Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten in:

Ulrich Koester

Grundzüge der landwirtschaftlichen Marktlehre, page 90 - 122

4. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3764-5, ISBN online: 978-3-8006-4470-4, https://doi.org/10.15358/9783800644704_90

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

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80 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten 3.1 Bestimmungsfaktoren des Angebots von Agrarprodukten Zunächst sollen die Bestimmungsfaktoren des Angebots von Agrarprodukten untersucht werden. Es ist nahe liegend, dass man nicht in der Lage ist, über das Angebotsverhalten einzelner Produzenten eine exakte Aussage zu treffen. Individuen können sehr unterschiedliche Ziele, Zielbeschränkungen und Präferenzen haben, so dass es nicht möglich ist, ihr Angebotsverhalten im Einzelfall eindeutig vorherzusagen14. Es verbleibt daher nur die Möglichkeit, Hypothesen aufzustellen und empirisch zu überprüfen. Im ersten Teil des Kapitels gehen wir von der Hypothese aus, dass die Anbieter von Agrarprodukten Gewinnmaximierer sind, vollkommen über die Beziehung zwischen Faktoreinsatz und Produktion (d. h. über die Produktionsfunktion) informiert sind, sichere Preiserwartungen haben und Mengenanpasser sind. Danach wird gezeigt, welche Änderungen in der Analyse vorzunehmen sind, wenn eine andere Zielfunktion vorliegt. Das Angebot eines einzelnen Betriebes ist in der Regel von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Es gilt in allgemeiner Formulierung: S S1 1 1 2 n 1 mq q (p ,p ,...,p ,r ,...,r ,T,Z,V) (3.1) mit S 1q = angebotene Menge des Gutes 1 p1 = Preis des Gutes 1 p2,...,pn = Preise aller Güter, die außer Gut 1 produziert werden können r1,...,rm = Preise der Produktionsfaktoren, die in der Produktion von Gut 1 verwendet werden T = Stand der Technologie Z = Zielsetzung V = Verhaltensweisen. 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung Eine Angebotskurve wird unter der Annahme abgeleitet, dass außer dem das Angebot bestimmenden Preis p1 alle anderen angebotsbestimmenden Faktoren unver- 14 Man spricht in der Ökonomie auch von ‚Vorhersagen‘, wenn man die Reaktion von Wirtschaftssubjekten auf Änderungen bestimmter ökonomischer Variablen meint. 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 81 ändert bleiben. Es gilt also die ceteris-paribus-Klausel. Daher können wir auch vereinfacht schreiben: S S1 1 1q q (p ) . (3.2) Im Normalfall erwartet man, dass die angebotene Menge mit steigenden Preisen steigt, die Angebotskurve also den Verlauf hat wie in Schaubild 3.1 gezeigt. q1 p1 S 1 1 q 0 p Schaubild 3.1: Normaler Verlauf der Angebotskurve Eine solche Angebotskurve gibt an, welche Menge ein einzelner Betrieb bei alternativen Preisen anbieten wird. Aus Sicht des Betriebes zeigt die Angebotskurve daher, welche angebotene Menge bei alternativen Preisen optimal ist. Will man Auskunft darüber erhalten, welche Menge ein einzelner Betrieb anbieten wird, so braucht man Informationen über die Zielsetzung des Anbieters und seine Verhaltensweise. Im Folgenden wird unterstellt, dass der betrachtete Betrieb die Zielsetzung verfolgt, seinen Gewinn zu maximieren. Damit soll nicht gesagt werden, dass tatsächlich die Mehrheit der Betriebe eine solche Zielsetzung hat; es soll lediglich exemplarisch gezeigt werden, dass zur Ableitung der Angebotskurve eine Hypothese über die Zielsetzung notwendig ist. Weiterhin muss eine Hypothese über die Verhaltensweise des Anbieters getroffen werden. Im Folgenden unterstellen wir, dass der Anbieter sich als Mengenanpasser verhält. Bei dieser Verhaltensweise geht der einzelne Anbieter davon aus, dass er auf den Marktpreis keinen Einfluss hat, der Marktpreis für ihn also ein Datum ist. Das bedeutet, dass die individuelle Preis-Absatzfunktion (d. h. die Nachfragekurve, der sich der einzelne Anbieter gegenübersieht) vollkommen elastisch verläuft. Eine solche vollkommen elastische Preis-Absatzfunktion kann für einen einzelnen Anbieter gelten, obwohl für die Gesamtheit der Anbieter eine geneigte Preis- Absatzfunktion (Nachfragekurve) die Regel sein wird. Dies folgt aus der Tatsache, dass der einzelne Anbieter oft nur einen sehr geringen Teil des gesamten Marktangebots produziert. Er kann daher davon ausgehen, dass er bei dem gegebenen Preis 82 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten p0 jede Menge, die er produziert, auch verkaufen kann, ohne dadurch den Marktpreis zu beeinflussen (s. Schaubild 3.2). p0 p qD Schaubild 3.2: Individuelle Preis-Absatzfunktion eines Mengenanpassers Lautet die Zielsetzung Gewinnmaximierung, so kann die Optimalbedingung, die unabhängig von der Verhaltensweise des Anbieters gilt, abgeleitet werden. Laut Definition gilt: G E K; (3.3) dabei ist: G = Gewinn E = Erlös K = Kosten. Es werden die Hypothesen eingeführt, dass Gewinn, Erlös und Kosten abhängig von der produzierten Menge sind: G G(q) (3.4) E E(q) (3.5) und K K(q). (3.6) Die Gleichung (3.3) ist eine Definitionsgleichung und die Gleichungen (3.4) bis (3.6) sind Funktionsgleichungen, die als Hypothesen eingebracht werden. Als weitere Hypothese soll gelten, dass der Gewinn maximiert wird: maxG G . Aus der Definitionsgleichung (3.3) erhält man in Verbindung mit den Gleichungen (3.4) bis (3.6) G(q) E(q) K(q). (3.7) 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 83 Eine notwendige Bedingung für die Maximierung des Gewinns liegt vor, wenn der Grenzgewinn gleich Null ist. Deshalb differenzieren wir die Gewinnfunktion nach der Ausbringungsmenge q und setzen das Ergebnis gleich Null. Wir erhalten: dG dE dK 0 dq dq dq (3.8) Grenzgewinn = Grenzerlös – Grenzkosten = 0 oder: Grenzerlös = Grenzkosten. Dabei gelten folgende Definitionen15: Grenzgewinn = Änderung des Gewinns bei Änderung der Ausbringungsmenge um eine Einheit Grenzerlös = Änderung des Erlöses bei Änderung der Ausbringungsmenge um eine Einheit Grenzkosten = Änderung der Kosten bei Änderung der Ausbringungsmenge um eine Einheit Die Begriffe Grenzerlös und Grenzkosten sollen durch ein Beispiel veranschaulicht werden: 1 kg Kraftfuttermehreinsatz führt in der Milchproduktion in einem weiten Bereich der Milchleistung je Kuh zu einer Änderung des Milchertrages je Kuh um 2 kg. Zur Erhöhung der Milchproduktion um 1 kg sind also 0,5 kg Kraftfutter zusätzlich notwendig. Bei einem Kraftfutterpreis von 0,25 € pro kg kann ein zusätzliches kg Milch mit einer Kostensteigerung von 0,125 € erzielt werden. Die Grenzkosten der Milchproduktion sind daher (wenn als variable Kosten nur der Kraftfutteraufwand betrachtet wird) gleich 0,125 €. Der Grenzerlös der Milchproduktion ergibt sich für den Landwirt aus der Höhe des Milchpreises. Gilt ein Milchpreis von 0,25 € pro kg, so wird sich bei der Erhöhung der Milchproduktion um 1 kg der Erlös um 0,25 € ändern. Wenn ein Landwirt kalkuliert, ob sich der Mehreinsatz des Kraftfutters in der Milchproduktion rentiert, dann ist die Erlösänderung als Folge der Ausdehnung der Produktion mit den zusätzlichen Kosten (Grenzkosten) zu vergleichen. Im betrachteten Fall betragen die Grenzkosten 0,075 €. Liegen die Grenzkosten unterhalb des Grenzerlöses, rentiert sich die Ausdehnung der Produktion. Betrachten wir jetzt wieder die Verhaltensweise des Mengenanpassers, für den die Preise gegeben sind. In diesem Fall ist der Grenzerlös stets dem Produktpreis gleich, denn es gilt: E p q. (3.9) Wegen der Hypothese ‚Mengenanpasser‘ ist p p dE p. dq (3.10) 15 Bei diesen Definitionen handelt es sich genau genommen um pragmatische Vereinfachungen: Statt der korrekten infinitesimalen Veränderungen der Ausbringungsmenge werden Änderungen um jeweils eine Einheit betrachtet. 84 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Berücksichtigen wir diese Verhaltensweise bei der oben angegebenen allgemeinen Formel für die Optimierung bei Gewinnmaximierung, so erhalten wir: dK p dq (3.11) Grenzkosten = Produktpreis. Will ein Betrieb bei gegebenem Preis seinen Gewinn maximieren, so hat er im Fall steigender Grenzkosten stets die Menge anzubieten, bei der die Grenzkosten gleich dem Marktpreis sind. Die Grenzkostenkurve gibt somit die funktionale Beziehung zwischen Preis und Angebotsmenge wieder und ist daher in einem bestimmten Bereich identisch mit der einzelbetrieblichen Angebotskurve. Grenzkosten gleich Preis ist zwar eine notwendige Bedingung für die Maximierung des Gewinns oder Minimierung des Verlustes, es ist aber noch keine ausreichende Bedingung. Der Betrieb sollte nur dann produzieren, wenn der Marktpreis zumindest die variablen Durchschnittskosten deckt. Variable Kosten sind die Kosten, die sich mit der Änderung der Produktionsmenge verändern. Im Schaubild 3.3 ist die variable Durchschnittskostenkurve eingezeichnet. Diese Kurve muss ihr Minimum im Schnittpunkt mit der Grenzkostenkurve haben, wenn die variablen Kosten mit steigender Produktionsmenge zunächst fallen und ab einer bestimmten Produktionsmenge steigen. Der vom Betrieb zu erzielende Preis muss mindestens so hoch sein wie die Grenzkosten im Schnittpunkt von variabler Durchschnittskostenkurve und Grenzkostenkurve. Bei einem Preis in dieser Höhe erzielt der Betrieb keinen positiven Deckungsbeitrag. Der Deckungsbeitrag errechnet sich aus der Differenz von Produktionsschwelle Gewinnschwelle p p0 Grenzkostenkurve Totale Durchschnittskostenkurve Variable Durchschnittskostenkurve E D C H G A B F S 1q S S 0 2q q Sq p1 Schaubild 3.3: Optimale Angebotsmenge eines Mengenanpassers bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 85 Erlösen und variablen Kosten. Werden lediglich die variablen Kosten durch den Preis gedeckt, dann könnte der Betrieb auch die Produktion einstellen. Dieser Preis, der dem Schnittpunkt von variabler Durchschnittskostenkurve und Grenzkostenkurve entspricht, wird als Produktionsschwelle bezeichnet. Ist der Preis höher als die variablen Durchschnittskosten erzielt der Betrieb einen positiven Deckungsbeitrag. Einen Gewinn erwirtschaftet der Betrieb aber erst dann, wenn der Preis die totalen Durchschnittskosten übersteigt. Mit der Gewinnschwelle bezeichnet man den Schnittpunkt von totaler Durchschnittskostenkurve und Grenzkostenkurve. Im Schaubild 3.3 haben wir einen steigenden Verlauf der Grenzkostenkurve und einen bestimmten Marktpreis p0 unterstellt. Entsprechend unserer obigen Gewinnmaximierungsbedingung sollte der Betrieb bei der gegebenen Grenzkostenkurve die Menge S0q produzieren und anbieten. Im Folgenden wird gezeigt, dass diese Menge tatsächlich ein Gewinnmaximum darstellt. Um diesen Beweis zu erbringen, zeigen wir, dass sowohl eine geringere Menge S1q als auch eine höhere Menge S 2q einen geringeren Gewinn erzielen. Produziert der Betrieb S1q anstelle von S 0q , so geht sein Erlös um die Fläche ABCD zurück; gleichzeitig sinken seine Kosten um die Fläche ABCE. Folglich sinkt der Gewinn oder besser der Deckungsbeitrag16 des Betriebes um die Fläche DCE. Erhöht der Betrieb die Produktion von S0q auf S 2q , so steigen die Kosten um die Fläche BFGC und der Erlös um die Fläche BFHC. Folglich sinkt der Deckungsbeitrag um die Fläche CHG. