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Matthias Popp, 10.3 Traditionelle Wertmaßstäbe in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 252 - 254

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_252

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10 Bewertung von Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungskanzleien 235 Vordergrund, orientiert sich die Bewertung von Kanzleien an der Übernahme des Mandantenstamms. Ist dagegen die Bewertung am Kriterium der Fortführung bzw. Erweiterung der freiberuflichen Tätigkeit orientiert, werden die wechselseitig eingebrachten Leistungsmerkmale für die Teilhabe am Bewertungsobjekt „bewertet“. Unter kanzleidimensionaler Unternehmensbewertung wäre demzufolge die Ermittlung des potenziellen Gesamtkaufpreises im Falle der Übernahme oder alternativ die Festlegung der Beteiligungsquote (mit oder ohne Barkomponente) im Falle der Teilhabe zu verstehen. 10.3 Traditionelle Wertmaßstäbe Unter finanziellen Aspekten wird der Wert eines Unternehmens durch den Barwert der mit dem Eigentum an dem Unternehmen verbundenen Nettozuflüsse an die Unternehmenseigner bestimmt16. Die gegenwärtige Praxis der Bewertung von Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungspraxen richtet sich nicht nach diesem Grundsatz. Hier werden weitgehend Umsatzverfahren angewandt, die den Kaufpreis als einen bestimmten Prozentsatz des Jahresumsatzes festlegen17. Die Bundessteuerberaterkammer empfiehlt ihren Mitgliedern die Anwendung eines modifizierten Umsatzverfahrens zur Ermittlung des Praxiswerts18. Nach deren Auffassung setzt sich der Wert einer Steuerberaterkanzlei aus dem Substanz- und Praxiswert zusammen. Der Substanzwert ergibt sich aus der Summe der Vermögensgegenstände (Anlagevermögen, Honorarforderungen, noch nicht abgerechnete Leistungen, etc.) abzüglich von Verbindlichkeiten und Rückstellungen. Über den Wertansatz der einzelnen Vermögensgegenstände finden sich keine Ausführungen. Im Mittelpunkt der Wertermittlung steht der Praxiswert, der nach dem Umsatzverfahren als Multiplikator auf dem nachhaltigen Jahresumsatz aus den bestehenden Mandatsverhältnissen der letzten drei Jahre zu berechnen ist. Zu Kontrollzwecken 16 Vgl. IDW S 1 i.d.F. 2008, Tz. 4. 17 Vgl. Peemöller, V. H./Bömelburg, P./Hoferer, G. (1994), S. 914. 18 Vgl. Bundessteuerberaterkammer (2007), Abschn. 4.2.1, S. 4. Übernahme Teilhabe (übertragbarer) Mandantenstamm (wechselseitige) Leistungsmerkmale Veränderungsgrad Bewertungsparameter Ka uf pr ei s Be te ili gu ng squ ot e Be w er tu ng ser ge bn is Abb. 10-3: Eckpunkte kanzleidimensionaler Bewertung Matthias Popp236 wird ein modifiziertes Ertragswertverfahren empfohlen, um die beim Umsatzverfahren vernachlässigte Kostenstruktur zu berücksichtigen. Nachfolgendes Beispiel ist den alten Empfehlungen der Bundessteuerberaterkammer entnommen19. Das auf Basis der im Januar 2007 beschlossenen Fassung der Empfehlungen der Bundessteuerberaterkammer veröffentliche Berechnungsbeispiel enthält eine solche Vielzahl von Fehlern und Ungenauigkeiten20, dass auf eine Darstellung hier verzichtet wird. Die Bundessteuerberaterkammer hat diese Fassung zwischenzeitlich ersatzlos entfernt und arbeitet an einer Überarbeitung21. Zur Bewertung von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften hat das IDW früher22 anhand praktischer Erfahrungen