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Heike Merk, Wolfgang Merk, 14.1 Überblick über den pharmazeutischen Sektor in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 322 - 328

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_322

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14 Bewertung von Pharmaunternehmen Von Heike Merk und Wolfgang Merk* 14.1 Überblick über den pharmazeutischen Sektor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 14.1.1 Der Weltpharmamarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 14.1.2 Der deutsche Pharmamarkt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312 14.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Pharmaunternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 14.2.1 Die Einbindung von Pharmaunternehmen in den Gesundheitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . 315 14.2.1.1 Allgemeine Besonderheiten des Gesundheitsmarktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 14.2.1.2 Wichtige Steuerungsinstrumente in der Arzneimittelversorgung . . . . . . . . . . . . . . 316 14.2.1.3 Die demographische Entwicklung und der medizinische Fortschritt als originäre Nachfragedeterminanten der Arzneimittelnachfrage. . . . . . . . . . . . . . . . 317 14.2.2 Markttransparenz durch Verfügbarkeit von Marktzahlen über Markforschungsunternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 14.2.3 Abhängigkeit von Pharmaunternehmen von bestehenden und zukünftigen Produkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 14.2.4 Geschäfts-Segmentierung als Mittel für mehr Bewertungs-Transparenz. . . . . . . . . . . . 320 14.2.4.1 Regionale Aufteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 14.2.4.2 Aufteilung des Produkt-Portfolios . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 14.2.4.3 Lohnfertigungsanteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 14.2.4.4 Verteilung der Funktionskosten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 14.2.5 Besonderheiten bei der Bewertung von Originatoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 14.2.5.1 Bewertung von F&E als Kernkompetenz von Originatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 14.2.5.2 Produktlebenszyklus bei Originatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 14.2.5.3 Hohes Risiko der Produkthaftung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 14.2.6 Besonderheiten bei der Bewertung von Generikaunternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 14.2.6.1 Bewertung der Entwicklungsstrategie und -fähigkeit als Kernkompetenz von Generikaunternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 14.2.6.2 Produktlebenszyklus eines generischen Produktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 14.2.6.3 Außendienst-Stärke und Key-Account Management als Werttreiber in der Generikaindustrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 14.2.6.4 Tiefe der vertikalen Integration eines Generikaunternehmens als Werttreiber. . . . 327 14.3 Unternehmensplanung in der Pharmabranche am Beispiel von Generikaunternehmen. . . . 327 14.3.1 Das Produktportfolio als Determinante der Umsatz- und Margen-Entwicklung in der Pharmaindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 14.3.1.1 Absatzmengen- und Verkaufspreisplanung von bestehenden Produkten . . . . . . . . . 328 14.3.1.2 Absatzmengen- und Verkaufspreisplanung von zukünftigen Produkten. . . . . . . . . 