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Wolfgang Merk, 16.3 Bewertungsmethoden in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 373 - 384

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_373

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Wolfgang Merk362 sungen auszuschreiben. Dadurch haben sich häufig Gemeinschaftspraxen gebildet, bei denen jeder der Partner nur noch über eine „halbe“ Zulassung verfügt. Dies geht in aller Regel auch mit einer Halbierung der vertragsärztlichen Abrechungsmöglichkeiten einher. Genauso wird es häufig notwendig, Abfindungsansprüche zu beziffern, wenn Gesellschafter aus der Praxis wieder ausscheiden. Hierbei muss auf vertraglich bestimmte Abfindungsklauseln geachtet werden, insbesondere ist hier zu berücksichtigen, ob in einem gesperrten Gebiet die Zulassung des ausscheidenden Partners der Praxis zur Neuausschreibung hinterlassen wird, oder ob die Zulassung der Praxis verloren geht. Es stellt einen signifikanten Unterschied dar, ob eine Praxis als vertragsärztliche Einzelpraxis oder als Gemeinschaftspraxis fortgeführt werden kann. Zunehmend wird auch die Fusion von mehreren Praxen zum Bewertungsanlass, dabei sind i.d.R. die Verschmelzungsverhältnisse zu berechnen. Ehescheidung • Da die meisten Praxisinhaber in gesetzlicher Zugewinngemeinschaft leben, kommt es im Scheidungsfall fast immer zu diametral entgegenstehenden Auffassungen über den Praxiswert. Bei „Scheidungsgutachten“ wird es sehr häufig notwendig, stichtagsbezogen praxisbezogene Forderungen und Verbindlichkeiten festzustellen sowie die latente Ertragssteuerlast zu berechnen. Zu berücksichtigen sind hierbei insbesondere Bewertungsprämissen von Arztpraxen, die sich durch die Rechtssprechung entwickelt haben.25 Sonstige Bewertungsanlässe • Darüber hinaus kommen wie in anderen Branchen noch eine Vielzahl von Sonderfällen vor, z.B. Todesfälle und Erbregelungen, Schadensereignisse oder wie die bereits oben erwähnte vertragsarztrechtlich bestimmte Verkehrswertfeststellungen nach § 103 SGB V26. Wie bei jeder Unternehmensbewertung sind natürlich auch bei der Bewertung von Arztpraxen insbesondere Annahmen darüber zu treffen, ob die Praxis fortgeführt wird (going concern-Annahme) oder ob sie zerschlagen wird (Liquidations- oder Zerschlagungsannahme). 27 16.3 Bewertungsmethoden Bezogen auf Arzt- und Zahnarztpraxen hat es sich unabhängig von dem Bewertungsanlass und von der Bewertungsmethode eingebürgert, zwischen ideellem Wert und materiellem Wert zu unterscheiden.28 Dabei kann der ideelle Wert als der Wert definiert werden, der sich aus der Zusammenfassung der bisher erworbenen Positionen und Beziehungen einer gut eingeführten, allgemein bekannten Praxis mit festem Patienten-/Überweiserstamm und gut geführter Dokumentation und der daraus folgenden Möglichkeit einer Auswertung und Weiterarbeit für einen Praxisübernehmer ergibt.29 Es sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass es sich, mit Ausnahme der Ertragswertmethode und der DCF-Verfahren, bei allen der nachfolgend beschriebenen Methoden nicht um theoretisch fundierte Bewertungsmethoden auf Basis eines investitionstheoretischen Kalküls handelt, sondern viel eher um mehr oder weniger vereinfachte Methoden zur Kaufpreisfindung. Da sie aber im Zusammenhang mit 25 Vgl. hierzu Boos, F. : Bewertung von Arztpraxen im Rahmen des Zugewinnausgleichs. In: MedizinRecht, Heft 4 (2005), S. 203–208. 26 Henkel, M. P.; Merk, W.: Zur Bedeutung des Verkehrswerts einer Praxis bei der Nachfolgezulassung. Eine Besprechung des Urt. v. 30.05.2001 des SG Dortmund – S 9 Ka 60/01, In: MedizinRecht (2002), Heft 6. 27 Diese altbekannte Prämissenbildung ist insbesondere zu berücksichtigen, wenn es darum geht, den „Wert“ einer vertragsärztlichen Zulassung zu bestimmen. 28 Vgl. grundsätzlich auch die erste umfangreichere betriebswirtschaftliche Veröffentlichung zum Thema: Gatzen, M.: Bewertung von Arztpraxen, Bergisch Gladbach; Köln 1992; zugleich Köln, Univ. Diss. 1991. 29 Vgl. hierzu OLG Karlsruhe, Urt. vom 24.5.1989. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 363 der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen häufig als Bewertungsmethode diskutiert werden, sollen sie nachfolgend auch unter diesem Terminus thematisiert werden.30 16.3.1 Faustformeln Wie in anderen Branchen haben sich auch bei Arzt- und Zahnarztpraxen Faustformeln (Rules of Thumb) gebildet. Die gängigen Faustformeln beziehen sich dabei ausnahmslos auf den ideellen Wert einer Praxis und schlagen diesem den materiellen Wert der Praxis (üblicherweise als Zeitwert unter Fortführungsgesichtspunkten) zu. Zu berücksichtigen ist natürlich immer, welche Institution welche Faustformeln vertritt oder verbreitet. So sind Praxismakler üblicherweise an höheren Kaufpreisen interessiert, während die Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern oder ärztlichen Berufsverbände aus standespolitischen Gründen die Preise niedrig halten wollen, um ihren zukünftigen Mitgliedern einen vergleichsweise unbelasteten Einstieg in die Selbständigkeit zu ermöglichen und in der honorarpolitischen Diskussion keine hohen Einkommen durch hohe Praxiswerte zu signalisieren. Umsatzbezogene Faustformeln geben den ideellen Wert als Verhältnis zum zuletzt erzielten Jahresumsatz an. Die Spanne der „umlaufenden“ Faustformeln reicht je nach Verfasser und regionaler Lage von einem Quartalsumsatz als ideellem Wert bis hin zum 1,5 fachen des Jahresumsatzes für Praxen in gefragter Ballungsraumlage. Bei Zahnärzten wird ebenfalls häufig ein Quartalsumsatz oder Halbjahresumsatz genannt, als Variante hört man auch vereinzelt einen Bruchteil des Jahresumsatzes abzüglich der Laborkosten, die als durchlaufender Posten charakterisiert werden. Gewinnbezogene Faustformeln versuchen, den letzten Jahresgewinn vor Steuern, üblicherweise ermittelt auf Basis der steuerlichen Gewinnermittlung, mit einem Faktor zu multiplizieren. Gegebenenfalls werden noch Korrekturen am steuerlichen Gewinn als Berechungsbasis vorgenommen. Es werden hier je nach Aussage Multiplikatoren von 0,5 bis 5,0 genannt. Insgesamt kann konstatiert werden, dass es heute bei Arzt- und Zahnarztpraxen keine branchenweiten bzw. facharztbezogenen relevanten Faustformeln gibt, die als marktrelevant bezeichnet werden könnten. Man könnte die Situation auch so beschreiben, dass jeder am Verkauf einer Praxis interessierte „Bewerter“ sich je nach Bedarf seine eigene Faustformel konstruiert und für allgemeingültig erklärt. 