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9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität in:

Norbert Hirschauer, Oliver Mußhoff

Modernes Agrarmanagement, page 542 - 574

Betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsverfahren

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4743-9, ISBN online: 978-3-8006-4457-5, https://doi.org/10.15358/9783800644575_542

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9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 535 grund externer Effekte. In diesem Zusammenhang legen wir auch die Grundlagen der Spieltheorie dar,soweit sie für das Verständnis des Problems erforderlich sind. In Abschnitt 9.3 wird dargestellt, wie dieEntstehung externer Effekte mit den Eigenschaften von Gütern und den jeweils gültigen institutionellenRegeln zusammenhängt. Außerdem werden die grundsätzlich zur Verfügung stehenden Lösungsansätzefür Externalitätenprobleme beschrieben. Abschließend setzen wir uns in Abschnitt 9.4 kritisch mit der Ge-schwindigkeit auseinander, mit der sich gesellschaftliche Anpassungsprozesse an neuartige Herausforde-rungen, wie z.B. den Klimawandel, vollziehen. 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 9.2.1 Regeln des Wirtschaftens und Dimensionen sozialer VerantwortungWirtschaftliche Entscheidungen sind in ein Geflecht von institutionellen Regelungen eingebettet, die ei-nerseits das Set der Handlungsmöglichkeiten definieren, die den Akteuren zur Verfügung stehen, und an-dererseits ihre Anreize bestimmen. Die folgendenHerkunftsquellen institutioneller Regelungen lassensich unterscheiden: die Regeln des Marktes, staatliche Regelungen, privatrechtliche Verträge und gesell-schaftliche Normen. • Die Regeln des Marktes: Der Markt selbst, d.h. die Tatsache, dass in einem Wettbewerbssystemwirtschaftliche Akteure im freien Leistungswettbewerb stehen und ihre Pläne durch das freie Spielvon Angebot und Nachfrage aufeinander abstimmen, stellt ein institutionelles Regelwerk dar. Es be-stimmt die Wahlalternativen und die Ergebnisse der Handlungen der einzelnen Akteure. • Staatliche Regelungen zur Gestaltung der Eigentumsordnung: Ohne die Möglichkeit, rechtlichbindende Kauf- und Verkaufsverträge zu schließen, ist ein marktwirtschaftliches System nicht mög-lich. Dies setzt zum einen das staatliche Gewaltmonopol sowie die „Institution“ der Eigentums- bzw.Verfügungsrechte (property rights) voraus. Zum anderen muss ein funktionierendes Rechtssystemvorhanden sein, das insbesondere über das Vertragsrecht (Rückabwicklungsrecht, Vertragsstrafen)und das Deliktsrecht (Schadensersatz- bzw. Haftungsrecht) Rechtssicherheit garantiert. • Staatliche Regelungen zur Gewährleistung der Wettbewerbsordnung: Ohne eine hohe Anzahlunabhängiger Anbieter und Nachfrager sowie Markttransparenz können sich ein freier Leistungs-wettbewerb und ein funktionierendes Preissystem nicht entfalten. Ein wichtiges Beispiel für staat-liche Regelungen zur Gewährleistung eines freien Wettbewerbs ist das als Kartellgesetz bezeichneteGesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) mit seinem Verbot von Absprachen und Kartellen.Auch das Verbraucherinformationsgesetz, das die Verbraucher durch eine Erhöhung der Transparenzvor Irreführung schützen und eine informierte Kaufentscheidung ermöglichen soll, lässt sich hier ein-ordnen. • Staatliche Regelungen zum Schutz von Individual- und Universalrechtsgütern: Unter Schutz-gütern versteht man zum einen die durch Gesetze geschützten Rechte einzelner Personen, die man alsIndividualrechtsgüter bezeichnet. Beispiele sind das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder dasbereits genannte Recht auf Eigentum. Ökonomisch gesehen handelt es sich dabei um Verfügungsrech-te. Zum anderen stellen auch die sog. Universalrechtsgüter, die nicht Einzelnen, sondern der Allge-meinheit zuzuordnen sind, Schutzgüter dar. Dazu zählen bspw. die öffentliche Sicherheit und ein be-trugsfreier Rechtsverkehr. Die zum Schutz von Rechtsgütern geltenden Regeln begrenzen den Hand-lungsspielraum wirtschaftlicher Akteure. Beispiele sind der gesundheitliche Verbraucherschutz, derArbeits- und Umweltschutz, aber auch die Straßenverkehrsordnung und das Korruptionsverbot. • Privatrechtliche Verträge und Regeln nicht-staatlicher Organisationen: Neben staatlichen Rege-lungen unterliegen wirtschaftliche Entscheidungen auch Regelungen nicht-staatlicher Herkunft. Diese 536 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus resultieren aus den privatrechtlichen Verträgen, die wirtschaftliche Akteure untereinander geschlos-sen haben. Beispiele hierfür sind Kauf- und Verkaufsverträge oder Arbeitsverträge. Grundsätzlich er-geben sich aber auch aus der Zugehörigkeit zu nicht-staatlichen Organisationen und den Verträgenzwischen solchen Organisationen Regelungen, die den Handlungsspielraum der einzelnen Akteure be-stimmen. Ein Beispiel hierfür sind Tarifparteien und Tarifverträge. Die Mitgliedschaft im Arbeitgeber-verband oder in der Gewerkschaft stellt für die Mitglieder einen Vertrag dar, der Rechte und Pflichten,inkl. der Einhaltung der abgeschlossenen Tarifverträge, regelt. Ein Beispiel aus dem landwirtschaft-lichen Bereich ist die Zugehörigkeit zu einem ökologischen Anbauverband, dessen Richtlinien bei derErzeugung eingehalten werden müssen. Aber auch die Mitgliedschaft in einer Erzeugergemeinschaftoder einer Kapitalgesellschaft kann als Vertrag gesehen werden, der die Rechte und Pflichten der Be-teiligten regelt. • Gesellschaftliche Normen: Neben formalen Vorschriften gibt es auch informelle soziale Normen, diedie Handlungsmöglichkeiten wirtschaftlicher Akteure zusätzlich beschränken. Besonders wirksamwird dies, wenn sich soziale Normen und formale Regeln wechselseitig stützen. Dies kann auf zwei-fache Art und Weise erfolgen: Erstens stellt der Bruch einer formalen Vorschrift (z.B. Betrug oderKorruption) oft auch einen Verstoß gegen internalisierte soziale Normen und Werte dar. Zweitenswird ein formaler Regelverstoß im relevanten sozialen Umfeld auch häufig durch soziale Ächtung undExklusion geahndet. In beiden Fällen werden die Anreize beeinflusst, die aus Sicht des Einzelnen füroder gegen bestimmte Handlungsweisen sprechen.Trotz dieses zunächst sehr engmaschig aussehenden Geflechts von Regeln kann es durch die wirtschaft-lichen Aktivitäten Einzelner zu Externalitäten und Schadwirkungen kommen, die nicht vom Verursacher,sondern von Dritten oder der Gesellschaft insgesamt getragen werden. Mit anderen Worten: Gesellschaft-lich erwünschte Sozial- und Umweltbelange können nicht allein durch „wasserdichte“ Regelungen erzwungen werden. Deshalb wird CSR eine immer größere Rolle beigemessen. So wurde bspw. im Jahr2000 die sog. United Nations Global Compact (UNGC) Plattform initiiert. Sie stellt einen Versuch dar,weltweit verantwortungsvolles Unternehmerhandeln durch freiwillige Selbstverpflichtung zu fördern. Dieteilnehmenden Unternehmen verpflichten sich, eine Liste allgemeiner ethischer Prinzipien in den Berei-chen „Menschen- und Arbeitsrechte“ sowie „Umweltschutz“ und „Korruptionsbekämpfung“ einzuhalten.Bei der gesellschaftlichen Diskussion über CSR ist festzustellen, dass neben den UNGC-Prinzipien einegroße Bandbreite unterschiedlicher Ziele genannt wird, die Gegenstand von CSR sein sollen. Die wich-tigsten Ziele von CSR lassen sich wie folgt systematisieren:1. Qualität der hergestellten Güter: Bei der Gewährleistung von Qualität und Sicherheit ist die Bedeu-tung verantwortlichen unternehmerischen Handelns am offensichtlichsten. Es geht hier direkt um dieProdukte, die von den Unternehmen für ihre Kunden bereitgestellt werden. Je nach Branche und Pro-duktart sind spezifische Eigenschaften relevant. Dazu zählen bspw. die Nahrungsmittelqualität und-sicherheit, die Unbedenklichkeit von Arzneimitteln, die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Kin-derspielzeug oder die Sicherheit und Gefahrlosigkeit beim Gebrauch von Werkzeugen, Geräten undFahrzeugen.2. Umwelt: Beim Umweltschutz geht es um den verantwortungsvollen Einsatz von Produktionsfaktoren,die der natürlichen Umwelt entstammen. Dies bezieht sich auf die Erschöpfung natürlicher Ressour-cen durch den Verbrauch von Rohstoffen sowie die Bewahrung einer lebenswerten Umwelt. Man un-terscheidet hier zwischen der biotischen Sphäre (Flora und Fauna) und der abiotischen Sphäre (Luft,Wasser, Boden, Klima etc.). CSR bezieht sich mit Blick auf die Umwelt auf Themen wie Biodiversitätund Artenschutz, Luft- und Gewässerschutz sowie boden- und klimafreundliche Produktionsweisen.CSR soll in diesem Zusammenhang nicht nur kurz- bis mittelfristige Auswirkungen berücksichtigen,sondern eine langfristige Perspektive einnehmen. Dies wird allgemein unter den Stichworten „Gene-rationengerechtigkeit“ und „nachhaltiges Wirtschaften“ zusammengefasst. Nachhaltigkeit bedeutet, 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 537 dass man die natürliche Lebensumwelt und die Ressourcen so nutzt und erhält, dass die Möglich-keiten der Bedürfnisbefriedigung künftiger Generationen nicht gefährdet werden.3. Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit: Im Gegensatz zum Umweltschutz geht es beimThema „Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit“ um den verantwortungsvollen Umgang mitdem Produktionsfaktor „Arbeit“. Da hier der Mensch im Mittelpunkt steht, ist CSR stark vom Diskursüber die Menschenwürde und die Menschenrechte geprägt. CSR beinhaltet damit insbesondere dasVerbot von Zwangs- und Kinderarbeit, die Gewährleistung der Sicherheit der Arbeitnehmer durcheinen adäquaten Arbeitsschutz, den Ausschluss jeglicher Diskriminierung bei der Einstellung und Ent-lohnung von Mitarbeitern sowie die Gewährleistung der Versammlungs- und Organisationsfreiheitder Mitarbeiter. Darüber hinaus geht es um eine „gerechte“ Bezahlung.4. Gesetzestreues Verhalten und Korruptionsbekämpfung: Auch die Verpflichtung, keine Rechts-brüche, wie z.B. Korruption, zu begehen, wird bei der Diskussion um CSR explizit benannt. So ist eineAnti-Korruptionsverpflichtung bspw. integraler Bestandteil der CSR-Prinzipien des UNGC. Man gehtalso implizit davon aus, dass der Bruch geltenden Rechts von einem Teil der Unternehmen als „nor-maler“ Bestandteil des zur Verfügung stehenden Handlungsspielraums angesehen wird.5. Tierschutz: Ein eigenständiger Verantwortungsbereich wird auch im Tierschutz gesehen. Dabei gehtes insbesondere um die Vermeidung von unnötiger Grausamkeit.Die Auflistung der Ziele von CSR verdeutlicht, dass es dabei immer darum geht, negative externe Effekte zuvermeiden und/oder positive externe Effekte zu schaffen. Zu Letzterem zählt man auch häufig Aktivitäten, dienicht direkt mit der eigentlichen unternehmerischen Tätigkeit gekoppelt sind, sondern zusätzlich unternom-men werden. Ein Beispiel hierfür wäre, wenn ein Industrieunternehmen soziale oder kulturelle Belange, wiedie Resozialisierung straffälliger Jugendlicher oder die Durchführung von Kulturveranstaltungen, fördert. 9.2.2 Externe Effekte und ihre Wirkungsweise Externe Effekte als Ursache unerwünschter sozialer PhänomeneBei den im Folgenden gemachten Aussagen zur Entstehung externer Effekte wird unterstellt, dass man esmit eigennützigen Akteuren zu tun hat, die versuchen, individuell rational zu handeln. Gemildert werdenExternalitätenprobleme immer dann, wenn wirtschaftliche Akteure im Rahmen von CSR aus gesellschaft-licher Verantwortung versuchen, negative externe Effekte zu reduzieren und positive zu generieren. InAbb. 9-1 sind die Ursachen für unerwünschte Folgen unternehmerischen Handels angezeigt. Dabei istzwischen dem Tatbestand externer Effekte und begrenzter Rationalität zu unterscheiden.Ein möglicher Grund für das Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität besteht ineiner begrenzten Rationalität der einzelwirtschaftlichen Akteure. Mit diesem Begriff bezeichnet manInkonsistenzen zwischen den verfolgten Zielen und den Entscheidungen, die getroffen werden. Hierbeisind zwei Situationen zu unterscheiden: (1) Möglicherweise verursachen einzelwirtschaftliche Akteureunerwünschte externe Effekte, weil sie die Kosten überschätzen, die ihnen individuell durch die Vermei-dung negativer externer Effekte oder die Herstellung positiver externer Effekte entstehen würden.(2) Möglicherweise haben einzelwirtschaftliche Akteure altruistische Präferenzen, unterschätzen aber dastatsächliche Ausmaß der unerwünschten Externalitäten, die durch ihr gegenwärtiges Handeln verursachtwerden. Ist begrenzte Rationalität der Grund dafür, dass einzelwirtschaftliche Entscheidungen getroffenwerden, die zu gesellschaftlich unerwünschten Folgen führen, liegt es nahe, auf Maßnahmen des Human Capacity Building, d.h. Aufklärung und Beratung, zurückzugreifen, um kollektiv-rationale Lösungen her-beizuführen. Wir gehen allerdings auf das Human Capacity Building im Verlauf dieses Lehrbuchs nichtweiter ein. Es ist ein Gegenstand, welcher der Spezialliteratur zur (Unternehmens)Beratung, Fortbildungund Kommunikation überlassen bleiben muss. 538 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Abb. 9-1: Unerwünschte Folgen wirtschaftlichen Handelns Neben einer möglicherweise begrenzten Rationalität der Akteure stellt das tatsächliche Vorhandenseinexterner Effekte die essentielle Ursache für das Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rati-onalität dar. Das Konzept der externen Effekte (Externalitäten) hat insbesondere in der sog. Umwelt-ökonomie, die sich mit der Bewertung und Berücksichtigung der ökologischen Folgen wirtschaftlichenHandelns beschäftigt, Bedeutung erlangt. Obwohl man häufig zunächst nur an externe Kosten denkt, gibtes nicht nur negative, sondern auch positive externe Effekte.Man spricht von negativen externen Effekten oder externen Kosten (negative externalities), wenn es durcheinzelwirtschaftliche Entscheidungen bzgl. des Verbrauchs von Ressourcen zu Schäden kommt, die nicht vomVerursacher getragen werden müssen. Ökonomisch formuliert entstehen externe Kosten dann, wenn die indi-viduellen Grenzkosten der Nutzung eines Gutes geringer sind als die gesellschaftlichen Grenzkosten.Es gibt zwei Ursachen für die Entstehung externer Kosten: Erstens, das von der Schadwirkung betrof-fene Gut ist nicht als Schutzgut kodifiziert, d.h. es gibt noch keine Regelungen, die dem unternehmerischenHandlungsspielraum in diesem Bereich Grenzen setzen. Ein Beispiel hierfür sind die CO2-Emissionen. VorEinführung der CO2-Kontingentregelung wurde der CO2-Gehalt der Atmosphäre nicht als Schutzgut be-trachtet. Klimaschädliche CO2-Emissionen konnten demzufolge frei, d.h. in unbegrenztem Umfang, ausge-stoßen werden. Eine Beschränkung und Reduzierung erfolgte lediglich, wenn dies freiwillig im Rahmenvon CSR vorgenommen wurde. Zweitens kann es zu externen Schadwirkungen durch Verstöße gegen be-stehende Regelungen kommen, die derartige Schäden verhindern sollten. Ein Beispiel ist die Missachtungvon Gewässerschutzvorschriften. Aus ökonomischer Sicht handelt es sich hierbei um eine eigennützigeExternalisierung von Kosten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von opportunistischem Verhal-ten. Dies kann aus Sicht eines gewinnmaximierenden Unternehmers profitabel und damit individuell rati-onal sein, wenn die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert und durchgesetzt werden. Aus rechtlicher Sichthandelt es sich um eine Verletzung eines Schutzgutes. Ähnlich sind Verstöße wie Betrug oder Korruptionzu werten. Dabei werden Kosten auf Dritte abgewälzt oder Vorteile von diesen erschlichen.Die Wirkung externer Kosten lässt sich am Beispiel der Stickstoffbelastung des Grundwassers durch dieDüngung verdeutlichen. Solange keine wirksamen Vorschriften oder Verträge zur Vermeidung derGrundwasserbelastung bestehen, wird ein gewinnmaximierender Landwirt die Stickstoffintensität bis zu Externe Kosten(Übernutzung)Externer Nutzen(Unterproduktion) Begrenzte RationalitätÜberschätzungindividueller Kosten Human Capacity BuildingInternalisierung externer Effekte durchVeränderung der Anreize für die AkteureVeränderung des Zielsystems der AkteureMaßnah men Unterschätzungexterner Effekte Versagen des Marktes undanderer institutionellerRegelungen Auseinanderfallen von individueller undkollektiver Rationalität (= gesellschaftlich unerwünschteFolgen einzelwirtschaftlichen Handelns)⇒ Ursache n Externe Effekte Problem e 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 539 dem Punkt ausdehnen, an dem sein individueller Grenzerlös seinen individuellen Grenzkosten entspricht.Er wird also noch ein zusätzliches Kilogramm Stickstoff zum Preis von 1 € einsetzen, wenn der dadurcherwartete Zusatzerlös bei 1,01 € liegt (vgl. Abschnitt 4.2). Er wird dies auch dann tun, wenn der Schaden,den die Gemeinschaft der Grundwassernutzer durch die daraus resultierende Verschmutzung tragenmuss, bereits ein Vielfaches seines Grenzgewinns beträgt. Aus seiner Sicht handelt es sich ja um externeund damit entscheidungsirrelevante Kosten, die er nicht zu tragen hat. Gerade darin liegt das Problem, dasman auch als soziales Dilemma (social dilemma) bezeichnet: Da es bei den vorhandenen institutionellenRegelungen zu einer Externalisierung der Kosten kommt, fällt die individuell-rationale Entscheidung desLandwirts nicht mit der Entscheidung zusammen, die kollektiv rational ist. Man spricht auch von institutionellem Versagen (institutional failure). Im vorliegenden Beispiel ist das bestehende institutionelle Ge-flecht aus marktbasierten, staatlichen und nicht-staatlichen Regelungen nicht ausreichend, um die uner-wünschten Folgen der einzelwirtschaftlichen Entscheidung zu verhindern. In einem Wettbewerbssystemlässt sich die Existenz externer Kosten als Unfähigkeit des Marktes interpretieren, die Knappheit von Res-sourcen exakt über den Preismechanismus abzubilden. Genauer gesagt: Der individuelle Preis einer Res-source ist geringer als er gemäß den tatsächlichen