2. Elemente der Nutzen-Kosten-Analyse in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 21 - 29

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_21

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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2. Elemente der Nutzen-Kosten-Analyse 2.1 Aufbau einer Nutzen-Kosten-Analyse Nach herkömmlicher Auffassung hat die Nutzen-Kosten-Analyse folgende Teilaufgaben zu erfüllen: (1) Bestimmung der relevanten Nebenbedingungen; (2) Formulierung und Vorauswahl von Alternativen; (3) Bestimmung der Projektwirkungen; Erfassung und Bewertung der positiven und negativen Wirkungen von Alternativen in Form ihrer monetären Nutzen und Kosten; (4) Zeitliche Homogenisierung der Nutzen und Kosten auf demWege der Diskontierung; (5) Gegenüberstellung von Nutzen und Kosten für die verschiedenen Alternativen; Synthese zu eindimensionalen Güte- oder Entscheidungsmaßen; (6) Berücksichtigung von Risiko undUnsicherheit, eventuell Modifizierung der Entscheidungsmaße; (7) Aufstellen einer Rangordnung der Alternativen anhand der Entscheidungsmaße und Empfehlung einer oder mehrerer Alternativen. Die Ergebnisse der Evaluierung sind in einem Endbericht zusammenzufassen. Dieser hat sämtliche Verfahrensschritte zu beinhalten. Dazu gehört zum einen, dass der Analytiker alle Probleme anspricht, die im Zusammenhang mit der Projektanalyse aufgetreten sind. Zum anderen sind die einzelnen Datenquellen zu belegen, die hierin Verwendung gefunden haben. Alles in allemmuss sichergestellt sein, dass ein Außenstehender anhand der Aufzeichnungen jederzeit in der Lage ist, die gesamte Analyse nachzuvollziehen. Für eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse einer Projektevaluierung eignet sich beispielsweise ein Schema, wie es in Schaubild 1 wiedergeben ist. Dieses erhebt keineswegs denAnspruch auf Allgemeingültigkeit; es vermag aber doch die Möglichkeiten für die Gestaltung des abschließenden Berichtsbogens aufzuzeigen. 2.2 Typisierung von Projektwirkungen Ob eine öffentliche Maßnahme ökonomisch vorteilhaft ist oder nicht, lässt sich generell an ihrer Wirkung auf die Güterversorgung der Konsumenten ablesen. Besteht die Möglichkeit, sämtliche positiven und negativen Wirkungen unmittelbar auf dieser Ebene zu quantifizieren, so braucht man sich keine weiteren Gedanken darüber zu machen, von welcher Art die auftretenden Effekte sind. In der praktischen Umsetzung einer Nutzen-Kosten-Analyse freilich wirdman diese Idealbedingungen kaum antreffen. Dann ist es für den Analytiker sinn- A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse8 Schaubild 1: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse einer Projektevaluierung Ze it p er io d e t (J ah r) K o st en b es ta n d te ile (k o n kr et e W er te ) N u tz en b es ta n d te ile (k o n kr et e W er te ) A g g re g ie rt e N u tz en A g g re g ie rt e K o st en N et to n u tz en N et to g eg en w ar ts w er t, ab g ez in st m it d er so zi al en D is ko n ti er u n g sra te d Su m m e In ta n g ib le B es ta n d te ile 2. Elemente der Nutzen-Kosten-Analyse 9 voll, die positiven Effekte auf der Output- oder Nutzenseite und die negativen Wirkungen auf der Input- oder Kostenseite eines Projekts genau zu spezifizieren und in separaten Ansätzen zu erfassen. In der Literatur findet man gewöhnlich die folgende Typisierung von Projektwirkungen [Musgrave/Musgrave/Kullmer 1994, Sassone/Schaffer 1978]: – reale (technologische) und pekuniäre Effekte; – direkte (interne) und indirekte (externe) Effekte; – tangible und intangible Effekte; – intermediäre und finale Effekte. Um von vornhereinMissverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass