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Konrad Fritz Göller, Erik Schlumberger, 8.1 Der Leasing-Begriff und der deutsche Leasing-Markt in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 183 - 185

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_183

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8 Bewertung von Leasingunternehmen von Konrad Fritz Göller und Erik Schlumberger* 8.1 Der Leasing-Begriff und der deutsche Leasing-Markt Eine präzise Definition des Begriffs „ Leasing“ ist aufgrund der uneinheitlichen Verwendung dieser Bezeichnung in der Literatur und in der Praxis nicht möglich1. Ein Leasingvertrag ist ein Gebrauchs- überlassungsvertrag, welcher die Vermietung von Wirtschaftsgütern über einen festgelegten Zeitraum regelt. Für die Nutzung der jeweiligen Mobilien oder der Immobilien entrichtet der Mieter (Leasingnehmer) an den Vermieter (Leasinggeber) ein vereinbartes Nutzungsentgelt. Damit besteht eine Parallelität des Leasinggeschäftes zur Miete, jedoch aufgrund der unterschiedlichen Gestaltungen, z.B. bei den Rechten und Pflichten der einzelnen Vertragsparteien, keine rechtliche Identität2. Beide Formen ermöglichen den eigentumslosen Gebrauch von Wirtschaftsgütern und dadurch einen Verzicht auf den Einsatz von Eigenkapital für die Nutzung der jeweiligen Vermögensgegenstände. Die Investitionen der Leasing-Branche machten im Jahre 2007 mit rund € 55,2 Mrd. (davon € 49,8 Mrd. * WP/StB Konrad Fritz Göller, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, München, und WP/StB Dr. Erik Schlumberger, Transaction & Advisory Partners, München. 1 Vgl. die Systematisierungsvorschläge von Bieg, H. (1997), S. 2–3. 2 Vgl. Büschgen, H. (1998), S. 2. 8.1 Der Leasing-Begriff und der deutsche Leasing-Markt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 8.2 Wettbewerbsvorteile des Leasings gegenüber anderen Finanzierungsformen. . . . . . . . . . . . . 167 8.3 Werttreiber im Leasinggeschäft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 8.4 Ermittlung von Plandaten bei Leasingunternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 8.4.1 Planung bilanzieller Größen versus direkte Planung von Ein- und Auszahlungen. . . . . . 173 8.4.2 Detailplanungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 8.4.3 Grobplanungsphase und nachhaltiges Jahr. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 8.5 Bewertungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 8.5.1 Grundgedanke der Substanzwertrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 8.5.2 Inhalt der Substanzwertrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 8.6 Bewertungsbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 8.6.1 Beschreibung des Bewertungsobjektes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 8.6.2 Planungsrechnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 8.6.2.1 Alt-Vertragsbestand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 8.6.2.2 Neuvertragsvolumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 8.6.3 Bewertung nach der DCF-Equity-Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 8.6.4 Bewertung nach der Substanzwertmethode. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 8.6.5 Resumée . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 8.7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Konrad Fritz Göller und Erik Schlumberger166 Mobilien) circa 17,4 % der gesamtwirtschaftlichen Investition in Deutschland aus3. Im Jahre 1971 betrug dieser Anteil noch 2,1 %4. Damit wird ein bedeutender Teil der Investitionen in der deutschen Volkswirtschaft durch Leasing finanziert. Man kann grundsätzlich zwischen Operating-Leasing und Finanzierungs-Leasing-Vereinbarungen unterscheiden. Das Operating-Leasing hat den Charakter einer kurz- bis mittelfristigen Vermietung, wobei während der Vertragslaufzeit keine Vollamortisation der Investitionskosten des Leasinggebers erzielt wird. Bestehende Operating-Leasingverträge werden oft