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6.3.1 Bilanzierung nach HGB – Auswirkung auf die Wertansätze von Immobilien in:

Hanspeter Gondring, Thomas Wagner

Real Estate Asset Management, page 187 - 194

Handbuch für Studium und Praxis

1. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3608-2, ISBN online: 978-3-8006-4468-1, https://doi.org/10.15358/9783800644681_187

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174 6 Aspekte der Bewertung und Bilanzierung im Real Estate Asset Management 6.3 Aspekte der Bilanzierung im Real Estate Asset Management Die Verabschiedung der EU-Verordnung über die Anwendung internationaler Rechnungslegungsgrundsätze im Juli 2002 hat bedeutende Auswirkungen auf die Rechnungslegung von kapitalmarktorientierten Unternehmen.40 Börsennotierte Gesellschaften in Deutschland müssen seit dem 1.1.2005 einen zusätzlichen Jahresabschluss nach den internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS aufstellen.41 Für nicht kapitalmarktorientierte (nicht börsennotierte) Unternehmen räumt die EU-Verordnung ein Wahlrecht ein, d. h. auch sie können dieses in vielen Aspekten völlig anders ausgerichtete Rechnungslegungskonzept einsetzen. Ziel der Vereinheitlichung durch die Übernahme internationaler Rechnungslegungsstandards in Form der IFRS ist es, die von den Unter nehmen vorgelegten Finanzinformationen vergleichbarer zu machen und einen höheren Grad an Transparenz zu schaffen. 6.3.1 Bilanzierung nach HGB – Auswirkung auf die Wertansätze von Immobilien 6.3.1.1 Adressaten des Jahresabschlusses Eine Unternehmung besteht aus einer „Koalition“ von Personen, diese Personen stehen in unterschiedlicher Beziehung zu der Unternehmung. Es gibt die finanzwirtschaftlich orientierte Gruppierung (bestehend aus Anteilseignern und Gläu- • bigern), die leistungswirtschaftlich orientierte Gruppierungen (Kunden, Lieferanten und konkur- • rierende Unternehmen) sowie die Meinungsbildner (Finanzanalysten, Presse und Öffentlichkeit). • Jeder Koalitionär („Stakeholder“) verfolgt eigene, finanzielle (Erhalt/Steigerung von Vermögen und Ertrag) und nicht-finanzielle Ziele (Erhalt von Arbeitsplätzen, Erzielen eines bestimmten Images). Dennoch haben alle das gemeinsame Interesse, Informationen über das Erreichen der gesetzten Unternehmensziele zu bekommen. Nach dem Principal-Agent-Ansatz übertragen die Eigen- und Fremdkapitalgeber (Principals) die Leitungskompetenz an einen Geschäfts führer (Agent). Eine Folge davon ist, dass die Geldgeber (Aktionäre) nicht über alle Geschäftsvorgänge vollständig informiert sind (bzw. sein können). Es besteht ein Zustand asymmetrischer Informationsverteilung. Stehen Kreditwürdigkeitsprüfungen, Unternehmensverkäufe oder Aktienbewertungen an, sind auch die Werte der Immobilien von Interesse. Soll zum Beispiel ein Unternehmenskredit eingeräumt oder verlängert werden, ist eine Immobilienbewertung bzw. Bewertungsüberprüfung unerlässlich. Immobilien dienen dem Darlehensgeber als Sicherheit. Sollte es zu einer Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers kommen, kann ein grundpfandrechtlich gesicherter Darlehensgeber sogar die Verwertung der Immobilie betreiben. Ein besonderes Interesse an der gesonderten Bewertung von Immobilien hat der Unternehmer, wenn die Liegenschaften nicht optimal genutzt werden. 40 Vgl. Beck M. (2005), S. 143. 41 Vgl. Vorwort, in: Klinger, F./Müller, M. (Hrsg.), 2004, S. 3. 1756.3 Aspekte der Bilanzierung im Real Estate Asset Management 6.3.1.2 Zweck und Bestandteil der Rechnungslegung Im Mittelpunkt der deutschen Rechnungslegung steht § 264 Absatz 2 HGB, wonach „der Jahresabschluss … ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Kapitalgesellschaft zu vermitteln“ hat. Dazu dienen die einzelnen Bestandteile des Jahresabschlusses. Gem. § 242 Absatz 3 HGB umfasst der handelsrechtliche Jahresabschluss eine Bilanz und eine GuV, Kapitalgesellschaften haben sie um einen Anhang zu ergänzen. Der handelsrechtliche Jahresabschluss hat die wirtschaftliche Lage des Unternehmens gegenüber unternehmensexternen und -internen widerzuspiegeln.42 Für die Bewertung der in der Bilanz dargestellten Verhältnisse ist für den an Informationen interessierten von großer Wichtigkeit wie die Immobilien ausgewiesen und bewertet sind, denn sie haben großen Einfluss auf den tatsächlichen Wert des Unternehmens. 