Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten und landwirtschaftlichen Produktionsmitteln in:

Ulrich Koester

Grundzüge der landwirtschaftlichen Marktlehre, page 26 - 90

4. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3764-5, ISBN online: 978-3-8006-4470-4, https://doi.org/10.15358/9783800644704_26

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

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Teil I: Theoretische Grundlagen Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten und landwirtschaftlichen Produktionsmitteln 2.1 Zur Klassifizierung von Agrarprodukten Im Folgenden werden wir uns zunächst der Nachfrage nach Agrarprodukten widmen. Unter Agrarprodukten sollen dabei alle Produkte verstanden werden, zu deren Produktion der Produktionsfaktor Boden ,wesentlich‘ beiträgt. Mit dem Wort ,wesentlich‘ ist ausgedrückt, dass es keine eindeutige Abgrenzung zwischen Agrarprodukten und gewerblichen Produkten gibt. Der Produktionsfaktor Boden ist natürlich auch für die gewerbliche Produktion notwendig. Der Anteil der Kosten für den Faktor Boden, z. B. in der Form von Mieten, kann auch im gewerblichen Bereich erheblich sein. Im Steuerrecht wird z. B. die Schweineproduktion als gewerblich angesehen, wenn eine bestimmte Größe erreicht wird. Für die folgende Darstellung benötigen wir keine eindeutige Abgrenzung. Da der Agrarsektor sehr unterschiedliche Güter herstellt, ist es zweckmäßig, mit einer Klassifizierung der Agrarprodukte zu beginnen. Zunächst kann nach der Verwendung der Güter unterschieden werden (siehe Übersicht 2.1). Agrarprodukte Konsumgüter Produktionsmittel Nahrungsmittel Nicht- Nahrungsmittel landwirtschaftliche Verwendung industrielle Verwendung Übersicht 2.1: Klassifizierung der Agrarprodukte nach Verwendungszweck Übersicht 2.1 zeigt eine entsprechende Systematisierung. Der Agrarsektor produziert nicht nur Konsumgüter, sondern auch Produktionsmittel. Konsumgüter sind solche Produkte, die direkt der menschlichen Bedürfnisbefriedigung dienen. Produktionsmittel sind hingegen Produkte, die benötigt werden, um andere Produkte zu produzieren. Die Konsumgüter landwirtschaftlichen Ursprungs sind in unserer Volkswirtschaft vornehmlich Nahrungsmittel, die im traditionellen oder ökologischen Landbau produziert werden. Es gibt jedoch auch eine Reihe von agrarischen Gütern, die zwar Konsumgüter, aber nicht auch zugleich Nahrungsmittel sind. Dieses können Nebenprodukte sein, die bei der Nahrungsmittelproduktion anfallen, wie z. B. Felle, Wolle und Häute. Die landwirtschaftliche Aktivität kann sich aber auch direkt 18 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten auf die Produktion von Konsumgütern, die keine Nahrungsmittel darstellen, oder auf Produktionsmittel für die Herstellung von Konsumgüter konzentrieren. Man denke z. B. an die Flachs- und Hanferzeugung, an die Aufzucht von Reitpferden oder auch allgemein an die Bereitstellung von Dienstleistungen für den Fremdenverkehr. Zunehmend bedeutender ist in der Europäischen Union (EU) seit der ersten großen Agrarreform, der MacSharry-Reform von 1992, die Produktion von Umweltgütern geworden. Es ist zu erwarten, dass für die Landwirte zukünftig diese Produktion noch bedeutender wird. Die Bereitstellung von Produktionsmitteln, die entweder in landwirtschaftlicher oder industrieller Produktion verwendet werden, ist im Zeitablauf und von Volkswirtschaft zu Volkswirtschaft recht unterschiedlich. Als Beispiel mag die Nachfrage nach tierischer Zugkraft und den dafür benötigten Futtermitteln gelten. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln industrieller Verwendung war während der vergangenen hundert Jahre durch das Aufkommen neuer Produkte und durch verbesserte Technologien rückläufig. Die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen wurde für die europäische Landwirtschaft als Folge verstärkter staatlicher Förderung von zunehmender Bedeutung. Für die deutsche Landwirtschaft spielt die Rapsproduktion für den Nicht-Nahrungsmittelverbrauch (Non-Food Raps) eine besonders große Rolle, da auf offiziell stillgelegten Flächen Agrarprodukte als nachwachsende Rohstoffe produziert werden dürfen. Für die Konsumenten ist von zunehmender Bedeutung die Produktionsweise. Der Nachfrager betrachtet häufig die Herstellungsmethode als ein Kriterium für die Qualität, selbst wenn die Produkte unterschiedlicher Herstellungsmethoden im Labor analytisch nicht zu unterscheiden sind. Es kann sich daher auf dem Markt eine unterschiedliche Nachfrage nach den Produkten verschiedener Herstellungsmethoden ergeben (Übersicht 2.2). So ist der Markt für ökologisch produzierte Produkte in den letzten Jahren stark gewachsen. Auch gegenüber genetisch veränderten Produkten gibt es geteilte Ansichten der Verbraucher: Europäische Konsumenten scheinen im Gegensatz zu US-amerikanischen Verbrauchern große Vor- Agrarprodukte konventionell hergestellt im ökologischen Landbau hergestellt mit genetisch veränderten Organismen hergestellt (GVO-Produkte) nicht mit genetisch veränderten Produkten hergestellt Übersicht 2.2: Klassifizierung von Agrarprodukten nach der Herstellungsmethode 2.1 Zur Klassifizierung von Agrarprodukten 19 behalte gegen gentechnisch veränderte Produkte (GVO-Produkte) zu haben, selbst wenn für einige dieser Produkte wissenschaftlich im Labor keine Unterschiede festgestellt werden können und auch Befürchtungen bezüglich Gesundheitsrisiken bei vielen dieser Produkte wissenschaftlich nicht gestützt sind. So hat eine vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft berufene Expertenkommission die weit verbreitete Meinung, dass ökologisch produzierte Nahrungsmittel qualitativ hochwertiger sind, grundsätzlich nicht stützen können (vgl. Tabelle 2.1 und Tabelle 2.2). Bei der Untersuchung der Nachfrage nach Agrarprodukten ist eine Klassifizierung der Produkte aus informationsökonomischer Sicht sinnvoll (siehe Übersicht 2.3). Agrarprodukte Suchgüter Erfahrungsgüter Vertrauensgüter Übersicht 2.3: Klassifizierung von Agrarprodukten aus informations-ökonomischer Sicht In Lehrbüchern zur Einführung in die Volkswirtschaftslehre wird in der Regel davon ausgegangen, dass es nur Suchgüter gibt. In diesem Fall hat der Konsument volle Information über die Qualität der Güter. Für den Konsumenten ist dann der Preis neben der subjektiven Wertschätzung des Gutes wichtigstes Entscheidungskriterium. Er hat daher lediglich nach dem niedrigsten Preis zu suchen. In der Realität gibt es selten vollkommene Information über die Qualität der Güter. In der Regel hat der Verkäufer des Gutes bessere Informationen über die Qualität als der Käufer. Es liegt asymmetrische Information vor. Der Koch in einem Restaurant weiß z. B., dass er altes Öl zum Zubereiten der Speisen genommen hat. Der Konsument wird es gelegentlich nach dem Konsum erfahren. In diesem Fall spricht man von Erfahrungsgütern. Es ist einleuchtend, dass bei Erfahrungsgütern nicht allein der Preis des Gutes als wichtige Variable in die Entscheidungen des Nachfragers eingeht. Auch andere Variablen sind von Bedeutung, wie z. B. die Reputation der Anbieter, die möglicherweise Qualitätssicherungssysteme eingeführt und ihre Produkte mit einem Gütesiegel und Herstellergarantien versehen haben. Agrarprodukte werden zunehmend Vertrauensgüter. Der Konsument kann weder vor dem Kauf noch ausreichend nach dem Kauf bzw. Konsum die Qualität z. B. hinsichtlich der Produktionsmethoden oder Inhaltsstoffe beurteilen. Die Nachfrage wird daher nicht nur vom Preis, sondern auch von dem Vertrauen in die Qualität der Güter abhängen. Anbieter versuchen daher, durch bestimmte Maßnahmen Vertrauen in die Qualität der Produkte zu schaffen. So haben sich z. B. landwirtschaftliche Betriebe des ökologischen Landbaus in Verbänden organisiert, verbands- 20 K apitel2: D ie N achfrage nach A grarprodukten Eignungswert verringert, da erhöhter Schwarzbesatz kein Unterschied; bei hefegelockerten Weizenmehlgebäcken jedoch verringert kein Unterschied keine Information kein Unterschied kein Unterschied, jedoch angepasste Verarbeitungsverfahren erforderlich keine Information Genusswert kein Unterschied kein Unterschied; bei hefegelockerten Weizenmehlgebäcken verringert divergente Datenlage keine Information kein Unterschied höher bei Bio-Äpfeln, Trend zu höherem Genusswert divergente Datenlage ernährungsphysiologische Qualität Mykotoxine: divergente Datenlage mit Trend zu niedrigeren Gehalten kein Unterschied; bei Vollkornerzeugnissen Trend zu höheren Mineralstoffgehalten divergente Datenlage weniger/keine Rückstände kein Unterschied weniger (keine) Rückstände, höhere Trockenmassegehalte: Trend zu höherer Nährstoffdichte, höhere Gehalte wertgebender Inhaltsstoffe weniger/keine Rückstände, höherer SPS-Gehalt (Resveratrol) Ökoprodukte Erntegetreide (Mähdrusch) Getreideerzeugnisse, -nährmittel, Backwaren u. Stärke Kartoffeln Ölsaaten pflanzliche Öle/Fette Gemüse und Obst Wein Nüsse, Bier, Tee, Kaffee, Kakao, teeähnliche Erzeugnisse, Süßwaren wurden nicht erfasst Quelle: Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.): Bewertung von Lebensmitteln verschiedener Produktionsverfahren. Statusbericht 2003 vorgelegt von der Senatsarbeitsgruppe „Qualitative Bewertung von Lebensmitteln aus alternativer und konventioneller Produktion“. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Angewandte Wissenschaft Heft 499. Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup 2003, S. 69. Tabelle 2.1: Produktqualität von ökologisch erzeugten pflanzlichen Lebensmitteln verglichen mit konventionellen Produkten 2.1 Z ur K lassifizierung von A grarprodukten 21 Eignungswert kein Unterschied keine Studien keine Studien kein Unterschied geringere Fleischanteile für Speck kein Unterschied keine Studien keine Studien Genusswert kein Unterschied keine Studien kein Unterschied kein Unterschied weniger zart keine Studien keine Studien kein Unterschied ernährungsphysiologische Qualität geringerer Eiweißgehalt, divergente Datenlage bei Aflatoxin keine Studien keine Studien kein Unterschied tendenziell weniger Fett ohne Nitritpökelsalz, kein Nitrosamin, höherer Cholesteroloxidgehalt keine Studien kein Unterschied Ökoprodukte Milch und Milcherzeugnisse Rindfleisch Lamm-, Schaf-, Ziegenfleisch Schweinefleisch Geflügelfleisch Fleischerzeugnisse Fisch und Fischerzeugnisse Eier Quelle: Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.): Bewertung von Lebensmitteln verschiedener Produktionsverfahren. Statusbericht 2003 vorgelegt von der Senatsarbeitsgruppe „Qualitative Bewertung von Lebensmitteln aus alternativer und konventioneller Produktion“. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Angewandte Wissenschaft Heft 499. Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup 2003, S. 70. Tabelle 2.2: Produktqualität von Lebensmitteln tierischen Ursprungs aus Ökologischem Landbau verglichen mit konventionell erzeugten Produkten 22 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten interne Richtlinien für die Produktion aufgestellt und überprüfen diese auch. Ebenso gibt es im konventionellen Landbau seit der BSE-Krise (2000) verstärkt vergleichbare Strategien. Bei der Untersuchung der Bestimmungsfaktoren der Nachfrage nach Agrarprodukten hat man jeweils die Klassifikationsmerkmale zu beachten. So kann z. B. ein Agrarprodukt ein Nahrungsmittel sein, das konventionell erzeugt wurde, bei dessen Herstellung gentechnisch veränderte Organismen verwendet wurden und das ein Suchgut ist. Unterscheiden sich Agrarprodukte nur in einem dieser Merkmale, wird es Unterschiede in der Nachfrage geben. Im Folgenden kann nicht auf alle Dimensionen eines Agrargutes intensiv eingegangen werden. Es wird zunächst die Nachfrage nach Agrarprodukten, die als Nahrungsmittel verwendet werden und Suchgüter sind, untersucht. Daran anschließend werden Besonderheiten anderer Produktdimensionen angesprochen. 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln aus konventioneller landwirtschaftlicher Produktion auf der Verbraucherstufe im Fall von Suchgütern Begriffliche Klärung Für die Entwicklung des Agrarsektors in der Europäischen Union ist die wichtigste Komponente in der Nahrungsmittelnachfrage auf der Verbraucherstufe zu sehen. Es sollen daher im Folgenden die Bestimmungsfaktoren der Nachfrage nach Nahrungsmitteln auf der Verbraucherstufe untersucht werden. Wir sprechen von der Verbraucherstufe, wenn eine Marktpartei die Konsumenten sind und die andere die Händler oder auch bei Direktvermarktung die Landwirte. Es ist aus didaktischen Gründen zweckmäßig mit der Verbraucherstufe zu beginnen, auch wenn die Konsumenten nur begrenzt die direkten Nachfrager ab Hof von Agrarprodukten sind. Die Nachfrage der Händler oder auch Verarbeiter von Agrarprodukten ab Hof kann gedanklich als eine abgeleitete Nachfrage von der Endnachfrage der Konsumenten dargestellt werden. Händler und Verarbeiter werden bei der Nachfrage ab Hof jeweils berücksichtigen, wie hoch die Endnachfrage auf der Verbraucherstufe ist. Die Nachfrage nach Lebensmitteln auf der Verbraucherstufe wird sowohl von Inländern als auch Ausländern entfaltet. Im Folgenden wollen wir uns lediglich der Nachfrage des Inlands zuwenden. Die gesamte inländische Nachfrage auf der Verbraucherstufe muss laut Definition identisch sein mit der Summe der Nachfrage der einzelnen Individuen. Wollen wir daher die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erklären, so müssen wir zunächst auf das Nachfrageverhalten der einzelnen Individuen zurückgehen. Die individuelle wie auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann sowohl mengenmäßig als auch monetär erfasst werden. Die mengenmäßige Nachfrage, die auch häufig mit Verbrauch bezeichnet wird, wird zweckmäßigerweise in physischen Mengeneinheiten gemessen. Die Quantifizierung in physischen Einheiten ist für Nahrungsmittel insgesamt oder für eine Produktgruppe, z. B. pflanzliche oder tierische Pro- 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 23 dukte insgesamt, immer dann nicht sinnvoll, wenn die einzelnen Produkte in einem unterschiedlichen Ausmaß zur Bedürfnisbefriedigung beitragen und daher unterschiedlich hohe Preise je Mengeneinheit vom Nachfrager zu zahlen sind. In diesem Fall ist die Ermittlung der Verbrauchsmenge nicht sinnvoll. Allerdings gibt es dennoch eine Möglichkeit, die Entwicklung der mengenmäßigen Nachfrage für das Produktaggregat anzugeben. Dies geschieht durch die Ermittlung des Volumens der Nachfrage. Das Volumen erhält man, indem man die Nachfrage- bzw. Verbrauchsmengen unterschiedlicher Produkte der laufenden Jahre mit den Preisen eines Basisjahres multipliziert und dann die einzelnen Volumina addiert. Es werden z. B. jeweils die Verbrauchsmengen von Eiern, Milch und Käse des Jahres 2004 und anderer Jahre mit den Preisen des Jahres 1990 multipliziert. Die Entwicklung des Volumens gibt Auskunft über die Entwicklung der mengenmäßigen Nachfrage (= Verbrauch)1. Die monetäre Nachfrage stellt stets das Produkt von verbrauchter Menge (= nachgefragter Menge) und geltendem Marktpreis dar. Monetäre Nachfrage = Mengenmäßige Nachfrage · Marktpreis Die monetäre Nachfrage ist demnach grundsätzlich nicht identisch mit dem Volumen der Nachfrage. Während beim Volumen stets die Preise eines Basisjahres zur Bewertung der Verbrauchsmengen herangezogen werden, wird bei der monetären Nachfrage stets der aktuelle Marktpreis zur Bewertung gewählt. Lediglich in der Basisperiode ist die Höhe des Volumens identisch mit der monetären Nachfrage. 2.2.1 Bedeutung des Verbraucherverhaltens Möchte man die individuelle Nachfrage nach Nahrungsmitteln erklären, ist es notwendig, dass man zunächst Hypothesen über das Nachfrageverhalten formuliert. Nur wenn man Vermutungen über die Zielsetzungen von Individuen hat, kann man ableiten, wie sich Individuen wahrscheinlich verhalten werden. Man spricht von Konsumakten, wenn allgemein das Zustandekommen konsumtiver Tätigkeiten im engeren Sinn beschrieben wird. In der Literatur werden u. a. folgende Hypothesen zur Erklärung konsumtiver Aktivitäten beschrieben (z. B. E. undM. Streissler): Reine Typen von Konsumakten: 1. Echte Entscheidungen = Rationalverhalten, 2. Impuls- oder Affektverhalten, 3. Gewohnheitsverhalten, 4. Sozial abhängiges Verhalten. 1 Die Berechnungsformel für das Volumen (V) lautet: n i,0 i,t i,0 i 1 i,t V p q mit p Preis des Produktes i in der Periode 0 tq Menge des Produktes i in der Periode n Anzahl der Produkte. 