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Sonia Rabussier, 12.2 Der Markt für Telekommunikationsdienste in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 290 - 300

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_290_1

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12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen Von Sonia Rabussier* 12.1 Einführung Die Telekommunikation stellt einen der Grundpfeiler unserer global vernetzten Wirtschaft dar. Sie trägt zu einem erheblichen Teil zur Innovationskraft, zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit und zum Wachstum der Volkswirtschaft bei. So erklärt es sich auch, dass in der Vergangenheit die Telekomunternehmen im staatlichen Besitz waren und von staatlicher Seite gelenkt und geführt wurden. Diese Unternehmen waren dann „Monopolisten“. 12.2 Der Markt für Telekommunikationsdienste Unter den Telekommunikationsdiensten werden sowohl die Sprach- und Mobiltelefonie als auch die Datenübertragung verstanden. Die Netzinfrastruktur und die Herstellung der Endgeräte werden unter dem allgemeineren Begriff der Telekommunikation, nicht aber unter dem der Telekomunikationsdienste, eingegliedert. 12.2.1 Bedeutung der Telekommunikationsdienste in der Volkswirtschaft Nach Schätzung des Instituts für Weltwirtschaft haben die Telekommunikationsdienste in den letzten zehn Jahren über 2 % zum globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beigetragen. Die weltweiten Ausgaben für private Telekommunikationsdienstleistungen betrugen 3 % der gesamten Konsumausgaben der privaten Haushalte und lagen damit deutlich hinter den durchschnittlichen Ausgaben für Tabak und Alkohol. 12.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 12.2 Der Markt für Telekommunikationsdienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 12.2.1 Bedeutung der Telekommunikationsdienste in der Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . 275 12.2.2 Liberalisierung der Telekombranche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 12.2.3 Wettbewerbssituation in der Telekombranche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 12.2.3.1 Wettbewerb im Festnetzbereich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 12.2.3.2 Wettbewerb im Breitband-Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 12.2.3.3 Wettbewerb im Mobilfunkbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 12.3 Bewertung in der Telekommunikationsbranche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 12.3.1 Bewertung der TK-Unternehmen: ein alltäglicher Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 12.3.2 Bewertung der TK-Unternehmen: Hauptverfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 12.3.2.1 Discounted Free Cash Flow – Bewertung (Entity-Verfahren) . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 12.3.2.2 Sum-of-the-Parts-Bewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 12.3.2.3 Relative Bewertung mittels der Multiplikatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 * Sonia Rabussier, Sal. Oppenheim, Frankfurt am Main. Sonia Rabussier276 In Europa hatte der Telekom-Sektor in 2007 ein Volumen von rund € 300 Mrd., was etwa 2 % des BIP der EU entspricht. Der Markt verzeichnete ein Wachstum von 1,9 % im Vergleich zum Vorjahr. Größter Sektor blieb der Mobilfunk mit einer Umsatzsteigerung von 3,8 % (€ 137 Mrd.), getrieben durch die schnelle Verbreitung des Mobilfunks der dritten Generation (3G). Dagegen sind die klassischen Festnetz-Telefondiensten um 5 % gesunken, da sich zunehmend Kunden den Mobilfunk- und IP- Diensten zuwenden. Im Internet-Bereich hat Europa eine durchschnittliche