Knappheitsverhältnissen sein müsste. So kann derLandwirt die Ressource „sauberes Grundwasser“ bspw. kostenlos nutzen, obwohl sauberes Grundwasserein knappes kollektives Gut ist, das einen positiven Preis haben müsste. Infolge des zu geringen Preiseskommt es zu einer Übernutzung (overconsumption), d.h. die Ressource wird mengenmäßig oberhalb desOptimalpunktes genutzt, an dem der gesellschaftliche Grenznutzen den gesellschaftlichen Grenzkostenentspricht. Einen derartigen Sachverhalt bezeichnet man alsMarktversagen (market failure).Von positiven externen Effekten bzw. externem Nutzen (positive externalities) spricht man, wenn einGut zu einem Nutzen für Dritte oder die gesamte Gesellschaft führen würde, der potenzielle Produzentaber keinen oder einen zu geringen Preis für dieses Gut erhält. Ein externer Nutzen ergibt sich also, wennder individuelle Grenznutzen des Produzenten eines Gutes geringer ist als der gesellschaftliche Grenznut-zen. Auch positive Externalitäten sind das Ergebnis eines institutionellen Versagens, das zu einem Aus-einanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität führt. Im Gegensatz zu einer Kostenexternali-tät führt eine Nutzenexternalität nicht zu einer Übernutzung, sondern zu einer Unterproduktion(underproduction). Güter mit positiven externen Effekten werden durch die individuell-rationalen Pro-duktionsentscheidungen in geringerem Umfang hergestellt als kollektiv rational wäre. Sie werdenmengenmäßig unterhalb des Optimalpunktes produziert, an dem der gesellschaftliche Grenznutzen dengesellschaftlichen Grenzkosten entspricht. Auch hier sei ein Beispiel aus der landwirtschaftlichen Primär-produktion angeführt: Möglicherweise zieht die Gesellschaft aus einer bestimmten Form der Kulturland-schaft (z.B. einer Landschaft mit vielen Hecken, kleinteiligen Feldern und nicht begradigten Wasserläufen)einen Nutzen. Aus der individuellen Sicht eines gewinnmaximierenden Landwirts stellt dies eine Nutzen-externalität und damit eine entscheidungsirrelevante Leistung dar. Solange keine wirksamen Vorschriftenoder Verträge zur Herstellung schöner Landschaft bestehen, wird er sie - sofern dies Kosten verursacht -nicht herstellen, selbst wenn es kollektiv rational wäre. Auch das stellt ein soziales Dilemma dar. Beispiel 9-1Wirkungsweise negativer externer Effekte - Landwirt und FischerEin Landwirt baut auf einer 5 ha großen Fläche Winterweizen an, in deren Mitte ein für den Fischfang ge-nutzter See liegt (vgl. Abb. 9-2). Durch den Einsatz von Stickstoffdünger, von dem ein Teil in den See ge-langt, beeinträchtigt der Landwirt das Fangergebnis des Fischers. Die Gewässerverschmutzung kann alsnegatives Kuppelprodukt und damit als negativer externer Effekt der Weizenproduktion verstanden wer-den. Zwecks Einfachheit unterstellen wir, dass zwischen dem Einsatz anderer Produktionsmittel bei derWeizenproduktion und dem Fischfangerfolg keine Abhängigkeiten vorhanden sind. Sowohl der Landwirtals auch der Fischer sind Gewinnmaximierer und verfügen über vollständige Informationen, d.h. sie ken-nen sowohl die Produktions- als auch die Präferenzfunktion des jeweils anderen. 540 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Es wird angenommen, dass in dieser kleinen Volkswirtschaft aus Landwirt und Fischer die Verfügungs-rechte beim Landwirt liegen. Er darf also für seine Weizenproduktion die für ihn optimale Stickstoffinten-sität wählen. Der Fischer dagegen muss die damit verbundene Beeinträchtigung hinnehmen. Der Einfach-heit halber unterstellen wir zudem, dass der Fischer die Intensität der Gewässernutzung nicht an dieStickstoffmenge anpassen kann. Gedanklich kann man sich vorstellen, dass die Fischfangvorrichtungenirreversibel im See installiert sind. Abb. 9-2: Koexistenz von Landwirt und Fischer Betrachten wir zunächst den Landwirt und fragen, welche Stickstoffintensität er als Gewinnmaximiererwählen wird. Die Bruttoerfolgsfunktion ist wie folgt definiert:ܤௐ௘ = [݌ௐ௘ ∙ ݕௐ௘(ݔௌ௧) − ݍௌ௧ ∙ ݔௌ௧] ∙ ̅ݔி௟ (9-1)Dabei kennzeichnet ݌ௐ௘ den Weizenpreis in €/dt, ݕௐ௘ den Weizenertrag in dt/ha, ݍௌ௧ den Stickstoffpreisin €/kg, ݔௌ௧ die Stickstoffeinsatzmenge in kg/ha und ̅ݔி௟ die insgesamt mit Weizen bewirtschaftete Flächein ha. Der Zusammenhang zwischen Stickstoffeinsatzmenge ݔௌ௧ und Weizenertrag ݕௐ௘ sei durch einequadratische Produktionsfunktion gekennzeichnet:ݕௐ௘ = ܽ + ܾ ∙ ݔௌ௧ + ܿ ∙ ݔௌ௧ଶ (9-2)Nach Nullsetzen der ersten Ableitung der Bruttoerfolgsfunktion (9-1) und unter Berücksichtigung derProduktionsfunktion (9-2) ergibt sich für die optimale spezielle Intensität ݔௌ௧∗ :ݔௌ௧∗ = ݍௌ௧/݌ௐ௘ − ܾ2 ∙ ܿ (9-3)Unter Maßgabe der in Beispiel 4-1 unterstellten Parameter (ܽ = 45, ܾ = 0,4 und ܿ = −0,001) und Preis-verhältnisse (݌ௐ௘ = 25 €/dt, ݍௌ௧ = 1 €/kg) setzt der Landwirt zur Erreichung des Bruttoerfolgsmaxi-mums 180 kg Stickstoff pro ha ein. Bei dieser optimalen speziellen Intensität erzielt er einen Ertrag von84,6 dt/ha. Bei einer Anbaufläche von ̅ݔி௟ = 5 ha ergibt sich ein Bruttoerfolg von 9 675 €.Die Bruttoerfolgsfunktion des Fischers entspricht den Erlösen aus dem Fischfang:ܤி௜ = ݌ி௜ ∙ ݕி௜(ݔௌ௧) (9-4)Dabei kennzeichnet ݌ி௜ den Fischpreis in €/dt und ݕி௜ den Fischertrag in dt. Der Fischertrag ist von derStickstoffeinsatzmenge ݔௌ௧ des Landwirts abhängig. Die Produktionsfunktion lautet:ݕி௜ = ݀ + ݁ ∙ ݔௌ௧ ∙ ̅ݔி௟ (9-5)Unter Maßgabe der Parameter ݀ = 60 und ݁ = −0,02 sowie einem Fischpreis von ݌ி௜ = 150 €/dt und ei-ner Stickstoffeinsatzmenge von ݔௌ௧ = ݔௌ௧∗ = 180 kg/ha erzielt der Fischer einen Fischertrag von 42 dt undeinen Bruttoerfolg von 6 300 €. 5 haWeizenanbaufläche Für Fischfang genutzter See Annahmen:• Vollkommene Information• Landwirt und Fischer sindGewinnmaximierer • Landwirt wählt die für ihnoptimale Stickstoffintensität • Stickstoffeinsatz in der Landwirt-schaft mindert Fangergebnis desFischers 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 541 Der Parameter ݁ = −0,02 führt zu stickstoffbedingten Ertragseinbußen von 18 dt Fisch, wenn der Land-wirt die für ihn optimale Stickstoffmenge einsetzt. Ohne den Stickstoffeinsatz würde der Fischer einen um2 700 € höheren Bruttoerfolg erzielen. Die entgangenen 2 700 € sind die vom Landwirt verursachten ex-ternen Kosten, die der Fischer zu tragen hat. Insgesamt erzielt die Volkswirtschaft aus Landwirt und Fi-scher einen Bruttoerfolg von 15 975 €.Ende des Beispiels Verursacher und Empfänger externer EffekteDas ökonomische Problem der externen Effekte liegt - kurz gesagt - darin, dass die Verursacher negativerexterner Effekte diese nicht zu tragen haben und dass potenzielle Produzenten positiver externer Effektediese nicht als Leistungen entlohnt bekommen. Pointiert könnte man also sagen, das Externalitätenprob-lem bestehe bei fehlender CSR darin, dass negative externe Effekte existieren und positive externe Effekteeben nicht existieren. Tab. 9-1 fasst den Sachverhalt zusammen und zeigt auf, in welchen Situationen unddurch welche Akteure es zu welchen externen Effekten kommen kann. Tab. 9-1: Die Entstehung von externen Effekten bei Güterverbrauchs- und Güterproduktionsentscheidungen von Unternehmen und privaten HaushaltenGüterverbrauch Güterproduktion Unternehmen Der Preis einer als Input verbrauchtenRessource ist zu gering Æ Negativer externer Effekt Der Preis eines produzierten Gutesist zu gering Æ Positiver externer EffektBeispiele Übernutzung des Gutes- „Sauberes Grundwasser“ durch die land-wirtschaftliche Düngung- „Atmosphäre“ durch die Verbrennung vonfossilen Energieträgern Unterproduktion des Gutes- „Schöne Landschaft“ durch die Landwirt-schaft- „Erhalt der Biodiversität“ durch die Land-wirtschaft Private Haushalte Der Preis eines konsumierten Gutesist zu gering Æ Negativer externer Effekt Der Preis eines mit dem Konsum gekoppeltenGutes ist zu gering Æ Positiver externer EffektBeispiele Übernutzung des Gutes- „Strom“ und damit mittelbare Übernutzungdes Gutes „Atmosphäre“- „Atmosphäre“ durch die Verbrennung vonfossilen Energieträgern Unterproduktion des Gutes- „Kontrolle der Wildtierpopulation“ durchdie private Vergnügungsjagd- „Helle Stadt“ durch Anbringung privaterHaustürbeleuchtung In Tab. 9-1 werden zum einen zwei Gruppen von wirtschaftlichen Akteuren unterschieden, nämlichUnternehmen und private Haushalte. Zum anderen werden positive und negative externe Effekte sowie zwei Arten von wirtschaftlichen Entscheidungen differenziert, nämlich Güterverbrauchs- und Güter-produktionsentscheidungen. Nachstehend fassen wir die wichtigsten Aspekte und Aussagen zusammen,die mit dieser Darstellung zum Ausdruck gebracht werden:1. Die Einteilung in Güterverbrauchs- und Güterproduktionsentscheidungen ist mit der Unterscheidungin negative und positive externe Effekte gekoppelt. Der Verbrauch von Gütern kannmit negativen externenEffekten verbunden sein. Auf der Produktionsseite kann es dazu kommen, dass positive externe Effektenicht bereitgestellt werden.2. Sowohl Güterverbrauchsentscheidungen von Unternehmen als auch von Haushalten können zu negativen externen Effekten führen. Das ist der Fall, wenn die Preise der verbrauchten Güter gemessen 542 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus an den gesellschaftlichen Kosten zu gering sind. Bei Unternehmen resultiert daraus eine mengen-mäßige Übernutzung einer als Input genutzten Ressource und davon abgeleitet eine Überproduktion.Bei Haushalten ergibt sich ein mengenmäßiger Überkonsum eines Gutes. Dabei sind zwei Fälle zu unterscheiden: Zu einer mittelbaren Übernutzung kommt es, wenn infolge eines zu geringen vorge-lagerten Ressourcenpreises die Grenzkosten der Produktion eines Konsumgutes und damit seinMarktpreis zu gering sind. Dies führt dazu, dass private Haushalte dieses Produkt in einem Umfangkonsumieren, bei dem der private Grenznutzen des Produkts zwar seinem Marktpreis entspricht,aber unter den sozialen Grenzkosten seiner Herstellung liegt (siehe Punkt 9.2.3). Ein Beispiel ist dieprivate Nutzung von Strom, der durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern erzeugt wird, beidenen die Kosten der Schädigung der Atmosphäre noch nicht eingepreist sind. Eine unmittelbareÜbernutzung der Atmosphäre durch den Konsum entsteht dagegen beim privaten Verbrauch fossilerEnergieträger z.B. für die Heizung oder die private Mobilität.3. Das Problem positiver externe Effekte entsteht auf der Produktionsseite. Daher denkt man hierzunächst an Unternehmen. Aber auch Konsumentscheidungen privater Haushalte können mit positi-ven externen Effekten gekoppelt sein. Mit Blick auf die Bereitstellung dieses Kuppeleffektes tragendann auch sie den Charakter von Produktionsentscheidungen. Weder Unternehmen noch privateHaushalte stellen Güter mit positiven externen Effekten in kollektiv sinnvollem Umfang bereit, wennder Preis, den sie dafür erhalten, geringer ist als der gesellschaftliche Nutzen.4. Auf den ersten Blick ist bei Externalitätenproblemen selten offensichtlich, bei welchem Gut die ökonomische Knappheit nicht richtig abgebildet wird. Dies liegt daran, dass man es oft nicht nur mit zuniedrigen Preisen zu tun hat, sondern mit Gütern, die gar keinen Preis oder - besser gesagt - einen Preisvon Null haben. Solche Güter sind noch gar nicht als Güter in Erscheinung getreten. Ein Beispiel stellt dieNitratbelastung des Grundwassers durch die Stickstoffdüngung dar. Hier ist die „zu billige“ Ressourcegar nicht primär der Stickstoff. Vielmehr kommt der negative externe Effekt dadurch zustande, dass derlandwirtschaftliche Produzent die knappe Ressource „sauberes Grundwasser“, die bisher gar nicht alsGut und Produktionsinput betrachtet wurde, zu einem Preis von Null nutzen und verschmutzen kann.5. Die Unterscheidung in negative und positive externe Effekte ist eine Frage der Perspektive,auch wenn die Richtung des Effektes bei den Beispielen in Tab. 9-1 vordergründig offensichtlich er-scheint. So kann man bspw. die Grundwassersbelastung als Problem auffassen, das entsteht, weil derLandwirt einen negativen externen Effekt, nämlich belastetes Grundwasser, verursacht. Man kann dasProblem aber auch darin sehen, dass der Landwirt einen positiven externen Effekt, nämlich sauberesGrundwasser, nicht bereitstellt. Die einzunehmende Sichtweise hängt davon ab, wer die Verfügungs-rechte über das fragliche Gut hat. Wenn die Grundwassernutzer das Verfügungsrecht haben, entstehtein negatives Externalitätenproblem. Der Landwirt wird das Grundwasser durch die Stickstoffdün-gung verschmutzen, solange er die aus seiner Sicht externen Kosten nicht internalisieren muss. EineInternalisierung könnte aber bspw. durch Schadensersatzansprüche erfolgen. Wenn dagegen derLandwirt das Verfügungsrecht über das Grundwasser hat, entsteht ein positives Externalitätenprob-lem. Der Landwirt wird sauberes Grundwasser nur bereitstellen, wenn er den aus seiner Sicht exter-nen Nutzen über einen dafür gezahlten Preis internalisieren kann.Wenden wir uns nach diesen allgemeinen Ausführungen etwas näher der land- und forstwirtschaftlichenPrimärproduktion zu. Einerseits ist die Land- und Forstwirtschaft von negativen externen Effekten betroffen und muss sich an die Schäden anpassen, die von anderen Wirtschaftssubjekten verursachtwerden. Ein Beispiel sind Waldschäden durch Immissionen. Andererseits ist die Land- und Forstwirtschaft selbst Verursacher von externen Schäden. So ist sie - neben Industrie, Energieerzeugung, Ver-kehr und Tourismus - einer der Hauptverursacher von Umweltbelastungen. Bei den abiotischen Ressour-cen geht es um die Schädigung des Bodens (z.B. durch Erosion und Verdichtung), die Verschmutzung desGrundwassers und der Oberflächengewässer (z.B. durch den Eintrag von Dünge- und Pflanzenschutz- 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 543 mitteln) und die Belastung der Luft mit Schadstoffen und klimaschädlichen Gasen (z.B. durch Ammoniak-und Methanemissionen). Dazu kommen Belastungen der biotischen Ressourcen. Hier geht es um die Zer-störung von Naturräumen und natürlichen Habitaten im Allgemeinen und um die Reduzierung der Arten-vielfalt bei Flora und Fauna durch den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln sowie die mechani-sche Bodenbearbeitung und Monokulturen im Besonderen. Ferner können Schadstoffe in Nahrungs-mitteln in Form von Dünge-, Pflanzenschutz- sowie Tierarzneimittelrückständen enthalten sein.Bei Vorliegen externer Effekte gibt es zwei grundsätzlich denkbare Lösungsansätze, auf die ein gedach-ter, dem Gemeinwohl verpflichteter Akteur zurückgreifen kann, um das soziale Dilemma aufzulösen und ei-ne kollektiv-rationale Lösung herbeizuführen (vgl. Abb. 9-1): Erstens kann er versuchen, eine Veränderung der institutionellen Regelungen durchzusetzen, so dass es zu einer Internalisierung der externen Effekteund damit zu einer Änderung der Anreize für die individuellen Akteure kommt. Anders gesagt: Er kann nachRegelungen suchen, die zu den als eigennützig unterstellten Akteuren passen. Im englischen Sprachraum istdieser Ansatz unter dem Stichwort „Get incentives right!“ bekannt. Zweitens kann er versuchen, die Präferenzen der Akteure zu beeinflussen, und zwar dahingehend, dass diese prosoziale Ziele in ihr Ziel-system übernehmen. Damit ist eine freiwillige Änderung des Verhaltens im Rahmen von CSR gemeint.Um zu verdeutlichen, welche sozialen Effizienzgewinne möglich sind, wenn man das Externalitätenpro-blem behebt, unterstellen wir im folgenden Beispiel, dass der Landwirtschaftsbetrieb und der Fischerei-betrieb, die wir bereits in Beispiel 9-1 betrachtet haben, fusioniert werden. Beispiel 9-2Beseitigung negativer externer Effekte - Landwirt und FischerWir betrachten weiterhin den See, in den Stickstoff vom umliegenden Ackerland gelangen kann (vgl. Bei-spiel 9-1). Wir stellen uns jetzt aber vor, dass die Fischerei und die Landwirtschaft unter einheitlicher Lei-tung stehen. Die Bruttoerfolgsfunktion des fusionierten Betriebs, der die Betriebszweige „Weizenproduk-tion“ und „Fischproduktion“ umfasst, sieht wie folgt aus:ܤ = [݌ௐ௘ ∙ ݕௐ௘(ݔௌ௧) − ݍௌ௧ ∙ ݔௌ௧] ∙ ̅ݔி௟ + ݌ி௜ ∙ ݕி௜(ݔௌ௧) (9-6)ݕௐ௘ ist gemäß Gleichung (9-2) und ݕி௜ gemäß Gleichung (9-5) definiert. Zur Bestimmung der optimalenStickstoffeinsatzmenge des fusionierten Betriebs setzt man die erste Ableitung der Bruttoerfolgsfunktion(9-6) gleich Null und formt nach ݔௌ௧∗ um:ݔௌ௧∗ = −12 ∙ ܾ ∙ ݌ௐ௘ + ݁ ∙ ݌ி௜ − ݍௌ௧ܿ ∙ ݌ௐ௘ (9-7)Setzt man hier die in Beispiel 9-1 genannten Koeffizienten ein, ergibt sich eine optimale Stickstoffintensi-tät von 120 kg/ha. Im Vergleich zur isolierten Betrachtung von Landwirt und Fischer sinkt die optimaleStickstoffeinsatzmenge somit um 60 kg/ha. Die Weizenproduktion verliert 450 € und erzielt nun einenBruttoerfolg von 9 225 €, die Fischproduktion gewinnt 900 € und erzielt einen Bruttoerfolg von 7 200 €.Dies liegt daran, dass der durch die Wasserverschmutzung entstehende Schaden bei der Fischproduktionjetzt bei der Weizenproduktion als Opportunitätskosten berücksichtigt wird. Das heißt, die bisher ausSicht der Weizenproduktion externen Kosten werden internalisiert. Der geringere Bruttoerfolg in derLandwirtschaft wird durch den Mehrerlös in der Fischwirtschaft mehr als ausgeglichen. Insgesamt ergibtsich ein Deckungsbeitrag von 16 425 €. Er liegt um 450 € über der Summe, die in der kleinen Volkswirt-schaft erzielt wurde, die aus dem getrennt wirtschaftenden Landwirt und Fischer bestand. Durch dieInternalisierung des vorher externen Effektes konnte im fusionierten Betrieb die Effizienz gesteigert undeine kollektiv-rationale Lösung erzielt werden.Durch die Internalisierung wird die Verschmutzung des Gewässers zwar merklich zurückgefahren, sieliegt aber nicht bei Null. Würde die institutionelle Regelung in der Weise geändert, dass in der Landwirt-schaft rund um den See gar kein Stickstoff mehr eingesetzt werden darf, so würde der Landwirt einen 544 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Bruttoerfolg von 5 625 € und der Fischer einen Bruttoerfolg von 9 000 € erzielen. Der Gesamtbruttoerfolgläge dann