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8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung in:

Norbert Hirschauer, Oliver Mußhoff

Modernes Agrarmanagement, page 510 - 519

Betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsverfahren

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4743-9, ISBN online: 978-3-8006-4457-5, https://doi.org/10.15358/9783800644575_510

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502 8 Bewertung und Taxation 8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung 8.5.1 Bewertung kurzlebiger ProduktionsmittelUm zu zeigen, wie man bei der Bewertung kurzlebiger Produktionsmittel vorgeht, betrachten wir die fol-gende Situation: Aufgrund einer Kontamination kann Silomais, der in der Milchproduktion als Futtermitteleingesetzt werden sollte, nicht mehr genutzt werden. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass der ein-zige für die Milchproduktion relevante Inhaltsstoff des Maises die Nettoenergielaktation in Megajoule(MJ NEL) sei. Anstelle des Maises können zur Energielieferung in der Milchproduktion auch Zukauffutter-mittel eingesetzt werden. Alternativ zur Verwertung des Maises im Betrieb könnte der Landwirt ihn auchan den Betreiber einer Biogasanlage verkaufen. Der Mais ist gegen den eingetretenen Schadensfall versi-chert. Im Versicherungsvertrag ist annahmegemäß festgelegt, dass die von der Versicherung im Schadens-fall zu leistende Zahlung dem tatsächlichen wirtschaftlichen Wert des Maises entsprechen soll. Nun stelltsich die Frage, wie hoch die Zahlung für den Mais sein muss, damit der Schaden für den Landwirt voll-ständig kompensiert wird. Um diese Frage zu beantworten, bestimmen wir zunächst (1) den Verkaufs-wert, (2) den Ersatzwert und (3) den Ertragswert (vgl. Abb. 8-3) und wenden anschließend die in Glei-chung (8-1) formulierte Auswahlregel an. (1) VerkaufswertDer Verkaufswert ergibt sich aus der Möglichkeit, den Mais an den Betreiber einer nahegelegenen Bio-gasanlage zu verkaufen. Dies stellt annahmegemäß die einzige Verkaufsmöglichkeit dar. Die Bezugsgrößehierfür ist die organische Trockenmasse (TM). Der Verkaufswert beträgt 9,90 €/dt TMMais. (2) Ersatzwert(a) Da Silomais in der betrachteten Situation nicht zugekauft werden kann, lässt sich kein einfacher Zukaufswert spezifizieren. Man kann den Mais in der Milchproduktion aber durch einen geeignetenMix verschiedener Zukauffuttermittel substituieren. Der hieraus abzuleitende Ersatzwert ist der relative Zukaufswert, also der Geldbetrag, der für den Zukauf der wirkungsgleichen Menge an Zukauffut-termitteln aufzuwenden ist. Bezogen auf die Energie beträgt der Zukauffuttermittelpreis 0,021 €/MJNEL. Hieraus ergibt sich bei 660 MJ NEL/dt TM Mais ein relativer Zukaufswert von 13,86 €/dt TM Mais(= 660 ∙ 0,021).(b) Da Silomais kurzfristig nicht wiederhergestellt werden kann, gibt es auch keinen einfachen Ersatzkostenwert. Man kann den Mais aber durch den bereits geernteten Qualitätsroggen substituieren, der zueinem Preis von 20 €/dt am Markt verkauft werden könnte. Die dadurch entstehende Erlösminderungstellt einen relativen Ersatzkostenwert bzw. spezifischen Ersatzwert dar, der sowohl die variablen Her-stellungskosten der Roggenproduktion als auch die substitutionsbedingten Änderungen auf der Leis-tungsseite in Form der Opportunitätskosten (des entgangenen Deckungsbeitrags des Roggens) umfasst.20Da in einer dt Roggen 700 MJ NEL enthalten sind, ergibt sich ein relativer Ersatzkostenwert von18,86 €/dt TMMais (= 660/700 ∙ 20). 20 Wenn es sich - wie im hier vorliegenden Fall - bei den Opportunitätskosten allein um den entgangenenDeckungsbeitrag eines wirkungsgleichen und marktfähigen Ersatzgutes handelt, entspricht der spezifi-sche Ersatzwert dem Verkaufspreis des Substituts. Man könnte ihn in diesem Sonderfall auch als „rela-tiven Verkaufswert“ bezeichnen. Es kann aber auch zu Minder- oder Mehrleistungen an anderen Stellenim Betrieb kommen. 