1.2 ZumAufbau des Buches in:

Ulrich Koester

Grundzüge der landwirtschaftlichen Marktlehre, page 23 - 26

4. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3764-5, ISBN online: 978-3-8006-4470-4, https://doi.org/10.15358/9783800644704_23

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

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1.2 Zum Aufbau des Buches 11 politik leisten soll, wird es für zweckmäßig gehalten, einen weit gefassten Wissenschaftsbegriff zu wählen. Insbesondere scheint es notwendig, dass man teleologische Werturteile, die anzeigen, ob ein bestimmter Mitteleinsatz zur Verwirklichung einer bestimmten Zielsetzung geeignet ist, zulässt. Doch selbst wenn gefordert wird, dass die wissenschaftliche Agrarpolitik und Marktlehre einen Beitrag zur Lösung der praktischen Agrarpolitik leisten sollen, muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass es wissenschaftlich kaum möglich ist, werturteilsfrei agrarpolitische Empfehlungen zu erteilen. Jede agrarpolitische Empfehlung beinhaltet eine Aussage darüber, wie eine Realsituation einer Wunschsituation angepasst werden kann. Die Wunschsituation kann nun aber nicht werturteilsfrei formuliert werden. Der Wissenschaftler hat hierbei die Möglichkeit, offiziell deklarierte Ziele als repräsentativ für eine Wunschsituation zu betrachten, oder er kann versuchen, die Zielstruktur der Gesellschaft durch empirische Forschung zu ermitteln. Schließlich kann er selbst hypothetisch eine Wunschsituation oder Ziele formulieren. In allen diesen Fällen wird seine Aussage bezüglich der agrarpolitischen Empfehlung aber normativ sein. Doch abgesehen von diesem Problem muss zusätzlich bedacht werden, dass in der Regel agrarpolitische Empfehlungen dazu führen werden, dass bei Berücksichtigung der Empfehlung sowohl begünstigte als auch benachteiligte Personen und Personengruppen betroffen werden. Da es aber keine Möglichkeit gibt, intersubjektive Nutzenvergleiche vorzunehmen, entfällt die Möglichkeit, in einem solchen Fall werturteilsfrei und intersubjektiv nachvollziehbar eine Empfehlung auszusprechen. Wollte man dem Kriterium der intersubjektiven Überprüfung genügen, so müsste man in die agrarpolitische Empfehlung des Wissenschaftlers aufnehmen, welche Personen und Personengruppen durch die Berücksichtigung der Empfehlung betroffen werden und aufgrund welcher Norm man sagt, dass die Begünstigten größere Vorteile haben werden, als die Benachteiligten Verluste zu tragen haben. Prüft man für einen konkreten Fall, wie solche in der Regel implizit enthaltenen Aussagen tatsächlich auch explizit formuliert werden können, so wird man häufig feststellen, dass es kaum möglich sei, den Kreis der Betroffenen eindeutig abzugrenzen und die Möglichkeiten, die Vor- und Nachteile exakt zu quantifizieren, nur ausnahmsweise gegeben sind. Das zeigt, dass der Wissenschaftler immer dann, wenn er zu Politikempfehlungen übergeht, sehr schnell den eigentlichen Bereich der wissenschaftlichen Arbeit verlassen muss. Vor einer Wissenschaftsgläubigkeit bezüglich agrarpolitischer Empfehlungen muss daher nach der hier vertretenen Auffassung gewarnt werden. 1.2 Zum Aufbau des Buches Das Buch enthält zwei Teile. Der erste Teil ist mit den Kapiteln 2 bis 4 der Darstellung der theoretischen Grundlagen gewidmet. Hier wird die Wirkung des Marktmechanismus auf den Agrarmärkten zunächst ohne staatliche Eingriffe analysiert und am Ende der einzelnen Kapitel werden einige Politikprobleme angesprochen. Auch wenn es zur Zeit kaum Volkswirtschaften gibt, in denen reine marktwirtschaftliche Systeme ohne staatliche Eingriffe auf den Agrarmärkten vorliegen, so scheint es doch aus didaktischen Gründen empfehlenswert, zunächst die 12 Kapitel 1: Einführung Situation bei einer freien Marktpreisbildung zu untersuchen. Auf dieser Grundlage soll das Verständnis für staatliche Eingriffe auf Agrarmärkten geweckt werden. In einem marktwirtschaftlichen System regelt der Preis die Austauschbeziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft. Wir haben uns daher im ersten Teil des Buches vornehmlich mit den Bestimmungsgründen der Agrarpreisbildung zu beschäftigen. Dieser erste Teil der Aufgabenstellung kann durch Übersicht 1.4 veranschaulicht werden. Austauschbeziehungen gibt es (a) auf der Erzeugerstufe zwischen Anbietern (= Agrarproduzenten) und Nachfragern (= Handels- und Verarbeitungssektor) und (b) auf der Verbraucherstufe zwischen Anbietern (= Handels- und Verarbeitungssektor) und Nachfragern (= Konsumenten). Die Nachfrage auf der Erzeugerstufe kann gedanklich als von der Nachfrage auf der Verbraucherstufe abgeleitete Nachfrage aufgefasst werden. Diese Interpretation beinhaltet, dass der Handels- und Verarbeitungssektor bei der Nachfrage auf der Erzeugerstufe jeweils in seine Überlegungen mit einbezieht, wie die Nachfrage auf