Content

Sven Beyer, Günther Keller, 18.1 Einführung in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 412 - 417

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_412

Bibliographic information
18 Bewertung von Energieversorgungsunternehmen Von Sven Beyer und Günther Keller* 18.1 Einführung Unter Energieversorgung wird im allgemeinen Sprachgebrauch die Wertschöpfungskette von der Erschließung von Energiequellen, deren Wandlung in vielseitig verwendbare Energieträger sowie der anschließende Transport zu den Endverbrauchern verstanden. Nach der Definition des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) versteht man unter Energieversorgungsunternehmen (EVU) „natürliche oder juristische Personen, die Energie an andere liefern, ein Energieversorgungsnetz betreiben oder an einem Energieversorgungsnetz als Eigentümer Verfügungsbefugnis besitzen“1. Energie ist nach § 3 EnWG, Nr. 14 als „Elektrizität und Gas, soweit sie zur leitungsgebundenen Energieversorgung verwendet werden“ definiert. EVU umfassen in der Praxis aber häufig auch die Geschäftsfelder Versorgung mit Fernwärme, Wasser, die (Abfall-)Entsorgung sowie die Bereitstellung von verwandten Dienstleistungen. Die Bezeichnung Energieversorger bzw. Energieversorgungsunternehmen ist dann deckungsgleich mit der des Multi-Utility-Unternehmens. * Dr. Sven Beyer ist Partner im Bereich Corporate Finance und Dr. Günther Keller ist als Director im Bereich Corporate Finance der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tätig. 1 Vgl. EnWG vom 7. Juli2005, BGBl. I S. 1970, ber. S. 3621, zuletzt geändert am 25. Oktober 2008, BGBl. I S. 2101, § 3, Nr. 18. 18.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 18.2 Bewertungsverfahren und Bewertungsanlässe in der Energieversorgerbranche . . . . . . . . . . 406 18.2.1 Bewertungsobjekte und -verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 18.2.2 Gesellschaftsrechtliche und vertragliche Bewertungsanlässe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 18.2.3 Rechnungslegungsbezogene Bewertungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 18.3 Gesamtbewertung von Energieversorgungsunternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 18.4 Bewertung von Netzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 18.4.1 Strom- und Gasnetze als Bewertungsobjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 18.4.2 Grundstruktur eines DCF-Kalküls für eine Netzbewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421 18.4.3 Ableitung der Cash Flows eines Netzbetreibers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 18.4.4 Bewertung auf Basis des Sachzeitwertverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 18.5 Bewertung von Kraftwerken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 18.5.1 Kraftwerke als Bewertungsobjekte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 18.5.2 Grundstruktur eines DCF-Kalküls für eine Kraftwerksbewertung. . . . . . . . . . . . . . . . 434 18.5.3 Ableitung der Cash Flows eines Kraftwerks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 18.6 Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 18.7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443 Sven Beyer und Günther Keller402 Die exponierte Stellung der Branche in Bezug auf ihre gesellschaftliche Bedeutung in allen Lebensbereichen, der Charakter ihrer Produkte als Bestandteil der Deckung menschlicher Grundbedürfnisse zum Einen und als gesamtwirtschaftlich strategisches Basiselement der modernen Industrie- und Wissensgesellschaft zum Anderen sichern ihr eine hohe politische und mediale Aufmerksamkeit und sorgen für eine hohe Sensibilität gegenüber allen Entwicklungen, von der Diskussion über Verbrauchspreise