bei 14 625 €. Er wäre damit um 1 800 € niedriger als der Wert, der sich bei der Optimierung imfusionierten Betrieb ergibt. Bei der hier getroffenen Annahme, dass neben den direkten Schäden beimFischer keine weiteren negativen Externalitäten entstehen, wäre die Variante „völlig saubere Umwelt“damit aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht optimal.Ende des Beispiels 9.2.3 Die wohlfahrtstheoretische Sicht auf externe EffekteDer Begriff „kollektive Rationalität“ deutet bereits an, dass es sich bei der Berücksichtigung externer Ef-fekte um eine wohlfahrtstheoretische Frage handelt. Nachstehend veranschaulichen wir die Grundzügeeiner wohlfahrtstheoretischen Analyse. In der linken Bildhälfte der Abb. 9-3 ist eine Angebotsfunktion(aggregierte private Grenzkostenkurve der Produzenten) sowie eine Nachfragefunktion (aggregierteGrenznutzenkurve der Konsumenten) für ein bestimmtes Produkt dargestellt (vgl. auch Punkt 4.2.2c). Aufeinem Gleichgewichtsmarkt wird sich ein Preis bilden, bei dem der Markt geräumt wird, d.h. bei dem dieAngebotsmenge der Nachfragemenge entspricht. In Abb. 9-3 ist der Gleichgewichtspreis mit ݌௚ und dieGleichgewichtsmenge mit ݔ௚ gekennzeichnet. Abb. 9-3: Wohlfahrtsverluste durch externe Effekte Wie ist die dargestellte Situation wohlfahrtstheoretisch zu interpretieren? Die Fläche ADEF, d.h. die Flächeunterhalb der Nachfragefunktion bis zur Gleichgewichtsmenge, entspricht der Zahlungsbereitschaft derKonsumenten. Die Fläche CDE, also die Differenz zwischen der Zahlungsbereitschaft der Konsumentenund ihren tatsächlichen Ausgaben (Fläche ACEF) wird als Konsumentenrente bezeichnet. Die FlächeABEF, d.h. die Fläche unterhalb der Angebotsfunktion bis zur Gleichgewichtsmenge, entspricht den Pro-duktionskosten der Unternehmen. Die Fläche BCE, die sich als Differenz zwischen den tatsächlichen Erlö- ݔ0 ݌ ݔ௚ ݌௚ B NachfragefunktionAngebotsfunktion(private Grenzkostenkurveder Produzenten) Soziale GrenzkostenkurveExterne Kosten E D ݔ0 ݌ ݔ௚ ݌௚ B ݔ௦௢௚ ݌௦௢௚ H J K EL D G M C F C FNO I a) Situation ohne externe Kosten b) Situation mit externen Kosten A A 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 545 sen (Fläche ACEF) und den Produktionskosten ergibt, stellt die sog. Produzentenrente dar. Die FlächeBDE und damit die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente bezeichnet das sog.Wohlfahrtsniveau. Das Wohlfahrtsniveau erreicht im Gleichgewicht bei den üblichen Annahmen (perfekte Märkte undAbwesenheit externer Effekte) sein Maximum. In diesem Gleichgewicht ist die Allokation der Güter undFaktoren optimal. Das bedeutet, dass die Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie ihre höchste Produk-tivität erreichen, und dass Güter dort konsumiert werden, wo sie den höchsten Nutzen stiften.Schauen wir uns nun die rechte Bildhälfte von Abb. 9-3 an. Hier wird unterstellt, dass externe Kostender Produktion vorliegen. In unserem Beispiel sind diese externen Kosten unabhängig von der Produk-tionsmenge. Die soziale Grenzkostenkurve, die die richtigen Grenzkosten in dieser Volkswirtschaft wi-derspiegelt, ergibt sich als Summe aus den privaten und den externen Kosten. Gemäß der sozialenGrenzkostenkurve sollte eine Menge ݔ௦௢௚ zu einem Preis von ݌௦௢௚ angeboten werden (Punkt J). Die einzel-nen Produzenten in dieser Volkswirtschaft berücksichtigen allerdings bei ihrer Mengenentscheidungnur ihre eigene Grenzkostenkurve; die externen Kosten werden bei dieser individuellen Entscheidungnicht berücksichtigt. Was bedeutet das für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt? Die Produzentenbieten weiterhin die Menge ݔ௚ des Gutes zum Preis ݌௚ an (Punkt E). Weil ein Teil der Kosten extern ist,erhöht sich scheinbar die Wohlfahrt um die Fläche BHJE. Allerdings müssen die externen Kosten inHöhe der Fläche AGMF, die ihrerseits der Fläche BHKE entspricht, nachträglich von dieser Volkswirt-schaft getragen werden. Per Saldo sinkt die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt durch externe Effekte umdie Fläche EJK ab. Die durch externe Effekte ausgelösten Wohlfahrtsverluste werden dadurch ver-ursacht, dass Gütereinheiten produziert werden, bei denen die gesellschaftlichen Grenzkosten höhersind als der gesellschaftliche Grenznutzen. 9.2.4 Die spieltheoretische Sicht auf externe EffekteDie Spieltheorie als ökonomische Disziplin greift bewusst auf die Analogie zum Spiel zurück, um diegrundlegenden Strukturen mehrpersoneller Entscheidungssituationen zu verdeutlichen. In diesem Sinnesind unter Spielern immer soziale Akteure zu verstehen, die miteinander interagieren. Das Grundanliegen der Spieltheorie lässt sich wie folgt beschreiben: Es geht um die Identifizierung des optimalen Ver-haltens eines Spielers, der sich bewusst ist, dass sein Spielergebnis (d.h. seine Zielerreichung) nicht nurvon seinem eigenen Handeln und einer ggf. unsicheren Umwelt, sondern auch von den Reaktionen seinerMitspieler abhängt.Die Spieltheorie berücksichtigt, dass individuelles Handeln in einem sozialen Umfeld erfolgt, in dem sichzielorientierte andere Akteure befinden, die möglicherweise gegenläufige Interessen haben und als Ge-genspieler aufzufassen sind. Dabei wird zunächst die Annahme getroffen, dass die Spieler über gemeinsames Wissen bzgl. der Spielregeln sowie der Präferenzen der Gegenspieler verfügen (commonknowledge of rationality). Das heißt, die Spieler kennen die Präferenzen des Gegenspielers und verhaltensich entsprechend.22 Die explizite Berücksichtigung der erwarteten Gegenreaktionen beim eigenen Han-deln bezeichnet man als strategisches Verhalten, die Abhängigkeit der Handlungsergebnisse vom strategi-schen Verhalten aller Spieler als strategische Interdependenz. Die Strategie ist die genaue Beschreibungder Wahlhandlung(en), die jeder Spieler im Spiel trifft. Im Falle nicht-wiederholter einfacher Spiele mitnur einem Spielzug, entspricht die Strategie der in diesem einen Spielzug gewählten Aktion. Bei den sog.sequenziellen Spielen mit mehreren Spielzügen bezeichnet eine Strategie dagegen eine bestimmte Folgevon Zügen. 22 Darüber hinaus wird in den hier vorgestellten Spielen unterstellt, dass den Spielern auch die Strategie-mengen und die Auszahlungsfunktionen der Gegenspieler bekannt sind. Man spricht in diesem Zusam-menhang von vollständiger Information. 546 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Tab. 9-2: Zentrale spieltheoretische BegriffeBegriff KurzbeschreibungAuszahlung […] bezeichnet in der Spieltheorie den Nutzen, den der einzelne Spieler beieiner bestimmten Strategiekombination erhält.Cheap Talk […] bezeichnet eine nicht vertraglich bindende Ankündigung. In Koordinati-onsspielen kann sie ausreichen, um pareto-ineffiziente Strategiekombinatio-nen zu vermeiden.ExperimentelleÖkonomik Die […] untersucht das tatsächliche Entscheidungsverhalten von Menschen.Dazu werden Spiele mit freiwilligen Teilnehmern unter Laborbedingungendurchgeführt und analysiert.Focal Point Ein […] bezeichnet eine Strategie, die den Spielern als überlegen sofort „insAuge springt“.Gleichgewicht in domi-nanten Strategien Ein […] ist eine Strategiekombination aus dominanten Strategien für alleSpieler.Gleichgewicht, Nash- Ein […] ist eine Strategiekombination, bei der keiner der sich rational verhal-tenden Spieler einen Vorteil erzielen kann, wenn er einseitig von seiner Strate-gie abweicht.Kaldor-Hicks-effizient,Kaldor-Hicks-optimal Eine Strategiekombination ist […], wenn es keine andere Strategiekombinationgibt, in der ein Spieler mehr gewinnt als der andere verliert. Kaldor-Hicks Ver-besserungen können durch Seitenzahlungen in Pareto-Verbesserungen über-führt werden.Mechanismusdesign Beim […] geht es darum, wie Spielregeln gestaltet sein müssten, um ein be-stimmtes Ergebnis zu erzielen. Dabei werden die Präferenzen der Spieler (z.B.Gewinnmaximierung) als gegeben vorausgesetzt.Pareto-effizient,pareto-optimal Eine Strategiekombination ist […] , wenn es keine andere Kombination gibt, beider ein Spieler besser gestellt ist, ohne dass ein anderer schlechter gestellt wird.Soziales Dilemma Ein […] entsteht, wenn das Strategiegleichgewicht eigennütziger Spieler nichtKaldor-Hicks-effizient ist.Spiele, kooperative […] sind Spiele, in denen die Spieler bindende Absprachen treffen können.Spiele, Koordinations- […] sind Spiele, in denen die Spieler durch Absprachen hinzugewinnen können.Spiele, sequenzielle […] sind Spiele, in denen die Spieler ihre Handlungen zeitlich nacheinanderfestlegen und somit auf den vorherigen Spielzug des Gegenspielers reagierenkönnen.Spieler […] können soziale Akteure, z.B. Unternehmer oder der Staat, sein.Spieltheorie,axiomatische Die […] trifft Voraussagen über die gewählten Strategien unter der Annahme,dass alle Spieler rational und eigennützig handeln und versuchen, ihre eigenenAuszahlungen zu maximieren.Strategie Eine […] ist die genaue Beschreibung der Wahlentscheidung(en), die die Spie-ler im Spiel treffen.Strategie,dominante Eine […] führt unabhängig von der Strategie, die der Gegenspieler wählt, zurhöheren individuellen Auszahlung.Strategie,risikodominante Eine […] hat ein kleineres oder gleiches Risiko bei einem gleichen bzw.größeren Erwartungswert der Auszahlung.Strategie,kooperative Eine […] liegt vor, wenn Spieler eine Pareto-Verbesserung erreichen, indem sievon den Strategiegleichgewichten eigennütziger Spieler in nicht-kooperativenSpielen abweichen.Trittbrettfahrer Ein […] ist ein Spieler, der von einer kooperativen Strategie abweicht, wennseine Grenzkosten geringer sind als sein Grenznutzen. 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 547 Da im Folgenden viele spieltheoretische Spezialbegriffe verwendet werden, fassen wir die zentralen Begriffe- ohne sie an dieser Stelle ausführlich zu erläutern - in Tab. 9-2 kurz zusammen. Diese Übersicht soll einschnelles „Nachblättern“ ermöglichen und damit das Verständnis und die Orientierung im Text erleichtern. a) Das Gefangenen-DilemmaSchauen wir uns zunächst das sog. Gefangenendilemma (prisoner dilemma) an, das oftmals genutzt wird,um in die grundsätzliche Denkweise der Spieltheorie einzuführen. Mit dem Gefangenendilemma lässt sichzeigen, warum es zu einem Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität kommt, wenneigennützig handelnde Akteure sich in einer Situation befinden, in der externe Effekte eine Rolle spielen.Tab. 9-3 zeigt an einem einfachen Zahlenbeispiel die grundsätzliche Struktur des Gefangenendilemmas.Die Spielbeschreibung zur Auszahlungsmatrix in Tab. 9-3a) lautet wie folgt: Zwei Gefangene sind wegeneiner schweren Straftat angeklagt, die sie gemeinsam verübt haben, die ihnen aber mangels ausreichenderBeweise nicht ohne Geständnis nachgewiesen werden kann. Sie haben keine Kommunikationsmöglichkeituntereinander, wissen aber beide, dass sie die folgenden Strafen zu erwarten haben: (1) Leugnen beide,erhalten beide nur eine Gefängnisstrafe von einem Jahr für eine minder schwere Straftat, die ihnen nach-gewiesen werden kann. (2) Gestehen beide, werden sie als reuig eingestuft und erhalten beide eine mildeStrafe von sechs Jahren. (3) Wenn einer gesteht und der andere leugnet, kommt der geständige Gefangeneals Kronzeuge frei, der andere wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Tab. 9-3: Auszahlungsmatrix für zwei verschiedene Beispiele des Gefangenendilemmas a) a) Anwendung: negativer externer Effekt b) Anwendung: positiver externer EffektGefangener 2kooperiert(leugnet) Gefangener 2kooperiert nicht(gesteht) Spieler 2kooperiert Spieler 2kooperiertnichtGefangener 1kooperiert(leugnet) -1 ; -1 -10 ; 0 Spieler 1kooperiert 5 ; 5(15-10 ; 15-10) -4 ; 6(6-10 ; 6-0)Gefangener 1kooperiert nicht(gesteht) 0 ; -10 -6 ; -6 Spieler 1kooperiertnicht 6 ; -4(6-0 ; 6-10) 0 ; 0a) Die Benennung der Spieler 1 und 2 entspricht ihrer Position in der Auszahlungsmatrix. Strategiekom-binationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler kursiv gedruckt sind, stellen Gleichgewichte indominanten Strategien dar.Wir können nun die beiden Gefangenen als Mitglieder eines Kollektivs interpretieren, zwischen denen es zustrategischen Interdependenzen in Abhängigkeit davon kommt, ob sie miteinander kooperieren (d.h. leug-nen) oder nicht. Ein Blick auf die Auszahlungsmatrix zeigt, dass das Spiel für zwei eigennützige Akteure zu einem Dilemma führt: Wenn beide Gefangenen leugnen würden, wären zwar beide im Vergleich zur Strate-giekombination „Gestehen-Gestehen“ besser gestellt. Diese kollektiv-rationale Lösung wird jedoch nicht er-reicht, da das für beide Gefangenen nicht die individuell-rationale Spielstrategie darstellt: Wenn Spieler 2leugnet (Spalte 1), dann besteht die beste Aktion von Spieler 1 darin, zu gestehen. Aber auch wenn Spieler 2gesteht (Spalte 2), ist es für Spieler 1 am vorteilhaftesten, zu gestehen. Unabhängig davon, wie sich der andereSpieler verhält, ist es für Spieler 1 also rational zu gestehen. Dies gilt analog für Spieler 2. Das Spielergebnis„Gestehen-Gestehen“ stellt ein Gleichgewicht in dominanten Strategien (dominant strategy equilibrium)dar. Eine Strategie ist dominant, wenn sie unabhängig vom Verhalten des Gegenspielers zum besseren indivi-duellen Ergebnis führt. Hier ist die beidseitige Nicht-Kooperation ein Gleichgewicht in dominanten Strategien.Bei der zahlenmäßigen Darstellung auf der linken Seite von Tab. 9-3 liegt es nahe, das Gefangenendilem-ma als grundlegendes Modell für die Entstehung negativer externer Effekte zu verstehen, in dem der 548 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Einfachheit halber zunächst nur zwei Spieler betrachtet werden. Ein Beispiel ist die Übernutzung sog. Gemeingüter (common goods). Darunter versteht man Güter, die knapp sind, aber dennoch von wirt-schaftlichen Akteuren ohne jegliche Zugangsbeschränkungen und ohne Kosten genutzt werden können.Ein Anwendungsfall hierfür ist die freie Nutzung des Gemeingutes „Atmosphäre“ zur Entsorgung von kli-maschädlichen Gasen wie CO2. Die Vermeidung der Übernutzung und damit die kooperative Verhinderungvon negativen externen Effekten kommt nicht zustande, obwohl dies die kollektiv-rationale Lösung dar-stellen würde. Anders gesagt: Die vorgegebenen Spielregeln stellen angesichts der Charakteristika derSpieler mit ihren unterstellt eigennützigen Präferenzen keine adäquaten institutionellen Regelungen füreine sozial effiziente Lösung des Entscheidungsproblems dar.Betrachten wir nun die Auszahlungsmatrix b) auf der rechten Seite von Tab. 9-3. Die formale Struktur diesesSpiels ist identisch mit der des klassischen Gefangenendilemmas. Durch die Verschiebung der Auszahlungenin den positiven Bereich kann man das Spiel aber nun als grundlegendes Modell für die Bereitstellung positiver externer Effekte in Form sog. öffentlicher Güter (public goods) ansehen. Eine dazu passende Ge-schichte ist wiederum schnell erzählt: Zwei Personen werden unabhängig voneinander gefragt, ob sie sich anden Kosten der Pflanzung eines Waldes für Naherholungszwecke in Höhe von jeweils 10 pro Spieler beteili-gen. Die beiden Spieler haben keine Kommunikationsmöglichkeit untereinander. Sie wissen aber, dass inAbhängigkeit von ihren Handlungen folgende Auszahlungen zu erwarten sind: (1) Kooperieren beide Spie-ler, trägt jeder Kosten in Höhe von 10 und jeder erzielt einen individuellen Naherholungsnutzen imWert von15. (2) Kooperieren beide nicht, entstehen keine Kosten, das gemeinsamt nutzbare öffentliche Gut „Wald“wird aber auch nicht bereitgestellt. (3)Wenn sich einer an den Kosten beteiligt und der andere nichts bei-trägt, kann nur ein kleinerer Wald gepflanzt werden, dessen Naherholungsnutzen nur noch einenWert von 6aufweist. Der kooperierende Spieler ist in diesem Fall „der Dumme“ und hat einen Nettonutzen von -4. Dernicht-kooperierende Spieler hat dagegen einen Nettonutzen von 6, da er sich nicht an der Bereitstellung desöffentlichen Gutes beteiligt hat. Aufgrund der Strukturgleichheit mit dem klassischen Gefangenendilemmaergibt sich als Lösung wieder die beidseitige Nicht-Kooperation als Gleichgewicht in dominanten Strategien.Für jeden der beiden eigennützigen Spieler ist es individuell rational, nicht zu kooperieren, und zwar ganzunabhängig davon, wie sich der andere verhält. Anders gesagt: Wir haben es wieder mit einer als Dilemmazu bezeichnenden Situation zu tun, da die wechselseitige Bereitstellung von positiven externen Effekten, diedie kollektiv-rationale Lösung darstellen würde, bei den gegebenen Spielregeln und den eigennützigen Prä-ferenzen der Spieler nicht zustande kommen kann. Beispiel 9-3Gefangenendilemma - Landwirt und FischerWir betrachten weiterhin das Beispiel mit dem Landwirt und dem Fischer. Im Gegensatz zu Beispiel 9-2 ge-hen wir aber jetzt wieder zu der kleinen Volkswirtschaft zurück, die aus den beiden getrennten Akteuren„Landwirt“ und „Fischer“ besteht (vgl. Beispiel 9-1). Wir unterstellen weiterhin, dass die Verfügungsrechtebeim Landwirt liegen. Sowohl der Landwirt als auch der Fischer wissen, dass es kollektiv rational wäre, statt180 kg Stickstoff pro ha nur 120 kg einzusetzen. Der Landwirt würde dadurch im Vergleich zur hohen Stick-stoffdüngung aber einen Verlust von 450 € erleiden. Der Fischer hätte dagegen einen Zugewinn von 900 €.Durch die kollektiv-rationale Lösung entstände also ein sozialer Effizienzgewinn in Höhe von 450 €. DiesenEffizienzgewinn könnten beide untereinander aufteilen, wenn es ihnen gelänge, zu kooperieren. Kooperierenbedeutet für den Landwirt, die geringe Stickstoffmenge von 120 kg einzusetzen. Für den Fischer bedeutetKooperieren, dem Landwirt eine Kompensationszahlung vonmindestens 450 € zukommen zu lassen.Wir gehen im Folgenden davon aus, dass der Fischer dem Landwirt eine Zahlung von 675 € in Aussichtstellt, wenn dieser nur 120 kg Stickstoff pro ha einsetzt. Dies würde bedeuten, dass der Effizienzgewinnvon insgesamt 450 €, der sich durch die Auflösung des Dilemmas ergibt, zu gleichen Teilen dem Landwirtund dem Fischer zukommt. Diese Situation lässt sich als Gefangenendilemma abbilden (vgl. Tab. 9-4). 