328 14.3.1.3 Planung der Gross Marge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 * Heike Merk, ratiopharm, Ulm, und Prof. Dr. Wolfgang Merk, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Sachverständiger zur Beratung von Unternehmen und Praxen im Gesundheitswesen, Betriebsanalysen und Betriebsunterbrechungschäden. Heike Merk und Wolfgang Merk310 14.1 Überblick über den pharmazeutischen Sektor 14.1.1 Der Weltpharmamarkt Der Gesamtumsatz mit Arzneimitteln lag im Jahr 2007 weltweit mit insgesamt 713,2 Mrd. US-Dollar rund 9,9 % über dem Vorjahresniveau und weist damit eine exorbitante Steigerungsrate auf. Ca. 82 % des Gesamtumsatzes auf dem Weltpharmamarkt entfällt dabei auf Nordamerika, Europa und Japan. Der Umsatz in Nordamerika ist zuletzt um 4,5 % auf 304,5 Mrd. US-Dollar gestiegen und macht damit fast die Hälfte (43 %) des weltweiten Pharmamarkt-Umsatzes 2007 aus. Der Pharmamarkt in Europa wuchs um 15,9 % auf 213,1 Mrd. US-Dollar im Vergleich zum Vorjahr. Lateinamerika steigerte seinen Umsatz im Jahr 2007 um 17,4 % auf 42,6 Mrd. US-Dollar, was eine auffällige Verbesserung darstellt, da der Umsatz im Jahr 2002 noch bei 21,2 Mrd. US-Dollar lag. Der pharmazeutische Weltmarkt weißt dabei eine hohe regionale Konzentration auf, ca. 82 % entfallen auf die Regionen Nordamerika, Europa und Japan. Die unternehmerische Branchenstruktur war in den letzten Jahren durch eine starke Konsolidierungsund Konzentrationstendenz geprägt. Aktuelle Beispiele hierfür sind Übernahme von Wyeth durch 14.3.2 Planung der Funktionskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 14.3.3 Planung der Cash-Flow relevanten Bilanzpositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 14.4 Bewertungsverfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 14.4.1 Umsatz- und Ebit-Multiples in der Pharmaindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 14.4.2 DCF-Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 14.4.3 Value Added-Verfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 14.5 Schlusswort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 14.6 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 Weltpharmamarkt Entwicklung Jahr 2003 2004 2005 2006 2007 Gesamtmarkt (Mrd.US-Dollar) 499,1 560,0 604,6 649,0 713,2 Veränderung (in Prozent) + 12,2 + 8,0 + 7,3 + 9,9 Abb. 14-1: Entwicklung des Weltpharmamarktes von 2003 bis 2007, Quelle: Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (Hrsg.): Pharmadaten 2008, S. 34 Region Umsatz in Mrd. US-$ Wachstum ggü. Vorjahr Nordamerika 304,5 4,5 % EU 213,1 15,9 % Japan 65,7 3,1 % Asien, Afrika, Austr. 87,3 18,3 % Lateinamerika 42,6 17,4 % Abb. 14-2: Verteilung des Weltpharmamarktes 2007 auf Regionen, Quelle: Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (Hrsg.): Pharmadaten 2008, S. 35 14 Bewertung von Pharmaunternehmen 311 Pfizer sowie von Schering-Plough durch Merck & Co. Pfizer konnte zuletzt seine Marktführerposition weiter ausbauen, Merck & Co. ist vor Sanofi-Aventis zum zweitgrößten Pharmaunternehmen avanciert. Grundsätzlich lassen sich Pharmaunternehmen in drei Industriezweige unterteilen:1 Zum ersten Industriezweig gehören Unternehmen der forschende pharmazeutische Industrie, auch Originatoren genannt, deren Erfolg entscheidend davon abhängt, ständig neue und erfolgreiche Arzneimittel zu entwickeln. Hervorgehobene Bedeutung kommt hier der Produktpipeline zu, die keine großen Lücken aufweisen darf. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung nicht mehr über die am Markt befindlichen Produkte gedeckt werden können. Als Faustregel gilt, dass ein Pharmakonzern ca. 1/10 seines Umsatzes aus neuen Arzneimitteln erlösen muss, um erfolgreich zu bleiben. Vor dem Hintergrund eines sehr hohen Niveaus der pharmazeutischen Forschung wird es daher für forschende Unternehmen immer notwendiger, hohe Anstrengungen zur Entwicklung von Innovationen vorzunehmen. Aus Forschung an ca. 6.000 Substanzen resultiert nach durchschnittlich etwa 12 Jahren Forschung lediglich ein marktreifes Medikament. Die durchschnittlichen F&E-Kosten werden dabei pro Medikament regelmäßig zwischen 500 und 800 Mio. Euro angegeben. Der Patentschutz beträgt in der Bundesrepublik Deutschland und den meisten Industrieländern 20 Jahre vom Zeitpunkt der Erteilung des Patents. Da ein Patent häufig sehr früh im Forschungsstadium angemeldet wird, beginnt die Patentlaufzeit bereits vor der Marktreife des Produkts, so dass nach