24 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Rationalverhalten Rational verhält sich ein Verbraucher, wenn er versucht, entweder mit einem gegebenen Mitteleinsatz einen maximalen Nutzen oder aber einen gewünschten Nutzen mit einem minimalen Mitteleinsatz zu erreichen. Rationalverhalten setzt demnach voraus, dass das Individuum ein eindeutig definiertes Ziel hat und Kenntnisse über die Wirkung alternativer Mittel zur Erreichung des Ziels besitzt. Es wird versucht, das Ziel bei gegebenem Mitteleinsatz zu maximieren oder ein gegebenes Ziel mit minimalem Mitteleinsatz zu erreichen. In der ökonomischen Theorie der Nachfrage wird in der Regel neben Rationalverhalten auch unterstellt, dass die Individuen bestimmte Nutzenfunktionen haben. Rationalverhalten beinhaltet, dass jeweils bewusste und reflektierte Einsätze von Mitteln zur Erreichung von Zielen unter bestmöglicher Verwertung verfügbarer Informationen erfolgen. Wenn sich jemand rational verhält, zeigt sich dies in der Regel in der Ausgeprägtheit und Länge der Überlegungsphase, die der Aktivität vorausgeht. Im Einzelnen beinhaltet Rationalverhalten folgendes Vorgehen: (a) Sammlung und Verwertung von Informationen, (b) vollständige Formulierung des gesamten Zielsystems, (c) Abwägen gegen alternative Möglichkeiten und Ziele im Rahmen eines Zielbewertungssystems. Der Ökonom würde Rationalverhalten im Zusammenhang mit dem Problem der Nachfrageanalyse pragmatisch am besten mit einer ausgeprägten Preis- und Einkommensabhängigkeit der Nachfrage umschreiben. Diese Ausführungen machen klar, dass Rationalverhalten unabhängig vom individuellen Verhalten in der Vergangenheit und von Wertungen der Mitmenschen ist. Es wird somit ein täglich neugeborener individualistischer Rechenautomat unterstellt. Es dürfte nicht zu erwarten sein, dass unbeschränktes Rationalverhalten als Regelfall vorliegen wird. Allenfalls kann damit gerechnet werden, dass die Nachfrager eine beschränkte Rationalität zeigen werden. Beschränktes Rationalverhalten (1) In der Realität liegen nur unvollkommene Informationen vor. Aufgrund von Informationslücken und -kosten ist es dem einzelnen Wirtschaftssubjekt in der Regel gar nicht möglich, sich rational zu verhalten. Ein Vergleich der Informationskosten mit möglichen Vorteilen, die aus der erhöhten Information folgen, ist nicht immer möglich. Informationskosten sprechen daher dagegen, dass das einzelne Individuum alle möglichen Informationen einholt, um dann eine notwendige Entscheidung treffen zu können. Die Tatsache der Informationslücken und -kosten führt zur Anwendung von Daumenregeln, d. h. das einzelne Wirtschaftssubjekt versucht, durch so genannte Vorwegentscheidungen eine Grobstrukturierung der Verwendungsarten seines Einkommens oder seiner Verhaltensweisen vorzunehmen. So kann z. B. eine Aufteilung des Budgets nach zweckbestimmten Sonderbudgets erfolgen. Dann wird es nur notwendig sein, partielle Nutzenabwägungen innerhalb eines Budgets vorzunehmen; gleichzeitig wird der Überblick über das 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 25 gesamte Ausgabengebaren erleichtert. Die Aufteilung nach Verwendungszwecken kann ergänzt werden durch eine Aufteilung nach Verhaltensweisen, z. B. in (a) Ausgaben für wiederkehrende Käufe, (b) Taschengeld für Impulskäufe und (c) Ausgaben für langfristig bedeutsame Großeinkäufe. Weitere Vereinfachungen der Entscheidung können vorgenommen werden, wenn bei täglich wiederkehrenden Käufen immer dann, wenn sich die Daten nur unwesentlich geändert haben, das Verhalten der Vergangenheit auf die Zukunft übertragen wird und wenn von Preisdifferenzen stets auf Qualitätsdifferenzen geschlossen wird. (2) Aufgrund der beschränkten geistigen Kapazität ist der Mensch nur in der Lage, die Aufteilung von Teilplänen zu vollziehen und sich an vergangenen Bedürfnissen und Mitteln der Bedürfnisbefriedigung zu orientieren. Es ist zu beobachten, dass eine Desorientierung des Käufers eintritt, wenn er sich völlig neuen Preisen und Preisrelationen gegenübersieht (z. B. in einer Hyperinflation) oder wenn sich sein Einkommen extrem geändert hat (z. B. Lottogewinn). Im Folgenden wollen wir feststellen, unter welchen Bedingungen Rationalverhalten am ehesten zu erwarten ist: (a) bei Konsumentscheidungen, die einen bedeutenden Teil des Einkommens binden, (b) bei häufig wiederholten Käufen, wenn die Daten konstant bleiben, (c) bei starken Änderungen von Einkommen und Preisen, die zu einer Überprüfung vergangener Verhaltensweisen Anlass geben, (d) bei längerfristigem Rückgang des Einkommens und (e) bei Unternehmern eher als bei Haushalten. Dies folgt zum einen aus der Ethik des Geschäftslebens und zum anderen deshalb, weil der Wettbewerb häufig zur Ausscheidung des untüchtigen Unternehmers führt. Impuls- oder Affektverhalten Impuls- oder Affektverhalten stellt den extremen Gegenpol zum Rationalverhalten dar. Es ist scheinbar rein zufällig bestimmt und ökonomisch nicht näher erklärbar. Bei der Erklärung der Nachfrage würde dies z. B. bedeuten, dass die ökonomischen Variablen Einkommen und Preis keine Berücksichtigung finden. Impuls- oder Affektverhalten wird man vornehmlich bei Bagatellkäufen und Gütern, die den Schönheitssinn ansprechen, vorfinden. Welche Ausgabe infolge der relativen Geringfügigkeit als Bagatellausgabe empfunden wird, hängt von den Persönlichkeitseigenschaften des Konsumenten ab, sowie von (a) seinem Einkommen, (b) der seit dessen Auszahlung vergangenen Zeitspanne, (c) der wöchentlichen Beschäftigungszeit, (d) den Kaufgewohnheiten der sozialen Umgebung. Von besonderem Interesse ist die Frage, welcher Einfluss vom Affektverhalten auf den Verlauf der Preis-Mengen-Beziehung (Nachfragekurve) zu erwarten ist. Wir gehen von der Annahme aus, dass die Wahrscheinlichkeit der Ausgabe jeder Ein- 26 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten kommenseinheit für jedes einzelne Gut gleich groß ist. Daraus folgt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gut gewählt wird, sich umgekehrt proportional zu seinem Preis verhält. Ist der Preis niedrig, so ist es für ein Gut wahrscheinlicher, im stochastischen Irrweg der Konsumwahl genügend Einkommenseinheiten auf sich zu vereinen und gekauft zu werden. Daraus folgt, dass wir auch bei Affektverhalten mit fallenden Nachfragekurven rechnen können. Gewohnheitsverhalten Gewohnheitsverhalten ist abhängig von früheren Konsumakten. Es beruht überindividuell auf bestehenden sozialen Traditionen, individuell auf dem psychischen Widerstand gegenüber einer Änderung des Verhaltens. Typische Beispiele für Gewohnheitsverhalten sind die Übernahme der Konsumgewohnheiten von Eltern und Freunden. Allerdings kann Gewohnheitsverhalten auch Ausdruck eines rationalen Verhaltens sein. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass bei ständig wiederkehrenden Käufen möglicherweise aufgrund einer vergangenen rationalen Überlegung eine ‚richtige‘ Entscheidung gefällt worden ist und dass man daher bei unveränderten Daten den gleichen Kauf ohne neue Überlegungen wieder tätigen kann. Gewohnheitsverhalten wird häufig bei Nahrungsmittelkäufen der Haushalte zu erwarten sein. Aber auch im Handel ist bei der Festsetzung der Spannen Gewohnheitsverhalten beobachtet worden. So hat zum Beispiel eine empirische Untersuchung über die Preiskalkulation der Gaststätten in den USA ergeben, dass die Gaststätten jeweils eine konstante Relation von 0,4 zwischen Gesamtkosten für Nahrungsmittel und Essenspreis zugrunde legen. Bei Nahrungsmittelkosten von 0,4 US $ wurde demnach für das Essen ein Preis von 1 US $ verlangt. Stiegen die Nahrungsmittelkosten auf 0,60 US $, so wurden die Preise für das Essen auf 1,50 US $ erhöht. Die Differenz stieg somit von 60 auf 90 cents. Eine Befragung zeigte, dass die Maßnahme nur ergriffen wurde, weil die Gastwirte meinten, es sei richtig, dass sich ein Gastwirt so verhält. Das ‚Nahrungsmittelkosten-Prinzip‘ wurde also unvermindert beibehalten, weil die Tendenz besteht, Prinzipien, die man einmal in ihrem ursprünglichen Zusammenhang als sinnvoll erkannt hat, unreflektiert von einer Situation auf die andere zu übertragen. Auch bei Gewohnheitsverhalten ist mit fallenden Nachfragekurven auf den Märkten zu rechnen, da sich für einzelne Haushalte als Folge von Preisänderungen die Wahlmöglichkeiten verändern. Sozial abhängiges Verhalten Bei dieser Verhaltensweise tritt die Abhängigkeit von den Aktivitäten und Normen der Mitmenschen und deren Wertschätzung in den Vordergrund. Güter werden aus Prestigegründen gekauft. Thorstein Veblen (Theorie der feinen Leute, 1899) hat am deutlichsten ausgesprochen, dass viele Konsumgüter nicht nur wegen ihres direkten Nutzens geschätzt werden, sondern (und nach ihm vor allem) wegen des durch sie vermittelten Prestiges, wegen des sozialen Status, den sie ausdrücken und gleichzeitig auch mitformen. Veblen betont, dass große Teile des Konsums nur angestrebt werden, um sich sozial von den Mitmenschen zu diffe- 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 27 renzieren und deren Neid zu erwecken. „Man verfolgt mit der Anhäufung von Gütern nichts anderes, als sich eine hohe Stellung in der Gesellschaft zu erobern“. Insbesondere lassen sich bei sozial abhängigem Verhalten drei Effekte unterscheiden: (1) Veblen-Effekt Man spricht vom Veblen-Effekt, wenn ein Anstieg des Nutzens eines Gutes mit steigendem Preis festzustellen ist. Als Beispiel mag gelten, dass einzelne Käufer Markenware bevorzugen, selbst wenn bekannt ist, dass qualitativ gleiche Waren als No-Name-Produkte angeboten werden. (2) Snob-Effekt Ein Gut wird hoch geschätzt, weil es nur von wenigen konsumiert werden kann. Auf die Exklusivität des Konsums wird besonderer Wert gelegt. (3) Mitläufer-Effekt Eine Zunahme des Nutzens wird bewirkt durch eine Zunahme der Zahl der Konsumenten. Das kann bedeuten, dass der Nutzen mit steigenden Preisen steigt, muss es aber nicht. Es hängt davon ab, ob mit Zunahme des Konsums eines Gutes die Produktionskosten und die Preise des Gutes steigen werden oder nicht. Ein stets aktuelles Beispiel kann aus dem Bereich der Mode gegeben werden: Bereitwillig finden wir eben die Dinge schön, die gerade Mode sind. Bezüglich des Verlaufs der Nachfragekurve können wir feststellen, dass der Veblen-Effekt auf jeden Fall zu anomalen Nachfragekurven führt. Beim Mitläufer- Effekt kann dieses eintreten, es braucht aber nicht der Fall zu sein. Im Folgenden werden wir uns im Wesentlichen mit der klassischen ökonomischen Theorie der Nachfrage, die Rationalverhalten unterstellt, beschäftigen. Nach der bisherigen Diskussion erscheint es jedoch fragwürdig, ob eine weitgehende Beschränkung auf die ökonomische Theorie der Nachfrage sinnvoll ist. Oben wurde zugestanden, dass reines Rationalverhalten nicht als Regelfall, sondern eher als Ausnahme erwartet werden kann. Wäre es dann nicht sinnvoll, sich mehr mit den anderen Verhaltensweisen der Nachfrager zu beschäftigen? Gründe für das Primat der ökonomischen Theorie der Nachfrage Trotz der zunächst auf der Hand liegenden Einwände gegen eine vorrangig zu behandelnde ökonomische Theorie der Nachfrage kann das Vorgehen mit folgenden Gründen gerechtfertigt werden: (1) Die Annahme von Rationalverhalten erlaubt es, den Einfluss ökonomischer Variablen auf die Nachfrage zu untersuchen. Umgekehrt können wir auch folgern: Die Variablen Preise und Einkommen haben einen Einfluss auf die Nachfrage, weil ein Teil des Nachfrageverhaltens trotz aller Einwände auf Rationalverhalten beruht. (2) Wollte man eine Nachfragetheorie unter Einbezug aller reinen Typen von Konsumakten als empirisch angelegte Theorie konzipieren, so würde man auf große Schwierigkeiten stoßen. Es dürfte schwer fallen, allgemein akzeptable Indikatoren 28 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten dafür zu finden, ob und in welchem Ausmaß Impuls- bzw. Affekt-, Gewohnheitsverhalten oder sozial abhängiges Verhalten vorliegt. Der reine Pragmatismus zwingt uns daher, uns zunächst und vornehmlich auf jene die Nachfrage beeinflussenden ökonomischen Variablen zu beschränken, die intersubjektiv nachvollziehbar sind. Die ökonomische Theorie der Nachfrage kann dabei als Ausgangsbasis oder Baustein einer umfassenderen Theorie der Nachfrage dienen. (3) In der Tat sind die Grenzen der ökonomischen Theorie der Nachfrage nicht so eng, wie es zunächst erscheinen mag: Nimmt man an, dass sich die Variablen, die Affekt-, Gewohnheitsverhalten und sozial abhängiges Verhalten bestimmen, entweder im Zeitablauf nicht verändern oder aber die Nachfrage insgesamt und deren Struktur nur mit stetigem Trend beeinflussen, dann sind sie nicht zu quantifizieren. Auf jeden Fall können aber Prognosen der Nachfrage bei Einkommens- und Preis- änderungen getroffen werden. Im Übrigen kann die Brauchbarkeit der ökonomischen Theorie der Nachfrage gemessen werden, wenn man sich auf einige weithin akzeptierte Kriterien beruft. Diese sind (a) die Möglichkeit der Falsifikation und (b) die Treffsicherheit von Prognosen. Das Kriterium (a) wurde bereits oben (Kapitel 1.1) ausgiebig diskutiert. Mit der Bedingung (b) wollen wir ausdrücken, dass die Aufgabe der ökonomischen Theorie auch darin zu sehen ist, Entscheidungshilfen zu geben. Dies kann sie aber nur dann tun, wenn sie mit genügender Treffsicherheit Prognosen erstellen kann. Aus den genannten Gründen scheint es gerechtfertigt, die ökonomische Theorie der Nachfrage in den Mittelpunkt der folgenden Ausführungen zu stellen. 2.2.2 Bestimmungsfaktoren der Nachfrage bei Rationalverhalten Mit Hilfe der ökonomischen Theorie der Nachfrage kann gezeigt werden, in welcher Weise die Nachfrage eines Haushalts nach Konsumgütern sowohl von objektiven als auch von subjektiven Faktoren abhängt. Allgemein kann eine Nachfragefunktion, die anzeigt, von welchen Variablen die Nachfrage abhängt, wie folgt formuliert werden: D D1 1 1 2q q (p ,p ,Y, ). (2.1) Hierbei gilt: D 1q = nachgefragte Menge von dem Produkt 1 1p = Preis des Produktes 1 2p = Preis für alle Güter, die außer dem Gut 1 in den Begehrkreis des Haushalts fallen Y = Einkommen des Haushalts = Bedürfnisstruktur und Präferenzen des Haushalts. In der ökonomischen Theorie der Nachfrage wird nun so vorgegangen, dass jede einzelne nachfragebestimmende Variable, also p1, p2, Y und λ, isoliert in ihrer 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 29 Wirkung auf die nachgefragte Menge untersucht wird. Es wird also eine ceteris paribus-Betrachtung durchgeführt. Dabei wird unterstellt, dass lediglich ein einzelner nachfragebestimmender Faktor variiert wird, alle anderen aber konstant bleiben. Untersucht man die Beziehung zwischen der nachgefragten Menge des betrachteten Produkts und dem Produktpreis, so unterstellt man somit folgende Gleichung: D D1 1 1 2q q (p ,p ,Y, ). (2.2) Der Querstrich über den Variablen deutet hierbei an, dass der Einfluss dieser Variablen als unverändert angesehen wird. Gleichung (2.2) wird häufig vereinfacht auch in der folgenden Form geschrieben: D D1 1 1q q (p ). (2.3) 2.2.2.1 Das Konzept der Nachfragekurve Die funktionale Beziehung zwischen der nachgefragten Menge und dem Produktpreis (Gleichung (2.3)) stellt die Nachfragekurve dar. Im Regelfall wird die Nachfragekurve, wie mit Hilfe der ökonomischen Theorie der Nachfrage gezeigt werden kann, einen fallenden Verlauf aufweisen: Die nachgefragte Menge wird umso höher sein, je niedriger der Preis ist. Diese Hypothese wird wie folgt abgeleitet: Im ersten Schritt wird untersucht, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, wenn sich ein Individuum im Gleichgewicht befindet. Als Gleichgewicht wird dabei die Situation bezeichnet, bei der kein Anlass besteht, die Wirtschaftspläne zu revidieren. In dieser Situation stimmen demnach die Erwartungen mit den objektiven Gegebenheiten überein. Die Gleichgewichtssituation besagt somit auch, dass sich der Haushalt im Optimum befindet. Um Gleichgewichts- oder Optimalbedingungen darzustellen, sind Informationen über die Ziele der einzelnen Individuen notwendige Voraussetzung. In der Theorie des Haushalts, in der die Nachfrage der einzelnen Individuen ökonomisch erklärt wird, wird als Hypothese unterstellt, dass die Wirtschaftssubjekte eine Maximierung des Nutzens anstreben. Folglich besteht der erste Schritt der ökonomischen Theorie der Nachfrage darin, zu zeigen, bei welchen Nachfragemengen der Nutzen des Individuums maximiert wird. Im zweiten Schritt wird dann gezeigt, wie sich die nachgefragten Mengen verändern, wenn sich die Rahmenbedingungen, die das ursprüngliche Gleichgewicht bestimmten, geändert haben. Das Haushaltsgleichgewicht und die Wirkung von Preisänderungen sollen im Folgenden grafisch veranschaulicht werden2. Im Schaubild 2.1 wird unterstellt, dass eine substitutionale Beziehung zwischen den Produkten vorliegt. Eine solche Annahme beinhaltet, dass mit den beiden betrachteten Gütern q1 und q2 die gleichen Grundbedürfnisse befriedigt werden können. Das Individuum ist daher bereit, eine Einheit des einen Gutes gegen bestimmte Einheiten des anderen Gutes einzutauschen, ohne dass sich das Nutzenniveau des Individuums verändert. Dieser Sach- 2 Es wird davon ausgegangen, dass aus den einführenden Lehrveranstaltungen zur Volkswirtschaftslehre Grundkenntnisse der ökonomischen Theorie der Nachfrage vorhanden sind. 30 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten verhalt wird durch eine Indifferenzkurve dargestellt. Die Indifferenzkurve gibt den geometrischen Ort aller Güterkombinationen an, die für das Individuum ein gleiches Nutzenniveau ergeben. Indifferenzkurven zeigen mit zunehmender Entfernung vom Koordinatenursprung ein zunehmendes Nutzenniveau. Es gibt unendlich viele solcher Funktionen, wenn die Wünsche des betrachteten Individuums unendlich sind. Nutzenmaximierende Individuen werden sich bemühen, im Rahmen ihrer objektiven Möglichkeiten die höchste Indifferenzkurve zu erreichen. q21q22 B1 q11 q12 q1 q2 A2 A1 A0 I1 I2 B3 B2 Substitutionseffekt Einkommenseffekt Schaubild 2.1: Wirkung einer Preissenkung auf die nachgefragten Mengen bei substitutionalen Beziehungen zwischen den Produkten Das Individuum wird in seinen Bestrebungen, den Nutzen zu maximieren, durch objektive Gegebenheiten begrenzt. In der ökonomischen Theorie der Nachfrage wird angenommen, dass das Einkommen sowie die Produktpreise für den Einzelnen gegeben sind. Daraus folgt, dass der Einzelne lediglich Wahlmöglichkeiten im Rahmen dieser Gegebenheiten hat. Die dem Einzelnen offen stehenden Alternativen werden durch die Bilanzgerade (Budgetgerade) charakterisiert. Die Bilanzgerade ist der geometrische Ort aller Güterkombinationen, die das einzelne Individuum bei gegebenem Einkommen und gegebenen Preisen maximal verwirklichen kann. Während die Indifferenzkurve die subjektiven Wünsche des Individuums charakterisiert, gibt die Bilanzgerade die objektiven Möglichkeiten an. Die geometrische Darstellung der Bilanzgeraden wird zweckmäßigerweise so vorgenommen, dass zunächst die Achsenabschnitte berechnet werden. Hierbei geht man von folgender Definitionsgleichung aus: 1 1 2 2Y p q p q . (2.4) Diese Gleichung kennzeichnet die Bilanzgerade. Die Achsenabschnitte dieser Gleichung kann man erhalten, indem man alternativ die Nachfragemengen q1 und q2 gleich Null setzt. Als Ergebnis erhält man dann jeweils die Nachfragemengen 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 31 der einzelnen Produkte, die das Individuum nachfragen könnte, wenn es auf das andere Produkt vollkommen verzichten würde. Oben wurde bereits bei der Definition des Gleichgewichts betont, dass im Gleichgewicht die Erwartungen des Individuums mit den objektiven Gegebenheiten übereinstimmen müssen. Daraus folgt, dass das Individuum von den möglichen objektiven Gegebenheiten, die durch die Bilanzgerade charakterisiert werden, diejenige ausfindig zu machen hat, bei der die subjektiven Wünsche maximiert werden. Offensichtlich muss das Optimum ein Berührungspunkt von Indifferenzkurve und Bilanzgerade sein. An diesem Punkt erreicht der Haushalt das höchstmögliche Nutzenniveau. Im Schaubild 2.1 wird