ein- oder mehrmalig verlängert (so insbesondere bei Produktionsanlagen, Maschinen oder IT), seltener dagegen an andere Leasingnehmer neu vermietet. In vielen Fällen, wie z.B. beim Fahrzeug-Leasing, wird bei Mietende direkt der Abverkauf angestrebt. Die objektbezogenen Risiken, z.B. die Wartungsaufwendungen oder die Gefahr des Diebstahls oder der Zerstörung des Leasing-Objektes, liegen bei Operating-Leasing-Vereinbarungen häufig beim Leasinggeber. Diese Risiken werden bei der Kalkulation der Leasing raten berücksichtigt. Beim Finanzierungs-Leasing werden diese Risiken fast immer vertraglich auf den Leasingnehmer übertragen. In den mittel- bis langfristigen Finanzierungs-Leasingverträgen ist eine unkündbare Grundmietzeit vereinbart, welche jedoch kürzer als die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer des Leasing-Gegenstandes ist5, um eine handels- und steuerbilanzielle Zurechnung zum Leasinggeber zu ermöglichen. In den Jahren 2000 bis 2008 entfielen 80 bis 90 % der Neuinvestitionen im Leasing-Geschäft auf Mobilien und 10 bis 20 % auf immobile Wirtschaftsgüter6. Diese höhere Leasing-Quote bei Investitionen in Mobilien ist auf die bessere Leasing-Fähigkeit aufgrund der Fungibilität mobiler Wirtschaftsgüter zurückzuführen. Die Leasing-Fähigkeit hängt entscheidend von der einfachen und kostengünstigen Verwertbarkeit des Gegenstandes nach Ablauf der Grundmietzeit bzw. im Insolvenzfall des Leasingnehmers ab7. Mit einem Anteil von 57,8 % (€ 31,9 Mrd.; 1,3 Mio. neue Leasingverträge) an den gesamten Leasing-Investitionen im Jahre 2007 stellte das Straßenfahrzeug-Leasing den bedeutendsten Teil des Leasing-Geschäfts dar, gefolgt vom Leasing von Produktionsmaschinen (13,1 %) und Büromaschinen bzw. IT-Anlagen (8,1 %)8. Mittlerweile können in Deutschland Wirtschaftsgüter aller Art geleast werden, wie z.B. exklusive Sportboote, Musik-Instrumente, Ladeneinrichtungen, Möbel, Kran- und Hebeanlagen, Geldautomaten, Nutztiere usw., sowie immaterielle Vermögensgegenstände aller Art (insbesondere Software). Die Anzahl der Leasing-Gesellschaften am deutschen Markt ist seit Mitte 2003 rückläufig. Dies betrifft vor allem die großen Leasing-Gesellschaften, deren Anzahl um 11 % abnahm. Dies ist auf Marktbereinigungen durch Übernahmen, Liquidationen und Fusionen sowie auf Entflechtungen und Neugruppierungen von Anbietern des Bereiches Financial Services zurückzuführen. Von den derzeit ca. 2.000 inländischen Leasing-Gesellschaften haben rund 10 % eine Marktbedeutung, knapp 500 Unternehmen weisen laut Handelsregister ein Nominalkapital von mindestens € 500.000 aus. Örtlich ist eine Konzentration der Leasingunternehmen auf die wirtschaftlichen Ballungsräume zu beobachten, mit München vor Frankfurt als Spitzenreiter mit 59 Instituten9. Neben der Nähe zu den Kunden scheint der Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern ein Hauptgrund dafür zu sein. Aus gewerbesteuerlichen Gründen werden in vielen Fällen Gemeinden mit niedrigen Gewerbesteuerhebesätzen gewählt (z.B. Grünwald bei München). Die Unternehmen des deutschen Leasingmarkts lassen sich in herstellerabhängige, bankenabhängige und unabhängige Leasinggesellschaften einteilen10. Die bedeutenden Autohersteller nutzen das 3 Vgl. Städtler, A. (2009), S. 16. 4 Vgl. Spittler, H. J. (2002), S. 18. 5 Vgl. Spittler, a.a.O., S. 21. 6 Vgl. Städtler, a.a.O., S. 16. 7 Vgl. Spittler, a.a.O., S. 28. 8 Vgl. Städtler, a.a.O., S. 17. Das IT-Leasing ist dabei aufgrund des hohen Preisverfalls seit Jahren trotz steigender Stückzahlen rückläufig. 9 Vgl. Wassermann, H. (2003a), S. 244. 10 Vgl. Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen: a.a.O., S. 12. 