6.3.1.3 Bilanzierungs- und Bewertungsgrundsätze Die Grundsätze für Ausweisungen und Bewertungen in den Bilanzen sind grundsätzlich auf alle Gegenstände des Sachanlagevermögens gleich. Sie werden im Folgenden für Immobilien erläutert. Anlage- oder Umlaufvermögen Gem. § 246 Absatz 1 HGB müssen im Jahresabschluss „sämtliche Vermögensgegenstände“ enthalten sein, also auch Immobilien. Immobilien, die zur Vermietung oder Eigennutzung und damit „bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen“ (§ 247 Absatz 2 HGB) sind im Anlagevermögen unter der Position „Grundstück und grundstücksgleiche Rechte“ zu bilanzieren (§ 266 Absatz 2 HGB). Stellt die Immobilie das Produkt oder die Handelsware eines Unternehmens dar, so ist sie im Umlaufvermögen im Abschnitt „Vorräte“ unter der Position „fertige Erzeugnisse und Waren“ auszuweisen. Anschaffungs- oder Herstellungskosten Eine neu erworbene bzw. selbst hergestellte Immobilie darf in der Bilanz höchstens mit den Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten angesetzt werden (§ 253 Absatz 1 HGB). Anschaffungskosten sind die Aufwendungen, die geleistet werden, um einen Vermögensgegenstand zu erwerben und ihn in einen betriebs bereiten Zustand zu versetzen, so weit sie diesem einzeln zugeordnet werden können (§ 255 Absatz 1 HGB). Anschaffungskosten sind nach folgendem Schema zu ermitteln: 42 Vgl. Schierenbeck, H. (2005), S. 335. Anschaffungspreis – Anschaffungspreisminderungen (Rabatte, Skonti) + Anschaffungsnebenkosten (Gutachter-, Notariats- und Gerichtskosten, Grunderwerbssteuer, Maklergebühren) + Nachträgliche Anschaffungskosten (Anschaffungsnaher Herstellungsaufwand) = Anschaffungskosten Schema zur Ermittlung der AnschaffungskostenAbbildung 78: 176 6 Aspekte der Bewertung und Bilanzierung im Real Estate Asset Management Herstellungskosten sind zu bilanzieren, wenn das Bauvorhaben selbstständig durchgeführt wird. Herstellungskosten von Gebäuden sind gem. § 255 Absatz 2 HGB alle Aufwendungen, die aus dem Verbrauch von Material sowie der Inanspruchnahme von Dienstleistungen für die Herstellung, Erweiterung und über den ursprünglichen Zustand hinausgehende Verbesserungen entstehen. Pflichtbestandteile der Herstellungskosten nach HGB bilden die Material- und Fertigungseinzelkosten und die Sondereinzelkosten der Fertigung. Wahlweise dürfen darüber hinaus die Material-, Fertigungs- und Verwaltungsgemeinkosten bilanziert werden. Nachträgliche Herstellungskosten Wenn nachträglich in eine Immobilie investiert wird ist zu unterscheiden, ob mit der Maßnahme nur der Zustand der Immobilie erhalten wird oder ob darüber hinausgehende Arbeiten durchgeführt werden. Wie bereits oben aufgeführt, fallen gemäß § 255 Absatz 2 Satz 1 a. E. nicht nur bei der erstmaligen Herstellung, sondern auch bei der Erweiterung und der über den ursprünglichen Zustand hinausgehenden wesentlichen Verbesserung Herstellkosten an. Für die Abgrenzung zwischen Herstellungs- und Erhaltungsaufwand gibt es vier Fallgruppen: (1) Nachträgliche Herstellungskosten, die nicht zum Entstehen eines „anderen“ Wirtschaftsguts führen. Von nachträglichen Herstellungskosten spricht man, wenn aufgrund von Baumaß nahmen, das bisherige Gebäude erweitert wird, auch wenn die Erweiterung nur geringfügig ist (vgl. BStBl. 