Breitbanddurchdringung von 40 % (Quelle: BITKOM, 2008). Spitzenreiter sind die Länder Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland mit einem Anteil von über 60 %. Deutschland liegt auch über dem europäischen Durchschnitt mit 50 %. In Deutschland erwirtschaftete die gesamte Telekomdienstbranche in 2008 circa € 63 Mrd. Es ist ein Rückgang von 2,3 % im Vergleich zum Vorjahr, der in erster Linie auf den wettbewerbsbedingten Preisverfall sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk zurückzuführen ist. So lag im Jahr 2008 der Preisindex für Telefondienstleistungen (Festnetz/Internet und Mobilfunk) um 3,3 % unter dem Niveau des Vorjahres. Die wachsende Marktsättigung und weiter fallende Preise führen in der deutschen Telekommunikationsindustrie zu weiteren Übernahmen, Zusammenschlüsse und Kooperationen zwischen Netzbetreiber, da eine größere Kundenbasis zu einer besseren Netz-Auslastung führt (Skaleneffekte). Bis 2012 sollte der Umsatz für die Telekommunikationsdienste in Deutschland um 1 % im Durchschnitt sinken trotz der signifikant ansteigenden transportierten Volumina. Umsätze mit Sprachdiensten im Festnetz werden weiterhin rückläufig sein, da die Festnetzbetreiber ihre Verluste bei der klassischen 56,2 60,5 62 63,9 66,8 67,3 66,3 64,5 63 17% 7,7% 0,7% –1,5% –2,7% –2,3% 2,5% 3,1% 4,5% 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e in Mrd. EUR –5% 0% 5% 10% 15% 20% Umsatz in Mrd. Eur Wachstumsrate Quelle: Bundesnetzagentur (BNetzA) Abb. 12-1: Telekommunikationsdienstmarkt in Deutschland 12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen 277 Sprachtelefonie nicht vollständig durch Umsatzsteigerungen mit einer wachsenden Zahl von Breitbandanschlüssen kompensieren können. Im Mobilfunk werden die Preise drastisch sinken. Der Trend zu Flatrat-Angeboten und der zunehmende Wettbewerb wird den durchschnittlichen Preis für eine Mobilfunkgesprächminute von aktuell 13 Cent bis Ende 2012 auf etwas über 9 Cent senken. Diese Umsatzrückgänge können die Anbieter nur durch neuen Erlösquellen wie IPTV (Fernsehen durch Internet), Musik- und Videodownloads und vor allem mobile Breitbanddienste kompensieren. Kunden werden neben klassischen Datenkarten und breitbandfähigen Mobiltelefonen mehr und mehr Endgeräte wie Notebooks, PDAs, MP3-Player, etc. für mobile Breitbanddienste nutzen. 12.2.2 Liberalisierung der Telekombranche Ihren Ursprung haben die zum Teil bis heute bestehenden monopolistischen Strukturen in der Telekommunikation bereits im 19. Jahrhundert. Die Überzeugung von der Notwendigkeit einer weitgehenden Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes geht einher mit einer recht modernen Vorstellung von der Funktionsweise desselben. Eine Vorreiterrolle spielten dabei – wie so häufig – die USA, Japan und Großbritannien. Dort wurden bereits vor mehr als zwanzig Jahren die Weichen für die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes gestellt. So zerschlugen die USA und Großbritannien bereits 1984 ihre Telekommunikationsmonopole und privatisierten die bis dahin staatliche geführten Unternehmen AT&T bzw. British Group. Die weiteren europäischen Länder folgten diesen Beispielen dann in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends. China bleibt bis heute der größte Markt, in dem die Telekommunikationsindustrie noch mehrheitlich unter staatlicher Kontrolle ist. Die Liberalisierung wird im Wesentlichen auf zwei Wegen erreicht. Zum einen wird dabei der bisherige Monopolist privatisiert und zum anderen wird der Wettbewerb durch die Abgabe von Lizenzen 37,0 37,3 37,1 37,2 39,1 38,9 38,4 37,6 36,4 19,2 23,2 28,4 27,9 26,9 26,6 27,7 26,7 24,9 10 15 