davon ausgegangen, dass die ursprüngliche Situation durch die Bilanzgerade B1 und die Indifferenzkurve I1 gekennzeichnet ist. Bei diesen Gegebenheiten wird der Optimalpunkt A0 verwirklicht. An diesem Punkt fragt das Individuum die Mengen q11 und q21 nach. Sinkt der Preis des Gutes 1, so werden sich für den Haushalt die objektiven Wahlmöglichkeiten verändern. Dieses wird charakterisiert durch eine neue Bilanzgerade. Es kann folglich ein höheres Nutzenniveau, das durch die Indifferenzkurve I2 dargestellt ist, realisiert werden. Im Schaubild 2.1 wird dieser Sachverhalt durch die neue Bilanzgerade B2 ausgedrückt. Der neue Optimalpunkt ist jetzt A2 mit den Nachfragemengen q22 und q12. Die Wirkung von Preisänderungen können wir für den Fall substitutionaler Beziehungen zwischen den Produkten logisch in zwei Effekte zerlegen: (a) Die Preissenkung (Preiserhöhung) eines einzelnen Produktes hat für den Haushalt die gleiche Wirkung wie eine Einkommenserhöhung (Einkommenssenkung). Es wird sich daher ein Einkommenseffekt in der Nachfrage bemerkbar machen. Grafisch drückt sich dieser Effekt in einer Parallelverschiebung der Bilanzgerade B1 nach B3 aus, wobei B3 die neue Indifferenzkurve I2 tangiert. Man erhält dann den Optimalpunkt A1. Der Übergang von A0 zu A1 ist also die Folge des Einkommenseffekts. Die Nachfragemengen gemäß Punkt A1 würden realisiert werden, wenn bei gleichen Preisrelationen wie in der Ursprungsperiode das Einkommen so gestiegen wäre, dass statt der alten Bilanzgeraden B1 die hypothetische Bilanzgerade B3 verwirklicht worden wäre. (b) Da die Preisänderung eines einzelnen Produktes zu einer Änderung der Preisrelation führt, wird der Haushalt das relativ teurere Produkt durch das relativ billigere Produkt substituieren. Es wird also auch ein Substitutionseffekt eintreten. Der Gesamteffekt von A0 nach A2 kann in den Einkommenseffekt (Übergang von A0 nach A1) und den Substitutionseffekt (Übergang von A1 nach A2) zerlegt werden. Da der Gesamteffekt einer Preisänderung sich im Falle substitutionaler Beziehung zwischen den Produkten stets aus zwei Teileffekten ergibt, kann lediglich eine eindeutige Aussage über die Richtung des Gesamteffekts getroffen werden, wenn die Richtung der Teileffekte gleich ist. Bezüglich des Substitutionseffekts kann erwartet werden, dass stets von dem relativ billiger werdenden Gut mehr und von dem relativ teurer werdenden Gut weniger nachgefragt wird. Nicht so eindeutig ist dagegen die Wirkung des Einkommenseffekts. Hier ist zu unterscheiden zwischen 32 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Gütern, die absolut superior und die absolut inferior nachgefragt werden. Werden Güter absolut superior nachgefragt, so wird mit steigendem Einkommen stets mehr und mit sinkendem Einkommen stets weniger von diesem Gut nachgefragt. Dieses dürfte die Regel sein. In diesem Fall sind Einkommens- und Substitutionseffekt gleichgerichtet. Bei absolut inferioren Gütern dagegen wird mit steigendem Einkommen weniger und mit sinkendem Einkommen mehr nachgefragt. Daraus folgt, dass bei sinkenden Produktpreisen der Substitutionseffekt stets positiv, der Einkommenseffekt aber im Fall absolut inferiorer Güter negativ ist. Wir können daher über die Richtung des Gesamteffekts keine eindeutige Hypothese aufstellen. Empirisch ist dieser Sachverhalt durch den Giffenschen Fall belegt. Giffen stellte im 19. Jahrhundert fest, dass in armen englischen Haushalten die Brotnachfrage mit steigenden Brotpreisen stieg. Eine solche Beobachtung deutet darauf hin, dass die Wirkung des Einkommenseffekts einer Brotpreisänderung größer war als die Wirkung des Substitutionseffekts. Die Wirkung von Einkommens- und Substitutionseffekt soll in Übersicht 2.4 nochmals veranschaulicht werden. Sind die Beziehungen zwischen den Gütern in der Nachfrage komplementär, so wird die Preisänderung eines Gutes stets eindeutig die Richtung der Nachfrage- änderung bestimmen3. Dieser Sachverhalt kann durch Schaubild 2.2 veranschaulicht werden. Bei komplementärer Beziehung zwischen den Produkten verlaufen die Indifferenzkurven rechtwinklig gegen den Ursprung. Eine Substitution zwischen den beiden Produkten q1 und q2 ist nicht möglich. Eine Erhöhung des Nutzenniveaus kann nur verwirklicht werden, wenn mit einer Ausweitung des Konsums von Gut 1 gleichzeitig auch der Konsum von Gut 2 erhöht wird. In diesem Fall erfolgt der Übergang von dem Optimalpunkt A0 zu dem neuen Optimalpunkt A2 lediglich aufgrund des Einkommenseffekts. Folglich kann für diesen Fall gesagt werden, dass die Wirkung einer Preisänderung abhängig ist von der Klassifikation der Güter in absolut inferior oder absolut superior. Bei absolut inferioren Gütern wird Substitutionseffekt Einkommenseffekt Gesamteffekt Gut 2 absolut superior absolut inferior q2 q2 q2 q2 q2 q2 Gut 1 absolut superior absolut inferior q1 q1 q1 q1 q1 q1 Übersicht 2.4: Wirkung von Einkommens- und Substitutionseffekt bei gestiegenem Preis des Gutes 2 3 Dies gilt natürlich nur dann, wenn nur diese beiden Güter nachgefragt werden. Werden dagegen außer den beiden in komplementärer Beziehung stehenden Gütern andere Güter nachgefragt, die in substitutiver Beziehung zu den beiden komplementär nachgefragten Produkten stehen, so kann die Nachfrageänderung für die komplementären Güter als Folge von Einzelpreisänderungen ohne Kenntnis der Richtung des Einkommenseffektes nicht vorhergesagt werden. 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 33 bei einer Preissenkung eines Gutes die nachgefragte Menge nach diesem Gut zurückgehen. Bei superioren Gütern dagegen wird die nachgefragte Menge steigen (Schaubild 2.2). B2 B1 q1 q2 I1 I2 A0 A2 q21 q22 q12 q11 I1 I2 Schaubild 2.2: Wirkung einer Preissenkung auf die nachgefragten Mengen bei komplementärer Beziehung zwischen den Produkten Da insbesondere mit steigendem Volkseinkommen je Kopf der Bevölkerung die Zahl der absolut inferior nachgefragten Güter rückläufig ist, dürfen wir für entwickelte Volkswirtschaften diesen Fall als Ausnahmeerscheinung betrachten. Wir können daher in unseren weiteren Betrachtungen davon ausgehen, dass mit fallenden Produktpreisen die nachgefragte Menge nach dem Produkt steigt. Aggregation von individuellen Nachfragekurven Von der individuellen Nachfragekurve kann die Marktnachfragefunktion durch horizontale Addition der individuellen Nachfragemengen bei gegebenen Preisen ermittelt werden (Schaubild 2.3). Für die Marktnachfragekurve gilt somit folgende Funktion: m D D M K k 1 q q (2.5) K = 1,..., m = Zahl der Individuen D DM M 1 2q q (p ,p ,Y,V,B,T, ) (2.6) 34 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten mit D Mq = Marktnachfrage Y = Summe des Konsumeinkommens aller Haushalte oder Individuen V = Verteilung des Konsumeinkommens auf die Haushalte B = Bevölkerungszahl T = Struktur der Bevölkerung nach Alter, Erwerb, Verzehrgewohnheiten. Die anderen Symbole haben die gleiche Bedeutung wie bei Gleichung (2.1). p p q q q a b a b p Schaubild 2.3: Horizontale Aggregation individueller Nachfragekurven zur Marktnachfragekurve Bei der Analyse der Marktnachfrage hat man somit mehr Variablen zu berücksichtigen als bei der Analyse der individuellen Nachfrage. Da das Konzept der Marktnachfragekurve als ein wesentlicher Baustein der landwirtschaftlichen Marktlehre betrachtet werden kann, müssen wir uns im Folgenden etwas mehr mit dieser Kurve befassen. Um die Ausdrucksweise in der ökonomischen Analyse zu vereinfachen, wird in der Regel folgende sprachliche Differenzierung vorgenommen: Verändert sich die nachgefragte Menge aufgrund von Preisänderungen, bewegt man sich also auf der Nachfragekurve, so spricht man von einer Veränderung der nachgefragten Menge. Verändert sich dagegen die nachgefragte Menge als Folge der Veränderungen der Nachfragekurve (verlagert sich also die Nachfragekurve gegen den Ursprung oder vom Ursprung weg), so spricht man von einer Veränderung der Nachfrage. Daraus folgt, dass Veränderungen der nachgefragten Menge stets auf Produktpreisänderungen zurückgehen, während eine Veränderung der Nachfrage grundsätzlich nichts mit Produktpreisänderungen zu tun hat. Im Folgenden wollen wir uns mit diesen beiden Aspekten etwas intensiver beschäftigen. Veränderungen der nachgefragten Menge werden durch den Verlauf der Nachfragekurve charakterisiert. Informationen über die Nachfragekurve werden in der Agrarmarktanalyse in der Regel durch den Begriff der Elastizität vermittelt. Mit der Elastizitätsanalyse, die im Mittelpunkt der Agrarmarktanalyse steht, müssen wir uns daher im Folgenden befassen. 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 35 Preiselastizität der Nachfrage Es wäre auch denkbar, dass man den Verlauf einer Nachfragekurve durch die Neigung der Funktion charakterisiert. Dies hätte allerdings den erheblichen Nachteil, dass die Neigung der Funktion auch von der Wahl des Maßstabes für Menge und Preis abhängig wäre. Wir könnten dann nicht ohne weiteres die Angaben über unterschiedliche Neigungen der Nachfragekurve vergleichen. Um diese Probleme zu umgehen, arbeitet der Ökonom in der Regel mit dem Begriff der Elastizität. Elastizitäten geben grundsätzlich an, welche Beziehung zwischen der prozentualen Änderung der abhängigen Variablen und der prozentualen Änderung der unabhängigen Variablen besteht. Mit den Begriffen „abhängige“ und „unabhängige“ Variablen soll angedeutet werden, dass es nur dann sinnvoll ist, Elastizitäten zu berechnen, wenn die eine Größe funktional von der anderen Größe abhängt. Diejenige Größe, die funktional von der anderen bestimmt wird, nennen wir die „abhängige“ Variable, während die Größe, die den Wert einer Funktion bestimmt, die also als Datum aufgefasst werden muss, als „unabhängige“ Variable bezeichnet wird. Die Verwendung von Elastizitäten bietet darüber hinaus noch einen anderen Vorteil: Der Ökonom interessiert sich nicht nur für absolute Änderungen, die eintreten, wenn sich irgendeine unabhängige Variable verändert. Von größerer Bedeutung sind für ihn häufig die prozentualen Änderungen. Wir möchten Auskunft über die prozentuale Änderung des Sozialprodukts im Zeitablauf (Wachstumsrate) geben, über die prozentuale Änderung des Preisniveaus im Zeitablauf (Inflationsrate), aber weniger über den absoluten Anstieg des Sozialprodukts oder der Preise4. Informationen über die Beziehungen zwischen diesen prozentualen Änderungen der Variablen gibt uns die Elastizität. Eine Systematik über die Preiselastizitäten der Nachfrage gibt Übersicht 2.5. Da die Nachfrage, wie bereits oben angegeben, sowohl in Mengeneinheiten als auch monetär ermittelt werden kann, gibt es sowohl Elastizitätskoeffizienten der mengenmäßigen Nachfrage (= Mengennachfrage) als auch der monetären Nachfrage. Ist man lediglich an Informationen über die Wirkung von Preisänderungen eines bestimmten Produkts auf die Ausgaben oder Nachfragemengen dieses bestimmten Produkts interessiert, so spricht man von der direkten Preiselastizität der Nachfrage oder häufig auch nur einfach von der Preiselastizität der Nachfrage. Benötigt man dagegen Informationen über die Wirkung von Preisänderungen eines Produkts auf die nachgefragten Mengen eines anderen Produkts oder die Ausgaben für ein anderes Produkt, so spricht man von der indirekten Preiselastizität oder der Kreuzpreiselastizität der Nachfrage. Für das Arbeiten mit der direkten Preiselastizität der Mengennachfrage sind folgende Aussagen von Bedeutung: (1) Vorzeichen der Preiselastizität: Im Regelfall ist die Preiselastizität der Mengennachfrage negativ. Mit steigenden Preisen wird die Nachfrage in der Regel zurückgehen. Der Wert des Koeffizienten dq/dp wird also negativ sein. 4 Für die meisten Menschen sind Informationen über absolute Änderungen nicht sehr informativ, da es ihnen schwer fällt, eine solche Änderung zu werten. Bei Informationen über relative Änderungen fällt eine Bewertung leichter. Relative Änderungen geben an, mit welchen prozentualen Schritten sich eine Variable geändert hat. Diese Information ist daher leichter zu verarbeiten. 36 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten (2) Höhe der Preiselastizität: Im Regelfall wird die Preiselastizität kurzfristig absolut kleiner sein als mittel- oder langfristig, da Anpassungsprozesse an geänderte ökonomische Variablen Zeit beanspruchen. Direkte Preiselastizität Indirekte Preiselastizität (= Kreuzpreiselastizität) der mengenmäßigen Nachfrage 1 1 1 1 q ,p 1 1 dq q dp p der mengenmäßigen Nachfrage der monetären Nachfrage 1 1 1 1 A ,p 1 1 dA A dp p der monetären Nachfrage 1 2 1 1 q ,p 2 2 dq q dp p 1 2 1 1 A ,p 2 2 dA A dp p Übersicht 2.5: Preiselastizitäten der Nachfrage (3) Preiselastizität in Abhängigkeit von der Preishöhe: Im Regelfall wird die Grö- ße der Preiselastizität der Mengennachfrage abhängig sein von der Preishöhe. Dies soll durch Schaubild 2.4 veranschaulicht werden. m n p a T O p1 p0 S V qq0 q1 A Δ p Δ q 1 1 1: L : elastischer Bereich unelastischer Bereich Schaubild 2.4: Grafische Bestimmung der Preiselastizität der Mengennachfrage 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 37 Für 0 0 dq q dp p (2.7) kann auch geschrieben werden: 0 0 pdq . dp q (2.8) Bei Verwendung der im Schaubild 2.4 bezeichneten Abschnitte ist dq TV dp ST (2.9) und 0 0 p OT q OA . (2.10) Da TV OA (2.11) folgt: dq OA . dp ST (2.12) Setzt man diese Strecken in die Definitionsformel für die Elastizität ein, so erhält man: OA OT OT . ST OA ST (2.13) Nach dem ersten Strahlensatz gilt: OT LV m . nST VS (2.14) Aus Schaubild 2.4 kann man auch ersehen, dass in jedem Punkt der Nachfragekurve eine andere Elastizität gilt. Liegt eine lineare Nachfragekurve vor, so durchläuft die Elastizität alle Werte von Null (Schnittpunkt der Geraden mit der Abszisse) bis unendlich (Schnittpunkt der Geraden mit der Ordinate). Die Höhe der Elastizität ist stets ablesbar an dem Streckenverhältnis m zu n. Im oberen Bereich der Nachfragekurve haben wir stets eine Elastizität von absolut größer als Eins (|ε| > 1, da m > n) und im unteren Verlauf der Nachfragekurve eine Elastizität von absolut kleiner als Eins (|ε| < 1, da m < n). Ist |ε| > 1 spricht man von preiselastischer Nachfrage. Ist |ε| < 1 spricht man von preisunelastischer Nachfrage. 38 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Diese Betrachtung macht deutlich, dass es eigentlich nicht sinnvoll ist, von einer elastischen oder unelastischen Nachfragekurve zu sprechen. Diese Aussage müsste ergänzt werden durch den Hinweis, bei welchem Preis, zum Beispiel p0, die Nachfragekurve elastisch oder unelastisch ist. Selbstverständlich kann das Verfahren der grafischen Bestimmung der Elastizitäten auch dann angewendet werden, wenn die Nachfragekurven nicht linear verlaufen. Verläuft zum Beispiel die Nachfragekurve wie im Schaubild 2.5 gezeigt und will man für den Preis p0 die Preiselastizität der nicht linearen Nachfragekurve bestimmen, so hat man an diesen Punkt eine Tangente zu legen. Die Elastizität erhält man dann wiederum durch Division der Strecken m und n auf der Tangente. Nachfragekurve n m p0 p q0 q Schaubild 2.5: Grafische Bestimmung der Preiselastizität bei nicht linearer Nachfragefunktion Es soll noch einmal durch ein algebraisches Beispiel veranschaulicht werden, dass die Preiselastizität eine Punktelastizität ist. Nehmen wir an, es gilt folgende Nachfragekurve: q 0,5p 200. (2.15) Wollen wir die Preiselastizität berechnen, so haben wir zunächst diese Funktion nach p zu differenzieren. Wir erhalten: dq 0,5. dp (2.16) Die Aufgabe soll darin bestehen, bei den Mengen 20 und 40 die Elastizität zu berechnen. Hier bedienen wir uns der Gleichung (2.8). Um p1 und p2 zu erhalten, wird die Nachfragefunktion (2.15) zunächst nach p umgestellt. Wir erhalten p = 400 – 2q. Für q1 = 20 erhalten wir p1 = 400 – 2 · 20 = 360 und p1/q1 = 18. Für q2 = 40 ergibt sich p2 = 400 – 2 · 40 = 320 und p2/q2 = 8. Die Elastizität erhalten wir jeweils durch Multiplikation mit dq/dp = –0,5 (vgl. Gleichung (2.16)); es ergibt ε1 = –9 und ε2 = –4. (4) Isoleastische Nachfragekurven als Ausnahmefall: Als Ausnahmefall kann die Elastizität für alle Punkte der Nachfragekurve identisch sein. In diesem Fall 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 39 spricht man von einer isoelastischen Nachfragekurve. Es gibt unendlich viele isoelastische Nachfragekurven5. Im Folgenden sind drei solche möglichen Nachfragekurven angegeben. Im Schaubild 2.6 (a) wird angenommen, dass die Nachfrager auf Preisänderungen nicht mit Mengenänderungen reagieren. Die Elastizität ist daher Null. Im Schaubild 2.6 (b) wird angenommen, dass die Nachfrage bei dem gegebenen Preis unendlich ist. Der Elastizitätskoeffizient ist daher unendlich. Im Schaubild 2.6 (c) wird unterstellt, dass die Nachfragekurve eine gleichseitige Hyperbel ist. Die Elastizität ist dann in allen Punkten der Nachfragekurve gleich minus Eins. a) ε = 0 b) Nachfragekurve Nachfragekurve c) Nachfragekurve p p q q p q 1 Schaubild 2.6: Ausgewählte isoelastische Nachfragekurven 5 Die allgemeine Funktion einer isoelastischen Nachfragekurve lautet: D1 1q p . Differenzieren dieser Funktion nach p1 führt zu: D 11 1 dq p dp . Setzt man in die Formel für die Elastizität D D 1 1 D 1 1 1 1 1 1 dq dq q dp dp q p p für D1 1q p und für D 11 1 dq p dp ein, so erhält man: ε = ε. 40 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten (5) Preiselastizität und steigendes Einkommen: Die Preiselastizität verändert sich mit steigendem Einkommen, denn steigendes Einkommen führt zu einer Verlagerung der Nachfragekurve. Bei absolut superioren Gütern wird sich die Nachfragekurve nach rechts verlagern und bei absolut inferioren Gütern nach links. Im Regelfall wird die Nachfragekurve mit steigendem Einkommen steiler verlaufen. Dies folgt aus der Erkenntnis, dass der Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der Abszisse die Sättigungsmenge angibt, also die Menge, die ein Haushalt konsumieren würde, wenn das Gut ein freies Gut wäre und den Preis Null hätte. Es ist nicht zu erwarten, dass der Haushalt die Sättigungsmenge ausdehnen wird, wenn sein Einkommen steigt. Daraus folgt, dass sich die Nachfragekurve normalerweise mit steigendem Einkommen um den Abszissenschnittpunkt drehen wird. Dieser Zusammenhang ist in Schaubild 2.7 aufgezeigt. n m p0 q m m ' n n ' p