sich die genannten Bezeichnungen keinesfalls lückenlos voneinander abgrenzen lassen.Man hat es hier vielmehrmit Begriffen zu tun, die sich teilweise überschneiden. Ferner sollte manwissen, dass in der Literatur unterschiedliche Auffassungen über deren Inhalt bestehen. Reale und pekuniäre Effekte Unter die realen Effekte eines öffentlichen Vorhabens subsumiert man in der Nutzen-Kosten-Analyse jene Wirkungen, die unmittelbar die Versorgung von Individuen oder Haushalten mit Gütern oder Dienstleistungen verändern und auf diese Weise auch verändernd auf die gesellschaftliche Wohlfahrt wirken. Pekuniäre Effekte hingegen rufen bei den Konsumenten lediglich Verteilungs- änderungen auf demWege monetärer Transfervorgänge hervor. Sehen wir uns diese Wirkungstypen anhand eines praktischen Beispiels, dem Bau einer Autobahnverbindung, etwas genauer an. Als reale Effekte eines solchen Vorhabens werden üblicherweise die Zeitersparnisse angesehen, die bei den privaten Nutzern des neuen Verkehrsweges entstehen. Sie bedeuten beispielsweisemehr Freizeit für die Verkehrsteilnehmer und erhöhen auf diesemWege auch deren individuelle Nutzenniveaus. Als typisch pekuniäre Effekte gelten die zusätzlichen Gewinne, die entstehen wenn entlang der Autobahn neue Raststätten gebaut und von den Reisenden auch frequentiert werden. Sie führen bei den Inhabern undAngestellten dieser Einrichtungen zu Einkommensverbesserungen. Diesen aber stehen, so argumentiert man in der traditionellen Nutzen-Kosten-Analyse, zumeist entsprechende Verluste bei anderen, verkehrsmäßig nunmehr ungünstiger gelegenen Bewirtungsstätten gegenüber. Die Gewinne und Verluste gleichen sich in einer vollbeschäftigtenWirtschaft aus, und die absolute Höhe der gesellschaftlichen Wohlfahrt bleibt von den Verschiebungen der individuellen Einkommen unberührt. Pekuniäre Effekte gelten daher für die traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse nicht als echte Wirkungen auf die gesellschaftliche Wohlfahrt. Anerkannt werden darin nur die realen Veränderungen, die ein öffentliches Projekt auf das Nutzenniveau von privaten Haushalten hat. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse10 Direkte und indirekte Effekte Diese Unterscheidung stellt auf die Intention ab, die politische Entscheidungsträger mit einer öffentlichen Maßnahme verbinden. Indirekte (externe) Projektwirkungen sind im Gegensatz zu direkten (internen) Effekten dadurch gekennzeichnet, dass sie von Politikern nicht bewusst angestrebt werden, sondern gewissermaßen als unbeabsichtigte Nebenfolgen eines öffentlichen Vorhabens anfallen. Häufig werden diese auch in primäre und sekundäre Effekte unterschieden. Beide Projektwirkungenmüssen generell, sofern sie realer Natur sind, im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse berücksichtigt werden. Als praktisches Beispiel zur Veranschaulichung mag hier die Errichtung eines neuen Flughafens dienen. Zu den direkten Nutzeffekten eines solchen Bauwerks zählen wiederum in erster Linie die Zeitersparnisse der Fluggäste. Die direkten negativen Wirkungen sind weitgehend identisch mit den Kosten für den Bau und Unterhalt des Vorhabens. Indirekte Effekte hingegen treten im Zusammenhang mit der Lärmbelästigung auf, die Anwohner des Flughafens zukünftig ertragen müssen. Sofern der Flughafen allein der Bewältigung eines gewachsenen Verkehrsaufkommens dient, handelt es sich bei den Lärmbeeinträchtigungen um indirekte Kosten realer Natur. Führt jedoch die Inbetriebnahme des neuen Flughafens zu einer entsprechenden Reduktion des Flugverkehrs auf anderen, bereits bestehenden Flugplätzen, so kommt es lediglich zu einer regionalen