17. Grundlagen und Aufbau in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 187 - 189

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_187

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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D. Nutzwertanalyse 17. Grundlagen und Aufbau 17.1 Grundlagen Die Nutzwertanalyse stellt das dritte wirtschaftlichkeitsanalytische Verfahren dar, das neben der Nutzen-Kosten-Analyse und der Kosten-Wirksamkeits-Analyse für den öffentlichen Sektor entwickelt worden ist. Nutzwertanalyse und Kosten-Wirksamkeits-Analyse sind eng miteinander verwandt. Sie werden daher im englischen Sprachraum auch unter dem Oberbegriff „cost-effectiveness analysis“ zusammengefasst. Wie die Kosten-Wirksamkeits-Analyse hat auch die Nutzwertanalyse die Aufgabe, alternative öffentliche Projekte im Rahmen eines multidimensionalen Zielsystems auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu untersuchen und nach ihrer Vorteilhaftigkeit zu ordnen. Sie drückt diese Ordnung allerdings nicht mehr inMatrizenform durch Teilwirksamkeiten, sondern durch die Angabe vonGesamtwirksamkeiten oder Nutzwerten aus [Zangemeister 1971]. In methodischer Hinsicht ist die Nutzwertanalyse daher eine konsequente Weiterentwicklung der Kosten-Wirksamkeits-Analyse. Im Unterschied zu jener konzentriert sich die Nutzwertanalyse allerdings vorrangig auf die Outputwirkungen öffentlicher Vorhaben, die Kostenseite hingegen wird von ihr in ihrer Grundform nicht explizit berücksichtigt. Die einzige Möglichkeit, um ergänzend auch die Kosten in die Analyse einzubringen, besteht darin, diese als negative Teilnutzwerte aufzunehmen. Die Nutzwertanalyse hat sich in den letzten Jahren vor allem imVerkehrssektor, aber auch im Gesundheitsbereich zum populärsten Bewertungs- und Auswahlverfahren entwickelt. Die Gründe hierfür dürften hauptsächlich in ihrer verhältnismäßig einfachen Handhabung zu suchen sein. 17.2 Aufbau DerNutzwertanalytiker sieht sich zunächst vor die gleichenAufgaben gestellt, die ihm auch bei der Durchführung einer Kosten-Wirksamkeits-Analyse begegnen: (1) Er hat zuerst die Ziele, die mit Hilfe öffentlicher Projekte realisiert werden sollen, vollständig, widerspruchsfrei und operational zu erfassen, sofern diese von der Politik nicht bereits vorgegeben sind (Zielanalyse). (2) In einem zweiten Schritt muss er die jeweils relevantenNebenbedingungen bestimmen (Erfassung von Nebenbedingungen). (3) Anschließend sindHandlungsalternativen zu konzipieren, die den gesetzten Zielen dienen können (Alternativenbestimmung). D. Nutzwertanalyse176 (4) Da die Nutzwertanalyse gewöhnlich auf eine explizite Kostenanalyse verzichtet, besteht ihr nächster Schritt in der Entwicklung geeigneterWirksamkeitsmaße. Mit derenHilfe müssen die positiven und negativen Outputwirkungen alternativer Vorhaben im Hinblick auf das Zielsystem quantitativ ermittelt werden (Wirksamkeits- oder Zielertragsanalyse). Über diese Primäraufgaben hinaus verlangt die Nutzwertanalyse die folgenden weiteren Schritte: (5) Die einzelnen Teilwirksamkeiten, die in der speziellen Terminologie der Nutzwertanalyse Zielerträge heißen, sind innerhalb einer einheitlichen kardinalen Skala in Zielerfüllungsgrade umzuformen (Ermittlung der Zielerfüllungsgrade). (6) Die Zielerfüllungsgrade hat der Analytiker entsprechend der relativen Bedeutung der ihnen zugrunde liegenden Teilziele zu gewichten (Gewichtung der Zielerfüllungsgrade). (7) Die gewogenen Zielerfüllungsgrade oder Teilnutzwerte müssen sodann für jedes Vorhaben zu einem Gesamtnutzwert aggregiert werden. Auf der Grundlage dieser Gesamtnutzwerte – zumeist ebenfalls nur Nutzwerte genannt – sind schließlich Rangordnungen aufzustellen und Empfehlungen auszusprechen (Amalgamation und Entscheidung). Der Ablaufplan für die Erstellung einer Nutzwertanalyse ist in schematischer Form in Schaubild 28 dargestellt [Bechmann 1978]. Schaubild 28: Ablauf einer Nutzwertanalyse 1. Aufstellung