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Wolfgang Merk, 16.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 369 - 373

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_369

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Wolfgang Merk358 37,4 %. Sonstige Trägerschaften bestanden in 8 % der Fälle. Von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wird die durchschnittliche MVZ-Größe mit ca. 4,6 Ärzten angegeben, die häufigsten Rechtsformen von MVZ sind die GbR, die GmbH und die Partnerschaftsgesellschaft.20 16.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen 16.2.1 Betriebswirtschaftliche Spezifika Bereits 1961 bezog Erich Kosiol21 als einer der Nestoren der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre den freien Beruf des Arztes explizit in das Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaften ein. Den Forschungsgegenstand der Betriebswirtschaftslehre stellt dabei die wirtschaftliche Dimension von Entscheidungen dar, die bezüglich einer Arztpraxis getroffen werden. Eine Arzt- oder Zahnarztpraxis lässt sich dabei problemlos unter den betriebswirtschaftlichen Unternehmensbegriff subsumieren. Insbesondere durch die Verschlechterungen der allgemeinen Rahmenbedingungen innerhalb der GKV hat sich die Betriebswirtschaftslehre in Forschung und Praxis zunehmend der Arztpraxis zugewandt. So existiert zwischenzeitlich eine Reihe von Dissertationen zum Thema.22 Zudem sind eine große Anzahl von betriebswirtschaftlichen Ratgebern, insbesondere zu betrieblichen Funktionalbereichen (wie z.B. Marketing, Organisation, Kostenmanagement, Controlling etc.) erschienen. Seminare und gar Zusatzstudiengänge, in denen niedergelassenen Ärzten betriebswirtschaftliches Wissen vermittelt wird, können besucht werden, auch hat sich eine Vielzahl von betriebswirtschaftlichen Beratern auf die Lösung von ökonomischen Problemstellungen bei Arzt- und Zahnarztpraxen spezialisiert. Zusätzlich zu der bereits entstandenen bzw. sich in weiterer Entstehung befindlichen speziellen Betriebswirtschaftslehre von Arztpraxen ist es möglich, sich den Besonderheiten dieses Unternehmenstyps dadurch zu nähern, dass aus Sicht der Betriebswirtschaftslehre eine Arztpraxis in fünf bereits bestehende spezielle Betriebswirtschaftslehren eingeordnet werden kann. Jede der fünf Perspektiven eröffnet dabei den Blick auf betriebliche Besonderheiten, die ein sachverständiger Bewerter explizit berücksichtigen muss:23 Perspektive Dienstleistungsbetrieb • Perspektive freiberuflich geführter Betrieb • Perspektive öffentlich gebundener Betrieb • Perspektive Mittel- und Kleinbetrieb • Perspektive Medizin- oder Gesundheitsbetrieb • So resultieren bewertungsrelevante Besonderheiten von Arztpraxen z.B. dadurch, dass aus dem konstitutiven Merkmal der Immaterialität von Dienstleistungen Probleme für die Betriebsführung durch die fehlende Lagerfähigkeit und der notwendigen Simultaneität von Leistungserstellung und Konsum (uno-actu-Prinzip) erwachsen. Eine Einordnung in die Perspektive eines freiberuflich geführten Betriebes ergibt sich nicht nur durch die Regelungen des § 18 EStG, sondern insbesondere auch dadurch, dass es sich bei Arzt- und Zahnarztpraxen um Unternehmen handelt, bei denen der Freiberufler, der eine komplexe und divergierende Leistung erstellt, als personengebundener Produktionsfaktor agiert und dominiert. Für einen Unternehmensbewerter ist es hier folglich sehr bedeutsam, eine vorliegende hohe Personenbezogenheit adäquat zu würdigen. Durch eine partielle Instrumentalisierung 20 Vgl. Online-Information der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, http://www.kbv.de/koop/9173.html vom 16.5.2009. 