20 25 30 35 40 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e in Mrd. EUR Festnetz Mobilfunk Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-2: Entwicklung der Festnetz- und Mobilfunkumsätze in Deutschland Sonia Rabussier278 an neue Akteure für Teilmärkte (insbesondere in den Bereichen mit neuer Technologie) oder für den gesamten Telekommarkt gefördert. Das beste Beispiel ist hierbei der Mobilfunkmarkt. Wohl jeder Markt in Europa zählt zwischenzeitlich neben dem ehemaligen Monopolisten mindestens einen weiteren Anbieter. Zahlreiche Faktoren beeinflussen den Erfolg der Liberalisierung der Telekombranche in dem jeweiligen Land. Der entscheidenste Faktor ist dabei sicherlich immer die weiterhin bestehende staatliche Regulierung des Marktes. Es stellt sich daher die grundsätzliche Frage, wie viel und welche Art von Regulierung im Telekommunikationsmarkt benötigt wird? Die Regulierungsbehörden in der Telekommunikation haben die Aufgabe, den Wettbewerb zu fördern und drauf zu achten, dass das marktbeherrschende Unternehmen – in der Regel der ehemalige Monopolist – rechtzeitig wesentliche Leistungen den Konkurrenten zur Verfügung stellt. In den einzelnen Ländern sind unterschiedliche Ausprägungen der Regulierung vorhanden. In den USA gibt es regionale, bundesstaatliche und eine nationale Regulierungsinstanzen. In Europa gibt es eine europäische und jeweils eine länderspezifische Regulierungsinstanz. Die Europäische Union gibt den Mitgliedsländern Richtlinien vor, deren Umsetzung und Ausarbeitung in nationales Recht dann in den Verantwortungsbereich der einzelnen Mitgliedsländer und den dort zuständigen Institutionen fällt. In den meisten Fällen reguliert die Regulierungsbehörde den Markt durch ein Preiskontrollsystem. Dieses System schreibt dem ehemaligen Monopolist vor, welche Preisänderungen erlaubt sind oder durchgeführt werden müssen. Üblicherweise sind diese Preiskontrollen mit den lokalen Inflationsindikatoren verknüpft. Eine Preiskontrolle von RPI + 2 % (Retail Price Index + 2 %) bedeutet dabei beispielsweise, dass die Endverbraucherpreise nicht mehr als 2 % die Inflationsrate überschreiten dürfen. Das Preiskontrollsystem gilt als ein Anreizsystem. Es wird dabei keine direkte Kontrolle über die Margen des ehemaligen Monopolisten ausgeübt. Eine Regulierung findet jedoch nicht lediglich auf der Ebene der Endverbraucherpreise statt. Auch die Preise, welche von den Wettbewerben an den ehemaligen Monopolisten für bestimmte Leistungen wie beispielsweise den Netzzugang (sogenannte Verbindungsrate oder auch interconnection rates) gezahlt werden müssen, werden reguliert. Ende Juni 2004 ist in Deutschland das neue Telekommunikationsgesetz (TKG) in Kraft getreten. In den letzten Jahren hat die Regulierungsbehörde, die „ Bundesnetzagentur (BNetzA)“, weiteren Druck ausgeübt, um die Netzzugangskosten für die Wettbewerber des ehemaligen Monopolisten zu mindern. So kann die BNetzA den deutschen Ex-Monopolisten Deutsche Telekom zum Angebot bestimmter Vorleistungsprodukte verpflichten, deren Preise zudem der vorherigen Genehmigung durch die Behörde unterliegen. Wegen des dadurch entstandenen massiven Preisverfalls im Festnetz- und Mobilfunkbereich zeichneten sich in 2008 dann jedoch die ersten Deregulierungstendenzen ab. So werden voraussichtlich die Festnetz-Endkundenmärkte für nationale Verbindungen in Mobilfunk- und Festnetze vollständig dereguliert. Anderseits weitet die BNetzA ihre Regulierung auf neue Dienste und Märkte aus wie auf den Ausbau des Glasfasernetzes. 