1996 II, S. 630). Eine Erweiterung ist gegeben, wenn die nutzbare Fläche eines Gebäudes vergrößert wird, z. B. durch Aufstockung des Gebäudes • um einen weiteren Stock. eine Mehrung der Bausubstanz durch einen nachträglichen Einbau von (unselbstständigen • Gebäude-) Bestandteilen erfolgt, wenn z. B. aus einer großen Wohnung durch Einziehen von Trennwänden zwei kleine Wohnungen entstehen. Nachträgliche Herstellungskosten liegen auch bei Baumaßnahmen vor, die das Gebäude über seinen bisherigen Zustand hinaus wesentlich verbessern, was gegeben ist, wenn „die Maßnahme in ihrer Gesamtheit über die zeitgemäße Substanz erhaltende Bestandserneuerung hinaus den Gebrauchswert des Gebäudes im ganzen deutlich erhöht.“ Unter ursprünglichem Zustand versteht man den Zustand des Gebäudes zum Zeitpunkt der Herstellung bzw. Anschaffung. (2) Nachträgliche Herstellungskosten, die zum Entstehen eines „anderen“ Wirtschaftsguts führen, das jedoch kein Neubau ist Bei dieser Variante wird das Gebäude durch nachträgliche Herstellungsarbeiten nicht nur verbessert oder modernisiert, sondern es wird so weit reichend umgestaltet, dass die neu eingefügten Gebäudeteile das äußere Erscheinungsbild dominieren. Von der Herstellung eines „anderen“ Wirtschaftsguts kann ausgegangen werden, wenn die angefallenen Bauaufwendungen den Verkehrswert des ursprünglichen Gebäudes übersteigen. (3) Nachträgliche Herstellungskosten, die zum Entstehen eines neuen Wirtschaftsguts („Neubau“) führen Die nachträglichen Herstellungsarbeiten sind so gravierend, dass danach ein Neubau vorliegt. Typische Beispiele sind die Herstellung eines zusätzlichen selbstständigen Gebäudeteils oder eines so umfangreichen Umbaus, dass es sich bei objektiver Betrachtung um einen neuen Bau handelt. Das Entstehen eines Neubaus kommt sehr selten vor; realistischer ist die Entstehung eines „anderen“ Wirtschaftsguts. 1776.3 Aspekte der Bilanzierung im Real Estate Asset Management (4) Erhaltungsaufwand Erhaltungsaufwand liegt vor, wenn die durchgeführte Maßnahme lediglich der Erhaltung des ordnungsgemäßen Zustands dient. Nach Abschluss der Baumaßnahmen muss das Gebäude die gleiche Art und Funktion haben wie bisher. In diesem Fall werden die Aufwendungen für die Instandhaltungsmaßnahme unmittelbar in der GuV als Aufwand erfasst. Abschreibungen und Zuschreibungen Nach § 253 Absatz 2 sind Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten des Sachanlagevermögens während der Zeit der voraussichtlichen Nutzung abzuschreiben. Daraus ergeben sich neue Wertansätze in der Bilanz. Im Handelsrecht gibt es keine Vorschrift, die die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer von Vermögensgegenständen mit begrenzter Nutzungsdauer regelt. Zur Orientierung sind die steuerlichen Vorschriften heranzuziehen. Aus § 7 Absatz 4 und 5 EStG ergibt sich für Gebäude eine Nutzungsdauer zwischen 25 und 50 Jahren.43 Grund und Boden unterliegen grundsätzlich keiner natürlichen Abnutzung, daher werden sie auch nicht planmäßig abgeschrieben. Erhöht sich zu einem späteren Zeitpunkt der Wert der Immobilie, gleich aus welchem Grund, darf eine Zuschreibung (=Ertrag) nicht vorgenommen werden, da die Anschaffungs- bzw. Herstellkosten die Wertobergrenze bilden. Verringert sich der Wert der Immobilie, so muss (kann) nach dem strengen (gemilderten) Niederstwertprinzip eine Abschreibung vorgenommen werden.44 Dieser nicht vorhersehbare, außerplanmäßige Werteverzehr kann bei allen Vermögensgegenständen, des Anlage- wie auch des Umlaufvermögens eintreten. Grund dafür können technische (z. B. außergewöhnlicher Verschleiß) oder wirtschaftliche Faktoren sein (z. B. Änderung der Konsumentennachfrage).45 Außerplanmäßige Abschreibungen sind gemäß § 253 Absatz 2 Satz 3 zwingend vorzunehmen, wenn der Vermögensgegenstand eine voraussichtlich dauernde Wertminderung erfährt, die sonst nicht erfasst würde. Liegt eine nur vorübergehende Wertminderung vor, besteht ein Wahlrecht bezüglich der außerplanmäßigen Abschreibung. Fällt der Grund für die außerplanmäßige Abschreibung weg, so müssen nach § 280 Absatz 1 HGB Zuschreibungen vorgenommen werden. Zuschreibungsobergrenze sind immer die historischen Anschaffungs- oder Herstellkosten (ggf. um die planmäßigen Abschreibungen vermindert). 