21 Vgl. Kosiol, E.: Erkenntnisstand und methodologischer Standort der Betriebswirtschaftslehre. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 31. Jg. (1961), Heft 3, S. 129–136. 22 Vgl. hierzu ausführlich Merk, W.: Wettbewerbsorientiertes Management von Arztpraxen, Wiesbaden 1999, S. 10 ff. 23 Vgl. Merk, W.: Wettbewerbsorientiertes Management von Arztpraxen, Wiesbaden 1999, S. 10 ff. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 359 von Arzt- und Zahnarztpraxen durch den Gesetzgeber kann dieser Unternehmenstyp zudem als öffentlich gebundener Betrieb bezeichnet werden. Diese öffentliche Bindung manifestiert sich z.B. durch die Festlegung von Gebührenordnungen durch den Gesetzgeber, sowie im Bereich der GKV durch die Zwangseinbindung in ein korporatistisches Verhandlungssystem. Für einen Bewerter sind dadurch vertiefte Kenntnisse insbesondere der persönlichen Qualifikationen des Arztes, der Abrechnungssystematik incl. der ggf. vorliegenden Honorarbudgetierungssysteme sowie des Arzt- bzw. des Vertragsarztrechtes als unternehmerischem Handlungsrahmen unabdingbar. Fast ausnahmslos kann eine Arztpraxis auch als Klein- oder Mittelbetrieb bezeichnet werden, denen typischerweise etwa eine gering formalisierte Ablauforganisation oder ein nur rudimentär vorhandenes Rechungswesen zugeschrieben werden kann. Letztlich kann eine Arzt- oder Zahnarztpraxis unter den Überbegriff des Medizin- oder Gesundheitsbetrieb subsumiert werden. Bei diesem Betriebstypus sind üblicherweise ökonomisch relevante Besonderheiten wie z.B. das Vorliegen von Informationsasymmetrien und dadurch resultierende Principal-Agent-Beziehungen oder die übliche Zweistufigkeit bei der Input/ Output-Betrachtung des Medizinbetriebsprozesses bedeutsam. Überblicksweise sind die wichtigsten betriebswirtschaftlichen Besonderheiten von Arzt- und Zahnarztpraxen sowie von MVZ nachstehend tabellarisch aufgeführt: 16.2.2 Starke Heterogenität der Bewertungsobjekte Unternehmen, die mit dem Terminus Arztpraxis, Zahnarztpraxis oder MVZ bezeichnet werden, unterscheiden sich bei näherer Betrachtung exorbitant voneinander. Von der psychotherapeutischen Kleinstpraxis mit einem Jahresumsatz von € 10.000 über radiologische Gemeinschaftspraxen mit 10 und mehr Partnern bis hin zu Laborarztpraxen, die bundesweit in einer stark kartellisierten Branche Perspektive Dienstleistungsbetrieb Freiberuflich geführter Betrieb Klein- und Mittelbetrieb Öffentlich gebundener Betrieb Medizin- oder Gesundheitsbetrieb Konstitutionelle Charakteristika • Erstellung immaterieller Produkte • Integration eines externen Faktors • Dominanz eines personengebundenen Produktionsfaktors • Hohe Komplexität und Divergenz der Leistung • § 18 EStG • Quantitative Kriterien • Qualitative Kriterien • Partielle Instrumentalisierung • Kontrolle durch eigene „ständische“ Kontrollstellen • Bindung auf Dauer angelegt, mit Intensität und Tiefenwirkung • Erstellung einer Leistung, die den Gesundheitszustand einer Personerhalten, wiederherstellen oder verbessern soll. Betriebswirtschaftlich relevante Auswirkungen für Arztpraxen • fehlende Lagerfähigkeit • Simultaneität und Standortgebundenheit von Leistungserstellung und Konsum (uno-actu- Prinzip) • Festlegung einer Faktorvorkombination, die Fixkosten prädeterminiert • „Spezifische“ Rationalisierungspotentiale • Zentrale Rolle des dominierenden Faktors in der betrieblichen Organisation • Qualitätssicherung des