8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung 503 Der relative Zukaufswert ist im vorliegenden Fall der relevante Ersatzwert, da er niedriger als der relativeErsatzkostenwert ist. Mit anderen Worten: Ein rationaler Entscheider, der den Silomais ersetzen muss,würde nicht eine wirkungsgleiche Menge an wirtschaftseigenem Qualitätsroggen zum relativen Ersatzkos-tenwert von 18,86 €/dt TM ersetzten Mais einsetzen, sondern Zukauffuttermittel verwenden, die nur ei-nen relativen Zukaufswert von 13,86 €/dt TM ersetzten Mais haben. (3) ErtragswertIn der Milchproduktion werden - ebenso wie bspw. in der Schweine- oder Geflügelmast - Futtermittel zuhochwertigen Eiweißprodukten (Milch, Fleisch etc.) „veredelt“. Dementsprechend bezeichnet man den Er-tragswert eines Futtermittels als Veredlungswert. Genauer gesagt entspricht der Veredlungswert derMinderung des Ertragswertes, die entsteht, wenn die unternehmerische Anpassung an den Verlust desFuttermittels durch eine Reduzierung der Veredlungsproduktion erfolgt. Oftmals unterstellt man verein-fachend, dass die Folgen dieser Produktionsreduzierung auf eine Periode beschränkt bleiben. In diesemFall ist der Veredlungswert auf der Basis des auf das Futtermittel bezogenen Deckungsbeitrags der Vered-lungsproduktion zu berechnen.Im vorliegenden Fall ergibt sich die folgende Rechnung (Tab. 8-6): Eine Milchkuh mit einem jährlichenEnergieverbrauch von 17 000 MJ NEL aus Silomais erbringt eine Marktleistung von 2 900 €/Jahr. Diesist aber noch nicht der wirtschaftliche Schaden, der entsteht, wenn eine Energielieferung in Höhe von17 000 MJ NEL entfällt. Vielmehr können bei einer Produktionseinschränkung auch die neben dem Maisentstehenden variablen Kosten der Milchproduktion von annahmegemäß 1 000 € je Kuh eingespartwerden. Hierbei sind die Kosten für z.B. die wirtschaftseigene Grassilage nicht enthalten, da die Grassi-lage bereits erzeugt ist und ihre alternative Verwertung annahmegemäß einen Gewinnbeitrag von Nullliefert. Durch die nun mögliche alternative Nutzung der frei werdenden Produktionskapazitäten Arbeitund Stallplatz, die bisher für die Milchproduktion eingesetzt wurden, können zudem die Opportunitäts-kosten um 400 € je Kuh reduziert werden. Insgesamt ergibt sich bezogen auf den Energiebedarf je Kuh- und damit je 17 000 MJ NEL - ein Veredlungswert von 1 500 €. Dies entspricht einem Veredlungswertvon 58,24 €/dt TM Mais (= 660/17 000 ∙ 1 500). Tab. 8-6: Bestimmung des Veredlungswertes von Silomais in der MilchproduktionErlöse aus dem Verkauf von Milch 2 400 (= 8 000 kg Milch ∙ 0,30 €/kg)Erlöse aus dem Verkauf der Altkuh 200 (= 800 €/Kuh ∙ 0,25 Kühe/Jahr)Erlöse aus dem Verkauf der Kälber 300 Leistungen (€/Kuh und Jahr) 2 900Variable Kosten für Bestandsergänzung 300 (= 1 200 €/Färse ∙ 0,25 Färsen/Jahr)Variable Kosten für Zukauffutter 350Silomais – [ist zu bewerten]Sonstige variable Kosten (Energie, Tierarztetc.) 350 Variable Kosten (€/Kuh und Jahr) 1 000 Opportunitätskosten für Arbeit und Stall (€/Kuh und Jahr) 400Veredlungswert in €/Kuh und Jahr bzw.in €/17 000 MJ NEL Veredlungswert (€/dt TMMais) 1 500 58,24 (= 660/17 000 ∙ 1 500)Da der Veredlungswert dem Ertragswert entspricht, sieht man mit Hilfe von Gleichung (8-1) sofort, dassder Ersatzwert der relevanteWertansatz ist: 504 8 Bewertung und Taxation ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[9,90;min(13,86; 58,24)] = 13,86Dies bedeutet, dass der Landwirt die Milchproduktion nicht reduzieren, sondern in unverändertem Um-fang auf der Basis von Zukauffuttermitteln fortsetzen sollte. Die zu zahlende Entschädigung