Kapitel 4: Agrarpreisbildung in:

Ulrich Koester

Grundzüge der landwirtschaftlichen Marktlehre, page 122 - 197

4. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3764-5, ISBN online: 978-3-8006-4470-4, https://doi.org/10.15358/9783800644704_122

Series: Lernbücher für Wirtschaft und Recht

Bibliographic information
112 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Kapitel 4: Agrarpreisbildung Agrarpreise bilden sich wie andere Güter- und Faktorpreise auf den Märkten als das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Unter einem Markt wird dabei die Gesamtheit der Beziehungen zwischen anbietenden und nachfragenden Wirtschaftssubjekten verstanden. Im abstrakten Sinn verstehen wir unter einem Markt die jeweilige Angebots-Nachfrage-Konstellation. Der Preis als Ergebnis der Marktkräfte wird u.a. durch die Marktform bestimmt. Im Folgenden wollen wir uns daher zunächst mit einigen möglichen Klassifikationen der Märkte beschäftigen. 4.1 Klassifikation der Märkte Abgrenzung des relevanten Marktes Märkte können u. a. nach persönlichen, sachlichen, räumlichen (regionalen) und zeitlichen Gesichtspunkten gegliedert werden. Allerdings gibt es kein eindeutiges Kriterium, wo die Grenze zwischen unterschiedlichen Märkten zu ziehen ist. Soll z. B. bei einer sachlichen Gliederung der Märkte der Weizenmarkt insgesamt betrachtet werden oder ist eine Differenzierung in die Märkte für Backweizen und Futterweizen notwendig? Die Abgrenzung des relevanten Marktes hängt von der jeweiligen Fragestellung sowie von der persönlichen Einschätzung des Marktanalytikers ab. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen sollte daher die Festlegung des relevanten Marktes besonders sorgfältig erfolgen. Kennzeichnung der Märkte nach quantitativen Gesichtspunkten Die Klassifikation der Märkte nach quantitativen Gesichtspunkten geht von der quantitativen Besetzung der beiden Marktseiten (Angebots- und Nachfrageseite) aus. Das bekannteste Marktformenschema geht auf von Stackelberg zurück (vgl. Übersicht 4.1). Hierbei werden die Marktpartner in viele – wenige – einer differenziert. Durch eine unterschiedliche Kombination dieser drei Merkmale auf der Angebots- und Nachfrageseite ergeben sich unterschiedliche Marktformen. Dieses Marktformenschema erlaubt keine eindeutige Klassifikation der Märkte, da insbesondere eine Abgrenzung zwischen „viele“ und „wenige“ mehr oder weniger willkürlich bleiben muss. Es wird daher auch hier von der zu untersuchenden Frage und der Entscheidung des Analytikers abhängen, bei welcher Zahl die Grenze zu ziehen ist. Bei der Preisbildung auf Agrarproduktmärkten wird in der Mehrzahl der Fälle von der Marktform des Polypols auszugehen sein. Vielen Anbietern (landwirtschaftlichen Produzenten) stehen viele Nachfrager (Händler oder Konsumenten) gegenüber. 4.1 Klassifikation der Märkte 113 Nachfrager Anbieter viele wenige einer viele Polypol Oligopson Monopson wenige Oligopol BilateralesOligopol Beschränktes Monopson einer Monopol BeschränktesMonopol Bilaterales Monopol Übersicht 4.1: Marktformenschema nach von Stackelberg Klassifikation der Märkte nach qualitativer Beschaffenheit Nach diesem Gesichtspunkt könnte z. B. folgende Klassifikation vorgenommen werden: 1. vollkommene und unvollkommene Märkte, 2. organisierte und nicht organisierte Märkte, 3. Märkte mit beschränktem und unbeschränktem Zugang, 4. freie und regulierte Märkte. Vollkommene und unvollkommene Märkte Von vollkommenen Märkten spricht man, wenn fünf Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind und zwar: (1) Es muss eine sachliche Gleichartigkeit der Güter gegeben sein. Die Güter müssen vom Nachfrager und Anbieter als vollkommen gleichwertig betrachtet werden und daher auch voll gegeneinander austauschbar sein. (2) Es dürfen keine persönlichen Präferenzen vorliegen. Es darf z. B. nicht der Kauf eines Gutes nur deswegen erwogen werden, weil der Käufer dem Verkäufer gegenüber eine besondere Wertschätzung hat. (3) Es dürfen keine räumlichen Differenzierungen, d. h. räumliche Unterschiede zwischen einzelnen Anbietern und Nachfragern, vorliegen. Diese Bedingung beinhaltet, dass vollkommene Märkte Punktmärkte sind. Es wird also von der räumlichen Dimension der Märkte abstrahiert. (4) Es dürfen keine zeitlichen Differenzierungen, d. h. zeitliche Unterschiede zwischen Anbietern und Nachfragern, vorliegen. Das beinhaltet z. B., dass das gleiche Gut von allen Anbietern zur gleichen Zeit auch den etwaigen Nachfragern zur Verfügung gestellt werden kann (Lieferzeiten müssen gleich lang sein). (5) Es muss eine vollkommene Markttransparenz vorliegen, d. h. alle Anbieter und Nachfrager müssen über die derzeitige Marktkonstellation und auch über die zukünftige Entwicklung vollkommen informiert sein. Die ersten vier Bedingungen fasst man auch zur so genannten Homogenitätsbedingung zusammen. Wir können daher auch kürzer sagen, dass vollkommene Märkte durch die Homogenitätsbedingung und Markttransparenz definiert sind. Ist die Markttransparenz nicht gegeben, jedoch die Homogenitätsbedingung erfüllt, so spricht man von temporär unvollkommenen Märkten. 114 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Es ist einleuchtend, dass es in der Realität nur dann vollkommene Märkte geben kann, wenn man die Märkte sachlich, räumlich und zeitlich sehr eng definiert (Elementarmärkte). In einem solchen Fall wird allerdings in der Regel das Untersuchungsobjekt für die Mehrzahl der Fragestellungen zu stark eingeengt sein. Die Klassifikation in vollkommene und unvollkommene Märkte dient daher in erster Linie dem Zweck, den Prozess der Preisbildung gedanklich zu erfassen. Von unvollkommenen Märkten spricht man, wenn eine der fünf Bedingungen nicht gegeben ist. Selbstverständlich beinhaltet die Klassifikation in vollkommene und unvollkommene Märkte keine positive oder negative Wertung. Organisierte und nicht organisierte Märkte Von einem organisierten Markt wird dann gesprochen, wenn auf einem Markt die Preisbildung nach festgelegten Regeln und/oder besonderen Einrichtungen erfolgt (Börsen, Versteigerungen, Auktionen). In allen anderen Fällen handelt es sich um nicht organisierte Märkte. Märkte mit beschränktem und unbeschränktem Zugang Der Zugang zu einzelnen Märkten kann durch rechtliche Regelungen (z. B. Genehmigung als Gewerbebetrieb, den großen oder kleinen Befähigungsnachweis) oder wirtschaftliche Gegebenheiten beschränkt sein. Im Bereich der konventionellen Landwirtschaft ist der Zugang durch potenzielle Produzenten formal frei, doch ist er in der Realität aufgrund des begrenzt verfügbaren Produktionsfaktors Boden sowie bodenrechtlicher Regelungen beschränkt. Im Bereich der Tierproduktion ist der Markt auch bezüglich der Errichtung von Produktionsstätten und durch Auflagen bezüglich der Ausbringung von Gülle an bestimmten Orten beschränkt. Dies hat für die Preisbildung, insbesondere für die Wirkung des Marktmechanismus auf den Faktormärkten der Landwirtschaft, eine erhebliche Bedeutung. Darauf wird weiter unten noch eingegangen. In der ökologischen Landwirtschaft liegt eine stärkere formale Beschränkung vor. Landwirte dürfen nur dann auch ökologisch produzierte Produkte anbieten, wenn sie zuvor lizenziert wurden. Freie und regulierte Märkte Wenn sich der Preis allein durch Entscheidungen der Marktteilnehmer bildet, sprechen wir von einem freien Markt. Greift der Staat dagegen direkt in die Marktpreisbildung ein, so sprechen wir von regulierten (staatlich reglementierten) Märkten. Die Agrarmärkte in der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union sind zu einem großen Teil staatlich reglementiert. Wollen wir daher die Marktpreisbildung erklären, so haben wir auch auf die Gründe und die Ausgestaltung der staatlichen Preisreglementierung einzugehen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Mehrzahl der Agrarmärkte der BR Deutschland und der EU durch folgende Merkmale gekennzeichnet sind: (a) Polypol, (b) unvollkommen, 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 115 (c) nicht organisiert, (d) beschränkter Zugang, (e) reguliert. Trotz dieser Kennzeichnung der Agrarmärkte soll zunächst für den Spezialfall eines vollkommenen Marktes und eines Polypols der Preisbildungsprozess untersucht werden. Dieses Vorgehen soll das Verständnis der Marktpreisbildung fördern und gleichzeitig als Vergleichssystem für die Preisbildung in der Realität dienen. 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz Von vollständiger Konkurrenz spricht man, wenn sowohl ein vollkommener Markt als auch ein Polypol vorliegt. Im Folgenden soll das Gleichgewicht auf Produktund Faktormärkten bei dieser Marktform dargestellt werden. Zum Begriff Marktgleichgewicht Der Begriff des Gleichgewichts impliziert, dass die Erwartungen der Marktparteien erfüllt werden. Keiner der Marktteilnehmer sieht sich zu einer Planrevision gezwungen. Eine solche Situation beinhaltet demnach auch, dass die realisierten Daten mit den geplanten (erwarteten) Ergebnissen übereinstimmen. Man unterscheidet folgende Arten von Gleichgewichtssituationen: Mikroökonomisches Gleichgewicht. In diesem Fall sind die Erwartungen der einzelnen Planträger (Haushalt oder Unternehmung) erfüllt. Makroökonomisches Gleichgewicht. In diesem Fall sind die Erwartungen einer Gruppe von Planträgern, z. B. der Haushalte und der Unternehmen erfüllt; dabei muss aber nicht auch ein Gleichgewicht für jeden einzelnen Planträger gegeben sein. Totales Gleichgewicht. In diesem Fall werden sowohl für die Gruppe als auch für jeden Einzelnen der Gruppe die Erwartungen durch die Marktkräfte bestätigt. Von einem Marktgleichgewicht wird dementsprechend dann gesprochen, wenn die Erwartungen der Anbieter und der Nachfrager erfüllt werden. Dies wird bei dem Preis sein, bei dem die angebotene Menge gleich der nachgefragten Menge ist. Der Begriff des Marktgleichgewichts mag zunächst unproblematisch erscheinen, dennoch sind einige klärende Hinweise notwendig. Der Markt muss sowohl räumlich als auch zeitlich abgegrenzt werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Spezifizierung nicht stets vorgenommen. So wird z. B. von einem Marktungleichgewicht auf den EU-Agrarmärkten gesprochen, weil die im Inland bei gegebenem Preis produzierte Menge größer als die im Inland nachgefragte Menge ist. Die Identität dieser Mengen zeigt aber lediglich eine Autarkiesituation, d. h. einen Selbstversorgungsgrad von 100 %. Diese Situation entspricht nur dann einem Marktgleichgewicht, wenn man den betrachteten Markt räumlich entsprechend abgegrenzt hat. Nur in diesem Fall ergeben sich im Schaubild 4.1 die Gleichgewichtswerte q0 und p0. Bei freier Preisbildung, bzw. bei 116 Kapitel 4: Agrarpreisbildung fehlender räumlicher Abgrenzung des Inlandsmarktes, können sich solche Gleichgewichtswerte allerdings nur im Ausnahmefall einstellen. Da der Weltmarktpreis pw in der Regel von p0 abweichen wird, sind staatliche Außenhandelsmaßnahmen notwendig, um den Inlandsmarkt vom Weltmarkt abzugrenzen. Ohne Außenhandelsmaßnahmen – also bei freier Preisbildung – ergibt sich das Marktgleichgewicht durch den Schnittpunkt der Angebotskurve im Inland und der inländischen Nachfragekurve. Die Angebotskurve im Inland ist im Schaubild 4.1 bis zum Preis pw identisch mit der Angebotskurve der inländischen Produzenten. Ab dem Preis pw wird im Inland sowohl aus inländischer als auch ausländischer Produktion angeboten. Im Schaubild 4.1 wird angenommen, dass das ausländische Angebot beim Preis pw vollkommen elastisch reagiert. Eine solche Annahme ist realistisch, wenn ein relativ kleines Land betrachtet wird und daher die Nachfrage der Inländer auf dem Weltmarkt zu keiner Änderung der Weltmarktpreise führt. Als Gleichgewichtswerte erhält man daher bei freier Preisbildung den Preis p = pw und die Menge Swq und D S wq q . p0 p = pw p q0 q inländische Nachfragekurve Angebotskurve der inländischen Produzenten ausländische Angebotskurve = Angebotskurve im Inland S wq D Swq q Schaubild 4.1: Marktgleichgewicht in Abhängigkeit von der räumlichen Abgrenzung des Marktes Die räumliche und zeitliche Abgrenzung der Märkte spielt auch für die Beurteilung von exogenen Störungen des Gleichgewichts eine Rolle. Tritt z. B. eine naturbedingte Angebotsschwankung lediglich in einer abgegrenzten Region auf, so wird die sich hieraus ergebende Preisschwankung (vgl. Kingsche Regel) umso kleiner sein, je stärker die Region mit anderen Regionen Handel treibt. Weiterhin wird die Preisschwankung gedämpft, wenn eine zeitliche Interdependenz der Märkte möglich ist. Der Segen einer guten Ernte muss sich nicht lediglich in einem erhöhten Verbrauch im laufenden Erntejahr niederschlagen, sondern kann über Lagerhaltung der Produkte, zum Teil auch in verarbeiteter Form, über einen längeren Zeitraum verteilt werden. Daraus folgt auch, dass die Nachfrage nach 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 117 Agrarprodukten auf der Erzeugerstufe nicht einfach aus der Nachfrage der Konsumenten für den laufenden Konsum abgeleitet werden kann, sondern dass bei Störungen des Gleichgewichts auch die Nachfrage der Lagerhalter und Verarbeiter zu berücksichtigen ist. Bedeutung der Kosten und der Nachfrage für die Höhe gleichgewichtiger Marktpreise Grundsätzlich gilt, dass der Marktpreis zumindest die variablen Durchschnittskosten des Grenzanbieters decken muss. Grenzanbieter ist der Anbieter, der am kostenungünstigsten produziert, aber dessen Angebot noch notwendig ist, um die Nachfrager zum geltenden Marktpreis zu befriedigen. Dieser Sachverhalt soll durch Schaubild 4.2 veranschaulicht werden. B uKp B uKp A uLp A uKp S Aq S Bq S Bq S Aq B uLp Betrieb A Betrieb B GK VDK TDK GK VDK TDK GK TDK TDK VDK VDK p q q q GK N N A A Schaubild 4.2: Bedeutung des Grenzanbieters für die Marktpreisbildung Im Schaubild 4.2 wird unterstellt, dass sich das gesamte Angebot lediglich aus den Angebotsmengen von zwei Betrieben A und B ergibt. Der Betrieb A ist der effizientere Betrieb, der sowohl mit geringeren variablen Durchschnittskosten (VDK) 118 Kapitel 4: Agrarpreisbildung als auch geringeren totalen Durchschnittskosten (TDK) produziert. Die kurzfristige Preisuntergrenze für den Betrieb A liegt bei AuKp . Bei diesem Preis sind gerade noch die variablen Durchschnittskosten gedeckt; bei jedem Preis unterhalb AuKp ist es für den Betrieb günstiger, die Produktion einzustellen. Langfristig muss der Betrieb jedoch nicht nur seine variablen Durchschnittskosten, sondern auch seine totalen Durchschnittskosten decken. Die langfristige Preisuntergrenze für den Betrieb A liegt bei AuLp . Für den Betrieb B gilt die entsprechende Argumentation. Nehmen wir nun an, dass sich auf dem Markt ein Preis einstellt, der BuKp entspricht. In diesem Fall würde der Betrieb A die Menge SAq produzieren und der Betrieb B die Menge SBq . Während der Betrieb A einen Marktpreis erhält, der oberhalb der totalen Durchschnittskosten liegt und dem Betrieb die Erzielung eines Gewinns ermöglicht, deckt der Preis lediglich die variablen Durchschnittskosten des Betriebs B. Bei einem niedrigeren Marktpreis würde Betrieb B aus der Produktion ausscheiden. Sollen sowohl A als auch B als Anbieter auftreten, so muss der Marktpreis daher mindestens so hoch sein, dass er der Preisuntergrenze B uKp des am wenigsten effizient produzierenden Betriebs (des Grenzanbieters) entspricht. Da der Betrieb B langfristig nur produzieren kann, wenn zumindest seine totalen Durchschnittskosten gedeckt werden, liegt der langfristige Gleichgewichtspreis bei BuLp . Wir können daher folgern: Der Marktpreis kann im Gleichgewicht kurzfristig unterhalb der totalen Durchschnittskosten eines Betriebes liegen; er muss aber zumindest den variablen Durchschnittskosten des Grenzanbieters entsprechen. Kurzfristig ist daher der Marktpreis innerhalb der Differenz von langfristiger und kurzfristiger Preisuntergrenze nicht eindeutig durch die Kosten bestimmt. Kurzfristig kann daher die Nachfrage bedeutender für die Preisbildung sein als die Produktionskosten. Im langfristigen Gleichgewicht muss aber der Marktpreis die totalen Durchschnittskosten des Grenzanbieters decken. Angleichung der totalen Durchschnittskosten einzelner Betriebe durch den Marktmechanismus Im Folgenden soll untersucht werden, ob bei Wirksamkeit des Marktmechanismus große Unterschiede zwischen den totalen Durchschnittskosten einzelner Betriebe auftreten können. Eine Antwort auf diese Frage kann wiederum mit Hilfe von Schaubild 4.2 gegeben werden. Nehmen wir an, wir hätten eine Situation, wie sie durch das beschriebene kurzfristige Marktgleichgewicht gekennzeichnet ist. In diesem Fall würden für den Betrieb B noch die variablen Durchschnittskosten gedeckt, der Betrieb A dagegen würde einen Gewinn erzielen. Während es für den Betrieb B offensichtlich ist, dass er langfristig bei einer solchen Preishöhe nicht fortbestehen kann, wird der Betrieb A Expansionspläne ausarbeiten. Da die Produktionsmenge SAq nicht mit minimalen Durchschnittskosten produziert wird, sind zwar die kurzfristigen Grenzkosten gleich dem Preis, aber es gilt nicht auch zugleich, dass die langfristigen Grenzkosten gleich dem Preis sind. In einer solchen Situation ist die Kombination zwischen fixen und variablen Faktoren nicht optimal. Sind bei der Produktionsmenge SAq die totalen Durchschnittskosten nicht minimal, so zeigt das an, dass der Betrieb durch eine geänderte Kombination von fixen und variablen Faktoren seine Kosten senken und seinen Gewinn erhöhen 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 119 kann. Er wird daher versuchen, seine Produktionskapazität durch Investitionen zu erhöhen. Für eine Erweiterung der Kapazität spricht aus betrieblicher Sicht auch die Tatsache, dass bei der Produktionsmenge SAq und dem Marktpreis p Gewinne erzielt werden. Die durch Investitionen entstehende Situation ist im Vergleich zur Ausgangssituation im Schaubild 4.3 dargestellt. p Min. TDK GK VDK TDK GK TDK VDK qSAq 1 S Aq 'GK 'TDK 'VDK Schaubild 4.3: Veränderung der minimalen Durchschnittskosten durch Betriebsanpassung Die Ausgangssituation sei durch die durchgezogenen Kostenkurven gekennzeichnet. Diese Kostenkurven gelten bei kurzfristiger Anpassung. Bei dem Marktpreis p bietet der Betrieb die Menge SAq an. Bei dieser Menge übersteigen aber die totalen Durchschnittskosten die minimalen totalen Durchschnittskosten. Der Betrieb kann daher durch eine Kapazitätserweiterung die Gütermenge SAq kostengünstiger produzieren. Die neue Situation ist durch die gestrichelten Kostenkurven gekennzeichnet. In dieser neuen Situation sind die minimalen totalen Durchschnittskosten bei der Menge SAq gegeben. Das Minimum der neuen totalen Durchschnittskostenkurve wird auf gleicher Höhe liegen wie das Minimum der ursprünglichen Durchschnittskostenkurve, wenn die langfristige Grenzkostenkurve20 horizontal verläuft. In diesem Fall ist es möglich, bei einer Betriebsvergrößerung von allen Faktoren bei gleichen Faktorpreisen mehr einzusetzen. Die totalen Durchschnittskosten steigen daher bei vollkommener Anpassung nicht. Da im Agrarsektor der Faktor Bo- 20 Die langfristige Grenzkostenkurve gibt die Kostenänderung als Folge der Variation der Produktionsmenge bei vollkommener Variabilität der Faktoren an. Steigen die langfristigen Durchschnittskosten nicht, so verläuft die langfristige Kostenkurve linear durch den Ursprung. Die langfristigen Grenzkosten sind dann konstant. 120 Kapitel 4: Agrarpreisbildung den nur begrenzt verfügbar ist, kann eine Betriebsvergrößerung auch mit steigenden minimalen Durchschnittskosten einhergehen. Andererseits können durch die Betriebsvergrößerung bei Übernahme neuer Technologien auch sinkende totale Durchschnittskosten auftreten. Im Schaubild 4.3 wird unterstellt, dass die langfristige Grenzkostenkurve horizontal verläuft. Als Folge der Betriebsanpassung wird sich die kurzfristige variable Durchschnittskostenkurve nach unten verschieben, da der Betrieb mit mehr fixen und weniger variablen Faktoren produziert. Weiterhin gibt es einen anderen Verlauf der Grenzkostenkurve. Der Betrieb wird in der neuen Situation bei dem Preis p die Menge 1 S Aq produzieren. Wenn aber der Betrieb A in Schaubild 4.2 seine Produktionskapazität erweitert und auf dem Markt mehr anbietet, wird dies zu einer Marktpreissenkung führen. Der Marktpreis wird damit unter BuKp sinken. Damit wird der Preis nicht mehr ausreichend sein, um dem Betrieb B kurzfristig die Produktion zu ermöglichen. Betrieb B wird daher durch Betrieb A vom Markt verdrängt. Der Konkurrenzmechanismus führt somit dazu, dass die effizienteren Betriebe expandieren, dadurch zu einem Sinken der Marktpreise beitragen und den weniger effizienten Betrieben das Überleben unmöglich machen. Gleichzeitig trägt der Konkurrenzmechanismus dazu bei, dass durch das Ausscheiden der weniger effizienten Betriebe die Unterschiede zwischen den Durchschnittskosten der verbleibenden Betriebe verringert werden. Das einzelbetriebliche Verhalten führt dazu, dass sich langfristig durch die Wirkung des Marktmechanismus (a) die totalen Durchschnittskosten bei allen Betrieben angleichen und (b) die totalen Durchschnittskosten bei allen Betrieben dazu tendieren, gleich den minimalen totalen Durchschnittskosten zu sein. Aus dieser Erkenntnis kann daher gefolgert werden: Gibt es langfristig Unterschiede zwischen den totalen Durchschnittskosten der Betriebe eines Wirtschaftssektors, so ist dies auf mangelnde Mobilität der Faktoren zurückzuführen. Unterschiede in den totalen Durchschnittskosten beinhalten eine unterschiedliche Entlohnung der in den Betrieben eingesetzten Faktoren. Bei vollkommener Mobilität würde dies zu Faktorwanderungen und damit zu einer Angleichung der Faktorentgelte und der Durchschnittskosten führen. Im Agrarsektor können die Durchschnittskosten zwischen den Betrieben über einen längeren Zeitraum Unterschiede aufweisen. Den wachstumswilligen, effizienteren Betrieben – insbesondere in der bodenabhängigen Produktion – ist die Aufstockung nicht im gewünschten Maße möglich, da sie nicht unbegrenzt auf den notwendigen Produktionsfaktor Boden zurückgreifen können. Die weniger effizienten Betriebe können daher aufgrund der beschränkten Möglichkeit der Produktionsausdehnung der effizienten Betriebe nicht so schnell aus dem Markt gedrängt werden wie in anderen Sektoren. Dies deutet darauf hin, dass im Agrarsektor in der bodenabhängigen Agrarproduktion die Existenz von Renten (Gewinn der Unternehmen), die auf überdurchschnittliche Leistung bzw. die Betriebsleiterqualifikation zurückzuführen sind, ausgeprägter sein werden als in anderen Branchen. In der bodenunabhängigen Produktion (Eier, Geflügel, Schweine) ist dagegen eine Produktionserweiterung leichter möglich. Die Realität zeigt auch, dass die Produktionsstrukturen bei dieser Produktion einem stärkeren Wandel unterworfen sind. 