dominierenden Produktionsfaktors • Wissensspezialisierung bewirkt starken Kooperationsdruck • Physische und psychischeLimitationen des Leistungsvermögens • Steuerlicher Sonderstatus • Beschränkung betrieblicher Entscheidungsautonomie hinsichtlich Preisfestlegung, Qualitäts- und Konditionenfestsetzungen, Kontrahierung, Expansion, Gewinnerzielung, Werbung etc. • Gefahr der Übertragung „exogener Shocks“ durch Einbindung in neokorporatistisches Verhandlungssystem kollektiver Rationalitäten • Unternehmerpersönlichkeitals „generalmanager“ • begrenzte Risikostreuung • hohe Transparenz und- Flexibilität des Betriebsgeschehens • begrenzte Marktmacht • Anfälligkeit gegenüber familiären Einflüssen • Gering formalisierte Organisation • Durch Meßprobleme Outputorientierung an intermediären Einzelleistungen • Spezifische Besonderheiten von Gesundheitsleistungen wie z.B. Informationsasymmetrien zwischen Anbietern und Nachfragern Quelle: Merk, W. (1999), S. 42 Abb. 16-1: Betriebswirtschaftliche Spezifika von Arzt- und Zahnarztpraxen aus der Perspektive spezieller Betriebswirtschaftslehren. Wolfgang Merk360 agieren und Umsätze im mehrstelligen Millionenbereich realisieren, reicht das Spektrum der potenziellen Bewertungsobjekte. Zu unterscheiden sind Praxen etwa danach, ob eine Praxis eher auf den „Patientenmarkt“ oder den „Überweisungsmarkt“ ausgerichtet ist. Während z.B. Allgemeinärzte nahezu ausnahmslos vom Patienten direkt konsultiert werden, werden Radiologen oder Laborärzte nur „im Auftrag“ von anderen Ärzten tätig. Es ergibt sich dadurch eine vollständig unterschiedliche Ausrichtung des Praxismarketings. Für eine Bewertung hochrelevant ist auch die Anzahl der gemeinschaftlich praktizierenden Ärzte. Je mehr Ärzte gemeinsam in einer Praxis tätig sind, desto eher tritt das Merkmal der Personenbezogenheit bei einer Bewertung in den Hintergrund et vice versa. Es ist evident, dass bei einer Arztpraxis mit 10 und mehr Partnern, die z.B. de facto als „Radiologie X-Stadt“ firmiert, eine geringere Personenbezogenheit vorherrscht als bei einem Arzt in einer Einzelpraxis, der von vielen Patienten konsultiert wird, weil er es geschafft hat, eine höchst individuelle Reputation auf dem Gebiet von alternativen Behandlungsmethoden zu erreichen. Dass hier eine Praxis völlig losgelöst von der Person des einzelnen Behandlers wahrgenommen werden kann, zeigt sich an Franchiseanläufen wie der „Zahnarztkette“ McZahn. Einzelne Zahnärzte konnten hier gegen Entrichtung einer Gebühr Franchisenehmer bzw. Partnerärzte werden und als MacZahn-Partnerärzte auftreten. Ähnliche Konzepte existieren bereits auch für Apotheken (DocMorris). Gleichwohl McZahn Ende 2008 Insolvenz anmelden musste, sind kurzfristig für den ärztlichen Bereich weitere Franchiseinitiativen zu erwarten. Weiterhin bewertungsrelevant sind bei Arzt- und Zahnarztpraxen sowie bei MVZ Umsatzgröße und -zusammensetzung sowie die Kostenstruktur. Wie oben erwähnt, unterscheiden sich hier Arztpraxen nicht nur vom erzielten Umsatz immens, auch die Umsatzstruktur weicht stark voneinander ab. Während in den neuen Bundesländern der Anteil der Privatumsätze vom Gesamtumsatz bei Vertragsarztpraxen häufig unter 10 % liegt, finden sich besonders bei hochspezialisierten Praxen in den alten Bundesländern, die etwa ein umfassendes Spektrum von Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL- Leistungen) anbieten, Privatumsatzanteile von bis 70 %. Auch innerhalb der über die KV oder KZV vereinnahmten Umsätze bestehen starke Unterschiede. Zwischen den maßgebenden Regelungen