6.3.1.4 Aussagefähigkeit der Wertansätze Buchwerte von Immobilien können von den wahren, wirklichen am Markt erzielbaren Werten stark abweichen. Ursächlich dafür sind Art und Umfang der bilanziell zugestandenen Wahlrechte und Ermessensspielräume durch die Unternehmenspolitik. Beeinflusst wird diese Abweichung im Einzelnen durch folgende Punkte: Bemessung der Anschaffungs- bzw. Herstellkosten, • Wahl der Abschreibungsmethoden • Ansatz der Nutzungsdauer • Vornahme und Bemessung außerplanmäßiger Abschreibungen/Zuschreibungen • 43 Vgl. Schierenbeck, H. (2005), S. 341 f. 44 Vgl. Wöhe, G. (2008), S. 753. 45 Vgl. Beuttler, M. (2001), S. 913. 178 6 Aspekte der Bewertung und Bilanzierung im Real Estate Asset Management Selbst wenn Kapitalgesellschaften gem. § 284 HGB zusätzlich über angewandte Bewertungsund Bilanzierungsmethoden im Anhang berichten müssen, so können doch weiterhin erhebliche Wertdifferenzen gegeben sein. Das folgende Beispiel zeigt den Einfluss von Investitionen auf die Bilanzansätze:46 In ein am 1. Juli 2001 für 600.000,– € erstelltes Bürogebäude wird im April 2005 ein Personenaufzug für 92.000,– € eingebaut. In Zusammenhang mit dem Einbau muss das Treppenhaus neu gestrichen werden (Aufwand 6.000,– €). Gleichzeitig wurde der Fußbodenbelag im Eingangsbereich erneuert (Aufwand 3.000,– €). Der erstmalige Einbau eines Aufzugs verursacht nachträgliche Herstellungskosten. Die Kosten für das Streichen des Treppenhauses stehen in räumlichem und zeitlichem Zusammenhang mit dem Aufzugeinbau und zählen daher ebenfalls zu den nachträglichen Herstellungskosten. Die AfA Bemessungsgrundlage erhöht sich durch die nachträglichen Herstellungskosten. Die Erneuerung des Fußbodenbelags steht nicht im Zusammenhang mit dem Aufzugeinbau. Sie ist sofort abziehbarer Erhaltungsaufwand. Vergleicht man die neue Restabschreibungsdauer von 30,1 Jahren mit der bisherigen Restnutzungsdauer von (33 Jahre/. 3,75 Jahre) 29,25 Jahren so ergibt sich durch die Investition eine Verlängerung des Abschreibungszeitraums. Dieses Beispiel zeigt, dass der Erhaltungsaufwand sich nicht auf den Buchwert auswirkt, wohl aber die nachträglichen Herstellungskosten. Investiert man in eine Immobilie über den Erhaltungsaufwand hinaus, so wirkt sich dies auch in der Bilanz nach HGB aus. Allerdings 46 Vgl. Beuttler, M. (2001), S. 902 f. Ursprüngliche Herstellungskosten 600.000,-- € Nachträgliche Herstellungskosten (92.000,-- € + 6.000,-- €) 98.000,-- € Neue AfA Bemessungsgrundlage zum 01.04.2005 698.000,-- € Davon AfA 3% (neue AfA: 698.000,-- €* 3%) 20.940,-- € Ursprüngliche Herstellungskosten 600.000,-- € ./. AfA bisher 3%, Für den Zeitraum 01.07.2001 –31.03.2005 = 39/12 Jahre - 67.500,-- € Buchwert zum 31.03.2005 532.500,-- € + nachträgliche Herstellungskosten 98.000,-- € Neues AfA Restvolumen (Buchwert zum 01.04.2005) 630.500,-- € geteilt durch neue AfA(630.500,-- €/ 20.940,-- €) = Restabschreibungsdauer 30,1 Jahre. Kalkulation AbschreibungszeitraumAbbildung 79: 1796.3 Aspekte der Bilanzierung im Real Estate Asset Management spiegelt der erhöhte Buchwert nicht den gegenwärtigen Verkehrswert wider, denn die Wertsteigerung, die durch den Einbau des Aufzugs in eine Büroimmobilie entsteht, kann weit mehr wert sein als die nachträglichen Herstellungskosten. Dieser gegenwärtige Verkehrswert kann in der Bilanz nach HGB nicht berücksichtigt werden, da § 253 Absatz 1 HGB vorschreibt, dass Vermögensgegenstände höchstens mit den Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten anzusetzen sind. Dies zeigt, dass Jahresabschlussdaten allein nicht geeignet sind, um eine zuverlässige und umfassende Information über den Wert des Immobilienbestandes eines Unternehmens zu erhalten. Der Buchwert einer Immobilie nimmt aufgrund der planmäßigen Abschreibungen stetig ab, wenn nur Erhaltungsaufwand betrieben wird. Die obige Abbildung zeigt diese Entwicklung des Buchwerts einer Immobilie bei linearer Abschreibung. Ob überhaupt Erhaltungsmaßnahmen getätigt wurden und sofern, in welchem Umfang, ist nicht zu erkennen. Der Realität der Wertentwicklung