8 Bewertung von Leasingunternehmen 167 Fahrzeugleasing über eigene Tochtergesellschaften als Vertriebskanal. Fast alle anderen bedeutenden deutschen Leasinggesellschaften werden von in- und ausländischen Kreditinstituten gehalten11, börsennotiert sind nur ganz wenige wie bspw. GRENKELEASING AG, Baden-Baden, oder die Albis Leasing AG, Hamburg. Von Herstellern und Banken unabhängige Leasinggesellschaften werden immer stärker zurückgedrängt12. Die enge Verbindung zu einem Kreditinstitut führt zu Vorteilen bei der Refinanzierung der einzelnen Leasinganbieter13 und die vorhandenen Kompetenzen in den Bereichen Kredit- und Zinsrisikosteuerung sowie die Vertriebskapazitäten des jeweiligen Kreditinstitutes können intensiver genutzt werden. Mit dem am 25. Dezember 2008 in Kraft getretenen Jahressteuergesetz 2009 hat der deutsche Gesetzgeber wichtige Änderungen des Kreditwesengesetzes (KWG) und der Gewerbesteuerdurchführungsverordnung (GewStDV) vorgenommen, die weitreichende Auswirkungen auf das Geschäft der (Factoring- und) Leasinggesellschaften haben14. Motiv der Neuregelungen war es, diesen Unternehmen Zugang zum sogenannten gewerbesteuerlichen Bankenprivileg zu verschaffen. Zur Gleichbehandlung mit den Kreditinstituten hielt es der Gesetzgeber für geboten, auch die Factoring- und Leasingunternehmen unter die Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu stellen. Damit unterliegt das Finanzierungsleasinggeschäft bzw. die Verwaltung von Objektgesellschaften, die Finanzierungsleasing anbieten, der Aufsicht durch die BaFin15. Diese Regulierung führt für die Leasingunternehmen zur Qualifizierung als Finanzdienstleistungsinstitut und damit u.a. zu Meldepflichten (§§ 14 und 24 ff. KWG); erweiterten Vorgaben zu Art und Umfang des Risikomanagements (vgl. § 25a KWG und die sog. MaRisk); ergänzenden Regelungen zur Geldwäscheprävention (§ 29 Abs. 2 KWG); neuen Vorgaben zur Rechnungslegung (§§ 340a ff. HGB und damit die Anwendung der Verordnung über die Rechnungslegung der Kreditinstitute sowie § 26 KWG); der obligatorischen Erstellung von Anhang und Lagebericht unabhängig von der Größe gemäß § 267 HGB und strengeren Fristen. Diese Regulierung stellt die Leasingbranche vor erhebliche Herausforderungen16 und die damit verbundenen organisatorischen Maßnahmen und Kosten dürften den Konzentrationsprozess weiter beschleunigen. 8.2 Wettbewerbsvorteile des Leasings gegenüber anderen Finanzierungsformen Das Leasen eines Wirtschaftsgutes stellt eine Finanzierungsalternative für den Leasingnehmer im Rahmen von Investitionsentscheidungen dar. Der Erfolg des Leasings z.B. gegenüber der reinen Fremdkapitalfinanzierung aus Sicht der Leasingkunden basiert situationsabhängig auf einer Vielzahl oft ganz unterschiedlicher Faktoren17. Im gewerblichen Leasing waren dies in der Vergangenheit häufig steuerliche Effekte (Steuerstundung durch Vorziehen von Mietaufwand gegenüber der Abschreibung beim Kauf, bis zur Änderung der Hinzurechnungstatbestände im Gewerbesteuerrecht im Jahr 2008 die Vermeidung von gewerbesteuerlichen Schuldzinsen, aber auch das gezielte Heben von stillen Reserven durch Sale-and-leaseback), die teilweise sogar das Hauptmotiv waren. Die Nutzung steuerlicher Gestaltungsspielräume wird als ein wesentlicher Grund für die Zunahme des Leasings als Finanzierungsform in den letzten 20 Jahren genannt. Eine Verkürzung allein darauf greift jedoch 11 Vgl. Wassermann, H. (2003a), S. 250. 12 Vgl. Wendels, T. H. (2003), S. 76. 13 Vgl. Spittler, H. J. (2002), S. 34. 14 Vgl. u.a. Heinz, G. und Schäfer-Elmayer, P. (2009), S. 365. 15 Die schwierige Abgrenzung von reguliertem Finanzierungsleasing und weiterhin unreguliertem Vermietgeschäft wird der Leasingbranche einige Probleme bereiten. Der derzeitige Regelungsstand, der viele Detailprobleme noch ungelöst lässt, ist dem Merkblatt Finanzierungsleasing der BaFin (2009) zu entnehmen (download bei der BaFin unter Merkblätter). 16 Vgl. Nemet, M. u. Ulrich, P. (2009), S. 12. 17 Siehe bspw. die Analyse von Tacke, H. (1997), S. 6–10.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

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Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

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Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.