beläuft sichdamit auf 13,86 €/dt TM vernichteten Mais.Mit Blick auf den Veredlungswert lässt sich durchaus die Frage stellen, inwiefern die erforderlichenAnpassungsvorgänge bei der Berechnung der Opportunitätskosten korrekt abgebildet werden. Dies be-zieht sich erstens auf die Frage, ob eine kurzfristige Alternativverwendung von Arbeits- und Stallplatzka-pazitäten tatsächlich möglich ist. Zweitens ist klar, dass die Nutzungsdauer einer Milchkuh mehr als einePeriode umfasst und dass der Ab- und Aufbau von Kuhkapazitäten i.d.R. nicht kostenneutral möglich ist.Beides ist hier nicht kritisch, weil sowohl eine fehlende alternative Verwendungsmöglichkeit als auch Zu-satzkosten beim Ab-und Aufbau von Kuhkapazitäten eine weitere Erhöhung des Veredlungswertes verur-sachen. Dadurch würde der Betrag, der für eine vollständige Kompensation des Schadens erforderlich ist,nicht beeinflusst werden. Der Ersatzwert ist ohnehin geringer als der identifizierte Veredlungswert. Diesist typisch für eine Vielzahl von Fällen, in denen es um die Bewertung einer innerbetrieblich genutzten Sa-che geht: Sobald eine Untergrenze des Ertragswertes vorliegt und eindeutig feststeht, dass der Ertrags-wert auf jeden Fall höher ist als der Ersatzwert, kann auf seine exakte Bestimmung verzichtet werden.Wenn allerdings der Ertragswert als relevanter Wertansatz in Frage kommt, müsste man genau rechnenund alle Zahlungsstromänderungen exakt berücksichtigen. 8.5.2 Bewertung langlebiger ProduktionsmittelUm zu zeigen, wie bei der Bewertung langlebiger Produktionsmittel vorzugehen ist, betrachten wir einsehr einfach strukturiertes Unternehmen, das nur aus einer Gartenfräse besteht, die ausschließlich fürLohnarbeiten eingesetzt wird. Die Gartenfräse hat eine Nutzungsdauer von 4 Jahren. Der mit „Jahr 0“ be-zeichnete aktuelle Zeitpunkt, zu dem die Fräse bewertet werden soll, ist das Ende des dritten Nutzungs-jahres, d.h. die Fräse hat noch eine Restnutzungsdauer von einem Jahr. Als Bewertungsanlass stelle mansich vor, dass die Fräse gegen Diebstahl versichert war und gestohlen wurde. Laut Versicherungsvertragstehe dem Lohnunternehmer eine Zahlung in Höhe des tatsächlichen wirtschaftlichen Wertes der Fräseals Kompensation zu. Damit stellt sich die Frage, wie hoch die Versicherungsleistung sein muss, damit derSchaden vollständig ausgeglichen wird. Wir unterstellen, dass keine Verkaufsmöglichkeit für die Garten-fräse besteht. Damit ist bei der Bestimmung des relevanten Wertansatzes gemäß Gleichung (8-1) nur dasMinimum aus Ersatzwert und Ertragswert zu bilden. Bei der Berechnung dieser beiden Werte unterschei-den wir insgesamt fünf Fälle. Aus Gründen der didaktischen Übersichtlichkeit unterstellen wir in den ers-ten vier Fällen einen Kalkulationszinsfuß in Höhe von ݅௞௔௟௞ = 0%. Im fünften Fall verdeutlichen wir, waszu beachten ist, wenn der Kalkulationszinsfuß von Null verschieden ist. Nach dem Beispiel der Gartenfräsezeigen wir in einem sechsten Fall, wie vorzugehen ist, wenn die zu bewertende Sache (im Gegensatz zuMaschinen, Produktionsanlagen und Gebäuden) keinen Wertverlust, sondern (wie z.B. eine Forstfläche)einen Wertzuwachs über der Zeit aufweist. Fall 1: Ohne Anschaffungswert, ohne Ersatzmöglichkeit; Zins von NullWir nehmen an, dass nach dem Diebstahl keine Ersatzmöglichkeit besteht und dass dem Unternehmer dieFräse vor 3 Jahren geschenkt wurde. Aus Sicht des Unternehmers belief sich die Anschaffungsauszahlungvor 3 Jahren damit auf 0 €. Mit der Fräse können in jedem Nutzungsjahr Einzahlungen von 500 € erwirt-schaftet werden. Im ersten Nutzungsjahr betragen die Reparaturauszahlungen 50 €. Mit der Nutzungnehmen die Reparaturen um 50 €/Jahr zu. Dies führt zu Auszahlungen, die von 50 € im ersten Nutzungs-jahr auf 200 € im vierten Jahr ansteigen (vgl. Tab. 8-7). 