der Honorarverteilungen der einzelnen KVen bzw. KZVen bestehen starke Differenzen. Die Aufteilung der von den gesetzlichen Krankenkassen erhaltenen Gesamtvergütung in sog. Honorartöpfe sowie die Anwendung von Budget- und Punktwertsteuerungsregelungen wurde von jeder KV bzw. KZV höchst unterschiedlich praktiziert. Im ärztlichen Bereich gelten seit dem 1.1.2009 so genannte Regelleistungsvolumen, die für die niedergelassenen Ärzte zwar einen festen Punktwert vorsehen, die abrechenbaren Leistungen aber strikt kontingentieren. Zudem wurden von einer Reihe von KVen sog. Strukturverträge zur Förderung bestimmter Leistungen mit einzelnen Krankenkassen oder Kassenverbänden für begrenzte Zeiträume geschlossen. Für eine Bewertung einer Praxis ist daher stets zu hinterfragen, ob ein bestimmter Umsatzanteil aus strukturvertraglich geförderten Leistungen stammt. Von hervorgehobener Bedeutung ist auch die große Unterschiedlichkeit der durchschnittlichen Kostensätze. Während bei geräteintensiven radiologischen Großpraxen regelmäßig Umsatzrenditen von weniger als 25 % erzielt werden, können bei Arztgruppen, die typischerweise geringere Praxiskosten bzw. -ausgaben aufweisen, Umsatzrenditen von ca. 75 % erzielt werden. Die Umsatzrenditen unterscheiden sich aber auch innerhalb der einzelnen Arztgruppen immens. Ursachen hierfür sind etwa regional unterschiedliche Faktorpreise, wie Personal- und Raumkosten (Stadt- vs. Landpraxen), aber auch der Effizienzgrad der Ablauforganisation. Prozessoptimierte Praxen weisen teilweise dauerhaft eine um eine 10–15 % höhere Umsatzrendite auf, als durchschnittlich geführte Praxen unter gleichen oder ähnlichen Rahmenbedingungen. Hingewiesen sei auch auf Veränderungen hinsichtlich der gesellschaftsrechtlichen Organisationsstruktur von Arzt- und Zahnarztpraxen, die sich in den letzten Jahren ergeben haben. So finden sich des Öfteren von den beteiligten Ärzten gegründete Betreibergesellschaften, die z.B. aus umsatzsteuerlichen Gründen die Praxisräume angemietet haben und die notwendigen medizintechnischen Großgeräte besitzen. Die Infrastruktur wird dann häufig an die eigentliche Praxis vermietet oder verleast. In vielen Fällen finden sich auch (steuer-) rechtlich eigenständige Gesellschaften wie z.B. Ernährungsberatun- 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 361 gen, Kontaktlinsenhandlungen, Forschungsinstitute oder Privatkliniken als Annex der eigentlichen Praxis. Je nach Bewertungsanlass kann es notwendig werden, diese rechtlich selbständigen Gesellschaften in eine umfassende Unternehmensbewertung mit zu integrieren. Mit dem Wirksamwerden des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes zum 1.1.2007 besteht wie oben erwähnt für Vertragsärzte und Zahnärzte insbesondere auch die Möglichkeit, überörtliche Gemeinschaftspraxen zu gründen oder „Filialen“ zu eröffnen. Daraus ergeben sich häufig auch gewerbeund/oder umsatzsteuerliche Konsequenzen. Die ohnehin bereits starke Heterogenität der Arzt- und Zahnarztpraxen sowie von MVZ als Objekten einer Unternehmensbewertung wird daher noch zunehmen. Durch die Summe dieser Betrachtungen wird deutlich, dass es bei der Bewertung von Arztpraxen nicht darum gehen kann, eine typische Arztpraxis nach einem speziell für Arztpraxen entwickelten Bewertungsverfahren zu bewerten. Es geht vielmehr, wie bei jeder Unternehmensbewertung darum, ein einzelnes Unternehmen, das sich in einer Vielzahl seiner bewertungsrelevanten Charakteristika von anderen stark unterscheiden kann, zusammen mit seiner Umwelt eingehend zu analysieren