eines projektspezifischen Zielsystems Zj (j = 1, …, m) 2. Erfassung von Nebenbedingungen 3. Bestimmung von Projektalternativen Ai (i = 1, …, n) 4. Entwicklung von Wirksamkeitsmaßen und Messung der Teilwirksamkeiten oder Zielerträge wij (i = 1, …, n; j = 1, …, m) 5. Umformung der Zielerträge in Zielerfüllungsgrade eij (i = 1, …, n; j = 1, …, m) 6. Festlegung der Zielgewichte gj (j = 1, …, m) und Berechnung der Teilnutzwerte nij = gj eij 7. Addition der Teilnutzwerte zum Gesamtnutzwert Nj =Σ nij j=1 m und Erstellung einer Rangordnung unter den Projektalternativen Wir werden uns im Folgenden mit den Phasen (5) bis (7) der Nutzwertanalyse näher beschäftigen. Die vorangehenden Schritte gleichen denen der Nutzen- Kosten- oder der Kosten-Wirksamkeits-Analyse, so dass sich ein nochmaliges Eingehen auf sie erübrigt. Die Nutzwertanalyse verzichtet gewöhnlich auf eine zeitliche Homogenisierung der Projektwirkungen sowie auf eine explizite Berücksichtigung von Risiko und Unsicherheit. Ansonsten würden für diese Problembereiche hier dieselben Überlegungen gelten wie im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse. 18. Das mehrstufige Amalgamationsverfahren 18.1 Ermittlung von Zielerfüllungsgraden Die ersten vier analytischen Phasen münden bei der Nutzwertanalyse, ebenso wie bei der Kosten-Wirksamkeits-Analyse, in eine Wirksamkeits- oder Zielertragsmatrix, die Aufschlüsse über unterschiedliche physische Projektwirkungen gibt. Die Nutzwertanalyse sieht nun vor, sämtliche Teilwirksamkeiten eines Projekts zu einem einzigen Ausdruck zusammenzufassen. Die direkte Verschmelzung von Projektwirkungen, die hierbei verlangt wird, ist freilich nur unter erheblichen Einschränkungen möglich; Voraussetzung ist, dass alle Teilwirksamkeiten eines Vorhabens auf die gleiche Art undWeise skaliert sind [Zangemeister 1971]. Bei einer durchgehend nominalen Skalierung der Teilwirksamkeiten, etwa mit Hilfe der Prädikate „befriedigend“ und „unbefriedigend“, darf man auch dem Gesamtwert einer Alternative das Prädikat „befriedigend“ zusprechen, sofern alle Wirksamkeiten diese Ausprägung besitzen. Diese Regel muss jedoch versagen, sobald einzelne Alternativen teilweise befriedigende, teilweise aber auch unbefriedigende Zielerträge aufweisen. Denn eine Aufrechnung verschiedener Ausprägungen ist bei einer nominalen Skalierung nicht möglich. Werden sämtliche Teilwirksamkeiten anhand einer ordinalen Skala gemessen, so kann man eventuell die Majoritätsregel verwenden, um den erforderlichen Gesamtwert zu bilden. Entsprechend dieser Regel ist ein Vorhaben 1A einer Alternative 2A immer dann überlegen, wenn es bei den einzelnen Teilwirksamkeiten häufiger besser abschneidet. Ein weiteres Verfahren zur Synthese ordinal gemessener Teilwirksamkeiten stellt die Rangsummenregel dar. Sie ordnet den alternativenMaßnahmen Gesamtwerte zu, die sich aus der Summe der Rangplätze ergeben, die einzelne Vorhaben bei den unterschiedlichen Teilwirksamkeiten einnehmen. Das Amalgamationsproblem ist aber auch dann noch nicht vollständig gelöst, wenn es gelingt, sämtliche Teilwirksamkeiten auf Kardinalskalen zu erfassen. Kardinale Maßstäbe können nämlich in dem gewählten Ursprung und in der verwendeten Einheit voneinander abweichen. Damit die Rangordnung der Alternativen – gemessen anhand der Gesamtnutzenwerte – auch bestehen bleibt, wenn Kardinalskalen in zulässigerWeise transformiert werden, muss Vergleichbarkeit unter den kardinalskalierten Teilwirksamkeiten gegeben sein. Hinreichend dafür ist, dass die einzelnen Skalen die gleiche Einheit besitzen. Die Nullwerte dürfen dagegen durchaus verschieden sein. In der Praxis der Nutzwertanalyse wird dieses Problem im Allgemeinen durch die Implementierung einer gemeinsamen Skala umgangen. Um unterschiedlich skalierte Wirksamkeiten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, benötigt der Analytiker zunächst einen geeigneten Bewertungs-

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.