einer Immobilie entspricht wohl eher die in der nachfolgenden Abbildung dargestellte Situation. Sie zeigt, die Wertentwicklungen sowohl des Gebäudes als auch von Grund und Boden und somit des gesamten Anlagegutes. Bezeichnend ist die Wertentwicklung, die sowohl von der Wertsteigerung des Gebäudes als auch von der Wertsteigerung des Grund und Bodens geprägt wird. Wie im Aufzug-Beispiel erörtert, gibt es Wertsteigerungspotenzial bei Gebäuden. Selbst konsequentes Instandhalten und Renovieren beeinflussen den Buchwert nicht, es sei denn, es lägen nachträgliche Herstellungskosten vor. Dennoch können solche Maßnahmen, den Verkehrswert der Immobilie stark beeinflussen. Durch diese nicht ausgewiesenen Wertsteigerungen entstehen in der Bilanz nach HGB stille Reserven, die für den Bilanzleser nicht ersichtlich sind. Grundstücke sind zu den Anschaffungskosten in der Bilanz ausgewiesen. Sie können einem stetigen Aufwertungsprozess unterliegen, der allerdings in der Bilanz gemäß § 253 Absatz 1 nicht ausgewiesen werden darf; es entstehen ebenfalls stille Reserven. Grund und Boden Gebäude Restbuchwert Zeit AK/HK Entwicklung des Buchwerts einer Immobilie im AnlagevermögenAbbildung 80: 180 6 Aspekte der Bewertung und Bilanzierung im Real Estate Asset Management Viele Aktiengesellschaften verfügen im Anlagevermögen über einen großen Bestand an Grundstücken und Gebäuden, die nur noch mit einem Erinnerungswert in der Bilanz stehen. Selbst wenn die abgeschriebenen Gebäude nicht mehr viel wert sind, so können die Grundstücke auf denen sie stehen durch den stetigen Aufwertungsprozess einen bedeutenden Wertzuwachs in den letzten Jahren erfahren haben. Hier liegen beträchtliche stille Reserven vor, zumal diese Grundstücke darüber hinaus nur mit den ursprünglichen Anschaffungskosten in der Bilanz stehen. Der handelsrechtliche Jahresabschluss kann die wirtschaftliche Lage des Unternehmens gar nicht umfassend zutreffend widerspiegeln, entgegen der gesetzlichen Anforderungen, wenn es zur Bildung beträchtlicher stiller Reserven kommen kann. Beim Bestehen stiller Reserven können dem Bilanzleser Informationen fehlen, die ihn dann von einer Investition abhalten. Entwicklung des tatsächlichen Werts und des Buchwerts einer Immobilie Abbildung 81: im Anlagevermögen Kapitalwert Anschaffungskosten Grund und Boden Kapitalwert Anschaffungskosten (planm. Abschreibung) Wert: Grund und Boden 5 10 20 40 … n Zeit / Jahre Sanierung Modernisierung 1816.3 Aspekte der Bilanzierung im Real Estate Asset Management 6.3.2 Bilanzierung nach IFRS – Auswirkung auf die Wertansätze von Immobilien 6.3.2.1 Ziele und Adressaten der IFRS Die International Financial Reporting Standards (IFRS) sind supranationale Normen. Sie haben zunächst keine rechtsbindende Wirkung. Ziel der Erstellung des Jahresabschlusses nach IFRS ist die Vermittlung von Informationen über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens (und über deren Veränderung). Mit dieser Ausrichtung unterscheidet sich IFRS ganz bedeutsam vom HGB, das den Schutz des Gläubigers der Unternehmung als zentrales Anliegen zum Inhalt hat. Entscheidungsrelevant für Anleger sind die Jahresabschlussinformationen nach IFRS wie z. B. die zukünftigen Zahlungsströme (Cashflows), denn diese beeinflussen ihre Entscheidungen.47 Investoren sind auch die Eigenkapitalgeber. Aus obiger Übersicht wird deutlich, dass die IFRS nur Informationsfunktionen aufweisen. Der IFRS Abschluss ist nicht Grundlage für Dividenden- und Ertragssteuerzahlungen. 6.3.2.2 Bilanzierungs- und Bewertungsgrundsätze Ein vollständiger Jahresabschluss nach IFRS besteht gemäß IAS 1.7 aus folgenden Bestandteilen: 47 Vgl. Wöhe, G. (2008), S. 823. 48 Vgl. ebenda, S. 823. IFRS HGB Adressatenkreis Shareholder/ Stakeholder Stakeholder Adressatenvorrang Eigenkapitalgeber (Anteilseignerschutz) Fremdkapitalgeber (Gläubigerschutz) Funktion Informationsfunktion Informations- und Zahlungsbemessungsfunktion Adressaten und Funktionen nach IFRSAbbildung 82: 48