16.3.2 Bundesärztekammermethode 16.3.2.1 Richtlinie der Bundesärztekammer aus dem Jahre 1987 Die sog. Bundesärztekammermethode wurde von der ständigen Konferenz der Rechtsberater der Bundesärztekammer erarbeitet und im Jahr 1987 verabschiedet. Sie berechnet den ideellen Wert und Sachwert einer Praxis getrennt voneinander.31 Laut der Richtlinie ist der Substanzwert unter dem Gesichtspunkt der Fortführung zu Wiederbeschaffungswerten anzusetzen. Die Berechnung des ideellen Wertes einer Praxis erfolgt dadurch, dass zunächst ein so genannter Basiswert ermittelt wird. Dieser bestimmt sich aus 1/3 des um einen kalkulatorischen Arztlohn nach Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) korrigierten Durchschnittsumsatzes der letzten 3–5 Jahre nach folgender Formel: Basiswert = (durchschnittlicher Umsatz – kalkulatorischer Arztlohn) x 1/3. Für die Festlegung des kalkulatorischen Arztlohnes besteht eine genaue Vorgabe, sie bemisst sich am Jahresgehalt eines Oberarztes nach BAT I b, brutto, verheiratet, 2 Kinder, Endstufe, ohne Mehr- 30 Bemerkenswert ist sicherlich die Tatsache, dass sich die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen eine ganze Reihe von Menschen zutrauen, die mit Bewertungen anderer Unternehmen keinerlei Erfahrung haben und dazu häufig keinen akademischen Abschluss auf ökonomischem Gebiet vorweisen können. Ebenso bemerkenswert ist, dass immer wieder versucht wird, „neue“ und „spezielle“ Bewertungsverfahren für die Bewertung von Arzt- oder Zahnarztpraxen zu kreieren. Insbesondere Finanzdienstleister aus Strukturvertrieben, ärztliche Standesorganisationen wie die KVen, Rechtsanwälte oder Berater diverser Couleur machen sich so kreativ um die Fortschreibung der Betriebswirtschaftslehre redlich verdient. 31 Vgl. hierzu und zu folgenden Ausführungen über die Bundesärztekammermethode: Bundesärztekammer, Richtlinie zur Bewertung von Arztpraxen, in: Deutsches Ärzteblatt (1987), A-926 bis A-929. Die Ursprünge der Bundesärztekammermethode reichen allerdings bis zum Ende der 1950-iger Jahre zurück. Wolfgang Merk364 arbeitsvergütung. Die Höhe des kalkulatorischen Arztlohnes ist aber abhängig von der jeweiligen Umsatzgröße. So ist von einem Umsatz in Höhe von 50.000 DM/100.000 DM/200.000 DM/ 300.000 DM jeweils 25 %/50 %/75 %/100 % des kalkulatorischen Arztlohnes anzusetzen. Unterhalb eines Umsatzes von 50.000 DM entfällt ein Ansatz. Dieser Basiswert ist dann in einem zweiten Schritt durch eine Reihe von objektiven und subjektiven Faktoren zu korrigieren. Hier werden von der Bundesärztekammer z.B. genannt: Arztdichte, Lage der Praxis, Alter des abgebenden Arztes, Patientenstruktur. In der Richtlinie werden diese Faktoren zwar genannt, eine Aussage über die konkrete Berücksichtigung dieser Faktoren erfolgt jedoch nicht. Aufgrund ihrer offensichtlichen übergroßen Komplexitätsreduzierung und der groben Missachtung betriebswirtschaftlicher Bewertungsgrundsätze wird die Bundesärztekammermethode von nahezu allen mit der Bewertung von Arztpraxen vertrauten Personen als Bewertungsmethode abgelehnt. Seit Beginn der 1990-iger Jahre besitzt sie außerdem keinen signifikanten Einfluss mehr auf das Preisbildungsgeschehen bei Arztpraxen. Dennoch hat sich die Richtlinie aufgrund ihrer Einfachheit und der Tatsache, dass sie durch eine ärztliche Standesorganisation verabschiedet wurde, weit verbreitet. Sie wird insbesondere häufig von Juristen und Steuerberatern „wiederbelebt“, die fallspezifisch in der Literatur auf die Methode stoßen und diese dann in Ermangelung detaillierter Kenntnisse kritiklos übernehmen. In der gängigen Bewertungspraxis findet man zwischenzeitlich kaum noch ein Gutachten, das den Wert einer Arztpraxis über diese Methode entwickelt. Dies liegt insbesondere daran, dass es sich dabei um ein sog. Kombinationsverfahren handelt, bei dem der Gesamtwert einer Praxis aus der Summe von Substanzwert und ideellem Wert (Goodwill) entwickelt wird, wobei beide Werte weitestgehend isoliert voneinander bestimmt werden.32 Diese Verfahren werden wie bekannt, von der Betriebswirtschaftslehre seit langem als überholt betrachtet, da für ein Unternehmen die Substanz lediglich ein Hilfsmittel zur Erzielung von Erträgen darstellt und keinen eigenständigen Wert besitzt.33 Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist neben der generellen Kritik, dass es sich um ein Kombinationsverfahren handelt insbesondere anzumerken, dass die Berechnung des Goodwill rein vergangenheitsorientiert erfolgt, indem die Methode den durchschnittlichen Umsatz der Vergangenheit als entscheidend für die Bewertung betrachtet. Eine Prüfung, ob ein Übernehmer die bisher vom Praxisabgeber erzielten Umsätze auch weiterführen kann, ist nicht vorgesehen. Des Weiteren ist auszuführen, dass der reine Umsatzbezug dieser Methode bekanntlich wenig betriebswirtschaftliche Aussagekraft hat. Letzten Endes spielt für die Bewertung einer Praxis der zukünftige, nachhaltig entnehmbare Überschuss die zentrale Rolle für eine Wertbestimmung. Dies bedeutet, dass die Kosten- bzw. die Ausgabenstruktur einer Praxis bei einer Bewertung unbedingt Berücksichtigung finden muss. Mit der Ärztekammermethode wird jedoch eine allgemeinärztliche Praxis, die einen Kostensatz von 40 % vom Umsatz besitzt, gleich bewertet wie eine radiologische Praxis, deren betriebswirtschaftlicher Gewinn ggf. nur 10 % vom Umsatz beträgt. Insofern wird die Ärztekammermethode der stattgefundenen und oben beschriebenen Heterogenisierung der ärztlichen Praxen sowohl innerhalb als auch zwischen den einzelnen Fachgruppen längst nicht mehr gerecht. Auch ist es mit der Ärztekammermethode unmöglich, die spezifischen Bewertungsprämissen, die durch den einzelnen Bewertungsanlass vorgegeben werden, ausreichend zu berücksichtigen. Eine Praxis wird nach dieser Methode gleich bewertet, unabhängig davon, ob diese als Einheit an einen Nachfolger verkauft wird oder ob mit einem „Juniorpartner“, der eine eigene vertragsärztliche Zulassung besitzt, eine Sozietät gebildet wird. Der Mulitplikationsfaktor von 1/3 außerhalb der Klammer wird von der Bundesärztekammer nicht ökonomisch begründet und soll wohl eine gewisse Marktorientierung in die Formel einbringen. Auch dürften bei der Wahl des Faktors standespolitische Interessen hinsichtlich der Gestaltung moderater Kaufpreise für Praxen eine Rolle gespielt haben. Letztlich ist die Bemessung der Zu- und Abschläge auf den Basiswert aufgrund der von der Bundesärztekammer genannten Faktoren betriebswirtschaftlich nicht isoliert ohne Bezug zur Gesamtbewertung kalkulierbar und auch nicht ökonomisch begründbar. Der Ansatz von prozentualen Zu- und Abschlägen muss damit immer willkürlich erscheinen. 