Abschluss der klinischen Prüfung des Arzneimittels sowie des Zulassungs- 1 Vgl. Fischer, D.; Breitenbach, J. (2003): Die Pharmaindustrie: Einblick – Durchblick – Perspektiven, S. 15 ff. Pfizer (USA) (inkl Wyeth) 71,1 Lipitor (Cholesterinsenker) Effexor (Antidepressivum) 12,4 3,9 Merk & Co. (USA) (inkl. Schering-Plough) 44,6 Singulair (Asthma) Cozaar (Blutdruck) 4,3 3,5 Sanofi-Aventis (FR) 40,5 Lovenox (Thrombosen) Plavix (Blutverdünner) 3,8 3,7 GlaxoSmithKline (GB) 37,7 Seretide (Asthma) Valtrex (Viruserkrankung) 5,9 1,7 Novartis (CH) 33,9 Diovan (Blutdruck) Glivec (Krebs) 5,7 3,6 Roche (CH) 33,3 MabThera (Lymphknotenkrebs) Avastin (Darmkrebs) 5,6 4,9 Astra Zeneca (GB) 31,6 Nexium (Magenmittel) Seroquel (Psyhopharmakon) 5,2 4,4 Johnson & Johnson (USA) 24,6 Remicade (Entzündungshemmer) Risperdal (Psychopharmakon) 3,7 3,4 Lilly (USA) 19,3 Zyprexa (Depressionen) Cymbalta (Psychopharmakon) 4,7 2,7 Bristol-Myers Squibb (USA) 17,7 Plavix (Blutverdünner) Abilfy (Psychische Störungen) 5,7 2,1 Unternehmen Umsatz 2008 (in Mrd. Dollar) umsatzstärkste Blockbuster am Markt (in Mrd. Dollar p.a.) Quelle: Wirtschaftswoche vom 16.3.2009 S. 66/67 Abb. 14-3: Top 10 Pharmaunternehmen 2008 Heike Merk und Wolfgang Merk312 verfahrens dem Unternehmen häufig weniger als zehn Jahre effektive Patentlaufzeit zur Verfügung stehen, in denen die Forschungs- und Entwicklungskosten des Arzneimittels erwirtschaftet werden müssen. Ein weiterer Größenvorteil begründet sich häufig darin, dass weltweit agierende Unternehmen auf einen schlagkräftigen Außendienst zurückgreifen können und dadurch eine schnelle globale Marktdurchdringung gewährleisten können. Es verwundert daher nicht, dass sich insbesondere auf dem Bereich der forschenden pharmazeutischen Industrie sich in den letzten Jahren eine Vielzahl von Unternehmenskäufen und Zusammenschlüssen ergaben. So sind etwa die früheren eigenständigen Firmen Pharmacia, Warner-Lambert, Searle und Upjohn zwischenzeitlich alle im Pfizer-Konzern aufgegangen. Zum zweiten Industriezweig gehören Hersteller von Generika oder Nachahmerpräparaten, die Medikamente auf den Markt bringen, deren Patentschutz abgelaufen ist. Die Wirkstoffe, Dosierung und Arzneiform sind in der Regel identisch mit dem Originalpräparat. Generikaproduzenten wie Teva (Israel), Ranbaxy (Indien), ratiopharm oder Stada (beide Deutschland) profitieren insbesondere vom zunehmenden Finanzierungsproblemen in den einzelnen nationalen Gesundheitssystemen, da sie aufgrund wegfallender F&E-Aufwendungen deutlich billiger produzieren und anbieten können als die Originatoren. Entscheidend für Generikaunternehmen ist die Geschwindigkeit ein Präparat in der notwendigen Qualität „nachbauen“ zu können. In einzelnen Fällen verschaffen sich Generikaunternehmen einen Wettbewerbsvorteil, indem sie kurz vor Ende des Patentschutzes eine Lizenz des Originators (Early Entry) kaufen. Das Generikageschäft zeichnet sich des Weiteren durch vergleichsweise geringe Gewinnmargen und eine hohe Wettbewerbsintensität aus. Das Potenzial economies of scale zu generieren ist hier die Haupttriebfeder für Mergers & Acquisitions. Auch haben Originatoren erkannt, dass sie über die Akquisition einer Generikasparte, die Generierung von Gewinnen mit ihren Produkten verlängern können bzw. sich weitere Synergieeffekte, etwa bei der Auslastung von Produktionskapazitäten realisieren lassen. Zum dritten Industriezweig gehören Contract Research Organizations (CROs). Dies sind Unternehmen, die einzelne Bereiche der Arzneimittelentwicklung als Dienstleistung übernehmen. Diese Unternehmen haben sich auf präklinische (z.B. Quintiles) oder die klinische Entwicklung (z.B. Paraxel) spezialisiert. Durch die Beauftragung von CROs können Originatoren ihre eigenen F&E-Kapazitäten klein halten und ihr Risiko minimieren. In diesem Zusammenhang sollen auch Unternehmen genannt werden, die die Entwicklung von patentierten Darreichungssystem (drug delivery