Umverteilung von Lärmbelästigungen. Zusätzliche Lärmstörungen hier stehen dann verminderten Lärmemissionen an anderen Orten gegenüber. Die entstehenden indirekten Projektwirkungen sind in diesem Fall als pekuni- äre Effekte zu qualifizieren. Alle direkten Effekte gehen selbstverständlich in die traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse ein, ebenso die indirektenWirkungen realer Natur. Die pekuniären indirekten Effekte aber darf man ignorieren. Tangible und intangible Effekte Tangible und intangible Effekte eines Projekts werden nach dem Kriterium der Messbarkeit unterschieden. Alle tangiblen Wirkungen sind in monetären Grö- ßen quantifizierbar, intangible Wirkungen hingegen lassen sich nur mit Hilfe qualitativer Angaben umschreiben. Als ein gutes Beispiel für negative intangible Effekte können Eingriffe in das Bild einer intakten Landschaft gelten, die mit dem Bau von Brücken, Autobahnen oder Wasserstraßen häufig verbunden sind. Im konkreten Fall allerdings wird oftmals umstritten bleiben, was als tangibel und was als intangibel anzusehen ist. Ansätze zur Bewertung und Erfassung von Projektwirkungen, die dem einen als sinnvoll und durchaus praktikabel erscheinen, mag ein anderer für heroisch, ja geradezu für grotesk halten. Eine exakte Grenze zwischen tangiblen und intangiblen Effekten lässt sich demnach nicht generell ziehen; die Übergänge sind oft fließend. Ob ein zunächst für intangibel gehaltener Effekt im Laufe der Untersuchung tatsächlich noch quantifiziert werden kann, ist zudem häufig nur eine Frage der verfügbaren 2. Elemente der Nutzen-Kosten-Analyse 11 wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten und natürlich auch des finanziellen Aufwands, den man sich dafür leisten kann. Einigkeit besteht jedoch darüber, dass sowohl die tangiblen als auch die intangiblen Effekte eines Vorhabens unbedingt in eine Nutzen-Kosten-Analyse aufzunehmen sind. Die intangiblenWirkungen sollten dabei zumindest so präzise wiemöglich beschrieben und dem zahlenmäßigen Ergebnis einer Untersuchung in Form eines Addendums beigefügt werden. Deren Bewertung bleibt dann letztlich dem politischen Entscheidungsträger überlassen. Er hat darüber zu befinden, ob man wegen oder trotz auftretender intangibler Effekte ein Projekt durchführen oder es besser unterlassen sollte. Intermediäre und finale Effekte Finale Projektwirkungen führen unmittelbar zu einer Erhöhung oder Senkung individueller Nutzenniveaus. Intermediäre Effekte dagegen fallen zunächst im privaten Produktionsbereich in Form von Kostenveränderungen an. Finale Effekte verbindet man beispielsweise gerne mit der Errichtung öffentlicher Freizeiteinrichtungen, intermediäre treten vor allem im Zusammenhang mit dem öffentlichen Straßenverkehrsnetz auf. Beide Arten von Projektwirkungen sind generell im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse zu erfassen. 2.3 Berücksichtigung von Nebenbedingungen Wirtschaftliche Entscheidungen im Staatssektor können nicht losgelöst von den Rahmenbedingungen erfolgen, die man in der Realität einer Volkswirtschaft vorfindet. Vor allem der politische, soziale und technologische Datenkranz wird von Land zu Land und auch im Zeitablauf unterschiedlich gestaltet sein und schon von daher einen starken Einfluss auf die Auswahl und die Durchführung öffentlicher Projekte nehmen. So kann es durchaus sein, dass Handlungsalternativen bereits im Vorfeld der Analyse ausscheiden müssen, weil sie mit den vorgefundenen Gegebenheiten unvereinbar sind. Bevor man also mit der eigentlichen Evaluierung eines Projekts beginnen kann, sollte man sich zunächst unbedingte Klarheit verschaffen über die einschränkenden