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass der Betrieb bei einer Ausdehnung der Produktion über die Menge S0q hinaus keinen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaftet. Durch die Steigerung der Produktion über das Optimum hinaus wird der positive Deckungsbeitrag lediglich um die Fläche CHG reduziert. Aus dieser Betrachtung folgt u. a., dass man nicht aus den Buchführungsergebnissen ablesen kann, ob sich ein Betrieb im Optimum befindet. Aus den Buchführungsergebnissen kann man lediglich ablesen, ob ein Betrieb Gewinne oder Verluste erwirtschaftet. Erzielt der Betrieb Gewinne, so können diese aber dennoch kleiner sein als sie es bei einer optimalen Produktionsmenge wären. Da wir im Schaubild 3.3 gezeigt haben, dass jede geringere, ebenso wie jede höhere Produktionsmenge als S0q zu einem niedrigeren Deckungsbeitrag führt, ist damit der Beweis erbracht, dass die Menge S0q gewinnmaximal ist. Würde der Marktpreis unterhalb von p1 liegen, würde der Betrieb die Produktion einstellen. Diese Aussage ‚Grenzkosten = Preis‘ gilt allerdings nur für den Fall einer steigenden Grenzkostenkurve. Es ist durchaus denkbar, dass in weiten Bereichen der Produktion die Grenzkosten einen konstanten Verlauf aufweisen. Die Kostenkurve kann z. B. für einzelne Produktionsprozesse einen linearen Verlauf aufweisen, wie im folgenden Schaubild 3.4 dargestellt. In diesem Fall ergeben sich die Gesamtkosten aus den unveränderlichen Fixkosten und den linear ansteigenden variablen 16 Während der Deckungsbeitrag stets größer ist als der Gewinn, da normalerweise neben variablen auch fixe Kosten in der Produktion entstehen, ist die Änderung des Deckungsbeitrags als Folge von Änderungen der Produktionsmenge gleich der Änderung des Gewinns (siehe auch Fußnote 17). 86 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten q0 K q Fixe Kosten Variable Kosten Schaubild 3.4: Linearer Verlauf der Gesamtkostenfunktion Kosten. Bei solchen Kostenverläufen sind die Grenzkosten unabhängig von der Produktionsmenge stets gleich hoch. Sind die Grenzkosten über den gesamten Bereich der Produktion konstant und liegt der Produktpreis oberhalb der Grenzkosten, so wird der Betrieb – falls er die Produktion des betrachteten Produkts beibehält – stets an der Kapazitätsgrenze qmax produzieren (Schaubild 3.5) und damit einen maximalen Deckungsbeitrag in Höhe der schraffierten Fläche erzielen. In einem solchen Fall bleibt also das betriebliche Angebot bei Preisvariationen, die oberhalb der Grenzkosten liegen, konstant. Bleibt der Deckungsbeitrag nach einer Preissenkung groß genug, um auch die fixen Kosten zu decken, so wird der Betrieb weiterhin an der Kapazitätsgrenze produzieren. Können durch den gesunkenen Deckungsbeitrag die fixen Kosten nicht ausreichend entlohnt werden, so wird der Betrieb zumindest langfristig die Produktion einstellen. qmax q p GK, p Grenzkostenkurve Preisgerade Deckungsbeitrag Schaubild 3.5: Einzelbetriebliches Angebot bei konstanten Grenzkosten 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 87 Von besonderem Interesse ist nun die Frage, ob bei solch einem waagerechten Verlauf der betrieblichen Grenzkostenkurve auch zu erwarten ist, dass sich das Marktangebot bei Preisvariationen kurzfristig nicht verändert. Einzelbetriebliches Angebot und Marktangebot Das Marktangebot kann ermittelt werden, indem die betrieblichen Angebotskurven der einzelnen Unternehmer bei alternativen Preisen addiert werden, wie das z. B. im Schaubild 3.6 und Schaubild 3.7 dargestellt ist. p p qS qS qS Betrieb 1 Angebotsfunktion Betrieb 2 Angebotsfunktion Marktangebot p u 2p u 1p Schaubild 3.6: Einzelbetriebliches Angebot und Marktangebot bei steigenden Grenzkosten Liegt der Marktpreis zwischen u u1 2p und p , dann besteht das Marktangebot nur aus dem Angebot des Betriebes 1, das Marktangebot ist daher mit der betrieblichen Angebotskurve des Betriebes 1 identisch. Ab der Preishöhe u2p tritt auch der Betrieb 2 als Anbieter auf dem Markt auf. Bei allen Preisen, die oberhalb von u2p liegen, müssen also das Angebot des Betriebes 1 und das Angebot des Betriebes 2 addiert werden, um das Marktangebot zu erhalten. Im Normalfall steigt daher bei steigenden individuellen Angebotskurven das Marktangebot ebenfalls mit steigenden Preisen. Im Folgenden ist nun die Frage zu klären, wie bei unverändertem einzelbetrieblichen Angebot, d. h. bei konstanten einzelbetrieblichen Grenzkosten, die aggregierte Angebotskurve bei Preisvariationen verlaufen wird. Als Regelfall nehmen wir an, dass für jeden Betrieb zwar die Grenzkosten über den gesamten Produktionsbereich konstant sein können, diese aber dennoch für einzelne Betriebe unterschiedlich hoch sind. In der Milchproduktion kann das z. B. daran liegen, dass die Milchleistung pro Kuh je nach Rasse unterschiedlich sein kann. Wenn aber die Grenzkosten für einzelne Betriebe zwar konstant, aber unterschiedlich hoch sind, dann bewirkt eine Marktpreisvariation, dass eine unterschiedliche Zahl von Betrieben das betrachtete Produkt erstellt und zum Marktangebot beiträgt. Wir können daher auch in diesem Fall erwarten, dass die Marktangebotskurve einen steigenden Verlauf aufweist. Dieser Sachverhalt ist im Schaubild 3.7 dargestellt. Auch hier gilt, dass bei einem Preis zwischen u u1 2p und p lediglich der Betrieb 1 als Anbieter auf dem Markt auftreten wird. Liegt der Marktpreis oberhalb von u2p , so wird auch Betrieb 2 auf dem Markt anbieten. Die Marktangebotskurve hat also 88 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Betrieb 1 Angebotsfunktion Betrieb 2 Angebotsfunktion Marktangebot p p qmax 1 qmax 2 qmax 1 qmax 2qS 1 2 p qS qS u 2p u 1p Schaubild 3.7: Einzelbetriebliches Angebot und Marktangebot bei konstanten Grenzkosten einen treppenförmigen Verlauf. Bei einer Vielzahl von Betrieben mit relativ kleinen Unterschieden in den Grenzkosten von Betrieb zu Betrieb wird die Marktangebotskurve annähernd kontinuierlich verlaufen. Wir können die bisherigen Überlegungen also dahingehend zusammenfassen, dass im Regelfall die Marktangebotskurve einen steigenden Verlauf aufweisen wird. Diese Hypothese haben wir aus der Zielsetzung Gewinnmaximierung und der Verhaltensweise als Mengenanpasser deduktiv abgeleitet. Es stellt sich die Frage, ob selbst bei rationalem Verhalten und der Zielsetzung Gewinnmaximierung als Sonderfall auch ein anomaler Verlauf der Angebotskurve auftreten kann. Man spricht in diesem Fall vom inversen Angebotsverhalten der Landwirte. Inverses Angebotsverhalten der Landwirte In diesem Fall hat die Angebotskurve einen Verlauf wie z. B. in Schaubild 3.8 dargestellt. Die These von der inversen Angebotsreaktion unterstellt, dass bei sinkenden Produktpreisen (im Schaubild 3.8 z. B. von p0 auf p1) die angebotene Menge nicht sinkt, wie beim normalen Verlauf der Angebotskurve, sondern steigt (in unserem Schaubild von S S0 1q auf q ). Bei der Analyse der These über die inverse Angebotsreaktion wird zunächst die Wirkung der Preisvariation eines einzelnen Agrargutes auf die Produktionsmenge dieses Gutes untersucht. Inverse Angebotsreaktion von Mehrproduktbetrieben bei Einzelpreissenkungen In der Regel wird ein landwirtschaftlicher Betrieb nicht nur ein Agrargut produzieren, sondern eine Vielzahl von Gütern. Es ergibt sich daher die Frage, wie viel Mengeneinheiten von jedem Produkt produziert werden sollen. Kann die Produktionsmenge der einzelnen erzeugten Produktarten variiert werden, ohne dass hierdurch die Produktionsmenge anderer Produkte beeinflusst wird, spricht man von unverbundener Produktion (paralleler Produktion). Das gilt z. B. weitgehend für die bodenunabhängige Veredelungsproduktion (Schweine, Geflügel). 