nachteile eines öffentlichen Projekts vollzieht sich auf der Ebene der davon betroffenen Individuen oderHaushalte. Sie basiert auf den Präferenzen, die diese solchen Konsumgütern entgegenbringen, deren Versorgungssituation sich durch ein Vorhaben der öffentlichen Hand ver- ändert. Eingeschlossen sind darin sowohl die positiven Wirkungen in Form von Nutzen als auch die negativen Wirkungen in Form von (Opportunitäts-) Kosten. Die gesamtwirtschaftliche Bewertung eines Projekts erfolgt durch Aggregation der individuellen Präferenzen. In der Nutzen-Kosten-Analyse geht es also darum, die positiven und die negativen Versorgungswirkungen eines Projekts für die Mitglieder der Gesellschaft in Nutzengrößen zu bewerten und diese in monetären Äquivalenten zu erfassen. Diese Aufgabenstellung kann allerdings noch keine Antwort geben auf die Frage, in welcher Weise die Bewertung in concreto zu erfolgen hat. Sie nämlich lässt sich grundsätzlich in zwei verschiedenen Konzepten durchführen: dem kardinalen und dem ordinalen Bewertungsansatz. Versuchen wir im Folgenden, die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen beiden Vorstellungen herauszuarbeiten. Ausgangspunkt der Analyse sind hier wie dort die Güterbündel, die ein Individuum oder Haushalt für Konsumzwecke verwendet. Unter einem Konsumgüterbündel versteht man dabei die Zusammenfassung aller Mengen, die der Haushalt von einzelnen Gütern nachfragt. Formal lässt sich dieser Zusammenhang schreiben als = 1 nx (x ,...,x ). (1) 3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen 17 Hierbei bezeichnet =i nx (i 1,...,x ) die konsumierteMenge des Gutes i. Der Vektor x steht somit für das gesamte Güterbündel. Für die Nutzen-Kosten-Analyse sind freilich nicht die konsumierten Gütermengen selbst von primärem Interesse, sondern der Nutzen, den ein Individuum aus deren Verbrauch zu ziehen vermag. Hierfür schreibt man = = 1 nu u(x) u(x ,...,x ), (2) mit u als dem Nutzen, welcher einem Haushalt aus dem Konsum des Güterbündels x entsteht. Auf der Basis des Nutzens lassen sich unterschiedliche Güterbündel miteinander vergleichen. Als Kriterium hierfür dient die subjektive Wertschätzung beziehungsweise Präferenz, die ein Haushalt den betrachteten Güterbündeln entgegenbringt. Sind beispielsweise =1 1 11 nx (x ,...,x ) und = 2 2 2 1 nx (x ,...,x ) zwei verschiedene Güterbündel, so besagt >1 2u(x ) u(x ), dass der Haushalt das Güterbündel 1x höher einschätzt als 2x . Man kann daher u(x) auch als Funktion auffassen, die unterschiedlichen Güterbündeln diejenigen Nutzenniveaus zuordnet, die der Haushalt durch deren Konsum erreicht. Die Funktion u nimmt dabei einen umso höheren Wert an, je höher ein Güterbündel in der Gunst des Haushalts steht. Eine Nutzenfunktion ordnet demnach die verschiedenen Konsumgüterbündel im Begehrskreis eines Haushalts nach dessen subjektiver Wertschätzung. Mit dieser Feststellung allein ist die Nutzenfunktion allerdings nicht eindeutig bestimmt. Wenn nämlich die Funktion u die Präferenzordnung eines Haushalts wiedergibt, so auch die Funktion φ=!u (u), (3) sofern φ >, 0 ist; denn in diesem Falle gilt 1u(x ) > ⇔ !2 1u(x ) u(x ) > ! 