Nebenbedingungen, die in der konkreten Entscheidungssituation eine bedeutsame Rolle spielen. Solche „Constraints“ können entweder natürlicher Art sein oder auf gesellschaftlicher Übereinkunft beruhen. Im Folgendenwollen wir, einer Klassifikation von [Eckstein 1961] folgend, einen knappenÜberblick über jene Nebenbedingungen geben, auf die der Analytiker bei seiner Arbeit besonders zu achten hat. Einige dieser einschränkenden Vorgaben sind unabänderbar, andere erscheinen im Zeitablauf überwindbar oder können durch politische Instanzen außer Kraft gesetzt werden. Physische Nebenbedingungen Physische Nebenbedingungen spiegeln sich in Produktionsfunktionen wider. Diese geben an, welche technischen Relationen zwischen dem Einsatz von A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse12 Produktionsfaktoren und dem damit erzielbaren Ergebnis bestehen. Als Inputgrößen grenzt man gewöhnlich die Faktoren Arbeit und Kapital ab. In Entwicklungsländern etwa besteht durchaus die Gefahr, dass an sich sinnvolle Projekte an der vorhandenen Ausstattung mit Produktivkräften scheitern müssen, weil zum Beispiel nicht genügend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen, und diese auch im privaten Sektor, aus dem sie eventuell abgeworben werden könnten, fehlen. Sofern man allerdings davon ausgehen kann, dass vor Ort nicht vorhandene Inputfaktoren aus anderen Regionen, beispielsweise dem Ausland, beschafft werden können, verliert diese Restriktion selbst für Entwicklungsländer ihre bindende Kraft. In hochentwickelten Volkswirtschaften freilich dürften solche unüberwindbaren Beschränkungen bei den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital selten vorkommen. Budgetäre Nebenbedingungen Die Finanzmittel, die man für öffentliche Maßnahmen ausgeben kann, legen die politischen Entscheidungsträger im Zusammenhang mit der allgemeinen Haushaltsplanung fest. Die Kosten von in Frage kommenden Projektalternativen dürfen sich dann nur im Rahmen der fiskalisch vorgegebenen Budgetansätze bewegen. Oftmals wird der Analytiker freilich erst nach Abschluss seiner Untersuchung feststellen können, ob die eine oder andere Alternative in den vorliegenden Finanzrahmen passt. Es liegt dann ganz allein in seinem Ermessen, ob er eine Maßnahme, die über das limitierte Budget hinausgeht, nicht trotzdem seinem Auftraggeber empfiehlt, zumal dann, wenn sich diese als besonders vorteilhaft herausstellt. Grundsätzlich jedoch liegen finanzielle Planvorgaben der politischen Instanz nicht im Ermessensspielraum des Nutzen-Kosten-Analytikers. Gesetzliche Nebenbedingungen Öffentliche Vorhaben dürfen nicht gegen herrschendes Recht verstoßen, gleichgültig, ob es sich dabei um Eigentumsrechte Privater, um baupolizeiliche Verordnungen oder um Umweltschutzauflagen handelt. Wenn der Analytiker jedoch feststellenmuss, dass Projekte, die unter demGesichtspunkt der sozialen Wohlfahrt mit zu den interessantesten zählen, allein an rechtlichen Vorschriften zu scheitern drohen, gehört es sicherlich zu seiner Aufgabe, die politischen Entscheidungsträger davon in Kenntnis zu setzen und auf die ökonomischen Folgen gebührend hinzuweisen. Administrative Nebenbedingungen Administrative Einschränkungen treten auf, sobald Fähigkeit und Kapazität des staatlichen Verwaltungsapparates erschöpft sind. Darüber hinaus erweisen sich nicht selten die eingefahrenen Organisationsstrukturen in einer Behörde oder aber der föderale Staatsaufbau als äußerst hinderlich und mit vielen Projekten unvereinbar. Langfristig sind zwar solcheHemmnisse durchaus abbaubar, doch zumZeitpunkt der Entscheidungwird der Analytiker nicht umhin können, sie als bindend anzusehen. 