einige Eckpunkte zusammengefasst23. Im Mittelpunkt stand die Aussage, dass maßgebend für den Wert der übertragbare Mandantenstamm sei24. Auf Grundlage des nachhaltigen Jahresumsatzes erfolgte eine Festlegung des Veräußerungswertes in einer Bandbreite von 100 % bis 130 % des nachhaltigen Jahresumsatzes. Die Praxiseinrichtung sei, falls sie übernommen werden soll, gesondert neben dem Praxiswert zu berücksichtigen. Nur gemäß dem Motto: „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe“ kann zur Kenntnis genommen werden, dass das vom Berufsstand der Wirtschaftsprüfer für die berufliche Tätigkeit propagierte Zukunftserfolgswertverfahren in eigenen Angelegenheiten nicht zum Tragen kommen soll. Dieser Umstand ist wiederholt kritisiert worden, ebenso wenig fehlt es an Überlegungen zur Umsetzung des Zukunftserfolgswertverfahrens bei Kanzleibewertungen25. Gleichwohl ist in praxi ungeachtet der theoretischen Kritik ein Festhalten an tradierten umsatzorientierten Verfahren zu beobachten. Ein möglicher Grund könnte darin gesehen werden, dass für kleinere und mittlere Kanzleien ein relativ homogener Markt besteht26, an dem sich ein umsatzabhängiger „Marktpreis“ gebildet hat. An dieser Stelle soll daher nicht ein weiterer Versuch unternommen werden, die Preisfindungsmethoden einer wissenschaftlichen Beurteilung zu unterziehen. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf eine Wiedergabe der wesentlichen Kritikpunkte an den berufsständischen Preisfindungsmethoden. Zu nennen sind hierbei insbesondere: 19 Vgl. Bundessteuerberaterkammer (1990), Abschn. 4.2.1, S. 5. Der dort angegebene Rentenbarwertfaktor von 4,7900 deckt sich nicht mit der finanzmathematisch bei 8,0 % Zinsen und einer Nutzungsdauer von 6 Jahren ermittelten Zahl von 4,6229. 20 Vgl. Wehmeier, W. (2007), S. 436–442. 21 Vgl. den entsprechenden Hinweis unter Abschnitt „Was ist neu?“, Bundessteuerberaterkammer (2008). 22 Im WP-Handbuch 2006, Bd. I, sind entsprechende Hinweise nicht mehr enthalten. 23 Vgl. IDW (Hrsg.), WP-Handbuch 2000, Bd. I, S. 148–149. 24 Vgl. IDW S 1 i.d.F. 2008, Tz. 166. 25 Vgl. Goetzke, W. (1976), S. 525–542; Then Berg, W. (1985), S. 171–174; Gratz, K. (1987), S. 2421–2426; Peemöller, V. H./Bömelburg, P./Hoferer, G. (1994), S. 914–920; Englert, J. (2009), S. 719–733; Behringer, S. (2008), S. 145–149. 26 Vgl. Gratz, K. (1987), S. 2421. EUR Umsatz 300.000 –150.000– Kosten – kalkulatorische Tätigkeitsvergütung –70.000 = Nettoüberschuss 80.000 Rentenbarwertfaktor (8%; 6 Jahre) 4,6229 369.830Praxiswert Abb. 10-4: Berechnung des Praxiswerts nach dem modifizierten Ertragswertverfahren 10 Bewertung von Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungskanzleien 237 Fehlende Berücksichtigung der funktionalen Bewertungslehre • 27 Fehlende Subjektivität der Bewertung • Einschränkungen der Multiplikatormethode gegenüber den Zukunftserfolgswertverfahren • 28 Alleinige Fixierung auf den Umsatz als adäquate Bewertungsgröße • 29 Außerachtlassung der Kostenstruktur • Ergänzend wäre anzuführen, dass der Unternehmensgröße, dem Lebenszyklus und dem konkreten Anlass der Bewertung nicht erkennbar durch Differenzierungen Rechnung getragen wird. Damit ist im Kern keine Kritik an den Berufsständen verbunden, die sich auf eine Wiedergabe der tatsächlich beobachteten Marktgegebenheiten beschränken und ihre Aufgabe nicht in der autoritären Festlegung einer „angemessenen“ Bewertungsmethode verstehen. 