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 549 Tab. 9-4: Das Landwirt-Fischer-Beispiel als Gefangenendilemma (€) a)Fischer kooperiert(zahlt 675 €) Fischer kooperiert nicht(zahlt nichts)Landwirt kooperiert(Einsatz von 120 kg Stickstoff) 9 900 ; 6 525(9 225+675 ; 7 200-675) 9 225 ; 7 200Landwirt kooperiert nicht(Einsatz von 180 kg Stickstoff) 10 350 ; 5 625(9 675+675 ; 6 300-675) 9 675 ; 6 300a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler kursiv gedruckt sind, stellenGleichgewichte in dominanten Strategien dar.In der Auszahlungsmatrix von Tab. 9-4 wird unterstellt, dass der Landwirt und der Fischer zum gleichenZeitpunkt über Kooperieren und Nicht-Kooperieren entscheiden, d.h. bei der eigenen Entscheidung kenntkeiner die Entscheidung des anderen. Wenn eine Entscheidung gefällt ist, wird sie auch wirksam, undzwar unabhängig vom nachträglich beobachteten Verhalten des anderen. Es ergibt sich ein sozial in-effizientes Gleichgewicht in dominanten Strategien: Egal, ob der Fischer zahlt oder nicht, für den Landwirtist es auf jeden Fall individuell rational, die hohe Stickstoffintensität zu wählen. Für den Fischer ist es sei-nerseits rational, nicht zu zahlen, und zwar unabhängig davon, ob der Landwirt kooperiert oder nicht. Eskommt zu einem Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität, wenn die beiden eigen-nützigen Spieler keine bindenden Vereinbarungen treffen können.Ende des Beispiels b) Das soziale DilemmaBetrachten wir nun als wichtige Modifikation des Gefangenendilemmas das sog. ࢔-Personen- Gefangenendilemma, für das auch der Begriff „soziales Dilemma“ verwendet wird. Im Unterschied zumzweiseitigen Gefangenendilemma sind nun ݊-Personen am Spiel beteiligt. Tab. 9-5 verdeutlicht die Struk-tur. Dabei wird wiederum ein Spieler 1 einem Spieler 2 gegenüber gestellt. Dieser Spieler 2 ist hier aberein Vertreter der Restgruppe, bei der unterstellt wird, dass entweder alle kooperieren oder alle nicht ko-operieren. Die Nicht-Kooperation wird auch als „Defektieren“ bezeichnet. Tab. 9-5: Auszahlungsmatrix für zwei verschiedene Beispiele des sozialen Dilemmas a) Anwendung: negativer externer Effekt b) Anwendung: positiver externer EffektAlle anderenkooperieren Alle anderendefektieren Alle anderenkooperieren Alle anderendefektierenSpieler 1kooperiert -10 ; -10(0-10 ; 0-10) -109 ; -99(-99-10 ; -99-0) Spieler 1kooperiert 90 ; 90(100-10 ; 100-10) -9 ; 1(1-10 ; 1-0)Spieler 1defektiert -1 ; -11(-1-0 ; -1-10) -100 ; -100 Spieler 1defektiert 99 ; 89(99-0 ; 99-10) 0 ; 0Die linke Seite von Tab. 9-5 veranschaulicht eine Situation, bei der durch Kooperation negative externe Effekte vermieden werden könnten. Als Anwendungsbeispiel kann ein gemeinsam zur Verfügung stehen-des knappes Umweltgut, wie z.B. die Luft, dienen, die verschmutzt wird. Kooperation bedeutet, dass sichjeder durch Umweltschutz an der Luftreinhaltung beteiligt. Bei einer Gruppe von ݊ = 100 Spielern ergibtsich folgende Spielbeschreibung: (1) Wenn kein Umweltschutz betrieben wird und keiner kooperiert,sondern alle defektieren, erfährt jeder aus der Luftverschmutzung einen individuellen Schaden von -100.(2) Jeder, der individuell einen Betrag von 10 für die Luftreinhaltung aufbringt, verringert den allgemei-nen Umweltschaden um 1. Wenn alle kooperieren und Umweltschutz betreiben, kann der Umweltschaden 550 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus auf Null reduziert werden. Aufgrund der individuellen Kosten von 10 ergibt sich in diesem Fall sowohl fürSpieler 1 als auch für alle anderen Spieler ein Nettoergebnis von -10. (3) Wenn nur Spieler 1 sich als sog. Trittbrettfahrer (free rider) verhält und defektiert, kommt er ohne jeglichen Eigenbeitrag in den Genussdes von -100 auf -1 reduzierten Umweltschadens. Alle anderen haben ein Nettoergebnis von -11, da jeder10 für den Umweltschutz ausgibt. (4) Betreibt Spieler 1 als einziger Luftreinhaltung und handeln alle an-deren als Trittbrettfahrer, erzielt er ein Nettoergebnis von -109 und alle anderen bekommen die Redukti-on der Umweltbelastung um 1 (von -100 auf -99) umsonst. Aus der Sicht jedes einzelnen Spielers ist defektieren rational. Die Grenzkosten des Defektierens betragen lediglich 1 (individuell zu tragenderUmweltschaden), der Grenznutzen des Defektierens beträgt dagegen 10 (individuell ersparte Kosten).Wie die rechte Hälfte von Tab. 9-5 zeigt, gibt es das soziale Dilemma auch als positives Externalitätenproblem. Zur Veranschaulichung greifen wir auf das bereits bekannte Beispiel des Naherholungswaldeszurück, der als öffentliches Gut genutzt wird. Wir unterstellen nun aber ebenfalls eine Gruppe von ݊ = 100Spielern. Damit ergibt sich folgendes Spiel: (1) Wenn keiner kooperiert, entstehen für niemanden Kosten,das öffentliche Gut „Wald“ wird aber auch nicht bereitgestellt. (2) Jeder, der einen individuellen Betrag von10 für die Pflanzung eines Baumes leistet, leistet einen Beitrag in Höhe von 1 zum Naherholungswert. Ko-operieren alle 100 Spieler, hat jeder Kosten von 10 und einen Naherholungswert von 100. (3) Wenn nurSpieler 1 als Trittbrettfahrer defektiert, erhält er den durch die Restgruppe bereitgestellten Naherholungs-wert von 99 umsonst. Die nicht-defektierenden Gruppenmitglieder haben wegen der individuellen Kostenvon 10 ein Nettoergebnis von 89. (4) Pflanzt Spieler 1 als einziger einen Baum und handeln alle anderen alsTrittbrettfahrer, erzielt er ein Nettoergebnis von -9 und alle anderen bekommen den Naherholungswertvon 1 umsonst. Auch hier ist es aus der Sicht jedes einzelnen Spielers rational zu defektieren.Sowohl in 2-Personenspielen mit der Struktur eines Gefangenendilemmas als auch bei ݊-Personenspielenmit der Struktur eines sozialen Dilemmas kommt es durch externe Effekte zu einem Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität. Beim Gefangenendilemma wäre eine wechselseitigeKooperation und beim sozialen Dilemma eine allseitige Kooperation effizienter. Im Vergleich zur indivi-duell-rationalen Lösung würde die Kooperation alle Beteiligten besser stellen. Bei den zugrunde gelegtenSpielregeln und den als gegeben unterstellten eigennützigen Präferenzen der Spieler ist die kooperativeLösung aber nicht möglich. Diese Spiele stellen somit Grundmodelle für institutionelles Versagen in einerWelt mit eigennützigen Akteuren dar. Dies wäre auch dann der Fall, wenn die Spieler miteinander kom-munizieren und gegenseitig Absprachen treffen könnten. Solange keine Autorität oder soziale Arrange-ments vorhanden sind, die die Einhaltung solcher Absprachen garantieren, hätte keiner der eigennützigenSpieler einen Anreiz, Zusagen einzuhalten. Man bezeichnet gegenseitige Absprachen deswegen auch als Cheap Talk. Das Versprechen des Fischers in Beispiel 9-3 war bspw. auch Cheap Talk, so dass bei dengetroffenen Annahmen der ineffiziente Spielausgang nicht verhindert werden konnte.Die Erreichung kollektiv-rationaler (sozial effizienter) Gleichgewichtslösungen hängt bei Vorliegen exter-ner Effekte wesentlich davon ab, ob vertragliche Vereinbarungen durchgesetzt werden können. Hierfürwäre die Einführung einer Spielautorität erforderlich, die dies garantieren könnte. In der Praxis wird indieser Rolle i.d.R. der Gesetzgeber gesehen, der für die Gestaltung der institutionellen Regelungen zustän-dig ist. Die Einführung der Möglichkeit, bindende Vereinbarungen zu treffen, kann man als Änderung derSpielregeln betrachten, die in der Spieltheorie durch den Übergang von den bisher betrachteten nicht-kooperativen Spielen zu den kooperativen Spielen markiert wird. Die allgemeine Frage, wie man- ausgehend von einer bestimmten, möglicherweise als unbefriedigend wahrgenommenen Situation, wiez.B. einem sozialen Dilemma - die institutionellen Regelungen ändern müsste, damit sich andere Gleich-gewichtslösungen einstellen, ist Gegenstand des sog.Mechanismusdesigns (mechanism design). Wie derBegriff sagt, geht es dabei um ein grundsätzlich denkbares, besseres Design von institutionellen Regelun-gen. Die Frage nach der politischen Implementierbarkeit einer institutionellen Veränderung wird dabeizunächst außen vor gelassen. 8 1 13 23 82 _M uß ho ff - Bg 18 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 551 Beispiel 9-4Übernutzung von Gemeingütern - FischerWir betrachten ein Beispiel für ein soziales Dilemma, in dem es nun - ganz ohne Landwirtschaft - um einen Seegeht, in dem die Fischfangeinrichtungen nicht fest installiert sind, sondern erst eingebracht werden müssen.Die Netzfläche sei ein variabler Produktionsfaktor. Für einen Fischer, der den See besitzt, ist die Bruttoerfolgs-funktion bei einemFischpreis ݌ி௜ von 150€/dt und einemNetzpreis ݍே௘ von 2 €/m2wie folgt definiert:ܤி௜ = 150 ∙ ݕி௜ − 2 ∙ ݔே௘ (9-8)Dabei kennzeichnet ݕி௜ den Fischertrag in dt und ݔே௘ die Netzfläche in m2. Für den Zusammenhang zwi-schen Netzfläche ݔே௘ und Fischertrag ݕி௜ gelte die folgende quadratische Produktionsfunktion:ݕி௜ = 0,57 ∙ ݔே௘ − 0,002 ∙ ݔே௘ଶ (9-9)Die optimale spezielle Intensität der Netzeinsatzfläche kann ermittelt werden, indem die erste Ableitungder Bruttoerfolgsfunktion (9-8) unter Berücksichtigung der Produktionsfunktion (9-9) gleich Null gesetztwird. Der Fischer wird bis zu dem Umfang fischen, an dem das Wertgrenzprodukt des Faktors „Netzfläche“dem Netzpreis entspricht: 150 ∙ ݀ݕி௜/݀ݔே௘ = 2. Die optimale Netzintensität beträgt 139 m2 Netzfläche. Da-bei erzielt der Fischer einen Ertrag von 40,59 dt und einen Erlös von 6 088,20 € (vgl. Tab. 9-6, Spalte 2).Nehmen wir nun an, der See befinde sich in Gemeinschaftseigentum und jeder könne dort fischen. Wie siehtdie Situation eines potenziellen Fischers aus, wenn bereits 139 Fischer den See mit jeweils 1 m2 Netzflächenutzen? Sollte der 140. Fischer aus individuellen Gewinngesichtspunkten das Fischen unterlassen? Nein!Der kollektive Grenzerlös aus dem letzten, d.h. dem 140. Quadratmeter Netzfläche ist zwar mit 1,80 € je m2kleiner als der Faktorpreis von 2 €/m2 (vgl. Tab. 9-6, Spalte 3). Der negative kollektive Grenzgewinn ist aberfür den 140. Fischer individuell nicht entscheidungsrelevant. Der Gesamterlös aus dem Fischfang im Seeteilt sich ja gleichmäßig auf alle Fischer auf. Der 140. Fischer bekommt also nicht die Fische, die durch den140. Quadratmeter Netzfläche zusätzlich gefangen werden, sondern 1/140 von allen Fischen. Sein indivi-dueller Grenzerlös entspricht also dem Durchschnittserlös. Dieser beträgt bei 140 m2 Netzfläche43,50 €/m2. Da der individuelle Grenzerlös größer ist als der Faktorpreis, ist es auch für den 140. Fischerindividuell rational, den Fischfang aufzunehmen. Man könnte auch sagen: Die Fangeinbußen der anderenFischer stellen für ihn externe Kosten dar. Stellt der See ein Gemeingut dar, wird die Nutzung erhöht, solan-ge der Durchschnittserlös den Faktorpreis deckt. Erst bei einem Faktoreinsatz von mehr als 278 m2 Netz-fläche wäre der zusätzliche Faktoreinsatz nicht mehr individuell lohnenswert (Spalte 5 vs. Spalte 6). Tab. 9-6: Nutzungsintensität privater Güter vs. Nutzungsintensität von GemeingüternSpalte 1 Spalte 2 Spalte 3 … Spalte 4 Spalte 5 Spalte 6Faktoreinsatzmenge: ݔே௘ (m2) 138,00 139,00 140,00 277,00 278,00 279,00Ertrag: ݕி௜ (dt) 40,57 40,59 40,60 4,43 3,89 3,35Erlös: 150 ∙ ݕி௜ (€) 6 085,80 6 088,20 6 090,00 664,80 583,80 502,20Individuelle Grenzkosten= kollektive Grenzkosten= Faktorpreis (€/m2) 2,00 2,00 2,00 2,00 2,00 2,00Individueller Grenzerlös= Durchschnittserlös:150 ∙ ݕி௜/ݔே௘ (€/m2) 44,10 43,80 43,50 2,40 2,10 1,80Kollektiver Grenzerlös:150∙∆ݕ௜/∆ݔே௘ (€/m2) 3,00 2,40 1,80 -80,40 -81,00 -81,60Im Beispiel kommt es also durch das Gemeineigentum zu einer Erhöhung der Netzintensität auf das Dop-pelte. Das Fischerbeispiel entspricht von seiner Struktur her dem berühmten Beispiel der Übernutzungeiner Gemeinschaftsweide, der sog. Allmende (vgl. Punkt 9.3.1).Ende des Beispiels 9 1 13 23 82 _M uß ho ff - Bg 19 552 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus c) Das Konzept des Nash-Gleichgewichts und der Pareto-OptimalitätWir sind bereits beim klassischen Gefangenendilemma (vgl. Tab. 9-3) der Frage nachgegangen, welchesErgebnis sich bei rational-eigennützigen Spielern einstellen wird. Wir erinnern uns: Dort war es einGleichgewicht in dominanten Strategien, das zu einer sozial ineffizienten Lösung geführt hat. In vielenSpielen gibt es aber kein Gleichgewicht in dominanten Strategien. Zur Strategiewahl muss der einzelneSpieler dann Erwartungen bzgl. der Strategiewahl der Mitspieler bilden. Damit stellt sich die Frage, ob esein konsistentes Konzept in Form einer Gleichgewichtslösung gibt.Als zentrales Konzept der Spieltheorie gilt das sog. Nash-Gleichgewicht (Nash equilibrium). Es be-zeichnet ganz allgemein eine Strategiekombination, bei der keiner der sich rational verhaltenden Spielereinen Vorteil erzielen kann, wenn er einseitig von seiner Strategie abweicht. Man könnte auch sagen, dassdie Strategien im Nash-Gleichgewicht die wechselseitig besten Antwortstrategien sind. Alle Gleichgewich-te in dominanten Strategien stellen damit auch Nash-Gleichgewichte dar. Dies gilt aber nicht umgekehrt.Man kann Nash-Gleichgewichte im 2-Personen Spiel wie folgt bestimmen: (1) Man markiert für den erstenSpieler die Strategie, die für eine beliebige gedanklich fixierte Strategie des Gegenspielers das individuelloptimale Ergebnis liefert, und wiederholt dies für alle Strategien des Gegenspielers. (2) Man führt diesenVorgang auch für den zweiten Spieler durch. (3) Alle Ergebniskombinationen, die doppelt markiert sind,stellen Nash-Gleichgewichte dar.Tab. 9-7 veranschaulicht das Konzept des Nash-Gleichgewichts sowie das Konzept der sozialen Effizienzanhand von sechs verschiedenen 2-Personen Spielen. Bei den mit ܪܣଵ;ଵ, ܪܣଵ;ଶ etc. bezeichneten Strate-gien steht der erste Index für den Spieler und der zweite für die Strategie. Strategiekombinationen, beidenen die Ergebnisse für beide Spieler fett gedruckt sind, stellen Nash-Gleichgewichte dar. In allen Spielenergibt sich jeweils ein Nash-Gleichgewicht, und zwar durch die Strategiekombination „ܪܣଵ;ଶ;ܪܣଶ;ଶ“, diesich im rechten unteren Quadranten befindet. Nur die Nash-Gleichgewichte der Spiele auf der linken Seiteder Tab. 9-7 stellen auch gleichzeitig Gleichgewichte in dominanten Strategien dar. Die Gleichgewichts-lösungen der auf den Ebenen a) bis c) dargestellten Spiele unterscheiden sich jeweils in ihrer sozialenEffizienz. Tab. 9-7: Verschiedene Formen von Nash-Gleichgewichten a) a) Pareto-ineffiziente Nash-Gleichgewichte a-1: Dominantes Strategiengleichgewicht a-2: Nicht-dominantes Nash-Gleichgewichtܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶ ܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶܪܣଵ;ଵ 5 ; 5 -4 ; 6 ܪܣଵ;ଵ 4 ; 2 -6 ; 3ܪܣଵ;ଶ 6 ; -4 0 ; 0 ܪܣଵ;ଶ 3 ; -6 0 ; 0 b) Pareto-effiziente Nash-Gleichgewichte b-1: Dominantes Strategiengleichgewicht b-2: Nicht-dominantes Nash-Gleichgewichtܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶ ܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶܪܣଵ;ଵ 3 ; -2 -6 ; -1 ܪܣଵ;ଵ 10 ; 3 0 ; 4ܪܣଵ;ଶ 4 ; -6 0 ; 0 ܪܣଵ;ଶ 4 ; 0 5 ; 5 c) Kaldor-Hicks effiziente Nash-Gleichgewichte c-1: Dominantes Strategiengleichgewicht c-2: Nicht-dominantes Nash-Gleichgewichtܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶ ܪܣଶ;ଵ ܪܣଶ;ଶܪܣଵ;ଵ 7 ; 5 -6 ; 8 ܪܣଵ;ଵ 10 ; 3 0 ; 4ܪܣଵ;ଶ 8 ; -6 6 ; 8 ܪܣଵ;ଶ 4 ; 0 9 ; 5a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler kursiv (fett) gedruckt sind, stellenGleichgewichte in dominanten Strategien (Nash-Gleichgewichte) dar. Die Kaldor-Hicks-effiziente Lö-sung ist grau unterlegt. 