2. Elemente der Nutzen-Kosten-Analyse 13 Politische Nebenbedingungen Die Nutzen-Kosten-Analyse trifft ihre Auswahl unter alternativen Projekten allein nach wohlfahrtsökonomischen Kriterien. Weitere Elemente, die Teil des politischen Zielspektrums sein können, wie die „Sicherung des inneren und äußeren Friedens“ oder die „Förderung strukturschwacher Regionen“, vernachlässigt sie gänzlich. Häufig aber sind dem Nutzen-Kosten-Analytiker auch solche Ziele in Form von Nebenbedingungen vorgegeben. Sie verbergen sich dann zumeist hinter bestimmten qualitativen oder quantitativen Standards, die ein Projekt nicht unter- oder überschreiten darf. Sofern diese in expliziter Form vorliegen, kann sich der Analytiker darauf beschränken zu überprüfen, ob jene Projekte, die er in die engere Wahl gezogen hat, auch allen Mindestanforderungen der Politik genügen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss er die davon betroffenen Projekte, auch wenn sie unter wohlfahrtsökonomischen Aspekten gerechtfertigt wären, bereits im ersten Evaluierungsstadium aussondern. 2.4 Formulierung und Vorauswahl von Alternativen Bei der Durchführung einer Nutzen-Kosten-Analyse ist es zumeist üblich, dass die politischen Entscheidungsträger konkret eine odermehrere Projektalternativen imAuge haben und nur diese untersuchen lassenmöchten. Der Analytiker, gleichgültig, ob er aus der öffentlichen Verwaltung selbst kommt oder ob er extern verpflichtet wurde, hat dann lediglich die Aufgabe, den Nettonutzen dieser Alternativen zu bestimmen. Grundsätzlich ist er allerdings nicht an eine bestimmte Zahl von Alternativen gebunden. Seine Untersuchung kann ebenso gut für eine einzige Maßnahme wie für eine Vielzahl möglicher Alternativen erfolgen. Sind dem Analytiker aber überhaupt keine konkreten Projektwünsche vorgegeben, so ist er gezwungen, selbst nach geeigneten Alternativen zu forschen. Seiner eigenen Alternativensuche kommt in diesem Fall große Bedeutung zu. Denn die Qualität seiner Analyse und die der abschließenden Empfehlung kann letztlich immer nur so gut sein wie es die Güte der in Betracht gezogenen Alternativen erlaubt. Routinierte Nutzen-Kosten-Analytiker werden dabei zunächst versuchen, sich ein genaues Bild von den allgemeinen Vorstellungen des Auftraggebers zu verschaffen, um dann mit Hilfe ihrer eigenen Erfahrungen und ihres Wissens alternative Problemlösungen zu finden. Darüber hinaus bietet sich die Auswertung fremder Quellen an. Vor allem aus der Fachliteratur oder aus der Befragung anerkannter Experten des jeweiligen Untersuchungsgebietes lassen sich eventuell brauchbare Anregungen für Projektideen gewinnen. Aus dieser Ideenvielfalt sind dann in einem ersten Schritt jene Möglichkeiten auszuwählen, die unter ökonomischen Gesichtspunkten als besonders sinnvoll erscheinen. Dies kann beispielsweise in Form einer Kurzanalyse geschehen, A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse14 in der die Zahl der Vorschläge auf eine überschaubare Größe reduziert wird. Kurzanalysen erhöhen so, ohne hohe Kosten zu verursachen, den Informationsgrad und wirken vor allem der stets vorhandenen Gefahr entgegen, dass man schlechte Ideen nicht aussondert und die guten nicht weiterverfolgt. Nachdem der Analytiker aus der Vielzahl potentieller Problemlösungen einige wirklich relevante Alternativen herausgefiltert hat, muss er diese im nächsten Schritt auf ihre Kompatibilität mit den herrschenden Nebenbedingungen hin untersuchen. Danach erst können die übrig gebliebenen Alternativen einer ausführlichen Nutzen-Kosten-Analyse unterzogen werden. Zum Abschluss sei noch darauf hingewiesen, dass der „Status Quo“ in der Nutzen-Kosten-Analyse stets eine