2u(x ). Die Funktion φ (u) nennt man in dem Zusammenhang auch eine monotone Transformation der Nutzenfunktion.Wird die Transformation keinenweiteren Bedingungen unterworfen, so basiert die betrachtete Nutzenfunktion auf einem ordinalen Nutzenkonzept. Man kann mit ihrer Hilfe die Ordnung zum Ausdruck bringen, die ein Haushalt den von ihm begehrten Konsumgüterbündeln gibt. Weitergehende Aussagen indessen sind damit nicht möglich. So vor allem nicht zur Frage, ob ein Individuum auch Änderungen seines Nutzenniveaus bewerten kann, beispielsweise in der Form − > −2 1 4 3u(x ) u(x ) u(x ) u(x ) Hier wird der Übergang vom Konsumgüterbündel 1x zu 2x auf der Grundlage des Nutzens verglichen mit dem Übergang von 3x zu 4x . Unser Haushalt setzt also nicht länger Nutzenniveaus, sondern Nutzenunterschiede zueinander in Beziehung. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse18 Ein solcher Vergleich aber ist im Rahmen der ordinalen Nutzentheorie nicht möglich. Denn sobaldmanUnterschiede imNutzenniveau betrachtet, impliziert dies eine Einschränkung der möglichen Transformationen im Vergleich zum ordinalen Ansatz. Zulässig sind nunmehr lediglich lineare Transformationen der Form φ = +(u) a bu, (4) mit b > 0. Allein für solche Transformationen bleibt die ursprüngliche Präferenz erhalten, wennNutzenunterschiede zu bewerten sind. Der Nutzenfunktion liegt in diesem Falle ein kardinales Nutzenkonzept zugrunde. Nutzenunterschiede lassen sich also nur im Rahmen der kardinalen Nutzentheorie analysieren, im ordinalen Nutzenkonzept machen Überlegungen dazu keinen Sinn. Dies müssen wir uns bei den nachfolgenden Ausführungen stets vor Augen halten. Die entscheidende Frage im Zusammenhangmit der Bewertung von Projektwirkungen lautet demzufolge, ob der Nutzen kardinal messbar oder ob er lediglich ordinaler Natur ist. Frühe Theoretiker unseres Jahrhunderts wieMarshall bejahten das kardinale Nutzenkonzept uneingeschränkt [Marshall 1920]. Doch etwa zur gleichen Zeit hat Pareto bereits die Grundlagen für den ordinalen Nutzenansatz gelegt [Pareto 1966]. In der Folge kam es zu einer Kontroverse zwischen den Anhängern der kardinalen und der ordinalen Nutzentheorie, die man vor allem in den 30er Jahren besonders heftig ausgetragen hat [siehe auch Lange 1933/34]. In denWerken vonHicks [1946] fand diese Auseinandersetzung ihren Höhepunkt und zugleich ihren vorläufigen Abschluss. Hicks nämlich konnte zeigen, dass die wesentlichen Ergebnisse, zu denen die kardinale Nutzentheorie gelangt, auch im ordinalen Theoriegebäude ihren Platz haben. Trotzdem flackert die alte Diskussion auch heute immer wieder einmal auf. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass die Antwort, die ein Ökonom auf die oben gestellte Frage gibt, immer auch ganz pragmatisch von seinem eigenen Forschungsinteresse mitbestimmt wird. Kommen wir aber wieder zu den eigentlichen Problemen der Bewertung öffentlicher Projekte im Rahmen von Nutzen-Kosten-Analysen zurück. Wir sind eingangs davon ausgegangen, dass ein öffentliches Projekt mengenmäßige Veränderungen in den Konsumgüterbündeln der Individuen hervorbringt. Wie kann man nun die Mengenvariationen über den kardinalen und wie über den ordinalen Bewertungsansatz in monetären Größen erfassen? Der kardinale Bewertungsansatz versucht, die mit jeder Änderung von Gütermengen einhergehende Änderung der individuellenNutzenniveaus anzugeben und dafür jenen Geldausdruck zu finden, der diesen Nutzenunterschied in der Einschätzung eines Haushalts widerspiegelt. Für die grundlegende Bewertung auf der Ebene der einzelnen Haushalte verwendet er dabei das Konzept der Konsumentenrente oder das der individuellen Zahlungsbereitschaft. Die gesamtwirtschaftliche