12.2.3 Wettbewerbssituation in der Telekombranche Die Wettbewerber lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: die „ virtuellen“ Netzanbieter und die „ alternativen“ Netzanbieter. Die „virtuellen“ Netzanbieter verkaufen Minuten- oder Breitband-Kapazitäten von dem ehemaligen Monopolisten zu einem günstigeren Preis oder in einer anderer Verpackung weiter (beispielsweise United Internet). Die alternativen Netzanbieter haben entweder ihr eigenes Netz (wie Arcor in Deutschland) oder mieten das Netz von dem ehemaligen Monopolisten. Sie haben den großen Vorteil einer exklusiven Beziehung zu ihren Endkunden. 12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen 279 12.2.3.1 Wettbewerb im Festnetzbereich Die Wettbewerbssituation im Festnetzbereich ist für alle Beteiligten extrem schwierig. Ursächlich hierfür sind vor allem die stark fallenden Umsätzen in dem Segment. In 2008 machen die Festnetzumsätze nur noch 58 % des gesamten weltweiten Telekomumsatzes vs. 77 % in 1998 aus. Dieser kontinuierliche Rückgang der Umsätze im Festnetzbereich ist durch unterschiedliche Faktoren zu erklären: Penetrationsrate über 100 % in allen gesättigten Märkten wie Nord Amerika und Westeuropa • Substitutionseffekt von Mobilfunk • Druck auf die Preise und Margen sowohl für internationale Gespräche als auch für Ortsgespräche. • Die Zugänge der Festnetzsprachkommunikation über klassische Telefonanschlüsse (PSTN/ISDN) sowie Voice over IP (VoIP) über die Kabelfernsehinfrastruktur und über DSL-Anschlüsse haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedlich entwickelt. Als Voice over IP oder IP-Telefonie wird das Telefonieren über Computernetzwerke mittels des Internet Protokolls (IP) genannt. Man spricht auch von IP Telefonie, Internet Telefonie oder LAN Telefonie. Während spürbar wird, dass die Bedeutung des klassischen Telefonanschluss (PSTN/ISDN) nachlässt, nimmt die VoIP-Telefonie drastisch zu. Mehr als jedes dritte Telefonat erfolgt weltweit bereits über Voice over IP. Der Hauptgrund für die rasante Entwicklung der IP-Technik ist vor allem der Preisvorteil gegenüber herkömmlichen Telekommunikationsnetzen, sowohl für Betreiber als auch für Kunden. In Deutschland ist die Anzahl der traditionellen Anschlüsse in den letzten drei Jahren stark zurückgegangen (– 8 %). Diese machen in 2008 nur noch 24 % der gesamten Anschlüsse versus noch 31 % in 2008 und 45 % in 2000 aus. Im Gegensatz dazu verdoppelte sich in 2008 der Bestand an VoIP Anschlüsse auf 3,7 Mio. Klassische Festnetzanschlüsse wurden durch die neue Technologie ersetzt. Umsatzentwicklung im deutschen Festnetzbereich 37,0 37,3 37,1 37,2 38,9 38,4 37,6 36,4 39,1 3,0% 0,8% –0,6% –1,3% –2,2% –3,1% –0,5% 0,2% 5,1% 35 36 37 38 39 40 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e –4% –2% 0% 2% 4% 6% Umsatz in Mrd. Eur Wachstumsrate Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-3: Umsatzentwicklung im deutschen Festnetzbereich Sonia Rabussier280 Anzahl der Telefonanschlüsse in Deutschland 39,7 39,7 39,7 39,3 39,1 39 38,4 37,1 35,4 48,2 56,1 79,3 85,7 97,2 107,2 59,1 64,8 71,3 3,71,50,4 0 20 40 60 80 100 120 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e Anschlüsse in Mio. Festnetz (PSTN/ISDN) Mobilnetz VoIP Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-4: Anzahl der Telefonanschlüsse in Deutschland Wettebewerb auf dem deutschen Festnetzmarkt 17,6 21,6 23,3 25,3 26,6 25,6 25 22,9 21,1 19,4 13,3 13,4 14,7 15,3 12,5 11,9 15,7 13,8 0 5 10 15 20 25 30 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e Umsatz in Mrd. EUR Festnetzumsatz Deutsche Telekom Festnetzumsatz Alternative Anbieter Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-5: Wettbewerb auf dem deutschen Festnetzmarkt 12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen 281 Auf dem deutschen Festnetzmarkt bleibt die Deutsche Telekom auch elf Jahre nach der Liberalisierung der dominante Spieler. Laut Bundesnetzagentur verfügen alternative Festnetzbetreiber über einen Marktanteil von 40 %. Die Kabelnetzbetreiber treten jedoch verstärkt in den Wettbewerb im Festnetzmarkt ein. Sie rüsten ihr Leitungsnetz weiter auf, um den Kunden auch kostengünstige Telefon- und Internetanschlüsse anbieten zu können. 