und darauf aufbauend mit Hilfe von wissenschaftlich anerkannten Methoden, breiten wirtschaftlichen Kenntnissen, Urteilskraft und Erfahrung, Aussagen über dessen voraussichtliche Entwicklung zu machen und unter Darlegung von Chancen und Risiken in einem Wert zu bündeln.24 16.2.3 Hohe Relevanz des konkreten Bewertungsanlasses Wie bei Unternehmensbewertungen in anderen Branchen, determiniert der konkrete Bewertungsanlass in entscheidender Weise, wie ein Bewertungsmodell aufzubauen bzw. anzuwenden ist. Bei Arzt- und Zahnarztpraxen ergeben sich auch hier einige Spezifika. Nachfolgend sollen die wichtigsten Bewertungsanlässe in diesem Bereich genannt und kurz angesprochen sein: • Praxisabgabe bzw. -übernahme Zu beachten ist hier, dass Vertragsarztpraxen in einem gesperrten Planungsbereich nur nach den Regelungen des § 103 Abs. 4 SGB V sowie den weitergehenden Regelungen der Zulassungsverordnung übergeben werden können. Es besteht hier u.U. eine Interessenskollision zwischen einem privatrechtlichen Veräußerer der Praxis und der Übertragung der vertragsärztlichen Zulassung auf einen potenziellen Käufer als öffentlich-rechtlicher Verwaltungsakt durch den Zulassungsausschuss. Innerhalb der Regelungen des § 103 SGB V findet sich zudem folgender Passus: „Die wirtschaftlichen Interessen des ausscheidenden Vertragsarztes oder seiner Erben sind nur insoweit zu berücksichtigen, als der Kaufpreis die Höhe des Verkehrswertes der Praxis nicht übersteigt.“ Diese Regelung soll ausschließen, dass ein Bewerber (unter mehreren Anderen) eine Zulassung nur deswegen erhält, weil er bereit ist, einen Preis für die Praxis zu bezahlen, der höher liegt, als ihr Verkehrswert. Bei diesem Bewertungsanlass ist auch zu prüfen, ob die Praxis abrupt zu einem bestimmten Stichtag, mit kurz- oder mittelfristiger Zusammenarbeit, oder gar im Rahmen einer längeren zeitlich befristeten Übergangskooperation übertragen werden soll. Dies ist insbesondere bei stark personenbezogenen Praxen von hoher Relevanz, da bei einem plötzlichen Behandlerwechsel das Risiko einer Patientenabwanderung oftmals stark ansteigt. Speziell zu berücksichtigen sind hier auch der Verkauf einer Praxis bzw. die Übertragung einer vertragsärztlichen Zulassung an ein MVZ oder wie seit dem 1.1.2007 an eine Vertragsarztpraxis. Gründung und Auflösung ärztlicher Kooperationen • Durch gesellschaftsrechtliche Fragestellungen wird bei der Aufnahme eines Partners oder mehrerer Partner in eine Praxis in der Regel der Wert der Praxis und die Beteiligung am Gesellschaftsvermögen zum Thema. Zu berücksichtigen ist hier insbesondere, ob eine ärztliche Gemeinschaftspraxis im Rahmen des sog. Jobsharing nach § 101 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 und Abs. 3 SGB V unter Inkaufnahme einer vergangenheitsbezogenen Budgetierung gegründet wird oder die Ärzte über eine vertragsärztliche „Vollzulassung“ verfügen. Seit Jahresbeginn 2009 ist es möglich, auch vertragsärztliche Teilzulas- 24 Vgl.: Born, K.: Unternehmensanalyse und Unternehmensbewertung, Stuttgart 1995, S. 9. Wolfgang Merk362 sungen auszuschreiben. Dadurch haben sich häufig Gemeinschaftspraxen gebildet, bei denen jeder der Partner nur noch über eine „halbe“ Zulassung verfügt. Dies geht in aller Regel auch mit einer Halbierung der vertragsärztlichen Abrechungsmöglichkeiten einher. Genauso wird es häufig notwendig, Abfindungsansprüche zu beziffern, wenn Gesellschafter aus der Praxis wieder ausscheiden. Hierbei muss auf vertraglich bestimmte Abfindungsklauseln geachtet werden, insbesondere ist hier zu