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 89 p p0 p1 SqS1q S 0q Schaubild 3.8: Anomaler Verlauf der Angebotskurve In einem solchen Fall gelten für die optimale Produktionsmenge die für ein Einproduktunternehmen abgeleiteten Bedingungen. In der landwirtschaftlichen Produktion liegt jedoch weitgehend eine verbundene Produktion vor. Entweder können bestimmte Produkte in einem weitgehend fest vorgegebenen Mengenverhältnis anfallen (z. B. Milch und Fleisch, Eier und Suppenhühnerfleisch, Wolle und Schaffleisch) oder die Produkte beanspruchen gemeinsam begrenzt verfügbare Produktionsfaktoren (z. B. Boden, Arbeit). Im ersten Fall spricht man von Koppelproduktion (auch Kuppelproduktion), im zweiten Fall von konkurrierender oder alternativer Produktion. Da in der landwirtschaftlichen Erzeugung die alternative Produktion vorherrschend ist, soll für diesen Fall das Problem des inversen Angebotsverhaltens dargestellt werden. Zunächst wird angenommen, dass der Betrieb in der Ausgangssituation mit bester Technologie produziert und seinen Gewinn maximiert und auch weiterhin maximieren will. In dem betrachteten Betrieb gibt es demnach keine Effizienzreserven. Bei gegebenem Faktoreinsatz wird so viel wie maximal möglich produziert, und die gegebene Produktionsmenge wird zu minimalen Kosten erstellt. Die Möglichkeiten, die ein einzelner Betrieb im Fall alternativer Produktion hat, lassen sich im Zwei-Produkt-Fall mit Hilfe der Produktionsmöglichkeiten- bzw. Transformationskurve aufzeigen. Eine solche Kurve ist im Schaubild 3.9 dargestellt. Die Transformationskurve gibt an, welche Güterkombinationen der Betrieb bei gegebenem Stand der Technik und gegebener Ausstattung mit den begrenzenden Produktionsfaktoren (z. B. Boden) maximal produzieren kann. Er wird bei gegebenen Produktpreisen die Güterkombination produzieren, die bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung einen maximalen Gewinn erwirtschaftet. Dies wird dort sein, wo die Isoerlöskurve (I0), die die Preisrelationen angibt, die 90 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Transformationskurve (Produktionsmöglichkeitenkurve) tangiert17. Nehmen wir an, dies sei im Punkt Q0 der Fall. Sinkt der Preis des Gutes 1, dann wird für jede Produktionsmenge von Gut 1 ein geringerer Gewinn erzielt. Generell gilt, dass die Preissenkung für das Gut 1 dazu führt, dass sich die relative Vorzüglichkeit der Produktion von Gut 1 verringert und die von Gut 2 erhöht. Folglich wird die neue Isoerlöskurve (I1) die Transformationskurve in einem Punkt berühren (Q1), bei dem mehr von Gut 2 und weniger von Gut 1 produziert wird. Aus dieser Überlegung können wir die Folgerung ziehen: Bestehen für einen landwirtschaftlichen Betrieb alternative Produktionsmöglichkeiten, so wird die Preissenkung eines Gutes bei Rationalverhalten dazu führen, dass die produzierten Mengen der im Preis unveränderten Güter zu Lasten des Gutes mit gesunkenem Preis ausgedehnt werden. Da in der Regel eine alternative Produktion im landwirtschaftlichen Betrieb möglich ist, können wir erwarten, dass Einzelpreissenkungen nicht zu einer Ausdehnung, sondern zu einer Einschränkung der Produktionsmenge dieses Gutes führen werden. Sinkt z. B. der Milchpreis, so werden die Landwirte bei Rationalverhalten nicht versuchen, die Milchproduktion zu steigern, sondern stattdessen eine Alternativproduktion, z. B. die Schweineproduktion, ausdehnen. In der Tat zeigen auch einzelbetriebliche Kalkulationen, dass eine Milchpreissenkung bei einem einzelnen Betrieb zu einer Erhöhung der Schweineproduktion führen wird. Preissenkungen für einzelne Produkte können kurzfristig aber auch zu einer Produktionssteigerung des betrachteten Produktes führen, wenn der Betrieb in der Ausgangssituation nicht mit bester Technologie produziert hat. Technische Fort- 17 Für die Definition der Transformationskurve gilt K = K(q1,q2) mit K = Kosten, und q1, q2 = produzierte Gütermenge von Gut 1 und Gut 2. Für die Kostenänderung gilt: 1 21 2 K K dK dq dq . q q Da für Bewegungen auf der Transformationskurve die Kostenänderung (d. h. dK) Null ist, folgt: 1 2 1 2 K q dq . K dq q Die Grenzrate der Transformation ist demnach gleich der umgekehrten Relation der Grenzkosten der Güter. Im Tangentialpunkt mit der Geraden, die die Preisrelationen angibt, gilt daher: 1 1 2 2 K q p . K p q Der Tangentialpunkt gibt somit ein Gewinnmaximum an; für die Produktion eines jeden Gutes gilt dann, dass die Grenzkosten gleich dem Preis sind. 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 91 q2 q21 q20 Q1 Q0 q11 q10 q1 I1 I0 Transformationskurve Isoerlöskurven Schaubild 3.9: Änderung der Produktionsstruktur als Folge einer Einzelpreisvariation schritte werden bekanntlich als Folge von Druck- und Anreizmechanismen eingeführt. Preissenkungen werden verstärkt Druck auf die Betriebe ausüben. Es kann daher sein, dass einzelne Betriebe erst durch die Preissenkung veranlasst werden, zu kostensenkenden und angebotssteigernden Technologien überzugehen. Allerdings wird dieser Effekt nicht unbegrenzt auftreten können, sondern nur bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die bekannten Technologien voll ausgeschöpft sind. Bei weiteren Preissenkungen würde dann wieder mit einem Rückgang des Angebots zu rechnen sein. Inverse Angebotsreaktionen bei Senkung des Agrarpreisniveaus Im Folgenden soll gezeigt werden, dass es kurzfristig durchaus mit Rationalverhalten vereinbar sein kann, wenn der einzelne Betrieb auf Preissenkung für alle Agrarprodukte mit einer Erhöhung des Angebots reagiert, selbst wenn in der Ausgangssituation mit bester Technologie produziert wird. Im Schaubild 3.10 wird angenommen, dass der landwirtschaftliche Unternehmer die Möglichkeit hat, die Höhe seines Einkommens durch die Höhe seines Arbeitseinsatzes festzulegen. Würde er zum Beispiel überhaupt nicht arbeiten, also eine maximal mögliche Freizeit – wir unterstellen 16 Stunden – realisieren, so wäre sein Einkommen Null. Je geringer seine Freizeit ist, umso länger ist demnach seine Arbeitszeit und umso höher wird sein Einkommen sein. Folglich gibt es eine Transformationskurve, die angibt, welche Möglichkeiten dem landwirtschaftlichen Unternehmer offen stehen, Freizeit und Einkommen zu kombinieren. Von diesen technisch möglichen Kombinationspunkten wird der Haushalt diejenige Kombination wählen, die ihm den höchsten Nutzen stiftet. Wenn wir annehmen können, dass der Nutzen des Haushalts nicht nur vom Einkommen, sondern auch von der Freizeit abhängt, können wir weiterhin unterstellen, dass es eine Vielzahl von Indifferenzkurven gibt, die unterschiedliche Kombinationen von Einkommen und Freizeit bei gleicher Nutzenstiftung für den Haushalt angeben. Aus der Theorie 92 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten des Haushalts wissen wir, dass der Kombinationspunkt zwischen Freizeit und Einkommen verwirklicht werden muss, bei dem eine Indifferenzkurve die Transformationskurve gerade tangiert. In Schaubild 3.10 ist dieses der Punkt P0. Bei diesem Gleichgewicht würde der Haushalt also Freizeit F0 genießen, d. h. seine Arbeitszeit würde 16-F0 betragen; sein Einkommen wäre dann Y0. Eine Preissenkung bei den erstellten Produkten führt nun dazu, dass die Transformationskurve sich um den Schnittpunkt der Abszisse nach unten dreht. Im Schaubild 3.10 wird unterstellt, dass sich die Transformationskurve nach T1 verlagert. Offensichtlich ist es dann dem Haushalt nicht mehr möglich, den Punkt P0 zu verwirklichen. Aufgrund dieser neuen objektiven Tatsache wird der Haushalt sich bemühen, einen neuen Gleichgewichtspunkt zu finden. Das wird wiederum der Punkt sein, bei dem die neue Transformationskurve T1 eine Indifferenzkurve tangiert. In Schaubild 3.10 ergibt das den Punkt P1. Beim Kombinationspunkt P1 ist die Freizeit von F0 auf F1 gesunken. Die Einkommenssenkung ist aber niedriger als bei unveränderter Freizeit F0. Der Haushalt hat also aufgrund der Preissenkung Freizeit gegen Einkommen substituiert, um seinen Nutzen zu maximieren. Er ist dem Preisdruck durch Anpassung etwas ausgewichen; die Nutzenminderung als Folge des Preisdrucks ist damit nicht so hoch, wie sie ohne Anpassung wäre. Wenn wir unterstellen, dass die Produktionsmenge vom Arbeitseinsatz abhängig ist (siehe den unteren Teil von Schaubild 3.10), dann führt die Preissenkung über einen erhöhten Arbeitseinsatz zu einer höheren Produktionsmenge. Daraus folgt: Bei sinkenden Preisen steigt die Angebotsmenge. Steigendes Angebot bei sinkenden Preisen kann jedoch nur kurzfristig mit Rationalverhalten vereinbar sein. Bei einer längerfristigen Betrachtung muss bedacht werden, dass der Faktoreinsatz aller variablen Faktoren als Folge der Preissenkung zurückgehen muss. In Kapitel 2.5, Gleichung (2.58), wurde gezeigt, dass die Faktoreinsatzmenge gewinnmaximal ist, bei der die Wertgrenzproduktivität mit dem Faktorpreis identisch ist. Wenn nun die Produktpreise sinken, so führt das gleichzeitig dazu, dass die Wertgrenzproduktivität der Faktoren sich verringert, d. h. die Faktornachfragekurven werden sich gegen ihren Ursprung verlagern. Als Folge davon ist eine geringere Faktoreinsatzmenge gewinnmaximal. Wenn aber bei Rationalverhalten der Einsatz aller anderen Faktoren außer Arbeit als Folge einer Preissenkung bei fallenden Grenzproduktivitäten eingeschränkt werden muss, folgt daraus, dass durch den verringerten Einsatz dieser Faktoren gleichzeitig angebotsmindernde Wirkungen auftreten. Dieser verringerte Einsatz anderer Faktoren kann auch nicht bzw. nur in sehr geringem Maße durch verstärkten Arbeitseinsatz ausgeglichen werden, da bei bestehender Technologie sich die Faktoren überwiegend komplementär verhalten. Hierdurch wird also dem Effekt, der von einer erhöhten Arbeitseinsatzmenge bei sinkenden Produktpreisen ausgeht, entgegengewirkt. Bei längerfristiger Betrachtung ist weiterhin zu bedenken, dass der Arbeitseinsatz als Folge einer Produktpreissenkung wahrscheinlich im landwirtschaftlichen Sektor – allerdings nicht unbedingt auch in jedem einzelnen Betrieb – eingeschränkt wird, weil (a) Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft als Folge der Einkommensver- 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 93 Freizeit (h) Arbeitszeit Einkommen Output Arbeitszeit A1 A0 q1 q0 16 P0 P1 T0 T1 Y0 Y1 F0F1 Indifferenzkurven Schaubild 3.10: Zeitaufteilung in Abhängigkeit von der Höhe des Agrarpreisniveaus minderung in andere Sektoren abwandern werden und (b) die aus der Landwirtschaft als Folge von Erwerbsunfähigkeit Ausscheidenden in abnehmendem Maße durch Neuzugänge ersetzt werden. So muss insgesamt bei sinkenden Preisen ein normaler Verlauf einer Angebotskurve erwartet werden. Kurz- und mittelfristig kann das sektorale Angebot bei Senkung des Agrarpreisniveaus auch steigen, weil zum einen einzelne