12.2.3.2 Wettbewerb im Breitband-Bereich Grundsätzlich ist Breitband ein Begriff, der, relativ zum Stand der Technik, hohe Datenübertragungsraten meint. Bei einem Breitband-Internetanschluss können „ Triple-Play“-Möglichkeiten angeboten werden: TV-Übertragung, Sprach- und Daten-Telefonie (Voice over IP: Telefonie über das Internet). Kabelmodem und DSL sind und werden mittelfristig die bevorzugten Technologien für den Breitbandzugang. Diese beiden Technologien zeichnen sich durch eine große Bandbreite aus, die einen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet oder die Übertragung von Multimediadaten oder Video in Echtzeit erlaubt. Bei DSL (Digital Subscriber Line) werden Daten digital über Telefonleitungen über ein Zweidraht- Kupferkabel übertragen. Die Reichweite von DSL beträgt aber im Höchstfall nur fünf bis sechs Kilometer und kann nur verlängert werden, wenn ein Teilstück der Verbindung aus Glasfaserkabeln besteht oder Verstärker dazwischengeschaltet werden. DSL ist fast doppelt so stark verbreitet wie das Kabelmodem. Ein internationaler Vergleich zeigt jedoch, dass sich eine hohe Breitband-Penetration nicht allein auf die Verbreitung von DSL beschränkt. Breitbandanschlüsse je 100 Haushalte im EU-Vergleich 2007 74 70 67 60 58 57 56 50 48 46 42 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 Niederlande Dänemark Schweden Finnland Luxemburg Großbritannien Belgien Deutschland Estland Österreich EU-Durchschnitt Breitbandanschlüsse Quelle: BITKOM Abb. 12-6: Breitbandanschlüsse je 100 Haushalte im EU-Vergleich, 2007 Sonia Rabussier282 Nachdem deutsche Haushalte jahrelang unterdurchschnittlich mit Breitband versorgt waren, hat Deutschland vor kurzem rasch aufgeholt. Die Zahl der Breitbandanschlüsse hat sich seit 2003 verdreifacht und in 2008 lag die Breitbandpenetration in Deutschland mit 50 % deutlich über dem EU- Durchschnitt (40 %). Ende 2008 haben sogar 58 Prozent aller deutschen Haushalte einen schnellen Internetzugang. In den EU-Ländern mit dem höchsten Verbreitungsgrad (Dänemark, Schweden, Großbritannien) entfällt ein beträchtlicher Marktanteil auf die schnellen Internetzugängen über das Kabel. In den Niederlanden und Österreich, aber auch in den USA ist sie sogar die dominierende Zugangsart. In Deutschland bieten TV-Kabelanbieter noch keine ernsthafte Alternative zu DSL an. Und dies, obwohl Deutschland in Bezug auf die Anzahl der ans Kabel angeschlossenen Haushalte in der weltweiten Spitzengruppe liegt. Rund 93 Prozent aller Breitband-Zugänge basierten in 2008 auf DSL. Die regionalisierten Kabelnetze haben in den vergangenen Jahren stark unter dem verzögerten Verkaufsprozess der Deutsche Telekom gelitten. Das Kabelnetz war dadurch im Zeitpunkt des Verkaufs technisch gesehen veraltet. Investitionen mussten schnell und in großem Umfang getätigt werden. Die Vielzahl der Verhandlungspartner durch die Zersplitterung des Kabelmarktes in eine Netzebene 3 (Verteilernetze) und auf eine Netzebene 4 (Hausanschlussnetze) mit ihren vielen Hundert unabhängigen Betreibern stellt dabei ein massives Hindernis dar. Selbst eine flächendeckende Aufrüstung des Netzes auf der Netzebene 3 sichert noch keine Vermarktungsmöglichkeiten zu Endkunden, da diese