32 Vgl. Pilz, D.: Die Unternehmensbewertung in der Rechtsprechung, 3. Aufl. 1994, S. 250. 33 Vgl. Münstermann, H.: Wert und Bewertung der Unternehmung, Wiesbaden 1966, S. 18. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 365 16.3.2.2 Empfehlungen der Bundesärztekammer aus dem Jahre 2008 Aufgrund der massiven Kritik an der übergroßen Komplexitätsreduktion und groben Missachtung betriebswirtschaftlicher Bewertungsgrundsätze wurde die Methode nach rund 20 Jahren durch die Bundesärztekammer reformiert. Hierzu wurde eine Arbeitsgruppe bestehend aus Juristen der Ärztekammern und betriebswirtschaftlichen Beratern der Kassenärztlichen Vereinigungen beauftragt, die oben erläuterten Richtlinien zu überarbeiten. Die neue Bundesärztekammermethode ist dabei in ihrer Verbindlichkeit herabgestuft worden, es handelt sich nicht mehr um Richtlinien sondern nur noch um „Hinweise“ zur Bewertung von Arztpraxen.34 Dadurch soll insbesondere die fehlende rechtliche Verbindlichkeit unterstrichen werden. Die Hinweise sollen nur Anhaltspunkte sein und keine Grundlage für eine abschließende Bewertung im Einzelfall darstellen. Nach der den Hinweisen vorstehenden Erläuterungen die die Bundesärztekammer nun von einer „ertragswertorientierten Methode unter Berücksichtigung von Kosten“ aus. Unveränderter sei jedoch, dass die Arztpraxis kein Gewerbebetrieb sei und sich von einem solchen in wesentlichen Punkten und Funktionen insbesondere durch die Personengebundene Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patienten unterscheiden würde.35 Laut den neuen Hinweisen der Bundesärztekammer soll der Substanzwert gesondert festgestellt und zu „Marktwerten“ angesetzt werden. Basis für die Berechnungen sind die mit den Anschaffungsund Herstellkosten aufgeführten Wirtschaftsgüter im Anlageverzeichnis der jeweils zu bewertenden Arztpraxis. Außerdem sollen technische Neuerungen, amtliche Auflagen und Preisentwicklungen Berücksichtigung finden. Der ideelle Wert des Bewertungsobjekts ist unter Berücksichtigung von Umsatz- und Kostenstrukturen, sowie einem alternativen Arztgehalt zu ermitteln. Im Ergebnis soll der nachhaltig erzielbare Gewinn für einen Prognosezeitraum festgestellt werden, wodurch eine in die Zukunft gerichtete Analyse angestellt wird. Für den Umsatz wird der um nicht übertragbare Umsatzanteile bereinigte, durchschnittliche Umsatz der letzten drei Kalenderjahre (vor dem stichtagsbezogenen Kalenderjahr) herangezogen. Ebenso gehen nur die übertragbaren durchschnittlichen Kosten der letzten drei Kalenderjahre in das Bewertungskalkül mit ein, wobei nicht übertragbare Kosten aus nicht übertragbaren Umsatzanteilen resultieren. Die Differenz der ermittelten Größen ergibt schließlich den übertragbaren Gewinn. Für die Berechnung des ideellen Wertes muss ferner ein alternatives Arztgehalt berücksichtigt werden, das in seiner Höhe durch den übertragbaren Umsatz determiniert wird. Dabei gilt: ab einem übertragbaren Umsatz von 40.000 €/65.000 €/90.000 €/115.000 €/140.000 €/165.000 €/190.000 €/215.000 € /240.000 € sind jeweils 20 %/30 %/40 %/50 %/60 %/70 %/80 %/90 %/100 % des Arztgehaltes in Abzug zu bringen, wobei als Ausgangswert 76.000 € die Basis bilden sollen. Liegt der übertragbare Umsatz unter 40.000 € ist kein Abzug vorgesehen. Der ermittelte übertragbare Gewinn ist in einem dritten Schritt um einen so genannten Prognosemultiplikator zu ergänzen, der multiplikativ die Anzahl der Jahre der Patientenbindung an die Praxis durch den bisherigen Praxisinhaber abbilden soll. Die Hinweise geben hier für die Einzelpraxis einen Wert von zwei Jahren vor, für Berufsausübungsgemeinschaften einen Wert von 2,5 Jahren. Formal stellen sich die Hinweise zur Bewertung von Arztpraxen damit wie folgt dar: PW = IW + SW PW = [((U – K) – A) · P] · x + SW mit: PW = Praxisgesamtwert IW = ideeller Wert SW = Substanzwert U = übertragbarer Umsatz (durchschnittlicher bereinigter Jahresumsatz der letzten drei Kalenderjahre K = übertragbare Kosten (durchschnittliche bereinigte Kosten der letzten drei Kalenderjahre) 34 Vgl. Bundesärztekammer, Hinweise zur Bewertung von Arztpraxen, in: Deutsches Ärzteblatt (2008), 105 (51–52): A-4 bis A-6. 35 Dabei ignoriert die Bundesärztekammer, dass immer häufiger Arztpraxen Gewerbesteuerpflichtig werden. Wolfgang Merk366 A = kalkulatorisches Arztgehalt x = wertbeeinflussender Faktor (Abweichung von max. 20 % des ideellen Wertes) P = Prognosemultiplikator (2,0 oder 2,5) Der Faktor x soll wertbeeinflussenden Faktoren Rechnung tragen, durch die eine Erhöhung oder Verringerung des ideellen Wertes um max. 20 % erreicht werden kann. Als zu berücksichtigende Faktoren werden beispielsweise angeführt: Ortslage der Praxis, Praxisstruktur, Arztdichte, Qualitätsmanagement, regionale Honorarverteilung für den Vertragsarzt, Dauer der Berufsausübung des abgebenden Arztes, ggf. die öffentlich-rechtliche Zulassung u.s.w. Die Ärztekammer hat ihren neuen Hinweisen zur Bewertung von Arztpraxen die gravierende Mängel der Vorgängermethode keinesfalls behoben. Auch wenn laut den Hinweisen ein „ertragswertorientiertes“ Kalkül die Basis der Bewertung bilden soll, so stellt die Methode eben kein Ertragswertverfahren dar. Es handelt sich immer noch um ein Kombinationsverfahren, das den Substanzwert losgelöst