bis zur Veräußerung von Unternehmen oder Unternehmensteilen, wie aktuell z.B. dem deutschen Höchstspannungsnetz. Gleichzeitig waren in vielen Ländern und auch in Deutschland die Energiemärkte durch Monopolstrukturen gekennzeichnet. Diese waren im Hinblick auf das Oberziel „Versorgungssicherheit“ teils staatlich begründet oder resultierten aus historisch gewachsenen Umständen, wie es z.B. bei den Versorgungsnetzen der Fall ist. Die Energieversorgung ist durch eine vergleichsweise hohe Anlagenintensität, den in gewissem Umfang vorhandenem Zwang zur räumlichen Nähe zum Endverbraucher, die stark eingeschränkte Speicherfähigkeit des Endprodukts im Fall von Strom und Wärme sowie eine Vielzahl von technisch bedingten bewertungsrelevanten Besonderheiten gekennzeichnet. Dies kommt auch in der relativen Bedeutung materieller und immaterieller Werttreiber zum Ausdruck. Im Unterschied zu vielen anderen Industrien, bei denen zwischenzeitlich die immateriellen Faktoren, wie Marken, Kundenbeziehungen oder technologiebasierte Werte eine maßgebliche Rolle spielen, sind für Versorgungsunternehmen nach einer Studie der KPMG neben den materiellen Werten, wie Kraftwerke oder Netze auch vertraglich basierte immaterielle Werte, wie z.B. Betriebslizenzen, Leistungs- und Betriebsführungsverträge sowie vorteilhafte Verträge für den Bezug von Rohstoffen, von Relevanz. Eine weitere Besonderheit für die Bewertung von Energieversorgern resultiert aus den Liberalisierungsbemühungen der Europäischen Union (EU), die seit 1998 zu einer massiven Veränderung der Markt- und Wettbewerbsverhältnisse geführt haben. In der sogenannten Pre-Deregulierungsphase lag in den national abgegrenzten europäischen Teilmärkten quasi kein Wettbewerb vor und die Unternehmensziele waren insbesondere auf die Themen Versorgungssicherheit und ein hohes technisches Niveau ausgerichtet. Die erste Deregulierungsphase von 1998 bis 2001 wurde eingeleitet durch die Öffnung der nationalen Strommärkte durch die EU und die damit einhergehende Energierechtsnovelle. Diese Phase war insbesondere durch einen hohen Preiswettbewerb gekennzeichnet. Eine Besonderheit in Deutschland war der Abschluss einer privatwirtschaftlich erstellten Verbändevereinbarung für die Festlegung der Durchleitungsentgelte für Netze an Stelle eines institutionalisierten Regulierers. Als Beginn der zweiten Deregulierungsphase, die durch einen differenzierten Wettbewerb auf den jeweiligen Wertschöpfungsstufen gekennzeichnet ist, kann das Jahr 2002 gesehen werden. In der dritten Phase ab dem Jahr 2005 wurde die Verbändevereinbarung durch das EnWG und entsprechende Verordnungen, wie die Strom- und Gasnetzentgeltverordnung (StromNEV und GasNEV), ersetzt und, wie in anderen Ländern bereits geschehen, ein Regulierer für den Strom- und Gasmarkt eingesetzt. Verhandelte Netzentgelte wurden durch kostenbasierte Netzentgeltkalkulationen auf Basis von Verordnungen ersetzt. Als vierte Phase kann das Jahr 2009 mit dem Start der Anreizregulierung (ARegV) und der damit einhergehenden Ablösung der kostenbasierten Entgeltkalkulation durch anreizgesteuerte Vorgaben in Form von Erlösobergrenzen durch die Bundesnetzagentur angesehen werden. Abb. 18-1 zeigt exemplarisch die Entwicklung für den Strommarkt. Die in vielen Indus triestaaten vorherrschende fast vollständig vertikal integrierte Wertschöpfungskette von Energieversorgungsunternehmen entwickelt sich im Zeitablauf seit Start der Liberalisierung in den Bereichen Strom und Gas zu einer vielfältigen und überwiegend wettbewerbsorientierten Aktivitätenkette mit separaten Marktsegmenten. Die Entwicklung im, aus Bewertungssicht ebenfalls sehr aktiven, Gasmarkt verläuft ähnlich aber zeitlich verzögert. Im weiteren Verlauf der Darstellung wird daher ausschließlich das Segment „Strom“ berücksichtigt. In Abb. 18-2 werden die Wertschöpfungsstufen für Strom von der Erzeugung bis zur Lieferung an den Endkunden graphisch dargestellt. In der Pre-Deregulierungsphase wurde der Prozess in die vier Stufen Erzeugung (Power Plant ➀), Handel, Transport (Transmission Grid TSO2 ➁) 2 TSO = Transmission System Operator. 