überwiegend direkte Kunden von den Netzebene 4-Betreibern sind. Trotzdem versuchen alle großen Kabelnetzbetreiber Breitband über Kabel vor allem zusammen mit neuen innovativen digitalen TV-Angeboten an zu bieten. Im Breitband-Geschäft hat sich das Kun- Wettbebewerb auf dem deutschen Breitbandmarkt 1,2 4,1 7,3 9,5 10,3 7,1 9,0 10,6 0,24 0,49 1 1,6 1,8 6,4 5,6 3,0 4,0 0,15 0,07 0 5 10 15 20 25 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e Anschlüsse in Mio. DSL außer DT Deutsche Telekom DSL Kabel Quelle: BNetzA Abb. 12-7: Wettbewerb auf dem deutschen Breitbandmarkt 12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen 283 denwachstum in den letzten zwei Jahren beschleunigt und entsprechend härter ist der Kampf um die Internetnutzer geworden. Dementsprechend rüsten Kabelnetzbetreiber verstärkt ihr Leitungsnetz auf, um sogenannte Triple-Play-Pakte (Internet, Telefon, Fernsehen) auf dem Markt anzubieten. Aufgrund ihrer technischen Struktur sind entsprechend ausgebaute Kabelnetze grundsätzlich in der Lage, sehr hohe Datenraten von über 100 Mbit/s zu übertragen. Und mit dem Trend nach immer höheren Bandbreiten müssen daher erstmals die Telekom-Gesellschaften einen wirklich ernsthaften Angriff der Kabeldienstbetreiber fürchten. Mittels aggressiver Preisstrategien kommt es allmählich zu einer Marktanteilsverschiebung zwischen ehemaligen Monopolisten und den Wettbewerbern. So werden beispielsweise Bereitstellungsentgelte erlassen sowie Flatrate- bzw. Volumentarife angeboten. Die erforderliche Hardware erhält der Kunde vergünstigt oder sogar kostenlos bei Abschluss eines entsprechenden Vertrages. Haupteigentümer des Telekommunikationsfestnetzes sind und bleiben jedoch in nahezu allen Ländern die ehemaligen Monopolisten, weshalb diese in der Regel den DSL-Markt auch dominieren. Der Marktzutritt für die Wettbewerber kann auf Grund des Eigentums an der sogenannten „letzen Meile“ durch die ehemaligen Monopolisten erheblich erschwert werden. Darüber hinaus verfügen die ehemaligen Monopolisten wegen ihrer tradierten direkten Kundenbeziehung gegenüber den neuen Mitbewerbern über einen wichtigen Wettbewerbsvorsprung. So betreibt die Deutsche Telekom direkt noch 51 % aller DSL-Anschlüsse in Deutschland. Nach dem Erfolg von DSL setzen sich zunehmend schnelle Internetverbindungen auch im Mobilfunk durch. 12.2.3.3 Wettbewerb im Mobilfunkbereich Längst ist das Mobiltelefon vom Elite-Tool zum Massenprodukt avanciert. Der Datenaustausch und die Datenübertragung können auf immer unterschiedlichere Weise erfolgen: zuerst per Kabel, dann per Infrarot-Funkverbindung und dann per Bluetooth tauscht es Daten, E-Mail-Attachments mit anderen Mobiltelefonen, Organizer, Laptops und PCs aus. Die Einsatz- und Nutzungsmöglichkeiten eines Mobiltelefons haben sich deutlich erweitert. Man ist nicht mehr allein auf die „einfache“ Telefonie beschränkt. Ende 2008 gab es rund 107,2 Million Teilnehmer in den Mobilfunknetzen. Damit wurde eine Penetrationsrate von 130,6 Prozent erreicht. Bereits circa 11 % der Endkunden nutzen ausschließlich ein Mobiltelefon zum Telefonieren und verzichten ganz auf einen Festnetzanschluss. Während das Verkehrsvolumen im Festnetz stagniert, nimmt es im Mobilfunk stark zu. Dieses hohe Wachstum im Mobilfunkbereich liegt hauptsächlich an den folgenden Gründen: Substitution der Festnetz-Sprachtelefonie durch Mobilfunk • Neue Mobilfunktechnologien wie UMTS und Wireless LAN sowie neue Mobildienste wie mobile • Internetnutzung treten immer mehr in Konkurrenz zu Festnetztechnologien und versprechen zusätzliche Wachstumsimpulse in der Branche. Wireless LAN Anschlüsse (WLAN-Karten) ermöglichen eine