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 121 Gewinne und Marktgleichgewicht Bei vollständiger Konkurrenz gibt es grundsätzlich drei Arten von Gewinnen. Erstens stellt der Gewinn eine Entlohnung für das eingesetzte Eigenkapital und die Unternehmertätigkeit dar. Dieser Gewinn kann in die Planung der Produktion relativ leicht aufgenommen werden. Die Entlohnung des Eigenkapitals und der Unternehmertätigkeit sollte zumindest den Opportunitätskosten entsprechen. Zweitens hat der Gewinn aber auch eine Entlohnung für das Risiko zu ermöglichen. Anders als bei kontraktbestimmten Einkommen, z. B. Arbeitnehmereinkommen, weiß der Unternehmer erst am Ende der Periode, ob er einen Gewinn erzielt. Der Gewinn ist somit ein Residualeinkommen. Wie hoch der Gewinn tatsächlich sein wird, kann der Unternehmer nicht mit Sicherheit vorhersagen. Er wäre daher schlecht beraten, wenn er nicht auch das Risiko eines geringeren Gewinns als erwartet und erhofft in seine Überlegungen einbezieht. Für die Übernahme des Risikos muss er in einem marktwirtschaftlichen System auch entlohnt werden. Würde man den über die normale Entlohnung von Eigenkapital und Unternehmertätigkeit anfallenden Gewinn durch einen 100%igen Steuersatz versteuern, so würden Unternehmer kaum bereit sein, risikobehaftete Investitionen vorzunehmen. Die Gesellschaft würde dann ärmer sein als ohne diese Gewinnsteuer. Drittens gibt es aber auch Differentialgewinne, die darauf beruhen, dass ein Unternehmer kostengünstiger produziert als andere Anbieter oder besondere Marktlücken entdeckt hat und höher Preise als seine Konkurrenten erzielt. Die typischen Gewinne sind hier z. B. die Schumpeterschen Pioniergewinne, die der Unternehmer erhält, der vor seinen Konkurrenten ein neues technisches Verfahren übernimmt oder ein neues Produkt auf den Markt bringt. Oben wurde bereits gezeigt, dass solche Differentialgewinne in der Tendenz durch den Konkurrenzmechanismus des Marktes im Zeitablauf abgebaut werden. Anders ist es dagegen mit der ersten Art der Gewinne, der Entlohnung von Eigenkapital und Unternehmertätigkeit. Diese sind zu den Produktionskosten (in Form der Opportunitätskosten) zu rechnen und gehen daher in die Kalkulation der Durchschnittskosten eines Unternehmers ein. Daraus folgt, dass selbstverständlich auch im langfristigen Marktgleichgewicht Unternehmensgewinne in Form einer normalen Kapitalverzinsung und einer normalen Entlohnung der Unternehmertätigkeit und einer Kompensation des Unternehmerrisikos enthalten sind. Da das Risiko bei der Produktion der einzelnen Güter unterschiedlich ist, wird auch der Gewinn unterschiedlich sein. Gewinne haben für die Funktionsweise eines marktwirtschaftlichen Systems eine große Bedeutung. Gewinne, die über der durchschnittlichen Verzinsung des Eigenkapitals (einschließlich des Entgeltes für das Unternehmerrisiko) liegen, signalisieren, dass vergangene Investitionsentscheidungen richtig getroffen wurden. Gewinne der abgelaufenen Wirtschaftsperioden dienen also zur Bewertung von unternehmerischer Leistung in der Vergangenheit. Erwartete Gewinne werden als Kriterium für die Auswahl von Investitionsobjekten herangezogen. Überdurchschnittliche Gewinne können daher bei vollkommener Konkurrenz auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht positiv beurteilt werden. Sie belegen, dass Investitionen dort vorgenommen wurden, wo überdurchschnittliche Knappheiten bestanden. Unterdurchschnittliche Gewinne oder gar Verluste zeigen an, dass offensichtlich falsche Investitionsentscheidungen getroffen wurden. Der Marktmechanismus enthält 122 Kapitel 4: Agrarpreisbildung somit einen Sanktionsmechanismus: Unternehmer, die falsche Entscheidungen fällen, können mit Verlusten des Eigenkapitals bestraft werden. Es wird daher auf einzelbetrieblicher Ebene ein Anreiz geschaffen, unter Berücksichtigung von Kosten Informationen für zukunftsgerichtete Entscheidungen einzuholen. Aus der Funktionsweise des Marktmechanismus folgt, dass es zu unterdurchschnittlichen Gewinnen zwischen Sektoren oder zwischen Betrieben nur dann kommen kann, wenn die Wirtschaftssubjekte bei ihren Investitionsentscheidungen von Erwartungen ausgehen, die durch die Realität nicht bestätigt werden. Wenn demnach Landwirte bereit sind, in ihre Betriebe zu investieren, kann vermutet werden, dass sie positive Gewinnerwartungen haben, die in der Regel durch die Wirtschaftsergebnisse der Vergangenheit gestützt werden. Das Problem der optimalen Betriebsgröße Obige Ausführungen haben deutlich gemacht, dass Änderungen der Produkt- und Faktorpreise zu Änderungen der Betriebsgrößen und damit zum Strukturwandel führen. Es wurde auch gezeigt, dass sich in einem marktwirtschaftlichen System die Durchschnittskosten der Betriebe angleichen. Hieraus kann aber nicht gefolgert werden, dass sich auch die Betriebsgrößen angleichen. Dies wäre nur dann der Fall, wenn es lediglich eine optimale Betriebsgröße gäbe und diese Betriebsgröße eindeutig bestimmt werden könnte. Laut Definition ist die optimale Betriebsgröße erreicht, wenn eine Änderung der Produktionskapazität zu höheren Durchschnittskosten führt, wenn also das Minimum der langfristigen totalen Durchschnittskosten erreicht ist. Eine bestimmte optimale Betriebsgröße gäbe es nicht, wenn die Betriebe den Einsatz aller Faktoren proportional erhöhen könnten (multiple Betriebserweiterung). In diesem Fall wäre die langfristige Angebotskurve des Betriebes vollkommen elastisch. In der Regel wird es – insbesondere in der landwirtschaftlichen Produktion – nicht möglich sein, alle Faktoren proportional zu vermehren. Dies gilt insbesondere für die dispositive Tätigkeit des Betriebsleiters. Wegen der unterschiedlichen Fähigkeit, größere Betriebe zu leiten, wird es nicht eine einzige optimale Betriebsgröße geben. Kostensenkungen, die im technischen Bereich durch eine Betriebsvergrößerung eintreten können, werden also unterschiedlich stark durch die Betriebsleiterqualifikation ausgenutzt. Ob aufgrund dieser Einflussfaktoren der Familienbetrieb in der Landwirtschaft langfristig billiger produzieren kann als Lohnarbeitsbetriebe, ist sicherlich eine Faktenfrage, doch lässt sich aus der Realität nicht ablesen, dass der Familienbetrieb generell überlegen ist. Betriebserweiterungen können aber auch zu Steigerungen der Durchschnittskosten z. B. in der tierischen Produktion führen, weil das Risiko von Tierkrankheiten mit zunehmender Bestandsgröße zunimmt. Dies gilt insbesondere in der Sauenhaltung. Hier gibt es somit auch spezielle ökonomische Grenzen des Wachsens der Betriebe. In der landwirtschaftlichen Betriebslehre wird das Problem der optimalen Betriebsgröße vornehmlich wie oben dargestellt diskutiert. Eine andere Sicht erhält man, wenn man die Produktionskosten eines Produktes in zwei Arten untergliedert. Zum einen kann man von Transformationskosten sprechen. Diese Kosten entstehen bei der physischen Umwandlung von Gütern; sie stellen die ‚eigentlichen Produktionskosten‘ dar, die in der neoklassischen Theorie in der Regel be- 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 123 handelt werden und auf die bei der obigen Argumentation abgestellt wurde. Zum anderen entstehen bei der Produktion von Gütern aber auch Transaktionskosten. Diese Kosten entstehen durch Transaktionen zwischen Wirtschaftssubjekten. Sie können wiederum in interne und externe oder in unternehmensinterne Transaktionskosten und Markttransaktionskosten untergliedert werden. Beide Arten von Transaktionskosten haben eine große Bedeutung für die optimale Betriebsgröße. Interne Transaktionskosten entstehen in landwirtschaftlichen Betrieben vor allem durch eine notwendige Überwachung der Arbeitskräfte. Zwar sind die Angestellten eines Unternehmers gemäß den Arbeitsverträgen angehalten, eine bestimmte Leistung zu erbringen und das Eigentum des Unternehmers nicht zu mindern, wegen der Besonderheiten der landwirtschaftlichen Produktion kann aber die Kontrolle der Leistungsabgabe mit relativ hohen Kosten verbunden sein und ist auch nicht stets überprüfbar. Hinzu kommt, dass auf landwirtschaftlichen Großbetrieben die Gefahr von Diebstahl erheblich sein kann. Es ist daher wahrscheinlich, dass die internen Transaktionskosten mit zunehmender Zahl von Lohnarbeitskräften steigen. Anders ist dagegen der Verlauf der externen Transaktionskosten. Bekanntlich ist es größeren Betrieben mit größeren Verkaufsmengen möglich, höhere Preise zu erzielen und für zugekaufte Betriebsmittel niedrigere Preise zu zahlen. Der Preiszu- bzw. -abschlag ist zum einen möglich, weil für den Verkäufer oder Marktpartner die physischen Kosten beim Transport sowie bei der Ein- und Auslagerung geringer sind, zum anderen aber auch, weil die Leiter der Großbetriebe größere ökonomische Anreize haben, nach dem für sie wahrscheinlich günstigsten Marktpartner zu suchen. Die Suchkosten pro verkaufte Mengeneinheit bzw. eingekaufte Mengeneinheit sind für Großbetriebe geringer als für kleinere Betriebe. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass sich die externen Transaktionskosten mit zunehmender Betriebsgröße verringern. Dieser Effekt wird zukünftig noch bedeutender, da z. B. Großbetriebe mit geringeren Kosten je Mengeneinheit die Rückverfolgbarkeit der Produkte und andere Auflagen erfüllen können. Im Schaubild 4.4 ist angenommen, dass die Summe aus internen und externen Transaktionskosten ab einer bestimmten Produktionsmenge einen steigenden Verlauf hat. Bezüglich der Transformationskosten kann angenommen werden, dass sie über einen weiten Bereich der Betriebsgröße (gemessen in Produktionsmengen) einen fallenden Verlauf haben. Im Schaubild 4.4 ist ein möglicher Verlauf der beiden Kurven gezeichnet. Das Optimum wird offensichtlich dann erreicht, wenn der absolute Betrag des Anstiegs der Transformationskurve gleich ist dem Anstieg der Transaktionskostenkurve. Es ist sichtbar, dass landwirtschaftliche Betriebe keine Größenvorteile haben können, wenn die Transformationskosten nicht mit steigender Betriebsgröße sinken. Die Entwicklung der Landwirtschaft deutet darauf hin, dass es erst in den letzten Jahrzehnten zu beträchtlichen Skaleneffekten in der landwirtschaftlichen Produktion gekommen ist. Diese Skaleneffekte konnten aber nicht immer ausgeschöpft werden, da Betriebsaufstockungen mit größerer Zahl von Fremdarbeitskräften einher gingen und die Transaktionskosten erheblich waren. In den letzten Jahrzehnten hat sich die optimale Betriebsgröße stetig nach oben verlagert. Neuere Technologien haben dazu geführt, dass auch Großbetriebe (gemessen an der Flächenausstattung oder am Viehbestand) mit wenigen Arbeitskräf- 124 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Transaktionskosten, Transformationskosten q Gesamtkostenkurve Transaktionskostenkurve Transformationskostenkurve Schaubild 4.4: Optimale Betriebsgröße in Abhängigkeit von Transformationsund Transaktionskosten ten auskommen können und dass moderne Techniken und adäquate Managementsysteme die internen Transaktionskosten gesenkt haben. Weiterhin differieren die internen Transaktionskosten je nach lokaler Lage, Produktions- und Vermarktungsstruktur und Fähigkeiten des Betriebsleiters zwischen den Betrieben erheblich und wahrscheinlich weiterhin im Zeitablauf zunehmend. Es kann daher „die“ optimale Betriebsgröße nicht geben. Kostendeckende Preise und Marktgleichgewicht Unternehmer von Wirtschaftssektoren, deren Einkommen hinter der allgemeinen Einkommensentwicklung zurückbleiben, fordern häufig kostendeckende Preise. Man glaubt, weil andere Sektoren kostendeckende Preise erzielen, müsste der Staat auch dem eigenen Sektor solche Preise garantieren. Mit marktwirtschaftlichen Prinzipien sind „kostendeckende Preise“ aber nicht vereinbar. Da diese Preise nach Vorstellung der Produzenten höher sein sollen als die Marktpreise, müssen sie durch eine Abschottung vom Weltmarkt abgesichert werden. Kostendeckende Preise lassen sich administrativ nur mit einem hohen Aufwand verwirklichen. Im Einzelnen gibt es folgende Probleme: (1) Es muss geklärt werden, für welche Betriebe in welchen Regionen die Kosten gedeckt werden sollen. Die Abgrenzung ist notwendig, weil die Kosten zwischen Betrieben und Regionen sehr unterschiedlich sind. Hiermit wird bereits deutlich, dass es „die“ kostendeckenden Preise nicht gibt. (2) Sollen die Durchschnitts- oder Grenzkosten der ausgewählten Betriebe gedeckt werden? Für die Marktpreisbildung sind nicht die Durchschnittskosten einer Branche entscheidend, sondern lediglich die variablen oder totalen Durchschnittskosten des Grenzanbieters. Würde man dagegen den Preis in Höhe des Durchschnitts der totalen minimalen Durchschnittskosten aller Betriebe setzen, so wäre dieses nicht nur mit einem Marktgleichgewicht nicht vereinbar, es könnte sogar dazu führen, dass dieser Preis unter dem Marktpreis liegt. Dies soll durch Schaubild 4.5 gezeigt werden. 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 125 pSpS Betrieb A Betrieb B GK TDK VDK GK TDK VDK q q A N p q pS 0 0 S S A Bq q B uLp B uLp B uLp 1 S Aq 0 S Aq 1 S Bq 0 S Bq p p Schaubild 4.5: Kostendeckender Preis und Marktgleichgewicht Im Schaubild 4.5 wird unterstellt, dass das gesamte Marktangebot von den beiden Betrieben A und B erstellt wird. Dabei ist wiederum der Betrieb A der effizientere. Es wird angenommen, dass sich im Marktgleichgewicht auf dem Markt der Preis B uLp ergibt. Das Angebot entspricht bei diesem Preis der Menge 0 0 S S A Bq q . Weiterhin wird angenommen, dass die nachgefragte Menge bei diesem Preis identisch mit der angebotenen Menge ist. Dieser Marktpreis würde demnach ausreichend sein, um die totalen Durchschnittskosten des Grenzanbieters B zu decken. Würde nun ein Marktpreis nach dem Prinzip kostendeckender Preise gesetzt werden, so wären die minimalen totalen Durchschnittskosten der Betriebe A und B zu ermitteln, um als mit den Produktionsanteilen gewichteten Mittelwert etwa den gewünschten Preis pS zu erhalten. Im betrachteten Fall würde dieser Preis pS gerade die variablen Durchschnittskosten des Betriebes B decken, aber dem Betrieb A noch einen Gewinn ermöglichen. Wie das Schaubild 4.5 zeigt, wäre der kostendeckende Preis in diesem Fall geringer als der Marktpreis, so dass bei beiden Betrieben die Produktionsmenge eingeschränkt sein würde. Das Marktangebot würde demnach sinken. Gleichzeitig würde aber aufgrund der Preissenkung die Marktnachfrage steigen. Als Folge würde sich auf dem betrachteten Markt ein Marktungleichgewicht in Höhe des eingezeichneten Doppelpfeils ergeben (Nachfrageüberhang). Die Befürworter der „kostendeckenden Preise“ haben wahrscheinlich eine andere Vorstellung über die Höhe dieser Preise. Die Forderung wird ja nur erhoben, wenn die Preise unter Marktbedingungen als zu niedrig angesehen werden. Die Forderung nach kostendeckenden Preisen beinhaltet daher wohl eher, dass die Durchschnittskosten der Grenzanbieter gedeckt werden sollen. Die Verwirklichung die- 126 Kapitel 4: Agrarpreisbildung ser Forderung würde dann dazu führen, dass die produzierte Menge größer ist als die bei diesen Preisen nachgefragte Menge. (3) Wie das Schaubild 4.5 zeigt, hängen die Durchschnittskosten eines Betriebes und damit die Durchschnittskosten einer Branche stets auch von der Produktionsmenge ab. Man kann also die Durchschnittskosten nicht ohne Festlegung der Produktionsmenge ermitteln. (4) In der Betriebslehre ist man davon abgegangen, Durchschnittskosten und Durchschnittsgewinne für einzelne Produkte zu ermitteln, wenn in den Betrieben mehrere Produkte gleichzeitig erstellt werden. In der Regel arbeitet man heute lediglich mit Deckungsbeiträgen. Dies folgt aus der Tatsache, dass eine eindeutige Zurechnung der fixen Kosten auf einzelne Produkte nicht möglich ist. Man kann allenfalls die variablen Durchschnittskosten, aber nicht die totalen Durchschnittskosten einzelner landwirtschaftlicher Produkte ermitteln. Daraus folgt, dass der so genannte ‚kostendeckende‘ Preis bei seiner Ermittlung einen großen Manipulationsspielraum ermöglicht. (5) Im landwirtschaftlichen Betrieb ist die Ermittlung der Durchschnittskosten insbesondere auch durch die Koppelproduktion (Verbundproduktion) erschwert. Die Rentabilität der Milchproduktion hängt z. B. auch von der Verwertung des Kalbund Rindfleisches ab. Bei einer Koppelproduktion ist grundsätzlich keine Durchschnittskostenermittlung möglich. (6) Bei Agrarprodukten tritt ein weiteres Problem durch die Interdependenz zwischen Produkt- und Faktorpreisen, insbesondere den Bodenpreisen, auf. Will man die Durchschnittskosten eines Produkts ermitteln und zwar für die Landwirtschaft insgesamt, dann muss man auch die Kosten für den eingesetzten Faktor Boden berücksichtigen. Die Bodenpreise selbst sind aber wiederum abhängig von der Höhe der Produktpreise. Eine Reihe von Berechnungen haben gezeigt, dass z. B. eine 1%ige Erhöhung der Agrarpreise zu einer 6- bis 7%igen Erhöhung der Bodennutzungspreise führt21. Daraus folgt, dass man bei der Festlegung der Preise nach den Durchschnittskosten nicht von gegebenen Bodenpreisen ausgehen kann. Es ist einleuchtend, dass ein totales Gleichgewicht stets mit einem Gleichgewicht auf dem Produktmarkt und einem Gleichgewicht auf den Faktormärkten einhergehen muss. Zwischen diesen beiden Gleichgewichtszuständen muss es demnach eine enge Beziehung geben, die im Folgenden kurz dargestellt werden soll. Zur simultanen Darstellung von Produkt- und Faktormarktgleichgewicht sind folgende Funktionen zu berücksichtigen: (a) die Nachfragefunktion auf dem Produktmarkt, (b) die Produktionsfunktion, (c) die Faktorangebots- und Faktornachfragefunktion. 21 Vgl. bereits Bauersachs, F., Interregionaler Wettbewerb der Produktionsstandorte: Ein Versuch zur Quantifizierung der Wirkung der Standortfaktoren in der BR Deutschland. In: Andreae, B. (Hrsg.), Standortprobleme der Agrarproduktion. (Schriften der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaues e.V., Bd. 14), München, Bern, Wien 1977, S. 192. 4.2 Produkt- und Faktorpreisbildung bei vollständiger Konkurrenz 127 Zu (a) Nachfragefunktion auf dem Produktmarkt: D Dq q (p) (4.1) mit qD = nachgefragte Menge p = Produktpreis. Dabei gilt in der Regel: Ddq 0, dp d. h. im Normalfall haben wir es mit fallenden Nachfragekurven zu tun. Zu (b) Produktionsfunktion: S Sq q (x) (4.2) mit qS = produzierte (= angebotene) Menge x = Faktoreinsatzmenge. Dabei werden abnehmende positive Grenzerträge mit zunehmendem Faktoreinsatz unterstellt, S 2 S 2 dq d q 0; 0. dx dx Zu (c) Faktorangebotsfunktion: r r(x) (4.3) mit r = Faktorpreis. Die Annahme über den Verlauf der Faktorangebotsfunktion ist: dr 0 dx , d. h., das Faktorangebot (z. B. Arbeitsangebot) steigt mit steigendem Faktorpreis (z. B. Lohnsatz). Sind die Funktionen a) bis c) determiniert, dann kann – aufgrund der Interdependenz von Produkt- und Faktormarktgleichgewicht – auch der Schnittpunkt von Faktorangebots- und -nachfragekurve (das Faktormarktgleichgewicht) abgeleitet werden (s. Schaubild 4.6). Unter den genannten Voraussetzungen wird z. B. bei gegebenem Preis p0 die Menge D0q nachgefragt. Ist bei p0 der Gleichgewichtspreis, gilt: D S 0 0q q . Die Menge S 0q wird mit dem Faktoreinsatz x0 produziert. Der Faktoreinsatz x0 wird zum Preis r0 angeboten; zu diesem Faktorpreis wird die Einsatzmenge x0 des Faktors nachgefragt. Wenn auf dem Produkt- und Faktormarkt ein Gleichgewicht herrscht, dann kann aus den gegebenen Funktionen bei der Zielsetzung der Gewinnmaximierung die Faktornachfrage abgeleitet werden. 128 Kapitel 4: Agrarpreisbildung x Produktnachfragefunktion p p0 x0 Produktionsfunktion Faktornachfragefunktion bei p0 (Wertgrenzproduktivitätskurve) Faktorangebotsfunktion r0 qSqD S 0q D 0q r Produktmarkt Faktormarkt Schaubild 4.6: Simultanes Gleichgewicht auf Produkt- und Faktormärkten In Kapitel 2 hatten wir bereits für die optimale Faktornachfrage eines Mengenanpassers die Bedingung abgeleitet: Wertgrenzproduktivität = Faktorpreis. Diese Bedingung macht deutlich, dass die Nachfrage auf dem Faktormarkt u. a. auch vom Produktpreis abhängig ist. Zu einem bestimmten Produktpreis wird es daher bei kontinuierlich verlaufenden Funktionen und den unterstellten Neigungen der Kurven lediglich einen einzigen gleichgewichtigen Faktorpreis geben. Änderungen im Produktpreis werden sich daher auch in einer Änderung der Faktornachfrage niederschlagen und somit zu einer Änderung der Faktoreinsatzmenge und/ oder des Faktorpreises beitragen. Diese Darstellung macht deutlich, dass eine Produktpreisänderung nicht nur zu einer Änderung der Faktoreinsatzmenge, sondern auch, je nach Angebotselastizität der Faktoren, zu einer Änderung der Faktorpreise führen wird. Ist das Angebot der Faktoren relativ elastisch – und dies ist bei langfristiger Betrachtungsweise für die im Agrarsektor eingesetzten Faktoren weitgehend der Fall –, so kann durch eine Produktpreisanhebung keine Erhöhung der Faktorpreise erzielt werden. Langfristig werden daher administrativ verordnete Anhebungen der Produktpreise nur zu einem Ungleichgewicht auf dem Produktmarkt führen (in der Regel unerwünschte Wirkung), aber nicht die gewünschte Wirkung einer Erhöhung der Faktorpreise im Agrarsektor zeigen. Mittelfristig kann, vor allem im Bereich der bodenabhängigen 4.3 Produkt- und Faktorpreisbildung beim Monopol 129 Produktion, ein weiterer für Teile der Landwirtschaft unerwünschter Effekt eintreten: Bei dem eher weniger elastischen Bodenangebot kommt es zu Preiserhöhungen und darauf zu verstärkten Interessendivergenzen zwischen Bodeneigentümern und Landpächtern. Aus diesen Ausführungen dürfte deutlich geworden sein, dass es ökonomisch nicht sinnvoll ist, auf einem Markt kostendeckende Preise administrativ zu verwirklichen. Der Marktmechanismus wirkt tendenziell darauf hin, dass der Marktpreis die Durchschnittskosten (langfristig die totalen Durchschnittskosten, kurzfristig die variablen Durchschnittskosten) des Grenzanbieters deckt. 4.3 Produkt- und Faktorpreisbildung beim Monopol Von unvollständiger Konkurrenz wird immer dann gesprochen, wenn eine der Bedingungen, die bei vollständiger Konkurrenz erfüllt sein müssen, nicht gegeben ist. Im Folgenden wollen wir unterstellen, dass als Folge der Zahl der Marktpartner die Konkurrenz als unvollständig bezeichnet wird. Insbesondere interessieren uns dabei Monopolmarktstellungen. Die Kenntnisse der Preisbildung bei dieser Marktform sind für das Verständnis der Wirkungen staatlicher Interventionen auf den Agrarmärkten notwendig. Beim Monopol steht ein Anbieter einer Vielzahl von Nachfragern gegenüber. Die Marktnachfragekurve ist daher für den Monopolisten die Preis-Absatzfunktion. Demnach hat der Monopolist die Möglichkeit, alternativ die Preise oder die Mengen festzulegen (Aktionsparameter) und das Ergebnis der anderen Variablen (Erwartungsparameter) durch die Nachfrager bestimmen zu lassen. Betrachtet der Monopolist z. B. den Preis als Aktionsparameter und setzt ihn in Höhe von p0, so wird bei diesem Preis entsprechend der vorgegebenen Nachfragekurve die Menge q0 nachgefragt (vgl. Schaubild 4.7); die Menge ist in diesem Fall der Erwartungsparameter. Der Monopolist muss also damit rechnen, dass Änderungen des von ihm gesetzten Preises stets auch Änderungen der nachgefragten Menge und damit der von ihm verkauften Menge zur Folge haben. Will der Monopolist z. B. statt der Menge q0 die Menge q1 verkaufen und würde er diese Menge als Aktionsparameter betrachten, so würde sich am Markt ein Preis p1 ergeben; der Preis wäre in diesem Fall Erwartungsparameter. Schaubild 4.7 macht deutlich, welche Überlegungen der Monopolist anstellen muss, wenn er die gewinnmaximale Absatzmenge sucht. Ähnlich dem Polypolisten hat er stets zu prüfen, wie sich sein Erlös ändert, wenn er die Absatzmenge um eine Einheit variiert. Die Erlösänderung (Grenzerlös) ist dann mit der Änderung der Kosten (Grenzkosten) als Folge der Absatzerhöhung zu vergleichen. Ist der Grenzerlös höher als die Grenzkosten, lohnt sich eine Absatzausweitung; im Optimum muss der Grenzerlös gleich den Grenzkosten sein. Während aber beim Polypolisten der Grenzerlös stets identisch mit dem Produktpreis ist, gilt dieses für den Monopolisten nicht. Eine Absatzausweitung, z. B. von q0 auf q1 ist nur möglich, wenn eine Preissenkung von p0 auf p1 hingenommen wird. Der Monopolist hat daher zu berücksichtigen, dass er für die ursprünglich verkaufte Menge q0 nun als Folge der Absatzsteigerung anstelle des alten Preises 130 Kapitel 4: Agrarpreisbildung GE, p q Grenzerlöskurve Preis-Absatzfunktion = Nachfragefunktionp0 p1 q0 q1qmax Erlösminderung Erlössteigerung |ε| = 1 Schaubild 4.7: Preis-Absatzfunktion eines Monopolisten p0 nur einen geringeren Preis p1 erhält. Der Grenzerlös wird daher stets niedriger sein als der Produktpreis. Da grundsätzlich gelten muss, dass die Grenzerlöskurve des Monopolisten identisch ist mit der Grenzausgabenkurve der Nachfrager (der Konsumenten), können wir unsere obigen Überlegungen über die Ableitung der Grenzausgabenkurve direkt übertragen. Die Grenzerlöskurve muss daher stets unterhalb der Nachfragekurve verlaufen und bei einer linearen Nachfragekurve den im Schaubild 4.7 aufgezeigten Verlauf aufweisen. Aus der Tatsache, dass der Monopolist stets Grenzerlös und Grenzkosten zu vergleichen hat und die Grenzerlöskurve einen positiven und einen negativen Abschnitt aufweist, folgt, dass der Monopolist bei positiven Grenzkosten (dies dürfte als Regelfall angenommen werden; ausnahmsweise mag in der Realität gelten, dass die Grenzkosten Null sind (dK/dq = 0)), maximal einen Absatz in Höhe qmax verwirklichen wird. qmax ist dort gegeben, wo die Preiselastizität der Nachfrage gleich minus Eins ist. Somit folgt, dass ein Monopolist lediglich im preiselastischen Bereich einer Nachfragekurve anbieten wird. Dieser Sachverhalt wird durch Schaubild 4.8 nochmals verdeutlicht. Bei den im Schaubild 4.8 eingezeichneten Kurvenverläufen ist der Grenzerlös bei der Menge qM den Grenzkosten gleich. Für die Menge qM erzielt der Monopolist den Preis pM. Der zu diesem Preis und zu dieser Menge gehörende Punkt auf der Nachfragekurve C wird Cournotscher Punkt genannt. Schaubild 4.8 zeigt deutlich, dass bei positiven Grenzkosten die Grenzerlöskurve immer im positiven Abschnitt geschnitten werden muss; positiv ist der Abschnitt der Grenzerlöskurve aber lediglich im preiselastischen Bereich der Nachfragekurve. 