von dem ideellen Wert (Goodwill) betrachtet. Völlig befremdlich ist dabei die Vorgabe der Ärztekammer, dass der Substanzwert sich aus den „Marktwerten“ für jedes einzelne Wirtschaftsgut zusammensetzen soll. Damit impliziert die Methode eine „Vermarktung“ jedes einzelnen Wirtschaftsgutes und dadurch zwangsläufig eine Zerschlagung des Sachwertes und damit auch einer Praxis. Bekanntlich ergibt sich der Ertragswert eines Unternehmens grundsätzlich aus der Summe der an den Unternehmenseigner künftig zufließenden, abgezinsten finanziellen Überschüsse (Zukunftserfolge).36 Eine Abzinsung (Diskontierung) sehen die Hinweise der Bundesärztekammer jedoch nicht vor, wodurch die Zeitpräferenz des Geldes vollkommen ausgeblendet wird. Damit ergibt sich keine Vergleichbarkeit der Investition zu einer alternativen Anlageform. Bei Anwendung der Methode wird auch kein Wert aus einer dem Bewertungsanlass entsprechenden Zukunftsplanung abgeleitet. Es wird hingegen zunächst ein „übertragbarer Umsatz“ kalkuliert, der den durchschnittlichen Jahresumsatz der letzten drei Jahre vor dem Jahr des Bewertungsfalles abzüglich „nicht übertragbarer Umsatzanteile“ entsprechen soll. Eine Durchschnittsbildung für die letzten drei Jahre erfolgt auch zur Kalkulation der „übertragbaren Kosten“, wobei diese dann um nicht übertragbare Kosten, kalkulatorische Kosten und zukünftig entstehende Kosten zu korrigieren sind. Die Erkenntnis, dass eine einfache vergangenheitsorientierte Durchschnittsbildung keineswegs positiv zur prognostischen Fundierung einer konkreten Umsatz- und Kostenplanung beitragen muss, bleibt unerkannt. Aktuelle Entwicklungen bleiben dadurch untergewichtet oder gänzlich außen vor. Der sich so ergebende übertragbare Gewinn ist dann ein Vorsteuergewinn, von dem noch ein umsatzadjustiertes kalkulatorisches Arztgehalt in Abzug zu bringen ist. Als Ausgangswert für das Jahr 2008 werden unter der Besichtigung von Facharztgehältern im Krankenhaus, bei Verbänden und der Pharmaindustrie 76.000 € angesetzt. Der sich dann ergebende Residualbetrag wird als „nachhaltig erzielbarer Gewinn“ bezeichnet. Durch dieses Vorgehen werden die persönlichen Ertragssteuern vollständig aus dem Modell ausgeblendet. Die Höhe des alternativen Arztgehaltes muss natürlich je nach Bewertungsanlass und Bewertungsobjekt individuell festgelegt werden und kann nicht in ein unzulängliches Umsatzschema gepresst werden. Für Einzelpraxen wird diese Gewinngröße dann mit einem „Prognosemultiplikator“ von 2 und für Berufsausübungsgemeinschaften mit einem Multiplikator von 2,5 Jahre vervielfacht. Das Ergebnis dieser Multiplikation ist dann der (vorläufige) ideelle Wert. Von der Bundesärztekammer wird dabei die These aus der Luft gegriffen, dass die Patientenbindung durch die Tätigkeit des bisherigen Praxisinhabers in Regelfall bei einer Einzelpraxis zwei Jahre betrage. Eine fundiert Begründung für die Festlegung der anzunehmenden Prognosemultiplikatoren bleiben die Hinweise schuldig, objekt- und anlassbezogene Konkretisierungen werden damit verhindert, so würde z.B. eine psychotherapeutische Gemeinschaftspraxis mit 2 Partnern bei einer Trennung genauso behandelt wie eine radiologische Großpraxis mit 10 Partnern bei der ein weiterer Arzt hinzutritt, der „nachhaltige Gewinn“ würde nämlich mit dem Faktor 2,5 multipliziert werden. 36 Vgl. IDW S1 i.d.V. 2008, Tz. 102. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 367 Zu guter letzt kann dann noch ein „Fine-Tuning“ des ideellen Wertes um bis zu 20 % nach oben oder unten vorgenommen werden, wobei wie bei der Vorgängermethode wertbeeinflussende Faktoren zur Begründung herangezogen werden. Wie bereits oben kritisiert, lassen sich damit willkürliche Zu- und Abschläge festlegen. In der Gesamtschau handelt es sich bei der neuen Bundesärztekammermethode keinesfalls um ein ertragswertorientiertes Verfahren. Vielmehr wird mit der Methode versucht, anhand von Vergangenheitszahlen mechanistisch eine als nachhaltig zu betrachtende Vorsteuergewinnsgröße zu berechnen und diese mittels starren Multiplikatoren zu einem ideellen Wert zu vervielfachen. Insofern ist die Methode schlicht ein simpler Gewinnmultiplikator, bei dessen Gewinnfestlegung offenbar bereits versucht wird, Aspekte eines zukünftigen Unternehmenserfolges abzubilden. Dadurch soll offenbar der Nutzen einer konkreten und anlassbezogenen Unternehmensplanung für eine Bewertung erreicht werden, die Mühe, eine solche Planung aufzustellen möchte man aber vermeiden. Einer solchen Simplifizierung ohne die Berücksichtung von Zinseffekten und Steuern in Verbindung mit einer Vielzahl von ökonomischen Denkfehlern das Etikett „ertragswertorientiert“ anzuhängen, ist terminologisch höchstbedenklich. Nach der kritischen Betrachtung der Methode wäre es sicherlich sehr begrüßenswert, wenn die Bundesärztekammer als Standesorganisation ihre zweifelsfrei fehlerhaften Hinweise für die Bewertung von Arztpraxen rasch aufheben würden. Sie erweist nicht nur ihren Mitgliedern (wohl aufgrund vorliegender standespolitischer Interessen, die den Wert der Praxen begrenzen sollen) einen Bärendienst, sondern steuert zudem unbedarfte professionelle Anwender der Ärztekammermethode auch direkt in ein Haftungsrisiko. Denn von der Beachtung von Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Unternehmens- bzw. Praxisbewertung kann bei der Anwendung dieses Konstruktes mit Sicherheit nicht ausgegangen werden. 16.3.3 Die Indexierte Basis-Teilwert-Methode Bei der Indexierten Basis-Teilwert-Methode handelt es sich um ein sog. Kombinationsverfahren, das 1989 von Frielingsdorf37 veröffentlicht wurde. Die Methode soll besonders dafür geeignet sein, den Wert von Arzt- und Zahnarztpraxen berechnen zu können. Der Substanzwert der Praxis wird dabei unabhängig vom Goodwill der Praxis als Summation der Zeitwerte der einzelnen Wirtschaftsgüter einer Praxis festgestellt. Der ideelle Wert einer Praxis wird hingegen mit Hilfe der folgenden Formeln berechnet:38 x x n 1 n 1 K Un Gn Pu PG S x 100 x 100 2B und x x n 1n 1 V gUn UnPu PG S100 x 100 x 100 2B 37 Vgl. Frielingsdorf, G.: Praxiswert – Der Wert zur richtigen Bestimmung in Arzt- und Zahnarztpraxen, Neuwied 1989. Die Veröffentlichung von Frielingsdorf stellt allerdings keinen wissenschaftlichen Beitrag dar – so fehlen in ihr z.B. jegliche Literaturhinweise. Das Buch ist vielmehr als „Ratgeber“ für Ärzte konzipiert. 