Bewertung erfolgt dann aggregiert über alle Haushalte, derenNutzenniveaus sich durch ein öffentliches Projekt verändern. Nach seiner Fertigstellung nämlich wird ein Projekt die Nutzenniveaus einiger Individuen erhöhen, während andere Nutzeneinbußen erleiden müssen. Die individuelle 3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen 19 Nutzenänderung wird also für die einen positiv, für die anderen hingegen negativ ausfallen und überdies von unterschiedlicher Stärke sein. In einer solchen Situation gilt es, für alle Betroffenen die Nutzenänderungen gegeneinander aufzurechnen. Als Ergebnis erhält man so die Nettowirkung eines Projekts auf die Wohlfahrt der Gesellschaft, ausgedrückt in Geldeinheiten. Der ordinale Bewertungsansatz, in seiner einfachsten Form, fragt auf der individuellen Ebene danach, ob der einzelne durch ein Projekt ein höheres Nutzenniveau erreicht als er es ohne das Projekt gehabt hätte. EineWohlfahrtssteigerung für die Gesellschaft insgesamt ergibt sich nach diesem Konzept immer dann, wenn sich der Nutzen eines einzelnen oder einer Vielzahl von Wirtschaftssubjekten vermehrt, ohne dass er zugleich auch nur bei einem einzigen Individuum absinkt. Dieses Konzept wird in der Literatur als Pareto-Kriterium bezeichnet. Das Pareto-Kriterium bietet zweifelsohne den großen Vorteil, auf die umstrittene Annahme der kardinalen Messbarkeit des Nutzens verzichten können. Gleichzeitig wird dadurch aber auch der Anwendungsbereich für eine nutzenmäßige Bewertung beträchtlich eingeschränkt. Das Kriterium setzt nämlich im Grunde voraus, dass es überhaupt kein öffentliches Projekt gibt, das bei keiner einzigen Person zu einer Nutzeneinbuße führt – eine Bedingung, die man ohne Zweifel als sehr realitätsfern bezeichnen muss. Denn in der Wirklichkeit ist es geradezu ein Kennzeichen öffentlicher Maßnahmen, dass davon bestimmte Wirtschaftssubjekte profitieren, während zugleich andere Nutzenminderungen hinzunehmen haben. Aus diesemGrunde schlagen Kaldor [1939] undHicks [1940] zur Bewertung von gesamtwirtschaftlichenWohlfahrtswirkungen ein Kriterium vor, das sich nicht mehr an der Realisierung tatsächlicher, sondern vielmehr an potentiellen Paretoverbesserungen für die Gesellschaft orientiert. Solche Verbesserungen sind nach ihrer Vorstellung immer dann gegeben, wenn diejenigenWirtschaftssubjekte, die durch eine Maßnahme begünstigt werden, sich in der Lage sehen, einerseits alle dadurch Benachteiligten für ihre Nutzeneinbußen zu entschädigen und andererseits wenigstens eine Person ihr Nutzenniveau zu steigern vermag. Dieses Konzept ist als Kaldor-Hicks-Kriterium bekannt. Das Kaldor-Hicks-Kriterium stellt demnach vorrangig darauf ab, dass die Gewinner eines öffentlichen Projekts fähig sind, die Verlierer voll zu kompensieren. Es kann demzufolge aus volkswirtschaftlicher Sicht sogar sinnvoll sein, Projekte zu realisieren, die Reiche auf Kosten von Armen noch reicher machen. Es wäre nun falsch,Kaldor undHicks zu unterstellen, sie hätten diese Antinomie zwischen Effizienz und Verteilung nicht gesehen. Im Gegenteil, es ging ihnen vorrangig gerade darum, ein Konzept zu entwickeln, mit dem sich allokationstheoretische Fragen von verteilungspolitischen Problemstellungen trennen lassen. Es spielt für das Kaldor-Hicks-Kriterium nämlich überhaupt keine Rolle, welche Personen besser gestellt werden, solange nur die Möglichkeit besteht, die Verlierer zu entschädigen. Dieses