Betriebe, die vorher nicht alle technischen Möglichkeiten der Kostensenkung und Produktionssteigerung ausgeschöpft hatten, durch die Preissenkung zur beschleunigten Einführung neuer Technologien angeregt werden, und zum anderen eine Verdrängung weniger effizienter durch effizientere Betriebe zu einer Produktionssteigerung führen kann. Spezielle Reaktion landwirtschaftlicher Betriebe auf Einzelpreisvariationen in Abhängigkeit von der Fristigkeit und Änderungsrichtung der Preise Es ist zu erwarten, dass ein Betrieb auf Preiserhöhungen anders reagiert als auf Preissenkungen; außerdem werden in Abhängigkeit von der Variabilität der Fakto- 94 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten ren unterschiedliche Angebotsreaktionen zu erwarten sein. Wir differenzieren daher zwischen der kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Angebotsreaktion. Mit der Klassifizierung nach der Fristigkeit wird aber nicht eine gegebene Zeitspanne bezeichnet, sondern lediglich eine unterschiedliche Variabilität der Faktoren unterstellt. Eine kurzfristige Reaktion beinhaltet daher, dass ein großer Teil der Faktoren als fix angenommen wird. Bei einer langfristigen Reaktion sind dagegen alle Faktoren variabel. Wann für einzelne Betriebe eine langfristige Reaktion einsetzt, hängt demnach von den betrieblichen Gegebenheiten ab. Wird z. B. der Bau eines Stalles geplant, so gehen die entstehenden Kosten in die variablen Kosten ein; wurde der Stall dagegen erst kürzlich fertig gestellt und bestehen keine alternativen Verwendungen, so werden die Kosten des Stallbaus nicht in die Kostenkalkulation für die laufende Produktion aufgenommen; eine langfristige Reaktion wird dort demnach erst nach mehreren Jahren einsetzen. Der Sachverhalt unterschiedlicher Angebotsreaktionen ist im Schaubild 3.11 dargestellt. kurzfristig mittelfristig langfristig p1 p0 p qSS 0q Schaubild 3.11: Angebotskurven in Abhängigkeit von der Fristigkeit Kurzfristig wird der Betrieb sein Angebot nicht durch eine Erhöhung der Produktionsmenge steigern können, weil er auf den Produktionsprozess keinen Einfluss mehr nehmen kann. Erhöhen sich z. B. die Getreidepreise kurz vor der Ernte, dann wird der landwirtschaftliche Betrieb die Produktionsmenge nicht mehr beeinflussen können; dennoch kann aber das Marktangebot möglicherweise erhöht werden, wenn die innerbetriebliche Verwendung des Produktes verringert wird. Eine Erhöhung des Preises für Futterweizen kann im landwirtschaftlichen Betrieb z. B. dazu führen, dass an Stelle des Futterweizens der relativ billigere Mais im eigenen Betrieb verfüttert wird und dass dadurch das Marktangebot des Betriebes von Weizen steigt; die Angebotskurve ist daher nicht völlig unelastisch. Mittelfristig kann der Betrieb auf eine Erhöhung der Produktpreise durch eine Erhöhung der speziellen Intensität reagieren. Er kann z. B. bei gegebener Anbaufläche von Weizen durch eine erhöhte Düngergabe und verbesserte Pflanzenpflege- 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung 95 und Pflanzenschutzmaßnahmen zu einer Steigerung der Flächenerträge beitragen und damit das Marktangebot steigern. Rechnet der Betrieb langfristig mit einem höheren Produktpreis, so wird er sich dem erhöhten Preis durch eine Änderung der Produktionsrichtung und/oder Änderung der Produktionskapazität anpassen. Er wird z. B. bei einer Erhöhung des Weizenpreises die Fruchtfolge ändern, um mehr Flächen mit Weizen anbauen zu können. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der landwirtschaftliche Betrieb mittelfristig stärker als kurzfristig und langfristig stärker als mittelfristig auf Preisanhebungen einzelner Produkte reagieren wird. Sinken die Produktpreise, so wird in der Regel der Betrieb kurz- und mittelfristig nicht die gleichen Möglichkeiten zur Anpassung der Produktion haben wie bei einer Produktpreissteigerung. Wir sprechen in diesem Fall von einer irreversiblen Angebotsreaktion der Landwirte. Der Sachverhalt ist im folgenden Schaubild 3.12 dargestellt. p qS p0 p1 langfristig mittelfristig kurzfristig Schaubild 3.12: Irreversible Angebotsreaktion bei einer Produktpreissenkung Bei einer Preissenkung knickt die Angebotskurve bei kurzfristiger Betrachtung nach unten ab; einige Faktoren, die bei einer Preisanhebung als variable Inputs erscheinen, erweisen sich bei einer Preissenkung als fix. Hat z. B. ein landwirtschaftlicher Betrieb vor wenigen Jahren einen neuen Kuhstall gebaut, so wird sich bei einer Milchpreissenkung die Angebotsmenge wenig verändern. In die Kostenkalkulation geht in diesem Fall der Stallbau nicht mit seinen Anschaffungskosten ein, sondern mit seinen Opportunitätskosten. Der landwirtschaftliche Betriebsinhaber hat zu fragen, ob er für den Kuhstall eine alternative Verwendung außerhalb der Milchproduktion hat. Ist dieses nicht der Fall, so sind die Kosten für den Stall in der Milchproduktion nur in Höhe der Unterhaltungskosten zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Stalles anzusetzen. Langfristig wird allerdings die Angebotsreaktion der Landwirte auf Preissenkungen ähnlich sein wie auf Preiserhöhungen, da langfristig alle Produktionsfaktoren variabel sind. 96 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten 3.3 Elastizitätsanalyse Informationen über die Intensität der Angebotsreaktion auf Preisänderungen gibt die Angebotselastizität (Preiselastizität des Angebots). Die Angebotselastizität gibt an, um wie viel Prozent sich die angebotene Menge ändert, wenn sich der Produktpreis um 1 % verändert: S S S dq q . dp p (3.12) Die grafische Ermittlung der Angebotselastizität wird im folgenden Schaubild 3.13 für einen bestimmten Punkt einer Angebotskurve dargestellt. Q B α p0 O A qS p S 0q p0 Schaubild 3.13: Grafische Ableitung der Preiselastizität des Angebots Im Schaubild 3.13 wird für den Punkt Q die Größe der Angebotselastizität gesucht. Ausgehend von der Definitionsformel für die Elastizität kann auch geschrieben werden: S S 0 S 0 pdq . dp q (3.13) Aus Schaubild 3.13 kann man ablesen, dass der Differentialquotient dqS/dp gleich ist dem Tangens des Winkels α. Wir können daher für diesen Differentialquotienten auch schreiben: Sdq OA dp BQ (3.14) 3.3 Elastizitätsanalyse 97 und für 0 S 0 p AQ . q OA Werden diese Ausdrücke in die Definitionsformel eingesetzt, so erhält man S OA AQ AQ . BQ OA BQ (3.15) Im betrachteten Punkt Q ist demnach die Angebotselastizität größer als Eins. Grundsätzlich gilt: Schneidet die Tangente, welche die Angebotskurve in dem Punkt berührt, für den die Elastizität ermittelt werden soll, die Ordinate im positiven Teil, so ist die Preiselastizität des Angebots größer als Eins. Wird die Ordinate im negativen Bereich geschnitten, so ist die Elastizität kleiner als Eins. Die Elastizität ist Eins, wenn die Tangente durch den Ursprung verläuft. Daraus folgt gleichzeitig, dass alle linearen Angebotskurven, die durch den Ursprung verlaufen, unabhängig von ihrer Neigung in allen Punkten die Angebotselastizität Eins haben, also isoelastisch sind (s. Schaubild 3.14). p qS Schaubild 3.14: Isoelastische Angebotskurve mit εS = 1 Bestimmungsgründe der Angebotselastizitäten bei Agrarprodukten Die Bestimmungsgründe der Angebotselastizität lassen sich am besten aufzeigen, wenn mit dem Entscheidungsproblem eines einzelnen Betriebes begonnen wird. Das Problem soll daher mit Hilfe von Schaubild 3.15 für den Fall alternativer Produktion strukturiert werden. Im Schaubild 3.15 wird unterstellt, dass der landwirtschaftliche Betrieb bei gegebener Preis-Kosten-Situation eine bestimmte Produktionskapazität verwirklicht. Diese ermöglicht es ihm, alle Kombinationen der Produkte q1 und q2 zu produzieren, die auf der Transformationskurve T0 liegen. Es wird unterstellt, dass der Betrieb die Produktkombination wählen wird, bei der der Gewinn bzw. der Deckungs- 98 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten q2 q22 q21 q20 q12 q11 q10 q1 Isoerlöskurve bei p10 und p20 Isoerlöskurven bei p11 und p20 p11< p10 T0 T1 P0 P2 P1 Schaubild 3.15: Angebotsreaktion bei einer partiellen Produktpreissenkung beitrag maximiert ist18. Es soll angenommen werden, dass bei langfristiger Planung alle Faktoren als variabel betrachtet werden können. Daher ist in einer solchen Situation der Deckungsbeitrag identisch mit dem Gewinn. Strebt der Betrieb Gewinnmaximierung an, so wird er den Kombinationspunkt wählen, der einen Tangentialpunkt von Transformationskurve und einer Isoerlöskurve darstellt. Es gibt eine Vielzahl von Isoerlöskurven bei gegebenen Produktpreisrelationen. Ändern sich die Preisrelationen, so gibt es eine neue Schar von Isoerlöskurven. Dieser Sachverhalt ist im Schaubild 3.15 mit den beiden Isoerlöskurven in der Nähe des Ursprungs dargestellt. Es wird angenommen, dass in der Ausgangsituation P0 realisiert wird. Somit produziert der Betrieb bei gegebenen Preis-Kostenverhältnissen die Mengen q10 und q20. Im Folgenden wird nun angenommen, dass der Preis des Gutes q1 sinkt. Als unmittelbare Folge der Preissenkung von q1 verändert sich für den Betrieb uno actu die 18 Die Definitionsgleichung für den Deckungsbeitrag (DB) lautet: DB = p1q1 + p2q2 – K1(q1) – K2(q2) mit K1(q1) = variable Kosten, die durch die Produktion des Gutes 1 entstehen und K2(q2) = variable Kosten, die durch die Produktion des Gutes 2 entstehen. Die Definitionsgleichung für den Gewinn lautet dagegen: G = p1q1 + p2q2 – K1(q1) – K2(q2) – Kf mit Kf = fixe Kosten, d. h. von der Produktion unabhängige Kosten. Die Änderung des Deckungsbeitrags und des Gewinns als Folge von Produktionsmengenvariationen ist 1 2 1 2 1 1 1 2 2 2 K KDB G DB G p und p . q q q q q q 3.3 Elastizitätsanalyse 99 Gewinn- und Deckungsbeitragssituation. Doch sinken Gewinn und Deckungsbeitrag nicht nur insgesamt, es verändert sich auch die relative Vorzüglichkeit der Produktion der beiden Produkte. Es ist nun eine größere Menge