4.3 Produkt- und Faktorpreisbildung beim Monopol 131 Die Hypothese, dass ein Monopolist lediglich im elastischen Bereich der Nachfragekurve anbietet, wird besonders einleuchtend, wenn man sich den Verlauf der Erlöskurve anschaut. Die Erlöskurve des Monopolisten, die identisch ist mit der Ausgabenkurve der Konsumenten, hat bei linearem Verlauf der Nachfragekurve die Form einer Parabel. Maximal ist der Gesamterlös bei der Preiselastizität minus Eins. Würde der Monopolist seinen Absatz durch weitere Preissenkungen erhöhen, würde sein Erlös sinken. Eine solche Strategie wäre daher mit der Zielsetzung Gewinnmaximierung nicht vereinbar. Preiselastischer Bereich Preisunelastischer Bereich GK, GE, p q pM qM Grenzkostenkurve Erlöskurve Grenzerlöskurve C Schaubild 4.8: Gewinnmaximale Angebotsmenge eines Monopolisten Die optimale Absatzmenge eines Monopolisten kann auch algebraisch abgeleitet werden. Laut Definition gilt für den Gewinn: G(q) E(q) K(q) . (4.4) Im Gewinnmaximum muss der Grenzgewinn Null sein. Aus diesem Grund wird die Gleichung nach q differenziert. Man erhält: dG dE dK 0. dq dq dq (4.5) Daraus folgt: dE dK dq dq (4.6) und somit Grenzerlös = Grenzkosten. Diese Bedingung für ein Gewinnmaximum gilt selbstverständlich, wie bereits oben gezeigt, auch für Polypolisten. Doch während für den Polypolisten der Grenzerlös mit dem Preis identisch war, gilt für den Monopolisten – wie bereits oben verbal und grafisch gezeigt – eine andere Beziehung. Im Folgenden gilt es 132 Kapitel 4: Agrarpreisbildung daher, den Grenzerlös zu berechnen. Ausgangspunkt ist die Definitionsgleichung für den Erlös. Es gilt E p q , (4.7) wobei zu bedenken ist, dass der Preis eine Funktion der Absatzmenge ist. Es muss daher gelten: p p(q). (4.8) Somit kann für den Erlös auch geschrieben werden: E p(q)q. (4.9) Aus dieser Gleichung erhält man den Grenzerlös, indem man die Funktion nach q differenziert: dE dp q p. dq dq (4.10) Eine Umformung dieser Gleichung gibt: dE dp q p 1 . dq dq p (4.11) Da D dp q 1 dq p , folgt aus Gleichung (4.11): D dE 1 p 1 . dq (4.12) Die letzte Gleichung wird – wie oben bereits ausgeführt – Amoroso-Robinson- Relation genannt. Sie gibt an, dass der Grenzerlös eines Monopolisten von der Preishöhe und der Preiselastizität der Nachfrage (εD) abhängig ist. Da εD im Normalfall negativ ist, folgt, dass der Grenzerlös eines Monopolisten in der Regel geringer ist als der Preis. Für eine Preiselastizität von –2 erhält man z. B. einen Grenzerlös in Höhe von 0,5p. Ist die Preiselastizität absolut kleiner als 1, z. B. –0,5, so wird der Grenzerlös negativ, nämlich in diesem Fall –p. Gegen die Ergebnisse der Preisbildung bei der Marktform des Monopols können aus gesamtwirtschaftlicher Sicht folgende Einwände angeführt werden: (1) Die Unternehmensgewinne sind in der Regel höher als unter Wettbewerbsbedingungen und nicht das Ergebnis überdurchschnittlicher Leistung. Gewinne beruhen in diesem Fall auf Marktmacht und werden in der Regel als unerwünscht betrachtet. (2) Monopolbetriebe neigen weniger zur Einführung technischer Fortschritte als Betriebe unter Wettbewerbsbedingungen. Bei vollständiger Konkurrenz besteht für einzelne Unternehmen nicht nur ein Anreiz, technische Fortschritte unter be- 4.3 Produkt- und Faktorpreisbildung beim Monopol 133 stimmten Bedingungen einzuführen, sondern auch ein ökonomischer Druck, um im Wettbewerb mit den Konkurrenten bestehen zu können. Für Monopolunternehmen entfällt der ökonomische Druck. Ein Anreiz zur Einführung technischer Fortschritte wird nur dann bestehen, wenn dadurch nicht in der Vergangenheit getätigte Investitionen unrentabel werden. Außerdem werden Monopolunternehmen im Gegensatz zu Unternehmen bei vollständiger Konkurrenz stets zu bedenken haben, wie technische Fortschritte die Produktionsmenge verändern und damit die Marktpreise beeinflussen. Daraus folgt, dass Monopolunternehmen dazu neigen, mehr kostensenkende als produktionssteigernde technische Fortschritte einzuführen. (3) Monopolunternehmen neigen mehr als andere Unternehmen dazu, vornehmlich solche Investitionen vorzunehmen, die eine Kapitalvertiefung und nicht eine Kapitalerweiterung bewirken. Bei einer Kapitalvertiefung wird Arbeit durch Kapital substituiert, während bei einer Kapitalerweiterung die Kapazitäten durch eine Vergrößerung des Kapitalstocks erweitert werden, ohne dass sich das Kapital- Arbeitseinsatzverhältnis (Kapitalintensität) verändert. Diese Tendenz folgt aus der Tatsache, dass Kapitalerweiterungsinvestitionen Produktionsmengeneffekte aufweisen und damit zu Produktpreissenkungen führen können, während bei Kapitalvertiefungsinvestitionen solche Wirkungen weniger auftreten werden. Monopolunternehmen werden daher in der Regel weniger Arbeit pro Kapital einsetzen als Betriebe unter Wettbewerbsbedingungen. (4) Monopolunternehmen stehen weniger als Wettbewerbsunternehmen unter dem Zwang, ihre Produktion an den Konsumentenwünschen auszurichten. Sie können durch Einsatz des absatzpolitischen Instrumentariums, insbesondere auch durch manipulative Werbung, die Konsumenten zum Kauf ihrer Produkte bewegen. (5) Aus Sicht der Konsumenten ist gegen Monopolunternehmen auch einzuwenden, dass der Monopolpreis in der Regel über dem Wettbewerbspreis liegt. Allerdings braucht dieser Tatbestand nicht stets erfüllt zu sein. Es kann sein, dass ein Monopolunternehmen kostengünstiger produzieren kann als eine Reihe von Betrieben unter Wettbewerbsbedingungen und dass aus diesem Grund der Monopolpreis trotz höherer Monopolgewinne sogar unterhalb des Wettbewerbspreises liegt. (6) Aus Sicht der Arbeitnehmer ist gegen Monopolbetriebe einzuwenden, dass die Arbeitslöhne und allgemein die Faktorpreise unter Monopolbedingungen nicht der Wertgrenzproduktivität der Faktoren entsprechen. Während unter Wettbewerbsbedingungen – wie in Kapitel 2.5 bereits dargestellt – im Optimum der Faktorpreis stets der Wertgrenzproduktivität der Faktoren entspricht, gilt unter Monopolbedingungen, dass der Faktorpreis dem Grenzerlösprodukt gleich ist. Unter Grenzerlösproduktivität versteht man die Änderung des Erlöses, die durch Variation des Faktoreinsatzes um eine Einheit entsteht. Die Änderung des Erlöses als Folge der Variation des Faktoreinsatzes ergibt sich aus zwei Komponenten. Zum einen ver- ändert der Faktoreinsatz die Produktionsmenge, und zum anderen verändert die Produktionsmenge den Produktpreis und damit den Grenzerlös. Vereinfacht können wir schreiben: dq r p* dx (4.13) 134 Kapitel 4: Agrarpreisbildung mit p* = korrigierter Produktpreis. Für p* gilt: D 1 p* p 1 (4.14) und somit erhalten wir als Optimalbedingung D 1 dq r p 1 dx (4.15) Faktorpreis = Grenzerlösprodukt. Die Gleichung zeigt, dass der Faktorpreis im Falle eines Monopols auf dem Produktmarkt stets unter der Wertgrenzproduktivität (p dq/dx) liegen wird. Die Differenz wird umso größer sein, je größer die Differenz zwischen dem Produktpreis und dem Grenzerlös ist. Die Unterschiede zwischen der Preisbildung bei vollständiger Konkurrenz und bei der Marktform des Monopols auf dem Produktmarkt soll in Übersicht 4.2 herausgestellt werden. Marktform Produktmarkt Faktormarkt Vollständige Konkurrenz auf Produkt- und Faktormarkt dK p dq dq r p dx Grenzerlös = Preis = Grenzkosten Faktorpreis = Wertgrenzproduktivität Monopol auf demAbsatzmarkt, vollständige Konkurrenz auf dem Faktormarkt D dE dK dq dq 1 dK p 1 dq D dq r p* dx 1 dq r p 1 dx Grenzerlös = Grenzkosten Faktorpreis = Grenzerlösprodukt Übersicht 4.2: Bedingungen für ein Gewinnmaximum bei vollständiger Konkurrenz und beim Monopol auf dem Absatzmarkt Übersicht 4.2 zeigt, dass die Marktform auf dem Produkt- und Faktormarkt entscheidend für die Preisbildung auf diesen Märkten ist. Hier wurden lediglich zwei Spezialfälle betrachtet. Im ersten Fall wurde angenommen, dass sowohl auf dem Produkt- als auch auf dem Faktormarkt vollständige Konkurrenz vorliegt. Die Unternehmen haben somit weder auf dem Produkt- noch auf dem Faktormarkt die Möglichkeit, die Preise durch eigene Strategien zu beeinflussen. Sie verhalten sich demnach als Mengenanpasser. Die Bedingung für ein Gewinnmaximum beinhaltet in diesem Fall, dass auf dem Produktmarkt die Preise gleich den Grenzkosten sind 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 135 und auf dem Faktormarkt die Faktorpreise gleich den Wertgrenzproduktivitäten der Faktoren. Im zweiten Fall wurde angenommen, dass sich das Unternehmen beim Verkauf der Produkte als Monopolist verhalten kann, also alleiniger Anbieter ist, jedoch auf dem Faktormarkt sich als Mengenanpasser verhalten muss, es also mit einer Vielzahl von Unternehmen um die Faktoren konkurriert. In diesem Fall ergeben sich für das Gewinnmaximum die oben angegebenen Regeln. Selbstverständlich ist es auch möglich, für weitere Marktformen und Marktformenkombinationen die Regeln abzuleiten, die bei gewinnmaximaler Ausbringung gelten müssen. An dieser Stelle soll jedoch darauf verzichtet werden. 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen Einzelne Produkt- und Faktorpreise verändern sich in marktwirtschaftlichen Systemen im Zeitablauf unterschiedlich. Im Folgenden wollen wir den Bestimmungsgründen der Preisänderung nachgehen. Dabei interessieren wir uns nicht für die Änderung des Preisniveaus in der Volkswirtschaft (Inflationsrate), sondern lediglich für die Änderung der Preisrelation. Zunächst soll geprüft werden, warum sich in marktwirtschaftlichen Systemen das Agrarpreisniveau (der gewogene Durchschnitt aller Agrarpreise) in Relation zu Preisen anderer Sektoren im Zeitablauf verändert. Wir untersuchen mithin, wie sich das sektorale Austauschverhältnis oder die „sectoral Terms of Trade“ verändern. 4.4.1 Bestimmungsgründe der Entwicklung von Produktpreisrelationen Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die zu einer kurzfristigen Änderung einzelner Preise führen können. Im Folgenden wollen wir lediglich prüfen, welche Faktoren zu einer Änderung der Relation der langfristigen Gleichgewichtspreise führen. Wir haben demnach zu prüfen, welche Faktoren auf der Angebots- oder Nachfrageseite unterschiedlich stark auf einzelnen Märkten wirken, so dass sich die Relationen der Preise verändern. Zunächst ist zwischen international handelbaren und international nicht handelbaren Gütern zu unterscheiden. Die internationale Handelbarkeit ist nicht nur ein physisches Kriterium, sondern auch eine Frage der Transportkosten. Bei einer Einfuhrsituation ist der cif-Preis entscheidend, also der Preis an der Grenze des importierenden Landes, der die Transportkosten des exportierenden Landes (c für cost), die Versicherungskosten (i für insurance) und die Frachtkosten (f für freight) enthält. Bei einer Ausfuhrsituation ist der fob-Preis entscheidend; das ist der Preis an der Grenze des exportierenden Landes, der das Produkt „free on board“ des Transportmittels ermöglicht. Bei hohen Transportkosten ist die Differenz zwischen cifund fob-Preisen groß. Viele Güter sind dann international nicht handelbar. Sinkende Transportkosten und sinkende Transaktionskosten in den letzten Jahrzehnten haben jedoch die Anzahl der international handelbaren Güter erheblich erhöht. Für international handelbare Güter gilt, dass bei freier Preisbildung, d. h. in einer offenen Volkswirtschaft ohne Handelsbeschränkungen, der Preis der Güter im Inland an der Grenze immer gleich dem Weltmarktpreis (cif oder fob, je nach inlän- 136 Kapitel 4: Agrarpreisbildung discher Marktsituation) in Auslandswährung multipliziert mit demWechselkurs (= Preis in inländischen Währungseinheiten für eine ausländische Währungseinheit) sein muss. Es gilt also stets: i wp w p (4.16) mit pi = Inlandspreis in Inlandswährung pw = Preis an der Grenze in Auslandswährung w = Wechselkurs, d. h. Preis in Inlandswährung für eine ausländische Währungseinheit. Der Inlandspreis kann sich dann ändern, wenn sich die Weltmarktpreise in Auslandswährung ändern (die Weltmarktpreise für Agrargüter werden in der Regel in US $ deklariert) oder auch, wenn sich der Wechselkurs ändert. Eine Erhöhung des Wechselkurses (= Abwertung der inländischen Währung) führt dabei zu einem Anstieg der Inlandspreise und eine Reduzierung des Wechselkurses (= Aufwertung der inländischen Währung) zu einem Sinken der Inlandspreise. Die Preise der international nicht handelbaren Güter werden durch die inländischen Grenzkosten der Produktion und die inländische Nachfrage bestimmt. Doch wirken auch hier die Weltmarktpreise indirekt auf die Preisbildung ein. Auf der Nachfrageseite wird es in der Regel Substitutionsmöglichkeiten zwischen handelbaren und nicht handelbaren Gütern geben; auf der Angebotsseite werden die Produktionskosten auch von den Weltmarktpreisen bestimmt, wenn die Faktoren sowohl zur Produktion der nicht handelbaren Güter als auch zur Produktion der handelbaren Güter eingesetzt werden können oder die Faktoren selbst international handelbar sind. Eine unterschiedliche Entwicklung sektoraler Preise bedeutet nicht gleichzeitig, dass sich die Faktorentgelte in den einzelnen Sektoren unterschiedlich entwickeln. Bei vollkommener Mobilität der Faktoren und unveränderten Präferenzen für einzelne Tätigkeiten werden die Faktorentgelte in allen Sektoren im Zeitablauf gleich steigen. Aus der Kenntnis der Bestimmungsgründe sektoraler Preisrelationen folgt, dass staatliche Eingriffe, die zu einem Einfrieren der sektoralen Preisrelationen beitragen, in der Regel zu Ungleichgewichtssituationen in einer Volkswirtschaft führen müssen. Die Forderung nach Paritätspreisen (gleiche Entwicklung der Preise) widerspricht den Grundprinzipien einer Marktwirtschaft. Sollen in allen Sektoren die Einkommen gleich stark steigen, so muss die sektorale Preisentwicklung in etwa spiegelbildlich zur sektoralen Produktivitätsentwicklung verlaufen. Die Produktivitätsentwicklung gibt die Relation zwischen Produktionsmenge und Faktoreinsatzmenge an. Der Einfachheit halber wurde im Schaubild 4.9 unterstellt, dass die Volkswirtschaft aus drei Wirtschaftsbereichen besteht, die unterschiedliche Produktivitätsfortschritte im Zeitablauf erzielen. In Sektor 1 steigt die Produktivität überdurchschnittlich, in Sektor 2 durchschnittlich und in Sektor 3 unterdurchschnittlich. Ferner wird angenommen, dass alle drei Sektoren gleich groß sind. Sollen die Einkommen in allen Sektoren gleichmäßig steigen, so führt dies zu einer Preissen- 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 137 kung im ersten Sektor, zu annähernd konstanten Preisen in Sektor 2 und zu steigenden Preisen in Sektor 3. Diese Aussage kann mit Hilfe eines einfachen Modells belegt werden. Wir nehmen an, dass die betrachteten drei Sektoren als einzigen Produktionsfaktor Arbeit beschäftigen. Kapital kann gedanklich als ‚geronnene‘ Arbeit betrachtet werden. Es gilt daher folgende Identitätsgleichung: i i ip q A l (4.17) mit pi = Preis der produzierten Güter der drei Sektoren mit i = 1,2,3 qi = produzierte Menge der drei Sektoren mit i = 1,2,3 Ai = Arbeitseinsatz in den drei Sektoren mit i = 1,2,3 l = Lohnsatz, für alle Sektoren als gleich angenommen. Aus Gleichung (4.17) folgt i i i l p q A . (4.18) 1 2 3 Produktivität Zeit Sektorale Produktivitätsentwicklung Sektorale PreisentwicklungPreise 3 2 1 Zeit Schaubild 4.9: Sektorale Produktivitäts- und Preisentwicklung i i q A ist als Arbeitsproduktivität definiert. Wir schreiben dafür πi und erhalten aus Gleichung (4.18) i i l p . (4.19) 138 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Aus Gleichung (4.19) erhält man 1 2 2 1 p p (4.20) und 31 3 1 p p (4.21) sowie 32 3 2 p p . (4.22) Gleichungen (4.20) bis (4.22) zeigen, dass die Preisrelationen jeweils umgekehrt proportional zu den Sektorproduktivitäten sind, wenn in allen Sektoren die Lohnsätze gleich sind. Tatsächlich wird sich ein solches Ergebnis durch das Wirken des Marktmechanismus auch tendenziell einstellen. Da bei konstanten Produktpreisen in Sektor 1 überdurchschnittliche Einkommen (und damit auch Gewinne) erzielt werden, wird dieser Sektor mehr Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital einsetzen, die Produktion wird steigen und die Produktpreise werden sinken. In Sektor 3 hingegen wird mit unterdurchschnittlichen Produktivitätsfortschritten bei konstanten Produktpreisen eine geringere Wertschöpfung als in anderen Sektoren erzielt. Gewinne werden daher unterdurchschnittlich hoch sein und die Produktion wird eingeschränkt mit der Wirkung steigender Preise. Daher kann erwartet werden, dass der Marktmechanismus tendenziell zu einer Preisentwicklung beiträgt, die der Darstellung in Schaubild 4.9 entspricht. Ein typisches Beispiel für die Bedeutung der Produktivitätsentwicklung für die Preisbildung kann aus der Fleischproduktion gegeben werden. In der Nachkriegszeit sind die Geflügelpreise in der BR Deutschland gesunken, weil in der Geflügelfleischproduktion überdurchschnittliche Produktivitätsfortschritte erzielt wurden. In der Schweinefleischproduktion dagegen ist die Produktivität nur etwa durchschnittlich gestiegen, so dass die Schweinefleischpreise real in etwa konstant geblieben sind. In der Rindfleischproduktion hingegen ist die Produktivität unterdurchschnittlich gestiegen, so dass hier im Zeitablauf die Preise real gestiegen sind. Die Tatsache, dass sich aufgrund unterschiedlicher Produktivitätsfortschritte die gleichgewichtigen Preisrelationen zwischen den Produkten im Zeitablauf ändern, kann bei der staatlichen Preissetzung auf den Agrarmärkten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Zum einen liegen keine Informationen über die Produktivitätsfortschritte der Grenzanbieter vor und zum anderen besteht aus politischen Gründen eine Tendenz, den Status quo und damit die Preisrelationen einzufrieren. 4.4.2 Bestimmungsgründe des Zusammenhangs zwischen Erzeugerund Verbraucherpreisen In Kapitel 2 wurde bereits ausgeführt, dass die Differenz zwischen den Verbraucher- und Erzeugerpreisen als Marktspanne bezeichnet werden kann. Im Folgen- 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 139 den soll dargestellt werden, welche Faktoren auf eine Änderung der Marktspanne im Zeitablauf hinwirken und welche Wirkung die Ausdehnung der Spanne auf die Verbraucher- und Erzeugerpreise hat. Die Marktspanne besteht wie alle Werte aus einem Mengen- und einem Preisgerüst. Unter dem Mengengerüst verstehen wir die komplementären Sach- und Dienstleistungen, die dem Agrarrohprodukt hinzugefügt werden, um es konsumreif zu machen. Das Preisgerüst der Marktspanne gibt an, wie die komplementären Sach- und Dienstleistungen bewertet werden. Grundsätzlich bildet sich die Marktspanne als Wert genauso wie andere Werte in einem marktwirtschaftlichen System. Wir haben daher Angebots- und Nachfragekurven für das Mengengerüst zu untersuchen und zu erklären, bei welcher Höhe sich ein Gleichgewichtspreis ergibt und wodurch sich der Gleichgewichtspreis im Zeitablauf verändert. Selbstverständlich hängt das Ergebnis der Marktkräfte auch von der Marktform ab. Im Folgenden wollen wir der Einfachheit halber die Spannenbildung unter den Bedingungen vollständiger Konkurrenz untersuchen. Doch bevor zur Diskussion der einzelnen Bestimmungsfaktoren übergegangen wird, soll zunächst der empirische Befund für die BR Deutschland diskutiert werden. Tabelle 4.1 zeigt, dass der Anteil der Verkaufserlöse an den Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel im Zeitablauf gesunken ist. Während z. B. die Landwirte 1993/94 noch 27,9 Pfennig von jeder DM erhielten, die der Verbraucher für Nahrungsmittel inländischer Herkunft ausgegeben hat, waren es im Jahre 2002/03 nur noch 23,8 Cent von jedem Euro. Gleichzeitig zeigt Tabelle 4.1, dass die Höhe der Marktspanne bei den einzelnen Produkten sehr unterschiedlich ist. So lag z. B. der Anteil der Verkaufserlöse an den Ausgaben für Eier im Jahre 2002/03 bei 67,5 %. Von den Verbraucherausgaben für Brotgetreide und Brotgetreideerzeugnisse erhielt der Landwirt dagegen nur 3,7 %. Bei der folgenden Analyse wird unterstellt, dass der Transformationskoeffizient, der die Beziehung zwischen den Mengen auf der Verbraucher- und Erzeugerstufe angibt, Eins ist. Diese Annahme erleichtert die grafische Darstellung der Beziehung zwischen den Preisen auf den beiden Marktstufen. Der Zusammenhang zwischen dem Verbraucher- und Erzeugerpreis kann durch Schaubild 4.10 veranschaulicht werden. Ausgangspunkt ist die Nachfrage auf der Verbraucherstufe, gekennzeichnet durch die Nachfragekurve NV. Hier möge die Menge 0Vq zum Preis 0Vp nachgefragt werden. Damit diese Nachfragemenge auf der Verbraucherstufe realisiert werden kann, muss eine ganz bestimmte Menge an Agrarrohstoffen vom Handels- und Verarbeitungssektor auf der Erzeugerstufe nachgefragt werden. Welche Menge auf der Erzeugerstufe der entsprechenden Menge von 0V q entspricht, wird durch einen Transformationskoeffizienten angegeben, der die Relation zwischen 0V q und 0E q angibt. Laut unserer hier vereinfachten Annahme wird dieser Koeffizient gleich Eins gesetzt. Somit sind die auf der Verbraucher- als auch auf der Erzeugerstufe nachgefragten bzw. angebotenen Mengen ( 0V q und 0E q ) gleich. Zu jedem Preis 0V p gehört ein ganz bestimmter Preis 0E p . Der Handels- und Verarbeitungssektor wird bei der Nachfrage auf der Erzeugerstufe jeweils bedenken, welche Preise für alternative Mengen auf der Verbraucher- 140 K apitel4: A grarpreisbildung Insgesamt 27,9 28,9 28,7 28,4 26,1 24,2 25,2 27,6 25,2 23,8 Zusammen 34,7 35,2 36,2 35,8 31,9 29,0 31,0 34,1 31,2 29,3 Eier 69,4 66,5 74,2 74,7 61,1 55,1 58,8 69,1 67,8 67,5 Milch und Milcherzeugnisse 43,8 43,6 44,5 42,9 39,4 40,3 39,9 44,8 42,4 38,7 Schlacht-vieh, Fleisch und Fleischwaren 27,2 28,5 28,9 29,5 25,6 20,4 23,3 25,5 22,0 21,1 Zusammen 11,0 13,3 10,6 9,8 10,2 11,1 9,8 9,6 9,1 8,7 Zuckerrüben und Zucker 38,3 38,4 36,9 39,5 39,7 38,7 39,6 39,3 38,1 38,1 Speisekartoffeln 30,8 44,7 36,5 20,1 28,7 37,2 28,0 26,0 32,5 24,3 Brotgetreide und Brotgetreideerzeugnisse 4,9 4,9 4,4 4,5 4,5 4,1 4,2 4,1 4,0 3,7 Wirtschaftsjahr 1993/94 1994/95 1995/96 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/031) 1) Vorläufig. Quelle: Ernährungs- und agrarpolitischer Bericht 2004 der Bundesregierung, Anhang S. 107, Tabelle 3. Tabelle 4.1: Anteil der Verkaufserlöse der Landwirtschaft an den Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel inländischer Herkunft in % 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 141 NV NE AV AE pV, pE q 0Vp 0Ep 0 00 V Eq q q Stückspanne Schaubild 4.10: Beziehung zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen stufe erzielt werden können. Die Nachfrage auf der Erzeugerstufe ist daher eine von der Nachfrage auf der Verbraucherstufe abgeleitete Nachfrage. Die Nachfragekurve auf der Erzeugerstufe NE wird somit unterhalb der Nachfragekurve auf der Verbraucherstufe liegen. Das Marktgleichgewicht wird sich simultan auf der Verbraucher– und Erzeugerstufe einstellen. Auf der Erzeugerstufe ergibt sich der Gleichgewichtspreis durch den Schnittpunkt der Angebotskurve der Erzeuger AE und der Nachfragekurve NE. Auf der Verbraucherstufe ergibt sich der Gleichgewichtspreis durch den Schnittpunkt der Nachfragekurve auf der Verbraucherstufe NV und der Angebotskurve des Handels- und