systems) übernehmen. Solche Unternehmen, wie z.B. ALZA entwickeln Systeme, die die Wirksamkeit und Effizienz bereits bekannter Wirkstoffe verbessern können (z.B. über eine verzögerte Wirkstofffreisetzung, das gezielte „Ansteuern“ von Organen oder die Reduktion von Nebenwirkungen). Durch die Entwicklung solcher Systeme (die selbst patentgeschützt werden können) wird es unter Umständen möglich, den Lebenszyklus eines Arzneimittels um weitere Jahre auszudehnen. Biotechnologie-Unternehmen gehören im weiteren Sinne ebenfalls zu den Industriezweigen der Pharmaindustrie. Auf diese soll jedoch an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, da sich damit ein eigenständiger Beitrag dieses Werkes beschäftigt. 14.1.2 Der deutsche Pharmamarkt Bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zählte Deutschland zu den führenden Pharmanationen und beherbergte mit Unternehmen wie Hoechst und Bayer die weltgrößten Pharmakonzerne. Die Zeiten in denen Deutschland als „Apotheke der Welt“ galt sind längst vorbei. In Deutschland sind gerade noch 334 pharmazeutische Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern beheimatet. Es herrscht hier weitgehend eine mittelständisch geprägte Struktur vor. Etwa 94 % der Pharmaunternehmen haben weniger als 500 Beschäftigte, der Großteil wird von den Eigentümern selbst geführt. Hinzu kommen noch ca. 200 Unternehmen im sogenannten Biomed-Sektor, die sich schwerpunktmäßig der Forschung und Entwicklung von Arzneimittel widmen.2 2 Vgl. hierfür und die weiteren gemachten statistischen Angaben: Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (Hrsg.): Pharmadaten 2008, S. 1 ff. 14 Bewertung von Pharmaunternehmen 313 Im Jahr 2007 waren 127.036 Personen in der pharmazeutischen Industrie beschäftigt. Insgesamt gingen seit 1999 rund 4.600 der ursprünglich 131.631 Arbeitsplätze verloren. Dies entspricht einem Rückgang der Beschäftigtenzahl um 3,5 %. In der Bundesrepublik sind ca. 16.000 Pharmareferenten tätig, die pro Jahr ca. 25 Mio. Besuche absolvieren. Der überwiegende Anteil der Pharmaunternehmen erwirtschaftet den Großteil seines Umsatzes auf dem deutschen Heimatmarkt. Gleichwohl der Exportanteil wächst, signalisiert dies eine starke Anhängigkeit vom heimischen Gesundheitsmarkt und den hier vorherrschenden gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Der Produktionswert (bewertet zu Abgabepreisen) der Pharmazeutischen Industrie in Deutschland betrug 2007 ca. 26,2 Mrd. Euro, die Gesamtausgaben für Arzneimittel (inkl. Verbandsmittel) lagen im selben Jahr laut statistischem Bundesamt bei ca. 41,7 Mrd. Euro. Mit einem Drittel der Gesamtkosten sind die Ausgaben für die Krankenhausbehandlung (50,8 Mrd. Euro) der größte Ausgabenblock der GKV, gefolgt von den Arzneimitteln mit 25,59 Mrd. Euro und der ärztlichen Behandlung mit 23,11 Mrd. Euro. Der Ausgabenanteil für Arzneimittel (aus Apotheken ohne von Sonstigen) lag bei 16,66 % der Gesamtausgaben der GKV. Der hohe Anstieg der Ausgaben für Arzneimittel im Jahr 2007 ist auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer und der verstärkten Inanspruchnahme von Impfstoffen zurückzuführen. Nach dem Umsatz ist der Marktführer auf dem deutschen Pharmamarkt 2008 Hexal. Damit liegt dieses Unternehmen vor seiner Muttergesellschaft Novartis und Sanofi-Aventis. Nachfolgend dargestellt ist ein Ranking der 10 umsatzstärksten Pharmaunternehmen in Deutschland 2008. 