m' n' Schaubild 2.7: Änderung der Preiselastizität bei steigendem Einkommen (6) Die Bedeutung der Substitutionsbeziehungen für die Preiselastizität: Die Preiselastizität der Mengennachfrage gibt an, wie empfindlich der Haushalt mit seiner Nachfrage auf Preisänderungen reagiert. Der Haushalt wird bei einer Preiserhöhung die Nachfrage umso mehr einschränken, je mehr er auf Substitutionsgüter ausweichen kann. Es kann daher gefolgert werden, dass die Preiselastizität der Nachfrage umso größer sein wird, je mehr Substitutionsgüter zur Verfügung stehen und je enger die Substitutionsbeziehungen sind. Daraus folgt, dass die Preiselastizität für Nahrungsmittel insgesamt kleiner sein wird als für einzelne Nahrungsmittel (vgl. Schaubild 2.13). (7) Die Bedeutung der Ausgabenanteile für die Höhe der Preiselastizität: Je geringer der Anteil der Ausgaben für das betrachtete Produkt an den Gesamtausgaben ist, umso geringer ist der Einkommenseffekt einer Preisänderung. Daher wird i. d. R. die Preiselastizität der Mengennachfrage absolut umso kleiner sein, je geringer der Ausgabenanteil ist. (8) Die Beziehung zwischen Preiselastizität und Preisflexibilität: Nach der Kingschen Regel führt eine 1%ige Änderung der Erntemengen zu einer mehr als 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 41 1%igen Preisänderung. Der Zusammenhang dieser Aussage mit der Preiselastizität der Mengennachfrage wird unmittelbar einleuchtend, wenn man von Schaubild 2.8 ausgeht. qq2q0q1 p1 p p0 p2 A2A0A1 Schaubild 2.8: Beziehung zwischen Angebotsänderung und Preisänderung Im Schaubild 2.8 wird unterstellt, dass die laufende Erntemenge eines Jahres entweder q0, q1 oder q2 ist und vollständig nachgefragt wird. Damit diese unterschiedlichen Erntemengen auch von den Nachfragern nachgefragt werden, muss der Preis bei dem gegebenen Verlauf der Nachfragekurve entsprechend der Änderung der Angebotsmenge variieren. Im Schaubild 2.8 wird angenommen, dass sich bei der Angebotsmenge q0 stets der Preis p0 einstellt, während bei einer Verringerung des Angebots auf q1 sich der Preis p1 ergibt. Es ist unmittelbar aus Schaubild 2.8 abzulesen, dass die prozentuale Preisänderung wesentlich größer ist als die prozentuale Einschränkung der Menge. Umgekehrt stellen wir fest, dass bei einer Angebotsausweitung – wenn infolge einer guten Ernte nicht das Angebot q0 auf den Markt gebracht wird, sondern das Angebot q2 – sich der Preis p2 einstellen muss. Auch hier sieht man, dass die prozentuale Ausdehnung der Menge bedeutend geringer ist als die prozentuale Preissenkung. Die Beziehung zwischen prozentualer Preisänderung und prozentualer Mengenänderung dp/p : dq/q heißt Preisflexibilität. Die Preisflexibilität ist somit identisch mit dem Kehrwert der Preiselastizität der Mengennachfrage. Die Bedeutung der Preisflexibilität (bzw. Preiselastizität) für die Beziehung zwischen Angebotsänderungen und Preisänderungen soll durch ein Beispiel veranschaulicht werden. Nehmen wir an, die Preiselastizität der Mengennachfrage sei –0,2 und die Angebotsmenge steige um 10 %. Für die prozentuale Preisänderung erhält man: dp 1 dq . p q (2.17) 42 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Setzen wir in die Gleichung (2.17) obige Werte ein, so ergibt das: dp 1 0,10 0,5 p 0,2 (2.18) das heißt, der Preis würde um 50 % (= 0,5) sinken. (9) Die Bedeutung der Preiselastizität der Mengennachfrage für die Beziehung zwischen Preisänderungen und Ausgabenänderungen: Als Ausgabe bezeichnen wir die monetäre Nachfrage, also: A Ausgabe monetäreNachfrage p q. (2.19) Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie eine Preisänderung und eine daraus resultierende Mengenänderung zu einer Ausgabenänderung führt. Das Problem kann zunächst mit Schaubild 2.9 veranschaulicht werden: dp dq qq0q1 p p1 p0 Schaubild 2.9: Wirkung einer Preisänderung auf die Ausgaben Im Ausgangspunkt möge bei dem Preis p0 die Menge q0 nachgefragt werden. Die Ausgabe ergibt sich somit als Rechteck p0 · q0. Steigen nun die Preise um dp von p0 auf p1, so wird der Haushalt versuchen, diesem Preisdruck durch eine Einschränkung der Mengen auszuweichen. Als Folge wird er nun auf jeden Fall den höheren Preis p1 zu zahlen haben, aber er wird eine geringere Menge q1 nachfragen. Die neue Ausgabe ergibt sich somit als Fläche des Rechtecks p1 · q1. Entscheidend für die Beziehung zwischen Preisänderung und Ausgabenänderung ist also die Stärke der Reaktion des Haushalts auf Preisänderungen. Wenn der Haushalt seinen Verbrauch sehr stark reduziert, dann kann eine Preiserhöhung möglicherweise dazu führen, dass er insgesamt weniger für dieses Produkt ausgibt; bei einer relativ geringen Reaktionsfähigkeit hingegen würde der Haushalt mehr für dieses Produkt auszugeben haben. Die Reaktion des Haushalts auf Preisänderungen durch Änderung der nachgefragten Menge haben wir gekennzeichnet durch den Begriff der Preiselastizität der 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 43 Mengennachfrage. Somit haben unsere Überlegungen ergeben, dass für die Beziehung zwischen Preisänderungen und Ausgabenänderungen die Höhe der Preiselastizität der Nachfrage entscheidend sein muss. Dies soll noch einmal durch Schaubild 2.10 veranschaulicht werden. elastischer Bereich unelastischer Bereich monetäre Nachfrage A,p q A 1 A 2 A 3 A 0 p 3 p 2 p 1 p 0 = Ausgaben Schaubild 2.10: Beziehung zwischen monetärer und mengenmäßiger Nachfrage Befinden wir uns im elastischen Bereich der Nachfragekurve, so führt eine Preissteigerung dazu, dass der absolute Wert der prozentualen Änderung der nachgefragten Menge größer ist als die prozentuale Änderung des Preises; folglich sinken die Ausgaben insgesamt. Im unelastischen Bereich der Nachfragekurve (|ε| < 1, d. h. |dq/q| < |dp/p|, vgl. Gleichung (2.7)) hingegen führt eine Preissteigerung dazu, dass der absolute Wert der prozentualen Änderung der nachgefragten Menge kleiner ist als die prozentuale Änderung des Preises; als Folge steigen daher die gesamten Ausgaben. Im Folgenden soll der Zusammenhang zwischen Preisänderung und Ausgaben- änderung noch einmal algebraisch aufgezeigt werden. Laut Definition gilt: A p q. (2.20) Daraus erhält man durch totales Differenzieren: dA dp q p dq. (2.21) 44 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Die Division durch A bzw. p · q ergibt: dA dp q p dq A p q p q (2.22) dA dp dq A p q (2.23) dq dA dp q 1 dpA p p (2.24) oder auch dA dp (1 ). A p (2.25) Wenn die Preise steigen, dann ist dp/p, d. h. die prozentuale Änderung der Preise, positiv. Die prozentuale Änderung der Ausgaben, dA/A, wird positiv oder negativ sein, je nachdem, ob der Klammerausdruck (1+ε) positiv oder negativ ist. Da ε in der Regel ein negatives Vorzeichen hat, wird der Klammerausdruck immer dann negativ sein, wenn |ε| > 1 ist. In diesem Fall befinden wir uns im preiselastischen Bereich der Nachfragekurve; eine positive Preisänderung bewirkt eine negative Ausgabenänderung. Ist dagegen |ε| < 1, dann ist der Klammerausdruck positiv; steigende Preise führen zu steigenden Ausgaben. Dieser Zusammenhang ist nochmals in Übersicht 2.6 dargestellt (siehe auch das schematische Beispiel in Übersicht 2.7). (10) Die Bedeutung der Preiselastizität für die Grenzausgaben: Die Grenzausgaben geben an, um wie viele Einheiten sich die Ausgaben ändern, wenn sich die nachgefragte Menge um eine Einheit verändert (exakter: Die Änderung der Ausgaben bei einer infinitesimalen Änderung der nachgefragten Menge). Bei einem gegebenen Verlauf der Nachfragekurve kann sich aber eine Änderung der nachgefragten Menge nur als Folge einer Preisänderung einstellen. Daraus folgt bereits, dass es eine Beziehung zwischen der Preisänderung, der Elastizität und der Ausgabenänderung geben muss. Bevor dieses Problem analytisch geklärt wird, soll zunächst mit Hilfe eines schematischen Beispiels der Zusammenhang veranschaulicht werden (siehe Übersicht 2.7). Preiselastischer Bereich Preisunelastischer Bereich dq dp 1; q p dq dp 1; q p dq dp 1; q p Preis ↑ (Menge ↓) sinkt monetäre Nachfrage unverändert steigt Preis ↓ (Menge ↑) steigt monetäre Nachfrage unverändert sinkt Übersicht 2.6: Wirkung von Preisänderungen auf die monetäre Nachfrage 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 45 Preis p Menge q Elastizität ε Ausgabe A p q Grenzausgabe dA dq 1 8 –0,20 8 –6 Unelastischer Bereich 2 7 –0,38 14 –4 3 6 –0,64 18 –2 4 5 –0,89 20 –0,5 4,5 4,5 –1,22 20,25 +0,5 Elastischer Bereich 5 4 –1,57 20 +2 6 3 –2,60 18 +4 7 2 –5,00 14 +6 8 1 8 Übersicht 2.7: Beziehung zwischen Preisänderung und Ausgabenänderung für q = –p + 9 Für gegebene Preis-Mengen-Kombinationen können die entsprechenden Ausgaben und Grenzausgaben einfach ermittelt werden. Während man die Ausgaben durch Multiplikation der Preise mit den Mengen erhält, wird bei der Ermittlung der Grenzausgaben jeweils festgestellt, um wie viele Einheiten sich die Ausgaben bei Variation der Menge um eine Einheit ändern. Etwas problematischer ist die Berechnung der Elastizitäten. Oben haben wir festgestellt, dass die Elastizität als eine Punktelastizität definiert ist. Sie gilt nur für infinitesimale Änderungen auf der Nachfragekurve. Offensichtlich sind aber die Änderungen bei unserem schematischen Beispiel relativ groß, so dass wir diese einfache Formel der Punkt-Preiselastizität nicht anwenden können, um die Elastizitäten zu berechnen. Wir haben vielmehr das Konzept der Bogenelastizitäten zu verwenden. Es gilt: 2 1 2 11 2 1 2 1 2 2 1 2 1 1 2 1 21 2 q q q q qq q q q q q2 . p p p p p p p p pp p 2 (2.26) Relativ einleuchtend dürfte sein, dass man statt der infinitesimalen Änderung der Menge oder des Preises die beiden Mengen oder die beiden Preise voneinander subtrahiert (q2 – q1 anstatt dq). Würde man nun, wie bei der Ermittlung der Punkt- 46 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten elastizität, die Differenz jeweils nur durch die Ausgangsmenge und den Ausgangspreis dividieren, so würde man unterschiedliche Ergebnisse erhalten, je nachdem, ob man von einem höheren zu einem niedrigeren Preis geht oder von einem niedrigeren zu einem höheren Preis. Das ist ein nicht sehr sinnvolles Ergebnis. Um sich dem Konzept der Punktelastizität anzunähern, verwendet man daher die mittleren Mengen und den mittleren Preis. Werden die Mengen- und Preisänderungen infinitesimal, dann ist q1 annähernd gleich q2, so dass wir jeweils die Differenz der Mengen durch die Ausgangsmenge dividieren können. Das gleiche gilt für die Preise. Bei empirischen Berechnungen hat man somit stets das Konzept der Bogenelastizität anzuwenden. Wir stellen bei unserem Beispiel fest, dass die Bogenelastizität, wie erwartet, im unteren Bereich der Nachfragekurve absolut kleiner als Eins und im oberen Bereich absolut größer als Eins ist. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Grenzausgabe im unelastischen Bereich der Nachfragekurve negativ und im elastischen Bereich positiv ist. Im unelastischen Bereich sind Mengenänderungen und Ausgabenänderungen entgegengerichtet. Wird zum Beispiel die nachgefragte Menge als Folge einer Preissteigerung von 8 auf 7 verringert, dann steigt die Ausgabe von 8 auf 14. Da die Größen entgegengesetzt gerichtet sind, müssen die Grenzausgaben bei dieser Datenkonstellation negativ sein. Der Zusammenhang zwischen Grenzausgabe und Preiselastizität soll im Folgenden formal dargestellt werden. Ausgehend von der Definitionsgleichung für die Ausgaben erhalten wir: A p q (2.27) dA dp q p dq (2.28) Gleichung (2.28) durch dq geteilt ergibt: dA dp q p dq dq (2.29) dA q dp p 1 . dq p dq (2.30) Wegen dq p dp q gilt also: dA 1 p 1 . dq (2.31) Diese Relation wird auch die Amoroso-Robinson-Relation genannt6. Sie zeigt an, welche Beziehung zwischen der Grenzausgabe und dem Preis sowie der Preiselastizität besteht. Die Grenzausgabe kann nur dann positiv sein, wenn der Klammer- 6 Soll die Grenzausgabe direkt durch die Amoroso-Robinson-Relation berechnet werden, so ist zu beachten, dass diese Relation eigentlich nur für Punktbetrachtungen gilt. In der Empirie hat man daher sowohl Bogenelastizitäten als auch für p das arithmetische Mittel zwischen Ausgangs- und Endpreis einzusetzen. Soll z. B. die Grenzausgabe als Folge ei- 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 47 ausdruck ebenfalls positiv ist. Dies kann aber nur bei Elastizitätswerten eintreten, die absolut größer als Eins sind, also im elastischen Bereich der Nachfragekurve. Bei einer Preiselastizität von ε = –2 erhalten wir z. B. für den Klammerausdruck 0,5 und damit für die Grenzausgabe dA/dq = 0,5 p. Die Grenzausgaben sind stets kleiner als der Preis. Diese Aussage wird durch das schematische Beispiel bestätigt. Im preisunelastischen Bereich der Nachfragekurve sind die Grenzausgaben negativ, der Preis positiv. Folglich sind die Grenzausgaben kleiner als der Preis. Im preiselastischen Bereich der Nachfragekurve sind zwar die Grenzausgaben positiv, dennoch aber kleiner als der Preis. Da dieses Ergebnis auf etwas Unverständnis stoßen kann, soll es noch einmal mit Hilfe des Zahlenbeispiels veranschaulicht werden. Ausgangspunkt sei die Datenkonstellation, die durch den Preis 7 und die Menge 2 gekennzeichnet ist. Die Ausgaben betragen somit 14. Wenn nun der Preis gesenkt wird, kann der Haushalt mehr Güter einkaufen, in unserem Beispiel 3 statt bisher 2. Seine Gesamtausgaben steigen aber nicht um den Betrag 6, den er für diese zusätzliche Einheit ausgeben muss; der Haushalt hat für alle Einheiten, die er vorher zum Preis von 7 gekauft hat, nun weniger auszugeben, nämlich auch nur 6. So errechnen sich für ihn die Grenzausgaben als Differenz zweier Effekte: (a) Die Verbrauchssteigerung – als Folge der Preissenkung – bewirkt eine Erhöhung der Ausgaben, während (b) die Preissenkung für alle bisher gekauften Mengen zu einer Verringerung der Ausgaben führt. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie man die Grenzausgaben grafisch ermitteln kann. Will man die Grenzausgaben zu einem beliebigen Preis p0 ermitteln, so muss man in Höhe des Preises p0 durch die Ordinate eine Parallele zur Nachfragekurve (oder zur Tangente an die Nachfragekurve in Höhe des Preises p0) legen 7 (siehe Schaubild 2.11). Dort, wo diese Parallele das Lot von S ausgehend schneidet, erhalten wir die Grenzausgaben. Daraus ergibt sich, dass die Grenzausgaben bei der Hälfte der Sättigungsmenge Null sein müssen. In diesem Punkt ist das Streckenner Preisänderung von 5 auf 6 berechnet werden und gilt die oben zugrunde gelegte Nachfragefunktion, so ist zu berechnen: dA 1 5,5 1 1,9968. dq 1,57 Der Vergleich des Ergebnisses (1,9968) mit der tatsächlichen Grenzausgabe (2) zeigt, dass die Durchschnittsbetrachtung bei nicht infinitesimalen Änderungen nur Näherungswerte angibt. 7 Beweis: 0 p GA p OT ;p OT TV TV RS OT TV GA OT OT RS. OT 48 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten verhältnis m zu n gleich, somit die Preiselastizität gleich –1. Überprüfen wir dieses Ergebnis anhand unserer oben abgeleiteten Formel und setzen für ε = –1 ein, so erhalten wir für 1/ε = –1 für den Klammerausdruck Null und damit für die Höhe der Grenzausgabe ebenfalls Null. In der bisherigen Analyse der Nachfrage nach Konsumgütern haben wir uns mit dem Konzept der Nachfragekurve, Bewegungen auf der Nachfragekurve und Elastizitäten beschäftigt. Im Folgenden sollen die Ursachen der Verlagerung der Nachfragekurve, d. h. die Ursachen der Veränderung der Nachfrage entsprechend unserer oben angegebenen Terminologie, untersucht werden. Ausgehend von unseren oben angegebenen Funktionsgleichungen für die Bestimmung der nachgefragten Menge können wir feststellen, dass sich die Nachfragekurve grundsätzlich immer dann verändern wird, wenn sich einer der Bestimmungsfaktoren der Nachfrage, die bei der Ableitung der Nachfragekurve als konstant angenommen wurden, ver- ändert. Verlagerungen der Marktnachfragekurve werden also stets auftreten, wenn sich die Summe des Konsumeinkommens in der Volkswirtschaft verändert oder deren Verteilung, die Zahl der Bevölkerung sowie deren Struktur und/oder wenn sich die Preise anderer Produkte verändern. Im Folgenden soll der Effekt von Einkommensänderungen auf die Nachfragekurve untersucht werden. p p p GA GA T S R V V V T S R T S R qqq p0 p0 p0 0 0 0 m n Schaubild 2.11: Grafische Ermittlung der Grenzausgaben 2.2.2.2 Das Konzept der Engel-Kurve Oben wurde bereits bei der Darstellung des Haushaltsgleichgewichts gezeigt, dass das Einkommen als einer der nachfragebestimmenden Faktoren in die Planungs- überlegungen eines Haushalts eingeht. Das Einkommen wurde dabei als Beschränkung bei der Maximierung der individuellen Nutzenfunktion betrachtet (Zielbeschränkung bzw. Restriktion). Wenn wir im Folgenden den Einfluss der Variablen Einkommen auf die nachgefragte Menge untersuchen wollen, so unterstellen wir, dass in der oben postulierten Nachfragefunktion alle anderen Variablen außer dem Einkommen als konstant angesehen werden. Wir wenden also 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 49 auch hier die ceteris paribus-Bedingung an. Es wird demnach folgende Funktion untersucht: D Dq q (Y). (2.32) Eine solche funktionale Beziehung wird Engel-Kurve genannt (Schaubild 2.12). Mit der dargestellten Kurve wird unterstellt, dass das betrachtete Produkt erst ab einer bestimmten Einkommenshöhe nachgefragt wird. Dieses Einkommen ist im Schaubild 2.12 mit Y0 bezeichnet. Zwischen Y0 und Y1 steigt laut Schaubild 2.12 die nachgefragte Menge mit steigendem Einkommen. Steigt das Einkommen über Y1 hinaus, so steigt der Verbrauch des Gutes nicht mehr. Offensichtlich ist bei Y1 die absolute Sättigungsmenge erreicht. m n O C BA Y Y1Y0 Sättigungsmenge q einkommensunelastische Nachfrage einkommenselastische Nachfrage absolut superior relativ superior relativ inferior absolut inferior D E η = 1 Schaubild 2.12: Funktionale Beziehung zwischen Nachfrage und Einkommen (Engel-Kurve) Eine Klassifikation der Güter in Bezug auf die Beziehung zwischen Änderung der nachgefragten Menge und Einkommensänderung kann mit Hilfe der mengenmäßigen oder auch monetären Einkommenselastizität der Nachfrage vorgenommen werden. Laut Definition gilt für die Einkommenselastizität der Mengennachfrage: dq dq q dYoder auch . dY q Y Y (2.33) Selbstverständlich handelt es sich bei der Einkommenselastizität ebenso