38 Vgl. Frielingsdorf, G. (1989), S. 22 f. Wolfgang Merk368 sowie K VD B B mit Bk = konkreter Basiswert, Bv = Vergleichsbasiswert, Un = (objektivierter) Jahresumsatz in €, Gn = (objektivierter) Jahresgewinn in €, Pu = Quote vom Umsatz, PG = Quote vom Gewinn, g = Gewinnanteil Durchschnittspraxis der Fachrichtung, S = Sättigungsgrad, D = Differenz zwischen Bk und Bv, x = Anzahl betrachteter Jahre, n = Laufvariable. Mit der ersten Formel wird zunächst ein „Basiswert“ (Bk) einer Praxis festgestellt, der dann einem „Vergleichswert“ (Bv) gegenübergestellt wird. Letzterer entspricht einer Art von historischem, durchschnittlichem Goodwill von Praxen gleicher Fachrichtung. Bk soll dann nach einem Vergleich zwischen Bk und Bv in Teilwerte und Unterteilwerte zerlegt werden, deren Umfang sich nach Art und Ausprägung der Goodwill bildenden Faktoren einer Praxis richten soll.39 Diese Teilwerte werden sodann mit Zu- und Abschlägen versehen. Die mit Zu- und Abschlägen versehenen Teilwerte werden dann wiederum addiert. Durch Summation der mit Zu- und Abschlägen versehenen Teilwerte entsteht schließlich der ideelle Wert der Praxis. Der ideelle Wert Bk berechnet sich nach der angegebenen IBT-Formel zunächst aus zwei Komponenten: dem durchschnittlichen (als übertragbar eingeschätzten) Jahresumsatz der letzten Jahre und dem durchschnittlichen (um außergewöhnliche Einflüsse bereinigten) Gewinn der letzten Jahre. Der durchschnittliche Jahresumsatz wird mit einem Faktor multipliziert, der eine Umsatzquote repräsentieren soll. Der durchschnittliche Gewinn wird mit einem Faktor multipliziert, der eine Gewinnquote darstellt. Weiter wird dann zur Berechnung von Bk die so ermittelte Summe halbiert und mit einem Faktor, dem so genannten Sättigungsgrad S multipliziert. Der so berechnete ideelle Wert Bk wird dann in „Teilwerte“ aufgespalten, die einen unterschiedlich großen Beitrag zum Gesamtgoodwill der Praxis leisten sollen. Nach Zu- und Abschlägen auf diese Teilwerte wird der ideelle Wert als Summe der korrigierten Teilwerte neu berechnet. Nach den Berechnungsformeln und den gegebenen Erläuterungen kann die IBT-Methode daher in die nachfolgenden Schritte eingeteilt werden: Basis der Bewertung des Goodwills stellen der Durchschnittsumsatz der letzten Jahre • x n 1 Un x und der Durchschnittsgewinn der Praxis x n 1 Gn x dar. Durchschnittsumsatz und Durchschnittsgewinn werden grundsätzlich addiert. „Verfeinerung 1“ (in der Klammer) erfolgt dadurch, dass eine Multiplikation des Durchschnitts- • umsatzes mit einer „Umsatzquote“ und eine Multiplikation des Durchschnittsgewinnes mit einer „Gewinnquote“ vorgenommen werden. Bei einer angenommenen Umsatzrendite von 50 % muss der ermittelte Durchschnittsumsatz mit 0,5 multipliziert werden, der Durchschnittsgewinn ebenfalls mit 0,5.40 Die Faktoren Pu und Pg dienen damit letztendlich als Gewichtungsfaktoren für die Addition von Durchschnittsumsatz und Durchschnittsgewinn. Ist z.B. Pu/100 = 0,6 und Pg/100 = 0,4 wird dem Umsatz bei der Addition in der Klammer ein höheres Gewicht beigemessen als dem Gewinn. Bei Pu = 0,5 und Pg = 0,5 würde die Hälfte des Durchschnittsumsatzes zur Hälfte des Durchschnittsgewinnes addiert werden. 39 Vgl. Frielingsdorf, G. (1989), S. 25 ff. 40 Umsatzquote + Gewinnquote müssten per definitionem immer = 1,0 sein. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 369 Als „zweite Verfeinerung“ wird dann der als Sättigungsgrad bezeichnete Faktor eingeführt. • Dieser Sättigungsgrad der „mitunter nur durch aufwendige Recherchen zu ermitteln ist“41, wird nach den Erläuterungen zur IBT-Methode u.a. anhand der Arztdichte und dem Angebot bzw. der Nachfrage nach Arztpraxen gleicher Fachrichtung festgelegt. Bei einer „relativ hohen“ Arztdichte liegt er nach den Ausführungen unter 1,0 und vice versa.42 Unter der Annahme, dass eine normale Arztdichte vorhanden ist sowie Angebot und Nachfrage nach Arztpraxen als üblich zu bezeichnen sind, müsste S daher 1,0 sein. Die ermittelte Summe aus gewogenen Durchschnittsumsatz und gewogenem Durchschnittsgewinn x x n 1 n 1 Un Gn Pu PG x 100 x 100 würde in diesem Fall mit ½ (außerhalb der Klammer) multipliziert werden. Damit wäre dann Bk als vorläufiger ideeller Wert berechnet. Als „dritte Verfeinerung“ wird der (vorläufige) ideelle Wert B • k anhand von „Goodwill bildenden Faktoren“ aufgeteilt. Berücksichtigung finden sollen hier z.B. die Ertragskraft, die Wettbewerbssituation im Planbereich, Lage und Umfeld der Praxis, die Praxisorganisation sowie die Funktionalität des Sachanlagevermögens. Je nachdem, ob diese Faktoren ausgeprägter sind als beim üblichen Goodwill der Fachgruppe, der durch Bv und D repräsentiert wird, sind Zu- und Abschläge auf die Teilwerte zu machen. Ist die Summe aus Zu- und Abschlägen > 100 %, hat sich ein Erhöhung von Bk ergeben, ist sie < 100 %, muss eine Verminderung des Goodwill stattfinden. Dem IBT-Verfahren können damit gravierendste betriebswirtschaftliche Mängel bescheinigt werden: Natürlich liegt eine methodische Schwäche aller Kombinationsverfahren darin, den Gesamtwert eines Unternehmens über die Addition der einzeln und unabhängig voneinander berechneten Werte für Substanzwert und Goodwill zu ermitteln. Dieser Sachverhalt wurde bereits oben im Zusammenhang mit der Bundesärztekammermethode kritisiert. Zur Ermittlung des ideellen Wertes werden bei der IBT-Methode die Durchschnittsumsätze und Durchschnittsgewinne mit Umsatzquoten und Gewinnquoten multipliziert. Diese sollen wohl üblich bzw. durchschnittlich für eine ärztliche Fachgruppe sein. Die Berechnung eines Praxiswertes mittels IBT-Methode setzt daher zwangsläufig voraus, dass ein Bewerter kostenrechnerisch bereinigte, valide und reliable Vergleichszahlen für alle Bewertungsobjekte vorliegen hat. Da dies niemals der Fall sein kann, werden Äpfel immer mit Birnen verglichen werden müssen. Aber auch falls tatsächlich auf solche Vergleichszahlen zurückgegriffen