berücksichtigen, ob in einem gesperrten Gebiet die Zulassung des ausscheidenden Partners der Praxis zur Neuausschreibung hinterlassen wird, oder ob die Zulassung der Praxis verloren geht. Es stellt einen signifikanten Unterschied dar, ob eine Praxis als vertragsärztliche Einzelpraxis oder als Gemeinschaftspraxis fortgeführt werden kann. Zunehmend wird auch die Fusion von mehreren Praxen zum Bewertungsanlass, dabei sind i.d.R. die Verschmelzungsverhältnisse zu berechnen. Ehescheidung • Da die meisten Praxisinhaber in gesetzlicher Zugewinngemeinschaft leben, kommt es im Scheidungsfall fast immer zu diametral entgegenstehenden Auffassungen über den Praxiswert. Bei „Scheidungsgutachten“ wird es sehr häufig notwendig, stichtagsbezogen praxisbezogene Forderungen und Verbindlichkeiten festzustellen sowie die latente Ertragssteuerlast zu berechnen. Zu berücksichtigen sind hierbei insbesondere Bewertungsprämissen von Arztpraxen, die sich durch die Rechtssprechung entwickelt haben.25 Sonstige Bewertungsanlässe • Darüber hinaus kommen wie in anderen Branchen noch eine Vielzahl von Sonderfällen vor, z.B. Todesfälle und Erbregelungen, Schadensereignisse oder wie die bereits oben erwähnte vertragsarztrechtlich bestimmte Verkehrswertfeststellungen nach § 103 SGB V26. Wie bei jeder Unternehmensbewertung sind natürlich auch bei der Bewertung von Arztpraxen insbesondere Annahmen darüber zu treffen, ob die Praxis fortgeführt wird (going concern-Annahme) oder ob sie zerschlagen wird (Liquidations- oder Zerschlagungsannahme). 27 16.3 Bewertungsmethoden Bezogen auf Arzt- und Zahnarztpraxen hat es sich unabhängig von dem Bewertungsanlass und von der Bewertungsmethode eingebürgert, zwischen ideellem Wert und materiellem Wert zu unterscheiden.28 Dabei kann der ideelle Wert als der Wert definiert werden, der sich aus der Zusammenfassung der bisher erworbenen Positionen und Beziehungen einer gut eingeführten, allgemein bekannten Praxis mit festem Patienten-/Überweiserstamm und gut geführter Dokumentation und der daraus folgenden Möglichkeit einer Auswertung und Weiterarbeit für einen Praxisübernehmer ergibt.29 Es sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass es sich, mit Ausnahme der Ertragswertmethode und der DCF-Verfahren, bei allen der nachfolgend beschriebenen Methoden nicht um theoretisch fundierte Bewertungsmethoden auf Basis eines investitionstheoretischen Kalküls handelt, sondern viel eher um mehr oder weniger vereinfachte Methoden zur Kaufpreisfindung. Da sie aber im Zusammenhang mit 25 Vgl. hierzu Boos, F. : Bewertung von Arztpraxen im Rahmen des Zugewinnausgleichs. In: MedizinRecht, Heft 4 (2005), S. 203–208. 26 Henkel, M. P.; Merk, W.: Zur Bedeutung des Verkehrswerts einer Praxis bei der Nachfolgezulassung. Eine Besprechung des Urt. v. 30.05.2001 des SG Dortmund – S 9 Ka 60/01, In: MedizinRecht (2002), Heft 6. 27 Diese altbekannte Prämissenbildung ist insbesondere zu berücksichtigen, wenn es darum geht, den „Wert“ einer vertragsärztlichen Zulassung zu bestimmen. 28 Vgl. grundsätzlich auch die erste umfangreichere betriebswirtschaftliche Veröffentlichung zum Thema: Gatzen, M.: Bewertung von Arztpraxen, Bergisch Gladbach; Köln 1992; zugleich Köln, Univ. Diss. 1991. 29 Vgl. hierzu OLG Karlsruhe, Urt. vom 24.5.1989.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

"Die Beiträge sind sehr anschaulich … Das Werk und seine einzelnen Beiträge können jedem empfohlen werden, der sich mit Fragen der Unternehmensbewertung … beschäftigt."

Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.