von q1 zu produzieren, um den gleichen Erlös wie vor der Preissenkung für Gut q1 zu erzielen. Der Betrieb wird daher auf der Transformationskurve einen neuen Tangentialpunkt verwirklichen (im Schaubild 3.15 P1). Es werden mehr variable Faktoren in der Produktion von q2 eingesetzt. Die Produktion von q2 steigt und die von q1 sinkt. Da mittel- und langfristig ein Teil der in der Produktion von q1 eingesetzten fixen Faktoren variabel wird, verändert sich der Verlauf der Transformationskurve. Die Produktion von Gut q2 kann verstärkt zu Lasten der Produktion von Gut q1 ausgedehnt werden. Da der Unternehmer aber als Folge der Preissenkung von Gut q1 nicht mehr alle Faktoren so hoch entlohnen kann wie vor der Preissenkung, wird ein Teil der Faktoren aus der landwirtschaftlichen Produktion abgezogen. Es ergibt sich daher eine neue Transformationskurve, die näher am Koordinatenursprung liegt und schwächer gekrümmt ist. Beide Effekte führen zu einer weiteren Einschränkung der Produktion von Gut q1 und einer weiteren Ausdehnung der Produktion von Gut q2. Aufgrund dieser Vorüberlegungen ist es möglich, im Einzelnen die Bestimmungsgründe der Höhe der Angebotselastizität bei Preisvariationen anzugeben: (1) Die Bedeutung von Produktpreisvariationen für die Höhe des Deckungsbeitrags und Gewinns: Produktpreisvariationen haben eine doppelte Wirkung. Zum einen verändern sie die Neigung der Isoerlöskurve, die die Preisrelation angibt, und die Neigung der Transformationskurve. Zum anderen führen sie zu einer Verlagerung der Transformationskurve und zwar bei einer Preissenkung gegen den Ursprung und bei einer Preissteigerung vom Ursprung weg. Eine Preisänderung wird daher bei gegebenen innerbetrieblichen Substitutionsmöglichkeiten und Möglichkeiten der Kapazitätsänderung umso weniger zu einer Produktionsänderung führen, je kleiner die Änderung des Gewinns oder Deckungsbeitrags ist. Daraus ergeben sich folgende Verallgemeinerungen: (a) Eine 1%ige Preisänderung eines Produkts, das in enger Verbindung mit anderen Produkten erstellt wird (Koppelproduktion), wird eine geringere Produktions- änderung nach sich ziehen als eine 1%ige Preisänderung eines Produkts, dessen Produktion partiell variiert werden kann. Eine Produktionsänderung wird bei einem Produkt umso weniger eintreten, je höher der Deckungsbeitrag des Koppelprodukts ist. Daraus folgt z. B., dass die Angebotselastizität von Milch auch eine Funktion von der Höhe des Rindfleisch- und Kälberpreises ist. Bei einem hohen Kalb- und Rindfleischpreis sind die Erlöse dieses Koppelprodukts der Milchproduktion vergleichsweise hoch. Eine Milchpreissenkung wird dann zu einer kleineren Reduzierung des Milchangebots führen als bei einem niedrigen Kalb- und Rindfleischpreis. (b) Betriebe mit einer Vielzahl von Produktionszweigen werden in der Regel weniger stark auf Einzelpreisvariationen reagieren; in diesem Fall wird der Deckungsbeitrag des Betriebs durch eine Einzelpreisänderung nicht so sehr verändert wie bei stark spezialisierten Betrieben. 100 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten (c) Ein Unterschied zwischen kurz-, mittel- und langfristiger Angebotselastizität wird ceteris paribus vom Fixkostenanteil an den Gesamtkosten bestimmt. Der Fixkostenanteil bestimmt die Unterschiede in der Veränderung der Neigung der Transformationskurve und das Ausmaß der Verlagerung der Transformationskurve. (2) Die Bedeutung innerbetrieblicher Substitutionsmöglichkeiten: Innerbetriebliche Substitutionsmöglichkeiten charakterisieren den Verlauf der Transformationskurve. Sie zeigen an, in welchem Ausmaß der Rückgang der Produktion des einen Gutes durch eine Steigerung der Produktion des anderen Gutes erhöht werden kann. Je größer die Substitutionsmöglichkeiten sind, umso flacher verläuft die Transformationskurve und je geringer die Substitutionsmöglichkeit, umso stärker ist diese gekrümmt. Untersucht man die landwirtschaftliche Produktion im Hinblick auf innerbetriebliche Substitutionsmöglichkeiten, so erscheint es zweckmäßig, eine Unterscheidung in Ackerbaufrüchte und tierische Produkte vorzunehmen. Bei den Ackerbaufrüchten ist insbesondere wegen des gemeinsam genutzten Produktionsfaktors Boden eine weitgehende Substitution möglich. Die Substitution eines bestimmten Produkts bei Einzelpreisvariationen wird umso größer sein, je mehr Ackerfrüchte mit ähnlichen Ansprüchen an gemeinsam genutzte Produktionsmittel angebaut werden und je größer die Anbaufläche anderer Ackerfrüchte im Verhältnis zur Anbaufläche der betrachteten Pflanze ist. Daraus folgt, dass z. B. die Angebotselastizitäten für einzelne Getreidearten höher sein werden als für Getreide insgesamt. Bei der Diskussion der Bestimmungsgründe der Angebotselastizitäten tierischer Produkte ist es zweckmäßig, zwischen Raufutterfressern und Getreidefressern zu differenzieren. Die Produktion von Raufutterfressern steht in engem Zusammenhang mit der Bodenproduktion, so dass eine Produktionsänderung nur zugunsten oder zulasten der Ackerbaufrüchte möglich ist. Allerdings ist zu erwarten, dass nicht zuletzt aufgrund der biologischen Bedingungen eine Änderung der Produktionsmenge langfristig bedeutend leichter möglich sein wird als kurzfristig. Dies gilt nicht unbedingt für den einzelnen Betrieb, jedoch für die Landwirtschaft insgesamt. Getreidefresser stehen dagegen in einem losen Zusammenhang mit der übrigen landwirtschaftlichen Produktion, so dass bei gegebenen Produktionskapazitäten eine innerbetriebliche Substitution weniger gut möglich ist. (3) Möglichkeiten der Variation der betrieblichen Kapazität: Die Möglichkeit, langfristig die Produktionskapazität als Folge einer Produktpreissenkung zu reduzieren und dennoch für den Betriebsinhaber ein ausreichendes Einkommen zu erzielen, hängt vornehmlich von der Produktionsrichtung und der Betriebsgröße ab. Ist es dem Betrieb nicht möglich, bei einer Preissenkung eines bodenabhängigen Produktes die Flächenausstattung zu erhöhen oder innerbetrieblich aufzustocken, so verbleibt dem Landwirt lediglich zu überprüfen, ob innerhalb der gegebenen 3.3 Elastizitätsanalyse 101 Betriebsgröße ein ausreichendes Einkommen erzielt werden kann. Ist dieses nicht möglich – was für eine Anzahl von Betrieben gilt – so wird langfristig der Übergang zu einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit notwendig. Häufig wird die Betriebsaufgabe allerdings erst mit dem Generationswechsel erfolgen. Da in der Regel Betriebsinhaber nur dann zur Betriebsaufgabe bereit sein werden, wenn sie auch eine angemessene außerlandwirtschaftliche Tätigkeit finden, spielt die gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarktlage für die preisinduzierte Abwanderungsrate aus der Landwirtschaft eine entscheidende Rolle. Die Betriebsaufgabe als Folge von Einzelpreissenkungen wird besonders bei Betrieben notwendig, die spezialisierte bodenunabhängige Produkte (z. B. Getreidefresser) erzeugen. Da hier eine Anpassung innerhalb der gegebenen Kapazitäten an geänderte Preis-Kosten-Relationen nur begrenzt möglich ist, führen Preissenkungen bereits mittelfristig zu einer Verringerung der Zahl der Betriebe. Diese Ausführungen haben deutlich gemacht, dass Einzelpreissenkungen zu einer Änderung der Produktionskapazität bei bestehenden Betrieben und zur Aufgabe einzelner Betriebe führen können. Die Aufgabe oder Einschränkung der einzelnen Produktionsrichtungen wird somit von der Mobilität der Faktoren bestimmt. Liegt eine relativ hohe Faktormobilität vor, reagieren die Faktoren auf Einkommensunterschiede relativ stark. In diesem Fall werden Produktpreisänderungen zu einer relativ großen Änderung des Faktoreinsatzes und damit der Produktionsmengen führen. Da die Faktoren langfristig als relativ mobil angesehen werden können, wird die Angebotselastizität langfristig bei allen Produkten relativ hoch sein. Bezüglich der Angebotselastizität von Agrarprodukten insgesamt wird häufig angenommen, dass diese bei Preissenkungen relativ niedrig ist, da in diesem Fall eine innerbetriebliche Substitutionsmöglichkeit entfällt. Bei dieser Überlegung wird aber vernachlässigt, dass aufgrund eines verringerten Kapital- und Arbeitseinsatzes selbst bei gegebener Bodenfläche in der Agrarproduktion für den verbleibenden Arbeitseinsatz im Agrarsektor die Einkommenssenkung teilweise kompensiert werden kann. Es kann daher vermutet werden, dass der Arbeitseinsatz langfristig bei einer Preisniveausenkung stark reduziert wird. Selbstverständlich ist eine Agrarpreisniveausenkung mit einer Veränderung der Produktionsstruktur verbunden. Arbeitsintensive Agrarprodukte werden zugunsten arbeitsextensiver Agrarprodukte eingeschränkt werden. Gegen die Hypothese, dass bei sinkenden Preisen die Agrarproduktion sinkt, scheint die Entwicklung auf den Agrarmärkten der EU seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zu sprechen. Trotz erheblicher realer Agrarpreissenkungen ist die Agrarproduktion gestiegen. Hieraus kann aber nicht gefolgert werden, dass die Hypothese von der positiven Steigung der Angebotskurve widerlegt ist. Das Angebot ist wahrscheinlich gestiegen, weil sich die Angebotskurve als Folge beschleunigter Einführung technischer Fortschritte und eines beschleunigten Strukturwandels nach rechts verlagert hat. Diese verstärkten Verlagerungen der Angebotskurve werden aber nur solange möglich sein, bis alle Betriebe die effizienteste Technologie übernommen haben. Langfristig ist dagegen als Folge der Preissenkung auch eine geringere Wirkung technischer Fortschritte zu erwarten. 