Konzept stellt somit vorwiegend auf Effizienzgesichtspunkte ab und kann auch als „Mark ist gleich Mark“-Prinzip bezeichnet werden [Ng 1983]. Als solches ist es unabhängig davon, welchen Personen Vorteile zukommen und welche Einbußen hinnehmen müssen. Mit der A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse20 Berücksichtigung von Verteilungsaspekten in der erweiterten Kosten-Nutzen- Analyse werden wir uns in Teil B ausführlich beschäftigen. Bezogen auf die Nutzen-Kosten-Analyse sieht nun der ordinale Bewertungsansatz im Sinne des Kaldor-Hicks-Kriteriums vor, dass der Analytiker diejenigen monetären Beträge ermittelt, die ein von einem Projekt betroffenes Individuum abgeben oder erhalten müsste, damit sein ursprüngliches Nutzenniveau trotz der Durchführung eines Projekts bestehen bliebe. Diese Beträge entsprechen dann den monetären Vorteilen (Nutzen) oder den Nachteilen (Kosten) des Projekts, je nachdem, ob sie positiv oder negativ ausfallen. Im Gegensatz zur kardinalen Bewertung fußt der ordinale Ansatz also auf der Vorstellung eines konstantenNutzenniveaus der Betroffenen, das durch Kompensationsabgaben oder -forderungen aufrecht erhalten wird. Solche Kompensationsbeträge bezeichnet Hicks [1943] als Kompensationsvariation (compensating variation). Ein hierzu alternativesWohlfahrtsmaß geht ebenfalls aufHicks zurück. Es handelt sich um die Äquivalenzvariation (equivalent variation). Auch bei ihr wird von der Konstanz des Nutzenniveaus ausgegangen, wobei diesmal jedoch das Niveau bei Durchführung eines Projekts als Referenzgröße dient. Die Äquivalenzvariation entspricht somit jener Geldsumme, die es einem Individuum erlauben würde, auch ohne das betrachtete Projekt jenes Nutzenniveau zu erreichen, welches es mit ihm hätte erlangen können. Addiert man die monetären Beträge der Kompensations- oder der Äquivalenzvariation für alle betroffenen Individuen auf, so erhält man einen aussagefähigen Indikator, der dieWohlfahrtswirkungen öffentlicher Projekte im Sinne von potentiellen Paretoverbesserungen oder -verschlechterungen in Geldeinheiten angibt. Das Kaldor-Hicks-Kriterium ist nicht ohne Kritik geblieben. Der wichtigste Einwand geht zweifelsohne auf Scitovsky [1941] zurück. Er weist darauf hin. dass die paradoxe Situation eintreten kann, bei der sowohl Durchführen wie Rückgängigmachen eines öffentlichen Projekts dem Kaldor-Hicks-Kriterium genügen. Der Grund hierfür liegt darin, dass der Output des Projekts jeweils mit einem anderen Preisvektor bewertet wird, je nachdem ob man sich im ex-ante oder ex-post-Zustand befindet. Darauf soll an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen werden [Mishan 1988]. Um einen solchen Zirkel im Entscheidungs- und Handlungsablauf zu vermeiden, schlägt Scitovsky ein zusätzliches Wohlfahrtsmaß vor, das als Scitovsky- Doppelkriterium Eingang in die Literatur gefunden hat. Ihm zufolge erhöht ein öffentliches Projekt dann und nur dann die Wohlfahrt der Gesellschaft, wenn (1) das Kaldor-Hicks-Kriterium gilt und (2) ein Rückgängigmachen geplanter Maßnahmen nicht zu Wohlfahrtssteigerungen führt. Die Kritik von Scitovsky am Kaldor-Hicks-Kriterium wird gewöhnlich von den Vertretern einer praxisorientierten Nutzen-Kosten-Analyse, aber auch von den meisten Theoretikern, nicht besonders ernst genommen [Mishan 1988]. Seine Bedeutung für die konkrete Bewertungspraxis ist allerdings kaum untersucht. 