Verarbeitungssektors AV. Diese Angebotskurve wiederum liegt oberhalb der Angebotskurve auf der Erzeugerstufe. Der vertikale Abstand zwischen diesen beiden Angebots- und Nachfragekurven entspricht dem Wert der komplementären Sach- und Dienstleistung je Mengeneinheit des Agrarrohproduktes und damit gleich der durchschnittlichen Stückspanne. Da der vertikale Abstand zwischen den Nachfragekurven auf der Verbraucherund Erzeugerstufe ebenfalls der Stückspanne entspricht, folgt, dass der vertikale Abstand zwischen den Angebotskurven gleich dem vertikalen Abstand zwischen den Nachfragekurven bei alternativen Mengen sein muss. Die Handels- und Verarbeitungsspanne, die für die gleichgewichtige Menge q0 gezahlt wird, ist identisch mit der Fläche 0 0V 0 E 0 p q p q . Die Relation zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen wird somit durch die Marktspanne (= Handels- und Verarbeitungsspanne) bestimmt. Eine Änderung der Preisrelation kann daher sowohl auf eine Änderung des Mengen- als auch Preisgerüstes der Spanne zurückzuführen sein. Bestimmungsgründe der Ausweitung des Mengengerüstes der Marktspanne und Auswirkungen auf die Relation zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen (1) Der Einkommensanstieg Bekanntlich steigt mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach einzelnen Produkten gemäß der Einkommenselastizität der Nachfrage. Da die Einkommenselastizität der Nachfrage nach komplementären Sach- und Dienstleistungen größer ist 142 Kapitel 4: Agrarpreisbildung als nach dem Agrarrohprodukt, bedeutet das gleichzeitig, dass sich die Nachfragekurve der Verbraucher auf dem Verbrauchermarkt bei steigendem Einkommen stärker nach oben verschiebt als die Nachfragekurve des Handels- und Verarbeitungsbereichs auf dem Erzeugermarkt. Es stellt sich eine Situation ein, wie sie im Schaubild 4.11 dargestellt ist. q q p pV pE A NV NE ' Vp ' VN Schaubild 4.11: Spannenausweitung durch erhöhte Nachfrage nach komplementären Sach- und Dienstleistungen Im Schaubild 4.11 wurde der Einfachheit halber angenommen, dass sich als Folge des Einkommensanstiegs lediglich die Nachfragekurve auf dem Verbrauchermarkt verschiebt, dass also nur die Nachfrage nach komplementären Sach- und Dienstleistungen steigt und nicht die nach dem Agrarrohprodukt. Es gilt also: V E0 ; 0 mit ηV = Einkommenselastizität der Nachfrage auf der Verbraucherstufe und ηE = Einkommenselastizität der Nachfrage auf der Erzeugerstufe. Die Nachfrage nach dem Rohprodukt Kartoffel bleibt z. B. unverändert, während sich auf der Verbraucherstufe die Nachfrage zugunsten verarbeiteter Kartoffelerzeugnisse verändert. Als Folge dessen ergibt sich ein neuer Preis auf dem Verbrauchermarkt in Höhe Vp . Mit Hilfe von Schaubild 4.11 kann die Frage beantwortet werden, wie sich eine Ausweitung der Spanne auf die Einkommenssituation der Landwirte, insbesondere auf den Erzeugerpreis, auswirkt. Offensichtlich wird hier durch die Spannenausweitung der Erzeugerpreis nicht oder zumindest nicht negativ verändert. In der Realität ist es sogar möglich, dass eine Spannenausweitung, die auf eine erhöhte Nachfrage der Verbraucher nach komplementären Sach- und Dienstleistungen zurückzuführen ist, für die Landwirte eine Einkommensverbesserung darstellt. Denken wir z. B. an das Agrarrohprodukt Kartoffel, so kann die verstärkte Nachfrage nach verarbeiteten Kartoffelerzeugnissen dazu beitragen, dass die Nachfrage nach 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 143 dem Agrarrohprodukt Kartoffel größer ist, als sie es ohne die Existenz dieser komplementären Sach- und Dienstleistungen wäre. Insgesamt können sich daher für die Landwirte ein höherer Erzeugerpreis und damit eine verbesserte Einkommenssituation ergeben. (2) Funktionsausgliederung aus den Haushalten Im Zuge der volkswirtschaftlichen Entwicklung steigt nicht nur das Einkommen, sondern es ändern sich auch die Bedürfnisse und die Preisrelationen. Aufgrund dessen ist zu beobachten, dass heute in den Haushalten weniger Aktivitäten bei der Verarbeitung der Agrarrohprodukte erbracht werden als noch vor ein paar Jahren. Werden aber diese Funktionen (wie z. B. das Backen von Brot) aus den Haushalten ausgelagert, so bedeutet das gleichzeitig, dass der Konsument für die vom Handels- und Verarbeitungsbereich übernommenen Funktionen ein Entgelt zu entrichten hat. Auch durch diese Spannenausweitung wird der Erzeuger nicht negativ berührt. Formal ist dieser Vorgang der Spannenausweitung identisch mit dem bereits oben für den Einkommensanstieg dargestellten Fall. (3) Funktionsausgliederung und Spezialisierung landwirtschaftlicher Betriebe Im Zuge der gesamtwirtschaftlich zunehmenden Arbeitsteilung ist festzustellen, dass die landwirtschaftlichen Betriebe zunehmend mehr Funktionen bei der Verarbeitung der Agrarrohprodukte an den Handels- und Verarbeitungsbereich abgeben. So hat nicht nur insgesamt die direkte Vermarktung (direkter Verkauf vom Erzeuger an den Verbraucher) abgenommen, es hat darüber hinaus der Handel im Verarbeitungssektor auch direkte Verarbeitungsfunktionen übernommen, die früher zumindest teilweise in landwirtschaftlichen Betrieben erbracht worden sind (wie z. B. die Verarbeitung von Milch zu Butter und Käse). Eine solche Situation ist in Schaubild 4.12 dargestellt. AE NV NE q p pV pE E 'A E 'N E 'p Schaubild 4.12: Spannenausweitung durch Änderung des Mengengerüsts Durch Schaubild 4.12 wird deutlich, dass aufgrund dieses Bestimmungsfaktors der Anteil der Erzeugererlöse an den Verbraucherausgaben abnimmt und auch die Erzeugerpreise sinken. Aber dennoch kann nicht gesagt werden, dass sich aufgrund 144 Kapitel 4: Agrarpreisbildung dieses Einflussfaktors die Situation der Landwirte verschlechtert hat. Da der Anteil der Verkaufserlöse an den Verbraucherausgaben lediglich gesunken ist, weil Funktionen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb ausgelagert wurden und diese Auslagerung freiwillig geschah, ist anzunehmen, dass die Landwirte dadurch einen Vorteil erzielten. Ähnlich wie die Funktionsausgliederung führen Spezialisierung landwirtschaftlicher Betriebe und Konzentration der Agrarproduktion zu einer Ausweitung der Spanne. Wenn heute Kartoffeln nicht mehr in allen Betrieben und in allen Regionen der EU angebaut werden, sondern eine regionale Konzentration und betriebliche Spezialisierung stattgefunden hat, dann liegt das sicherlich im Interesse der Landwirtschaft. Allerdings bedeutet dieser Vorgang, dass der Handels- und Verarbeitungssektor beim Sammeln der Rohprodukte höhere Leistungen zu erbringen hat und dafür auch entgolten werden muss. Bei Fortsetzung dieser Entwicklung wird sich daher der Anteil der Verkaufserlöse der Landwirte an den Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel auch aus diesem Grund im Zeitablauf verringern. In den letzten Jahren haben Landwirte wieder verstärkt Funktionen übernommen, die bereits der Handels- und Verarbeitungssektor zuvor erbracht hatte. Verarbeitung auf landwirtschaftlichen Betrieben, Direktvermarktung und Verarbeitung in Haushalten hat zugenommen. Hierzu trug zum einen das Verhalten der Verbraucher bei. Direkt vermarkteten Produkten, insbesondere wenn sie mit besonderen Produktionsmethoden erstellt werden (ökologisch produzierte Produkte), wird von einigen Verbrauchern eine höhere Qualität zugeordnet. Zum anderen ist das Interesse der Landwirte an der Direktvermarktung auch gestiegen, weil durch fortschreitende Technisierung der Agrarproduktion, Flächenstilllegung und Quotierung einzelner Produkte, insbesondere der Milchproduktion, Arbeitskapazitäten frei gesetzt wurden. Die Opportunitätskosten der Direktvermarktung sind somit durch einige agrarmarktpolitische Maßnahmen gesunken. (4) Das Informationsbedürfnis der Verbraucher Mit einer zunehmenden Differenzierung der Verbraucheransprüche steigt das Bedürfnis nach Informationen über das Gütersortiment und dessen Preise. Gleichzeitig hängt das Informationsbedürfnis auch von der Anzahl der Produktinnovationen ab. Bekanntlich ist es für den Verarbeitungssektor dann rentabel, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen, wenn eine Mindestabsatzmenge erreicht wird. Um dieses sicherzustellen, müssen die Verbraucher ausreichend über neue Produkte informiert werden; das geschieht durch informative Werbung. Durch die Informationsvermittlung an die Konsumenten ergeben sich für den Handels- und Verarbeitungsbereich Aufwendungen, die ebenfalls entgolten werden müssen. Zusammenfassend kann festgestellt werden: Ändert sich die Marktspanne als Folge der Änderung des Mengengerüsts auf einem vollkommenen polypolistischen Markt, so führt die Erhöhung der Spanne zwar zu einer Ausweitung der Differenz zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen, aber nicht stets zu Nachteilen für die Landwirtschaft. Selbst wenn die Spannenausweitung im Fall der Ausgliederung von Funktionen aus der Landwirtschaft zu sinkenden Erzeugerpreisen führt, so ist dies nicht stets nachteilig für die Landwirtschaft insgesamt, da die Landwirte durch die zunehmende Arbeitsteilung in der Regel einen Vorteil erlangen. 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 145 Im Folgenden soll untersucht werden, wie eine Ausweitung der Spanne aufgrund der Änderung des Preisgerüsts auf Erzeuger- und Verbraucherpreise wirkt. Bestimmungsgründe der Ausweitung des Preisgerüsts der Marktspanne Das Preisgerüst der Spanne ändert sich, wenn sich der Preis für die komplementären Sach- und Dienstleistungen im Zeitablauf verändert. Eine solche Situation wird stets dann eintreten, wenn die Produktivitätsfortschritte im Handels- und Verarbeitungsbereich unterdurchschnittlich sind und steigende Faktorpreise daher nicht durch Produktivitätsfortschritte kompensiert werden können. Tritt eine solche Situation ein, so verlagert sich die abgeleitete Nachfragekurve des Handelsund Verarbeitungsbereichs auf dem Erzeugermarkt nach unten. Eine Preissteigerung der Sach- und Dienstleistungen bewirkt, dass der Vermarktungssektor die auf dem Erzeugermarkt angebotenen Mengen zu niedrigeren Preisen nachfragt. Die Nachfragekurve auf diesem Markt verschiebt sich also nach unten, von NE zu EN (vgl. Schaubild 4.13). Während sich vor der Faktorpreiserhöhung die Gleichgewichtsmenge qE ergab, ist es nach der Faktorpreiserhöhung die Menge Eq . Als weitere Folge ist der Erzeugerpreis von pE auf Ep gesunken und der Verbraucherpreis von pV auf Vp gestiegen. Die Ausweitung der Spanne von S auf S entspricht der Kostenänderung. Aus Schaubild 4.13 kann abgelesen werden, dass die Spannenausweitung sowohl zu Lasten der Erzeuger als auch der Verbraucher geht. NV NE AE q S pE pV p V 'p 'S E 'p E 'q qE= qV E 'N Schaubild 4.13: Spannenausweitung durch Änderung des Preisgerüsts der Spanne Im Folgenden soll gezeigt werden, von welchen Faktoren die Aufteilung der Spannenerhöhung auf Erzeuger und Verbraucher bestimmt wird. Da die Spannenausweitung zu einer Verlagerung der Nachfragekurve auf dem Erzeugermarkt nach unten führt, soll zunächst untersucht werden, welche Wirkung von der Ausweitung der Spanne auf den Erzeugerpreis ausgeht. 146 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Schaubild 4.14 zeigt, dass bei vollkommen elastischem Angebot (Angebotskurve AE) der Erzeugerpreis durch die Verlagerung der Nachfragekurve von NE auf EN nicht tangiert wird. Anders sieht es dagegen aus, wenn die Angebotskurve von Agrarrohprodukten vollkommen unelastisch verläuft (Angebotskurve EA ). In diesem Fall führt die Verlagerung der Nachfragekurve zu einer sehr starken Erzeugerpreissenkung. Schaubild 4.14 zeigt somit, dass der Einfluss der Nachfrageverschiebung auf den Erzeugerpreis von der Neigung der Angebotskurve bzw. bei gegebenem Preis von der Preiselastizität des Angebots abhängig ist. Je elastischer das Agrarangebot reagiert, umso weniger wird bei einer Spannenausweitung der Erzeugerpreis sinken. AE NE p q pE E 'p E 'A E 'N Schaubild 4.14: Wirkung einer Änderung des Preisgerüsts der Spanne auf die Erzeugerpreise Betrachten wir nun die Konstellation auf dem Verbrauchermarkt mit Hilfe von Schaubild 4.15. p pV AV NV q ' Vp ' VN ' VA Schaubild 4.15: Wirkung einer Änderung des Preisgerüsts der Spanne auf die Verbraucherpreise 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 147 Schaubild 4.15 zeigt, dass bei vollkommen elastischer Nachfrage auf der Verbraucherstufe (NV) der Verbraucherpreis durch die Spannenausweitung nicht beeinflusst wird. Ist dagegen die Nachfrage auf dem Verbrauchermarkt vollkommen unelastisch V(N ) , führt die Spannenausweitung zu einem Anstieg der Verbraucherpreise um den Betrag der Spannenausweitung. Somit können wir zusammenfassend festhalten: Bei gegebener Neigung der Angebotskurve ist die Preisänderung für den Verbraucher umso größer, je kleiner (absolut) die Preiselastizität der Nachfrage auf dem Verbrauchermarkt ist. Bei gegebener Neigung der Nachfragekurve auf dem Verbrauchermarkt ist die Preisänderung für den Erzeuger umso größer, je kleiner die Preiselastizität des Angebots ist. 4.4.3 Bestimmungsgründe interregionaler Preisunterschiede Auch bei den folgenden Ausführungen wird unterstellt, dass die Marktform der vollständigen Konkurrenz vorliegt. In diesem Fall stehen die Preise an verschiedenen Orten eines Wirtschaftsgebietes miteinander in Beziehung, wie die Flüssigkeit in einem System kommunizierender Röhren. Die Preisunterschiede zwischen verschiedenen Orten werden lediglich den Bewegungskosten der Güter entsprechen. Bei ihrem Streben nach Gewinnmaximierung werden die Händler grundsätzlich versuchen, die Güter dort einzukaufen, wo sie relativ billig sind und dort zu verkaufen, wo sie relativ teuer sind. Dieses Bestreben wird dazu führen, dass immer dann, wenn an einem Ort die Preise um mehr als die Bewegungskosten der Güter von den Preisen an anderen Orten differieren, Waren aufgekauft werden und an dem Ort mit höherem Preis verkauft werden. Als Folge dessen werden an dem relativ billigeren Ort die Preise steigen und an dem relativ teureren Ort die Preise sinken. Der Export und Import einzelner Regionen hat somit die Funktion der Preisangleichung. Ob eine Region bestimmte Güter exportiert oder importiert, hängt von der Preishöhe und den regionalen Verläufen der Angebots- und Nachfragekurven ab. Dieser Sachverhalt soll durch Schaubild 4.16 verdeutlicht werden. Dabei werden Transportkosten vernachlässigt. Region A ist bei den gegebenen Angebots- und Nachfragekurven beim Preis p autark. Die regionale Angebotsmenge entspricht der regionalen Nachfragemenge. Bei jedem Preis oberhalb oder unterhalb von p kann sich in Region A nur dann ein Gleichgewichtspreis einstellen, wenn mit anderen Regionen ein Warenaustausch vorgenommen wird. Liegt der Preis oberhalb von p, so wird in der Region A mehr produziert als nachgefragt; Gleichgewicht kann demnach nur dann bestehen, wenn das Überangebot in der Region A in anderen Regionen abgesetzt wird. Die Angebotskurve der Region A in der Region B (Exportangebotsfunktion) ergibt sich somit aus der Differenz von angebotener Menge in A abzüglich nachgefragter Menge in A bei Preisen oberhalb von p. Selbstverständlich kann in der Region A der Preis nur oberhalb von p liegen, wenn die Region B eine Einfuhrregion ist, wenn dort also mehr nachgefragt als produziert wird. Sollte Region B dagegen eine Nachfrage- und Angebotskonstellation aufweisen, bei der sich ein Preis bei regionaler Autarkie unterhalb von p ergibt, würde diese Region zu einer Überschuss- 148 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Angebotskurve der Region A in der Region B Nachfragekurve der Region A in der Region B Region A Region B Angebotskurve in A p p q q p Nachfragekurve in A Schaubild 4.16: Regionale Versorgungslage und interregionales Angebot region. Unterhalb von p wird die Region A zum Nachfrager in der Region B, da in A weniger produziert als nachgefragt wird. Schaubild 4.16 macht deutlich, dass es entscheidend von der Preishöhe abhängt, ob eine Region oder ein Land exportiert oder importiert. Gleichzeitig wird aus dem Schaubild deutlich, dass offensichtlich die Elastizität des Angebots in anderen Regionen, z. B. der Region A in der Region B, abhängig ist von der Angebots- und Nachfrageelastizität in Region A sowie dem Selbstversorgungsgrad. In der EU-Agrarmarktpolitik hat man insbesondere auf den Getreidemärkten versucht, durch staatliche Eingriffe die interregionale Preisbildung zu regulieren. Man glaubte, man könne für einzelne Regionen Interventionspreise so festlegen, dass die Differenzen der Interventionspreise gerade den Bewegungskosten der Waren entsprechen. Da mit dieser Politik aber große Probleme verbunden waren, hat man 1975/76 die Regionalisierung der Interventionspreise aufgegeben. Wollte man durch eine staatliche Politik die regionale Preisabstufung so vornehmen, dass sie gleichgewichtigen interregionalen Preisen entspricht, so müssten nicht nur Informationen über die regionalen Angebots- und Nachfragekurven vorhanden sein, darüber hinaus müssten auch die Grenzkosten für die Bewegung der Ware von einem Ort zum anderen bekannt sein. Entscheidend für die Preisbildung sind nicht die Durchschnittskosten der Transportunternehmer, sondern lediglich die Grenzkosten desjenigen Transportunternehmers, der bei den gegebenen Preisunterschieden gerade noch bereit ist, Waren von einem Ort zum anderen Ort zu transportieren. Es ist offensichtlich, dass den staatlichen Behörden solche Informationen nicht zugänglich sind. Eine administrativ verordnete Regionalisierung der Preise kann daher zu einem interregionalen Ungleichgewicht führen. 4.4.4 Bestimmungsgründe des intertemporalen Preiszusammenhangs Der intertemporale Preiszusammenhang besagt, dass zwischen den Preisen unterschiedlicher Perioden eine Beziehung besteht. Die Preise zum Zeitpunkt t0 sind in der Regel nicht gleich den Preisen der Periode t1, wenn ein intertemporales Gleich- 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 149 gewicht bestehen soll. Im Folgenden soll untersucht werden, welche gleichgewichtigen Preisunterschiede es bei vollständiger Konkurrenz und vollkommener zeitlicher Markttransparenz zwischen gleichen Produkten im Zeitablauf gibt. Preisunterschiede müssen sich immer auf unterschiedliche Konstellationen von Angebots- und Nachfragekurven zu den einzelnen Zeitpunkten zurückführen lassen. Gibt es solche typischen Preisunterschiede im Jahresverlauf, z. B. von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat, so spricht man von einer saisonalen Preisbewegung. Von Jahr zu Jahr kann es für einzelne Produkte Preisunterschiede im Gleichgewicht geben, wenn die Ernte in einzelnen Jahren unterschiedlich hoch ausfällt, aber die Nachfrage annähernd konstant ist. Als z. B. Josef den Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren umzusetzen hatte, stellte sich für ihn das Problem, welche Preisgestaltung er im Zeitablauf vornehmen sollte. Solche Probleme können gelöst werden, wenn die Gesetzmäßigkeiten intertemporaler Preisunterschiede bekannt sind. Intertemporales Marktgleichgewicht bei saisonaler Produktion Um das Problem darzustellen, wollen wir zunächst mit Hilfe einer einfachen modelltheoretischen Betrachtung das Phänomen der saisonalen Preisbewegungen erklären. Dabei gehen wir von folgender Annahme aus: Die Ernte des betrachteten verderblichen Produkts fällt in einer Periode an, wird aber während zwei Perioden nachgefragt. Eine Lagerung ist lediglich einschließlich der zweiten Periode möglich. Weiterhin soll gelten, dass der Raum begrenzt ist und die Nachfrage nur durch die regionale Produktion befriedigt werden kann. Für diesen Fall kann das Problem durch Schaubild 4.17 verdeutlicht werden. Im Schaubild 4.17 wird angenommen, dass die gesamte Produktion gleich qp ist. Weiterhin wird angenommen, dass die Produzenten die Alternative haben, entweder die Produktion in der Periode 1 oder in der Periode 2 anzubieten. Die in der Periode 2 angebotene Menge muss daher von den Produzenten in Periode 1 auf Lager genommen werden. Der Einfachheit halber vernachlässigen wir hier den Handels- und Verarbeitungssektor. Die von den Produzenten auf Lager genommene Menge kann auch als die Eigennachfrage der Produzenten bezeichnet werden. Daraus folgt, dass sich das Marktangebot in der Periode 1 jeweils aus der gesamten Produktionsmenge abzüglich der Eigennachfrage der Produzenten ergibt. Die Eigennachfrage der Produzenten ist bei alternativen Preisen in der Periode 1 von dem erwarteten Preis in der Periode 2 und den durch die Lagerung entstehenden Kosten abhängig. Es ist zu erwarten, dass das Marktangebot in der Periode 1 relativ elastisch reagieren kann, da die Produzenten eine Alternative besitzen: sie können in Periode 1 oder in Periode 2 anbieten. Anders ist dagegen die Situation in Periode 2. Annahmegemäß handelt es sich um ein verderbliches Produkt, das über die Periode 2 hinaus nicht mehr gelagert werden kann, da dann bereits die neue Ernte auf den Markt kommt und qualitativ höherwertiger ist. In der Periode 2 wird daher das Marktangebot vollkommen unelastisch sein. Nach Schaubild 4.17 ergibt sich in der Periode 1 ein Marktangebot in Höhe Stq und damit ein Preis von pt. Bei diesem Preis pt ist das Angebot in der Periode 2 identisch mit der gesamten Produktion (qp) abzüglich des Marktangebots der Periode 1 ( Stq ). Bei diesem Angebot von qt+1 ergibt sich laut Schaubild 4.17 in der Periode 2 der Preis von pt+1. 150 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Preis Periode 1 gesamte Produktion Marktangebot AN qp Eigennachfrage Produktionsmenge pt A N Marktangebotpt+1 Periode 2 qt+1 = q p - qst Produktionsmenge Preis qst Marktangebot Schaubild 4.17: Intertemporale Preisbildung Charakterisieren die Preise pt und pt+1 eine Gleichgewichtssituation, so sind die Erwartungen der Produzenten bestätigt. In einem solchen Fall muss die Preisdifferenz pt+1 – pt die Kosten für die Lagerung der Produkte decken. Im Einzelnen sind folgende Kostenelemente zu entgelten: Einlagerungskosten, Lagerungskosten (Fremdkapitalverzinsung, Versicherung, Miete, Schwund), Auslagerungskosten, Gewinnelemente für Eigenkapitalverzinsung, Unternehmertätigkeit und Risiko. Bei saisonal anfallender Produktion wird sich in etwa eine Preisentwicklung wie in Schaubild 4.18 einstellen. Figure 3: Potetial Productivity Gains in 1 p 1 Zeit12 p (t) p (t) Jahr 2Jahr 1 Schaubild 4.18: Saisonfigur der Preisentwicklung bei Anfall der Ernte zu einem bestimmten Zeitpunkt – schematischA bb ild un g ko nn te ni ch t ko rr ig ie rt w er de n, ni ch t le sb ar ,b it te pr üf en ! 