eigenständige Alternative darstellt. Da die Nutzen-Kosten-Analyse auf Änderungen der bestehendenWohlfahrtssituation abstellt, die von den betrachteten Projektalternativen ausgehen, werden diese immer im Vergleich mit dem Zustand ohne Projektrealisierung gesehen. Der „Status Quo“ dient so als Referenzgröße und ist daher implizit in jeder Nutzen- Kosten-Analyse enthalten. Literatur zu Kapitel 2 Eckstein, Otto: A survey of the theory of public expenditure criteria. In: Public Finances: Needs, Sources and Utilisation. Herausgegeben vom National Bureau of Economic Research. Princeton, NJ 1961, S.439-504. Musgrave, Richard A., Peggy B. Musgrave und Lore Kullmer: Die öffentlichen Finanzen in Theorie und Praxis, l. Band. 6.Aufl., Tübingen 1994. Sassone, Peter G. und William A. Schaffer: Cost-Benefit Analysis. A Handbook. New York 1978. 3. Bewertung öffentlicher Projekte I: Methodische Grundlagen 3.1 Allgemeine Vorbemerkungen Den Fragenkreis „Bewertung öffentlicher Projekte“ wollen wir in mehrere Kapitel aufgliedern. Vor allem hier wird die Ambivalenz deutlich werden, die zwischen dem Anspruch auf theoretische Stringenz, den die Nutzen-Kosten- Analyse zu erfüllen sucht, und ihrem Bemühen um Praxisbezogenheit besteht. Vieles, was die Theorie an präziser Betrachtung anzubieten hat, erscheint aus der Sicht der Praxis mehr oder weniger als formale Spielerei. Denn dort ist man gezwungen, Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung theoretischer Konzepte entstehen, auf möglichst einfache Weise zu lösen. Um die vorhandene Kluft deutlich zu machen, die in der Nutzen-Kosten-Analyse zwischen theoretischer und pragmatischer Vorgehensweise erkennbar ist, vor allem aber auch, um diese Scheidung überwinden zu helfen, wollenwir die anstehende Stofffülle wie folgt abhandeln: Zunächst werden wir in diesem Kapitel die methodischen Grundlagen zur Bewertung öffentlicher Projekte erörtern und dabei vor allem den Unterschied zwischen dem kardinalen und dem ordinalenNutzenkonzept herausstellen, der in der wohlfahrtstheoretischen Diskussion eine große Bedeutung hat. Damit erarbeiten wir uns zugleich den Rahmen für die nachfolgenden Kapitel 4 und 5. Darin gehen wir auf die verschiedenen Verfahren ein, die aus der Sicht der Wohlfahrtstheorie die Bewertung der ökonomischen Wirkungen eines öffentlichen Projekts kennzeichnen. In Kapitel 4 diskutieren wir die theoretischen Ansätze zur Bewertung in einem allgemeinen volkswirtschaftlichen Kontext. Dies bedeutet insbesondere, dass wir dort eine Modellbetrachtung vornehmen, wie sie für die Sichtweise der allgemeinen Gleichgewichtstheorie typisch ist. Von einem öffentlichen Projekt gehenWirkungen aus, die sowohl die Preise als auch dieMengen von Konsumgütern auf verschiedenen Märkten berühren. Wir analysieren also Projektwirkungen auf der Grundlage allgemeinerMarktinterdependenzen und sehen uns die Konzepte an, die man im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse zu deren Bewertung entwickelt hat. In der Literatur spricht man in diesem Zusammenhang von der „Bewertung großer Projekte“ des öffentlichen Sektors. Kapitel 5 übernimmt im Wesentlichen die Grundannahmen der vorhergehenden Betrachtung. Es unterscheidet sich von dieser allerdings in einer sehr folgenreichen Hinsicht. Darin werden nun nicht mehr Projekte von nationalem oder gar internationalem Zuschnitt untersucht, sondern es geht primär um die Analyse kleiner Vorhaben, etwa auf lokaler oder regionaler Ebene. Diese Einschränkung hat zur Konsequenz, dass der Analytiker davon ausgehen kann, die von ihm betrachteten Projekte würden die relative Preisstruktur in einer

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.