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 553 Zu den einzelnen Spielen ist Folgendes zu sagen: • In Tab. 9-7a) ist zunächst links das bereits aus Tab. 9-3b) bekannte Gefangenendilemma mit einemNash-Gleichgewicht dargestellt, das auch ein Gleichgewicht in dominanten Strategien ist. Rechts istein Spiel mit einem Nash-Gleichgewicht angezeigt, das kein Gleichgewicht in dominanten Strategienist. Bei beiden Spielen sind die Nash-Gleichgewichte nicht pareto-effizient. Ein Gleichgewicht ist nicht pareto-effizient, wenn es eine andere Strategiekombination gibt, bei der beide Spieler besser ge-stellt sind. Dies ist hier jeweils mit ܪܣଵ;ଵ; ܪܣଶ;ଵ der Fall. • Bei den Spielen b-1 und b-2 sind die Nash-Gleichgewichte pareto-effizient. Hier gibt es zunächstkeine Strategiekombination, die einen Spieler besser stellt, ohne einen anderen schlechter zu stel-len. Allerdings zeigt der Blick auf die grau unterlegten Strategiekombinationen „ܪܣଵ;ଵ; ܪܣଶ;ଵ“, dassman sich auch hier mit Blick auf die kollektive Rationalität durchaus eine bessere Lösung vorstellenkann. In beiden Spielen könnte durch diese Kombination die Gesamtsumme der Auszahlungen ge-steigert werden. Man spricht in diesem Zusammenhang - unter Vernachlässigung von Verteilungs-aspekten - auch vom Wohlfahrtsoptimum oder von der Kaldor-Hicks-Effizienz. Um zu prüfen, ob einErgebnis Kaldor-Hicks-effizient ist, führt man den sog. Kompensationstest durch. Das Lösungs-gleichgewicht „ܪܣଵ;ଶ; ܪܣଶ;ଶ“ in Spiel b-2 ist bspw. nicht Kaldor-Hicks-effizient, da es eine andereLösung gibt, bei der der Gewinner mehr gewinnt als der Verlierer verliert. Der Gewinner könnteden Verlierer durch sog. Seitenzahlungen (side payments) kompensieren, so dass beide besser ge-stellt wären. Aus diesem Grund wird die Kaldor-Hicks-Effizienz auch als potenzielle Pareto- Effizienz bezeichnet. • Bei den Spielen c-1 und c-2 sind die Nash-Gleichgewichte schließlich auch Kaldor-Hicks-effizient.Hier ist durch Seitenzahlungen keine Steigerung der Auszahlungen möglich.Was lässt sich aus dieser Übersicht ableiten? Erstens, Pareto-Verbesserungen stellen immer auch Kaldor-Hicks-Verbesserungen dar, aber nicht umgekehrt. Anders gesagt: Pareto-Verbesserungen sind eineTeilmenge der Kaldor-Hicks-Verbesserungen. Zweitens, Spiele, bei denen die Nash-Gleichgewichte nicht Kaldor-Hicks-effizient sind, führen zu einem Dilemma. Letztlich handelt es sich um Modelle fürSituationen, in denen eigennützige Akteure zu einem sozial ineffizienten Gleichgewicht kommen. Dies be-deutet, dass unter Einbeziehung von Verhandlungsmöglichkeiten kollektive Lösungen denkbar sind, diealle Beteiligten besser stellen würden. Der Grund für die Entstehung eines Dilemmas ist das Vorliegen ex-terner Effekte oder - anders ausgedrückt - das Versagen der Spielregeln, die angesichts der eigennützigenPräferenzen der Akteure nicht in der Lage sind, die kollektiv-rationale Lösung herbeizuführen. Abb. 9-4veranschaulicht den Sachverhalt unter Rückgriff auf die Spiele a-2 und b-2 aus Tab. 9-7.Bei Spiel a-2 würde die Strategiekombination „ܪܣଵ;ଵ; ܪܣଶ;ଵ“ (Punkt B) eine Pareto-Verbesserung und da-mit auch Kaldor-Hicks-Verbesserung gegenüber der Nash-Lösung „ܪܣଵ;ଶ; ܪܣଶ;ଶ“ (Punkt A) darstellen. BeiSpiel b-2 sind die relevanten Punkte mit C, D und E bezeichnet. Das Nash-Gleichgewicht „ܪܣଵ;ଶ; ܪܣଶ;ଶ“(Punkt C), in dem beide Spieler jeweils eine Auszahlung von 5 und damit in der Summe von 10 erzielen, istim vorliegenden Spiel also bereits pareto-effizient, da kein Spieler mehr besser gestellt werden kann, ohneeinen anderen schlechter zu stellen. Im Vergleich dazu würde die Strategiekombination „ܪܣଵ;ଵ; ܪܣଶ;ଵ“(Punkt D) aber eine Kaldor-Hicks-Verbesserung von 3 bringen, da in der Gesamtsumme eine Auszahlungvon 13 erzielt werden würde. Können die beiden Spieler - z.B. aufgrund eines verbesserten Mechanismus-designs - zu einem kooperativen Spiel wechseln und vertraglich bindende Seitenzahlungen vereinbaren,ist diese Kaldor-Hicks-Verbesserung tatsächlich erzielbar und aufteilbar. Eine mögliche vertragliche Lö-sung wäre bspw. eine Vereinbarung, die zu einer Auszahlung von 6,5 für beide Spieler führt (Punkt E).Durch die Möglichkeit des Vertragsschlusses könnte im vorliegenden Beispiel also die vorher nicht reali-sierbare Kaldor-Hicks-Verbesserung in eine realisierbare Pareto-Verbesserung überführt werden. ZurVeranschaulichung des grundsätzlichen Sachverhalts haben wir sowohl von den Kosten der Optimierungdes Mechanismusdesigns als auch von den Transaktionskosten der vertraglichen Vereinbarung und ihrer 554 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Durchsetzung abstrahiert. In praktischen Anwendungen können diese Kosten durchaus höher sein als dererzielte Wohlfahrtsgewinn eines verbesserten Gleichgewichts.Auch die Wirkungsweise von CSR lässt sich mit Hilfe von Abb. 9-4 darstellen. Dazu müssen wir lediglichden Spieler 1 als ein Wirtschaftsunternehmen und den Spieler 2 als Gesellschaft interpretieren. Wenn dasUnternehmen aus gesellschaftlicher Verantwortung freiwillig auf einen Gewinn in Höhe von 2 verzichtet,kann die in Punkt D dargestellte sozial effiziente Lösung (z.B. eine ökologisch weniger schädliche Produk-tionsweise), die für die Gesellschaft einen Zugewinn von 5 bringt, erzielt werden, und zwar ohne dassAusgleichszahlungen an das Unternehmen erforderlich sind. Auch die Einführung einer Umweltschutzge-setzgebung mit der ordnungsrechtlichen Verpflichtung, die weniger schädliche Produktionsweise zuübernehmen, würde zunächst zum gleichen Ergebnis führen. Der Vorteil von CSR besteht aber darin, dassim Gegensatz zum Abschluss von Verträgen (= vertragliche garantierte Seitenzahlungen für vertraglichgarantierte Verhaltensweisen) und im Gegensatz zur Einführung und Überwachung ordnungsrechtlicherVorschriften keine Transaktionskosten anfallen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Be-deutung weicher Faktoren oder davon, dass Sozialkapital (= verinnerlichte prosoziale Einstellungen) sozi-ale Kosten verringert. Abb. 9-4: Pareto- und Kaldor-Hicks-Verbesserungen a) a) Die angezeigten Bereiche der Pareto- und Kaldor-Hicks-Verbesserungen beziehen sich auf den Refe-renzpunkt C. Alle Pareto-Verbesserungen sind auch Kaldor-Hicks-Verbesserungen, aber nicht umge-kehrt. 9.2.5 Eine Übersicht klassischer SpieleWie wir aus dem Gefangenendilemma gelernt haben, lässt sich die spieltheoretische Analyse von Entscheidungssituationen in vier grundlegende Schritte unterteilen: A (0;0) Nutzen Spieler 1 Nutzen Spieler 2 Pareto- Verbesserungen C (5;5) E (6,5;6,5) D (10;3) B (4;2) Kaldor-Hicks- Verbesserungen Kaldor-Hicks- Verbesserungen 5 10 0 5 10 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 555 1. Spielidentifizierung: Es muss das Spiel identifiziert werden, welches die charakteristische Strukturder betrachteten Entscheidungssituation adäquat abbildet. Damit ist bspw. die Frage gestellt, ob essich bei einer bestimmten praktischen Situation tatsächlich um eine Ausformung des Gefangenendi-lemmas handelt oder nicht.2. Gleichgewichtsanalyse: Es ist das Gleichgewicht bzw. es sind die Gleichgewichte im Spiel zu be-stimmen. Damit ist die Frage gestellt, bei welchem Ergebnis die Spieler im jeweiligen Spiel voraus-sichtlich landen. Gibt es ein eindeutiges dominantes Strategiengleichgewicht oder gar mehrere nicht-dominante Nash-Gleichgewichte, die eine derartige Prognose erschweren?3. Effizienzanalyse: Es wird die Effizienz des Gleichgewichtes mit Hilfe der Konzepte „Pareto-Effizienz“und „Kaldor-Hicks-Effizienz“ analysiert.4. Mechanismusdesign: Es ist zu überlegen, welche Änderung der Spielregeln und/oder der Präferenz-strukturen der Spieler welche Änderungen der Gleichgewichte und der Effizienz mit sich bringenwürden. Ein Beispiel hierfür war die Veränderung der Spielregeln hin zu kooperativen Spielen, in de-nen die Realisierung von Kaldor-Hicks-Verbesserungen durch vertraglich bindende Vereinbarungenvon Seitenzahlungen ermöglicht wird.Neben dem berühmten Gefangenendilemma gibt es eine Vielzahl weiterer Spiele, die bestimmte charakte-ristische Strukturen aufweisen, als Stellvertreter für bestimmte Entscheidungsstrukturen benutzt werdenund in der Spieltheorie mit eigenen „Namen“ belegt wurden. Abb. 9-5 gibt einen Überblick über dieseSpiele, die nachstehend aufgegriffen und kurz beschrieben werden. Abb. 9-5: Übersicht der Spiele KonfliktspieleBei Konfliktspielen (pure conflict games), die auch als Verteilungsspiele bezeichnet werden, gibt es keineüberlegene kollektiv-rationale Lösung mit sozialen Effizienzgewinnen, die unter den sozialen Akteuren(Spielern) verteilt werden könnten. Sie bilden vielmehr die Struktur sozialer Konflikte ab, in denen es umdie Verteilung einer gegebenen Menge von Auszahlungen geht. Kommunikation bzgl. der eigenen Strate-gien ist in dieser Anreizkonstellation nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv. Aus Sicht eines eigen-nützigen Spielers kommt es ja gerade darauf an, den Gegner zu täuschen. Man unterscheidet üblicherwei-se zwei Formen von Konfliktspielen, nämlich Nullsummenspiele und Konstantsummenspiele (vgl.Tab. 9-8). Spiele Konflikt-spiele Koordinations-spieleNullsummen-spiele GemischteMotivationsspiele ExperimentelleSpiele Konstant-summenspiele Einfaches Koor-dinationsspielReines Koor-dinationsspielAssurance-Spiel Kampf-der-Geschlechter-SpielAngsthasen-Spiel Ultimatum-SpielVertrauens-Spiel Gefangenen-dilemma 556 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Tab. 9-8: Konflikt- bzw. Verteilungsspiele a) a) Nullsummenspiel ohne Nash-Gleichgewicht b) Konstantsummenspiel ohne Nash-GleichgewichtSpieler 2:Zahl Spieler 2:Kopf Spieler 2:Zahl Spieler 2:KopfSpieler 1:Zahl 2 ; -2 -2 ; 2 Spieler 1:Zahl 4 ; 0 0 ; 4Spieler 1:Kopf -2 ; 2 2 ; -2 Spieler 1:Kopf 0 ; 4 4 ; 0 c) Nullsummenspiel mit Nash-Gleichgewicht d) Konstantsummenspiel mit Nash-GleichgewichtSpieler 2:Blau Spieler 2:Weiß Spieler 2:Blau Spieler 2:WeißSpieler 1:Blau 2 ; -2 0 ; 0 Spieler 1:Blau 4 ; 0 2 ; 2Spieler 1:Weiß 0 ; 0 -2 ; 2 Spieler 1:Weiß 2 ; 2 0 ; 4a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler fett gedruckt sind, stellen Nash-Gleichgewichte dar.Bei den sog. Nullsummenspielen (zero sum games) ist die Summe der Auszahlungsbeträge Null, d.h. dereine Spieler verliert, was der andere gewinnt. Ein klassisches Beispiel ist das Spiel „übereinstimmendeMünzen“ (matching pennies). Dabei werfen zwei Spieler eine Münze. Tritt bei beiden Spielern zugleichKopf oder Zahl auf, muss Spieler 2 an Spieler 1 einen Betrag in Höhe von 2 € bezahlen. Wirft einer derSpieler Zahl und der andere Kopf, dann muss Spieler 1 an Spieler 2 einen Betrag in Höhe von 2 € zahlen(vgl. Tab. 9-8a). Im Gegensatz zu den Nullsummenspielen gibt es bei den Konstantsummenspielen(constant sum games) einen verteilbaren Auszahlungsbetrag. Ein Beispiel ist die Modifikation des Spiels„übereinstimmende Münzen“, bei dem Spieler 1 von der Spielbehörde einen Betrag von 4 € bekommt,wenn bei beiden Spielern Kopf oder bei beiden Zahl auftritt. Tritt dagegen Kopf und Zahl auf, so erhält derSpieler 2 den konstanten Betrag von 4 € (vgl. Tab. 9-8b).Gehen wir nun über das hier als Glücksspiel formulierte Spiel hinaus und interpretieren die Spielsituationals Konfliktsituation, in der nicht der Zufall bestimmt, sondern in der zwei Spieler ihre Strategien wählenkönnen. Erst bei einer solchen Wahlmöglichkeit kann man letztlich von Strategien und Nash-Gleichgewichten sprechen. Von den jeweiligen Strategien der Spieler hängt es ab, wer an wen etwas be-zahlen muss bzw. wie ein „fester Kuchen“ zwischen ihnen aufgeteilt wird. Nullsummenspiele können auchals Spezialfall der Konstantsummenspiele verstanden werden. Konstantsummenspiele müssen kein Nash-Gleichgewicht haben, sie können aber eines haben. Ein Beispiel für ein Nullsummenspiel mit Nash-Gleichgewicht ist das folgende Spiel: Zwei Spieler müssen sich für eine von zwei Farben, blau oder weiß,entscheiden, ohne die Entscheidung des jeweils anderen Spielers zu kennen. Sie kennen aber die Auszah-lungen: Wählen beide Spieler blau, muss Spieler 2 an Spieler 1 einen Betrag von 2 € bezahlen. Wählenbeide Spieler weiß, muss Spieler 1 bezahlen. Wählt der eine blau und der andere weiß, erhalten beideSpieler nichts (vgl. Tab. 9-8c). Analog lässt sich ein Konstantsummenspiel konstruieren, bei dem ein festerBetrag zu verteilen ist (vgl. Tab. 9-8d).Das Verhalten eigennütziger Akteure bei Null- und Konstantsummenspielen lässt sich mit Hilfe des Exter-nalitätenkonzepts erklären. Da der Nutzen des einen der Schaden bzw. der Nicht-Nutzen des anderen ist,versucht jeder Spieler möglichst viele Kosten zu externalisieren und dem anderen aufzubürden. Dies ent-spricht der Maximin-Regel (vgl. Punkt 7.6.4), die ebenfalls zum Nash-Gleichgewicht führt, wenn ein sol-ches existiert. 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 557 KoordinationsspieleDie klassischen Koordinationsspiele (pure common interest games) sind dadurch gekennzeichnet, dasses zwei Nash-Gleichgewichte gibt. Beide Nash-Gleichgewichte stellen gegenüber den Nicht-Gleich-gewichtslösungen eine Pareto-Verbesserung dar. Die Spieler sind also daran interessiert, die für sie beideoptimale Strategiekombination zu erreichen. Kommunikation wäre hierfür hilfreich und gleichzeitigglaubwürdig, da eine strategische Informationsverfälschung nicht zu erwarten ist. Falls vorherige Abspra-chen nicht möglich sind, ist aufgrund der Tatsache, dass es zwei Nash-Gleichgewichte gibt, allerdings un-gewiss, ob die Spieler überhaupt zu einer Gleichgewichtslösung finden. Bei den Koordinationsspielen sinddrei unterschiedliche Situationen zu unterscheiden: einfache Koordinationsspiele, reine Koordinations-spiele und Assurance-Spiele. Tab. 9-9 verdeutlicht die jeweilige Struktur.Als Beispiel für einfache Koordinationsspiele (coordination games) kann man sich zwei Geschäftspart-ner vorstellen, die bei einem Essen wichtige Gespräche führen wollen. Sie haben die Wahl zwischen Lo-kal A und Lokal B. Keiner der Geschäftsleute hat eine Präferenz für das eine oder das andere Lokal. Sie ha-ben nicht die Möglichkeit, sich vorher zu verabreden. Wenn sie sich in einem Lokal treffen, haben beideeinen Nutzen von 2. Wenn sie sich nicht treffen, ergibt sich ein Nutzen von Null. Wenn keiner der beidenGeschäftsleute einen Hinweis darauf hat, wohin der andere geht, gehen beide nach dem Kriterium des unzureichenden Grundes (vgl. Punkt 7.6.4) davon aus, dass der andere mit einer Wahrscheinlichkeit von50% zu Lokal A oder B geht. Die erwartete Auszahlung für jede Strategie ist demzufolge 1. Empfehlungenzur Strategiewahl können nicht gegeben werden und der Spielausgang ist ungewiss, obwohl die Wahl des-selben Lokals eindeutig pareto-dominant ist. Bei Koordinationsspielen reicht die Möglichkeit zur Kommu-nikation in Form von Cheap Talk aus, um eine pareto-effiziente Lösung zu erreichen. In unserem Fall wäredas z.B. eine Nachricht von Spieler 1 an Spieler 2, dass er in Lokal A gehe. Tab. 9-9: Koordinationsspiele a) a) Einfaches Koordinationsspiel b) Reines KoordinationsspielSpieler 2:Lokal A Spieler 2:Lokal B Spieler 2:Lokal A Spieler 2:Lokal BSpieler 1:Lokal A 2 ; 2 0 ; 0 Spieler 1:Lokal A 3 ; 3 0 ; 0Spieler 1:Lokal B 0 ; 0 2 ; 2 Spieler 1:Lokal B 0 ; 0 2 ; 2 c) Assurance-Spiel (Stag-Hunt) d) Assurance-Spiel (öffentliches Gut)Spieler 2:Hirsch Spieler 2:Hase Spieler 2kooperiert Spieler 2defektiertSpieler 1:Hirsch 3 ; 3 0 ; 2 Spieler 1kooperiert 8 ; 8(17-9 ; 17-9) -9 ; 0(0-9 ; 0-0)Spieler 1:Hase 2 ; 0 2 ; 2 Spieler 1defektiert 0 ; -9(0-0 ; 0-9) 0 ; 0(0-0 ; 0-0)a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler fett gedruckt sind, stellen Nash-Gleichgewichte dar. Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler unterstrichensind, stellen risikodominante Gleichgewichte dar.Bei den reinen Koordinationsspielen (pure coordination games) kommt hinzu, dass eines der beidenNash-Gleichgewichte das andere Gleichgewicht pareto-dominiert. Aus diesem Grund bezeichnet man rei-ne Koordinationsspiele auch als Pareto-Koordinationsspiele. Das offensichtlich pareto-dominante Gleich-gewicht nennt man Focal Point. Das bedeutet, dass beiden Spielern die beste Strategie „ins Auge springt“und sie deshalb auch ohne vorherige Absprache diese Strategie wählen. Um in unserem Beispiel mit denzwei Geschäftspartnern zu bleiben, müsste die Geschichte wie folgt modifiziert werden: Beide haben wei- 558 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus terhin einen Nutzen von Null, wenn sie sich nicht treffen, und einen geschäftlichen Nutzen von 2, wenn siesich treffen. Darüber hinaus wissen aber beide, dass jeder aus dem gemeinsamen Essen in dem feinen ita-lienischen Restaurant A einen zusätzlichen Nutzen von 1 zieht, während das Essen in dem einfachen Lo-kal B keinen Zusatznutzen generiert. Es ist deshalb bei dem skizzierten Informationsstand auch ohne Vor-absprache zu erwarten, dass sie sich im feinen italienischen Restaurant treffen, das für sie den Focal Pointdarstellt.Eine weitere Form des Koordinationsspiels ist das sog. Assurance-Spiel, das auf eine Parabel des franzö-sischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) zurückgeht und deswegen auch als Stag-Hunt-Spiel bezeichnet wird. Die Parabel lautet wie folgt: Zwei Jäger können gemeinsam auf die Hirschjagd ge-hen. Diese dient als Analogie für soziale Kooperation, da ein Hirsch nur gemeinsam erlegt werden kann.Bei einer gemeinsamen Hirschjagd sind für jeden Auszahlungen von 3 zu erwarten. Wenn die beiden Jägerdagegen nicht kooperieren und einzeln auf Hasenjagd gehen, erwartet jeder für sich nur eine Auszahlungvon 2. Wenn allerdings einer auf die Hirschjagd und der andere auf die Hasenjagd geht, ergibt sich für denHirschjäger eine Auszahlung von Null und für den Hasenjäger eine Auszahlung von 2. Es gibt wieder zweiNash-Gleichgewichte, nämlich „Hirsch-Hirsch“ und „Hase-Hase“. Es existiert ein Focal Point, da das Gleich-gewicht „Hirsch-Hirsch“ das Gleichgewicht „Hase-Hase“ pareto-dominiert. Die Chancen, dass die beidenJäger zum pareto-optimalen Gleichgewicht „Hirsch-Hirsch“ kommen, sind jedoch geringer als beim reinenKoordinationsspiel. Dies liegt daran, dass Hirsch-Hirsch zwar den pareto-dominanten Focal Point dar-stellt, aber Hase-Hase risikodominant ist. Ohne Information bzgl. des Verhaltens des anderen Jägers liegtdie erwartete Auszahlung der Strategie „Hasenjagd“ nach dem Kriterium des unzureichenden Grundes bei2 (= 0,5 ∙ 2 + 0,5 ∙ 2). Die erwartete Auszahlung der Strategie „Hirschjagd“ liegt dagegen trotz größererStreuung nur bei 1,5 (= 0,5 ∙ 3 + 0,5 ∙ 0). Eine glaubhafte Zusicherung (assurance) von einem der beidenJäger, zur Hirschjagd zu gehen, würde die sozial effiziente Hirsch-Hirsch-Lösung ermöglichen. Eine derar-tige Lösung bezeichnet man als „self-enforcing“. Im Gegensatz zum Gefangenendilemma hat ja keiner derSpieler einen Anreiz zu defektieren, wenn er weiß, dass der andere kooperiert.Tab. 9-9d) beschreibt ein weiteres, von der Struktur her identisches Assurance-Spiel. Durch die veränder-ten Auszahlungen kann es aber als Analogie für ein öffentliches Gut betrachtet werden, welches aufgrundtechnischer Gegebenheiten nur durch die Kooperation beider Spieler bereitgestellt werden kann. Wennbeide kooperieren und einen Beitrag von 9 leisten, wird das Gut bereitgestellt, von dem beide einenNutzen von 17 haben. Wenn nur einer kooperiert, gelingt es nicht, das Gut bereitzustellen. Der kooperati-ve Spieler bringt dann vielmehr ergebnislos die Kosten in Höhe 9 auf. Ein Nutzen ergibt sich aber wederfür ihn noch den desertierenden Spieler. Auch hier wäre die pareto-effiziente Kooperationslösung „self-enforcing“. Wenn ein Spieler glaubhaft signalisieren kann, dass er kooperiert, dann hat der andere aucheinen Anreiz zu kooperieren. Gemischte MotivationsspieleUnter dem Begriff „gemischte Motivationsspiele“ (mixed motive games) wird eine Vielzahl unterschied-licher Spiele zusammengefasst, die eine Mischung aus Konflikt- und Koordinationsspielen sind. Die be-kanntesten von ihnen sind das bereits besprochene Gefangenendilemma sowie das Kampf-der-Geschlechter-Spiel und das Angsthasen-Spiel. Diesen Spielen ist Folgendes gemeinsam: Einerseits gibt es- so wie bei den Koordinationsspielen - ein Potenzial für Pareto-Verbesserungen, wenn die Spieler kom-munizieren und Informationen bzgl. ihrer Strategien