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 151 Im Schaubild 4.18 wird die saisonale Preisentwicklung für mehrere Perioden (12 Monate) unter den obigen Bedingungen dargestellt. In diesem Fall wird die Preisdifferenz zwischen dem ersten und zweiten Monat etwas größer sein als zwischen dem zweiten, dritten und allen folgenden Monaten, da zwischen dem ersten und zweiten Monat einmalige Kosten, wie z. B. Einlagerungskosten, entstehen, die bei fortdauernder Lagerung nicht zusätzlich auftreten. In der Realität wird sich in der Regel eine solche typische Preisbewegung nicht einstellen. Hierfür spricht vor allem folgender Grund: Die Ernte fällt nicht lediglich in einem Monat an. Denken wir z. B. an die Kartoffelernte, so haben wir Regionen in der BR Deutschland oder der EU, die Frühkartoffeln anbauen und mit ihrer Ernte sehr viel früher auf den Markt kommen als die Regionen, in denen Spätkartoffeln angebaut werden. Die Kartoffelernte innerhalb der EU erstreckt sich über mehrere Monate. Wir werden daher im Jahresablauf Monate haben, in denen die Nachfrager lediglich aus der Lagerhaltung versorgt werden können, und andere Monate, in denen die Nachfrage sowohl aus der Lagerhaltung als auch aus laufender Produktion befriedigt werden kann und schließlich auch Monate, in denen die monatliche Produktion die monatliche Nachfrage übersteigt. In einem solchen Fall könnte die Saisonfigur bei vollkommener Information eine Ausprägung aufweisen, wie sie in Schaubild 4.19 dargestellt ist. Preis Preise für Angebot aus neuer Ernte t Beginn der Ernte Zeitt+1 t+2 Ende der Ernte Preise für Angebot aus alter Ernte Schaubild 4.19: Saisonale Preisentwicklung bei zeitlich gestreckter Ernte – schematisch Zu Beginn der Ernte t werden Produkte aus alter und neuer Ernte angeboten. Es wird angenommen, dass eine Situation wie auf dem Kartoffelmarkt vorliegt und die neuen Kartoffeln aus Sicht der Nachfrager als qualitativ höherwertig als alterntige Kartoffeln angesehen werden. Da neuerntige Kartoffeln aber noch nicht in genügender Menge anfallen, wird auf dem Markt ein höherer Preis für neuerntige als alterntige Kartoffeln bezahlt. Ab dem Zeitpunkt t+1 wird nur noch neuerntige Ware angeboten. Lagerhalter haben bei vollkommer Information ihre Läger geräumt; die Lagerkosten sind durch die Entwicklung der Marktpreise voll gedeckt. Die Preise sinken bis zum Ende der Ernte t+2. Von diesem Zeitpunkt an kann die 152 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Nachfrage daher nur aus der Lagerhaltung gedeckt werden. In der Periode nach t+2 müssen die Nachfrager im Gleichgewicht daher tendenziell steigende Preise zahlen. Das wird bis zum Zeitpunkt t+1 gelten. Der Leser beachte, dass sich die beschriebene Saisonfigur nur bei vollkommener Information ergeben wird. In der Realität wird sich eine solche Entwicklung daher selten einstellen. Näheres wird hierzu in Kapitel 4.7 ausgeführt. Bisher haben wir lediglich die Saisonfigur bei periodisch anfallender Produktion erklärt. Selbstverständlich kann auch bei laufender Produktion eine saisonale Preisentwicklung entstehen. Wenn z. B. die Produktionskosten im Jahresablauf eine unterschiedliche Höhe aufweisen, dann wird in der Regel auch die Produktionsmenge jahreszeitlich unterschiedlich hoch ausfallen (typisches Beispiel: Milchproduktion). Eine saisonale Preisentwicklung kann aber auch bei im Jahresablauf gleich bleibender Produktionsmenge als Folge saisonal unterschiedlicher Nachfrage (z. B. Weihnachtsgeflügel, Ostereier) auftreten. Gründe für die Änderung der Saisonfigur im Zeitablauf Bei freier Marktpreisbildung kann sich die Saisonfigur u. a. aus folgenden Gründen ändern: (1) Erweiterung der Region Eine Erweiterung der Region wird vor allen Dingen dann zu einer Änderung der Saisonfigur führen, wenn die saisonale Entwicklung der Produktion in den Regionen unterschiedlich ist. Können z. B. in einer Region lediglich Spätkartoffeln angebaut werden, dann würde sich durch eine Erweiterung der Region um ein Frühkartoffelanbaugebiet die saisonale Preisbewegung auf dem Kartoffelmarkt verändern. Grundsätzlich gilt, dass sich z. B. durch die Gründung und Erweiterung der EU die Saisonfiguren in der Bundesrepublik verändert haben (insbesondere bei pflanzlichen Produkten), da die klimatischen Bedingungen in den einzelnen Regionen der EU unterschiedlich sind. (2) Angleichung der Produktionskosten Werden die Produktionskosten durch neue Produktionsverfahren im Jahresablauf angeglichen, so wird man hierdurch die saisonal unterschiedlichen Produktionsmengen egalisieren und die Produktion über das Jahr auf konstantem Niveau halten. (3) Änderung der Lagerkosten u. a. durch das Aufkommen neuer Produkte und neuer Lagertechniken Insbesondere hat auf dem Obst- und Gemüsemarkt, aber auch auf dem Fleischmarkt, das Aufkommen neuer Kühltechniken und Kühlprodukte dazu beigetragen, dass sich die Saisonfigur auf diesen Märkten verändert hat. Ist in einer bestimmten Periode, z. B. in den Erntemonaten oder Monaten mit überdurchschnittlicher Produktion, die produzierte Menge größer als die in dieser Periode bei unveränderten Preisen zu verbrauchende Menge, so kann ein Teil der Rohproduktmenge in gefrorener Form gelagert werden. Dadurch wird gleichzeitig die Preisbildung in den Perioden, in denen das Produkt in frischer Form auf den Markt gelangt, beeinflusst. 4.4 Bestimmungsgründe von Preisrelationen unter Wettbewerbsbedingungen 153 Nicht zu unterschätzen ist der Schwund als Komponente der Lagerkosten. In einzelnen Entwicklungsländern tritt z. B. in manchen Jahren bei der Getreidelagerung ein Verlust bis zu 30 % auf (insbesondere durch Ratten, z. B. in Indien). Verändert man durch verbesserte Lagertechniken den Schwund, so bedeutet das gleichzeitig, dass sich hierdurch die Lagerkosten und damit die saisonale Preisstaffelung verringern. (4) Änderung der Transport- und Informationskosten Sinkende Transportkosten führen zu einer stärkeren Integration der Märkte. In die gleiche Richtung wirken auch sinkende Informationskosten. So hat z. B. das Internet dazu beigetragen, dass Informationen schneller verfügbar sind und die Bedeutung der Entfernung verringert wurde. Blumen können an einem Tag in Kenia geschnitten werden, sind am nächsten Morgen in Amsterdam auf der Auktion zum Verkauf und werden noch am gleichen Tag in andere europäische oder auch asiatische Märkte transportiert. Das Schneiden der Blumen in Kenia kann wegen der billigen Informationsübermittlung durch das Internet sofort auf geänderte Nachfrage in Amsterdam reagieren. Die Nachfrage in Amsterdam bezieht wiederum Nachfrageänderungen auf asiatischen Blumenmärkten mit ein. Die in früheren Zeiten in Europa übliche Saisonfigur für Blumen hat sich somit grundlegend ge- ändert. Intertemporales Marktgleichgewicht bei jährlichen Ernteschwankungen Um das Problem zu veranschaulichen, soll auf oben zitiertes Beispiel von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren zurückgegriffen werden22. Es wird angenommen, dass eine vollkommene zeitliche Markttransparenz besteht und somit die Produktionsmenge in den einzelnen Jahren im Voraus bekannt ist. Weiterhin soll gelten, dass die Produktionsmenge innerhalb der Siebenjahresperioden gleich hoch ist; das Produktionsniveau ist in den fetten Jahren lediglich höher als in den mageren Jahren. Im Folgenden sollen die Preis-, Verbrauchs- und Lagerbestandsentwicklungen aufgezeigt werden, die sich im intertemporalen Marktgleichgewicht einstellen würden. Bei gleichgewichtiger Preisentwicklung muss der Preis in jeder Periode gleich den Grenzkosten des Angebots (aus laufender Produktion und aus Lagerhaltung) sein. Während der sieben fetten Jahre werden die Lagerbestände aufgefüllt und während der sieben mageren Jahre abgebaut (vgl. Schaubild 4.20). Da sich die Lagerhaltung nur rentiert, wenn der Preisunterschied von Jahr zu Jahr zumindest die Lagerhaltungskosten deckt, müssen die Preise während der gesamten 14 Jahre ansteigen. Während die jährlichen Preisunterschiede in den ersten sieben Jahren den Lagerhaltungskosten entsprechen, wird der Preisunterschied zwischen dem siebten und achten Jahr zusätzlich die Kosten für die Auslagerung enthalten. Nach dem achten Jahre werden die Preise wieder kontinuierlich ansteigen. Diese Preisentwicklung (vgl. Schaubild 4.21) stellt sicher, dass die Preisdifferenz zwischen dem Jahr der Auslagerung und dem Jahr der Einlagerung die gesamten Lagerkosten in Form der Lagerhaltungskosten und der Ein- und Auslagerungskosten abdeckt. 22 Vgl. insbesondere Bressler, R.G., Jr. und R.A. King, Markets, Prices and Interregional Trade. NewYork, London, Sydney, Toronto 1978, S. 219ff. 154 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Produktion Lagerhaltung Verbrauch 0 7 14 Zeit Produktion, Lagerhaltung, Verbrauch Schaubild 4.20: Produktions-, Lagerhaltungs- und Verbrauchsentwicklung während sieben fetter und sieben magerer Jahre Einer solchen Preisentwicklung entspricht die in Schaubild 4.20 dargestellte Produktions-, Lagerhaltungs- und Verbrauchsentwicklung. Der Verbrauch sinkt im Zeitablauf wegen der steigenden Preise. p 0 7 14 Zeit Schaubild 4.21: Gleichgewichtige Preisentwicklung während sieben fetter und sieben magerer Jahre Dieses einfache Beispiel dürfte deutlich gemacht haben, dass im Zeitablauf konstante Preise bei jährlichen Ernteschwankungen nicht mit einem Marktgleichgewicht vereinbar sind. 4.5 Agrarpreisschwankungen Bisher haben wir uns vornehmlich mit der Entwicklung gleichgewichtiger Preise im Zeitablauf zwischen Produkten und zwischen einzelnen Regionen beschäftigt. Im Folgenden wollen wir einige Gründe für ungleichgewichtige Preisentwicklungen für Agrarprodukte im Zeitablauf analysieren. 4.5 Agrarpreisschwankungen 155 Ungleichgewichtige Preisänderungen im Zeitablauf für Agrarprodukte können entweder zyklusbedingt oder zufällig sein. 4.5.1 Zyklische Agrarpreisschwankungen Zyklische Preisbewegungen sind periodisch wiederkehrende Preisbewegungen mit einer Zykluslänge von mehr als einem Jahr. Zyklusbedingte Schwankungen im Agrarsektor können grundsätzlich durch folgende drei Ursachen bedingt sein: (1) das Echoprinzip, (2) preisinduzierte Angebotsschwankungen und (3) konjunkturbedingte Schwankungen im Agrarsektor. Aus didaktischen Gründen wird bei der Analyse zunächst von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgegangen. Das Echoprinzip Das Echoprinzip beinhaltet, dass Investitionen, die verstärkt in einer bestimmten Zeitperiode t vorgenommen wurden, zu einer erhöhten Ersatzinvestition nach n Perioden führen. Wenn aufgrund exogener Einflüsse, wie z. B. Krieg, eine sprunghafte Investitionstätigkeit einsetzt, dann wird das dazu führen, dass nach der normalen Abnutzungszeit der Investitionen ein verstärkter Ersatzbedarf notwendig wird. Das gleiche Phänomen ist auch auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten. Im Agrarsektor spielt dieses Phänomen nicht nur bei Maschinen- und Gebäudeinvestitionen eine Rolle, sondern auch bei Dauerkulturen. Hat sich aufgrund exogener Einflüsse beispielsweise die Rentabilität einer Dauerkultur wesentlich erhöht, so kann es zu einer sprunghaft verstärkten Anpflanzung führen. Nach der normalen Lebensdauer der Dauerpflanzen wird dann eine Neuanpflanzung notwendig sein. Da in der Regel in den ersten Jahren nach der Neuanpflanzung die Erträge unterdurchschnittlich hoch sind, wird man jeweils nach der Neuanpflanzung ein verringertes Angebot auf den Markt bringen und dadurch Angebots- und Preisschwankungen hervorrufen. Preisinduzierte Angebotsschwankungen Die Voraussetzungen für preisinduzierte Angebotsschwankungen sind: die Störung des Gleichgewichts durch exogene Einflüsse, Preiserwartungen der Produzenten, die sich an den Gegenwartspreisen orientieren, ein bestehender Unterschied zwischen der sofortigen und der mittel- bzw. langfristigen Angebotsreaktion. Der Sachverhalt kann durch Schaubild 4.22 dargestellt werden. Im Schaubild 4.22 wird davon ausgegangen, dass ein Gleichgewicht ursprünglich bei der Menge q0 und dem Preis p0 bestand. Dieses Gleichgewicht wird durch einen exogenen Einfluss gestört; es wird unterstellt, dass sich die Nachfragekurve von N0 zu N1 verschiebt. Nehmen wir an, dass das Angebot kurzfristig vollkommen unelastisch ist, so wird sich in der Periode 1 ein Preis von p1 einstellen. Unterstellen die Produzenten, dass dieser Preis p1 auch künftig gelten wird, so werden 156 Kapitel 4: Agrarpreisbildung AL q0 p0 q1 p1 q2 p2 q3 p3 q p p4 N1 N0 Schaubild 4.22: Preisinduzierte zyklische Preisbewegungen sie die Produktion nach diesem Preis ausrichten. Entsprechend der unterstellten langfristigen Angebotskurve AL wird dieses zu einem Angebot von q1 führen. Beim Angebot q1 kann der Markt aber nur beim Preis p2 geräumt werden. Nehmen nun die Produzenten wiederum an, dass dieser Preis p2 auch künftig gelten wird, so werden sie die Angebotsmenge q2 auf den Markt bringen. Beim Angebot q2 wird sich jedoch auf dem Markt der Preis p3 einstellen. Im Schaubild 4.22 wird deutlich, dass der Marktpreis sich allmählich auf den neuen Gleichgewichtspreis hinbewegt. Nach Störung des Gleichgewichts wird der neue Gleichgewichtspreis allerdings nicht durch eine kontinuierliche Annäherung gefunden, sondern die Marktpreise schwanken vorübergehend mit abnehmender Amplitude um den neuen Gleichgewichtspreis. In Anlehnung an das graphische Bild wird diese Tatsache in der Literatur auch als Cobweb-Theorem bezeichnet. Der dem Cobweb-Theorem zugrunde liegende Sachverhalt soll in Übersicht 4.3 dargestellt werden. Periode Angebotspreis pA Nachfragepreis pN Angebotsmenge = Nachfragemenge Beziehung zwischen Angebotspreis und Nachfragepreis 0t A0p N 0p 0q A N 0 0p p 1t A0p N 1p 0q A N 0 1p p 2t A1p N 2p 1q A N 1 2p p 3t A2p N 3p 2q A N 2 3p p . . . . . . nt A n 1p N np n 1q A N n 1 np p Übersicht 4.3: Sequenzanalyse zyklischer Preisbewegungen 4.5 Agrarpreisschwankungen 157 In der Periode t0 besteht ein Gleichgewicht auf dem betrachteten Markt. Der Angebotspreis, d. h. der erwartete Preis, ist gleich dem Nachfragepreis, d. h. dem Marktpreis. Die Erwartungen sowohl der Produzenten als auch der Konsumenten werden erfüllt. Nun wird angenommen, dass sich die Nachfragekurve in t1 aufgrund exogener Einflüsse mit der Folge verschiebt, dass der Nachfragepreis (= Marktpreis) von N N0 1p auf p steigt. Da die Anbieter aber den Preis N 0p erwarten, bieten sie unverändert die Menge q0 an. Somit ergibt sich, dass der erwartete Preis der Anbieter A0p kleiner ist als der Marktpreis N 1p . Erwarten die Anbieter, dass der Preis N1p auch tatsächlich in der Periode 2 auf dem Markt realisiert werden kann, so werden sie aufgrund dieser Annahme die Menge 1q anbieten. Doch es zeigt sich, dass die Menge 1q nur zum Preis N 2p auch verkauft werden kann. Daraus folgt, dass der erwartete Preis der Produzenten A1p größer ist als der tatsächlich auf dem Markt realisierte Preis N2p . In der Periode 3 werden die Produzenten deshalb die Menge 2q anbieten. Bei der Menge 2q werden sie aber nicht den erwarteten Preis A2p realisieren, sondern den Preis N 3p , der jedoch größer ist als der erwartete Preis A2p , so dass die Produzenten in der nächsten Periode wiederum eine Anpassung ihrer Produktion vornehmen werden. Dieser Prozess geht solange weiter, bis in der Periode n wieder eine Übereinstimmung zwischen dem erwarteten Preis der Anbieter und dem tatsächlichen Marktpreis Nnp erreicht ist. In dieser Periode besteht dann wieder ein Gleichgewicht. Die Entwicklung der Preise ist in Schaubild 4.23 noch einmal im Zeitablauf abgetragen. p0 pn Preis 0 1 2 3 4 5 6 Zeit Schaubild 4.23: Amplituden zyklischer Preisbewegungen bei konvergierenden Zyklen Die Sequenzanalyse verdeutlicht, dass sich der Marktpreis mit abnehmenden Amplituden dem neuen Gleichgewichtspreis nähert. 158 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Ob bei einer Störung des Gleichgewichts die Amplituden der Preisschwankungen abnehmen, zunehmen oder auch konstant bleiben, hängt von den Neigungen der Angebots- und der Nachfragekurve ab. Hier sind drei Fälle zu unterscheiden: (1) Die Neigung der Angebotskurve ist kleiner als die absolute Neigung der Nachfragekurve. Dieser Sachverhalt liegt der obigen Darstellung zugrunde. In diesem Fall konvergiert der Marktpreis zum neuen Gleichgewichtspreis. (2) Ist die Neigung der Angebotskurve gleich der absoluten Neigung der Nachfragekurve, folgen aus einer exogenen Störung des Marktgleichgewichts fortdauernde Preisschwankungen mit gleich bleibender Amplitude (vgl. Schaubild 4.24). (3) Ist die Neigung der Angebotskurve größer als die absolute Neigung der Nachfragekurve, so führt eine exogene Störung des Gleichgewichts zu Preisschwankungen, deren Amplitude im Zeitablauf größer wird. N1 N0 ALp p1 p0 q0 q1 q Schaubild 4.24: Preisschwankungen mit gleicher Amplitude Die Bedeutung der preisinduzierten Angebotsschwankungen ist besonders auf dem Schweinemarkt offensichtlich. Bereits 1927 konnte A. Hanau nachweisen, dass es auf dem Schweinemarkt preisinduzierte Angebots- und Preisschwankungen gibt. Für diesen Markt treffen demnach die Grundannahmen des obigen Modells zu. Kurzfristig ist das Angebot von Schweinen sehr unelastisch, während es langfristig relativ elastisch ist. Wenn die Schweineproduzenten annehmen, dass die heutigen Marktpreise auch in Zukunft weiter gelten, so werden sie nach einer Zeitverzögerung von etwa 10 Monaten (drei Monate, drei Wochen und drei Tage Trächtigkeitsdauer der Sauen plus zwei Monate Ferkelaufzucht plus 3,5 Monate Mast der Schweine) mit einem erhöhten Schweineangebot auf den Markt treten. Dieses erhöhte Schweineangebot wird jedoch dazu führen, dass die Marktpreise sinken. In der Literatur ist diskutiert worden, ob die Marktform entscheidend für die Existenz preisinduzierter Zyklen ist. Bei der obigen Angabe der Voraussetzungen für die Existenz von Zyklen sind wir nicht explizit auf die Marktform eingegangen. In der Tat scheinen die oben angegebenen Voraussetzungen ausreichend. Unabhän- 4.5 Agrarpreisschwankungen 159 gig von der Marktform können die Produzenten erwarten, dass der gegenwärtige Preis auch in Zukunft gelten wird. Wenn weiterhin ein Unterschied zwischen der sofortigen und der langfristigen Angebotsreaktion besteht, sind dies ausreichende Bedingungen für das Zustandekommen von Zyklen. Allerdings werden die Zyklen nur dann fortbestehen, wenn die Preiserwartungen in einer engen Relation zu den gegenwärtigen Preisen stehen. Eine solche Preiserwartungsfunktion wird jedoch eher bei der Marktform des Polypols zu erwarten sein als bei monopolistischen Marktformen. Ein Monopolist wird sich in der Regel mehr als ein Polypolist darüber im Klaren sein, dass er durch eine Änderung seines Angebots auch den Marktpreis beeinflusst. Darüber hinaus müssen wir annehmen, dass der Monopolist mehr aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen wird, als das für den Polypolisten zutreffen mag. Somit wird gelten, dass zwar unabhängig von der Marktform zyklische Preisschwankungen zustande kommen können, dass sie aber in der Realität auf polypolistischen Märkten eher zu erwarten sind als auf monopolistischen Märkten. Konjunkturbedingte Schwankungen im Agrarsektor Zunächst könnte vermutet werden, dass der Agrarsektor durch einen Konjunktureinbruch (eine Periode mit sinkenden Realeinkommen) weniger stark betroffen wird als andere Sektoren, da aufgrund der relativ niedrigen Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln die Nachfrage nach Agrarprodukten weniger stark zurückgeht als nach anderen Produkten. Die Wirkung auf Preise und Einkommen hängt jedoch nicht lediglich von der Verschiebung der Nachfragekurve, sondern auch von den Preiselastizitäten der Nachfrage und des Angebots ab. Dieser Sachverhalt soll durch das Schaubild 4.25 verdeutlicht werden. AL N AI N p q I 0p I 1p L 0p L 1p 'N 'N Schaubild 4.25: Einfluss eines gesamtwirtschaftlichen Einkommensrückgangs auf die Preisbildung 160 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Im Schaubild 4.25 wird der Preisbildungsprozess für den Agrarsektor mit dem Preisbildungsprozess für den industriellen Sektor verglichen. Im unteren Teil besteht eine Konstellation mit einer geringen Preiselastizität des Angebots und der Nachfrage, wie sie für den Agrarsektor angenommen wird. Im oberen Teil (für den industriellen Sektor) dagegen werden relativ große Elastizitäten angenommen. Die Verschiebung der Nachfragekurve ist zwar absolut im oberen und unteren Teil des Schaubilds gleich, doch ist die relative Verschiebung im oberen Teil des Schaubilds sehr viel größer als im unteren. Somit wird für den industriellen Sektor eine größere Einkommenselastizität der Nachfrage unterstellt als für den landwirtschaftlichen Sektor. Aufgrund der Verschiebung der Nachfragekurven verändern sich die Preise von L0p zu L 1p und von I 0p zu I 1p . In dieser Darstellung zeigt sich, dass die Agrarpreise sowohl absolut als auch relativ sehr viel stärker sinken als die industriellen Preise. Im Extremfall wird es bei vollkommen elastischem industriellem Angebot in diesem Sektor zu keiner Preissenkung kommen. Aus dieser Darstellung kann gefolgert werden, dass sich der Agrarsektor konjunkturellen Schwankungen durch eine Änderung der Preise anpasst. Je nach Konjunkturverlauf werden die Konsumenten z. B. mehr oder weniger tierische Produkte nachfragen. Dies wird bei den gegebenen Elastizitäten dann jeweils zu einem Preisdruck oder zu einem Preisanstieg vornehmlich für tierische Produkte führen. Der industrielle Sektor dagegen passt sich Konjunkturschwankungen vornehmlich durch eine Änderung der Produktionsmenge und damit durch eine Veränderung der Zahl der Beschäftigten an. 4.5.2 Zufallsbedingte Agrarpreisschwankungen Das landwirtschaftliche Angebot schwankt naturbedingt von Jahr zu Jahr. Hierüber geben insbesondere die Schwankungen der Hektarerträge Auskunft. Die Bedeutung naturbedingter Angebotsschwankungen für die Agrarpreise wurde bereits im 17. Jahrhundert von Gregory King (1648 bis 1712) durch Beobachtungen erkannt. King stellte fest, dass eine 1%ige Änderung des Angebots zu einer mehr als 1%igen Änderung der Preise führt (Kingsche Regel). Geht man von der vereinfachten Annahme aus, dass die gesamte Produktion eines Jahres auch auf dem Markt angeboten wird, dann hängt das Ausmaß der Preisschwankung als Folge einer Angebotsschwankung lediglich von der Preiselastizität der Nachfrage ab. Dieser Sachverhalt kann durch Schaubild 4.26 verdeutlicht werden: Im Schaubild 4.26 wird unterstellt, dass bei gegebener Nachfragekurve das Angebot unter normalen Witterungsbedingungen in Höhe q0 anfällt und sich dann der Marktpreis p0 ergibt. Eine Erhöhung des Angebots infolge einer guten Ernte auf q1 führt zu einer Preissenkung auf p1. Das Schaubild 4.26 macht deutlich, dass die relative Preissenkung größer ist als die relative Mengensteigerung. Dies folgt unmittelbar aus der Tatsache, dass die Preiselastizität der Nachfrage absolut kleiner als Eins ist. Somit folgt auch, dass bei einer guten Ernte die Erlöse 1 1(p q ) der Landwirte bei freier Marktpreisbildung niedriger sind als bei normaler Ernte 0 0(p q ) oder gar bei einer schlechten Ernte 2 2(p q ) . Dieser Sachverhalt kann auch algebraisch dargestellt werden. 4.5 Agrarpreisschwankungen 161 p p2 p0 p1 q2 q0 q1 q Schaubild 4.26: Angebotsschwankung und Preisschwankung In jeder Periode soll gelten, dass das Angebot der Nachfrage gleich ist. Es gilt also: D Sq q (4.23) = Gleichgewichtsbedingung. Weiterhin wird angenommen, dass die nachgefragte Menge funktional vom Preis abhängig ist. Es gilt daher: D Dq q (p) (4.24) = Nachfragefunktion. Für das Angebot soll gelten, dass es sowohl vom Preis als auch von der zufallsbedingten Komponente a abhängig ist; a zeigt hiermit an, dass das tatsächliche Angebot (qS) von dem geplanten Angebot ( Sq ) abweichen kann. Es gilt daher folgende Funktion: S Sq aq (p) (4.25) = Angebotsfunktion mit a = 1 in Jahren normaler Ernte und a 1 in den übrigen Jahren. Aus den Gleichungen (4.24) und (4.25) erhält man: D D D dq dp pq (4.26) und S S S dq dp da . p aq (4.27) 162 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Durch Gleichsetzen der prozentualen Änderung des Angebots und der prozentualen Änderung der Nachfrage und Auflösen nach dp/p ergibt sich: S D dp 1 da . p a (4.28) Nach Gleichung (4.28) führt eine autonome (zufallsbedingte) Erhöhung des Angebots um da/a stets zu einer Preissenkung. Diese Preissenkung ist umso größer, je geringer die absoluten Werte der Preiselastizität der Nachfrage und der Preiselastizität des Angebots sind. Ist die Preiselastizität des Angebots gleich Null, wird also die gesamte produzierte Menge auch im laufenden Jahr angeboten, so folgt aus Gleichung (4.28): D dp 1 da . p a (4.29) Eine 1%ige Änderung des Angebots (da/a =1) führt demnach bei einer Preiselastizität von absolut kleiner als Eins zu einer mehr als 1%igen Preisänderung. Zufallsbedingte Angebotsschwankungen bedeuten eine Unsicherheit für die landwirtschaftlichen Produzenten. Sie müssen daher in ihre Produktionsplanung dieses Risiko als Kostenelement mit aufnehmen. Das bedeutet gleichzeitig, dass sich ihre Produktionsstruktur auch in Abhängigkeit von den zu erwartenden zufällig bedingten Angebotsschwankungen verändern wird. Grundsätzlich gilt, dass insbesondere die Produzenten in weniger entwickelten Ländern weniger fähig sind, Risiko zu tragen und dass sie daher risikobehaftete Produktionen weniger realisieren werden als die Produzenten in Industrieländern. Eliminiert man das Risiko, so wird dieses in der Regel zu einer Verlagerung der Angebotskurve nach rechts führen, weil das Risiko als Kostenelement nicht auftritt. 