3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen 21 Literatur zu Kapitel 3 Hicks, John R.: The valuation of social income. Economica, 7 (1940), S. 105-124. Hicks, John R.: The four consumer’s surpluses. Review of Economic Studies, l1 (1943), S.31-41. Kaldor, Nicholas: Welfare propositions of economics and interpersonal comparisons of utility. Econo-mic Journal, 49 (1939), S. 549-552. Lange, Oscar: The determinateness of the utility function. Review of Economic Studies, l (1933/34), S. 218-225. Marshall, Alfred: Principles of Economics. 8.Aufl., London 1920 (l. Aufl. 1890). Mishan, Ezra J.: Cost-Benefit Analysis. An Informal Introduction. 4.Aufl., London 1988. Pareto, Vilfredo: Manual D’Économie Politique. 4.Aufl., Genf 1966 (l. Aufl. 1909). Scitovsky (de Scitovszky), Tibor: A note on welfare propositions in economics. Review of Economic Studies, 9 (1941), S.77-88. 4. Bewertung II: Große Vorhaben 4.1 Grundannahmen Die Verfahren des kardinalen und des ordinalen Bewertungsansatzes wollen wir in diesem Kapitel im Kontext eines allgemeinen Marktgleichgewichts entwickeln. Dieses ist an rigide Prämissen geknüpft. Solche betreffen sowohl die Eigenschaften der betrachteten Güter- und Faktormärkte als auch die sonstigen konstituierenden Merkmale einer Volkswirtschaft. Folgende Voraussetzungen müssen im Einzelnen erfüllt sein: Die privaten Haushalte verfolgen das Ziel der Nutzenmaximierung, die Unternehmen streben nach maximalem Gewinn. Alle Güter- und Faktormärkte sind durch Preisflexibilität und vollkommene Konkurrenz bei den Anbietern und Nachfragern gekennzeichnet, das heißt die Marktteilnehmer verhalten sich als Mengenanpasser und es herrscht freier Marktzugang. AlleMärkte in der betrachteten Volkswirtschaft befinden sich imGleichgewicht. Dies bedeutet, dass auf allenMärkten die angebotenenMengen den nachgefragten entsprechen. Auf den Gütermärkten herrscht somitMarkträumung, auf dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung. In der Volkswirtschaft existieren keine Produktionsprozesse, die steigende Skalenerträge aufweisen. Die Preise, die sich auf den Güter- und Faktormärkten durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ergeben, sind weder durch Steuern auf das Einkommen, den Gewinn, den Umsatz oder ähnliche Bemessungsgrundlagen noch durch Subventionen oder andere administrative Regulierungen verzerrt. Der Staat soll seine Vorhaben vielmehr durch Gebühren als einer Form der Preise oder durch ein System von Kopfsteuern finanzieren, die in der Steuerlehre als wirkungsneutrale Zwangsabgaben gelten. Es wird zudem von der Existenz externer Effekte und öffentlicher Güter abgesehen. Außenwirtschaftliche Einflüsse haben ebenfalls keine Auswirkungen auf die inländischen Märkte. Wir betrachten also im Wesentlichen eine geschlossene Volkswirtschaft. In der Realität freilich sind die meisten dieser Annahmen nicht aufrechtzuerhalten. Wir werden sie daher später zumindest teilweise wieder aufheben. In diesem Kapitel wollen wir weiterhin unterstellen, dass ein Projekt der öffentlichen Hand Preisänderungen zur Folge hat. Diese können sowohl das betrachtete staatliche Angebot selbst als auch Produkte auf anderen Märkten der Volkswirtschaft betreffen. Wir analysieren also im Folgenden die Wohlfahrtswirkungen, die von großen Projekten des öffentlichen Sektors ausgehen.

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References

Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.