austauschen könnten. Andererseits existiert keinekooperative Strategiekombination, die für alle Spieler die beste ist. Vielmehr bestehen - wie bei den Kon-fliktspielen - Interessenkonflikte und damit die Gefahr, dass eigennützige Spieler verfälschte Informatio-nen liefern, um ihren eigenen Vorteil auf Kosten des anderen durchzusetzen. Bei gemischten Motivations-spielen ist deshalb die Glaubwürdigkeit der gelieferten Information das zentrale Thema. Da in nicht-kooperativen Spielen keine glaubhaften und bindenden Absprachen getroffen werden können, werdenpareto-optimale Lösungen von eigennützigen Spielern i.d.R. nicht erreicht. Am deutlichsten hat man dies 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 559 beim Gefangenendilemma gesehen, bei dem das dominante Strategiengleichgewicht die pareto-inferioreLösung darstellt (vgl. Tab. 9-3). Die Problematik gemischter Motivationsspiele tritt aber bspw. auch beimKampf-der-Geschlechter-Spiel und beim Angsthasen-Spiel auf. Tab. 9-10 verdeutlicht die Grundstrukturdieser beiden noch nicht besprochenen Spiele. Tab. 9-10: Gemischte Motivationsspiele a) a) Kampf-der-Geschlechter-Spiel b) Angsthasen-SpielSpieler 2:Actionfilm Spieler 2:Liebesfilm Spieler 2weicht Spieler 2weicht nichtSpieler 1:Actionfilm 3 ; 2 1 ; 1 Spieler 1weicht 0 ; 0 -1 ; 1Spieler 1:Liebesfilm 0 ; 0 2 ; 3 Spieler 1weicht nicht 1 ; -1 -100 ; -100a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler fett gedruckt sind, stellen Nash-Gleichgewichte dar.Die namensgebende Geschichte zum Kampf-der-Geschlechter-Spiel (battle-of-sexes game) lautet wiefolgt: Eine Frau (Spieler 1) möchte abends im Kino den neuesten Actionfilm sehen. Ihr Mann (Spieler 2)zieht dagegen einen Liebesfilm vor, der in einem anderen Kino gezeigt wird. Beide möchten aber am liebs-ten gemeinsam einen Film anschauen. Sie sind beide getrennt in der Stadt unterwegs und haben annah-megemäß keinerlei Kommunikationsmöglichkeit. Wir befinden uns also gedanklich in einer Zeit vor derErfindung von Mobilfunktelefonen. Beide kennen die Vorlieben des jeweils anderen, so wie sie in der Aus-zahlungsmatrix in Tab. 9-10 ihren Niederschlag finden. Nun stellt sich die Frage, wie sich die beiden ver-halten. Das Spiel hat Ähnlichkeit mit dem einfachen Koordinationsspiel von Tab. 9-9. Auch hier ist es dasgemeinsame Interesse der beiden Spieler, nicht an getrennten Örtlichkeiten zu landen. Allerdings habensie jetzt unterschiedliche Präferenzen. Ohne Kommunikation beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass sichbeide im gleichen Kino treffen, nur 50%. Die Erfolgswahrscheinlichkeit für einen gemeinsamen Kinoabendkann aber gesteigert werden, wenn die Möglichkeit zu Cheap Talk besteht oder wenn es einen traditionellbedingten Focal Point gibt. Letzteres könnte bedeuten, dass es zu den Umgangsformen des Paares gehört,dass der Mann eher den Wünschen der Frau folgt. Wenn dies Bestandteil des gemeinsamen Wissens ist,treffen sich die beiden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in dem Kino, in dem der Actionfilm gezeigtwird.Die Geschichte zum Angsthasen-Spiel (chicken game), das in biologischen Zusammenhängen zur Erklä-rung von Tierverhalten auch oft als Hawk-Dove-Spiel bezeichnet wird, bezieht sich auf eine Mutprobezwischen zwei halbstarken Jugendlichen. Um zu bestimmen, wer als Mutigster der Anführer der Gruppesein soll, fahren sie in ihren Autos mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zu. Weicht keiner aus, sind bei-de tot (-100 ; -100). Weichen beide aus, bleibt die Mutprobe unentschieden (0 ; 0). Wenn einer ausweichtund der andere nicht, gilt der eine als Angsthase (chicken) und muss einen Reputationsverlust von -1 hin-nehmen. Der andere gewinnt 1 an Reputation und wird Anführer. Das beidseitige Nicht-Ausweichen undSich-Umbringen, das man als Nicht-Kooperation interpretieren kann, wird von allen anderen Strategie-kombinationen pareto-dominiert. Zwei der pareto-effizienteren Lösungen sind zudem Nash-Gleichgewichte. Es ist dennoch ungewiss, ob die Spieler zu einer Lösung kommen, die „das Schlimmste“verhindert.Auch dieses Spiel kann als Analogie für eine ökonomische Situation interpretiert werden, bei der es umexterne Effekte geht. Dazu ist die Geschichte wie folgt zu modifizieren: Durch die Kombination der wirt-schaftlichen Aktivitäten zweier Akteure entsteht ein sehr hoher Umweltschaden, der für beide im Saldo zunegativen Auszahlungen von jeweils 100 führt. Wenn beide kooperieren und auf ihre jeweiligen Aktivitä-ten verzichten, könnte der Schaden vollständig vermieden werden. Wenn einer kooperiert und der andere 560 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus nicht, entsteht ein geringer Umweltschaden von -1. Dieser stellt die Auszahlung des kooperierenden Ak-teurs dar. Der defektierende Akteur erhält dagegen eine Auszahlung von 1, weil seine fortgesetzte wirt-schaftliche Aktivität den kleinen Schaden überkompensiert.Im Gegensatz zum Assurance-Spiel ist die Ankündigung, zu kooperieren, beim Angsthasen-Spiel nichtglaubwürdig, wenn man es mit eigennützigen Spielern zu tun hat. Das heißt, die Kooperationslösung istnicht „self-enforcing“. Im Gegenteil, jeder Akteur hätte einen Anreiz, die Information strategisch zu verfäl-schen und zu defektieren, wenn er annimmt, dass der andere kooperiert. Die Lösung des Problems liegt ineiner vertrauenswürdigen Kommunikation. „Vertrauenswürdig“ bedeutet hier einerseits eine einseitigglaubwürdige Drohung, nicht zu kooperieren. In unserer Geschichte könnte dies bedeuten, dass einer derbeiden Spieler vor Beginn des „Spiels“ sein Lenkrad offensichtlich so manipuliert, dass er nur noch gerade-aus fahren und nicht mehr ausweichen kann. Die Spieler würden dann in einem der beiden Nash-Gleichgewichte landen. Andererseits meint die Lösung durch vertrauenswürdige Kommunikation aberauch die beidseitig glaubwürdige Zusage, zu kooperieren und damit sowohl „das Schlimmste“ als auch diebeiden Nash-Gleichgewichte zu vermeiden.Um einen Überblick über die charakteristischen Unterschiede der wichtigsten Spiele zu erhalten, sind inAbb. 9-6 vier ausgewählte Spiele grafisch dargestellt. Abb. 9-6: Die charakteristischen Unterschiede der wichtigsten Spiele 1 2 3 4 4321 Nash-GleichgewichtStrategiekombination d) Angsthasen-Spiel (vgl. Tab. 9-10b)c)Kampf-der-Geschlechter-Spiel (vgl. Tab. 9-10a) b) Assurance-Spiel (vgl. Tab. 9-9c) -1-1 1 2 3 4 4321 NutzenSpieler 11 2 3 4 4321 a) Konstantsummenspiel (vgl. Tab. 9-8d)Nutzen Spieler 2 -100 1 Nutzen Spieler 2 Nutzen Spieler 2 Nutzen Spieler 2 NutzenSpieler 1 NutzenSpieler 1 NutzenSpieler 1 1 -100 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 561 Spiele der experimentellen ÖkonomikDas tatsächliche Entscheidungsverhalten von Menschen und insbesondere kooperative und prosozialeVerhaltensmuster wurden in den letzten vier Jahrzehnten insbesondere im Rahmen der sog. experimen-tellen Wirtschaftsforschung (experimental economics) untersucht. Im Rahmen der experimentellen Ökonomik werden Spiele mit freiwilligen Teilnehmern unter kontrollierten Laborbedingungen durchge-führt, dokumentiert und analysiert. Um die tatsächlichen Präferenzen aufzudecken, wird dabei darauf ge-achtet, dass es für die Spieler - gemessen an ihrer Einkommenssituation - um Auszahlungsbeträge in einerrelevanten Höhe geht.Die zwei wichtigsten Spiele, die neben verschiedenen Modifikationen des Gefangenendilemmas in der ex-perimentellen Ökonomik zur Anwendung kommen, sind das Ultimatum-Spiel und das Vertrauens-Spiel.Das Ultimatum-Spiel (ultimatum game) in seiner Urform ist sehr einfach. Es handelt sich um ein sequen-zielles Spiel, das nur einmal gespielt wird. Die Spielbehörde stellt einen Betrag von bspw. 100 € zur Verfü-gung. Spieler 1 entscheidet, wie die Summe aufgeteilt werden soll. Spieler 2 kann den auf ihn entfallendenBetrag annehmen oder ablehnen. Wenn er annimmt, dürfen beide Spieler ihre Anteile behalten. Wenn derzweite Spieler seinen Anteil ablehnt, nimmt die Spielbehörde das gesamte Geld zurück. Welches Spieler-gebnis ist aus Sicht der axiomatischen Spieltheorie zu erwarten? Man braucht nicht ausführlich auf dasKonzept der Rückwärtsinduktion und des teilspielperfekten Nash-Gleichgewichts (subgame perfect nash-equilibrium) einzugehen, dessen Beschreibung der spieltheoretischen Spezialliteratur überlassen bleibenmuss, um den Spielausgang vorherzusagen: Bei Annahme vollkommen rationaler und ausschließlich ge-winnmaximierender Spieler bekommt der zweite Spieler den kleinstmöglichen Betrag zugeteilt, also einenCent. Warum? Er nimmt jeden Betrag an, der größer als Null ist, da er bei diesem nur einmal gespieltenSpiel sonst seinen Gewinn auf Null reduzieren und noch schlechter dastehen würde. Da der erste Spielerdies antizipiert, bietet er dem zweiten Spieler den kleinstmöglichen Betrag an.Eine Vielzahl von Laborexperimenten mit dem Ultimatum-Spiel konnten diese Vorhersagen der axiomati-schen Spieltheorie nicht bestätigen. Viele Menschen in der Position des Spielers 1 boten dem zweiten Spie-ler deutlich mehr an als den kleinstmöglichen Betrag. Viele Menschen in der Position des Spielers 2 wie-sen zudem ihren Anteil zurück, wenn er relativ klein war. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dassnur Angebote, die dem zweiten Spieler mindestens zwischen 40% und 50% zukommen ließen, erfolgreichwaren. Diese Ergebnisse werden i.d.R. dahingehend interpretiert, dass das enge Modell des ausschließlich gewinnorientierten homo oeconomicus in vielen Situationen nicht das richtige Modell für dasmenschliche Entscheidungsverhalten darstellt. Vielmehr haben Menschen möglicherweise Präferenzenfür ein als fair und gerecht empfundenes Verhalten. Als internalisierte Norm führt dies einerseits dazu,dass Spieler in der Position 1 deutlich mehr als einen Cent anbieten. Andererseits führt es dazu, dass Spie-ler in der Position 2 als zu gering empfundene Anteile zurückweisen. Letzteres bedeutet, dass sie ein Ver-halten sanktionieren, das sie als Bruch der Fairness empfinden, sogar wenn dies für sie mit Kosten ver-bunden ist. Wird dieses Verhalten wiederum von den Spielern in der Position 1 antizipiert, haben dieseeinen zusätzlichen Anreiz, ein höheres Angebot zu machen, da sie dadurch die Wahrscheinlichkeit eineseigenen positiven Gewinns erhöhen.Eine spezielle Variante des Ultimatum-Spiels ist das Diktatorspiel. Auch bei Diktatorspielen sind zweiSpieler beteiligt, von denen aber einer der sog. Diktator ist und einseitig entscheiden kann, wie ein be-stimmter Geldbetrag zwischen den beiden Spielern aufgeteilt wird. Der zweite Spieler nimmt eine passiveRolle ein. Entgegen vordergründigen Erwartungen behalten die „Diktatoren“ nicht immer den gesamtenGeldbetrag für sich, sondern geben häufig einen Teil an den zweiten Spieler ab.Das sog. Vertrauens-Spiel (trust game) ist von seiner Struktur her ebenfalls einfach zu durchschauen: DieSpielbehörde stellt Spieler 1 bspw. 100 € zur Verfügung, die dieser behalten oder ganz oder teilweise anSpieler 2 weiterreichen kann. Der weitergereichte Betrag wird von der Spielbehörde bspw. vervierfacht.Im Maximalfall erhält Spieler 2 also einen Betrag von 400 €. Er kann den erhaltenen Betrag komplett 562 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus behalten oder Spieler 1 wieder einen Teil davon abgeben. Die Entscheidung von Spieler 2 ist der letzte Zugdieses einmal durchgeführten Spiels. Kooperatives Verhalten von Seiten des Spielers 1, d.h. das Weiter-reichen eines Betrags an Spieler 2, würde sich lohnen in dem Sinne, dass dadurch eine Kaldor-Hicks-Verbesserung erzielt wird. Aus Sicht des Spielers 1 ist allerdings nicht sicher, ob daraus auch eine Pareto-Verbesserung resultiert, die ihn im Vergleich zur Nicht-Kooperation besser stellt. Im Gegenteil, wenn derzweite Spieler defektiert und nichts zurückgibt, reduziert sich der Gewinn von Spieler 1 um den weiterge-gebenen Betrag. Aus Sicht der axiomatischen Spieltheorie wäre zu erwarten, dass Spieler 1 nichts weiter-gibt, da er antizipiert, dass Spieler 2, der als letzter am Zug ist, eigennützig handelt und nichts zurückgibt.Als Gleichgewicht ergibt sich demnach die sozial ineffiziente Situation, in der Spieler 1 einen Betrag von100 € hat und Spieler 2 nichts abbekommt. Durch Kooperation und Vertrauen könnten die beiden Spieleraber bspw. ein Ergebnis von jeweils 200 € erzielen.Die bereits beim Ultimatum-Spiel geschilderten Abweichungen von den Vorhersagen der axiomatischenSpieltheorie haben sich auch bei den Laborexperimenten mit dem Vertrauens-Spiel bestätigt. Kurz zu-sammengefasst kann man sagen, dass in vielen Experimenten mit dem Vertrauenspiel Spieler in derSpielposition 1 umso erfolgreicher waren, je vertrauensvoller sie kooperiert und Geld weitergegebenhaben. Bei weitergegebenen Anteilen von 50% und mehr ergab sich i.d.R. ein positiver Kooperationser-trag für Spieler in der Position 1. Das heißt, dass sie mehr zurückerhielten als sie ursprünglich weitergegeben hatten. Bei weitergegebenen Anteilen von deutlich unter 50% sind die Kooperationserträgedagegen i.d.R. negativ.Noch deutlicher in Richtung Kooperation zeigen die Ergebnisse von Experimenten mit wiederholten Spielen (z.B. wiederholtes Gefangenendilemma). Hier zeichnete sich sowohl in Laborexperimenten alsauch in Computersimulationen die sog. Tit-for-tat-Strategie als besonders erfolgreich aus. Die Tit-for-tat- Strategie („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) lässt sich durch vier Aspekte charakterisieren. Der ersteAspekt kommt in der Übersetzung nicht zum Ausdruck und bezieht sich darauf, dass es sich grundsätzlichum eine Strategie der (1) „Nettigkeit“ handelt. Dies bedeutet, dass man im ersten Zug kooperiert (nett ist).Man lässt sich allerdings nicht beliebig ausbeuten, sondern handelt in den Folgezügen des wiederholtenSpieles genau so wie der Gegenspieler beim letzten Zug. Diese unveränderte Antwortstrategie fasst manunter (2) „Klarheit“ und (3) „Provozierbarkeit“ zusammen. Immer, wenn der Gegenspieler kooperiert hat,kooperiert man. Aber immer, wenn er defektiert hat, defektiert man zur Vergeltung ebenfalls. Dies impli-ziert bereits den Aspekt der (4) „Nachsichtigkeit“. Man ist nicht nachtragend. Unabhängig von der Spielge-schichte in der Vergangenheit antwortet man mit kooperieren, sobald der Gegenspieler im vorhergehen-den Spielzug kooperiert hat. Fazit: Das zentrale Ergebnis der experimentellen Ökonomik lässt sich wie folgt zusammenfassen: In einerVielzahl von Experimenten, die mit unterschiedlichen Spielern in verschiedenen Ländern durchgeführtwurden, entsprachen die gewählten Strategien nicht den sozial ineffizienten Nash-Gleichgewichten, diesich gemäß den Vorhersagen der axiomatischen Spieltheorie hätten ergeben müssen. So kooperieren vie-le, i.d.R. aber nicht alle Spieler, obwohl individuell-rational handelnde Egoisten defektieren müssten. Eineweitere wichtige Erkenntnis ist, dass die Spielergebnisse nicht nur von der Spielstruktur selbst, sondernauch von der Art und Weise abhängen, wie das Entscheidungsproblem präsentiert wird. Dies bezeichnetman auch als „Framing-Effekt“. 9.2.6 Das rekonstruierende Verstehen der Präferenzen sozialer Akteure a) Grundsätzliche Motivationsquellen menschlichen HandelnsNicht nur die Ergebnisse von Laborexperimenten, sondern auch viele Beispiele aus dem täglichenLeben zeigen, dass Menschen sich in einer Vielzahl von Situationen nicht entsprechend dem engen 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 563 Modell des eigennützig-rationalen homo oeconomicus verhalten. Einerseits brechen sie gelegentlichzum eigenen Vorteil bestehende Gesetze und Vorschriften. Dies verursacht in aller Regel externeKosten. Ein Beispiel aus dem landwirtschaftlichen Bereich wäre die Nichteinhaltung einer vorge-schriebenen Wartezeit nach dem Einsatz von Pestiziden im Gemüseanbau. Andererseits handeln vieleMenschen aus eigenem Antrieb in gewissen Situationen auch prosozial und altruistisch. Man könnteauch sagen, sie vermeiden negative Externalitäten und stellen positive Externalitäten bereit. So ent-sorgen Menschen bspw. nach dem Picknick im Park ihren Müll ordnungsgemäß, selbst wenn sie nichtbeobachtet werden. Sie spenden auch ohne finanzielle Gegenleistung Blut. Sie unterstützen gemein-nützige Organisationen finanziell oder arbeiten selbst ehrenamtlich in Altersheimen, Hospizen undMenschenrechts- und Umweltschutzorganisationen. Sie zahlen als Verbraucher einen höheren Preisfür fair gehandelte Produkte, um den Produzenten in Drittweltländern eine gerechte Entlohnung zu-kommen zu lassen. Sie demonstrieren - in manchen Ländern unter Lebensgefahr - für eine bessereGesellschaft etc. Alle diese Verhaltensweisen lassen sich mit dem Überbegriff prosoziales Verhalten(prosocial behaviour) zusammenfassen.Die Ergebnisse der experimentellen Ökonomik - im Einklang mit den Beobachtungen aus dem täglichenLeben - widersprechen der Annahme, dass alle Menschen ausschließlich eigennützige Ziele verfolgen. Dasheißt, Menschen scheinen weder komplett eigennützig noch komplett altruistisch zu sein. Sie vermeidenes vielfach, Kosten zu externalisieren, und tragen zur Erzeugung positiver externer Effekte bei, auch wenndas bei den geltenden Spielregeln für eigennützige Spieler nicht rational ist. Bei Unternehmern sieht mandiesen altruistischen Motivationsanteil als Bestandteil von CSR an.Menschen haben in aller Regel eine mehrdimensionale Zielsetzung (vgl. auch Abschnitt 2.2), d.h. sie habenneben Gewinn und Sicherheit ein umfangreiches Bündel weiterer Ziele. Der Grad der Zielerreichung beiden verschiedenen Zielen bestimmt den Nutzen von Handlungsalternativen und damit die Präferenzord-nung des Individuums. Man kann deshalb die von den Akteuren für bestimmte Handlungen erwarteten Zielerreichungsgrade auch als Anreize (incentives) verstehen, die sich in der jeweiligen Situation ausden eigenen Handlungen und den vorgegebenen institutionellen Regelungen ergeben. Die mehrdimensio-nale