der Verbraucherstufe bei alternativen Preisen sein wird. Übersicht 1.4 zeigt den Zusammenhang zwischen der Preisbildung auf der Erzeuger- und Verbraucherstufe. Die Verbraucher- und Erzeugerpreise auf den Agrarmärkten werden nach Übersicht 1.4 von folgenden Faktoren bestimmt: (a) Den Bestimmungsgründen der Nachfrage nach Konsumgütern, die Agrarrohprodukte enthalten, Nachfragebestimmende Faktoren auf der Verbraucherstufe Angebotsbestimmende Faktoren auf der Verbraucherstufe Nachfragebestimmende Faktoren auf der Erzeugerstufe Angebotsbestimmende Faktoren auf der Verbraucherstufe Nachfrage der Konsumenten Angebot von konsumreifen Agrarprodukten Nachfrage nach Agrarrohprodukten Verbraucherpreis für konsumreife Agrarprodukte Verbrauch Erzeugerpreis Angebot von Agrarrohprodukten Verarbeitung und Vermarktung Erzeugung Verbraucherstufe Erzeuger stufe Übersicht 1.4: Bestimmungsfaktoren der Agrarpreisbildung 1.2 Zum Aufbau des Buches 13 (b) den Bestimmungsgründen des Angebots von Agrarprodukten und (c) den Bestimmungsgründen der Handels- und Verarbeitungsspanne. In Kapitel 2 werden die Bestimmungsfaktoren der Nachfrage nach Agrarprodukten auf der Verbraucherstufe dargestellt. In Kapitel 3 wird auf die das Angebot bestimmenden Faktoren auf der Erzeugerstufe eingegangen. Dieses Kapitel kann kürzer als das zweite Kapitel gehalten werden, um Überschneidungen mit dem Lehrgebiet der landwirtschaftlichen Betriebslehre zu vermeiden. Kapitel 4 widmet sich der Agrarpreisbildung. Besondere Betonung wird hier auf die Darstellung der Preiszusammenhänge zwischen Produkten, zwischen Regionen, zwischen verschiedenen Zeitpunkten sowie zwischen der Verbraucher- und Erzeugerstufe gelegt. Die Analyse konzentriert sich vornehmlich auf die Preisbildung auf vollkommenen Märkten. Die Bedeutung von Unkenntnis und Unsicherheit wird exemplarisch für die Preisbildung auf dem Weltweizenmarkt dargestellt. Mit Kapitel 5 beginnt der agrarmarktpolitisch ausgerichtete Teil des Lehrbuches. In der Realität werden die Agrarmärkte in nahezu allen Ländern durch eine Vielzahl staatlicher Eingriffe reglementiert. Im Kapitel 5 werden daher die wichtigsten Argumente für staatliche Eingriffe auf den Agrarmärkten hinterfragt. Kapitel 6 beschäftigt sich mit den Zielen und Trägern in der EU-Agrarpolitik. Der Schwerpunkt des zweiten Teils des Buches liegt auf der Analyse der Wirkungen alternativer Instrumente im Kapitel 7. Die Darstellung der Instrumente wird nicht auf die Wirkungen hinsichtlich der Gleichgewichtspreise und -mengen beschränkt. Es wird vielmehr versucht, einen allgemeinen, umfassenderen Bewertungsrahmen anzuwenden und an den ausgewählten Instrumenten beispielhaft aufzuzeigen. Allerdings ist es nicht möglich, alle auf den Agrarmärkten eingesetzten Instrumente in ihren Wirkungen zu analysieren. Doch sollten Studierende in der Lage sein, nach intensivem Studium des vorliegenden Textes selbständig hier nicht dargestellte Instrumente in ihrer Wirkung analysieren zu können. Kapitel 8 geht auf die politische Ökonomie der Agrarmarktpolitik ein. Es wird also der Frage nachgegangen, warum die Agrarpolitik ist wie sie ist. In einem abschließenden Kapitel 9 werden zunächst die Grundprinzipien der EU-Agrarmarktpolitik in ihren Wirkungen untersucht; abschließend werden in groben Zügen die Entwicklung der EU-Agrarmarktpolitik bei Zugrundelegung der Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft dokumentiert und Perspektiven für die weitere Entwicklung diskutiert. Formel-Kapitel 2 Abschnitt 1 Teil I: Theoretische Grundlagen

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Zusammenfassung

Die landwirtschaftliche Marktlehre.

Dieses Buch baut auf den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre auf und vermittelt grundlegende Kenntnisse zum Verständnis sektoraler Wirtschaftspolitik am Beispiel der Agrarmarktpolitik. Im Teil I legt es die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Preisbildung auf Produkt? und Faktormärkten. Besondere Bedeutung hat dabei neben der neoklassischen Theorie auch die Institutionenökonomie. Teil II stellt die Agrarmarktpolitik mit besonderem Bezug zur EU dar und bewertet diese, wobei der Bewertungsrahmen über die übliche wohlfahrtstheoretische Analyse hinausgeht. Das Buch ist insbesondere wegen seiner detaillierten Bewertung einzelner agrarmarktpolitischer Instrumente auch Studierenden des Fachs Wirtschaftspolitik eine wertvolle Hilfe. Es wendet sich an Studierende der Agrarwissenschaft, Agrarökonomie und der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Politiker, die an einer rationalen EU Agrarpolitik interessiert sind.

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich Koester forscht und lehrt am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er war über 20 Jahre Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.