102 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Zur empirischen Ermittlung von Angebotselastizitäten Grundsätzlich kann man Angebotselastizitäten durch folgende Methoden ermitteln: (a) Aufgrund von Zeitreihen mit Hilfe ökonometrischer Modelle (positive Modelle) und (b) aufgrund von Aktivitätsmodellen (normative Modelle). Mit Hilfe ökonometrischer Modelle soll festgestellt werden, wie sich die Landwirte in der Vergangenheit bei Preisänderungen verhalten haben. Da aber die angebotene Menge nicht nur vom Preis des betrachteten Produkts, sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängig ist, wird es meist nicht möglich sein, alle angebotsbestimmenden Faktoren in ökonometrische Modelle aufzunehmen. Insbesondere gilt dieses für die Variablen „technischer Fortschritt“ und „Strukturwandel“. Es kann daher nicht stets richtig ermittelt werden, inwieweit sich die angebotene Menge durch Bewegungen auf einer gegebenen Angebotskurve, d. h. durch Preisänderungen, oder durch Verlagerung der Angebotskurve, d. h. durch technische Fortschritte und Strukturwandel, verändert hat. Hinzu kommt, dass die Schwankungsbreite der Preise häufig sehr gering ist, so dass aus Daten der Vergangenheit nicht verlässlich ermittelt werden kann, wie sich die Landwirte z. B. bei erheblichen Preissenkungen von 10 % oder mehr verhalten würden. Mit Aktivitätsmodellen wird ermittelt, welche Produktionsmenge bei gegebenen Produkt- und Faktorpreisen sowie gegebener Faktorausstattung eines Betriebs optimal ist. Man kann mit Hilfe eines solchen Modells auch feststellen, wie der einzelne Betrieb seine Produktionsstruktur und damit seine Angebotsmengen bei Variation eines einzelnen Produktpreises verändern wird. Allerdings muss man bei solchen Berechnungen stets eine bestimmte Zielfunktion des Unternehmers unterstellen. Es wird z. B. angenommen, dass der landwirtschaftliche Betriebsinhaber versucht, den Deckungsbeitrag seines Betriebs zu maximieren. Selbstverständlich muss in den Aktivitätsmodellen nicht stets eine solche Zielsetzung unterstellt werden, doch irgendeine Zielsetzung (= Norm) muss angenommen werden. Aus diesem Grund werden diese Modelle auch normative Modelle genannt. Der Vorteil dieser Modelle liegt darin, dass man mit ihnen auch Preissenkungen simulieren kann; allerdings kann man nicht ermitteln, wie die Produzenten tatsächlich reagieren werden. Es kann durchaus sein, dass eine Reihe von Produzenten auf Preissenkungen weniger stark reagieren als im Modell ausgerechnet wurde, weil sie eine andere Zielsetzung als im Modell unterstellt anstreben oder auch, weil sie sich aufgrund einer allgemeinen Trägheit nicht optimal an die geänderten Preisrelationen angepasst haben. Mit Hilfe solch normativer Modelle kann man zeigen, dass insbesondere auch auf dem Milchmarkt die Unterschiede zwischen kurz-, mittel- und langfristiger Preiselastizität des Angebots besonders groß sind. Die Ermittlung von Angebotselastizitäten mit Hilfe einzelbetrieblicher Modelle stößt allerdings auch auf einige kaum zu lösende Schwierigkeiten: (a) Es wird in der Regel nicht möglich sein, für alle existierenden Betriebe Modellrechnungen durchzuführen. Man wird sich somit auf eine Stichprobe beschränken müssen. Damit stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien sich die Auswahl der Betriebe (= Stichprobe) richten soll. Würde man sich lediglich auf Betriebe beschränken, die durchschnittliche Bedingungen repräsentieren, so wäre das Er- 3.3 Elastizitätsanalyse 103 gebnis unbrauchbar. Ist man an Informationen über Reaktionen des Marktangebots interessiert, so ist vornehmlich zu prüfen, wie die Grenzbetriebe auf Preisänderungen reagieren. Grenzbetriebe sind solche Betriebe, die bei gegebenen Preisen gerade noch existenzfähig sind oder gerade noch eine innerbetriebliche Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Produktion aufweisen. Die genaue Erfassung dieser Grenzbetriebe ist kaum möglich, da die innerbetriebliche Wettbewerbsfähigkeit – wie oben gezeigt wurde – entscheidend von der Variabilität der Faktoren abhängt. Bei einem Betrieb mit gegebener Stallkapazität und gegebenem Arbeitseinsatz kann die Milchproduktion selbst bei Preissenkungen von 10 % und 20 % gegenüber alternativen Produktionen noch innerbetrieblich wettbewerbsfähig sein. Wird dagegen eine größere Stallreparatur oder der Neubau eines Stalls notwendig, so kann der Betrieb möglicherweise bei gegebenen Preisen bereits ein Grenzbetrieb sein; Preissenkungen können ihn daher zum Ausscheiden aus der Milchproduktion veranlassen. (b) Neben dem Problem der Auswahl der Betriebe ist in normativen Modellen au- ßerdem eine realitätsnahe Hypothese über die unterschiedliche Variabilität der Faktoren in einzelnen Betrieben ins Modell aufzunehmen. Für diese Hypothese gibt es in der Regel keine ausreichende Datengrundlage. (c) Schließlich muss geklärt werden, wie die aufgrund der Stichprobe errechneten Angebotsreaktionen auf die Gesamtheit der Betriebe hochgerechnet werden können. In der Übersicht 3.1 und Übersicht 3.2 sind exemplarisch Elastizitätsberechnungen aufgezeigt, die mit Hilfe von Aktivitätsmodellen und in Kombination von Aktivitätsmodellen und ökonometrischen Modellen ermittelt werden. Die Ergebnisse bestätigen die theoretischen Überlegungen. Die Preiselastizitäten sind kurzfristig erheblich geringer als mittel- und langfristig. Sie sind für größere Betriebe größer als für kleinere und werden erheblich von den Abwanderungsmöglichkeiten bestimmt (siehe Übersicht 3.1). Übersicht 3.2 veranschaulicht, wie sich die Produktionsstruktur bei einer Senkung des Agrarpreisniveaus oder nur der Milchpreise ändern würde. Überblick über ausgewählte Preiselastizitäten des Angebots (1) in Abhängigkeit von den Abwanderungsmöglichkeiten Abwanderungsmöglichkeit: gering mittel gut unbeschränkt Elastizität: 0,65 1,08 1,56 2,56 (2) in Abhängigkeit von der Betriebsgröße (bei mittlerer Abwanderungsmöglichkeit) Betriebsgröße in ha: bis 10 10–20 20–50 über 50 Elastizität: 0,35 0,46 0,94 1,33 104 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten (3) in Abhängigkeit von der Fristigkeit (10%ige Preissenkung innerhalb von 5 Jahren; bei mittlerer Abwanderungsmöglichkeit) Jahr 1 2 3 5 7 10 15 20 Elastizität: 0,09 0,14 0,37 0,49 0,78 1,08 1,48 1,78 Quelle: Hanf, C.-H. und U. Koester, Milchpreissenkungen und direkte Einkommensübertragungen. Münster-Hiltrup 1980, S. 217ff. Übersicht 3.1: Preiselastizität des Angebots von Milch bei einer 10%igen Preissenkung nach 10 Jahren. Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse von Aktivitätsmodellen in Bezug auf Senkung aller Agrarpreise um 10 % in Bezug auf Senkung des Milchpreises um 10 % Getreide Hackfrüchte Sonderkulturen Bodenproduktion Milch Rindfleisch Schweine Geflügel Tierproduktion Bruttoproduktion –1,5 –0,46 –1,25 –0,02 –0,97 –0,88 –0,79 –2,00 –1,01 –0,62 –1,32 –0,10 –0,05 –0,57 –2,02 –1,69 –0,12 –0,09 –1,08 –0,43 Quelle: Bauer, S., Quantitative Sektoranalyse als Entscheidungshilfe für die Agrarpolitik. Volkswirtschaftliche Schriften, Heft 280, Berlin 1979. Übersicht 3.2: Preiselastizität des Angebots im Durchschnitt des 15jährigen Analysezeitraumes 1961/62–1975/76. Ergebnisse von kombinierten Aktivitätsmodellen und ökonometrischen Modellen 3.4 Bestimmungsfaktoren der Änderung des Angebots im Zeitablauf Bisher haben wir uns lediglich mit Änderungen der angebotenen Menge (= Bewegungen auf einer gegebenen Angebotskurve) befasst. Im Folgenden sollen die Bestimmungsfaktoren der Änderung des Angebots (= Verlagerung der Angebotskurve) behandelt werden. Bedeutung der Veränderung anderer Produktpreise für die Änderung des Angebots eines betrachteten Produkts In Kapitel 3.2 wurde bereits deutlich gemacht (vgl. z. B. Schaubild 3.9), dass die optimale Produktionsstruktur eines landwirtschaftlichen Betriebes u. a. von den Preisen der Produkte bestimmt wird, die der landwirtschaftliche Betrieb erzeugen 3.4 Bestimmungsfaktoren der Änderung des Angebots im Zeitablauf 105 kann. Verändert sich der Preis eines Gutes 2, so bedeutet das gleichzeitig, dass sich hierdurch die relative Vorzüglichkeit der Produktion des Gutes 1 verändert. Steigt p2, so verlagert sich die Angebotskurve von Gut 1 nach links. Zu dem gleichen Ergebnis kommt man auch aufgrund einer anderen Überlegung: Bei der Kalkulation der Kosten der Produktion eines bestimmten Gutes hat der Betriebsleiter z. B. für die Bodennutzung kalkulatorische Kosten in Höhe des entgangenen Deckungsbeitrags, der in der Produktion alternativer Produkte erzielt worden wäre, anzusetzen, die Nutzungs- oder Opportunitätskosten. Ändern sich die Preise alternativ zu erstellender Produkte, so bedeutet das gleichzeitig, dass sich die Opportunitätskosten in der Produktion des betrachteten Produkts verändern und sich die Angebotskurve damit verlagert. Bedeutung der Veränderung der Faktorpreise für die Änderung des Angebots Bei der Ableitung der Angebotskurve wird unterstellt, dass die Faktorpreise konstant sind. Änderungen der Faktorpreise verändern somit den Verlauf der Angebotskurve. Faktorpreiserhöhungen führen zu einer Verlagerung der Angebotskurve nach oben, Faktorpreissenkungen zu einer Verlagerung der Kurve nach unten. Änderungen der Faktorpreise sind nicht auch gleichbedeutend mit einer Änderung der Ausgaben der Betriebe. Faktorpreise dienen der Bewertung des Faktoreinsatzes. Unabhängig davon, ob Ausgaben entstehen, sind zur Bewertung der Faktoren stets die Opportunitätskosten (= Alternativeinkommen) zu verwenden. Daraus folgt z. B., dass die Kosten der Milchproduktion zwischen einzelnen Betrieben selbst bei gleicher Produktionstechnik unterschiedlich sein können; dies gilt z. B., wenn die Betriebsleiter unterschiedliche Möglichkeiten haben, Alternativeinkommen zu erzielen. Bedeutung technischer Fortschritte für die Änderung des Angebots eines betrachteten Produkts Unter technischem Fortschritt versteht man in den Wirtschaftswissenschaften (a) die Schaffung neuer Produkte und/oder (b) den Übergang zu neuen Produktionsverfahren, mit deren Hilfe eine gegebene Produktmenge durch einen geringeren Einsatz von Produktionsfaktoren als bisher erzeugt werden kann oder eine Erhöhung des Produktionsumfangs bei gleich bleibendem Faktoreinsatz möglich ist (siehe Schaubild 3.16). Nach der Definition (b) führt der technische Fortschritt zu einer Verschiebung der Produktionsfunktion nach oben (vgl. Schaubild 3.16). In der Landwirtschaft klassifiziert man nach Brinkmann technischen Fortschritt wie folgt: (a) biologisch-technische Fortschritte, (b) mechanisch-technische Fortschritte, (c) organisatorisch-technische Fortschritte. Der biologisch-technische Fortschritt führt in der Regel zu einer Produktionssteigerung; teilweise wirkt er auch Faktoreinsatz sparend. Der mechanisch-technische Fortschritt führt dagegen vornehmlich zu einer Verringerung des Faktoreinsatzes 106 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Output Input q1 q0 F0 F1 Schaubild 3.16: Wirkung technischer Fortschritte auf die Produktionsfunktion und weniger zu einer Steigerung der Produktion. Der organisatorisch-technische Fortschritt kann nicht eindeutig in seiner Wirkung zugeordnet werden. Die Produktion von technischen Fortschritten ist ebenso wie die Übernahme neuer Technologien u. a. von der Höhe der Produktpreise abhängig. Bei höheren Preisen haben Landwirte größere Vorteile von der Einführung neuer Technologien. 