wie bei der Preiselastizität nur um eine Punktelastizität, d. h. es lässt sich lediglich ein bestimmter Elastizitätswert einer bestimmten Einkommenshöhe zuordnen. Dieser 50 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Sachverhalt kann insbesondere durch die grafische Ableitung des Elastizitätskoeffizienten veranschaulicht werden. Die Einkommenselastizität kann grafisch bestimmt werden, indem an die Engel- Kurve im Verbrauchspunkt eine Tangente angelegt wird. Bei Verwendung der im Schaubild 2.12 angegebenen Bezeichnung ergibt sich dann z. B. für den Punkt C die Elastizität wie folgt: CB OB OB DE CE n . mAB CB AB AB CB (2.34) Die grafische Bestimmung der Elastizität ermöglicht folgende Aussagen: Schneidet die Tangente an der Engel-Kurve die Ordinate im positiven Teil, dann ist die Einkommenselastizität kleiner als Eins. Verläuft die Tangente durch den Ursprung, so ist in diesem Punkt der Engel-Kurve die Einkommenselastizität gleich Eins. Schneidet die Tangente die Ordinate im negativen Teil bzw. die Abszisse im positiven Teil, dann ist der Elastizitätskoeffizient größer als Eins. Der zugrunde gelegte Verlauf der Engel-Kurve impliziert somit, dass die Einkommenselastizität der Nachfrage mit steigendem Einkommen abnimmt. Da eine Engel-Kurve im Normalfall unterschiedliche Elastizitätsbereiche hat, kann man die Größe der Elastizitätskoeffizienten als Kriterium für die Kennzeichnung der Beziehung zwischen Einkommen und Nachfrage verwenden (siehe Schaubild 2.12). Steigt die Nachfrage mit steigendem Einkommen, so spricht man von absolut superior nachgefragten Gütern. Sinkt die Nachfrage mit steigendem Einkommen, so bezeichnet man die Nachfrage als absolut inferior. Unter Verwendung des Elastizitätskoeffizienten kann auch gesagt werden: Bei absolut superioren Gütern ist die Einkommenselastizität größer als Null; bei absolut inferior nachgefragten Gütern ist die Einkommenselastizität der Nachfrage kleiner als Null, also negativ. Die absolut superior nachgefragten Güter kann man wiederum je nach der Höhe des Elastizitätskoeffizienten in relativ superiore und relativ inferiore Güter untergliedern. Im ersten Fall ist der Elastizitätskoeffizient größer als Eins, im zweiten Fall kleiner als Eins, aber größer als Null. Bei relativ superioren Gütern spricht man auch von einer einkommenselastischen Nachfrage. Eine einkommensunelastische Nachfrage dagegen bezeichnet den Bereich mit einer Einkommenselastizität von kleiner als Eins. Selbstverständlich braucht eine Engel-Kurve nicht stets im positiven Teil der Abszisse zu beginnen. Es ist durchaus denkbar, dass sie im Koordinatenursprung beginnt, dass also der Konsum sofort einsetzt, wenn das Einkommen positiv ist. Es hängt von dem betrachteten Gut sowie der Präferenzstruktur der Nachfrager ab, bei welcher Einkommenshöhe ein Gut nachgefragt wird. Eine Engel-Kurve, die für ein einzelnes Individuum ermittelt wird, kann auch im positiven Teil der Ordinate beginnen. Das würde beinhalten, dass dieses Gut auch dann konsumiert wird, wenn das Einkommen des Individuums Null ist. In diesem Fall müsste das Individuum durch Schenkungen, Kreditaufnahme oder andere Möglichkeiten versuchen, dieses Gut auch bei einem Einkommen von Null zu konsumieren. Für eine Volkswirtschaft insgesamt ist allerdings auszuschließen, dass einzelne Güter bei einem 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 51 Volkseinkommen von Null konsumiert werden. Empirisch ist dieser Fall ohne jede Bedeutung, da es wohl kaum eine solche Volkswirtschaft geben kann. Beziehung zwischen Einkommenselastizität der Mengennachfrage und der wertmäßigen (monetären) Nachfrage Während die Einkommenselastizität der mengenmäßigen Nachfrage angibt, um welchen Prozentsatz die nachgefragte Menge sich ändert, wenn sich das Einkommen um 1 % verändert, soll die Einkommenselastizität der monetären Nachfrage angeben, um wie viel Prozent sich die Ausgaben (Menge · Preis) verändern, wenn sich das Einkommen um 1 % verändert und die Preise konstant bleiben. Die Beziehung zwischen diesen beiden Elastizitätskoeffizienten kann am einfachsten durch ein Beispiel veranschaulicht werden, in dem die Beziehung zwischen den prozentualen Änderungen der Mengennachfrage und der monetären Nachfrage aufgezeigt wird (siehe Übersicht 2.8). Periode p q p q dq q d(p q) p q 0t 5 2 10 1 1 1t 5 4 20 1 1 2t 5 8 40 0,25 0,25 3t 5 10 50 Übersicht 2.8: Schematisches Beispiel zur Darstellung der Beziehung zwischen der prozentualen Änderung der Mengennachfrage und der monetären Nachfrage bei konstanten Preisen (homogenes Gut) Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die prozentuale Änderung der Menge immer gleich der prozentualen Änderung der Ausgaben ist, wenn der Produktpreis im Zeitablauf konstant bleibt bzw. wenn der Preiseinfluss bei der Nachfrage ausgeschaltet ist. Allgemein gilt: d(p q) dp q dq p p q p q (2.35) wenn dp = 0 folgt d(p q) dq p q q (2.36) und somit dqdA qA . dY dY Y Y (2.37) 52 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Dieses kann aber nur für ein homogenes Gut gelten. Ein homogenes Gut ist ein Gut, das in seiner Qualität eindeutig beschrieben werden kann und für das es nur einen einzigen Preis gibt. Anders wird es dagegen für ein heterogenes Gut oder eine Produktgruppe aussehen. Das soll wiederum durch ein schematisches Beispiel veranschaulicht werden, das die Beziehung zwischen der prozentualen Änderung der Mengennachfrage und der monetären Nachfrage aufzeigt (siehe Übersicht 2.9). Periode Grobgemüse Feingemüse Ausgaben insgesamt Mengen insgesamt Durchschnittswert q1 p1 q2 p2 A = (p1 q1) + (p2 q2) Q = q1+ q2 A Q 0t 20 2 5 10 90 25 90 3,6 25 1t 15 2 7 10 100 22 100 4,55 22 Übersicht 2.9: Schematisches Beispiel zur Darstellung der Beziehung zwischen den prozentualen Änderungen der Mengennachfrage und der monetären Nachfrage (heterogenes Produkt bzw. Produktgruppe) Das Beispiel in Übersicht 2.9 macht deutlich, dass bei konstanten Preisen für die einzelnen Produkte die Nachfrage von einer Periode zur anderen sich unterschiedlich entwickeln kann. Im Beispiel sinkt die Nachfrage für Grobgemüse von 20 auf 15, steigt aber für Feingemüse von 5 auf 7; die Nachfrage nach Gemüse insgesamt sinkt von 25 auf 22. Trotz sinkender Mengennachfrage insgesamt steigen aber im Beispiel die Ausgaben von 90 auf 100. Die Einkommenselastizität der Mengennachfrage nach Gemüse insgesamt ist demnach negativ und die Einkommenselastizität der monetären Nachfrage ist positiv. Die Differenz zwischen Einkommenselastizität der monetären Nachfrage und Einkommenselastizität der Mengennachfrage geht im Beispiel offensichtlich darauf zurück, dass bei steigendem Einkommen verstärkt qualitativ höherwertige Produkte nachgefragt werden. Wir können daher diese Differenz als Qualitätseffekt bezeichnen, da sie auf eine Erhöhung des Durchschnittswerts (Gesamtausgabe dividiert durch gesamte Menge) zurückzuführen ist. Da die Ausgaben zu konstanten Preisen als Volumen bezeichnet werden, besagt das Ergebnis auch, dass bei heterogenen Produkten die Entwicklung des Volumens nicht stets gleich der Mengenentwicklung ist. Die Beziehung zwischen den Elastizitäten Wenn wir annehmen können, dass die Änderung der nachgefragten Menge lediglich das Ergebnis von Einkommensänderungen, Eigenpreisänderungen und Kreuzpreisänderungen sein kann, ergibt sich: 1 1 1 2q q (Y,p ,p ) (2.38) 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 53 1 1 1 1 1 2 1 2 q q q dq dY dp dp Y p p (2.39) 1 1 1 1 1 1 2 2 1 1 1 1 1 2 1 2 dq q q p dp q p dpY dY q Y q Y p q p p q p (2.40) 1 1 1 2 1 1 2 q ,p q ,p 1 1 2 dq dp dpdY . q Y p p (2.41) Betrachten wir den Fall, dass sich das Einkommen und beide Preise um den gleichen Prozentsatz ändern, dass also gilt: 1 2 1 2 dp dpdY . Y p p (2.42) In einem solchen Fall bleibt die Budgetgerade des Haushalts unverändert. Unterstellen wir nun, dass der Haushalt keiner Geldillusion unterliegt, d. h. dass er bei einer gleichen prozentualen Änderung von Einkommen und Preisen sein Nachfrageverhalten nicht ändert, dann bleiben die nachgefragten Mengen konstant; es gilt also: 1 1 dq 0. q (2.43) Unsere obige Gleichung (2.41) vereinfacht sich dann zu 1 1 1 2q ,p q ,p dY 0 ( ) Y (2.44) oder auch 1 1 1 2q ,p q ,p 0 . (2.45) Die Summe der Elastizitäten ist nach Gleichung (2.45) gleich Null. Diese Beziehung wird die Slutsky-Schultz-Relation genannt. Mit Hilfe dieser Gleichung kann man zumindest in etwa angeben, wie hoch bei bekannter Einkommenselastizität die Preiselastizitäten sein werden. Besteht zum Beispiel für ein Gut kaum eine Substitutions- oder Komplementaritätsbeziehung, was für Nahrungsmittel insgesamt in etwa zutreffen mag, so wird der Koeffizient der Preiselastizität der Nachfrage absolut etwa gleich groß sein wie der Koeffizient der Einkommenselastizität der Nachfrage. Hat ein Gut dagegen negative Kreuzpreiselastizitäten, so ist die Preiselastizität der Mengennachfrage absolut kleiner als die Einkommenselastizität. Die umgekehrte Aussage gilt für den Fall substitutiver Güter, wenn also die Kreuzpreiselastizitäten positiv sind. In diesem Fall wird die Preiselastizität der Nachfrage absolut größer sein als die Einkommenselastizität. Für viele Fragestellungen genügt es bereits zu wissen, ob die Preiselastizität des einen Gutes größer oder kleiner als die eines anderen Gutes ist. Bei der Abschätzung der Größenordnungen kann davon ausgegangen werden, dass die Preiselastizität eines Gutes umso kleiner ist 54 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten (1) je geringer die Substitutionsbeziehung zu anderen Gütern ist, (2) je stärker die Komplementaritätsbeziehung zu anderen Gütern ist und (3) je geringer der für das Produkt ausgegebene Ausgabenanteil ist. Aus (1) ergeben sich folgende Hypothesen: (a) In der Regel wird die Preiselastizität der Nachfrage bei gegebenem Preis für einzelne Produkte einer Produktgruppe absolut größer sein als für die Produktgruppe insgesamt (siehe Schaubild 2.13). Rinderfilet Rindfleisch insgesamt Fleisch insgesamt Nahrungsmittel insgesamtp q Schaubild 2.13: Verlauf der Nachfragekurven und Preiselastizitäten für Produktgruppen und einzelne Produkte (b) Kann ein Rohprodukt direkt oder auch in unterschiedlich verarbeiteten Formen konsumiert werden, so wird die Preiselastizität der Nachfrage nach dem Rohprodukt in der Regel kleiner sein. Während die verarbeiteten Produkte, z. B. Käse, Butter etc., wegen der weitgehend gleichen Inhaltsstoffe teils gegenseitig substitutiv sind und darüber hinaus auch durch Güter ersetzt werden können, die das gleiche Grundbedürfnis befriedigen, z. B. Wurst, Margarine, Schinken und andere Brotaufstricharten, wird das Rohprodukt, z. B. Milch, kaum durch Produkte mit gleichen Inhaltsstoffen substituiert. In weiten Verwendungsbereichen, z. B. Kinderernährung, entfällt daher bei Milch eine Substitutionsmöglichkeit. Es ist daher zu erwarten, dass die Preiselastizität der Nachfrage für Milch geringer ist als für einzelne Milchprodukte. Überblick über Größenordnungen von Elastizitätskoeffizienten Mit Übersicht 2.10 und Übersicht 2.11 wird ein Überblick über empirisch ermittelte Elastizitätskoeffizienten gegeben. Übersicht 2.10 zeigt, dass die Preis- und 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 55 Eigenpreiselastizität2) Ausgabenelastizität3) Rindfleisch Schweinefleisch Geflügelfleisch Wurst, Wurstwaren Fisch Käse Milch, Milchprodukte Eier Obst Kartoffeln/ Nudeln/ Reis Gemüse Brot Fette Getränke, ohne Alkohol Kaffee, Tee –0,97 –1,11 –0,53 –0,86 –0,72 –0,72 –0,99 –0,20 –0,78 –1,06 –0,80 –0,69 –0,73 –0,89 –0,90 1,46 1,36 1,22 0,89 0,70 0,75 1,06 0,75 0,99 0,78 0,71 0,89 0,62 0,87 0,71 1) Die Ausgabenelastizität gibt an, um wie viel Prozent sich die Ausgaben für das betrachtete Produkt ändern, wenn sich die Ausgaben aller betrachteten Güter um 1 % verändern. 2) Berechnung der Eigenpreiselastizität:[γ (1 – β) /q] – 1. 3) Berechnung der Ausgabenelastizität (βY)/p* · q). Für die Berechnungen der Elastizitäten wurden die über alle Haushalte im Durchschnitt konsumierten Mengen, Preise und Einkommen bzw. Gesamtausgaben zugrunde gelegt. Quelle: Thiele, S., Ausgaben und Preiselastizitäten der Nahrungsmittelnachfrage auf Basis von Querschnittsdaten: Eine Systemschätzung für die Bundesrepublik Deutschland. „Agrarwirtschaft“, Jg. 50, 2001, Heft 2, S. 113. Übersicht 2.10: Eigenpreis- und Ausgabenelastizitäten1) aller Haushalte in der BRD (Querschnittsanalyse der Daten von 1993) Ausgabenelastizitäten für einzelne Produkte unterschiedlich hoch sind und – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kleiner als |1| sind. Übersicht 2.11 macht deutlich, dass die Preiselastizitäten von der Einkommenshöhe der Haushalte und Besonderheiten der Haushalte abhängen. 2.2.2.3 Anwendungsbeispiele zur Bedeutung der Elastizitäten (1) Die Bedeutung der Preis- und Einkommenselastizitäten für die Prognose der Nahrungsmittelnachfrage: Wenn die Preise für substitutive und komplementäre Güter sowie die Präferenzstruktur konstant bleiben, folgt: Die Änderung der Nachfrage ist eine Folge der Einkommensänderung und/oder eine Folge der Preisänderung. Die prozentuale Änderung der nachgefragten Menge ergibt sich (a) aus der Einkommenselastizität multipliziert mit der prozentualen Änderung des Einkommens, und (b) der Preiselastizität, multipliziert mit der prozentualen Änderung der Preise. 56 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Haushalte: arme reiche junge alte 1-Personen Paare, 2 Kinder Rindfleisch Schweinefleisch Geflügelfleisch Wurst, Wurstwaren Fisch Käse Milch, Milchprodukte Eier Obst Kart./ Nudeln/ Reis Gemüse Brot Fette Getränke, o. Alkohol Kaffee, Tee –0,78 –0,99 –0,47 –0,90 –1,04 –0,70 –1,05 –0,15 –0,76 –1,24 –0,85 –0,72 –0,74 –0,92 –0,89 –0,95 –1,01 –0,57 –0,86 –0,60 –0,71 –0,91 –0,18 –0,79 –0,97 –0,80 –0,68 –0,73 –0,92 –0,90 –1,29 –0,84 –0,95 –0,86 –1,18 –0,59 –0,91 –0,14 –0,80 –0,97 –0,76 –0,66 –0,73 –0,85 –1,00 –0,61 –1,08 –0,50 –0,88 –0,33 –0,81 –0,99 –0,27 –0,80 –1,15 –0,82 –0,65 –0,71 –0,92 –0,91 –1,15 –0,90 –1,49 –0,75 –1,29 –0,69 –0,86 –0,30 –0,80 –0,91 –0,83 –0,55 –0,66 –0,90 –0,93 –1,26 –1,23 –0,26 –0,76 –0,80 –0,69 –0,87 –0,25 –0,84 –1,06 –0,84 –0,58 –0,63 –0,69 –0,87 Anmerkung: a) Da eine lineare Nachfragekurve geschätzt wurde, entsteht bei Zugrundelegung verschiedener Mengen für die Haushaltsgruppen das Problem, dass nicht unterschieden werden kann, inwieweit die unterschiedlichen Elastizitätswerte durch die Mengenkomponente oder durch unterschiedliche Steigungen der Nachfragekurven bedingt sind. Da die Schätzkoeffizienten zwischen den Haushaltsgruppen jedoch deutlich voneinander abweichen, würden die Elastizitätswerte auch bei Zugrundelegung identischer Mengen (z. B. Durchschnitt über alle Haushalte) signifikant voneinander abweichen. Auf die Darstellung der Schätzkoeffizienten für die einzelnen Haushaltsgruppen wurde hier aus Platzgründen verzichtet, sie können auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden. b) Berechnung der Eigenpreiselastizität: ([γ (1 – β) /q] – 1. Für die Berechnungen wurden die in den jeweiligen Haushaltsgruppen im Durchschnitt konsumierten Mengen zugrunde gelegt. Quelle: Thiele, S., Ausgaben und Preiselastizitäten der Nahrungsmittelnachfrage auf Basis von Querschnittsdaten: Eine Systemschätzung für die Bundesrepublik Deutschland. „Agrarwirtschaft“, Jg. 50, 2001, Heft 2, S. 113. Übersicht 2.11: Eigenpreiselastizitäten für verschiedene Produkt- und Haushaltsgruppen in der BRD (Querschnittsanalyse der Daten von 1993) Beispiel: dY 0,2 ; 4% 0,04 Y dp 0,2 ; 5% 0,05. p Nach Gleichung (2.41) ergibt dies bei einer unterstellten Kreuzpreiselastizität von Null: dq 0,2 0,04 0,2 0,05 q dq 0,002 0,2%. q 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 57 Halten wir fest: Die Kenntnis der Elastizitäten ist notwendig, wenn man die Änderung der nachgefragten Mengen als Folge von Einkommens- und Preisänderungen prognostizieren will. An den Ergebnissen von Prognosen der Nachfrageänderung sind sowohl einzelne private Unternehmer als auch praktische Agrarpolitiker interessiert. Ein einzelner Unternehmer, der eine neue Produktion aufbauen will (z. B. Obstbauanlagen), wird sich überlegen, wie sich die Marktnachfrage nach seinem Produkt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Kann er mit hohen Einkommenselastizitäten rechnen, wird die Marktnachfrage relativ stark expandieren; er kann dann möglicherweise seine Produktion absetzen, ohne dass er Konkurrenten Marktanteile entzieht. Ist die Einkommenselastizität aber relativ klein, so muss er damit rechnen, dass eine Ausweitung der eigenen Produktion nur zu Lasten der Marktanteile von Konkurrenten möglich ist und mit sinkenden Preisen verbunden sein kann. An Informationen über die Höhe der Preiselastizität der Mengennachfrage wird insbesondere ein Unternehmer interessiert sein, der sein Produkt direkt vermarktet (zum Beispiel Eier) und vor der Frage steht, ob er durch eine mögliche Preissenkung die verkaufte Menge erhöhen kann. Nehmen wir zum Beispiel an, der Unternehmer habe bisher Eier zum Preis von 0,10 €/Stück verkauft und überlegt sich jetzt, ob er möglicherweise den Eierpreis auf 0,09 €/Stück, d. h. um 10 %, reduzieren soll. Ob die Preissenkung für ihn ökonomisch sinnvoll ist, wird wesentlich von der Preiselastizität der Nachfrage bestimmt. Würde er zum Beispiel aufgrund der Marktbeobachtungen feststellen, dass durch die Reduzierung des Eierpreises die verkaufte Menge lediglich um 2 % erhöht werden kann, so wäre die Preissenkung ökonomisch nicht sinnvoll. In diesem Fall wäre die Preiselastizität der Nachfrage –0,2, also absolut kleiner als Eins (ε = (dq/q)/(dp/p) = 0,02/–0,1 = –0,2). In einem solchen Fall, d. h. bei preisunelastischer Nachfrage, führen eine Preissenkung und die daraus resultierende prozentual geringere Mengensteigerung zu einem Rückgang der Erlöse. (2) Die Bedeutung der Elastizitäten für die praktische Agrarpolitik geht aus folgender Überlegung hervor: Die Änderungsrate des Einkommens multipliziert mit der Einkommenselastizität gibt an, um welchen Prozentsatz sich die Nachfragekurve bei gegebenem Preis verschiebt. Im Schaubild 2.14 wird angenommen, dass die Nachfragekurve sich von N0 nach N1 verlagert. Weiterhin wird angenommen, dass sich das Angebot durch den technischen