drahtlose schnelle Datenverbindung zum Internet mit mobilen Geräten. Voraussetzung für den Zugang ist jedoch, dass sich der Benutzer in der Nähe eines WLAN-Senders aufhält, einem so genannten Hotspot. Parallel zu der der weltweiten Zunahme der Breitbandanschlüsse engagierten sich die Mobilfunkunternehmen verstärkt im WLAN- Geschäft und trieben den Ausbau von öffentlichen Zugangspunkten, den Publik Hotspots, voran. Discount-Angebote, Flatrates und eine verstärkte Nachfrage nach sog. Homezone-Tarifen haben den Mobilfunkverkehr stark anwachsen lassen. Gleichzeitig haben diese Angebote zu einem beachtlichen Preisverfall und zu einem Umsatzrückgang in den letzten drei Jahren geführt. Die Anzahl der Anbieter im Mobilfunkbereich ist mittlerweile deutlich höher als die im Festnetzbereich und der ehemalige Monopolist hat an Marktdominanz erheblich verloren. Gemessen an dem Umsatz hält Deutsche Telekom via seine Mobilfunk-Tochtergesellschaft T-Mobile einen Marktanteil in Deutschland von 30 % in 2008. Sonia Rabussier284 Festnetz- und Mobilfunkdienste nach Verbindungsminuten 566 563 572 586 615 648 660 671 666 67 78 118 155 189 230 83 94 100 0 100 200 300 400 500 600 700 800 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e Mio. Min. pro Tag Festnetz Mobilfunk Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-8: Festnetz- und Mobilfunkdienste nach Verbindungsminuten Umsatzentwicklung im deutschen Mobilfunkbereich 19,2 23,2 24,9 26,7 28,4 27,9 26,9 26,6 27,7 44,3% 20,9% 2,6% –1,8% –3,4% –1,2% 7,3% 7,3% 3,7% 0 5 10 15 20 25 30 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008e in Mrd. EUR –10% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Umsatz in Mrd. Eur Wachstumsrate Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-9: Umsatzentwicklung im deutschen Mobilfunkbereich 12 Bewertung von Telekommunikationsunternehmen 285 Auf den Mobilfunkmärkten konkurrieren drei Anbietergruppen um die Kunden: Netzbetreiber, Wiederverkäufer (Reseller) und Service Provider, die Netzleistungen einkaufen und selbstständig an Dritten vermarkten (MVNO). Voraussetzung für den Betrieb von Mobilfunknetzen und damit für das Angebot von Mobilfunkleistungen sind Lizenzen zur Nutzung von Frequenzspektren. Diese Lizenz vergeben jeweils Behörden. Die Zahl der vergebenen Lizenzen beschränkt die Zahl der Netzbetreiber im jeweiligen Markt. Die drei größten Service Provider ohne eigenes Netz (Debitel, Freenet/Mobilcom und Drillisch) haben Ende 2008 zusammen noch einen Umsatz-Marktanteil von 18 Prozent. 12.3 Bewertung in der Telekommunikationsbranche 12.3.1 Bewertung der TK-Unternehmen: ein alltäglicher Prozess Unternehmen zu bewerten ist ein alltäglicher Prozess, welcher mittels unterschiedlicher Methoden durchgeführt wird. Zu den wichtigsten Anlässen für die Durchführung einer Unternehmensbewertung zählen unter anderem: Unternehmensbörsengang (IPO, Initial Public Offering) • Übernahme und Fusion (M&A, Merger & Acquisitions) • Kapitalmaßnahmen (Aktien(um)plazierung, Kapitalerhöhung, etc.) • Fundamentales Aktienresearch • Strategische Unternehmenssteuerung • Private Equity Transaktionen • Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt 2008 Vodafone 29% O2 11% E-Plus 11% T-Mobile 30% Debitel 11% Drillisch 2% Freenet/Mobilcom 4% andere 2% Quelle: DIALOG CONSULT-/VATM Abb. 12-10: Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt, 2008

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

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- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

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Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.