3.5 Politikprobleme Oben wurde gezeigt, dass bei der Verwirklichung der Zielsetzung Gewinnmaximierung ein Betrieb die Faktoren effizient nutzt. Verwirklichen alle Betriebe diese Zielsetzung, dann ist auch das Sozialprodukt in einer Volkswirtschaft maximiert. Alle Faktoren werden effizient genutzt. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht kann es daher ein Problem geben, wenn a) nicht alle Betriebe ihren Gewinn maximieren oder b) die Kalkulation der Betriebe aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zu Fehlallokationen führt. Diesen beiden Gründen für gesamtwirtschaftlich suboptimalen Ressourceneinsatz wollen wir im Folgenden nachgehen. Es ist offensichtlich, dass die im Folgenden zu diskutierenden Politikprobleme normativen Charakter haben. Es wird von der Norm ausgegangen, dass eine Nutzung der Ressourcen, die zu einem maximalen Sozialprodukt führen, wünschenswert ist. Es sind aber nicht alle Menschen Einkommensmaximierer; es mag einige geben, die möglicherweise Trägheit, Geselligkeit oder Müßiggang vor harter Arbeit bevorzugen. Auf diese Probleme wird in der späteren Politikanalyse detaillierter eingegangen. An dieser Stelle wird lediglich die ineffiziente Nutzung von Ressourcen als Problem der Politik gesehen. 3.5 Politikprobleme 107 3.5.1 Alternative Ziele Zielsetzung Standardgewinn Es ist denkbar, dass einige Landwirte nicht Gewinnmaximierung anstreben, sondern lediglich einen Standardgewinn oder einen Mindestgewinn erzielen wollen. Die Zielsetzung Standardgewinn kann dazu führen, dass lediglich eine Zuschlagskalkulation vorgenommen wird. Zu den Produktionskosten wird der Gewinnanspruch als prozentualer oder absoluter Zuschlag addiert, um eine Identität von Marktpreis und Angebotspreis zu erzielen (siehe Schaubild 3.17). Da für den Mengenanpasser aber der Marktpreis gegeben ist, muss die Menge angeboten werden, bei der Durchschnittskosten plus Gewinnanspruch gleich dem Marktpreis sind. Da normalerweise im Bereich steigender Durchschnittskosten produziert wird, weist die Angebotskurve einen steigenden Verlauf auf. Die Angebotsmenge wird aber nur im Ausnahmefall mit der Gewinn maximierenden Menge identisch sein (siehe Schaubild 3.17). Die angebotene Menge wird daher nicht zu minimalen Kosten produziert. Es liegt betriebswirtschaftlich und auch gesamtwirtschaftlich eine Ressourcenvergeudung vor. DK, p GK q0 q Grenzkostenkurve Durchschnittskostenkurve Angebotskurve p0 Gewinnzuschlag Schaubild 3.17: Angebotskurve bei der Zielsetzung Standardgewinn Zielsetzung Mindestgewinn Das Ziel eines Mindestgewinns könnte von Betriebsinhabern angestrebt werden, die der Freizeit und der landwirtschaftlichen Tätigkeit eine hohe Präferenz beimessen und wenig Unternehmergeist zeigen. Bei sinkenden Preisen sinkt das Einkommen und als Folge werden mehr Arbeitsstunden eingesetzt. Die Produktion kann daher bei sinkenden Preisen steigen. Auch in diesem Fall könnte die Angebotskurve nicht aus der Grenzkostenkurve abgeleitet werden; es gibt keine normal verlaufende Angebotskurve. Der Betrieb würde die Menge anbieten, bei der ein Erlös erzielt wird, der um den Mindestgewinn über den Durchschnittskosten liegt. 108 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Zielsetzung Erhaltung des landwirtschaftlichen Betriebes Leiter landwirtschaftlicher Betriebe betrachten die landwirtschaftliche Tätigkeit nicht lediglich als eine mögliche Erwerbsgrundlage. Falls der Hof geerbt wurde und seit Generationen im Besitz der Familie ist, wird dem Erhalt des Betriebes häufig eine größere Bedeutung beigemessen als der Zielsetzung Gewinnmaximierung. So zeigen z. B. die Agrarberichte der Bundesregierung, dass eine Vielzahl landwirtschaftlicher Betriebe Jahr für Jahr Eigenkapitalverluste hinnimmt. Diese Betriebsleiter würden ein höheres Einkommen erzielen, wenn sie den Betrieb verkaufen oder verpachten würden. Bei Fortführung des Betriebes verfolgen sie sicher nicht die Zielsetzung Gewinnmaximierung. Die Fortführung des Betriebes kann für sie einen besonderen persönlichen Wert haben; diese subjektive Wertschätzung kann z. B. auf der Präferenz für eine landwirtschaftliche Tätigkeit beruhen oder auch in der Verpflichtung zum Erhalt des Erbes liegen. Es werden daher gelegentlich auch Investitionen durchgeführt, die zwar nicht den Gewinn erhöhen, aber dennoch subjektiv als positiv angesehen werden. Diese Überlegungen zeigen, dass Verhaltensweisen, die nicht mit der Zielsetzung Gewinnmaximierung vereinbar sind, zwar zu einer gesamtwirtschaftlich ineffizienten Faktornutzung führen, aber aus individueller Sicht der Betriebsleiter durchaus nutzenmaximierend sein können. 3.5.2 Zielbeschränkungen Bei der Ableitung der optimalen Produktionsmenge bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung wurde davon ausgegangen, dass die Unternehmer bei den geltenden Faktorpreisen nach Belieben über die benötigten Faktormengen verfügen und bei vollkommener Information ihre Produktion und den Verkauf planen können. In der Realität sind diese Bedingungen in der Regel nicht erfüllt. Im Folgenden soll daher aufgezeigt werden, welche Probleme sich daraus für die Politik ergeben können. Wirkung von Beschränkungen im Faktoreinsatz Landwirtschaftliche Betriebe können nicht stets auch die optimale Faktormenge einsetzen. Zu gewissen Zeiten können einzelne Faktoren, wie z. B. Düngemittel oder Pflanzenschutzmittel oder auch Arbeitskräfte und Fremdkapital, nicht in gewünschter Menge zur Verfügung stehen. In diesen Fällen wird weniger produziert als bei gewinnmaximierendem Verhalten ohne solche Restriktionen optimal wäre. Produktpreissteigerungen werden daher bei Beschränkungen im Faktoreinsatz zu geringeren Produktionssteigerungen führen als bei Gewinnmaximierung, die solche Knappheiten nicht berücksichtigen muss. Eine solche Situation tritt häufig in Entwicklungsländern oder auch Transformationsländern auf; hier sind die Märkte nicht immer ausreichend entwickelt. Eine Besonderheit liegt auf dem landwirtschaftlichen Kreditmarkt vor. In entwickelten Volkswirtschaften haben Landwirte mit großem Anteil an Eigentumsflächen in der Regel relativ leichten Zugang zum Kapitalmarkt. Anders ist die Situation aber für Pächter und für Landwirte in Ländern mit unterentwickelten landwirtschaftlichen Kreditmärkten. Hier kann es sein, dass die Betriebe erheblich weniger produzieren als sie es bei unbeschränktem Kreditzugang tun würden. 3.5 Politikprobleme 109 Ein besonderes Problem stellt für viele Landwirte der begrenzte Zugang zum Faktor Land dar. Sie können ihre Faktoren nicht optimal nutzen, da die landwirtschaftliche Nutzfläche zu klein ist. Mögliche Skaleneffekte können nicht ausgeschöpft werden. In diesen Fällen liegt daher eine gesamtwirtschaftlich nicht effiziente Nutzung der Produktionsfaktoren vor. Zu dem gleichen Ergebnis führt die begrenzte Mobilität der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Landwirtschaftliche Arbeitskräfte könnten häufig in anderen Sektoren ein höheres Einkommen erzielen, aber sie wandern nicht ab. Unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Präferenzen mag dies sogar eine nutzenmaximierende Entscheidung sein, aber gesamtwirtschaftlich wird weniger produziert19. Wirkung von Informationskosten Betriebliche Produktionsplanungen sind weitgehend in die Zukunft gerichtet. Der Planer hat z. B. keine sicheren Informationen über zukünftige Produktpreise. Er wäre schlecht beraten, wenn er annehmen würde, dass die Gegenwartspreise auch in der Zukunft gelten werden. Selbst wenn er auf der Basis umfangreicher Informationen eine bestimmte Preiserwartung hat, muss in der Planung bedacht werden, dass die tatsächlichen Preise davon weit abweichen können. In der Regel wird sich die Planung durch intensive Einholung von Informationen verbessern können. Landwirte haben aber wie andere Investoren Informationskosten zu berücksichtigen. Theoretisch sollte die Informationsbeschaffung erst dann abgebrochen werden, wenn die Grenzkosten der Informationsbeschaffung gleich sind den Grenzerlösen der Information. Diese Regel ist aber wenig hilfreich; man kann allenfalls die Grenzkosten der Information ermitteln, aber nicht auch stets die monetären zusätzlichen Nutzen. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass einzelne Landwirte Informationsbeschaffungskosten weitgehend scheuen und ihre Preis- und Renditeerwartungen sehr unsicher sind. Eine suboptimale Verwertung von Informationen auf den Agrarmärkten kann auch angenommen werden, weil die kollektiven Kosten der Informationsbeschaffung niedriger sind als die aggregierten einzelbetrieblichen Informationsbeschaffungskosten. Der Staat kann daher durch geeignete Maßnahmen (z. B. Marktinformationssysteme, Klassifizierungs- und Standardisierungssysteme, Förderung von Schulungen und Versuchswesen) die aggregierten einzelbetrieblichen Angebotskosten senken. Wirkung von begrenztem Wissen Die BSE-Krise im Jahr 2000 hat bestätigt, dass unser Wissen über die Wirkung von neuen Produktionsverfahren stets begrenzt sein wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass vor dem Jahr 2000 sowohl die Futtermittelhersteller in der BRD als auch die Verwender der Futtermittel nicht wussten, dass durch die Fütte- 19 Das bedeutet allerdings nicht, dass die Gesellschaft dadurch notwendigerweise insgesamt schlechter gestellt ist: Zwar wird weniger produziert, aber es ist durchaus denkbar, dass die betroffene Person in ihrem lokalen Umfeld dem Gemeinwesen wertvollere Dienste erweist, als ihr dies anderswo möglich wäre (z. B. ehrenamtliche Tätigkeiten, Nachbarschaftshilfe etc.). Bei einer Gesamtbeurteilung wären diese Effekte gegeneinander abzuwägen. 110 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten rung von Tiermehl negative Gesundheitswirkungen beim Tier und auch möglicherweise beim Menschen auftreten können. Es kann leider nicht verhindert werden, dass neue Technologien – die Verfütterung von Tiermehl kann als eine solche Technologie bezeichnet werden – zu Risiken führen können. Maßnahmen der Politik (insbesondere durch Förderung der Forschung, Prüfung der Produkte und Zulassung der Produkte, sowie Kontrollen der Einhaltung der Gesetze) können zu einer Reduzierung des Risikos beitragen und damit die Kosten der Agrarproduktion aus gesamtwirtschaftlicher Sicht senken. 3.5.3 Bedeutung von Transaktionskosten Bei der Ableitung der optimalen Produktionsmenge in Kapitel 3.2 wurde davon ausgegangen, dass die für den landwirtschaftlichen Betriebsleiter relevanten Produktpreise mit den Marktpreisen identisch sind und dass sich alle Landwirte an diesen Preisen orientieren. In der Realität sind aber die Ab-Hof Preise nicht für alle Landwirte gleich. Der Verkauf von Produkten ist mit Transaktionskosten verbunden. Es können Kosten entstehen bei der Suche nach dem Käufer mit der höchsten Zahlungsbereitschaft; weiterhin können Kosten bei der Durchsetzung der Verträge entstehen und beim Transport der Waren zum Ort der Übergabe. Häufig werden Landwirte, die größere Partien verkaufen, höhere Preise erzielen als Landwirte, die nur geringe Mengen anzubieten haben. Landwirte, die auf Wochenmärkten verkaufen, werden ebenfalls höhere Preise erhalten als Landwirte, die an den Handel verkaufen. Grundsätzlich stellen Transaktionskosten kein Problem für die Politik dar, wenn diese Kosten nur von einzelbetrieblichen Entscheidungen abhängig sind und nicht auch von dem Verhalten anderer Anbieter sowie von Marktorganisationen und Marktinstitutionen. Häufig sind aber die Transaktionskosten von kollektiven Entscheidungen, z. B. ein Marktinformationssystem aufzubauen oder bestimmte Vermarktungsorganisationen, wie z. B. eine Börse zu gründen, abhängig. Die Politik kann daher durch Bereitstellung öffentlicher Güter oder durch Förderung kollektiven Handels Transaktionskosten senken und damit die Effizienz in der Produktion fördern. 3.5.4 Divergenzen in der Produktion Einzelbetriebliche Entscheidungen können nur dann zu einer aus gesamtwirtschaftlicher Sicht optimalen Produktion führen, wenn keine Divergenzen in der Produktion vorliegen. Bei Vorliegen von Divergenzen weicht die private von der sozialen Grenzkostenkurve ab. Wichtige Gründe können z. B. in externen Effekten liegen. Führt landwirtschaftliche Produktion z. B. zu einer Stickstoffbelastung des Wassers und bezieht der Landwirt die Kosten der Beseitigung dieses Schadens oder den durch die Auswaschung entstehenden Nutzenverlust der Gesellschaft nicht in seine Kostenberechnung ein, liegt eine Divergenz vor. Die privaten Grenzkosten sind niedriger als die sozialen (siehe Schaubild 3.18). Auf Grund privater Entscheidungen wird daher die Menge q0 produziert, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sollte aber die Menge produziert werden, bei der die sozialen Grenzkosten gleich dem Produktpreis sind. 3.5 Politikprobleme 111 q1 q p,GKpr GKsoz p0 Private Grenzkostenkurve Soziale Grenzkostenkurve q0 Schaubild 3.18: Divergenz zwischen privaten und sozialen Grenzkosten Dies wäre bei der Menge q1 gegeben. Private Entscheidungen führen daher bei Divergenzen nur äußerst selten zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum. In der praktischen Agrarpolitik werden solche Externalitäten häufig für die Begründung von politischen Eingriffen angeführt. Die Multifunktionalität der Landwirtschaft wird z. B. zur Rechtfertigung staatlicher Eingriffe auf den Agrarmärkten herangezogen. Divergenzen können im Übrigen nicht nur dazu führen, dass die privaten Grenzkosten unterhalb der sozialen Grenzkosten liegen, sondern umgekehrt auch dazu, dass die Faktorpreise höher sind als die gesamtwirtschaftlichen Schattenpreise. Die Schattenpreise drücken den marginalen gesamtwirtschaftlichen Nutzen einer marginalen Änderung des Faktoreinsatzes aus. Wenn alle Faktoren eingesetzt sind, vollkommene Mobilität der Faktoren vorliegt und in allen Unternehmen Gewinnmaximierung angestrebt wird, so sind die Faktorpreise mit den Opportunitätskosten der Faktoren identisch. In diesem Fall muss jeder Unternehmer für eine zusätzliche Faktoreinheit gerade das zahlen, was der Faktor in alternativer Verwendung verdienen würde. Auf dem Arbeitsmarkt liegt dagegen eine solche Situation offensichtlich nicht vor, wenn Arbeitslosigkeit besteht und die Löhne durch Verhandlungen festgelegt werden: Die Löhne entsprechen dann nicht den gesamtwirtschaftlichen Knappheitsrelationen. Die private Angebotskurve liegt oberhalb der sozialen Angebotskurve. Einzelbetriebliche Entscheidungen führen somit nicht zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum, sondern zu einem aus gesellschaftlicher Sicht zu geringem Arbeitseinsatz; und staatliche Eingriffe können daher sinnvoll sein. Formel-Kapitel 4 Abschnitt 4 112 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Kapitel 4: Agrarpreisbildung Agrarpreise bilden sich wie andere Güter- und Faktorpreise auf den Märkten als das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Unter einem Markt wird dabei die Gesamtheit der Beziehungen zwischen anbietenden und nachfragenden Wirtschaftssubjekten verstanden. Im abstrakten Sinn verstehen wir unter einem Markt die jeweilige Angebots-Nachfrage-Konstellation. Der Preis als Ergebnis der Marktkräfte wird u.a. durch die Marktform bestimmt. Im Folgenden wollen wir uns daher zunächst mit einigen möglichen Klassifikationen der Märkte beschäftigen. 4.1 Klassifikation der Märkte Abgrenzung des relevanten Marktes Märkte können u. a. nach persönlichen, sachlichen, räumlichen (regionalen) und zeitlichen Gesichtspunkten gegliedert werden. Allerdings gibt es kein eindeutiges Kriterium, wo die Grenze zwischen unterschiedlichen Märkten zu ziehen ist. Soll z. B. bei einer sachlichen Gliederung der Märkte der Weizenmarkt insgesamt betrachtet werden oder ist eine Differenzierung in die Märkte für Backweizen und Futterweizen notwendig? Die Abgrenzung des relevanten Marktes hängt von der jeweiligen Fragestellung sowie von der persönlichen Einschätzung des Marktanalytikers ab. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen sollte daher die Festlegung des relevanten Marktes besonders sorgfältig erfolgen. Kennzeichnung der Märkte nach quantitativen Gesichtspunkten Die Klassifikation der Märkte nach quantitativen Gesichtspunkten geht von der quantitativen Besetzung der beiden Marktseiten (Angebots- und Nachfrageseite) aus. Das bekannteste Marktformenschema geht auf von Stackelberg zurück (vgl. Übersicht 4.1). Hierbei werden die Marktpartner in viele – wenige – einer differenziert. Durch eine unterschiedliche Kombination dieser drei Merkmale auf der Angebots- und Nachfrageseite ergeben sich unterschiedliche Marktformen. Dieses Marktformenschema erlaubt keine eindeutige Klassifikation der Märkte, da insbesondere eine Abgrenzung zwischen „viele“ und „wenige“ mehr oder weniger willkürlich bleiben muss. Es wird daher auch hier von der zu untersuchenden Frage und der Entscheidung des Analytikers abhängen, bei welcher Zahl die Grenze zu ziehen ist. Bei der Preisbildung auf Agrarproduktmärkten wird in der Mehrzahl der Fälle von der Marktform des Polypols auszugehen sein. Vielen Anbietern (landwirtschaftlichen Produzenten) stehen viele Nachfrager (Händler oder Konsumenten) gegenüber.

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References

Zusammenfassung

Die landwirtschaftliche Marktlehre.

Dieses Buch baut auf den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre auf und vermittelt grundlegende Kenntnisse zum Verständnis sektoraler Wirtschaftspolitik am Beispiel der Agrarmarktpolitik. Im Teil I legt es die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Preisbildung auf Produkt? und Faktormärkten. Besondere Bedeutung hat dabei neben der neoklassischen Theorie auch die Institutionenökonomie. Teil II stellt die Agrarmarktpolitik mit besonderem Bezug zur EU dar und bewertet diese, wobei der Bewertungsrahmen über die übliche wohlfahrtstheoretische Analyse hinausgeht. Das Buch ist insbesondere wegen seiner detaillierten Bewertung einzelner agrarmarktpolitischer Instrumente auch Studierenden des Fachs Wirtschaftspolitik eine wertvolle Hilfe. Es wendet sich an Studierende der Agrarwissenschaft, Agrarökonomie und der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Politiker, die an einer rationalen EU Agrarpolitik interessiert sind.

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich Koester forscht und lehrt am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er war über 20 Jahre Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.