4.6 Bedeutung von Transaktionskosten für die Preisbildung Bei der bisherigen Darstellung der Preisbildung wurde davon ausgegangen, dass Transaktionskosten nicht existent sind. Wir hatten allerdings im zweiten und dritten Kapitel bei der Nachfrage und beim Angebot bereits auf die Bedeutung von Transaktionskosten hingewiesen. Im Folgenden soll auf die Bedeutung der Transaktionskosten für die Preisbildung näher eingegangen werden. Nehmen wir vereinfachend an, dass zwei Wirtschaftssubjekte (I und II) über je zwei Güter verfügen, Gut A und Gut B. Sie überlegen sich, ob sie ihren Nutzen durch Verkauf und Kauf erhöhen können. Es gelten die Marktpreise pA und pB. Für die beiden Wirtschaftsubjekte gelten demnach für den Fall nicht existenter Transaktionskosten die folgenden beiden Bilanzgleichungen: A A B BI I I I IB p q p q und A A B BII II II II IIB p q p q . 4.6 Bedeutung von Transaktionskosten für die Preisbildung 163 Die beiden Wirtschaftsubjekte können ihre verfügbaren Mengen durch Kauf und Verkauf auf dem Markt verändern. Für beide gilt folgende Austauschrelation: A B B A dq p . dq p Wirtschaftsubjekt I wird bereit sein, Gut A ganz oder zum Teil zu verkaufen, wenn die dafür eingekauften Mengen von Gut B einen höheren Nutzen stiften. Ebenso wird Wirtschaftsubjekt II zum Verkauf von Gut B neigen, wenn die dafür zu kaufenden Mengen von Gut A einen höheren Nutzen stiften. Die Preisrelation gibt die Austauschrelation der Güter auf dem Markt ohne Transaktionskosten an. Nehmen wir an, dass beide Wirtschaftssubjekte ihren Nutzen maximieren wollen. Sie werden dann versuchen, eine Situation zu verwirklichen, bei der die Preisrelation gleich der Relation der Grenznutzen der Güter ist. Nach dem Kauf und Verkauf gilt, dass für beide die Austauschrelation gleich dem umgekehrten Verhältnis der Preise ist. In dieser Situation ist für beide somit auch die Relation der Grenznutzen der Güter gleich der Relation der Preise. Transaktionskosten führen dazu, dass die Verkaufspreise für ein Gut geringer sind als die Einkaufspreise für dieses Gut und die Einstandspreise höher als ohne Transaktionskosten. Für jeden Marktteilnehmer ist daher die Relation der unternehmens- oder haushaltsspezifischen Preise geringer als die der Marktpreise. Für den Verkauf eines Gutes erhält man weniger Mengen des anderen Gutes. Transaktionskosten verringern den Preis des verkauften Gutes und erhöhen den Preis des zugekauften Gutes. Folglich wird man bei hohen Transaktionskosten geringere Mengen kaufen und verkaufen. Der Umfang der Markttransaktionen nimmt ab. Bei einzelnen Gütern oder Dienstleistungen kann wegen hoher Transaktionskosten keine Arbeitsteilung eintreten. Die Situation ist vergleichbar mit der einer Volkswirtschaft, die Handel treiben will. Der cif-Preis ist immer höher als der fob Preis (siehe Schaubild 4.27). Es kann daher sein, dass sich die inländische Angebots- und Nachfragekurve bei einem Autarkiepreis q p cif-Preis fob-Preis Schaubild 4.27: Bedeutung der Transaktionskosten für den Handel 164 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Preis schneiden, der innerhalb des Intervalls von cif- und fob-Preis liegt. Es liegt dann Autarkie vor. Das betreffende Gut wird gar nicht gehandelt. Die Spezialisierung einer Volkswirtschaft wird demnach umso größer sein, je geringer die Transaktionskosten sind. Gleiches gilt auch für die Spezialisierung innerhalb einer Volkswirtschaft. Hohe Transaktionskosten beim Kauf und Verkauf der Güter beschränken die Arbeitsteilung. Im Folgenden soll auf die wichtigsten Elemente der Transaktionskosten auf den Agrarmärkten innerhalb einer Volkswirtschaft eingegangen werden. Bei der Strukturierung der Transaktionskosten betrachten wir nacheinander die Situation eines Verkäufers und eines Käufers. Sowohl beim Verkäufer als auch beim Käufer treten (a) Suchkosten auf, weil man sich einen Vertragspartner suchen muss, (b) Verhandlungskosten, weil man über die Vertragsbedingungen verhandeln muss sowie (c) Kontroll- und Durchsetzungskosten. Suchkosten aus der Sicht des Verkäufers Suchkosten werden umso höher sein, je weniger die Ware standardisiert ist, je weniger funktionsfähige Märkte vorliegen und je weniger Informationen über die Käufer vorliegen. Auf Terminmärkten wird z. B. standardisierte Ware in Form standardisierter Kontrakte gehandelt, und die Preise werden durch ein standardisiertes Verfahren ermittelt. Suchkosten sind daher gering. Anders ist es jedoch, wenn ein Landwirt bestimmte Produkte selbst vermarkten will. Hier können erhebliche Kosten auftreten. Insbesondere ist der erzielbare Preis nicht immer identisch mit dem erwarteten Preis. Mitunter kann es sogar sein, dass Teile der Waren, z. B. von Obst und Gemüse, vor dem Verkauf verderben. Bei diesen Produkten können daher erhebliche Suchkosten auftreten. Selbst bei relativ standardisierter Ware, wie z. B. Weizen einer bestimmten Qualität, zeigt sich, dass die erzielbaren Preise von der Intensität der Verkaufsaktivitäten der Landwirte abhängen. Landwirte, die bereit sind, den Käufer zu wechseln und daher Preisinformationen einholen, erhalten in der Regel höhere Preise. Besonders hoch sind die Suchkosten auf dem Bodenmarkt. Ein Landwirt, der Flächen verpachten will, braucht Informationen über potentielle Pächter, deren bekundete Zahlungsbereitschaft und über deren Zuverlässigkeit. Generell gilt, dass die Suchkosten umso höher sind, je größer die Folgekosten einer Bindung an den falschen Vertragspartner sind. Richtet ein Landwirt seine Produktion an der Nachfrage eines bestimmten Verarbeiters aus und nimmt erhebliche Investitionen vor, so kann er bei Nichteinhaltung der vertraglichen Bindungen des Käufers einen relativ hohen Schaden haben. Dies wird dann eintreten, wenn er nicht leicht alternative Abnehmer zu gleichen oder besseren Vertragsbedingungen finden kann und er die Investitionen nicht gleichermaßen für eine alternative Produktion einsetzen kann. Suchkosten werden daher umso niedriger sein, je größer das Vertrauen in potentielle Vertragspartner ist, sie werden umso höher sein, je höher die Kosten der Durchsetzung der Verträge sind. Gegenseitiges Vertrauen ist daher ein wichtiger Bestimmungsfaktor für intensiven Handel und damit für Spezialisierung und Wohlstand. 4.6 Bedeutung von Transaktionskosten für die Preisbildung 165 Suchkosten aus der Sicht des Käufers Ein potentieller Käufer möchte zuverlässige Informationen über die Qualität der Ware oder Dienstleistungen haben und zu Preisen kaufen, die nicht höher sind als sie von anderen Anbietern gefordert werden. Die Qualität ist nicht immer sichtbar, da es sich bei Agrarprodukten zum Teil um Erfahrungsgüter und Vertrauensgüter handelt. Der Käufer von ökologisch produzierten Gütern wird z. B. nur dann bereit sein, einen höheren Preis für diese Produkte zu zahlen, wenn er sicher sein kann, dass die Produkte auch ökologisch produziert wurden. Das Vertrauen in die Qualität der Produkte und somit in die Ehrlichkeit des Anbieters ist daher für den Kauf dieser Produkte von besonderer Bedeutung. Es entsteht daher auf Märkten für diese Produkte eine relative große Bindung zwischen Verkäufer und Käufer. Käufer scheuen sich häufig nicht, weite Strecken zurückzulegen, um vor Ort die Ware zu sehen. Suchkosten sind für den Käufer besonders hoch beim Kauf von Dienstleistungen. Den erbrachten Leistungen sieht man nicht stets gleich die Qualität an (Erfahrungsgüter), wenn die Qualität nicht den Erwartungen entspricht, entstehen Kosten bei der Nachbesserung oder Rückabwicklung oder Kosten des Verzichts, wenn man im Nachhinein Abschläge auf gewünschte und bereits bezahlte Qualität in Kauf nimmt. Käufer von Dienstleistungen suchen daher häufig lange nach dem für sie richtigen Vertragspartner; Empfehlungen von Bekannten oder bisherige eigene Erfahrungen spielen eine große Rolle. Mangelndes Vertrauen kann dazu führen, dass Kauf und Verkauf von Dienstleistungen geringer sind als bei Nichtexistenz dieses Elementes der Transaktionskosten. Suchkosten des Käufers sind von besonderer Bedeutung auf dem Bodenmarkt. Der potentielle Käufer oder Pächter hat zunächst Kosten bei der Ermittlung seiner Zahlungsbereitschaft. Da Boden über viele Perioden genutzt werden kann und an physischem Ertragswert im Zeitablauf wahrscheinlich nicht verliert, muss sich der Käufer oder Pächter Vorstellungen über die zukünftigen monetären Erträge verschaffen und diese Erträge abdiskontieren. Die zukünftigen durch den Faktor Boden zu erwirtschaftenden Erträge sind neben den physischen Erträgen von den Produktpreisen und anderen Faktorpreisen abhängig. Die physischen Erträge werden möglicherweise aufgrund technischer Fortschritte weiterhin steigen, aber eine exakte Prognose ist nicht möglich. Noch unsicherer ist die Prognose zukünftiger Produktpreise, zukünftiger Faktorpreise und zukünftiger Zinssätze. Es liegt demnach eine große Unsicherheit vor. Hinzu kommt, dass der potentielle Käufer genaue Informationen über die Qualität des Bodens benötigt. Je größer die Unsicherheit ist, umso weniger werden potentielle Käufer bereit sein, bei einem gegebenen Preis Boden zu kaufen oder zu pachten. Es kann daher sein, dass trotz gleicher Bodenqualitäten und gleicher Produktpreise in unterschiedlichen Volkswirtschaften erhebliche Unterschiede bei den Boden- und Pachtpreisen vorliegen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Boden- und Pachtpreise zwischen den Ländern innerhalb der EU große Unterschiede aufweisen. Verhandlungskosten aus der Sicht des Verkäufers Verkauf und Kauf sind vertragliche Vereinbarungen. In einfachen Fällen, z. B. bei Suchgütern, braucht man sich nur über den Preis der Güter und Dienstleistungen 166 Kapitel 4: Agrarpreisbildung zu einigen. Auch diese Einigung erfolgt mit minimalen Kosten, wenn das Gut von vielen Anbietern angeboten wird und sich der einzelne Anbieter als Mengenanpasser verhält. Wenn aber spezifische Güter angeboten werden und die Güter speziell für den Käufer erstellt werden, sind die Verhandlungskosten hoch. Im Vertrag ist zu spezifizieren, welche Bestandteile das zu erstellende Gut hat, welche Materialien zu verwenden sind, zu welchem Termin das Produkt erstellt werden soll, welche Vertragsstrafen für den Fall nicht eingehaltener Termine vorzusehen sind. Es wird allgemein gesagt, dass die meisten Verträge unvollständig sind, d. h. in den Verträgen ist nicht enthalten, wie zukünftige Streitigkeiten zwischen Verkäufer und Käufer beim Eintreten unvorhergesehener Ereignisse zu behandeln sind. Der Verkäufer wird daher eher bereit sein, mit einem potentiellen Käufer einen Vertrag abzuschließen, den er kennt und von dem er weiß, dass zukünftige unerwartete Probleme wahrscheinlich bilateral im gegenseitigen Einverständnis geregelt werden können. Diese Erwartung wird insbesondere dann bestehen, wenn mit dem Käufer bereits in der Vergangenheit einige Verträge abgeschlossen und stets gütliche Einigungen gefunden wurden. Verhandlungskosten sind umso höher, je geringer die Markttransparenz ist. Wer keine Informationen über die bei anderen vergleichbaren Transaktionen gezahlten Preise hat, wird hohe Verhandlungskosten haben. Es ist verständlich, dass Verhandlungskosten besonders hoch bei Gütern mit langfristiger Lebensdauer sind. Sie sind demnach auf dem Bodenmarkt höher als bei Agrarprodukten, die zum unmittelbaren Konsum verkauft werden. Sie werden bei Verkauf auf Märkten geringer sein als bei vertraglicher Bindung an die Verarbeiter von Agrarprodukten. Verhandlungskosten aus der Sicht des Käufers Auch hier sind im einfachen Fall beim Kauf von Suchgütern mit kurzfristiger Lebensdauer auf entwickelten Märkten geringe Verhandlungskosten zu erwarten. Anders ist es jedoch, wenn langlebige Güter oder Dienstleistungen gekauft werden. Bei langlebigen Gütern ist die Höhe des Preises von besonderer Bedeutung für die Rentabilität eines Kaufes. Es wird daher wahrscheinlich mehr Zeit auf die Preisverhandlung und andere Vertragsbestandteile verwendet. Zugesicherte Eigenschaften werden die Verhandlungskosten senken, wenn gleichzeitig eine Garantie damit verbunden ist, die entweder Rücknahme oder nachträgliche Minderung des Kaufpreises vorsieht. Auch hier gilt, dass Verträge häufig nicht alle Unsicherheiten des Käufers beseitigen können. Der Käufer wird daher bei seinen Entscheidungen auch von dem Vertrauen in den Verkäufer beeinflusst. Wie bedeutsam für den Käufer die Verhandlungskosten sein können, wird durch den Besuch eines Basars deutlich. Der Käufer hat in der Regel keine Möglichkeit heraus zu finden, zu welchem Preis der Verkäufer bereit wäre, die Ware abzugeben. Natürlich wird der Verkäufer einen Preis fordern, der höher ist als der Preis, zu dem er noch verkaufen würde. Der Käufer weiß zwar, dass der verlangte Preis zu hoch ist, aber er weiß nicht, welchen Preis er mindestens zu zahlen hat, um die Ware zu erhalten. Geringe Transparenz erhöht somit die Verhandlungskosten. Landwirte werden sich daher vor dem Kauf insbesondere von langlebigen Produkten über Marktpreise erkundigen. Wird z. B. ein Schlepper oder Mähdrescher gekauft, so wird man bei der Verhandlung auch berücksichtigen, in welcher 4.6 Bedeutung von Transaktionskosten für die Preisbildung 167 Zeit man Ersatzteile erhält und für welchen Zeitraum man mit der Lieferbarkeit von Ersatzteilen rechnen kann. Verhandlungskosten werden für den Käufer auf dem Bodenmarkt relativ hoch sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass es für ein bestimmtes Landstück nur einen Anbieter gibt und dass der Käufer oder potentielle Pächter daher keine Alternativen hat. Ähnlich wie auf dem Basar weiß der Käufer nicht, zu welchem Preis der Verkäufer gerade noch bereit wäre, die Parzelle Land zu verkaufen. Gibt es keine anderen potentiellen Käufer, so können sich die Verhandlungen relativ lange hinziehen. Kontroll- und Durchsetzungskosten aus der Sicht der Verkäufer Es ist nicht stets so, dass sich die Vertragsparteien an die Vereinbarungen halten. Dem Verkäufer können relativ hohe Kosten entstehen, wenn der Käufer z. B. den vereinbarten Kaufpreis nicht zahlt. Durchsetzungskosten entstehen vor allem, wenn die Zahlung nicht direkt beim Übergang der Ware erfolgt (keine Bargeldzahlung) und der Käufer mit der Zahlung in Verzug geraten kann. Banken zum Beispiel haben – je nach Art der zur Verfügung stehenden Kreditsicherungsrechte – relativ hohe Durchsetzungskosten, wenn der Schuldner nicht fristgerecht seine Kredite bedient. Hohe Durchsetzungskosten können entstehen, wenn der Verkäufer einer Ware oder einer Dienstleistung Zahlungen in regelmäßigen Abständen erwartet. Der Verpächter hofft, dass der Pächter regelmäßig zahlt, der Kreditgeber erwartet, dass der Schuldner den Kapitaldienst fristgerecht leistet. Bei nicht ausreichender Leistung des Käufers können hohe Kosten bei der Durchsetzung des Vertrages eintreten. Verkäufer versuchen, die Wahrscheinlichkeit von Nichterfüllung durch Selektion der Kunden zu verringern. Gibt es einen Eigentumsvorbehalt und ein leicht verwertbares Hypothekenrecht, so sind Forderungen leichter realisierbar. Kontroll- und Durchsetzungskosten aus der Sicht des Käufers Käufer von Erfahrungs- und Vertrauensgütern können hohe Kontrollkosten haben. Wenn Käufer Wert auf Produktionsweise und Inhaltsstoffe der Produkte legen, müssen sie sich entsprechende Informationen beschaffen. Käufer bestimmter Dienstleistungen müssen gelegentlich die Erstellung der Leistungen kontrollieren, wenn sie eine nicht unmittelbar sichtbare Qualität wünschen. Ist die Leistung nicht akzeptabel erbracht, können Kosten durch Forderung nach Nachbesserung oder Minderung entstehen. Diese Kosten werden weniger wahrscheinlich anfallen, wenn der Verkäufer bekannt ist, mit ihm eine Reihe Transaktionen zuvor vorgenommen wurden und Reklamationen in gegenseitigem Einverständnis problemlos gelöst wurden. Auch hier gilt somit, dass Vertrauen in das Verhalten des Vertragspartners diese Kosten in geringerem Maße auftreten lässt; es wird daher mit Partnern, denen man vertrauen kann, zu intensiveren Transaktionen kommen. Die Höhe der Durchsetzungskosten hängt stark von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Besteht Verlass auf schnelle gerichtliche Entscheidungen und eine leicht realisierbare Produkthaftung, dann sind Durchsetzungskosten geringer als bei weniger starken gesetzlichen Rahmenbedingungen. Dennoch ist es nicht möglich, durch rechtliche Regelungen die Bedeutung des Vertrauens für die Höhe der Transaktionskosten voll zu ersetzen. 168 Kapitel 4: Agrarpreisbildung 4.7 Beurteilung des Preismechanismus als Koordinationsinstrument und alternative Koordinationsmechanismen Es ist festzustellen, dass die Agrarpreisbildung nicht nur in der BR Deutschland und der Europäischen Union, sondern auch in allen anderen Volkswirtschaften durch eine Vielzahl staatlicher Eingriffe beeinflusst wird. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass man offensichtlich mit dem Ergebnis der unverfälschten Marktkräfte aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht stets zufrieden ist. Es kann allgemein akzeptiert werden, dass staatliche Eingriffe nur dann vorgenommen werden, wenn die Ist-Situation von einer Soll- oder Wunsch-Situation abweicht. Im Folgenden soll daher zunächst gezeigt werden, dass das Ergebnis der Marktkräfte bei vollständiger Konkurrenz ein gesamtwirtschaftliches Optimum darstellen kann. Eine kurze Darstellung alternativer Koordinationsmechanismen schließt das Kapitel ab. 4.7.1 Preismechanismus und gesamtwirtschaftliches Optimum bei vollständiger Konkurrenz Ob der Preismechanismus bei vollständiger Konkurrenz zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum führt, kann nur überprüft werden, wenn man sich auf einheitliche Bewertungskriterien einigt. Die Frage kann daher nur normativ behandelt werden. Es wird von folgenden Annahmen ausgegangen: (1) Die Wohlfahrt einer Gesellschaft kann sich nur dann verändern, wenn sich auch die Wohlfahrt zumindest eines Individuums verändert. Die gesamte Wohlfahrt einer Gesellschaft ergibt sich also lediglich aus der Summe der individuellen Wohlfahrten. Dabei ist es aber nicht notwendig, dass man auch die individuellen Wohlfahrten exakt aggregieren kann. (2) Das gesamtwirtschaftliche Optimum ist erreicht, wenn die Wohlfahrt eines Individuums der Gesellschaft nicht mehr erhöht werden kann, ohne die Wohlfahrt anderer Individuen in der Gesellschaft zu verringern (Pareto-Optimum). Diese Norm wird eingeführt, weil interpersonelle Wohlfahrtsvergleiche (Nutzenvergleiche) objektiv nicht möglich sind. Es kann wissenschaftlich nicht quantifiziert werden, wie hoch der Wohlfahrtsverlust oder der Wohlfahrtsgewinn eines Individuums ist. (3) Die individuelle Wohlfahrt hängt funktional von der Güterversorgung ab. Hiermit wird aber nicht impliziert – wie gelegentlich vermutet –, dass es außer der Güterversorgung keine anderen Bestimmungsgründe der individuellen Wohlfahrt gibt. (4) Es wird unterstellt, dass das Individuum selbst darüber befinden kann, wodurch die eigene Wohlfahrt erhöht werden kann. Es wird demnach dem Individuum volle Mündigkeit bei gleichzeitig rationalem Verhalten unterstellt. (5) Die individuelle Nachfragekurve ist Ausdruck der individuellen marginalen Zahlungsbereitschaft, und die marginale Zahlungsbereitschaft steht in funktionaler Beziehung zum Grenznutzen des Gutes. Es gilt demnach: u Z dq q 4.7 Beurteilung des Preismechanismus 169 mit ΔZ = Änderung der Zahlungsbereitschaft u q = Grenznutzen dq = Änderung der Nachfrage und α = konstanter Koeffizient. Eine hohe marginale Zahlungsbereitschaft deutet daher auf einen hohen Grenznutzen hin. Jedoch kann die Höhe des Grenznutzens nicht quantifiziert werden, da α unbekannt ist. Die Fläche unter der Nachfragekurve ist damit proportional der gesamten Zahlungsbereitschaft. (6) Jedes Individuum hat die negativen Folgen seiner Aktivitäten allein zu tragen und soll auch nur alleiniger Nutznießer eigener Aktivitäten sein. Hiermit wird gefordert, dass es nicht möglich sein soll, die Folgen individueller Aktivitäten zu externalisieren. Es wird externalisiert, wenn individuelle Aktivitäten die Wohlfahrt anderer Gesellschaftsmitglieder verändern, ohne dass diese kompensiert werden (im Fall negativer externer Effekte) oder selbst ein Entgelt erbringen (im Fall positiver externer Effekte). Unter diesen Bedingungen kann die Hypothese, dass der Preismechanismus zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum führen kann, durch Schaubild 4.28 veranschaulicht werden. Das Optimum wird zunächst für einen Nachfrager von Gütern dargestellt. Die individuelle Nachfragekurve ist laut Annahme identisch mit der marginalen Zahlungsbereitschaft des Nachfragers. Zunächst wird angenommen, dass der Käufer das Gut zum gesamtwirtschaftlichen Schattenpreis in Höhe p0 erhalten kann. Die Schattenpreise geben an, zu welchem Preis ein anderes Individuum auf den Kauf dieses Produktes verzichten würde oder zu welchem Preis dieses Gut von Grenzanbietern zu Grenzkosten erstellt werden könnte. In einer offenen Volkswirtschaft p p1 p0 p2 Individuelle Nachfragekurve = Kurve individueller marginaler Zahlungsbereitschaft q1 q0 q2 q Schaubild 4.28: Gesamtwirtschaftliche und individuelle Wohlfahrt 170 Kapitel 4: Agrarpreisbildung und für ein relativ kleines Land ist der Schattenpreis für international handelbare Güter in der Regel gleich dem Weltmarktpreis, da diese Güter zu Weltmarktpreisen zu kaufen oder zu verkaufen sind. Für international nicht handelbare Güter entspricht dagegen der Schattenpreis den Grenzkosten der inländischen Produktion. Beim Schattenpreis wird gemäß Schaubild 4.28 die Menge q0 nachgefragt. Der Nachfrager hat bei dieser Menge seine Wohlfahrt maximiert, weil bei dieser Menge die marginale Zahlungsbereitschaft proportional dem Grenznutzen des Gutes ist. Die individuelle Entscheidung, die Menge q0 zu konsumieren, kann auch aus Sicht der anderen Mitglieder der Gesellschaft gebilligt werden. Die Gesellschaft hätte z. B. für den Import des Gutes den gleichen Betrag auszugeben, den das Individuum zahlt. Eine Externalisierung tritt somit nicht ein. Würde dagegen der Nachfrager mit Preisen konfrontiert, die wie p1 und p2 von dem Schattenpreis abweichen, so führt die individuelle Nachfrageentscheidung zu einer Externalisierung. Beim Preis p1 würde der Nachfrager zum Beispiel für die Menge q1 die schräg schraffierte Fläche mehr zahlen, als für den Import der Produkte gezahlt werden müsste. Die anderen Mitglieder der Gesellschaft würden daher durch die individuelle Konsumentscheidung des betrachteten Individuums in Höhe der schräg schraffierten Fläche bevorteilt. Läge der Marktpreis dagegen unterhalb des Schattenpreises (p2), so würde der Nachfrager bei der Nachfragemenge q2 notgedrungen externalisieren. Seine Ausgaben in Höhe von p2 · q2 wären um die senkrecht schraffierte Fläche geringer als für den Import des Produktes ausgegeben wird. Der individuelle Verbrauch würde somit von den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft subventioniert. Andere hätten somit einen Konsumverzicht zu leisten. Eine analoge Betrachtung kann für den Anbieter eines Produktes vorgenommen werden. Gehen in die Kostenkalkulation des privaten Anbieters alle Kosten ein, die er verursacht (es besteht dann eine Gleichheit von privaten und sozialen Grenzkosten), so sind sowohl sein individuelles Einkommen maximiert als auch die volkswirtschaftlichen Kosten der Produktion minimiert. Diese Darstellung verdeutlicht, dass der Preismechanismus nur dann zu einem gesamtwirtschaftlichen Optimum führen kann, wenn die Marktpreise auch den gesamtwirtschaftlichen Schattenpreisen entsprechen. Dies ist aber lediglich eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung. Wenn man die relative Vorzüglichkeit des Preismechanismus im Vergleich zu alternativen Koordinationsmechanismen beurteilen will, ist zunächst zu klären, welche Alternativen es gibt und welche möglichen Vorzüge der Preismechanismus hat. 4.7.2 Alternative Entscheidungsmechanismen Im Bereich der Neuen Politischen Ökonomie wird häufig folgende Klassifikation von Entscheidungsmechanismen angegeben: Markt- und Preismechanismus, Demokratie (Abstimmung), 4.7 Beurteilung des Preismechanismus 171 Verhandlungen sowie Hierarchie (Bürokratie). Diese Klassifikation macht deutlich, dass wir uns bisher lediglich mit einem möglichen Entscheidungsmechanismus beschäftigt haben. Im Folgenden wird eine kurze Analyse der anderen möglichen Entscheidungsmechanismen vorgenommen. Demokratie (Abstimmung) Die Bedeutung von Abstimmungen ist für das Ergebnis der Preisbildung auf den Agrarmärkten relativ groß. Bekanntlich beschließt z. B. der Agrarministerrat der EU über die Preissetzung für Agrarprodukte, die den Marktordnungen unterworfen sind. Die gegenwärtigen Agrarpreise sind also vielmehr das Ergebnis von Abstimmungen als das Ergebnis marktwirtschaftlicher Kräfte. Da Abstimmungen in der Regel auch unseren demokratischen Vorstellungen entsprechen, mag es nahe liegend erscheinen, zunehmend mehr Probleme, die in marktwirtschaftlichen Systemen normalerweise der Preismechanismus löst, durch Abstimmungen zu regeln. Doch auch bei Abstimmungen kann man nicht sicher sein, dass das Ergebnis stets Optimalvorstellungen entspricht. Im Folgenden sollen daher einige Probleme, die bei Abstimmungen entstehen, aufgezeigt werden. Bei einer etwaigen Abstimmung ist zunächst eine Entscheidung über den Abstimmungsmodus zu finden. Entsprechend demokratischer Prinzipien wird hier in der Regel gefordert, dass über nicht mehr als zwei Alternativen gleichzeitig abgestimmt werden soll, es sei denn, es wird die absolute Mehrheit gefordert. Anderenfalls wäre nicht gesichert, dass die Alternative gewählt wird, die von der Mehrheit der Wähler günstiger als alle anderen Alternativen angesehen wird. Das soll durch folgendes Beispiel veranschaulicht werden. Nehmen wir an, 100 Stimmberechtigte haben aus ihrer Mitte einen Delegierten zu wählen. Nehmen wir weiterhin an, dass es innerhalb der Stimmberechtigten zwei extreme Gruppierungen gibt. Der einen Gruppe, die wir mit A bezeichnen wollen, mögen sich 70 % der Stimmberechtigten zugeneigt fühlen, der anderen mit B bezeichneten Gruppe lediglich 30 % der Stimmberechtigten. Versucht nun die Gruppe B einen Kandidaten durchzubringen, so wird sie möglichst viele Kandidaten der Gruppe A vorschlagen. Würden z. B. von Gruppe A vier Kandidaten vorgeschlagen und von Gruppe B lediglich einer und würde man in einem einzigen Wahlgang denjenigen als Delegierten wählen, der die meisten Stimmen auf sich vereint, so wäre folgendes Ergebnis denkbar: Der Kandidat der Gruppe B erhält 30 Stimmen, die Kandidaten der Gruppe A erhalten 20, 20, 15, 15 Stimmen. Folglich wird der Kandidat der Gruppe B als Delegierter gewählt. Dieses Abstimmungsergebnis kann jedoch wenig befriedigen, denn offensichtlich würde die Mehrheit der Stimmberechtigten durch eine Minderheit majorisiert; der Delegierte kann die Gesamtheit der Stimmberechtigten nicht repräsentativ vertreten. Zu ähnlich unbefriedigenden Ergebnissen kann man auch gelangen, wenn man zunächst über eine Vielzahl von Kandidaten abstimmen lässt und die Kandidaten mit der höchsten Stimmenzahl in eine Stichwahl einbezieht. Dieses Problem kann vermieden werden, wenn gleichzeitig jeweils nur über zwei Kandidaten abge- 172 Kapitel 4: Agrarpreisbildung stimmt wird. Stellen sich z. B. zunächst die Kandidaten der Gruppe A (A1, A2, A3, A4) zur Wahl, so können wir das Ergebnis erhalten, dass A1 mehr Stimmen bekommt als A2. Daraufhin hat A1 gegen A3 zu kandidieren; falls er auch hier siegt, folgt eine Kandidatur gegen A4. Gewinnt A1 auch in diesem Fall, können wir festhalten, dass von den Kandidaten A1 bis A4 offensichtlich A1 die höchste Stimmenzahl auf sich vereinigen kann. Im letzten Wahlgang hat dann A1 gegen B zu kandidieren. Nach unseren eingangs angeführten Annahmen würde A1 dann hier mit 70:30 gewinnen. Aber auch dann, wenn diese Grundregel für adäquate Abstimmungen beachtet wird, kann es weitere Abstimmungsprobleme geben. Dieses soll durch folgendes Beispiel gezeigt werden: Annahme: 3 Alternativen A, B, C; 3 Individuen 1, 2, 3. Jedes Individuum stellt eine Rangfolge über die Alternativen auf: 1: A > B; B > C; A > C 2: C > A; A > B; C > B 3: B > C; C > A; B > A. Das Zeichen > bedeutet hier „wird vorgezogen“. Zunächst einmal können wir feststellen, dass es in einem solchen Fall zu keiner Einigung kommt, wenn man gleichzeitig über alle drei Alternativen abstimmen lässt und von einer einfachen Mehrheitsregel ausgeht. Doch auch dann, wenn man nur jeweils über zwei Alternativen abstimmt, wird es keinen eindeutigen Sieger geben. Stimmt man zunächst über die Alternativen A und B ab und wird dann die Alternative, die gewonnen hat, gegenüber C zur Abstimmung gestellt, so erhält man folgendes Ergebnis: A wird B und C wird A mit jeweils 2:1 Stimmen vorgezogen. Folglich wird nach dem Abstimmungsmodus C als die beste Alternative angesehen. Führt man nun zur Probe eine zusätzliche Abstimmung durch und lässt zwischen B und C wählen, so stellt sich heraus, dass B der Alternative C vorgezogen wird. Mithin ergibt sich ein nicht konsistentes Abstimmungsergebnis. Die Reihenfolge A, B und C ist demnach bei kollektiver Entscheidung nicht transitiv23. Die Bedeutung dieser Tatsache wird besonders ersichtlich, wenn mit einer anderen Abstimmungsalternative begonnen wird. Ist zunächst zwischen B und C abzustimmen, so zeigt sich, dass B der Alternative C vorgezogen wird. C scheidet somit schon beim ersten Wahlgang aus und steht nicht mehr zur Debatte. Das zweite Abstimmungsergebnis hat zwischen A und B zu erfolgen. Es zeigt sich, dass A vorgezogen wird und somit als beste Alternative aus dem Abstimmungsergebnis hervorgeht. 23 Transitivität liegt vor, falls z. B. gilt: A > B und B > C, so dass folgt A > C. Transitivität kann – wie obiges Beispiel zeigt – für einzelne Entscheidungsträger gegeben sein, aber nicht zugleich für die Gesamtheit. 4.7 Beurteilung des Preismechanismus 173 Offensichtlich liegt hier ein Abstimmungsparadoxon (Problem zyklischer Mehrheiten) vor. Dieses wird auch Arrow-Paradoxon oder Condorcet-Paradoxon genannt. Weitere Überlegungen zum Arrow-Paradoxon haben ergeben, dass insbesondere dann mit inkonsistenten und irrationalen Kollektiv-Entscheidungen zu rechnen ist, wenn die Präferenzordnung der einzelnen Wähler sehr unterschiedlich ist bzw. wenn eine relativ große Heterogenität in den Interessen der Wahlberechtigten vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit, keinen eindeutigen Gewinner bei der Mehrheitsabstimmung ermitteln zu können, steigt weiterhin sowohl mit der Zahl der Wähler als auch mit der Zahl der Alternativen. Wenn man sich dazu bekennt, die Entscheidungen einzelner Kollektivmitglieder durch Abstimmungen zu koordinieren, ist gleichzeitig eine Entscheidung über eine Mehrheitsregel erforderlich. Im Folgenden wollen wir kurz der Frage nachgehen, ob es stets sinnvoll ist, eine einfache absolute Mehrheit zu fordern oder ob gelegentlich auch eine Einstimmigkeitsregel oder andere Entscheidungsregeln sinnvoll sein können. Bei der Behandlung der Frage gehen wir von den Vorstellungen eines einzelnen Kollektivmitglieds aus. Zum Beispiel fragt sich der einzelne Student, der in einer Wohngemeinschaft lebt, welche Abstimmungsregeln aus seiner Sicht wünschenswert sind. Die Entscheidungen des Kollektivs sollen auch für einzelne Kollektivmitglieder bindend sein. Versucht man eine Abstimmung durchzuführen, so werden in der Regel Konsensfindungskosten auftreten. Diese Kosten beinhalten: Aufwand für Überredung und erforderliche Zugeständnisse. Für ein einzelnes Kollektivmitglied ist die Möglichkeit, seine eigenen Vorstellungen zur Grundlage des kollektiven Handelns zu erklären und damit die Konsensfindungskosten zu minimieren, dann am größten, wenn das Kollektivmitglied ohne Rücksprache mit anderen Mitgliedern eine für alle verbindliche Entscheidung treffen kann. In diesem Fall sind für dieses Individuum die Konsensfindungskosten Null. Die Konsensfindungskosten werden mit der Anzahl der benötigten Ja- Stimmen ansteigen und schließlich bei der Einstimmigkeitsregel ein Maximum erreichen. Wir können uns vorstellen, dass die Kurve einen Verlauf aufweist wie im Schaubild 4.29 dargestellt. Der ansteigende Verlauf der D-Kurve besagt demnach, dass es mit wachsender Zahl der erforderlichen Ja-Stimmen für jedes einzelne Mitglied schwieriger und kostspieliger wird, die im Kollektiv zu treffenden Entscheidungen an seinen individuellen Zielvorstellungen auszurichten. Andererseits muss das einzelne Kollektivmitglied aber auch bedenken, dass mit zunehmender Zahl der erforderlichen Ja-Stimmen die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass Abstimmungsergebnisse dem Interesse des Einzelnen zuwiderlaufen. Das führt uns zu dem Begriff der wahrscheinlichen externen Kosten: Hierunter verstehen wir die negativen Folgen kollektiver Entscheidungen, die das einzelne Kollektivmitglied zu tragen hat, wenn es sich an das Abstimmungsergebnis des Kollektivs zu halten hat. Wir können feststellen, dass für ein einzelnes Individuum wahrscheinliche externe Kosten in großer Höhe anfallen können, wenn ein anderes 174 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Konsensfindungskosten (D) wahrscheinliche externe Kosten (C) Interdependenzkosten (I) D X optimale Stimmenzahl 1 100 Zahl der erforderlichen Ja-Stimmen C I Schaubild 4.29: Optimale Entscheidungsregel aus Sicht eines Kollektivmitglieds Kollektivmitglied für alle bindende Entscheidungen fällen kann. Weiterhin ist zu erwarten, dass die Höhe der wahrscheinlichen externen Kosten abnehmen wird, wenn die Zahl der benötigten Ja-Stimmen zunimmt. Die Kurve wird also einen fallenden Verlauf aufweisen. Aus der Sicht des einzelnen Individuums lässt sich die optimale Abstimmungsregel finden, wenn man die beiden Kurven vertikal addiert und so zur Kurve der Interdependenzkosten gelangt. Die optimale Stimmenzahl ist dort gegeben, wo die Kurve der Interdependenzkosten ein Minimum aufweist. Dieses Minimum kann je nach Verlauf der Kurven bei einer Stimmenzahl von unter 50 % oder auch bei über 50 % der Stimmberechtigten liegen. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die Neigungen der Kurven der Konsensfindungskosten und wahrscheinlichen externen Kosten von der Heterogenität der Kollektivmitglieder abhängen. Je unterschiedlicher die Interessenlagen sind, umso mehr wird das einzelne Kollektivmitglied darauf drängen, eine Abstimmungsregel zu finden, bei der möglichst viele zustimmen müssen. Anderenfalls kann es dazu kommen, dass einzelne Kollektivmitglieder, die sich extrem von der Mehrheit unterscheiden, von dieser permanent ausgebeutet werden. Diese Überlegungen sind implizit bei der Entscheidungsfindung im Agrarministerrat der EU berücksichtigt. Zwar fordert bereits der EWG-Vertrag, wie auch der EG- und EU-Vertrag, dass grundsätzlich Mehrheitsregeln gelten, doch wird häufig davon abgewichen, wenn ein Land die Abstimmung als wesentlich für das eigene nationale Interesse bezeichnet. In diesen Fällen hat man von Mitte der sechziger Jahre bis Mitte der achtziger Jahre stets einstimmig entschieden. Seit dieser Zeit bemüht man sich in solchen Fällen zu einem Konsens zu kommen. Für bestimmte Entscheidungen, wie z. B. die Erweiterung der EU, Erhöhung der Finanzmittel oder Fragen der Steuerpolitik sieht auch der Vertrag eine Einstimmigkeit vor. Die Einstimmigkeitsregel verhindert, dass z. B. viele ärmere Länder in der EU einige wenige reiche Länder permanent durch Mehrheitsentscheidungen ausbeuten. Wür- 4.7 Beurteilung des Preismechanismus 175 de man bei der gegenwärtigen differenzierten Interessenlage innerhalb der EU – durch die Erweiterung der EU in 2004 ist es zu einer noch weiteren Differenzierung der Interessen gekommen – stets die Mehrheitsregel fordern, so müsste eine Gefährdung der Lebensfähigkeit der Gemeinschaft befürchtet werden. Am Rande sei vermerkt, dass man das Entscheidungsproblem eines Kollektivs dadurch vereinfachen kann, dass man (a) nach weiteren Entscheidungsalternativen sucht, um dadurch der differenzierten Interessenlage mehr entgegenzukommen und/oder (b) den einzelnen Kollektivmitgliedern vermehrt Möglichkeiten gibt, ihre individuellen Interessen durch individuelle Entscheidungen selbst zu verfolgen, dass man also den Rahmen der gemeinsamen Entscheidungsfindung etwas einengt und dem einzelnen Kollektivmitglied einen größeren Spielraum lässt. Selbstverständlich lassen sich diese Grundprinzipien auch auf die gegenwärtige Agrarpolitik in der EU übertragen. Auch hier ist es durchaus denkbar, dass man zu einer schnelleren Entscheidungsfindung im Agrarministerrat kommen könnte, wenn die einzelnen Mitgliedsländer die Möglichkeiten erhielten, ihre nationalen Ziele auch weiterhin mit nationalen Instrumenten zu verfolgen und sie nicht bei der Verwirklichung nationaler Ziele weitgehend auf das kollektive Entscheidungsergebnis angewiesen wären. In Anbetracht der aufgezeigten Probleme und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Abstimmungen individuelle Entscheidungen sehr viel zeitaufwendiger koordinieren als der Markt- und Preismechanismus, ist es verständlich, dass man das Koordinationsinstrument der Abstimmungen in einer Volkswirtschaft nur begrenzt verwendet. Koordination individueller Entscheidungen durch Verhandlungen Geht man von der Überlegung aus, dass in einer Gesellschaft ein Einzelner bei seinen individuellen Entscheidungen auch die Wirkungen auf andere Individuen berücksichtigen sollte, so kann gefolgert werden, dass die Entscheidungen auf einem Kompromiss beruhen. In unserem Wirtschaftssystem können wir feststellen, dass insbesondere dort auf Verhandlungen zurückgegriffen wird, wo ein Einzelner eine zu schwache Marktstellung hat. Aus diesem Grund wird z. B. den Arbeitnehmern die Möglichkeit geboten, sich zu organisieren und die Arbeitsbedingungen mit dem Arbeitgeberverband auszuhandeln. Es ist einleuchtend, dass Ergebnisse der Verhandlungen einen bedeutenden Einfluss auf die Produktpreise und auch auf die Faktorpreise in unserer Wirtschaft haben. Bei oberflächlicher Betrachtung mag es nahe liegen, den Koordinationsmechanismus „Verhandlungen“ verstärkt in einer Gesellschaft zu befürworten, weil hier offensichtlich das Verhandlungsergebnis Kompromisscharakter tragen wird. Dabei wird jedoch vernachlässigt, dass hier das Problem der Externalisierung auftritt. Von Externalisierung sprechen wir dann, wenn die Folgen einer Entscheidung auch von solchen Individuen zu tragen sind, die an dem Zustandekommen der Entscheidung nicht beteiligt sind. Eine Externalisierung bei Verhandlungen liegt immer dann vor, wenn das Ergebnis kein Nullsummenspiel darstellt. Nur bei einem Nullsummenspiel entspricht der Gewinn der einen Partei dem Verlust der anderen Partei. Hingegen kann bei einer Externalisierung der zu verteilende „Kuchen“ ver- 176 Kapitel 4: Agrarpreisbildung größert werden, indem man andere – Nicht-Beteiligte – belastet. Einigen sich zum Beispiel die Tarifpartner in einer Branche (z. B. der Stahlindustrie) auf nicht preisniveauneutrale Löhne, so wird das dazu führen, dass durch die Preissteigerungen alle diejenigen, die Stahlprodukte direkt oder indirekt in Form verarbeiteter Produkte nachfragen, durch das Verhandlungsergebnis benachteiligt werden. Die Möglichkeiten der Externalisierung sind umso stärker ausgeprägt, je spezialisierter eine Gesellschaft ist. Dies kann z. B. an dem Boykott der Fluglotsen in den achtziger Jahren veranschaulicht werden. Durch die Arbeitsniederlegung dieser Gruppe wurde der gesamte Flugverkehr mit allen anteiligen Wirkungen für die gesamte Volkswirtschaft lahm gelegt. Die Verhandlungsposition der Fluglotsen war relativ stark, weil ihre Aufgaben offensichtlich – zumindest kurzfristig – nicht von anderen erledigt werden konnten. In einem solchen Fall kann die einzelne Gruppe bei den Verhandlungen eine relativ starke Machtposition erlangen. Das Ergebnis beinhaltet dann, dass es zu Tarifabschlüssen kommt, die als Folge Preissteigerungen nach sich ziehen. Hierarchie oder Bürokratie Bekanntlich kann man individuelle Entscheidungen dadurch koordinieren, dass diktatorisch den einzelnen Kollektivmitgliedern ihr Verhalten und Handeln vorgegeben wird. Die Agrarmärkte sind durch eine Vielzahl von hierarchischen Elementen und bürokratischen Regeln beeinflusst. Man denke z. B. an die Interventionsmaßnahmen mit staatlichen Aufkaufverpflichtungen für bestimmte Produkte. Unverfälschte Marktkräfte können hier nur sehr begrenzt wirken. Die Regelungsintensität hat in den letzten Jahren sogar erheblich zugenommen. Zwar wurde die direkte staatliche Beeinflussung der Produktmärkte zurückgenommen, doch hat die Eingriffsintensität auf den Faktormärkten erheblich zugenommen. Landwirtschaftliche Betriebsleiter spüren zunehmend die Hand der Bürokratie, da sie durch Auflagen und Direktzahlungen in ihrer Wirtschaftsweise erheblich beeinflusst werden. Gegen Hierarchie oder Bürokratie wäre nichts einzuwenden, wenn u. a. folgende Bedingungen vorliegen würden: (1) Diktatoren oder Bürokraten müssten wohlwollend sein und eindeutig das Ziel verfolgen, die Wohlfahrt der Gesellschaft zu maximieren. Leider ist diese notwendige Bedingung in der Realität nicht anzutreffen. Die Realität zeigt, dass auch Bürokraten persönliche Ziele haben, die nicht immer mit der Zielsetzung ‚Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt‘ vereinbar sind (siehe hierzu Kapitel 8). (2) Diktatoren und Bürokraten müssten über einen eindeutigen Maßstab für die Messung der Wohlfahrt verfügen können. Einen solchen Maßstab gibt es aber nicht. Die gesellschaftliche Wohlfahrt ergibt sich als Aggregat aus den Wohlfahrten der Individuen; deren Wohlfahrt wird aber nicht nur von einer Variablen bestimmt, sondern von einer Vielzahl, z. B. individueller Freiheit, Einkommen, Vermögen, Freizeit usw. Der Beitrag der einzelnen Variablen zur individuellen Wohlfahrt kann zwar von dem Individuum ordinal (d. h. in eine Rangordnung gebracht werden) bewertet werden, aber nicht kardinal (d. h. quantitativ nicht bestimmt werden). Wenn aber das Individuum nicht seine Wohlfahrt quantifizieren kann, ist 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise 177 es für den Diktator oder Bürokraten unmöglich, die Wohlfahrt insgesamt zu maximieren. Es muss schon an der Tatsache scheitern, dass interpersonelle Nutzenvergleiche nicht möglich sind. (3) Bürokratien müssten in der Lage sein, das Informationsproblem in einer Gesellschaft adäquat zu lösen. Die Wohlfahrt einer Gesellschaft hängt wesentlich davon ab, wie die individuellen Aktivitäten zum Wohl der Gesamtheit koordiniert werden. Wollten Bürokraten die Interaktionen zwischen Wirtschaftssubjekten koordinieren, so würden sie vor unlösbaren Informationsproblemen stehen. Es ist unmöglich, alle Informationen von einer Zentrale zu sammeln und zu verarbeiten. Insbesondere betrifft das Informationsproblem eine möglichst exakte Einschätzung der zukünftigen Chancen für Investitionen, die Produktion von technischen Fortschritten und das Verhalten der potentiellen Akteure bei der Leistungsabgabe, der Verwendung des Einkommens und bei der Einhaltung von festgelegten Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben. Es ist daher verständlich, dass sich die Gesellschaften, die großen Wert auf individuelle Freiheit legen, weitgehend frei von Bürokratien halten. Dennoch kann aber beobachtet werden, dass in vielen Gesellschaften ein akutes Bürokratieproblem vorliegt, das sich in einer hohen Regelungsintensität und Effizienzverlusten niederschlägt. Trotz dieser kritischen Beurteilung von Bürokratien ist in der EU-Agrarpolitik eine im Zeitablauf zunehmende Regelungsintensität festzustellen. Eine ökonomische Beurteilung der eingesetzten Instrumente erfolgt in Kapitel 7; eine politökonomische Erklärung wird in Kapitel 8 gegeben. 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise Bei der bisherigen Darstellung der Preisbildung auf Agrarmärkten wurde davon ausgegangen, dass vollkommene Märkte vorliegen und damit die Marktteilnehmer vollkommene Information haben. Diese Darstellung hat viele Vorteile: Sie zeigt die Determinanten der Preisbildung im Gleichgewicht, d. h. wenn die Erwartungen der Marktteilnehmer erfüllt werden. Ausgehend von dieser Idealsituation kann abgeleitet werden, a) welche Bedeutung falsche Erwartungen für die Preisbildung haben können, b) wie die Preise auf einem bestimmten Markt bei falschen Erwartungen von Gleichgewichtspreisen abweichen können und c) welche Faktoren das Ausmaß der Differenz zwischen Gleichgewichtspreisen und tatsächlichen Marktpreisen bestimmen. In der empirischen Marktanalyse unterscheidet man daher zwischen der Wirkung der Fundamentalfaktoren und kurzfristig wirkenden Faktoren. Die erste Gruppe wirkt auf die Gleichgewichtspreise und deren Änderung im Zeitablauf, es sind die langfristig wirkenden Einflussfaktoren; die Variablen der zweiten Gruppe bestimmen die kurzfristige Abweichung der Preise von Gleichgewichtssituationen. Die Unterscheidung der Wirkung von langfristigen und kurzfristigen Bestimmungsfaktoren der Preisbildung ist eine besondere Herausforderung für Marktforscher. Dieses Problem wird in diesem Abschnitt am Beispiel der Preisbildung auf dem Getreidemarkt aufgezeigt. 178 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Bei der Darstellung der Bestimmungsgründe der aktuellen Marktpreise ist zu bedenken, dass z. B. die tatsächlichen Preise zu einem gegebenen Zeitpunkt und die Entwicklung der Preise im Zeitablauf zwar von Entscheidungen in der Gegenwart abhängen, aber die Entscheidungen in der Gegenwart auch von erwarteten Variablen in der Zukunft bestimmt werden können. Über die Zukunft hat man in der Regel nur beschränkte Information. Im Folgenden soll deshalb kurz die Bedeutung der Informationsmängel für die Agrarpreisbildung dargestellt werden. Es ist nahe liegend, dass Informationsmängel für die Preisbildung insbesondere auf Märkten für lagerfähige Produkte und mit im Zeitablauf diskontinuierlicher Produktion von Bedeutung sind. Der Markt für Weizen scheint als Spezialfall besonders gut geeignet, weil die Ernte in einer Region sich auf eine kurze Zeit innerhalb eines Jahres erstreckt und weil Weizen über längere Zeiträume hinweg lagerfähig ist. Informationsmängel können grundsätzlich zwei Ursachen haben, Unkenntnis und Unsicherheit24. Unkenntnis liegt vor, wenn durch höheren Aufwand bessere Informationen zu erhalten wären, aber der Entscheidende nicht über diese Information verfügt. Individuelle Unkenntnis kann auf rationalen Überlegungen beruhen. Die Beschaffung von zusätzlichen Informationen kann zusätzliche Kosten verursachen, die möglicherweise den erwarteten zusätzlichen Nutzen übersteigen. Darüber hinaus sind die Vorteile zusätzlicher Information nicht stets quantifizierbar. Unkenntnis kann in unterschiedlichen Formen auftreten; es kann Unkenntnis über das Verhalten potentieller Marktpartner vorliegen, Unkenntnis über die einzelwirtschaftliche Wirkung bestimmter Aktivitäten (wie hoch ist der zusätzliche Effekt von erhöhter Stickstoffdüngung oder von pflugloser Bodenbearbeitung) oder auch Unkenntnis über für heutige Entscheidungen wichtige Marktdaten (z. B. Preisverhältnisse an anderen Orten). Es ist nahe liegend und entspricht rationalem Verhalten, dass zahlreiche Entscheidungen bei teilweiser Unkenntnis gefällt werden, Unsicherheit liegt vor, wenn zusätzlicher Aufwand nicht zu besseren Informationen führen kann. Niemand kann z. B. heute voraussagen, wie hoch die Weltgetreideproduktion im Jahr 2015 sein wird. Ein Landwirt, der Getreide nach der Ernte einlagert, kann selbst bei größtem Aufwand keine vollkommene Gewissheit über die Höhe der Getreidepreise auf dem für ihn relevanten Markt in vier oder sechs Monaten erhalten. Es werden somit zwangsläufig zahlreiche Entscheidungen unter Unsicherheit, d. h. ohne Informationen über exakte Ausprägungen zukünftiger Ereignisse getroffen. Akteure auf den Agrarmärkten werden sowohl von Unkenntnis als auch von Unsicherheit betroffen. Eine Verringerung der Unkenntnis hat einen direkten Einfluss auf die Höhe der Agrarpreise. Produzenten werden bei unterschiedlicher Unkenntnis über die Wirtschaftlichkeit alternativer Produktion weniger von den Produkten produzieren, bei denen die Unkenntnis höher ist. Wenn ein Landwirt nicht weiß, wie hoch der wahrscheinliche Ertrag einer Feldfrucht sein könnte, wird er sie wohl kaum anbauen. Andere Landwirte, die mehr Kenntnisse haben, werden mögli- 24 Vergleiche zu der Differenzierung Fritsch, M., T. Wein und H.