18 Bewertung von Energieversorgungsunternehmen 403 und Verteilung (Distribution Grid DSO3 ➂) sowie Vertrieb (Large und Small scale industry, Private households ➃) unterteilt. Der überwiegende Teil der Stromerzeugung (➀) stammt von den vier überregional agierenden Verbundunternehmen E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW. Diese sind an das internationale Stromnetz angebunden4 und betreiben auch die Höchstspannungs- bzw. Übertragungsnetze der 380 kV/220 kV- Ebene (➁). Für die Analyse der Erzeugung ist der Mix der für die Verstromung zum Einsatz kommenden Energieträger von Bedeutung, da für diese unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen und (steuerliche) Förderprogramme existieren. Unterschieden werden die klassischen Energieträger Kernenergie, Steinkohle, Braunkohle und Gas sowie die Erneuerbaren Energien5 Wind, Sonne, Biomasse, Wasserkraft einschließlich Gezeitenkraftwerke sowie Geothermie.6 Damit in engem Zusammenhang steht der Einsatz des Kraftwerks hinsichtlich der Lastverteilung. Kernkraftwerke sowie Wasserkraftwerke zählen zu den sog. Dauerläufern und werden dementsprechend für die Bereitstel- 3 DSO = Distribution System Operator. 4 Es handelt sich um einen europäischen Netzverbund. In der Union for the Co-ordination of Transmission of Electricity (UCTE) sind für die Koordinierung des Netzbetriebes auf europäischer Ebene derzeit 34 Übertragungsnetzbetreiber aus 22 Ländern zusammengeschlossen. 5 Der Begriff „Erneuerbare Energien“ steht allgemein für Energie von nicht-fossilen Energieträgern, wie z.B. Wind, Wasser und Biomasse. Aus Gründen des Klimaschutzes und der begrenzten Verfügbarkeit unserer Ressourcen gewinnen erneuerbare Energien zunehmend an Bedeutung. In Deutschland weist der Markt für erneuerbare Energien hohe Wachstumsraten auf. Dies ist insbesondere auch auf das Erneuerbare-Energien- Gesetz (EEG) zurückzuführen, das die Förderung des Ausbaus der erneuerbaren Energien zum Ziel hat. 6 Aufschluss über die erwarteten Entwicklungen der Energiemärkte bis 2030 gibt der vierte Energiereport von Prognos und dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln. Demnach wird der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch bis 2030 auf 11,5 % ansteigen. Mehr als die Hälfte sollen dabei in die Stromerzeugung gehen, die im Jahr 2030 zu ca. 25 % auf erneuerbaren Energien basieren soll. Vgl. Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln/Prognos AG (2005), S. VII. Bis 1997 2002–2004 2005–2008 Ab 20091998–2001 Kein Wettbewerb Pre- Deregulierung 1. Welle 2. Welle 3. Welle 4. Welle Hoher Preiswettbewerb Differenzierter Übergang vom Start der Anreizregulierung (Gebietsmonopole) Reguliert Marktumfeld Deregulierung Wettbewerb je Wertschöpfungsstufe Hohe Renditeanforderungen verhandelten zum regulierten Netzzugang Errichtung der Bundesnetzagentur als Regulierungsbehörde Ablösung der kostenbasierten Entgeltkalkulation durch anreizorientierte Regulierung Vorgabe von Erlös- Gesetzlicher Kostenbasierte Netzentgeltkalkulation auf Basis von Verordnungen obergrenzen durch die Bundesnetzagentur Zweites Gesetz zur Verordnung über die Anreizregulierung der Verbändevereinbarungen (VV)barungen (VV) Verbändevereinund regulatorischer Rahmen Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts (07.07.2005) Verordnung über die Entgelte für den Zugang zu