Zielstruktur des Individuums und das Bestreben, eine bestmögliche (nutzenmaximierende) Zielerrei-chung zu erlangen, wird vielfach einfach unter dem Begriff „Motivation“ subsumiert.Zur Charakterisierung verschiedener Motivationsquellen werden häufig die Begriffspaare „materi-ell/immateriell“, „extrinsisch/intrinsisch“ und „egoistisch/altruistisch“ herangezogen. Tab. 9-11 zeigt dieBedeutung und den Zusammenhang dieser drei Begriffspaare. Tab. 9-11: Motivationsquellen menschlichen HandelnsMateriell ImmateriellExtrinsisch Egoistische Ziele, wie z.B. Einkommen undFreizeit oder der „Fahrspaß“ auf dem Mäh-drescher und im großen Geschäftswagen Egoistische Ziele, wie z.B. Ruhm und sozialeAnerkennung oder die Vermeidung sozialerGeringschätzung und ExklusionIntrinsisch – Egoistische Ziele, wie z.B. Selbstbestätigungoder die Vermeidung von Schuldgefühlen;Altruistische Ziele, wie z.B. das Wohl-ergehen andererExtrinsische Motivation bedeutet, dass es einen von außen kommenden Anreiz gibt, sich in einer be-stimmten Art und Weise zu verhalten. Beispielsweise stellt das Einkommen des Einzelnen einemateriellextrinsische Motivationsquelle dar. Es ist zu beachten, dass nicht alle materiell-extrinsischen Anreizemonetärer Natur sind. Zu den materiell-extrinsischen Anreizen lässt sich bspw. auch der Fahrspaß aufdem Mähdrescher oder im Geschäftswagen rechnen, der möglicherweise außerhalb wirtschaftlicher Über-legungen dazu beiträgt, dass manche Unternehmer eine teurere Maschine kaufen. Bei immateriell- 564 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus extrinsischen Motivationsquellen geht es um Ziele, wie z.B. das Streben nach Ruhm und sozialer Aner-kennung. Umgekehrt geht es aber auch um die Vermeidung sozialer Geringschätzung und Ausgrenzung(Exklusion), die mit bestimmten Handlungsweisen verbunden sein können.Das Gegenteil einer extrinsischen ist eine intrinsische Motivation. Intrinsisch bedeutet, dass man etwasohne einen äußeren Anreiz - sei er materieller oder immaterieller Natur - aus dem eigenen inneren An-trieb heraus macht. Intrinsische Motivation stellt damit aus Sicht des einzelnen Individuums immer ei-nen immateriellen Anreiz dar. Immateriell-intrinsische Motivationsquellen und das daraus resultie-rende Verhalten können aber durchaus materielle Konsequenzen für andere haben. Sozial verantwortli-ches Unternehmerverhalten im Rahmen von CSR ist bspw. ein Ergebnis intrinsischer Motivation, wennes nicht von außen durch sozialen Druck oder eine entsprechende Verbrauchernachfrage und erwarteteVorteile am Markt induziert wird.Eine der wichtigsten Forschungsfragen der experimentellen Ökonomie besteht darin, herauszufinden, durch welche Anreize kooperatives (prosoziales) Verhalten hervorgerufen wird. Prosoziales Ver-halten meint - kurz gesagt - ein Verhalten, das anderen hilft und dazu führt, dass ihr Nutzen gesteigertwird. Die Gründe für prosoziales Verhalten lassen sich aus Tab. 9-11 ableiten und in fünf Gruppen ein-teilen:1. Der Nutzen des jeweiligen Individuums wird direkt durch Handlungen gesteigert, die zu einer Verbes-serung der Lage von anderen führen. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich eine intrinsisch-altruistische und eine intrinsisch-egoistische Motivation unterschieden: Intrinsisch-altruistisch be-deutet, dass das Individuum ein Zielbündel verfolgt, das genuin altruistische Ziele (altruistic goals) be-inhaltet, und deshalb tatsächlich am Wohlergehen anderer interessiert ist. Intrinsisch-egoistischkönnte dagegen bedeuten, dass jemand - ohne sich wirklich für das Wohlergehen anderer zu interes-sieren - für einen guten Zweck spendet, weil er sich selber gern als wohltätigen Menschen sieht. Indiesem Fall hängt der mit einer prosozialen Handlung verbundene Nutzen neben der eigentlichenZielerreichung bei anderen davon ab, ob die Handlung zum Selbstbild (self identity) des jeweiligenAkteurs passt und zu einer positiven Selbstbestätigung führt. Es geht also darum, wie sehr das Indivi-duum mit dem, was es tut, „im Reinen ist“. Das Problem dieser Unterscheidung ist, dass sie nicht in al-len Fällen trennscharf ist. Letztlich ließen sich durch Rückgriff auf das Selbstbild alle altruistischenHandlungen im Kern als egoistisch verstehen.2. Der Nutzen einer Handlung wird u.a. davon bestimmt, welche soziale Anerkennung (social reputati-on) dem Akteur aus verschiedenen Handlungsweisen erwächst. Mit anderen Worten: Das Zielbündeldes Individuums beinhaltet neben extrinsisch-materiellen auch extrinsisch-immaterielle Ziele, z.B. inForm des Strebens nach sozialer Anerkennung für prosoziales Verhalten.3. Der mit einer bestimmten Handlung verbundene Nutzen hängt nicht nur vom Ergebnis ab, sondernauch davon, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auchvon prozeduralem Nutzen (procedural utility) und prozeduraler Gerechtigkeit. Dabei wird der Reziprozität (reciprocity) große Bedeutung zugemessen: Erfährt man von anderen eine wohlwollendeAktion, hat man einen Anreiz, freundlich zu antworten, auch wenn das etwas kostet. Allerdings kannes auch im umgekehrten Fall zu reziprokem Verhalten kommen. Man erzielt dann eine Nutzensteige-rung durch eine kostenträchtige Vergeltungsmaßnahme.4. Individuen erkennen, dass bestimmte Gleichgewichtslösungen, die sich bei eigennützigen Spielernergeben würden, soziale Dilemmata darstellen. Insbesondere in wiederholten Spielen findet mandeshalb kooperative Verhaltensweisen. Anders gesagt: Prosoziales Verhalten kann auch dann ent-stehen, wenn man aus „wohlverstandenem materiellem Eigennutz“ nach einer Strategie oder ei-ner sozialen Regelung sucht, die eine Pareto-Verbesserung ermöglicht, die alle Beteiligten besserstellt. 9.2 Individuelle versus kollektive Rationalität 565 b) Empirische Analyse von AnreizsituationenDurch die bisherigen Ausführungen ist deutlich geworden, dass die Spieltheorie und die experimentelleÖkonomik grundsätzliche Erklärungsansätze für das empirisch zu beobachtende Verhalten von Wirt-schaftssubjekten liefern können. Dies gilt für ganz entgegengesetzt gerichtete Verhaltensweisen. Man ver-steht einerseits, dass es eigennützige Nutzenmaximierer gibt, die Kosten externalisieren und z.B. ihrenPicknick-Müll im Park liegen lassen und bei entsprechenden Spielexperimenten defektieren. Andererseitsversteht man auch, dass es Akteure mit einer Mischung aus eigennütziger und altruistischer Motivationgibt, die freiwillig positive externe Effekte bereitstellen und z.B. ehrenamtlich an der Parkreinigung teil-nehmen und bei entsprechenden Spielen kooperieren. Dieses Verstehen beschränkt sich allerdings zu-nächst auf eine ex post Erklärung beobachteter Phänomene.Eine nachgelagerte Erklärung der Tatsache, dass man im täglichen Leben und im Labor sowohl eigennüt-zig-opportunistisches als auch prosoziales Verhalten beobachten kann, reicht jedoch für einen zukunfts-gerichteten Abbau von sozial ineffizienten Verhaltensweisen nicht aus. Dies erfordert vielmehr eine exante Analyse, die Auskunft darüber gibt, mit welcher Art von Akteuren man es in den jeweils betrachtetenSituationen zu tun hat. Für den gedachten, dem Gemeinwohl verpflichteten Akteur geht es ja letztlich imRahmen des optimalen Mechanismusdesigns um die Frage, durch welche Änderung der institutionellenRegelungen das erwünschte sozial effiziente Ergebnis erzielt werden kann.Für ein möglichst optimales Mechanismusdesign muss man die Präferenzen der Spieler und damit dieNutzenauszahlungen kennen, die diese in verschiedenen Situationen erwarten. Dies ist angesichts derTatsache, dass man es mit heterogenen Akteuren zu tun hat, die komplexe und kontextabhängige Zielbün-del verfolgen, nicht trivial. Eine Möglichkeit der Komplexitätsreduktion besteht darin, a priori von einembestimmten Menschenbild (z.B. dem engen egoistisch-rationalen homo oeconomicus) auszugehen. Damitist allerdings das Problem verbunden, dass man möglicherweise ein optimales Mechanismusdesign fürAkteure entwickelt, die es gar nicht gibt. Solche „Lösungen“ können in der Realität kontraproduktiveErgebnisse hervorrufen und die Situation im Vergleich zu vorher sogar verschlechtern. Dies liegt daran,dass dieselben Sachverhalte und Maßnahmen bei Akteuren mit unterschiedlichen Präferenzen ganz un-terschiedliche Handlungsanreize entfalten können.Aus Sicht des dem Gemeinwohl verpflichteten Mechanismusdesigners stellt sich die Frage, in welchen Fällen welches Menschenbild eine geeignete Modellannahme darstellt. Möglicherweise ist in einemWettbewerbsumfeld das mit sparsamen Annahmen auskommende Menschenbild des traditionellen, alleinauf Eigennutz bedachten homo oeconomicus eine hilfreiche Modellannahme. Dieses Menschenbild kolli-diert allerdings mit der Annahme von CSR: Entweder stimmt das Menschenbild des traditionellen homooeconomicus, dann kann es keine CSR geben. Wenn es aber CSR gibt, dann muss das Menschenbild destraditionellen homo oeconomicus in Frage gestellt werden. Die Annahme von CSR impliziert ja gerade,dass auch Unternehmer, die im Wettbewerb stehen, zu einem gewissen Anteil nicht-eigennützige Zieleverfolgen - oder dass zumindest Verbraucher dies tun und somit über ihre spezifische Nachfrage einenAnreiz für CSR schaffen.Diese Ausführungen haben verdeutlicht, wie wichtig es ist, das bei den jeweiligen Fragestellungen verwen-dete Menschenbild kritisch zu hinterfragen und empirisch zu überprüfen. Tab. 9-12 systematisiert die ver-schiedenen Komponenten, aus denen sich die Nutzenauszahlung zusammensetzen kann, die ein bestimmterAkteur erwartet. Der dabei unterstellte Hintergrund ist ein rationaler und potenziell opportunistischer Ak-teur, der gegen bestehende Regelungen verstößt, wenn es sich für ihn im Lichte aller extrinsischen und in-trinsischen Anreize „lohnt“. Durch die Dekomposition der Nutzenauszahlung wird klar, welche Verhaltens-determinanten berücksichtigt werden müssen, um die Anreizsituation eines Spielers in einem bestimmten Kontext rekonstruierend verstehen zu können. Es ist zu beachten, dass es sich bei Tab. 9-12 umeinen theoretischen Analyserahmen handelt. Er zeigt zwar systematisch auf,wasman bei einer situationsbe-zogenen Analyse der Anreizsituation eines Akteurs grundsätzlich beachten muss. Der Analyserahmen kann 566 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus aber keine Interdependenzen aufzeigen, d.h. er kann nicht aufzeigen, wie diese Anreize zusammenhängenund durch welche Maßnahmen sie in welchemUmfang verändert werden können.Eine zu Tab. 9-12 passende Geschichte lautet wie folgt: Es gibt eine bestimmte Hygienevorschrift, deren Einhal-tung imVergleich zumRegelbruchMehrkosten von 190 (Zeile 1) und zusätzliches „Arbeitsleid“ imWert von 40(Zeile 4) verursacht. Ein Regelbruch wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aufgedeckt. Bei Aufdeckungerfolgt eine Sanktion, deren Erwartungswert 10 beträgt (Zeile 3). Der Unternehmer ist damit einer ökonomi-schen Versuchung von 220 ausgesetzt (Zeile 5). Dies könnte man als fehlgeleiteten ökonomischen Anreizbezeichnen. Der betrachtete Unternehmer hält die Vorschrift ein, wenn die Regelbefolgung im Gesamtergebniszu einemhöheren erwartetenNutzen für ihn führt.Wenn dies nicht der Fall ist, begeht er einen Regelbruch.Der Unternehmer begeht aber nicht sofort einen Regelbruch, wenn sich dies materiell lohnt. Er hat mögli-cherweise immaterielle Motivationsquellen extrinsischer und intrinsischer Art, die als sog. protektive Faktorenwirken und ihn vor einem Regelbruch schützen. Im Beispiel wird unterstellt, dass protektive ex-trinsische Faktoren existieren, die Nutzenauszahlungen in Höhe von 105 verursachen (Zeile 8), die zu-gunsten der Einhaltung der Vorschrift wirken. Die protektiven intrinsischen Faktoren belaufen sich aufeinen Wert von insgesamt 65 (Zeile 11) zugunsten der Regelbefolgung. In der Summe ergeben sich pro-tektive Faktoren im Wert von 170. Im Beispiel reichen diese protektiven Faktoren des Unternehmers je-doch nicht aus, den Unternehmer gegen die materielle Versuchung von 220 zu immunisieren. Tab. 9-12: Ein Analyserahmen für die Verhaltensdeterminanten wirtschaftlicher AkteureErwarteter Nutzenbei Regeleinhaltung Erwarteter Nutzenbei Regelbruch Saldo Materiell-extrinsische Motivationsquellen1 Kosten –200 –10 –1902 Erlöse +1 000 +1 000 03 Sanktionen 0 –10 +104 Arbeitsleid –100 –60 –40 5 Materiell-extrinsischer Nutzen +700 +920 –220 Immateriell-extrinsische Motivationsquellen6 Extrinsische soziale Entlohnung(z.B. soziale Anerkennung) +5 0 +57 Extrinsische soziale Kosten(z.B. soziale Ausgrenzung) 0 –100 +100 8 Immateriell-extrinsischer Nutzen +5 –100 +105 Immateriell-intrinsische Motivationsquellen9 Intrinsische psychologische Entlohnung(z.B. Selbstachtung) +5 0 +510 Intrinsische psychologische Kosten(z.B. Schuldgefühle) 0 –60 +60 11 Immateriell-intrinsischer Nutzen +5 –60 +65 12 Gesamter Nutzen +710 +760 –50 Für eine sinnvolle Interpretation von Tab. 9-12 sind mehrere Punkte zu beachten: (1) Der Unternehmertrifft seine Entscheidungen unter Risiko. Die in Tab. 9-12 beispielhaft dargestellten Werte sollen bereitsden Nutzen widerspiegeln, den der Unternehmer unter Berücksichtigung des Risikos für die beiden mög-lichen Verhaltensweisen erwartet. (2) Der Unternehmer ist möglicherweise begrenzt rational. Wennman ihn rekonstruierend verstehen und sein Verhalten beeinflussen will, muss man so gut wie möglichversuchen, seine Anreizsituation entsprechend seinen subjektiven Einschätzungen nachzuvollziehen. Die-se müssen nicht notwendigerweise die objektiven Sachverhalte widerspiegeln. (3) Der Unternehmer imBeispiel hat keine immateriellen Anreize, die Regel zu brechen. Er sieht sich als „ehrbares“ Mitglied derGesellschaft, deren Regeln er einhält, wenn die Versuchung sie zu brechen nicht zu groß ist. 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 567 Immaterielle Anreize, die in Richtung eines Regelbruchs wirken, müssen nicht immer gleich Null sein. Einimmaterieller Nutzen aus dem Regelbruch kann auch bei ehrbaren Mitgliedern einer bestimmten Berufs-gruppe entstehen, wenn es nach Regelverschärfungen oder einer Erhöhung der Kontrolldichte zu einemGefühl des „Gegängeltwerdens“ und in der Folge zu Reaktanz kommt. Reaktanz bedeutet, dass die Ein-schränkungen des eigenen Handlungsspielraums als illegitim wahrgenommen werden. In der Folgekommt es zu reaktantem Verhalten. Das heißt, der immaterielle Nutzen aus der verbotenen Handlung ge-winnt an Bedeutung und diese wird nun trotz oder gerade wegen des Verbots vorgenommen, um sich dieals legitim empfundenen Freiheiten zurückzuholen. Der Bruch einer Regel aus dem insgeheimen Gefühlheraus, „sich sein Recht trotz der von oben verordneten unsinnigen Regeln zu nehmen“, wäre so ein Fall.Die in Tab. 9-12 gewählten Auszahlungsbeträge sind rein didaktischer Natur. Sie geben einen Hinweis da-rauf, welche Handlungsanreize im Rahmen des Mechanismusdesigns grundsätzlich gestaltet wer-den können. Offensichtlich gibt es mit Blick auf den Abbau von sozial ineffizienten Lösungen ja nicht denrichtigen Mechanismus, sondern nur einen Mechanismus, der angesichts der Präferenzen der Akteurebessere oder schlechtere Aussicht hat, das erwünschte kollektiv-rationale Ergebnis herbeizuführen. Ange-sichts der Heterogenität der Akteure und der praktischen Unmöglichkeit, für jeden Akteur eine spezifischeRegelung festzulegen, wird dieser Mechanismus aber immer einen Kompromiss darstellen. Verstärkt wirddies durch die Schwierigkeit, die Präferenzen sozialer Akteure und insbesondere ihre erwarteten immate-riellen Nutzenkomponenten quantitativ zu fassen. Um hier Abhilfe zu schaffen, kann man zunächst aufökonomische Analysen für kleine, möglichst homogene Gruppen von Akteuren zurückgreifen. Dies ermög-licht eine risikobasierte Vorgehensweise und gibt erste Hinweise für ein geeignetes Mechanismusdesign:Ohne die Akteure genau zu kennen, ist anzunehmen, dass dort, wo die materielle Versuchung besondershoch ist, auch viele Akteure dazu neigen, Regeln zu brechen. 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 9.3.1 Externe Effekte, Gütereigenschaften und institutionelle RegelungenExterne Effekte werden i.d.R. mit den Gütereigenschaften „Ausschließbarkeit im Konsum“ (excludability)und „Rivalität im Konsum“ (subtractability) in Verbindung gebracht. Was hat es damit auf sich? „Ausschließbarkeit im Konsum“ bedeutet, dass man andere von der Nutzung eines Gutes ausschließenkann. Dies ist bei einem privaten Gut wie einem Sack Kartoffeln, den man für einen gewissen Preis gekaufthat, der Fall. In einem Rechtsstaat, der das Gewaltmonopol innehat und die Eigentumsordnung garantiert,liegt das alleinige Nutzungsrecht für diese Kartoffeln beim Eigentümer. Von der Nutzung der Meeresfisch-gründe kann bei den bestehenden internationalen Regelungen dagegen niemand ausgeschlossen werden.Nicht-Ausschließbarkeit im Konsum liegt auch bei der öffentlichen Sicherheit vor. „Rivalität im Konsum“ meint, dass ein Gut knapp ist in dem Sinne, dass sich seine Menge verringert,wenn es von einem Wirtschaftssubjekt genutzt wird. Dies ist bei allen klassischen privaten Gütern derFall. Man denke bspw. an den Sack Kartoffeln. Aber auch bei der gemeinsam zugänglichen Ressource„Fischgründe der Weltmeere“ besteht Rivalität im Konsum. Durch den industriellen Fischfang nehmen dieFischbestände ab. Im Gegensatz dazu besteht bei dem Gut „öffentliche Sicherheit“ keine Rivalität im Kon-sum. Die öffentliche Sicherheit verringert sich nicht durch die Nutzung.Abb. 9-7 beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Externalitätenproblem und den beiden Güter-eigenschaften. Dabei werden drei grundlegende Konstellationen unterschieden: (1) Die Ausschließbarkeitin Verbindung mit der Rivalität im Konsum, also der Fall privater Güter. (2) Die Nicht-Ausschließbarkeit inVerbindung mit der Rivalität im Konsum, also der Fall der sog. Gemeingüter. (3) Nicht-Ausschließbarkeitin Verbindung mit der Nicht-Rivalität im Konsum, also der Fall der sog. öffentlichen Güter.