-J. Ewers, 2007, Marktversagen und Wirtschaftspolitik. 7. Auflage. München. S. 282ff. 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise 179 cherweise die Feldfrucht begrenzt anbauen. Es werden daher die Preise der Produkte, bei denen mehr Unkenntnis vorliegt, (z. B. über wahrscheinliche Kosten, Erträge und Preise) höher sein als die Preise derjenigen Produkte, bei denen die Unkenntnis geringer ist, d. h. bei denen mehr relevante Informationen verfügbar sind. Besteht z. B. Unkenntnis über die Vertragstreue potenzieller Marktpartner, z. B. bezüglich der Zahlungsfähigkeit und -willigkeit, wird die Arbeitsteilung in der Volkswirtschaft begrenzt; der Wohlstand wird dann geringer sein als bei geringerer Unkenntnis. Unkenntnis beeinflusst auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Wenn z. B. Konsumenten befürchten, dass genetisch veränderte Organismen gesundheitlich bedenklich sind, wird sich der Markt für solche Produkte, selbst wenn der Handel gesetzlich erlaubt ist, kaum entwickeln. Unkenntnis führt zum Entstehen von Vertrauens- und Erfahrungsgütern. Agrarpreise werden auch von der Unsicherheit der Marktteilnehmer beeinflusst. Witterungsschwankungen haben einen nicht vorhersehbaren Einfluss auf Produktionsmenge und Produktqualität. Preisunelastisches Angebot und preisunelastische Nachfrage können bei naturbedingten Angebotsschwankungen zu kaum vorhersehbaren Preisschwankungen führen. Unsicherheit über das Verhalten von Lagerhaltern und politischen Entscheidungsträgern, z. B. über Außenhandelsregelungen, erhöhen die Unsicherheit der Preiserwartungen. Die Entscheidenden berücksichtigen die Informationsmängel, indem sie mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten arbeiten und die möglichen Vorteile (Gewinne) und Nachteile (Kosten) abwägen. Informationsmangel kann daher die individuellen Entscheidungen aus drei Gründen unterschiedlich beeinflussen: a) Die Individuen ordnen zukünftigen von ihnen nicht zu beeinflussenden Ereignissen unterschiedliche subjektive Wahrscheinlichkeiten zu, b) die Bewertung der Vor- und Nachteile des Eintretens zukünftiger Ereignisse ist unterschiedlich, c) die Bereitschaft und die Möglichkeit, Risiko zu übernehmen ist unterschiedlich. Die Bedeutung der Informationsmängel der Marktpartner für die Agrarpreisbildung auf dem Weltmarkt soll für zwei besondere Fälle näher dargestellt werden, für die Entwicklung der saisonalen Weizenpreise und für die Schwankung der Weizenpreise von Jahr zu Jahr. Zur Entwicklung saisonaler Weizenpreise auf demWeltmarkt In Kapitel 4.4.4. wurde die saisonale Preisentwicklung in einer Region mit saisonaler Produktion und vollkommener Information betrachtet. Man könnte vermuten, dass es auf demWeltmarkt für Weizen auch eine entsprechende saisonale Preisentwicklung gibt mit niedrigen Preisen in den Wochen mit der weltweit größten Ernte und mit steigenden Preisen in den folgenden Wochen. Das Schaubild 4.30 bestätigt diese Erwartung aber nicht für die drei zufällig ausgewählten Getreidewirtschaftsjahre. Eine empirische Analyse zeigt, dass es keinen stabilen Trend für die Entwicklung der wöchentlichen Preise eines Jahres gibt und selbst der Durchschnittspreis des Jahres in vielen Jahren nicht über dem niedrigsten Preis in den Erntewochen liegt. Offensichtlich ist Lagerhaltung eine Investition mit hohem Risiko. Wie kann man erklären, dass die Weltmarktpreise für Weizen keine stabile Saisonfigur aufweisen? Es könnte vermutet werden, dass dies an der regionalen Verteilung 180 Kapitel 4: Agrarpreisbildung 1250 1500 1750 2000 2250 2500 2750 3000 3250 070809101112010203040506 IG C W he at Pr ic e In de x Monate IGC Wheat Price Index 2004/2005 IGC Wheat Price Index 2005/2006 IGC Wheat Price Index 2008/2009 Quelle: International Grains Council (IGC) Schaubild 4.30: Index der wöchentlichen Weizenpreise für ausgewählte Jahre der Produktion und den unterschiedlichen Erntezeitperioden in den einzelnen Regionen der Welt liegt. In jedem Monat des Jahres wird irgendwo auf der Welt geerntet. Dennoch müsste sich bei vollständiger Information eine stabile Saisonfigur der Exportpreise der Hauptexportländer bilden. Werden das gesamte Jahr über monatliche Exporte der Hauptexportländer zur Versorgung der Weltbevölkerung benötigt, müsste sich bei vollkommener Information in diesen Ländern ein monatlicher Exportpreis einstellen (fob Preis), der kontinuierlich vom Ende der Ernte bis zum Beginn der neuen Ernte steigt. Die saisonale Entwicklung der Preise müsste die Lagerkosten der Lagerhalter in den Exportländern decken. Diese Entwicklung wird sich aber nur dann einstellen, wenn die Lagerhalter in den Exportländern die monatliche Nachfrage in ihrem Land sowie die Exportmengen im Voraus richtig abschätzen können. Das wird ihnen aber nur selten gelingen. Die Jahresimportmenge von Weizen eines Landes und der Welt insgesamt hängt vornehmlich von der jährlichen Produktion, den Änderungen der Nachfrage und den Änderungen der Lagerbestände im Jahresverlauf ab. Unsicherheit liegt z. B. bezüglich der Jahresproduktionsmenge der Welt vor. Es gibt aber zurzeit keine Möglichkeit, die Jahresproduktion zu einem bestimmten Monat exakt vorherzusagen. Diese Aussage gilt selbst für eine Region wie die EU, obwohl einzelne Länder differenzierte Methoden wie die „Besondere Ernteermittlung“25 anwenden. Schaubild 4.30 zeigt die 25 Die „Besondere Ernteermittlung“ (BEE) in der Bundesrepublik wird alljährlich bei Getreide, Kartoffeln und bei Winterraps durchgeführt. Sie hat die Aufgabe, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt exakte Angaben über die Menge und die Qualität der neuen Ernte zu liefern. Die benötigten Informationen werden durch die Auswertung von repräsentativen Ertragsfeststellungen gewonnen, deren Zahl auf die Entwicklung der Anbauflächen abgestimmt wird. 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise 181 Prognose der Erntemenge von Weizen eines Jahres in der EU zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Selbst für die EU gilt, dass man von Monat zu Monat erhebliche Unterschiede in der Höhe der Ernte erwartet. Unsicherheit besteht auch bezüglich des Verbrauchs und vor allem auch bezüglich der Lagerhaltung. 134 136 138 140 Quelle: Bickert,Christian; Märkte sind nicht planbar aus DLG Mitteilungen 12/09 nach Daten der USDA Schaubild 4.31: Vorhersagen der EUWeizenernte im Jahr 2009 (in Mio. Tonnen) Nahezu täglich gibt es neue Informationen über die Marktsituation im laufenden Monat und die erwartete Marktsituation in den folgenden Monaten des Getreidewirtschaftsjahres. Folglich müssen die Lagerhalter bei neuen Informationen über die gegenwärtige und zukünftige Marktsituation neu ihre Lagerbestände planen. Wird z. B. an einem bestimmten Tag gemeldet, dass in bestimmten Ländern die Ernte wahrscheinlich größer sein wird als bisher erwartet, werden die Händler davon ausgehen, dass der Preis für Weizen im Durchschnitt des Jahres geringer sein wird als bisher erwartet. Die Lagerbestände werden dann sofort verringert mit der Wirkung, dass die Preise einen Sprung nach unten machen. In wenigen Tagen können gegensätzliche Informationen, z. B. über tatsächliche Lagerbestände in einzelnen Ländern, bekannt werden. Die Folge wird dann ein sofortiger Anstieg der Preise sein. Das permanente Eintreffen von neuen Informationen wird somit zu einer nicht prognostizierbaren Entwicklung der Saisonpreise führen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in einzelnen Jahren die Weizenpreise im Verlauf des Getreidewirtschaftsjahres fallen oder stark schwanken. Zur Entwicklung der Weizenpreise von Jahr zu Jahr Schaubild 4.32 zeigt die Entwicklung der Weizen- und Maispreise seit 1866 und Schaubild 4.33 die Entwicklung der Preise dieser Produkte seit 1989. Es sind offensichtlich große Schwankungen von Jahr zu Jahr zu beobachten. Die Weizenproduktion schwankt aber weltweit von Jahr zu Jahr im Durchschnitt der Jahre nur 182 Kapitel 4: Agrarpreisbildung mit etwa 5 Prozent (korrigierter Variationskoeffizient)26; die Entwicklung der Preise ist also erheblich volatiler als die der Mengen. Bei der langfristigen Entwicklung der Preise fällt auf, dass die Preisspitzen jeweils nur von kurzer Dauer sind. Signifikante Preissteigerungen traten in der Vergangenheit meistens in Zeiten weltweiter Krisen, wie z. B. Kriegen auf. Sie waren demnach nicht vornehmlich naturbedingt, sondern durch Entscheidungen der Menschen verursacht. Die Geschichte zeigt aber dennoch, dass in Zeiten hoher Getreidepreise häufig auf Malthus27 verwiesen wurde und eine anhaltende Periode mit hohen Getreidepreisen und zunehmenden Nahrungsmittelkrisen prognostiziert wurde. Die Weltlandwirtschaft war aber offensichtlich in den letzten 150 Jahren fähig, sich kurzfristig an geänderte Marktbedingungen schnell anzupassen. Im Frühjahr 2007 stiegen sprunghaft die Weizenpreise (siehe Schaubild 4.33) und andere Rohstoffpreise. Die höchsten Preise wurden im März 2008 erreicht. Dann begann wieder eine Talfahrt, die annähernd zu dem Preisniveau zu Zeiten vor dem Boom führte. 0 50 100 150 200 250 18 66 18 76 18 86 18 96 19 06 19 16 19 26 19 36 19 46 19 56 19 66 19 76 19 86 19 96 20 06 19 48 =1 00 Corn Wheat Note: Prices through 2007 are marketing year averages. The 1866–1908 wheat prices are weighted by production; the 1909–2007 prices are weighted by sales. The 2008 wheat and corn prices are the November 2008 WASDE season average, mid-point of range. Due to lack of another consistent deflator, prices deflated by BLS calendar year CPI for all urban consumers. Quelle: Carter, et al. editors (2006), USDA NASSAgricultural Prices, USDAWASDE and BLS “CPI- All Urban Consumers. Quoted in Sumner (2008) Schaubild 4.32: Preisentwicklung von Weizen und Mais von 1866 bis 2008 26 Der korrigierte Variationskoeffizient zeigt die durchschnittliche prozentuale Änderung der trendbereinigten Preise an. 27 Malthus (1766–1834) stellte die These auf, dass es eine langfristige Bevölkerungsfalle gäbe, da die Menschen sich in geometrischer Reihe fortpflanzen, die Nahrungsmittelproduktion aber nur in arithmetischer Reihe wächst. 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise 183 0 100 200 300 400 500 600 19 98 19 98 19 98 19 99 19 99 20 00 20 00 20 00 20 01 20 01 20 02 20 02 20 03 20 03 20 03 20 04 20 04 20 05 20 05 20 05 20 06 20 06 20 07 20 07 20 08 20 08 20 08 20 09 20 09 20 10 Source: International Grains Council, Market Reports. Schaubild 4.33: Monatliche Preisentwicklung von Weizen (Hard Winter ord. Protein, US Gulf) von 1998 bis 2010 Eine solche Entwicklung der Preise wäre bei vollkommener Information der Marktpartner nicht eingetreten. Es ist offensichtlich, dass zahlreiche Lagerhalter falsche Entscheidungen getroffen hatten. Sie sind vom Preisverfall überrascht worden. Wie kann es bei begrenzten Produktionsschwankungen zu solch erheblichen Preisbewegungen kommen? Die bisherigen starken Preisausschläge auf den Weltagrarmärkten verliefen weitgehend nach folgendem Muster: 1. Für eine Reihe von Jahren – häufig waren es nur drei Jahre – lag die Weltproduktion unter dem Weltverbrauch und der Weltlagerbestand verringerte sich; 2. Die Vorausschätzungen der Produktion für das Jahr des Preisanstiegs deuteten darauf hin, dass ein weiteres Jahr mit einer Produktion unter dem Verbrauch folgen könnte. 3. Die Weltlagerhaltung sank vor dem abrupten Preisanstieg unter einen Prozentsatz des Weltjahresverbrauchs, der als kritisch angesehen wird. Bei Weizen schien der kritische Prozentsatz in den letzten Jahren unter 20 zu sein. 4. Es traten deutliche Änderungen in den Erwartungen der Marktteilnehmer und Regierungen ein; es wurde erwartet, dass der langfristige Trend der Produktion sich geändert hatte und damit eine andauernde Hochpreisphase eintreten würde. 5. Es änderte sich das Verhalten einzelner Regierungen; Ausfuhrbeschränkungen unterschiedlicher Art wurden eingeführt oder sogar staatliche Lagerbestände aufgebaut; 6. Es änderte sich die Lagerhaltung privater Lagerhalter; Landwirte verzögerten den Verkauf der Ernte, Händler erhöhten die Lagerbestände in Erwartung höhe- 184 Kapitel 4: Agrarpreisbildung rer Preise; Haushalte stockten ihre Vorräte auf. Diese Marktteilnehmer trafen somit Entscheidungen in der Hoffnung, dass diese als Folge zukünftig steigender Preise gewinnbringend sein würden. Sie spekulierten28; Landwirte verringerten das Marktangebot, Händler und Verbraucher erhöhten die Nachfrage29. 7. Spekulanten traten auch verstärkt auf Terminbörsen auf. Sie trieben die Preise auf den Börsen in Erwartung höherer Preise in der Zukunft in die Höhe und trugen damit auch zu der Preissteigerung auf Kassamärkten bei. Zur der Spekulation auf Terminbörsen und die Folgen für die Preise auf den Kassamärkten sollen folgende Ausführungen beitragen. Auf Terminbörsen werden keine Waren, sondern nur Kontrakte gehandelt. Käufer und Verkäufer gehen zum Zeitpunkt t0 eine Verpflichtung ein, zu einem exakt bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft tn eine genau definierte Menge eines spezifizierten Produktes zu liefern und zu bezahlen; sie können sich aber auch von den vertraglichen Verpflichtungen befreien, wenn sie vor dem Zeitpunkt tn gegenläufige Transaktionen an der Börse eingehen. Der Käufer eines Kontrakts zum Zeitpunkt t0 muss also vor tn einen Kontrakt verkaufen und der Verkäufer des Kontrakts zum Zeitpunkt t0 muss vor tn einen Kontrakt kaufen. In der Sprache der Terminhändler sprich man von ‚glatt stellen‘. Da es u. a. wegen der Lagerhaltung eine enge Beziehung zwischen Terminpreisen und Kassapreisen gibt, führt eine Änderung der Terminpreise auch zu einer Änderung der Kassapreise. Geänderte Preiserwartungen führen zu schnelleren und zumindest kurzfristig stärkeren Preisänderungen auf den Terminmärkten als auf den Kassamärkten. Da die Transaktionskosten auf den Terminmärkten geringer sind, ist es für Spekulanten leichter möglich, sich auf Termin- als auf Kassamärkten zu engagieren. Für ein Engagement auf diesen Märkten spricht auch, dass man höhere Spekulationsgewinne auf den Termin- als Kassamärkten erzielen kann. Während man auf dem Kassamarkt die Ware kauft und daher auch in der Regel mit dem Kauf den Preis bezahlen muss, braucht man beim Kauf auf der Börse nur einen kleinen Prozentsatz (häufig etwa 10 Prozent), eine sogenannte Marge, bei Kontraktabschluss zu zahlen. Eine 10-prozentige Steigerung des Warenwertes bedeutet daher für den Inhaber eines Kontraktes, dass er seine Einlage verdoppelt hat. Warenbörsen existieren natürlich nur, wenn auf Märkten Unsicherheit bezüglich zukünftiger Preise besteht. Generell gilt: Je unsicher die Preiserwartungen, desto größer ist das Engagement der Spekulanten. Spekulanten leben von Unsicherheit. Natürlich wird zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht von allen Spekulanten eine Preissteigerung erwartet. Diejenigen, die in t0 einen Kontrakt mit Lieferverpflichtung in tn kauften, werden diesen Kontrakt vor tn verkaufen, wenn sie erwarten, dass die Preise bis tn nicht mehr steigen werden. 28 Spekulanten gehen Aktivitäten ein in Erwartung, dass die zukünftigen Preise von den Gegenwartspreisen abweichen. 29 Ein Leser in Westeuropa mag Zweifel haben, ob Verbraucher wirklich einen bedeutenden Einfluss haben können. Man sollte aber bedenken, dass hier über Preisänderungen auf dem Weltmarkt gesprochen wird. Die größte Zahl der Verbraucher lebt in Entwicklungsländer, in denen die Haushalte noch selbst umfangreich Mehl verarbeiten. Eine zunehmende Vorratshaltung von Mehl in der Vielzahl der weltweiten Haushalte kann durchaus signifikante Preiseffekte auslösen. Leider gibt es über die Änderung der häuslichen Vorratshaltung wenig Information. 4.8 Die Bedeutung von Informationsmängeln für die Entwicklung der Agrarpreise 185 Spekulanten auf Terminbörsen können für Händler und Produzenten wichtige Preisstabilisierungsfunktionen übernehmen. Wenn z. B. die Spekulanten im Durchschnitt Gewinne machen, müssen sie in Phasen niedriger Preise eingekauft und in Phasen hoher Preise verkauft haben. Damit tragen sie zu einer Glättung der Preisbewegungen bei. Eine solche Entwicklung wird eintreten, wenn die Spekulanten tatsächlich Preiserwartungen haben, die durch die Realität bestätigt werden. Das Entstehen der extremen Preisausschläge auf den Weltrohstoffmärkten zeigt aber, dass sich Spekulanten offensichtlich auch verspekulieren können. Zu dieser Tatsache trägt auch bei, dass ein Spekulant nicht nur in Objekte investiert, die mit höchster Wahrscheinlichkeit zu Gewinnen führen. Da das Wesen der Spekulation ja gerade darin liegt, dass man die Gewinnchance nicht sicher kennt, werden Spekulanten ihre Anlagen weit streuen. In Objekte mit relativ sicherer Gewinnchance wird mehr investiert, als in Objekte mit weniger sicheren Gewinnchancen. Zu relativ hoher Investition in relativ unsichere Objekte wird es umso mehr kommen, je höher die möglichen Gewinne sein können. Spekulanten werden also auch in Objekte investieren, bei denen der Erwartungswert des Gewinns relativ niedrig ist, die aber, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit, zu hohen Gewinnen führen könnten. Die Bedeutung der Spekulation kann für die Hochpreisphase 2007/2008 durch folgende Überlegungen veranschaulicht werden. Preiserwartungen werden von den Gegenwartspreisen insbesondere abweichen, wenn eine signifikante Änderung der Marktsituation in der Zukunft erwartet wird. Wie oben bereits erläutert, wird die Marktsituation grundsätzlich durch Fundamentalfaktoren, d. h. den langfristigen Bestimmungsfaktoren von Angebot und Nachfrage, sowie durch kurzfristig wirkende Faktoren, wie z. B. naturbedingte Ernteschwankungen und geänderte Politiken einzelner Länder, bestimmt. Im Jahr 2007 gab es erhebliche Schwierigkeiten bei der Einschätzung der langfristig wirkenden Fundamentalfaktoren. Die Unsicherheit basierte insbesondere auf drei Quellen. 1. Die Produktionssteigerungen in den letzten Jahren vor 2007 lagen unter dem Trend der vorhergehenden Jahre und Experten waren sich nicht sicher, ob sich die Produktion in den nächsten Jahren so erhöhen könnte wie in den Jahren bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Es stellte sich also die Frage, ob die Wirkung der Fundamentalfaktoren, die die langfristige Entwicklung der Produktion bestimmen, sich geändert hat. 2. Seit etwa 2005 waren in den USA und der EU neue Programme zur Förderung nachwachsender Rohstoffe für Energiegewinnung aufgelegt worden und eine Erhöhung dieser Förderung war bereits beschlossen. Man war sich auch in Expertenkreisen nicht sicher, welchen Beitrag die Produktion nachwachsender Rohstoffe zur Preissteigerung geleistet hatte und welche Rolle sie zukünftig spielen würde. 3. Es war nicht übersehbar, wie sich das Einkommenswachstum in Schwellenländern, insbesondere in China, zukünftig auf die Nachfrage auf dem Weltmarkt für Getreide auswirken würde. Es gab somit erhebliche Unsicherheit bei der Einschätzung der langfristigen Entwicklung der Fundamentalfaktoren. Hinzu kam, dass die Diagnose der kurzfristigen Ursachen der Preissteigerung und die Einschätzung der Situation auf dem 186 Kapitel 4: Agrarpreisbildung Weltmarkt in den nächsten Monaten ebenfalls erheblich unsicher waren. Zwar werden von dem USDA (United States Department of Agriculture) monatliche Informationen über die Vorausschätzung der kurzfristigen Entwicklung von Produktion, Verbrauch und Lagerhaltung in den einzelnen Ländern der Welt und für die Welt insgesamt veröffentlicht, doch sind die Vorausschätzungen nicht sehr verlässlich. Verständlicherweise sind die Produktionsvorausschätzungen wegen der nicht vorhersehbaren Witterungsverhältnisse ungenau. Es mag aber erstaunen, dass die Fehlerquelle bei den Voraussagen des Verbrauchs und der Lagerhaltung sogar noch größer sind. Die von den einzelnen Ländern zur Verfügung gestellten Informationen erlauben offensichtlich keine exakte Vorhersage der Marktentwicklung in den folgenden Monaten. Die große Unsicherheit bereitete den besten Nährboden für Spekulation30. Hinzu kam, dass durch die geplatzte Blase auf dem Immobilienmarkt und Finanzmärkten mehr Finanzmittel für Spekulation auf den Rohstoffmärkten als in normalen Jahren zur Verfügung standen. Es war daher nicht erstaunlich, dass die Aktivitäten auf den Terminmärkten für Weizen drastisch anstiegen. Anfängliche Preissteigerungen verfestigten die Erwartungen weiterer Preissteigerungen. Das Ergebnis war eine Blase wie zuvor auf den Immobilienmärkten. Es war somit vorhersehbar, dass auch sie platzen würde. Blasen bei den Weltagrarpreisen können somit auch in der Zukunft entstehen, weil es aufgrund unvollkommener Information immer wieder zu falschen Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Preise kommen kann. Diese Ausführungen haben verdeutlicht, dass die Analyse der Bestimmungsfaktoren der Preisbildung auf vollkommenen Märkten nur sehr beschränkt die Preisbildung in der Realität erklären kann. Die Preise zu jedem Zeitpunkt werden nicht nur durch langfristig wirkende Fundamentalfaktoren bestimmt, sondern auch durch Sonderfaktoren. Zu den Sonderfaktoren gehören unvollständige Informationen in unterschiedlichster Ausprägung. Formel-Kapitel 5 Abschnitt 1 30 Es gibt allerdings bei einigen Wissenschaftlern Zweifel, ob die Spekulation auf den Terminmärkten zu dem Preisanstieg beigetragen hat. Es wird argumentiert, dass Preissteigerungen auf Terminmärkten nur dann zu Preissteigerungen auf den Kassamärkten führen können, wenn auf letzteren durch die Aktivität auch Angebot und/oder Nachfrage beeinflusst werden und damit ein höherer Anteil der vorhandenen Produktionsmenge auf Lager genommen wird. Da die Statistiken aber nicht eine höhere Lagerhaltung zeigten, wurde der Einfluss der Terminpreissteigerungen auf die Kassapreisentwicklung verneint. Bei diesem Argument wird aber übersehen, dass die Informationen über Lagerhaltung sehr ungenau sind. Man hat selbst keine ausreichende Information über die öffentliche Lagerhaltung in den einzelnen Monaten von allen Ländern (in einigen ehemals sozialistischen Ländern wird die Lagerhaltung als Staatsgeheimnis gehütet). Noch weniger hat man aber genaue Informationen über die Lagerhaltung von Landwirten, Haushalten und Händlern in einzelnen Monaten. Für den Einfluss der Spekulation spricht auch, dass die Transaktionen zahlreiche Spekulanten offensichtlich hohe Verluste erlitten haben und dass die Aktivitäten auf den Terminmärkten erheblich gestiegen waren. Teil II: Markt- und Preispolitik

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die landwirtschaftliche Marktlehre.

Dieses Buch baut auf den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre auf und vermittelt grundlegende Kenntnisse zum Verständnis sektoraler Wirtschaftspolitik am Beispiel der Agrarmarktpolitik. Im Teil I legt es die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Preisbildung auf Produkt? und Faktormärkten. Besondere Bedeutung hat dabei neben der neoklassischen Theorie auch die Institutionenökonomie. Teil II stellt die Agrarmarktpolitik mit besonderem Bezug zur EU dar und bewertet diese, wobei der Bewertungsrahmen über die übliche wohlfahrtstheoretische Analyse hinausgeht. Das Buch ist insbesondere wegen seiner detaillierten Bewertung einzelner agrarmarktpolitischer Instrumente auch Studierenden des Fachs Wirtschaftspolitik eine wertvolle Hilfe. Es wendet sich an Studierende der Agrarwissenschaft, Agrarökonomie und der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Politiker, die an einer rationalen EU Agrarpolitik interessiert sind.

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich Koester forscht und lehrt am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er war über 20 Jahre Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.