werden könnte, macht dieses Vorgehen wenig Sinn. Bei einer Unternehmensbewertung primär auf Durchschnittswerte von Vergleichsunternehmen abzuheben, ist insbesondere deswegen nicht Ziel führend, weil jedes Unternehmen seine individuelle Kostenstruktur besitzt. Es spielt hierbei auch z.B. eine Rolle, ob eine Praxis in einer Großstadtlage oder auf dem Land liegt (Mietkosten), welche Umsatzklasse vorliegt (Kostendegressionsvorteile), wie viele Partner vorhanden sind (Synergieeffekte), ob in die Praxis ausreichend Reinvestitionen vorgenommen wurden, wie verbucht wurde (einheitlicher Kontenrahmen) etc. Zudem ist fraglich, wie effizient die Prozesse der Vergleichsobjekte organisiert sind. Zutreffend kann hier Erich Schmalenbach, einer der Begründer der Betriebswirtschaftslehre, mit den Worten zitiert werden, dass bei solchen Betriebsvergleichen stets „Schlendrian mit Schlendrian“ verglichen wird. Völlig sinnfrei stellen sich die Multiplikation des Durchschnittsumsatzes mit einer Umsatzquote und die Multiplikation des Durchschnittsgewinnes mit einer Gewinnquote als Gewichtungsfaktoren vor einer Addition dar. Da der Durchschnittsumsatz maximal mit 1,0 multipliziert werden kann und der Gewichtungsfaktor für den Gewinn dann 0 sein muss, kann sich als Wert in der Klammer maximal 41 Vgl. Frielingsdorf, G. (1989), S. 23. 42 Vgl. Frielingsdorf, G. (1989), S. 23 f. Wolfgang Merk370 der Durchschnittsumsatz ergeben. Bei einem Sättigungsfaktor von S = 1,0 könnte sich für Bk als ideellem Wert rechnerisch maximal ein halber Durchschnittsumsatz ergeben. Durch Ansatz von S = 2,0 könnte der theoretische Maximalwert für Bk allerdings auf den Durchschnittsumsatz erhöht werden, bei einem Ansatz von S = 3,0 auf das 1,5fache etc. p.p. Es zeigt sich dadurch, dass der in der IBT-Methode anzunehmende Sättigungsgrad S, der innerhalb der betriebswirtschaftlichen Literatur ja ansonsten gänzlich unbekannt ist, eine willkürliche Manipulationsmöglichkeit des ideellen Wertes Bk darstellt.43 Unabhängig davon, dass eine auch nur annähernd genaue und objektive Bestimmung von S als Indikator von Arztdichte sowie von Angebot und Nachfrage nach Praxen unmöglich ist, würde es auch keinen Sinn ergeben, aufgrund einer 50 %igen höheren Arztdichte und S = 0,5 den ermittelten Wert von Bk um 50 % zu vermindern. In der Realität werden gerade für Praxen in Gebieten mit hoher Arztdichte üblicherweise höhere Preise erzielt als in Gegenden mit geringer Arztdichte. Ebenso ökonomisch fragwürdig ist die Berechnung von Bv als einem Vergleichswert. Die oben genanten Schwächen für die Berechnung von Bk gelten prinzipiell alle auch für Bv. Aus der Differenzbildung D folgert sich lediglich, dass, wenn D > 0, der vorläufige ideelle Wert der Praxis Bk höher sein muss als Bv als Vergleichswert et vice versa. Es fragt sich hier, welcher für eine Unternehmensbewertung ertragversprechende Erkenntnisgewinn dadurch abgeleitet werden kann? Letztlich ist eine Zerlegung eines ideellen Wertes in einzelne Faktoren (im Sprachgebrauch der IBT- Methode „Teilwerte“) gänzlich abzulehnen. Eine Bestimmung, welchen Anteil die „Organisation“ am gesamten ideellen Wert besitzt oder welchen Anteil „Lage und Umfeld der Praxis“ repräsentieren, ist für die rechnerische Bestimmung eines Gesamtunternehmenswertes, sofern diese Aufteilung überhaupt ökonomisch fundiert begründbar wäre44, auch gar nicht notwendig, da ja üblicherweise vom Fortbestand des Unternehmens als Einheit ausgegangen wird und keine Zerschlagung in einzelne Unternehmensteile unterstellt wird. Daher macht es folglich auch keinerlei Sinn, einen Gesamtwert zuerst zu zerlegen, die Einzelfaktoren mit Zu- und Abschlägen zu versehen (wie sollen sich diese begründen?) und erneut zusammenzusetzen. Resümierend kann konstatiert werden, dass die IBT-Methode keinen Zukunftserfolgswert aus einer spezifischen Unternehmensplanung ableitet und daher kein investitionstheoretisch fundiertes Kalkül besitzt. Auch ist nicht erkennbar, wie durch die Anwendung der Methode einem spezifischen Bewertungsanlass Rechnung getragen werden könnte. Mit der Anwendung der IBT-Methode werden in hochproblematischer Weise aus dem Gesamtkontext losgelöste Gedanken der Unternehmensbewertung mit historischen Kostenstrukturen und Marktdaten von Vergleichsobjekten vermischt und anhand von laienökonomischen Überlegungen zusammengeführt. Letztlich bleibt die Erkenntnis, dass die IBT-Methode, ähnlich wie die Bundesärztekammermethode, als stark vereinfachtes Preisfindungsverfahren einzustufen ist, wobei der Basiswert für den ideellen Wert vereinfacht wie folgt berechnet werden kann: Basiswert = (gewog. Durchschnittsumsatz p.a. + gewog. Durchschnittsgewinn p.a.) * 0,5 Sämtliche weiteren Berechnungsschritte und Verfeinerungen werden zwar in Formeln gekleidet, stellen aber letztlich nur höchst subjektive Stellschrauben dar, mit denen der errechnete Basiswert an bekannt geglaubte, historische Kosten- und Marktverhältnisse angepasst werden soll. Die „Bewertung“ wird nicht zukunftsorientiert, sondern anhand des früheren Marktes vorgenommen. Von einer nachvollziehbaren Unternehmensbewertung auf betriebswirtschaftlich fundierter Basis ist die IBT-Methode damit Lichtjahre entfernt.45 43 Vgl. hierzu Schmidt von Rhein, Gisela: Bewertung von Freiberuflerpraxen, Wiesbaden 1997. Sie führt über die die IBT-Methode aus: „Die Isolierung des Standortfaktors mag als Vereinfachung bei der Goodwillermittlung mehrerer Arztpraxen der gleichen Fachrichtung am gleichen Standort betrachtet werden, zu einer ökonomischen Fundierung der Methode führt sie allerdings nicht.“ 44 Vgl. hierzu die Probleme, die in der aktuellen betriebswirtschaftlichen Literatur unter der Thematik Bewertung von Intangibles diskutiert werden. 