Fortschritt von Periode zu Periode erhöht, zum Beispiel von A0 auf A1. Für den Fall, dass die Verschiebung der Angebotskurve größer ist als die Verschiebung der Nachfragekurve, wird ein Preisdruck einsetzen. Wie stark die Preise bei einer Diskrepanz zwischen Angebotsentwicklung und Nachfrageentwicklung sinken werden, hängt bei gegebenem Angebot von der Preiselastizität der Nachfrage ab. Ist der Betrag der Preiselastizität der Nachfrage sehr klein, so wird eine stärkere Erhöhung des Angebots über die Nachfrage zu einem relativ starken Preisverfall führen. Wenn der Agrarpolitiker den Landwirten den Preis p0 weiterhin garantieren will, dann ist die Differenz zwischen Angebotssteigerung und Nachfragesteigerung aus dem Markt zu nehmen; diese Mengen sind auf dem Weltmarkt oder anderweitig zu verwerten. Ob der Agrarpolitiker eingreift oder nicht, hängt zum einen von seiner Zielsetzung ab, zum anderen auch von der Situation, die eintreten würde, wenn er nicht inter- 58 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten veniert. Wie eben gezeigt wurde, wird sowohl die Situation ohne Eingriffe als auch die Wirkung der Eingriffe wesentlich von den Elastizitätskoeffizienten bestimmt. N0 N1 A0 A1 q0 q1 q p1 p0 p D 0 dY q Y S D 0 dY dq q Y dqS Schaubild 2.14: Marktpreisänderung bei Verlagerung der Kurven in Abhängigkeit von den Elastizitäten Die grafische Darstellung können wir durch ein Zahlenbeispiel vertiefen. Beispiel: S D S dY 0,1 ; 0,03 Y dq 0,1 ; 0,02, q wobei S S dq q die relative Angebotssteigerung angibt. Diese Datenkonstellation entspricht etwa den Verhältnissen, die gegenwärtig für Agrarprodukte insgesamt in der EU gelten. Gehen wir davon aus, dass keine Intervention des Staates auf den Agrarmärkten erfolgt und wir es mit einer geschlossenen Volkswirtschaft zu tun haben, dann kann die Änderung der Agrarpreise als Folge der Änderungen auf der Nachfrageund Angebotsseite berechnet werden. Ohne staatliche Interventionen muss die Änderung des Angebots stets gleich der Änderung der Nachfrage sein. Es müssen sich daher die Agrarpreise so einstellen, dass die nachgefragte Menge stets der angebotenen Menge gleich ist. Daraus folgt, dass auch die Änderungsraten gleich 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 59 sein müssen8. Bezeichnen wir mit qD die nachgefragte und mit qS die angebotene Menge, so gilt also: S D S D dq dq . q q (2.46) Somit erhalten wir: S D S dq dY dp . Y pq (2.47) Lösen wir diese Gleichung nach dp/p auf, so ergibt sich in dem Beispiel: dp 1 0,1 0,02 0,03 p 0,1 0,1 (2.48) dp 0,17 17%. p (2.49) Setzen wir in unsere Gleichung unterschiedliche Werte für die Preiselastizität der Nachfrage ein, so stellen wir fest, dass der Preisdruck und damit gleichzeitig die Einkommensminderung für die Landwirte umso größer sein wird, je kleiner der Absolutwert der Preiselastizität der Nachfrage ist. Gleichzeitig gilt – dies sehen wir, wenn wir unterschiedliche Werte für die Einkommenselastizität der Nachfrage einsetzen –, dass der Preisdruck umso größer ist, je geringer die Einkommenselastizität der Mengennachfrage ist. Diese Überlegungen machen deutlich, dass der praktische Agrarpolitiker an Informationen über die Größe der Elastizitäten interessiert ist. Will der Staat den Landwirten die Preise garantieren, steigt aber das Angebot stärker als die Nachfrage, so hat der Staat eine bestimmte Menge aufzukaufen. Die Quantifizierung dieser Menge ist relativ einfach. In diesem Fall ist die Änderung des Angebots gleich der Änderung der Marktnachfrage durch private Käufer zuzüglich der Nachfrage des Staates. Es gilt somit: S D idq dq dq (2.50) mit dqi = Änderung der Nachfrage des Staates = Zunahme der Interventionsmengen. Aus der Formel für die Einkommenselastizität D D dq q dY Y (2.51) 8 Aus qS = qD folgt dqS = dqD und damit auch (2.46). 60 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten kann die Nachfrageänderung bei Einkommenssteigerungen berechnet werden. Man erhält: D D dY dq q Y (2.52) und somit S D i dY dq q dq Y (2.53) und S Di dY dq dq q . Y (2.54) (3) Die Bedeutung der Preiselastizität der Nachfrage für die Beurteilung alternativer Milchmarktpolitiken hinsichtlich der Budgetwirkungen9: Bekanntlich wird gegenwärtig in der EU mehr Milch produziert als im Inland verbraucht wird. Der Selbstversorgungsgrad liegt demnach über 100. Dieser ist definiert als: im Inland produzierte Menge Selbstversorgungsgrad = 100. im Inland nachgefragte Menge Die Höhe des Selbstversorgungsgrades hängt bei gegebenen Angebots- und Nachfragekurven von der Höhe des Preises und sonstigen das Angebot und die Nachfrage beeinflussenden staatlichen Maßnahmen ab. 2007 lag der Selbstversorgungsgrad für Milchprodukte in der EU nach Statistiken der ZMP insgesamt – trotz der Zahlung von Verbrauchersubventionen und der Kontingentierung der Milchproduktion – bei etwa 106 %. Da die überschüssige Milchmenge in Form von Butter und Magermilchpulver vom Staat, d. h. in der Bundesrepublik von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), zu festgesetzten Preisen aufgekauft oder direkt exportiert werden muss, füllen sich die Läger der Vorratsstellen bei weiter steigender Produktion zunehmend. Von Zeit zu Zeit versuchte daher die EU-Kommission vor 1995, die Läger durch spezielle Butteraktionen (z. B. die Weihnachtsbutteraktion) oder auch durch Verkäufe an Drittländer (z. B. an osteuropäische Länder) zu entlasten. An Drittländer (Nicht-EU-Länder) konnte die Butter in den achtziger und neunziger Jahren lediglich zum Weltmarktpreis verkauft werden, der etwa ein Drittel des Inlandspreises ausmachte. Es mag verständlich sein, dass sich die Öffentlichkeit über diese Verkäufe erregte. Im Folgenden soll untersucht werden, durch welche Maßnahme der Staat seine Ausgaben stärker entlasten konnte: (a) durch eine Subventionierung des inländischen Verbrauchs oder (b) durch einen Verkauf der überschüssigen Buttermengen an Drittländer zum Weltmarktpreis. 9 Budgetwirkungen sind sicherlich für die Beurteilung von Politiken von Bedeutung, doch sind aus ökonomischer Sicht die Allokationswirkungen (siehe hierzu Kapitel 7) ebenfalls als Beurteilungskriterien heranzuziehen. 2.2 Die Nachfrage nach Lebensmitteln 61 Die damalige Situation soll mit Hilfe von Schaubild 2.15 verdeutlicht werden. Im Schaubild 2.15 wird angenommen, dass im Inland der Preis pi gilt und dass bei diesem Preis im Inland die Menge D0q nachgefragt wird. Die Differenz zwischen der produzierten und der nachgefragten Menge stellt einen Überschuss dar, der vom Staat vermarktet werden muss. Der Staat kauft die Überschussmenge durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) auf. Hier wird angenommen, dass der Staat die Mengen teils auf dem Weltmarkt und teils im Inland durch Verbilligung (z. B. Weihnachtsbutter) verkauft. Schaubild 2.15: Schematische Darstellung der Marktsituation bei Exporterstattungen und Senkung der Verbraucherpreise Beim Preis pi betragen die inländischen Erzeugererlöse OABC. Diesen Erlösen der inländischen Produzenten stehen entsprechende Ausgaben der inländischen Verbraucher, der ausländischen Käufer und des Staates gegenüber. Es gilt also stets die Identität: Erlöse der inländischen Produzenten = Ausgaben der inländischen Verbraucher auf der Erzeugerstufe + Erlöse für Milchprodukte durch Verkauf auf dem Weltmarkt + Staatsausgaben. Wenn im Folgenden untersucht wird, durch welche Maßnahmen der Staat seine Ausgaben bei unveränderten Erzeugererlösen reduzieren kann, wird damit gleichzeitig gefragt, durch welche Maßnahmen er entweder die Ausgaben der inländischen Verbraucher oder der Käufer aus Drittländern erhöhen kann. Senkt der Staat durch eine Subvention des inländischen Verbrauchs den Inlandspreis für die Verbraucher bei Konstanz des Inlandspreises für die Produzenten, so 62 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten werden bei preisunelastischer Nachfrage nach Butter die Verbraucher insgesamt im Inland weniger für Butter ausgeben. Gleichzeitig werden auch die Ausgaben der ausländischen Käufer zurückgehen; wenn durch Subventionierung im Inland mehr Mengen verkauft werden, dann kann auf dem Weltmarkt weniger verkauft werden und damit gehen auch die Erlöse auf dem Weltmarkt zurück10. Insgesamt werden daher die Staatsausgaben bei einer Subventionierung des Inlandsverbrauchs höher sein als bei Verkauf der Überschüsse auf dem Weltmarkt. Das gilt immer dann, wenn die Preiselastizität der Nachfrage auf dem Inlandsmarkt absolut kleiner als Eins ist. Im Schaubild 2.15 würden sich die Staatsausgaben für Subventionen um die Fläche Di d 0(p p ) q erhöhen und für Exporterstattungen um die Fläche D D1 0 Wd(q q )(p p ) verringern. Der Saldo muss bei preisunelastischer Nachfrage im Inland und bei vollkommen elastischer Nachfrage auf dem Weltmarkt negativ sein. Selbstverständlich ist durch diese Analyse nicht gesagt, dass es gesamtwirtschaftlich günstiger ist, Butter auf dem Weltmarkt statt im Inland zu verkaufen. Es wurde lediglich festgestellt, dass ein Verkauf der überschüssigen Buttermenge auf dem Inlandsmarkt bei preisunelastischer Nachfrage die Staatsausgaben stärker belastet als ein Verkauf zum Weltmarktpreis. Orientiert man sich bei der Auswahl der Alternativen lediglich an den Wirkungen auf die Staatsausgaben, dann wird man für einen Verkauf zum Weltmarktpreis plädieren müssen, auch wenn die Verbraucher in Drittländern damit die von uns produzierte Butter zu sehr viel niedrigeren Preisen konsumieren können als die inländischen Verbraucher. Allerdings muss gesagt werden, dass es gesamtwirtschaftlich nicht sinnvoll ist, sich bei der Auswahl alternativer Politiken lediglich oder vornehmlich an den Staatsausgaben zu orientieren. Wollte der Staat z. B. unter Beibehaltung der gegenwärtigen Preishöhe für die Erzeuger sein Budget möglichst stark entlasten, so könnte er die Verbraucherpreise so weit anheben, bis die Preiselastizität der Nachfrage absolut gleich Eins ist. In diesem Fall würde er die Ausgaben der inländischen Verbraucher bei gleichzeitiger Steigerung der Erlöse durch den Verkauf auf dem Weltmarkt erhöhen können. Somit würden die Staatsausgaben reduziert werden. Eine solche Politik bedeutet aber, dass die Verbraucher schlechter gestellt werden. Sie finanzieren die Erlöse der Erzeuger durch direkte Ausgaben – durch Kauf der Produkte auf dem Markt – sowie durch Steuern zur Finanzierung der Staatsausgaben. Eine solche Politikänderung würde die Wohlfahrt der Gesellschaft verringern (eine exakte Beweisführung ist unter 2.6.3 dargestellt). 2.3 Besonderheiten der Nachfrage nach Lebensmitteln konventioneller landwirtschaftlicher Produktion im Fall von Erfahrungs- und Vertrauensgütern Bei der obigen Untersuchung der Nachfrage nach Suchgütern (Kapitel 2.2) sind wir implizit davon ausgegangen, dass die Qualität des Produktes bei der Kaufentscheidung bekannt ist. Bei Erfahrungs- und Vertrauensgütern ist dagegen die Qua- 10 Dies gilt stets bei vollkommen preisunelastischer Weltmarktnachfrage. 2.4 Besonderheiten der Nachfrage nach ökologisch produzierten Lebensmitteln 63 lität beim Kauf nicht bekannt. Neben den oben genannten Bestimmungsfaktoren der Nachfrage ist daher die erwartete Qualität oder das Vertrauen in die Angaben des Verkäufers für die Entscheidungen von Bedeutung. Können keine verlässlichen Erwartungen über die Qualität gebildet werden, so wird die Zahlungsbereitschaft für tatsächlich bessere Qualitäten nicht höher sein als für tatsächlich schlechtere Qualitäten. Falls das Angebot von besseren Qualitäten mit höheren Kosten verbunden ist, werden diese Anbieter ihre Kosten nicht über die Marktpreise erstattet erhalten. Es wird sich dann kein Markt für diese Qualitäten bilden. Man spricht in solchen Fällen vonMarktversagen. Bei Vertrauensgütern hängt die Nachfrage neben den oben genannten Bestimmungsgründen für die Nachfrage nach Suchgütern auch von dem Vertrauen in das Produkt und in den Verkäufer des Produktes ab. Vertrauen bezieht sich nicht nur auf das betrachtete, sondern auch auf ein mögliches substitutives Gut. Ein Lebensmittelskandal für konventionell produzierte Produkte verringert das Vertrauen in diese Güter und erhöht gleichzeitig relativ das Vertrauen in ökologisch produzierte Güter. Vertrauen wird eher gebildet, wenn der Nachfrager besser über den Verkäufer, die Produzenten des Gutes sowie über die Produktionsmethoden und Inhaltsstoffe der Produkte informiert ist. Je geringer die Information, umso höher muss das („blinde“) Vertrauen sein, wenn sich der Käufer für einen Kauf entscheiden soll. Es ist daher verständlich, dass Direktvermarktung, d. h. Verkauf vom Produzenten an den Konsumenten, insbesondere bei Vertrauensgütern eine größere Rolle spielt. Hier hat der Nachfrager direkten Kontakt mit dem Produzenten, kann ihn über die Produktionsmethoden befragen, möglicherweise auch den Betrieb besichtigen und kann aufgrund seiner Menschenkenntnis den Verkäufer einschätzen und möglicherweise Vertrauen gewinnen. Es ist auch einleuchtend, dass die Nachfrage nach Vertrauensgütern durch Qualitätssicherungssysteme und Gütesiegel gefördert werden kann. Voraussetzung ist aber, dass der Verbraucher Vertrauen in die Qualitätserzeugung und -überwachung gewinnt. 2.4 Besonderheiten der Nachfrage nach ökologisch produzierten Lebensmitteln Ökologisch produzierte Lebensmittel sind Vertrauensgüter und gelegentlich auch Erfahrungsgüter. Sie sind Erfahrungsgüter, wenn Konsumenten in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht haben, dass diese Produkte ihnen bekömmlicher waren und/oder besser schmeckten und sie darauf vertrauen, dass sie beim erneuten Kauf die Erfahrung bestätigen können. Ökologisch produzierte Lebensmittel sind reine Vertrauensgüter, wenn die Nachfrager von positiven Gesundheitswirkungen dieser Produkte überzeugt sind. Wie bei allen Vertrauensgütern ist das Vertrauen stets auf Informationsdefizite zurückzuführen. Sind die Nachfrager nicht darüber informiert, dass durch wissenschaftliche Analysen bei der Mehrzahl der Produkte bisher kein Unterschied zwischen konventionell und ökologisch produzierten Lebensmitteln festgestellt werden konnte, so werden sie eher auf die behaupteten positiven Gesundheitswirkungen dieser Produkte vertrauen. Wenn mehr Lebensmittelskandale bei konventionell produzierten Produkten auftreten als bei ökologisch produzierten, ist es verständlich, dass der Nachfrager ein geringeres Gesundheits- 64 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten risiko bei ökologisch produzierten Lebensmitteln erwartet. Wenn z. B. der Verbraucher Bedenken gegen genetisch veränderte Organismen hat und persönlich das Gesundheitsrisiko durch den Verzehr dieser Produkte für zu hoch hält, wird er den Kauf von Produkten vorziehen, bei denen die Wahrscheinlichkeit, genetisch ver- änderte Organismen zu enthalten, geringer ist als bei konventionell produzierten Produkten. Ökologisch produzierte Lebensmittel können auch bevorzugt werden, weil die Nachfrager die zugrunde liegende Produktionsmethode subjektiv für besser halten. Auch wenn die Käufer von ökologischen Produkten sich nicht vornehmlich an Preisen orientieren, spielen diese doch für die Kaufentscheidungen eine Rolle. So zeigen z. B. Umfragen, dass ein größerer Teil der Bevölkerung ökologisch produzierte Lebensmittel aus den unterschiedlichsten Gründen (Gesundheitswirkung, Umwelteffekte, artgerechte Tierhaltung) für besser als konventionell produzierte hält, auf dem Markt aber ein entsprechendes Verhalten nicht zu beobachten ist. Es deutet darauf hin, dass der Preis einige (oder auch viele) potenzielle Konsumenten abschreckt und sie daher auf das billigere Substitut ‚konventionell produzierte Lebensmittel‘ ausweichen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass es auch für ökologisch produzierte Lebensmittel eine normale Nachfragekurve gibt. Leider gibt es wenige Informationen über die Preiselastizität der Nachfrage nach diesen Produkten. Einerseits kann vermutet werden, dass die Preiselastizität für sehr überzeugte Öko-Konsumenten relativ klein ist; diese Käufergruppe wird auch bei steigenden Preisen für das Öko-Produkt nicht auf andere Lebensmittel ausweichen. Andererseits gibt es aber auch offensichtlich eine Gruppe von Käufern, die den Preisunterschied zwischen Öko-Produkten und konventionellen Produkten beachten. Sie sind bereit zu substituieren; als Folge ist die Preiselastizität für diese Gruppe relativ hoch. Es ist einleuchtend, dass neue Informationen über die Eigenschaften der Güter auch direkten Einfluss auf die Elastizitäten haben. So wird z. B. ein Lebensmittelskandal für konventionell produzierte Lebensmittel die Preiselastizität der Nachfrage nach Öko-Produkten reduzieren. 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft Produktionsmittel werden in der Produktion verwendet, um andere Güter herzustellen. Zielt die Produktion auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Konsumenten ab, so wird die Nachfrage nach Produktionsmitteln auch von der Nachfrage der Konsumenten nach den mit den Produktionsmitteln hergestellten Gütern bestimmt. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln ist damit eine abgeleitete Nachfrage. Wenn wir im Folgenden nach den Bestimmungsfaktoren der Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft fragen, so haben wir zunächst darzustellen, unter welchen Bedingungen die Nachfrage nach Produktionsmitteln aus der Sicht eines einzelnen Produzenten optimal ist. Aussagen über einen optimalen Zustand sind nur möglich, wenn Informationen über die Zielsetzung und die Verhaltensweise einzelner Unternehmer vorliegen. Da es keine Möglichkeit gibt, Informationen über Zielsetzung und Verhaltensweise unterschiedlicher Produzenten zu ermitteln und diese Informationen auch zu 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft 65 verwerten, werden wir uns im Folgenden lediglich auf die Beschreibung einer Theorie der Nachfrage nach Produktionsmitteln beschränken. Entsprechend dem in Kapitel 1 aufgezeigten Aufbau einer Theorie werden wir somit von bestimmten Hypothesen über Zielsetzung, Verhaltensweisen, Marktform sowie von technologischen Beziehungen ausgehen und aufgrund dieser Hypothesen deduktiv ableiten, welche Situation sich im Optimum einstellen wird. Bausteine der Theorie der Nachfrage nach Produktionsmitteln – oder allgemein nach Produktionsfaktoren – sind die folgenden Hypothesen: (a) Die Produzenten streben Gewinnmaximierung an. Diese Hypothese steht in enger Beziehung zu der für den Haushalt unterstellten Hypothese der Nutzenmaximierung. Selbstverständlich wird mit dieser Hypothese nicht bereits impliziert, dass auch alle Produzenten eine solche Zielsetzung verfolgen. (b) Die Produzenten sind sowohl auf der Output- als auch auf der Inputseite Mengenanpasser. Sie betrachten somit die Preise der Produkte und auch der Produktionsmittel und Faktoren als gegeben. Sie versuchen demnach, die Optimalbedingung durch eine Variation der Produktionsmengen und der Faktoreinsatzmengen zu verwirklichen. Diese Verhaltensweise ist insbesondere bei den Marktformen zu erwarten, bei denen eine Vielzahl von Anbietern vorhanden ist (Polypol) und die produzierten Güter weitgehend homogen (gleichartig) sind. (c) Es wird angenommen, dass die in einer Periode produzierte Menge gleich der in der Periode verkauften Menge ist. Es wird somit ausgeschlossen, dass die Unternehmer, z. B. aufgrund von erwarteten Preissteigerungen, auf Lager produzieren. (d) Es wird vernachlässigt, dass zwischen Produktionsentscheidung und Erstellung der Produkte eine Zeitverzögerung besteht. Hiermit wird impliziert, dass die Unternehmer ihre Produktionsentscheidungen an gegebenen Marktpreisen orientieren und diese Produktionsentscheidungen sich auch sofort in entsprechenden Produktionsmengen niederschlagen. (e) Die Beziehung zwischen Produktionsmenge und Nachfrage nach Produktionsmitteln wird auch von der Produktionsfunktion bestimmt. Die Produktionsfunktion gibt an, welche Beziehung zwischen der erstellten Produktion (q) und den eingesetzten Faktormengen (x1,...,xn) besteht. Eine Produktionsfunktion kann somit in allgemeiner Form wie folgt geschrieben werden: 1 2 nq f(x ,x ,...,x ). (2.55) Da man nur dann eine Aussage über die optimale Faktoreinsatzmenge und damit über die Nachfrage nach Produktionsmitteln treffen kann, wenn man genauere Informationen über die Form der Produktionsfunktion hat, werden wir für die Ableitung der Theorie der Nachfrage nach Produktionsmitteln zunächst eine ganz spezielle Form der Produktionsfunktion unterstellen: Es wird angenommen, dass die Produktionsmenge aufgrund der Variation einzelner Faktoreinsatzmengen verändert werden kann. In diesem Fall ist es möglich, die oben allgemein beschriebene Produktionsfunktion partiell zu differenzieren. Es kann der Differentialquotient q/ x1 gebildet werden. Dieser Differentialquotient wird „Grenzproduktivität“ genannt. Die Grenzproduktivität gibt an, wie sich die Produktionsmenge aufgrund einer partiellen Variation des Faktoreinsatzes verändert. 66 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten (f) Weiterhin wird zunächst bezüglich der Produktionsfunktion unterstellt, dass die Grenzproduktivitäten der Faktoren mit zunehmendem Faktoreinsatz sinken. Hiermit wird impliziert, dass ein zunehmender partieller Faktoreinsatz zunehmend weniger produktiv wird. Die beiden letzten Hypothesen über die Produktionsfunktion und deren spezielle Eigenschaften bezüglich der Grenzproduktivitäten sollen durch Schaubild 2.16 veranschaulicht werden. a) Produktionsfunktion b) Grenzproduktivitätsfunktion qmax q x1max x1 x1 1 2 nq f (x , x ,..., x ) 1 2 n 1 q f (x ,x ,...,x ) x 1 q x Schaubild 2.16: Produktionsfunktion und Grenzproduktivitätsfunktion Im Teil (a) von Schaubild 2.16 wird die funktionale Beziehung zwischen der gesamten Produktionsmenge q und dem partiellen Faktoreinsatz x1 bei Konstanz aller anderen Faktoreinsätze aufgezeigt. Die Produktionsmenge steigt mit zunehmendem Faktoreinsatz bis zu der maximalen Produktionsmenge qmax und dem Faktoreinsatz x1max. Die Grenzproduktivitätsfunktion (Teil b von Schaubild 2.16) gibt die Veränderung der Produktionsmenge bei Variation des Faktoreinsatzes x1 an. Bei dem zugrunde gelegten Verlauf der Produktionsfunktion sinkt die Grenzproduktivität mit zunehmendem Faktoreinsatz. Bei x1max wird die Grenzproduktivität 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft 67 Null; bei dieser Faktoreinsatzmenge schneidet somit die Grenzproduktivitätsfunktion die Abszisse. Auf der Grundlage der genannten Hypothese kann in Verbindung mit der Definition für den Gewinn die Bedingung abgeleitet werden, die im Optimum verwirklicht werden muss. Der Einfachheit halber wird in der folgenden Darstellung angenommen, dass die Kosten lediglich durch den Einsatz der beiden Faktoren x1 oder x2 entstehen. Der Gewinn ist definiert als Differenz zwischen Erlös und Kosten. Es gilt: 1 2 1 1 2 2G pq(x ,x ) r x r x (2.56) mit G = Gewinn p = Produktpreis q = produzierte Menge 1r = Preis des Faktors 1 x1 = Einsatzmenge des Faktors 1 r2 = Preis des Faktors 2 x2 = Einsatzmenge des Faktors 2. Soll gezeigt werden, welche Einsatzmenge des Faktors 1 optimal ist, so ist die Gewinngleichung nach x1 zu differenzieren. Man erhält: 11 1 G q p r . x x (2.57) Der Ausdruck G/ x1 wird Grenzgewinn des Faktoreinsatzes x1 genannt. Er gibt an, wie sich der Gewinn als Folge der Variation des Faktoreinsatzes x1 verändert. Aus Sicht des Unternehmers wird sich eine Erhöhung des Faktoreinsatzes solange rentieren, wie der Grenzgewinn positiv ist. Im Optimum muss der Grenzgewinn Null sein. Wir haben daher Gleichung (2.57) gleich Null zu setzen; man erhält: 11 q p r x (2.58) Wertgrenzproduktivität = Faktorpreis. Der Ausdruck p · q/ x1 gibt an, wie sich der Erlös verändert, wenn sich der Faktoreinsatz um eine Einheit verändert. Die Erlösänderung ergibt sich dabei durch zwei Komponenten. Zum einen bewirkt eine Variation der Faktoreinsatzmengen eine Produktionsänderung und zum zweiten wird die Produktmengenänderung mit dem Produktpreis multipliziert. Gleichung (2.58) besagt somit, dass ein Unternehmer, der Gewinnmaximierung anstrebt und für den eine Produktionsfunktion mit den beschriebenen Eigenschaften gilt, stets die Faktormenge nachfragen muss, bei der die Wertgrenzproduktivität gleich dem Faktorpreis ist. 68 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Im Schaubild 2.17 ist eine Wertgrenzproduktivitätskurve abgetragen. Die Wertgrenzproduktivitätskurve steht in enger Beziehung zur Grenzproduktivitätskurve. Man erhält sie, wenn man die Grenzproduktivitäten, die zu bestimmten Faktoreinsatzmengen gehören, mit dem gegebenen Produktpreis multipliziert. Wertgrenzproduktivitätskurve x1opt x1 1 1 q p, r x 1 1 q p r x 1 q p x Schaubild 2.17: Faktornachfragefunktion Bei einem Faktorpreis von 1r muss der Unternehmer gerade die Faktormenge x1opt. nachfragen, bei der der Faktorpreis der Wertgrenzproduktivität entspricht. Sich ändernde Faktorpreise müssen daher zu einer Änderung des Faktoreinsatzes führen, um die Bedingung Faktorpreis gleich Wertgrenzproduktivität zu erfüllen. Die Wertgrenzproduktivitätskurve ist somit identisch mit der partiellen Faktornachfragekurve. Bei den oben unterstellten Hypothesen wird somit die partielle Faktornachfragekurve einen fallenden Verlauf aufweisen. Ob eine einzelbetriebliche Faktornachfragekurve tatsächlich einen fallenden Verlauf aufweist, hängt von der zugrunde gelegten Produktionsfunktion ab. Kann zum Beispiel angenommen werden, dass die Grenzproduktivität des Faktoreinsatzes über einen weiten Bereich des Faktoreinsatzes konstant bleibt, dann verläuft die Wertgrenzproduktivitätskurve parallel zur Abszisse. Ein solcher Fall ist in Schaubild 2.18 dargestellt. Solche Wertgrenzproduktivitätskurven sind insbesondere im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion häufig anzutreffen. So wird in der Milchproduktion in einem weiten Bereich stets die gleiche Milchzunahme mit einem gegebenen zusätzlichen Aufwand an Kraftfutter pro Kuh erzielt. Mit einem zusätzlichen Einsatz von 1 kg Kraftfutter kann man in etwa 2 kg mehr Milch produzieren. Die Grenzproduktivität ist demnach innerhalb des Leistungsvermögens einer Kuh konstant. Liegt ein solcher Fall vor, dann gibt es keine einzelbetriebliche Nachfragefunktion. Liegt der Faktorpreis 1r unterhalb der Wertgrenzproduktivitätskurve, kann es sich für den einzelnen Betrieb rentieren, x1max einzusetzen. Für den einzelnen Betrieb gibt es hier nicht die Entschei- 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft 69 dung, ob er den Faktor x1 mehr oder weniger einsetzen soll, sondern lediglich die Entscheidung, den Faktor gar nicht oder aber bis zur Kapazitätsgrenze einzusetzen. Aus einzelbetrieblicher Sicht wird sich ein partieller Faktoreinsatz im Fall konstanter Wertgrenzproduktivitäten nur dann rentieren können, wenn der Faktorpreis unterhalb der Wertgrenzproduktivität liegt. Doch kann nicht gesagt werden, dass in allen diesen Fällen die Produktion rentabel ist11. Es kann sein, dass die Produktion eines Gutes aufgegeben wird, obwohl der Faktorpreis eines speziellen Faktors unterhalb der Wertgrenzproduktivität liegt. Dieser Sachverhalt soll durch folgendes Beispiel veranschaulicht werden: Die Milchproduktion eines landwirtschaftlichen Betriebes sei durch folgende Daten gekennzeichnet: Grenzproduktivität des Kraftfuttereinsatzes zusätzliche Milchmenge in kg 2 zusätzliche Kraftfuttermenge in kg Kapazitätsgrenze der Leistungsfähigkeit der Kuh: 10 000 kg pro Jahr; Milchpreis: 0,30 € pro kg; Kraftfutterpreis: 0,25 € pro kg; Kraftfuttereinsatz insgesamt: 1000 kg. x1max x1 Wertgrenzproduktivitätskurve 1 1 q p,r x 1r Schaubild 2.18: bei konstanter Grenzproduktivität Bei dieser Datenkonstellation ist die Wertgrenzproduktivität des Kraftfuttereinsatzes 0,60 € (2 · 0,30 €). Der Kraftfuttereinsatz rentiert sich somit bis zur Kapazitätsgrenze. Dennoch kann es für den einzelnen Betrieb ratsam sein, die Milchproduktion einzustellen; diese Situation ist dann gegeben, wenn die Erlöse aus der Milchproduktion abzüglich der Kosten für den Kraftfutteraufwand nicht ausrei- 11 r1 < p · q/ x1 ist eine notwendige, aber nicht auch schon ausreichende Bedingung für die Rentabilität der Produktion. 70 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten chen, die Kosten für den Einsatz der anderen Faktoren in der Milchproduktion zu decken. Die Kosten für diese Faktoren dürfen somit im betrachteten Beispiel nicht über 2 750 € liegen. Daraus folgt, dass Faktorpreiserhöhungen selbst im Fall konstanter Wertgrenzproduktivitätskurven dazu führen können, dass die einzelbetriebliche Faktornachfrage reagieren wird. Liegt der Faktorpreis auch nach der Preiserhöhung unter der Wertgrenzproduktivität, reicht aber die Differenz zwischen Wertgrenzproduktivität und Faktorpreis nicht mehr aus, um die Kosten der anderen Faktoren zu decken, so kann die Faktornachfrage des einzelnen Betriebes von x1max auf Null zurückgehen. Beziehung zwischen einzelbetrieblichen Faktornachfragekurven und den aggregierten Faktornachfragekurven Wie bereits oben bei der Darstellung der Beziehung zwischen der individuellen Nachfragekurve der Verbraucher und der aggregierten Marktnachfragekurve erläutert, erhält man die aggregierte Nachfragekurve durch Addition der Mengen, die von den Einzelnen bei alternativen Preisen nachgefragt werden. Es ist daher offensichtlich, dass für den Fall einzelbetrieblich fallender Faktornachfragekurven auch die Marktnachfragekurve nach Faktoren eine negative Steigung aufweisen wird. Nicht ganz so offensichtlich ist dagegen die Beziehung für den Fall einzelbetrieblich konstanter Wertgrenzproduktivitätskurven. Doch auch hier ergibt sich eine fallende Marktnachfragekurve. Das soll durch Schaubild 2.19 verdeutlicht werden. A B C Marktnachfragefunktion 1 q p, r x A maxr B maxr C maxr A 1x C 1x B 1x 1x 1 q p, r x 1 q p, r x 1 q p, r x Schaubild 2.19: Aggregation einzelbetrieblicher Wertgrenzproduktivitätskurven bei einzelbetrieblich konstanten Wertgrenzproduktivitäten Im Schaubild 2.19 wird unterstellt, dass das betreffende Gut von drei Betrieben produziert wird. Für alle Betriebe gilt, dass die Wertgrenzproduktivitätskurve im relevanten Bereich parallel zur Abszisse verläuft. Der Unterschied zwischen den Betrieben besteht jedoch darin, dass die Wertgrenzproduktivitäten unterschiedlich hoch sind. Das kann z. B. in der Milchproduktion daran liegen, dass das Leistungspotential der Kühe unterschiedlich hoch ist. Als Folge dessen wird Betrieb A bei einem Faktorpreis oberhalb Amaxr nicht mehr den Faktor x1 in der Produktion des betrachteten Gutes einsetzen. Betrieb B wird dagegen bereits bei Faktorpreisen oberhalb Bmaxr auf den Einsatz des Faktors x1 verzichten und Betrieb C erst oberhalb einer Faktorpreishöhe von Cmaxr . Bei einem Faktorpreis zwischen A maxr und 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft 71 B maxr wird daher nur Betrieb A als Nachfrager auf dem Markt nach diesem Faktor x1 auftreten. Bei einem Faktorpreis zwischen Bmaxr und C maxr werden die Betriebe A und B den Faktor x1 nachfragen, und lediglich unterhalb eines Faktorpreises C maxr werden alle drei betrachteten Betriebe den Faktor x1 nachfragen. Die Marktnachfragekurve hat demnach einen treppenförmigen Verlauf. Gibt es eine Vielzahl von Betrieben mit nur kleinen Unterschieden in der Höhe der Wertgrenzproduktivitäten von Betrieb zu Betrieb, so werden die einzelnen Treppenstufen der Marktnachfragekurve sehr klein sein. In diesem Fall wird man eine annähernd kontinuierlich fallende Marktnachfragekurve beobachten können. Als Ergebnis können wir somit auch für den Fall einzelbetrieblich konstanter Wertgrenzproduktivität festhalten, dass die Faktornachfragekurve auf dem Markt einen fallenden Verlauf aufweisen wird. Bei der Ableitung der partiellen Faktornachfragekurve sind wir davon ausgegangen, dass lediglich der Einsatz des betrachteten Faktors variiert wird. Daraus folgt natürlich nicht, dass partielle Faktorpreisänderungen nur zur Änderung des partiellen Faktoreinsatzes führen. Preisänderungen von einzelnen Faktoren werden in der Regel auch den Einsatz der Faktoren, deren Preis nicht verändert wurde, beeinflussen. Dies ergibt sich aus Folgendem: (1) Änderungen einzelner Faktorpreise verändern die optimale Kombination des Faktoreinsatzes. Vom relativ billigeren Faktor wird relativ mehr eingesetzt (Substitutionseffekt). (2) Änderungen einzelner Faktorpreise verändern die Rentabilität der Produktion einzelner Produkte. Es kann daher sinnvoll sein, als Folge von Änderungen einzelner Faktorpreise ein anderes Technologiepaket zu verwenden. Starke Preisänderungen von Stickstoff können daher nicht nur den Pflanzenschutzeinsatz ver- ändern, sondern z. B. auch die Übernahme von Methoden des ökologischen Landbaus anregen. (3) Änderungen einzelner Faktorpreise verändern die relative Vorzüglichkeit der Produktion einzelner Agrarprodukte. Preiserhöhungen für stickstoffhaltige Düngemittel verringern z. B. den Deckungsbeitrag von Mais und Zuckerrüben mehr als von Weizen, Roggen und Gerste. Das Anbauverhältnis wird sich daher in der Landwirtschaft verändern, selbstverständlich aber nicht auf allen Betrieben. Bestimmungsgründe der Änderungen der Faktornachfrage Will man überprüfen, aus welchen Gründen sich die Faktornachfragekurve im Zeitablauf verlagert, so ist darzustellen, aus welchen Gründen sich die Situation, die im Betriebsoptimum gegeben ist, verändern kann. Variationen des Produktpreises Da im Optimum, wie oben gezeigt, der Faktorpreis gleich oder kleiner der Wertgrenzproduktivität sein muss, führt eine Änderung des Produktpreises zu einer Änderung der Faktornachfragekurve. Im Fall kontinuierlich fallender Wertgrenzproduktivitätskurven wird eine Produktpreissteigerung zu einer Drehung der Wertgrenzproduktivitätskurve um den Schnittpunkt mit der Abszisse führen. 72 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten Das Schaubild 2.20 macht deutlich, dass die Preiselastizitäten der Faktornachfrage bei gegebenem Faktorpreis mit steigendem Produktpreis absolut abnehmen. Wertgrenzproduktivitätskurve 0 x1 1 1 q p,r x 0 1 q p x 1 1 q p x Wertgrenzproduktivitätskurve 1 p1 > p0 Schaubild 2.20: Produktpreissteigerung und Wertgrenzproduktivitätskurven Produktpreisänderungen werden somit in der Regel auch die Intensität der Produktion verändern. Auf gegebener Bodenfläche werden mehr variable Faktoren eingesetzt. Dies gilt natürlich nicht für jeden einzelnen Betrieb und für die Produktion aller Agrargüter. Wenn die Wertgrenzproduktivitäten bei der Produktion einzelner Produkte auf einzelnen Betrieben konstant sind, wird sich zunächst bei der Produktion einzelner Produkte nichts verändern. Für die Landwirtschaft insgesamt sind aber als Folge von Produktpreisänderungen aus folgenden Gründen Intensitätsänderungen zu erwarten: (1) Es verändert sich die relative Vorzüglichkeit bei der Produktion alternativer Agrargüter. Werden nur Preise einzelner Produkte gesenkt, so wird sich die Produktionsstruktur zugunsten der im Preis nicht veränderten Produkte verändern. Wird das gesamte Agrarpreisniveau gesenkt, so wird sich die Struktur der Agrarproduktion zuungunsten der Produkte, die einen relativ hohen Einsatz von zugekauften Produktionsmitteln benötigen, verändern. (2) Agrarpreissenkungen verändern stets auch die relative Vorzüglichkeit alternativer Technologien; diese unterscheiden sich z. B. durch Saatgut, Dünger- und Pflanzenschutzaufwand, Klimaansprüche und Bewässerungsnotwendigkeit sowie Anbautechniken. Bei einem höheren Agrarpreisniveau rentiert sich z. B. eher der Einsatz von Saatgut, das in Verbindung mit Düngung und Pflanzenschutzmitteln zu hohen Erträgen führt. Generell gilt, dass die Auswaschung von Dünger, bzw. die Aufnahme durch die Pflanzen, von der Höhe der Nährstoffgaben abhängt. Bei hohen Preisen können sich hohe Nährstoffgaben rentieren, selbst wenn die Auswaschung relativ hoch ist (siehe Schaubild 2.21). 