3 Die Daten umfassen die Arzneimittelabgaben der Apotheken für den GKV-Markt, Privatrezepte und Barverkäufe auf Basis der Abgaben der öffentlichen Apotheken. Datenbasis für den GKV-Markt sind über 99 % der von den Apothekenrechenzentren getätigten GKV-Abrechnungen. Der Anteil der Privatrezepte und Abgaben ohne Rezept wird auf Basis einer Stichprobe von mehr als 4.000 Apotheken erhoben. Pharmabetriebe nach Größenklassen Bis 99 Mitarbeiter 76,8 % 100 bis 499 Mitarbeiter 17,3 % 500 und mehr Mitarbeiter 5,9 % Abb. 14-4: Pharmabetriebe nach Größenklassen, Quelle: Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (Hrsg.): Pharmadaten 2008, S. 8 Rang Unternehmen 1 HEXAL 2 NOVARTIS PHARMA 3 SANOFI-AVENTIS 4 BAYER 5 PFIZER PHARMA 6 ASTRAZENECA 7 KOHLPHARMA 8 RATIOPHARM 9 GSK 10 BOEHRINGER I. Quelle: IMS PharmaScope National/GKV3 Abb. 14-5: Top 10 Pharmaunternehmen in Deutschland 2008 Heike Merk und Wolfgang Merk314 Die Zahl der Arzneimittel in Deutschland, für die eine Zulassung oder Registrierung besteht, lag per Stichtag 15. Juni 2008 laut Statistik des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bei ca. 56.660. Diese hohe Zahl wird in internationalen Vergleichen häufig kritisiert. Die „ Rote Liste®“, das das umfassendste Arzneimittelverzeichnis Deutschlands darstellt, nennt in seiner aktuellen Ausgabe jedoch nur eine Zahl von 8.764 Präparaten und macht dabei 35.774 Preisangaben (da die Präparate fast immer in verschiedenen Packungsgrößen zu unterschiedlichen Preisen gehandelt werden). Im Jahr 2007 wurden in Deutschland 1,38 Mrd. Packungseinheiten abgegeben, davon entfielen auf verschreibungspflichtige Medikamente 690 Mio. (50,0 %), rezeptfreie Verordnungen 140 Mio. (10,1 %) und Selbstmedikation 550 Mio. (39,9 %). Hinsichtlich der möglichen Vertriebswege ist zunächst auf die Präparate abzuheben. Diese können zunächst in freiverkäufliche und apothekenpflichtige Präparate unterschieden werden. Bei freiverkäuflichen Präparaten kann auch der normale Einzelhandel Distributor sein, wenn dort ein entsprechender Sachkundenachweis vorliegt. Weiter können Präparate danach unterschieden werden, ob sie rezeptpflichtig sind und ob die Kosten für den Versicherten erstattungsfähig sind. Der klassische Vertriebsweg von Arzneimitteln verläuft von den Herstellern über Großhändler und eine der ca. 21.600 Apotheken zum Endverbraucher. Über diesen Distributionskanal werden ca. 75 % des Marktes abgedeckt. Ein weiterer quantitativ bedeutsamer Weg geht von den Herstellern direkt an die ca. 2.100 Krankenhäuser. Die Krankenhäuser geben die Arzneimittel dann ohne gesonderte Berechnung an ihre Patienten ab. Darüber hinaus werden Arzneimittel an krankenhausversorgende Apotheken oder Krankenhäuser mit eigener Apotheke geliefert. Ein geringer Anteil des Marktes wird ohne Einbeziehung des Großhandels direkt vom Hersteller an den Apotheker abgegeben.4 Zunehmende Bedeutung gewinnt in der Pharmabranche auch der Versandhandel. Die Internetapotheken DocMorris und Easy haben hier bekanntlich neue Vertriebsstrukturen etabliert. Sie betreiben zwischenzeitlich auch Vor-Ort-Apotheken innerhalb eines Franchiseähnlichen Systems, jedoch unter Wahrung der apothekerbezogenen Besitzverhältnisse. Das Fremdbesitzverbot, dessen Rechtmäßigkeit in einer 4 Vgl. hierzu Dambacher, E.; Schöffski, O. (2002): Vertriebswege und Vertriebswegeentscheidung. In: Schöffski, O. et. al. (Hrsg.): Pharmabetriebslehre, S. 243 ff. 1999 2000 2001 2002 2003 Apotheken (inkl. Filialapotheken) 21.590 21.592 21.569 21.465 21.305 Filialapotheken – – – – – Neueröffnungen 191 187 186 140 122 Schließungen 157 185 209 244 282 Apothekenentwicklung 34 2 –23 –104 –160 2004 2005 2006 2007 2008 Apotheken (inkl. Filialapotheken) 21.392 21.476 21.551 21.570 21.602 Filialapotheken 632 1.228 1.796 2.356 2.851 Neueröffnungen 343 326 346 370 360 Schließungen 256 242 271 351 328 Apothekenentwicklung 87 84 75 19 32 Abb. 14-6: Entwicklung Apothekenzahlen, Quelle: Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverband Zahlen, Daten, Fakten 2008 , S. 4 14 Bewertung von Pharmaunternehmen 315 Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes bestätigt wurde, besagt, dass nur Apotheker/innen mit Approbation bzw. Witwer und Witwen von Apotheker/innen Inhaber einer Apotheke sein können und dazu noch drei weitere Filialapotheken betreiben dürfen. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist in Deutschland die Direktabgabe von Medikamenten durch Ärzte verboten (Dispensierverbot). Sie können zwar Maßnahmen zur Direktmedikation durchführen (z.B. eine Infusion, Injektion), ansonsten ist ihnen nur die Abgabe von Ärztemustern in geringen und geregelten Mengen erlaubt. Durch ihr Verordnungsmonopol für rezeptpflichtige Arzneimittel konzentriert sich das Marketing der Pharmahersteller natürlich bisher auf die deutsche Ärzteschaft. 2008 waren in Deutschland ca. 319.700 Ärzte berufstätig, davon im ambulanten Bereich ca. 138.300 und im stationären Bereich 153.800. In Behörden oder Körperschaften und anderen Bereichen sind 27.600 Ärzte tätig. Durch den zunehmenden Anteil von OTC-Produkten (over the counter) in Apotheken sowie der Erlaubnis, bestimmte verschriebene Medikamente durch wirkstoffgleiche, preisgünstigere Medikamente zu ersetzen (sog. Aut-idem-Regelung) werden zunehmen Apotheker zum Mittelpunkt von Marketingaktivitäten der Pharmahersteller. Durch den wachsenden Markt der Selbstmedikation rückt natürlich auch der Patient oder Endverbraucher selbst immer mehr in den Fokus des Marketinginteresses. 14.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Pharmaunternehmen 14.2.1 Die Einbindung von Pharmaunternehmen in den Gesundheitsmarkt Wie bereits erwähnt, sind Unternehmen der pharmazeutischen Industrie in hohem Maße abhängig von den gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen eines Landes. Um ein Unternehmen der Pharmazeutischen Industrie zu bewerten, ist es daher absolut notwendig, dass ein Bewerter nicht nur über die notwendige Methodenkompetenz hinsichtlich der entsprechenden Bewertungsverfahren verfügt. Ebenso notwendig sind vertiefte Kenntnisse der Pharmabranche und hierbei insbesondere das entsprechende Grundverständnis über seine Einbettung in den Gesundheitsmarkt und das Gesundheitssystem eines Landes. Nur das Durchschauen der zahlreichen Interdependenzen zu anderen privaten und staatlichen Unternehmen und Institutionen im Health Care Markt ermöglicht die gesundheitssystemimmanenten Chancen und Risiken, denen ein einzelnes Pharmaunternehmen gegenübersteht, abzuschätzen. Durch die Spezifika des Gesundheitsmarktes und den hohen Grad der Regulierung, der diesem Bereich innewohnt, werden seriöse und fundierte Prognosen, etwa über zukünftig zu erzielende Cash Flows, zur besonderen Herausforderung. Nachfolgend werden wir beispielhaft einige dieser Besonderheiten skizzieren: 14.2.1.1 Allgemeine Besonderheiten des Gesundheitsmarktes „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ oder „Gesundheit ist das höchste Gut“ sind häufig genannte Werturteile, die auf die Besonderheit von Gesundheit hinweisen. Aus theoretischer Sicht weist der Markt für Gesundheitsleistungen in der Tat eine Reihe von Besonderheiten auf, die dazu geführt haben, dass unter Gesundheitsökonomen weitestgehend Konsens darüber besteht, dass die klassische ökonomische Nachfragetheorie hier nur sehr eingeschränkt gelten kann. Es besteht jedoch große Uneinigkeit darüber, wie ein effizienter Einsatz der knappen Mittel auf diesem Markt herbeigeführt werden soll. Zwischen wettbewerblichen Lösungen bis hin zu einem vollkommen staatlich geplanten Gesundheitswesen schwanken die Ansätze. Insbesondere unterscheidet sich der Gesundheitsmarkt von anderen Märkten durch folgende Punkte:5 Eingeschränkte Konsumentensouveränität, • die aus der Informationsasymmetrie zwischen Anbietern von Gesundheitsleistungen und dem Nachfragern entsteht. Möglichen Nichterreichung sozialpolitisch definierter Ziele • , z.B. der Gleichbehandlung von Individuen bei gleichen Bedürfnissen (Zwei-Klassen-Medizin). 5 Vgl. ausführlich: Merk, W. (1999) Wettbewerbsorientiertes Management von Arztpraxen, S. 64. ff.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

"Die Beiträge sind sehr anschaulich … Das Werk und seine einzelnen Beiträge können jedem empfohlen werden, der sich mit Fragen der Unternehmensbewertung … beschäftigt."

Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.