45 Vgl. auch Goetzke, W.: Der Verkehrswert der Zahnarztpraxis – die Bewertungsmethodik muss stimmen, in: Niedersächsisches Zahnärzteblatt NZB Nr. 5/1993. Goetzke bezeichnet die IBT-Methode als „nicht nachvoll- 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 371 Zwischenzeitlich hatte sich auch der BGH in einem Zugewinnausgleichsverfahren mit der IBT-Methode zu beschäftigen46. Der Senat hat die Methode darin zu Recht streng kritisiert und verworfen. Sie kann damit für Bewertungen innerhalb eines gerichtlichen Verfahrens als unbrauchbar bezeichnet werden.47 16.3.4 Die Ertragswertmethode Zur Berechnung des Gesamtwertes einer Arztpraxis wird heute üblicherweise die Ertragswertmethode herangezogen. Dies erfolgt unter weitmöglichster Berücksichtigung der Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensbewertung und den Besonderheiten von ärztlichen und zahnärztlichen Praxen, wie sie oben dargestellt wurden. Der Ertragswert eines Unternehmens ergibt sich grundsätzlich aus der Summe seiner abgezinsten künftigen Überschüsse (Zukunftserfolge). Die grundsätzliche Methodik dieses Verfahrens kann natürlich auch für die Ermittlung von Werten von Arzt- und Zahnarztpraxen übernommen werden.48 Der Ertragswert einer Arztpraxis entspricht somit grundsätzlich dem Wert, der sich aus der Summe der auf den Stichtag abgezinsten zukünftigen Überschüsse ergibt. Anders als in der „klassischen“ Unternehmensbewertung, die ja in der Regel eine unendliche Lebensdauer des Unternehmens unterstellt, muss nun aber die oftmals stark ausgeprägte Personengebundenheit der Praxis an den bisherigen Inhaber berücksichtigt werden. Um diese Personenbezogenheit adäquat zu würdigen, wurde in der Bewertungspraxis, zunächst abzielend auf den Bewertungsanlass des Kaufs/ Verkaufs einer Einzelpraxis, folgender Grundgedanke entwickelt: Beim Kauf (einer Einzelpraxis) erwirbt der Praxisnachfolger in erster Linie die Chance, im Rahmen der bestehenden Praxisorganisation das Vertrauen der Patienten bzw. der Überweiser des ausscheidenden Arztes oder Zahnarztes zu gewinnen und die Erfolge des Praxisabgebers zukünftig in seiner Person zu verwirklichen. Diese Chance ist zeitlich begrenzt. Bei der Anwendung des Ertragswertverfahrens muss daher die zeitliche Dauer dieser Chance prognostiziert werden, in dem der Nachfolger von dem durch den Übergeber aufgebauten Patienten- bzw. Überweiserstamm profitiert und das Erfolgspotenzial auf seine Person verlagern kann. Diese zeitliche Befristung wird als Ergebniszeitraum bezeichnet. Daraus ergibt sich, dass der Ertragswert für solche Bewertungsobjekte nicht aus einer abgezinsten unendlichen Zahlungsreihe entsteht, sondern aus einer begrenzten Anzahl von zukünftigen Überschüssen, die bis zum Ende des Ergebniszeitraum, d.h. dem Ende der zeitlichen Chance des Käufers, reichen. Diese Adaption der Ertragswertmethode wird auch als modifizierte Ertragswertmethode bezeichnet. Die Begrenzung des Ergebniszeitraums stellt dabei faktisch die Einführung eines (zusätzlichen) Risikoparameters dar, der der hohen Personenbezogenheit der Patienten oder Zuweiser als besonderem betriebswirtschaftlichem Spezifikum bei Arzt- und Zahnarztpraxen Rechung trägt. Dieses Vorgehen darf jedoch nicht mit einer Unternehmenswertberechnung durch Multiples anhand der zuletzt verfügbaren Überschüsse verwechselt werden. Letztlich ist für den gesamten Ergebniszeitraum eine möglichst fundierte Unternehmensplanung zu erstellen, aus der die zukünftigen Gewinne abgeleitet werden. Die Festlegung des Ergebniszeitraums ist dabei abhängig von dem der Bewertung zugrunde liegenden Bewertungsanlass, dem Bewertungsobjekt und den Ergebnissen der Analyse von Unternehmen und Unternehmensumwelt. Eine Übernahme einer psychotherapeutischen Einzelpraxis, die einem ziehbaren Dogmatismus in pseudowissenschaftlichem Gewand.“ Behringer, S.: Unternehmensbewertung der Klein- und Mittelbetriebe, Berlin 2009, S. 268, bezeichnet die IBT-Methode als ungeeignet, eine freiberufliche Praxis sachgerecht zu bewerten. „Besonders problematisch erscheint die Scheinobjektivität, die durch die Aufteilung des Gesamtwertes in Teilwerte entsteht“. 46 Vgl. BGH-Urteil vom 6.2.2008, Xll ZR 45/06. 47 Wehmeier, W.: Zugewinnausgleich: Praxiswert ist zu berücksichtigen – Urteilbesprechung des BGH v. 6.2.2008, XII ZR 45/06 –, in: Die Steuerberatung, 4/2008, S. 173–177, kommt in seiner Urteilsbesprechung zum folgendem Ergebnis (S. 177): „Den Anspruch der intersubjektiven Nachprüfbarkeit für einen sachkundigen Dritten, das Bewertungsergebnis nachvollziehen und die Auswirkungen der getroffenen Annahmen auf den Unternehmenswert abschätzen zu können, erfüllt diese Methode Marke ,,Eigenbau“ weder nach BGH-Auffassung, noch den allgemeinen fachlichen Grundsätzen ordnungsmäßiger Berichterstattung.“ 48 Vgl. z.B. Küntzel, W.: Bewertung von Arztpraxen, in: Deutsches Steuerrecht, Heft 26 (2000), S. 1104 ff. Wolfgang Merk372 intensiven Wettbewerb ausgesetzt ist, wird regelmäßig mit einem höheren personenbezogenen Risiko verbunden sein als der Anteilserwerb einer radiologischen Großpraxis, die zum Bewertungsstichtag ein Angebotsmonopol für eine bestimmte Region inne hat und in der 10 bereits etablierte Partner tätig sind. Demzufolge wäre der Ansatz des Ergebniszeitraums für den zweiten Fall deutlich höher zu bemessen als im erstgenannten Beispiel. Der Ergebniszeitraum kann damit nicht willkürlich gewählt werden, sondern ist vom Bewerter sorgfältig argumentativ zu begründen. Je nach Bewertungsobjekt kann sich dabei die Bewertung einer Arztpraxis der klassischen Unternehmensbewertung annähern. Bei Praxen oder Medizinischen Versorgungszentren, die ein weitestgehend selbständiges Unternehmen ohne besonderen Personenbezug auf die darin tätigen Behandler darstellen, kommt auch eine Bewertung nach der „klassischen“ Ertragswertbewertung mit unendlicher Lebensdauer, ggf. unter Anwendung der 2 Phasenmethode in Frage. Eine Berücksichtigung des unternehmerischen Risikos erfolgt dann ausschließlich über einen Risikozuschlag auf den Basiszinssatz. Während des Ergebniszeitraums wird mit der Vergütung des Barwerts der Praxiserfolge auch die Nutzung der Praxissubstanz abgegolten, da die Zukunftserfolge nur unter Verwendung des vorhandenen betriebsnotwendigen Vermögens erzielt werden können. Nach Ablauf des Ergebniszeitraums kann aber nicht von der Zerschlagung einer Praxis ausgegangen werden. Ein Übernehmer müsste das betriebsnotwendige Vermögen nach Ablauf des Ergebniszeitraums anschaffen, um weiterhin die ärztliche Tätigkeit ausüben zu können. Daher