Elektrizitätsversor- Energieversorgungsnetze (Anreizregulierungsverordnung – ARegV) (29.10.2007) Erstes Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts (EnWG) (24.4.1998) gungsnetzen (Stromnetzentgeltverordnung – StromNEV) (25.7.2005) Verordnung über die Entgelte für den Zugang Erneuerbare-Energien- Gesetz (EEG) (29.3.2000) Kraft-Wärme-Kopplungs- Gesetz (KWK-G) (12.5.2000) zu Gasversorgungsnetzen (Gasnetzentgeltverordnung – GasNEV) (25.7.2005) Quelle: KPMG-Analyse Abb. 18-1: Entwicklungswellen im Strommarkt Sven Beyer und Günther Keller404 lung der Grundlast herangezogen.7 Kohlekraftwerke werden häufig im Mittellastbereich eingesetzt während insbesondere kleinere Gaskraftwerke für den Spitzenlastbereich geeignet sind. Strom aus den Erneuerbaren Energiequellen wird entsprechend den verfügbaren Kapazitäten in das Netz eingespeist.8 Seit 1998 existiert für Strom ein Großhandelsmarkt, an dem Strom entweder direkt zwischen zwei Händlern oder an einer speziellen Börse, der European Energy Exchange AG (EEX) mit Sitz in Leipzig, gehandelt werden.9 Die EEX stellt die umsatz- und teilnehmerstärkste Energiebörse in Kontinentaleuropa dar. Neben Strom werden hier auch Erdgas, Kohle und CO2-Emissionsberechtigungen gehandelt. Am Stromhandelsmarkt wird vorwiegend Spot- und Terminhandel für Energieprodukte und energienahe Produkte betrieben.10 Die Verteilnetzbetreiber (➂) sind quasi das Ergänzungsstück zu den Übertragungsnetzbetreibern (➁). Sie betreiben auf regionaler und kommunaler Ebene teils Hochspannungsnetze (110 kV-Ebene), schwerpunktmäßig aber die Mittelspannungsnetze (10 kV- bis 30 kV-Ebene) und Niederspannungs- 7 Vgl. Bundesnetzagentur (2008c), S. 69. 8 Vgl. E.ON AG (2009a). 9 Vgl. EnBW AG (2007), S. 27 ff.; vgl. weiterhin European Energy Exchange AG (EEX) (2009). 10 Vgl. Konstantin, P. (2009), S. 44. Quelle: RWE AG (Hrsg.) (2008), S. 214 Abb. 18-2: Wertschöpfungskette Strom 18 Bewertung von Energieversorgungsunternehmen 405 netze (400 V/230 V) bis zum Übergabepunkt an den Endkunden oder einen sog. Weiterverteiler.11 Als Verteilnetzbetreiber agieren neben den Verbundunternehmen insbesondere regionale Stromversorger und Stadtwerke. Der Vertrieb von Strom (➃) umfasst den Absatz an den Endkunden innerhalb der örtlichen Versorgungsgebiete. Als Endverbraucher kommen sowohl private Haushalte als auch gewerbliche und industrielle Abnehmer in Frage, die über die örtlichen Verteilnetze mit Strom versorgt werden. Seit der Deregulierung des Strommarktes und der Beendigung der Gebietsmonopole kann heutzutage jeder Stromkunde den Stromversorger frei wählen.12 Vertikal integrierte Energieversorger decken insbesondere im Strom- und Gasbereich sämtliche Wertschöpfungsstufen beginnend mit der Stromerzeugung bzw. dem Gasimport bis hin zum Endkundengeschäft im Strom- und Gasbereich ab. Einen besonders hohen Grad an vertikaler Integration weisen auf dem deutschen Markt die vier großen Verbundunternehmen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall auf. Daneben gibt es auf den meisten Wertschöpfungsstufen weitere spezialisierte Unternehmen, die nur bestimmte Bereiche der Wertschöpfungskette anbieten. Eine besondere Bedeutung im deutschen Markt kommt der großen Anzahl an Stadtwerken und weiteren Regionalversorgern zu, die oftmals auch ein hohes Maß an vertikaler Integration aufweisen können, da sie neben den Verteilnetzen und dem Vertrieb teils auch eigene Erzeugungskapazitäten (oftmals Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung, die eine Kombination mit dem Geschäftsbereich Wärme ermöglichen) besitzen. Einen Überblick für den derzeitigen deutschen Strommarkt zeigt Abb. 18-3. Die gegenwärtige Marktstruktur der Anbieter ist auch Ausdruck der starken Veränderung