2.5 Die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft 73 „N-Verlust“ N in der Pflanze N-Düngung (kg/ha) Ertrag, (kg/ha) N in der Pflanze Schaubild 2.21: Stickstoffaufnahme und -auswaschung in Abhängigkeit von der Höhe der Düngergabe Quelle: de Haen, H., Struktureller Wandel der Landwirtschaft aus ökonomischer und ökologischer Sicht. „Agrarwirtschaft“, Jg. 34, 1985, Heft 1, S. 6. Bedeutung der Faktorintensitäten für die Verlagerung partieller Faktornachfragekurven Bei der Ableitung der partiellen Grenzproduktivitätskurve wurde deutlich gemacht, dass ein solches Vorgehen impliziert, dass der Einsatz der anderen Faktormengen konstant bleibt. Verändert man den Einsatz der anderen Faktormengen (Änderung der Faktorintensität), so wird hierdurch auch die Wertgrenzproduktivität des betrachteten Faktors verändert. Im Allgemeinen gilt, dass eine Erhöhung des Einsatzes der anderen Faktoren zu einer Verlagerung der Wertgrenzproduktivitätskurve des betrachteten Faktors nach oben führen wird. Die partielle Wertgrenzproduktivität eines Faktors steigt somit bei Erhöhung des Einsatzes der anderen Faktoren. Deshalb hängt die partielle Faktornachfrage auch von allen Faktoren ab, die den Einsatz anderer Faktoren beeinflussen. Steigt z. B. der Preis des Faktors x2 und wird dadurch vom Faktor x2 weniger eingesetzt (Bewegungen auf der Faktornachfragekurve von x20 nach x21), so wird dieses im Regelfall, d. h. bei substitutiver Beziehung zwischen den Faktoren, zu einer Verlagerung der Faktornachfragekurve nach unten führen. Der Faktoreinsatz von x1 wird daher bei gegebenem Faktorpreis r10 von x10 nach x11 zurückgehen (vgl. hierzu Schaubild 2.22). Bedeutung technischer Fortschritte Technische Fortschritte ermöglichen es, mit einer gegebenen Faktoreinsatzmenge mehr zu produzieren oder eine gegebene Produktmenge mit einem verringerten Faktoreinsatz zu erstellen. Die Produktionsfunktion verschiebt sich folglich nach oben. Somit führen technische Fortschritte dazu, dass sich die Grenzproduktivitäten der Faktoren tendenziell erhöhen. Die Grenzproduktivitätskurven werden daher als Folge von technischen Fortschritten nach oben verlagert (vgl. Schaubild 2.23). 74 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten r21 r20 x21 x20 x2 x11 x10 x1 r10 2 2 q p, r x 1 1 q p, r x Schaubild 2.22: Wirkung einer Faktorpreisänderung r 2 auf die Faktornachfrage x 1 q x1 x1 a) Produktionsfunktion b) Grenzproduktivitätskurven 1 q x Schaubild 2.23: Wirkung technischer Fortschritte auf den Verlauf von Produktionsfunktion und Grenzproduktivitätsfunktion Technische Fortschritte bewirken aber nicht nur eine Verschiebung der partiellen Produktionsfunktion nach oben, darüber hinaus führen sie durch die Entwicklung neuer Produkte und neuer Produktionsverfahren auch zu einer Veränderung der relativen Vorzüglichkeit des partiellen Faktoreinsatzes im Zeitablauf. Insbesondere ist die Nachfrage nach Produktionsmitteln landwirtschaftlicher Herkunft durch eine permanente Substitution von landwirtschaftlichen Produktionsmitteln durch industrielle Rohstoffe begleitet gewesen. So wurden z. B. in der Textilherstellung die landwirtschaftlichen Rohstoffe Wolle oder Baumwolle zunehmend zugunsten des Einsatzes von Kunstfasern verdrängt. Das Aufkommen neuer Produkte und neuer Technologien hat somit die Substitution landwirtschaftlicher Produktionsmittel erleichtert. Dieser Tatbestand hat dazu beigetragen, dass sich im Zeitablauf – trotz gestiegener Endnachfrage nach den mit den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln hergestellten Produkten – die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produktionsmitteln weniger erhöht hat und teilweise sogar rückläufig war. 2.6 Politikprobleme 75 2.6 Politikprobleme 2.6.1 Informationsprobleme Konsumenten können nur dann ihre Präferenzen mittels ihrer Zahlungsbereitschaft ausdrücken, wenn sie ausreichend über die Produkte und deren Preise informiert sind. In Kapitel 2.1 wurde ausgeführt, dass Lebensmittel zunehmend zu Erfahrungsgütern und Vertrauensgütern geworden sind. Das bedeutet, dass die Konsumenten nur begrenzt über Produktqualitäten und deren Produktionsverfahren informiert sind. Der Staat hat daher zunehmend die Aufgabe zu übernehmen, die Konsumenten vor Produkten mit Gesundheitsrisiken zu schützen oder sie zumindest über die Risiken zu informieren. Weiterhin kann der Staat durch geeignete Maßnahmen private Informationskosten senken (Unterstützung von Warentests, Vorschriften über die Kennzeichnung von Produkten, Zulassung von Produkten usw.). Diese Aufgabe ergibt sich aus der Tatsache, dass die Kosten für Informationen bei kollektiver Beschaffung und individueller Nutzung geringer sind als bei privater Beschaffung. 2.6.2 Divergenz zwischen privater und sozialer marginaler Zahlungsbereitschaft In Kapitel 2.2 wurde dargestellt (siehe Schaubild 2.1), welche Mengen ein Individuum bei gegebener Zielfunktion, bei gegebenem Einkommen und gegebenen Preisen nachfragt. Im Folgenden soll nun untersucht werden, unter welchen Bedingungen die individuellen Entscheidungen zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum führen. In diesen Fällen sollen diese Entscheidungen als ‚gut‘ bezeichnet werden. Mit dem Prädikat ‚gut‘ ist natürlich ein Werturteil verbunden. Hier sollen folgende Werturteile explizit eingeführt werden: (1) Jeder weiß, was ‚gut‘ für ihn ist. Damit wird ein mündiger Bürger unterstellt, der sich rational verhält. (2) Jedes Individuum hat die negativen Folgen seiner Aktivitäten selbst zu tragen und soll auch nur alleiniger Nutznießer eigener Aktivitäten sein. Hiermit wird gefordert, dass es nicht möglich sein soll, die Folgen individueller Aktivitäten zu externalisieren. Andere sollen somit durch eigene Konsumentscheidungen weder in ihren Konsum- noch Produktionsentscheidungen beeinträchtigt werden; es sei denn, sie werden dafür kompensiert. Liegen diese beiden Bedingungen vor, dann ist die private Nachfragekurve, d. h. die Marktnachfragekurve, identisch mit der sozialen Nachfragekurve. Ein Unterschied zwischen den beiden Kurven entsteht demnach durch Externalisierung. Dies ist z. B. der Fall, wenn die Nachfrager beim Kauf bestimmter Produkte die negativen Folgen für die Gesundheit nicht ausreichend berücksichtigen und daher über Krankheitskosten andere Mitglieder der Gesellschaft belasten. In solchen Fällen spricht man von einer Divergenz zwischen privater und sozialer marginaler Zahlungsbereitschaft. Die Privaten fragen demnach mehr nach, als es aus sozialer Sicht, d. h. der Sicht der Gesellschaft, wünschenswert ist (siehe Schaubild 2.24). In solchen Fällen könnte der Staat versuchen, durch Instrumenteneinsatz die Nachfrage zu beeinflussen. Wird beispielsweise eine produktgebundene Steuer in Höhe der Divergenz erhoben (z. B. eine Zigarettensteuer), so kann die private Nachfrage der sozialen Nachfrage angeglichen werden. Es kann sogar sein, dass die soziale 76 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten q1 p0 q0 p q Private Nachfragekurve Soziale Nachfragekurve Divergenz Schaubild 2.24: Divergenz in der Nachfrage Nachfragekurve zu keiner positiven marginalen Zahlungsbereitschaft führt, aber die private Nachfrage eine hohe Zahlungsbereitschaft zeigt. Eine solche Situation kann sich z. B. bei Drogen ergeben. Es ist daher nahe liegend, dass der Staat in diesen Fällen die Nachfrage untersagt, indem der Handel mit solchen Drogen verboten wird. 2.6.3 Problem der Nachfrage nach Umweltgütern Besondere Probleme ergeben sich bei der Nachfrage nach Umweltleistungen. Umweltleistungen werden zwar auch von den Privaten nachgefragt, die individuelle Zahlungsbereitschaft ist aber in der Regel sehr niedrig. Umweltgüter sind zu einem großen Teil ‚öffentliche Güter‘. Für öffentliche Güter gelten das Nicht- Ausschlussprinzip und die Nicht-Rivalität im Konsum. Das Nicht-Ausschlussprinzip besagt, dass niemand vom Konsum des Gutes ausgeschlossen werden kann, wenn das Gut vorhanden ist. Wenn z. B. ein bestimmtes Landschaftsbild im Vergleich zu einem anderen von vielen Menschen als positiv bewertet wird, so werden sie dennoch nicht ihre wahre Zahlungsbereitschaft enthüllen. Wenn dieses Landschaftsbild vorhanden ist, können sie es genießen, ohne auch zahlen zu müssen. Mit der Nicht-Rivalität im Konsum wird ausgedrückt, dass das Gut gleichzeitig von mehreren Menschen konsumiert werden kann, ohne damit den Konsum anderer einzuschränken12. Bei diesen öffentlichen Gütern ergibt sich die Nachfragekurve nicht durch horizontale Aggregation der individuellen Nachfragemengen bei alternativen Preisen, sondern durch vertikale Aggregation (siehe Schaubild 2.25). Die gesamte Zahlungsbereitschaft für eine gegebene Menge des öffentlichen Gutes ergibt sich aus der Aggregation der marginalen Zahlungsbereitschaften. Die 12 Das gilt in dem oben genannten Beispiel solange, wie die durch die Attraktivität der Landschaft angelockten Besucherströme keine negativen Folgen für die Landschaft verursachen. 2.6 Politikprobleme 77 gesamte Nachfragekurve liegt demnach oberhalb jeder einzelnen individuellen Nachfragekurve. Da die gesamte Nachfragekurve für öffentliche Güter auf dem Markt nicht beobachtbar ist, muss der Staat für die Bereitstellung öffentlicher Güter sorgen. Er kann dies durch eigene Produktion tun oder aber auch durch Finanzierung privater Produktion. So finanziert der Staat eine Reihe von Umweltprogrammen in der Landwirtschaft. Hierbei ergibt sich das Problem, dass der Staat die aggregierte Zahlungsbereitschaft der Nachfrager nicht exakt ermitteln kann und sich daher häufig anmaßen muss zu wissen, wie viel des öffentlichen Gutes die Privaten bei alternativen Preisen wünschen. Es ist daher verständlich, dass Interessengruppen bei der Finanzierung und Erstellung dieser von der Landwirtschaft verfügbar gemachten öffentlichen Güter einerseits zu sehr unterschiedlichen Bewertungen kommen und andererseits einen großen Einfluss nehmen können. a bb a ppp q1+2q2q1 Nachfrage Individuum 1 Nachfrage Individuum 2 Nachfrage Individuum 1 und 2 Schaubild 2.25: Vertikale Aggregation der individuellen Nachfrage für öffentliche Güter Andere Umweltleistungen, wie z. B. die Nachfrage nach Naturparks, sind meritorische Güter. Diese Güter könnten zwar von Privaten angeboten werden, aber die Gesellschaft meint, dass das Marktangebot zu niedrig sei. Der Staat beeinflusst daher die Nachfrage nach diesen Produkten. Auch in diesem Fall ist demnach die Nachfrage nach den von der Landwirtschaft produzierten Umweltgütern stark durch politische Entscheidungen bestimmt und daher auch stark von den Kräften auf dem politischen Markt abhängig. Auf dem politischen Markt treten die Politiker als Anbieter von Politikmaßnahmen auf, die einzelne Gruppen begünstigen. Nachfrager sind Gruppen, die ihre Situation durch den Staatseingriff verbessern wollen. 2.6.4 Divergenz zwischen Marktpreisen und gesamtwirtschaftlichen Schattenpreisen Gesamtwirtschaftliche Schattenpreise geben an, wie die Gesellschaft die Änderung der Verbrauchsmenge um eine Einheit bewertet. Wie hoch der gesamtwirt- 78 Kapitel 2: Die Nachfrage nach Agrarprodukten schaftliche Schattenpreis ist, kann für den Fall von privaten Gütern, bei denen keine Divergenz im Konsum auftritt, und für den Fall eines relativ kleinen Landes eindeutig geklärt werden. Von einem relativ kleinen Land spricht man in der Au- ßenhandelstheorie, wenn der Weltmarktpreis für ein Land gegeben ist, wenn also zum unveränderten Weltmarktpreis zusätzliche Mengen importiert oder exportiert werden können. Weicht der Marktpreis, z. B. als Folge staatlicher Eingriffe, vom Schattenpreis ab, so führen die Entscheidungen der Nachfrager nicht zu einem gesellschaftlichen Optimum. Dieser Sachverhalt ist in Schaubild 2.26 dargestellt. Es wird davon ausgegangen, dass der Inlandspreis für das betrachtete Produkt durch staatliche Maßnahmen an der Grenze über dem Weltmarktpreis liegt. ps ist der Weltmarktpreis, d. h. in unserem Fall der Schattenpreis und pi ist der Inlandspreis. Konsumenten des betrachteten Produktes würden bei ps die Menge qs nachfragen und bei pi die Menge qi nachfragen. Wenn der Preis bei pi liegt, verlieren die Nachfrager die Fläche a + b an Konsumentenrente. Die Fläche des Trapezes kann daher als monetärer Ausdruck für den Wohlfahrtsverlust der Konsumenten angesehen werden. Die Fläche a gibt an, dass die Konsumenten einen Transfer in dieser Höhe leisten. Die Gesellschaft zahlt für eine zusätzliche Einheit des Imports des betrachteten Gutes ps, die Konsumenten haben aber pi zu zahlen. Es erfolgt somit ein Transfer der Konsumenten des betrachteten Produktes zugunsten anderer Mitglieder der Gesellschaft. Dieser Transfer ist aber geringer als die Änderung der Konsumentenrente (a + b); als Verlust für die Gesellschaft insgesamt verbleibt damit die Fläche b. Dieser Verlust ist die Folge eingeschränkten Freihandels, da bei Freihandel im Inland die Weltmarktpreise gelten würden. Die Fläche b wird daher auch als Verzicht auf eigentlichen Handelsgewinn bezeichnet. qsqi b pi ps p q a a + b = Verlust an Konsumentenrente a = Transfer b = Wohlfahrtsverlust; Verzicht auf eigentlichen Handelsgewinn Nachfragekurve = Kurve marginaler Zahlungsbereitschaft Schaubild 2.26: Divergenz zwischen Marktpreis und Schattenpreis Die Analyse zeigt, dass bei einer Divergenz zwischen Markt- und Schattenpreisen als Folge rationaler individueller Entscheidungen Wohlfahrtsverluste entstehen. Staatliche Maßnahmen können daher erwogen werden, um diese Divergenzen zu beseitigen. 2.6 Politikprobleme 79 2.6.5 Transaktionskosten Transaktionskosten sind Kosten, die durch den Übergang eines Aktivums von einem Wirtschaftssubjekt auf ein anderes entstehen. Wenn also ein Kauf getätigt wird, hat der Käufer nicht nur Kosten für den Kauf des Gutes zu tragen, sondern auch zusätzliche Kosten, die mit dem Übergang des Verfügungsrechts verbunden sind. In obiger Analyse bei der Diskussion der Bestimmungsfaktoren der Nachfrage wurde implizit davon ausgegangen, dass die Marktpreise für alle Individuen gleich sind und diese Marktpreise auch den Kosten entsprechen, die mit dem Kauf des Produktes anfallen. Zusätzlich zu diesen Kosten entstehen aber Transaktionskosten, und zwar durch13 (a) die Kosten für die Anbahnung von Verträgen (Such- und Informationskosten im engeren Sinn), (b) die Kosten des Abschlusses von Verträgen (Verhandlungs- und Entscheidungskosten), (c) die Kosten der Überwachung und Durchsetzung vertraglicher Leistungspflichten. Als Folge der Transaktionskosten sind die dem Nachfrager entstehenden Kosten nicht identisch mit den Marktpreisen, sondern mit den Marktpreisen zuzüglich der Transaktionskosten. Da letztere für einzelne Wirtschaftssubjekte unterschiedlich sind, sind auch die Kosten des Kaufs eines Produktes von Individuum zu Individuum unterschiedlich. So haben die Käufer von Lebensmitteln nur beschränkte Information über die Wirkung dieser Produkte auf die Gesundheit. Für den einzelnen Laien kann es hohe Kosten verursachen, sich in jedem Einzelfall zu informieren. Der Staat kann durch geeignete Maßnahmen zu einer Reduzierung der Transaktionskosten beitragen. Hierzu tragen z. B. Testberichte, Preisinformationen, gesetzliche Vorgaben für die Inhaltsstoffe von Nahrungs- und Futtermitteln und Kennzeichnung der Lebensmittel bei. Formel-Kapitel 3 Abschnitt 1 13 Siehe hierzu Richter, R. und E. Furubotn, Neue Institutionenökonomik. 2. Auflage, Tübingen 1999, S. 51. 13 Siehe hierzu Richter, R. und E. Furubotn, Neue Institutionenökonomik. 2. Auflage, Tübingen 1999, S. 51. 80 Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten Kapitel 3: Das Angebot von Agrarprodukten 3.1 Bestimmungsfaktoren des Angebots von Agrarprodukten Zunächst sollen die Bestimmungsfaktoren des Angebots von Agrarprodukten untersucht werden. Es ist nahe liegend, dass man nicht in der Lage ist, über das Angebotsverhalten einzelner Produzenten eine exakte Aussage zu treffen. Individuen können sehr unterschiedliche Ziele, Zielbeschränkungen und Präferenzen haben, so dass es nicht möglich ist, ihr Angebotsverhalten im Einzelfall eindeutig vorherzusagen14. Es verbleibt daher nur die Möglichkeit, Hypothesen aufzustellen und empirisch zu überprüfen. Im ersten Teil des Kapitels gehen wir von der Hypothese aus, dass die Anbieter von Agrarprodukten Gewinnmaximierer sind, vollkommen über die Beziehung zwischen Faktoreinsatz und Produktion (d. h. über die Produktionsfunktion) informiert sind, sichere Preiserwartungen haben und Mengenanpasser sind. Danach wird gezeigt, welche Änderungen in der Analyse vorzunehmen sind, wenn eine andere Zielfunktion vorliegt. Das Angebot eines einzelnen Betriebes ist in der Regel von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Es gilt in allgemeiner Formulierung: S S1 1 1 2 n 1 mq q (p ,p ,...,p ,r ,...,r ,T,Z,V) (3.1) mit S 1q = angebotene Menge des Gutes 1 p1 = Preis des Gutes 1 p2,...,pn = Preise aller Güter, die außer Gut 1 produziert werden können r1,...,rm = Preise der Produktionsfaktoren, die in der Produktion von Gut 1 verwendet werden T = Stand der Technologie Z = Zielsetzung V = Verhaltensweisen. 3.2 Das Konzept der Angebotskurve bei der Zielsetzung Gewinnmaximierung Eine Angebotskurve wird unter der Annahme abgeleitet, dass außer dem das Angebot bestimmenden Preis p1 alle anderen angebotsbestimmenden Faktoren unver- 14 Man spricht in der Ökonomie auch von ‚Vorhersagen‘, wenn man die Reaktion von Wirtschaftssubjekten auf Änderungen bestimmter ökonomischer Variablen meint.

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References

Zusammenfassung

Die landwirtschaftliche Marktlehre.

Dieses Buch baut auf den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre auf und vermittelt grundlegende Kenntnisse zum Verständnis sektoraler Wirtschaftspolitik am Beispiel der Agrarmarktpolitik. Im Teil I legt es die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Preisbildung auf Produkt? und Faktormärkten. Besondere Bedeutung hat dabei neben der neoklassischen Theorie auch die Institutionenökonomie. Teil II stellt die Agrarmarktpolitik mit besonderem Bezug zur EU dar und bewertet diese, wobei der Bewertungsrahmen über die übliche wohlfahrtstheoretische Analyse hinausgeht. Das Buch ist insbesondere wegen seiner detaillierten Bewertung einzelner agrarmarktpolitischer Instrumente auch Studierenden des Fachs Wirtschaftspolitik eine wertvolle Hilfe. Es wendet sich an Studierende der Agrarwissenschaft, Agrarökonomie und der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Politiker, die an einer rationalen EU Agrarpolitik interessiert sind.

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich Koester forscht und lehrt am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er war über 20 Jahre Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.