stellen die Wiederbeschaffungszeitwerte für die Gegenstände der Praxissubstanz aus der Sicht des übernehmenden Arztes ersparte Ausgaben in dem Zeitpunkt dar, in dem die Zukunftserfolge dem Übernehmer zugeordnet werden können. Deshalb weisen die Ausstattungsgegenstände nach Ablauf des Ergebniszeitraums für den Übernehmer einen Gebrauchswert (Übernahmewert) auf, da sie von ihm auch in der Zukunft genutzt werden können. Dieser Übernahmewert ist als Bestandteil des Praxiswertes zum Barwert der Zukunftserfolge hinzuzurechnen, da dieser dem Übernehmer nach Abgeltung des ideellen Wertes weiterhin zur Verfügung steht.49 Zur Ermittlung des Praxisgesamtwertes kann damit folgende Strukturgleichung herangezogen werden.50 n t 1 n t e t nVpr t 1 [E S (G )] q E q W qW mit Wpr = Praxisgesamtwert, Env = Liquidationserlös des nicht betriebsnotwendigen Vermögens, W = Wiederbeschaffungswert der Praxissubstanz am Ende des Ergebniszeitraums, Et = Einnahmenüberschuß des Jahres t, Se (Gt) = Persönliche Ertragssteuern, Gt = Steuerlicher Praxisüberschuss, q–t = Abzinsungsfaktor. Die Ermittlung des Ertragswertes einer Praxis hängt daher u.a. von den wesentlichen Größen ab: erwarteter Zukunftserfolg • Länge des Ergebniszeitraums • Kalkulationszinssatz • Persönlicher Ertragssteuersatz. • Wie erwähnt, hat sich diese Methodik seit Beginn der 1990er Jahre für die Bewertung von Arztpraxen sukzessive durchgesetzt. Sie wird auch von den meisten von einer Industrie- und Handelskammer für die Bewertung von Unternehmen und Praxen im Gesundheitswesen speziell öffentlich bestellten und 49 Vgl. etwa Kupsch, P.: Bewertung von Arztpraxen mittels Ertragswertverfahren – Zusammenfassung eines Gutachtens, in: Bayerisches Zahnärzteblatt, Heft 2/1994, S. 14–20. 50 Vgl. Kupsch, P. (1994), S. 14 ff. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 373 vereidigten Sachverständigen angewandt. Bereits seit 1994 wird sie seitens der Bayerischen Landeszahnärztekammer ihren Mitgliedern zur Anwendung empfohlen. 16.3.5 Die Discounted Cash-Flow-Verfahren Bei der Anwendung von Discounted Cash-Flow-Verfahren (DCF) wird der Unternehmenswert durch die Diskontierung von zukünftigen Cash-Flows ermittelt. Der Diskontierungssatz ergibt sich dabei aus den Renditeforderungen der Kapitalgeber (Fremd- und Eigenkapitalgeber). Grundsätzlich können 3 Verfahren unterschieden werden: Entity-Approach (Brutto-Verfahren), Equity-Approach (Netto-Verfahren) und Adjusted Present Value-Verfahren. Die Unterschiede zwischen den Verfahren bestehen vor allem in Art und Umfang der Einbeziehung der Fremdfinanzierung sowie der daraus resultierenden Steuerwirkung und der Änderung der Kapitalstruktur im Zeitablauf. Die Renditeforderung der Kapitalgeber fungiert als Basis zur Feststellung des Diskontierungssatzes und wird in den Verfahren aus kapitalmarkttheoretischen Modellen abgeleitet, im Allgemeinen aus dem Capital Asset Pricing Model (CAPM). Das CAPM kann direkt für börsennotierte Unternehmen verwendet werden, da aus der Entwicklung der historischen Börsenkurse des Unternehmens und deren Gegenüberstellung zu Vergleichsindizes der Risikozuschlag auf einen Basiszinssatz abgeleitet werden kann. Für nicht börsennotierte Unternehmen können die kapitalmarkttheoretischen Annahmen des CAPM grundsätzlich durch analytisch ermittelte Modellannahmen ersetzt werden. Damit sind die DCF- Verfahren grundsätzlich auch für die Bewertung von Arztpraxen anwendbar. Den spezifischen Besonderheiten, insbesondere der hohen Personengebundenheit bei Arztpraxen, müssen jedoch analog der Anwendung des Ertragswertverfahrens Rechnung getragen werden. Bewertungsgutachten, in denen das DCF-Verfahren zur Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen sowie von MVZ angewendet wird, sind in Deutschland noch sehr selten. Vereinzelt findet man solche Gutachten für die Bewertung von größeren radiologischen Praxen und von MVZ in der Rechtsform einer juristischen Person. In den Vereinigten Staaten haben sich die DCF-Verfahren zur Bewertung von Arztpraxen dagegen bereits auf breiter Ebene durchgesetzt. In der einschlägigen US-amerikanischen Literatur findet sich eine Vielzahl von Autoren, die den Wert von Arztpraxen über DCF-Verfahren bestimmen.51 Durch die weitere zunehmende Verbreitung der DCF-Verfahren im Bereich der Unternehmensbewertung ist damit zu rechnen, dass diese Methoden auch für die Bewertung für Arztpraxen in Deutschland weitreichendere Anwendung finden werden. Da die meisten Arztpraxen in Deutschland ihren steuerlichen Gewinn auf Basis einer Einnahmenüberschussrechnung nach § 4 Abs. 3 EStG feststellen, die ja primär aus periodenbezogenen Ein- und Auszahlungen gebildet wird, besteht bereits häufig eine zahlungsflussorientierte Berechnungsbasis für den Aufbau eines Bewertungsmodells. Von der Ertragswertmethode zu den DCF-Verfahren ist es damit nur ein kleiner Schritt. 16.4 Der Markt für Arzt- und Zahnarztpraxen Der Markt für Arzt- und Zahnarztpraxen in Deutschland gestaltet sich insbesondere durch große regionale und fachgruppenspezifische Besonderheiten sehr heterogen. Die einzigen regelmäßig erscheinenden „Marktstudien“ werden von der Apotheker- und Ärztebank in Kooperation mit dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) für Arztpraxen und dem Institut der deutschen Zahnärzte (IDZ) für Zahnarztpraxen erhoben. Für Arztpraxen wurden in der Vergangenheit jeweils Durchschnitte für die ideellen Werte und die Sachwerte je Facharztgruppe bei der Übernahme von Einzelpraxen festgestellt. Seit dem Erhebungszeitraum 2004/2005 werden für Ärzte in den westlichen Bundesländern die Werte danach unterschieden, 51 Vgl. z.B. Tinsley, R.; Sides, R.; Anderson, G.D.: Valuation of a Medical Practice, New York u.a. 1999 oder Dietrich, M. O.: Medical Practice Valuation, Guidebook 2001/2002, San Diego 2001.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

"Die Beiträge sind sehr anschaulich … Das Werk und seine einzelnen Beiträge können jedem empfohlen werden, der sich mit Fragen der Unternehmensbewertung … beschäftigt."

Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

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