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Zusammenfassung

Gemäß dem Motto „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ geht es im vorliegenden Lehrbuch darum, Studierenden und Praktikern beim Erwerb analytischer Fähigkeiten und einer problemlösungsorientierten Methodenkompetenz zu helfen.

Für die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere der Wettbewerbsdruck und das unternehmerische Risiko sind infolge der Liberalisierung der Agrarmärkte und des Klimawandels angestiegen. Hinzu kommen ein laufender Anpassungsdruck an veränderte Verbraucherwünsche, neue gesellschaftliche Anforderungen sowie eine zunehmende Verflechtung zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Das vorliegende Lehrbuch trägt diesen Entwicklungen durch die Fokussierung auf die praktische unternehmerische Entscheidungsunterstützung unter Risiko Rechnung.

Dieses Buch schafft zum einen das theoretisch-konzeptionelle Verständnis für die grundlegenden ökonomischen Strukturen der wichtigsten unternehmerischen Entscheidungsanlässe. Zum anderen vermittelt es das handwerkliche Können im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Analyse- und Planungsinstrumenten, über das Manager in einer unsicheren Unternehmensumwelt verfügen müssen, um erfolgreiche Entscheidungen fällen zu können.

Aus dem Inhalt:

• Grundlagen und Ziele unternehmerischen Entscheidens

• Kontrolle und Analyse

• Produktionstheorie

• Produktionsprogrammplanung

• Investitionsplanung und Finanzierung

• Querschnittsaufgabe Risikomanagement

• Bewertung und Taxation

• Corporate Social Responsibility

Über die Autoren:

Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich für Landwirtschaftliche Betriebslehre am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Norbert Hirschauer ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung im Agribusiness am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

(Logo Vahlens Online Materialien)

Für Dozenten steht auf der Website ein auf das Buch abgestimmter Foliensatz mit den Abbildungen und Tabellen des Buches zur Verfügung. Für Studierende sind Übungsaufgaben formuliert.