10.4 Konzepte einer kanzleidimensionalen Unternehmensbewertung Entsprechend der potenziellen Veränderungsgrade „Übernahme“ und „Teilhabe“ sollen im Folgenden Möglichkeiten einer Weiterentwicklung der traditionellen Wertmaßstäbe untersucht werden. Der vorliegende Problemaufriss soll einen Anstoß zu Diskussion geben, wobei der Verfasser keineswegs beansprucht, hier schon eine vollständige Lösung aller Einzelfragen anzubieten. 10.4.1 Übertragung einer Organisationseinheit Nach den bisherigen Ausführungen möchten wir auf die eingangs gestellte Frage zurückkommen, was den Wert einer freiberuflichen Kanzlei im Kern bestimmt. Ausgangspunkt soll zunächst ein junger Kollege sein, der nach der Steuerberaterprüfung gerade sein Wirtschaftsprüferexamen erfolgreich abgelegt hat und sich mit dem Gedanken der Selbstständigkeit trägt. Ein Mietvertrag über passende Kanzleiräume ist schnell abgeschlossen30, die notwendige Büroausstattung und Infrastruktur einfach zu beschaffen und auch erste Mitarbeiter können zügig eingestellt werden. Damit ist aber noch kein Mandant gewonnen, kein einziger Auftrag im Haus. Mit anderen Worten helfen die beruflichen Qualifikationsnachweise alleine wenig, um erfolgreich am Markt zu agieren. Oder nochmals anders ausgedrückt: Der Substanzwert, der z.B. nach Auffassung der Bundessteuerberaterkammer31 als eine Komponente des Wertes einer Steuerberaterpraxis genannt wird, ist losgelöst von Details seiner Berechnung, sicherlich nicht die wertentscheidende Größe. Im Sinne einer Make-or-buy-Entscheidung sind für den Aufbau einer selbstständigen Existenz vor allem die Akquisitionskosten und die Dauer für den Aufbau eines Netzwerkes zu Mandanten und Institutionen zu berücksichtigen. Die – sofortige – Verfügbarkeit über einen Mandantenstamm und ein adäquates Renommee der Kanzlei stellen u.E. den zentralen Werttreiber einer Steuerberater- oder Wirtschaftsprüfungskanzlei dar, der sich letztlich im Umsatz widerspiegelt. Wenn das Bewertungsobjekt i.e.S. ausschließlich Mandantenbeziehungen umfasst, so bietet sich eine Orientierung an den übertragbaren und letztlich auch übertragenen Umsatzerlösen an. Gemäß dem Schmalenbach zugeschriebenen Satz: „Für das Gewesene gibt der Kaufmann nichts“ gilt hier im Sinne der Zukunftsbezogenheit der Bewertung, dass ein sachgerechter Anspruch auf Vergütung nur für künftige Erlöse bestehen kann. Gleichwohl dürfte es im verständlichen Interesse des übertragenden Kanzleiinhabers liegen, die Verantwortung für die erfolgreiche Fortführung der Mandatsbeziehungen nicht in die alleinigen Geschicke des Übernehmenden zu stellen. 27 Vgl. hierzu: IDW (Hrsg.), WP-Handbuch 2008, Bd. II, S. 7–12. 28 Vgl. hierzu: Ballwieser, W. (2004), S. 197–198; Ernst, D./Schneider, S./Thielen, B. (2008), S. 248–249. 29 Vgl. Engler, J. (2009), S. 726. 30 Die Existenz langfristiger Mietverträge wird heute primär als Malus angesehen. 31 Vgl. Bundessteuerberaterkammer (1990), Abschn. 4.2.1.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

- das maßgebliche Werk zur branchenorientierten Bewertung von Unternehmen

"Die Beiträge sind sehr anschaulich … Das Werk und seine einzelnen Beiträge können jedem empfohlen werden, der sich mit Fragen der Unternehmensbewertung … beschäftigt."

Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.