durch die Liberalisierungswellen seit 1998. Diese haben zwischenzeitlich zu einer starken Veränderung der Wertschöpfungsstufen aus Sicht der integrierten Versorger geführt. Abb. 18-4 zeigt die Des- und Reintegration am Beispiel Strom. Dieser Prozess ist noch nicht zum Abschluss gekommen und in den einzelnen Bereichen stark unterschiedlich ausgeprägt. Wesentliche Differenzierung unter Bewertungsgesichtspunkten ist die Frage, ob das jeweilige Segment einer Regulierung unterliegt (z.B. Strom- oder Gasnetz) oder ob es sich um einen Bereich handelt, in dem Wettbewerb vorhanden ist (z.B. im Bereich der Stromerzeugung oder im Endkundenmarkt). 11 Vgl. EnBW AG (2007), S. 33; Konstantin, P. (2009), S. 395. 12 Vgl. Ridder, N. (2007), S. 91. Größere Stadtwerke Stromerzeugung 4 Großkraftwerkbetreiber mit eigenen Kraftwerken Unabhängige Großstromerzeuger Industrie, private Betreiber > 200 Teilnehmer an der Strombörse EEX Bilateraler Stromhandel (davon rund 140 ausl. Teilnehmer) Stromhandel Energiemakler Übertragung 4 große Übertragungsnetzbetreiber Verteilung 900 lokale und regionale Ausländische Betreiber in Verteilnetzbetreiber Grenzregionen Vertrieb 900 „traditionelle“ Stromlieferanten „Neue“ Stromlieferanten Ökostromanbieter Quelle: RWE Trading 2007, MVV Factbook 2008, VDEW Abb. 18-3: Akteure im deutschen Strommarkt Sven Beyer und Günther Keller406 18.2 Bewertungsverfahren und Bewertungsanlässe in der Energieversorgerbranche 18.2.1 Bewertungsobjekte und -verfahren Vorbemerkung Die Durchführung einer Bewertung erfordert eine sorgfältige Abgrenzung des Bewertungsobjekts sowie die Auswahl einer für den Bewertungszweck angemessenen Bewertungsmethode. Eine Besonderheit im Zusammenhang mit Bewertung im Bereich der Energieversorgungsbranche liegt in der Frage begründet, ob die zu bewertende Einheit als Geschäftsbetrieb analog einem Unternehmen zu bewerten ist, oder ob der Bewerter die Perspektive einnehmen soll, dass es sich um ein Bündel einzelner Vermögenswerte handelt, die in Summe den Gesamtwert der Einheit ausmachen. Diese Fragestellung tritt insbesondere bei Kraftwerken und Netzen auf. Gleichzeitig ist vor dem Hintergrund der oftmals großen Bedeutung des Sachanlagevermögens ein Abgleich der Ergebnisse, die bei Anwendung der markt-, kapitalwert- und kostenorientierten Verfahren gewonnnen werden, zu empfehlen. Wahl des Bewertungsverfahrens Bei der Bewertung von Energieversorgern kommen regelmäßig alle drei Bewertungsverfahren zum Ansatz.13 Alle drei Verfahren sind dabei grundsätzlich anwendbar auf ganze Unternehmen oder Unternehmensteile bzw. auf Bündel von Vermögenswerten oder auch einzelne Vermögenswerte (z.B. örtlich abgegrenzte Teile eines Netzgebiets, einzelne Erzeugungsanlagen, Konzessionsvertrag, o.ä.). In der Praxis nehmen die kapitalwertorientierten Verfahren eine dominierende Stellung ein, da sie regelmäßig bei allen Bewertungsanlässen in der Energiebranche zum Einsatz kommen. Eine Sonderstellung in der 13 Vgl. zu den Verfahren ausführlich Beyer, S. (2008a) und Beyer, S./Mackenstedt, A. (2008). Erzeugung Handel Verteilung Transport und Verteilung Großhandelsmarkt (Wettbewerb) Endkundenmarkt (Wettbewerb) Erzeugung Broker Händler Börse Haushaltskunden Industriekunden Buyer Agent New Entrants Netze (Reguliert) Transport Asseta Verteilung AssetISO Transport Operation Verteilung Operation Quelle: Bausch, A./Raiffeiner, T. (2003), S. 8 Abb. 18-4: Des- und Reintegration der Wertschöpfungsstufen

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

"Die Beiträge sind sehr anschaulich … Das Werk und seine einzelnen Beiträge können jedem empfohlen werden, der sich mit Fragen der Unternehmensbewertung … beschäftigt."

Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.