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References

Zusammenfassung

Asset Management ist das beherrschende Thema der immobilienwirtschaftlichen Fachöffentlichkeit seit Anfang 2006. Grund für diese beachtliche Entwicklung ist die dominierende Präsenz ausländischer Investoren auf dem deutschen Immobilienmarkt in der jüngeren Vergangenheit. Diese Investoren - zumeist aus dem angelsächsischen Raum - importierten gleichermaßen ein neues Anspruchsdenken, was die professionelle Betreuung von Immobilien betrifft. Ausgehend von dem Asset Management-Ansatz aus der Finanzwirtschaft wird das aktive Wertmanagement der Immobilien nach international kompatiblen Standards erwartet. Diese Entwicklung bedeutet auch einen kontinuierlichen Reifeprozess der Assetklasse Immobilie als kapitalmarktfähige Anlage. Die immer stärkeren Auswirkungen der globalen Finanzmärkte (vgl. Subprime-Krise) erfordern ein professionelles Asset Management für Immobilien auch in Deutschland.

Dieses Handbuch stellt das komplexe Thema in übersichtlicher und umfassender Form dar.

- Begriffsdefinition und Einordnung

- Ziele und Aufgaben

- Der Wertschöpfungsprozess

- Theoretische Grundlagen

- Immobilien und Kapitalmarkt

- Aspekte der Bewertung und Bilanzierung

- Performancemessung für Immobilienportfolios

- Investment- und Wertschöpfungsstrategien

- Risikomanagement für Immobilien

- Controlling und Reporting

- Informationsmanagement und Informationstechnologie

- Real Estate Asset Management in der Investment-Phase

- Real Estate Asset Management in der Bestandsphase

- Real Estate Asset Management in der Exit-Phase

- Markt und Wettbewerb im Real Estate Asset Management

- Anbieter Real Estate Asset Management

- Immobilienkennzahlen und Formeln

Prof. Dr. oec. Hanspeter Gondring FRICS, Studiengangsleiter Immobilienwirtschaft im Institut für Finanzwirtschaft an BA Stuttgart/University of Cooperative Education und wissenschaftlicher Leiter der ADI Akademie der Immobilienwirtschaft.

Dipl.-Kfm. Thomas Wagner, MRICS war über 8 Jahre Leiter des Bestands- und Portfoliomanagements bei der Union Investment

Real Estate AG. Seit 2005 betreut er internationale Investoren in den Bereichen Asset Management und Investment Management.

Das Buch richtet sich in erster Linie an Praktiker, die ihr Wissen in diesem Bereich erweitern wollen. Hier kommen insbesondere Mitarbeiter und Führungskräfte von Unternehmen in Betracht, die mittelbar oder unmittelbar mit Asset Management Themen konfrontiert sind, d.h. Immobilienverwalter, Projektentwickler, Immobilien-Berater, Makler, Fonds, Immobilien-AGs etc.

Es richtet sich aber auch an Studenten immobilienwirtschaftlicher Studiengänge und Teilnehmer von Aufbaustudiengängen bzw. Weiterbildungslehrgängen.