8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung 505 Tab. 8-7: Fall 1: Wirtschaftliche Situation ohne Anschaffungswert, ohne Ersatzmöglichkeit und bei einem Zins von Null (€) a)Jahr ݐ(Nutzungsjahr) ݐ = −3(0) ݐ = −2(1) ݐ = −1(2) ݐ = 0(3) ݐ = 1(4)Z a h l u n g s s t r o m m i t F r ä s e1 Einzahlungen ݁௧ 0 500 500 500 5002 Auszahlungen ܽ௧ 0 50 100 150 2003 Einzahlungsüberschüsse ݁௧ − ܽ௧ 0 450 400 350 300H i l f s k a l k u l a t i o n e n f ü r d i e B e w e r t u n g4 Durchschnittskosten 125 125 125 1255 Leistungs-Kostendifferenz 375 375 375 3756 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „mit Fräse“ in ݐ = 0: 3007 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse“ in ݐ = 0: 0a) Die nach Verlust der Fräse wegfallenden Zahlungen sind grau gedruckt.b) Ertragswert bis zum Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer bei ݅௞௔௟௞ = 0%.Nach einem Blick auf Zeile 1 ist für Onno Überleg die erforderliche Versicherungsleistung klar: Es gehenEinzahlungen in Höhe von 500 € verloren, die die Versicherung kompensieren muss. Su Sidenkt, diewieder einmal recht hat, widerspricht: Es entfallen nicht nur die Einzahlungen von 500 €, sondern mankann auch die Auszahlungen von 200 € einsparen. Dem Unternehmen entsteht also nur ein Ausfall von300 € in Form des Einzahlungsüberschusses, den es im vierten Nutzungsjahr hätte erzielen können,wenn die Fräse nicht gestohlen worden wäre. Der Ertragswert der Fräse entspricht der Ertragswert-differenz zwischen dem Zahlungsstrom „mit Fräse“ und dem Zahlungsstrom „ohne Fräse“ (Zeile 6 minusZeile 7).Die Annahme, dass keine Ersatzmöglichkeit besteht, kann als unendlich hoher Ersatzwert interpretiertwerden (ܧݎݏܹ = ∞). Da zudem davon ausgegangen wird, dass keine Verkaufsmöglichkeit besteht(ܸ݁ݎܹ = 0), ist die Bestimmung des relevanten Wertansatzes nach Gleichung (8-1) einfach:ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[0;min(∞; 300)] = 300Um den Unternehmer vollständig für seinen Schaden zu kompensieren, muss die Versicherung in der hierunterstellten Situation eine Zahlung von 300 € leisten. Fall 2: Mit Anschaffungswert, ohne Ersatzmöglichkeit; Zins von NullLassen Sie uns nun annehmen, dass dem Unternehmer die Gartenfräse nicht geschenkt wurde, sondern ersie vor drei Jahren für 400 € selbst erworben hat. Wir verzichten darauf die Zahlungsströme nochmalsdarzustellen, da der einzige Unterschied zu Tab. 8-7 darin besteht, dass die Anfangsauszahlung vor3 Jahren sich jetzt nicht mehr auf 0 €, sondern auf 400 € beläuft. Die Durchschnittskosten betragen dann225 € und die Leistungs-Kostendifferenz beläuft sich auf 275 €.In der beschriebenen Situation wird der Grundsatz der Zukunftsbezogenheit der Taxation besondersdeutlich: Die Anschaffungskosten sind versunken und für die Bemessung des Wertes der Fräse und damitder schadenkompensierenden Versicherungsleistung vollkommen irrelevant. Unabhängig davon, was dieFräse in der Vergangenheit gekostet hat, entgeht dem Unternehmer nach dem Diebstahl der zukünftigeEinzahlungsüberschuss von 300 €. Da ein evtl. schadensmindernder Ersatz weiterhin ausgeschlossen seinsoll, muss die Versicherungsleistung auch in diesem Fall 300 € betragen, damit der Unternehmer für sei-nen Schaden kompensiert wird. 506 8 Bewertung und Taxation Fall 3: Ersatzmöglichkeit durch eine identische neue Maschine; Zins von NullNun unterstellen wir, dass der Unternehmer die Möglichkeit für einen „identischen“ Ersatz hat (vgl.Tab. 8-8). Genauer gesagt nehmen wir an, dass es zwar keine gleich alte und gleich abgenutzte Fräse aufdem Gebrauchtmaschinenmarkt gibt, aber ein identischer Ersatz im Sinne der Beschaffung einer leis-tungsgleichen neuen Fräse zum unveränderten Anschaffungspreis von 400 € möglich ist. Wir nehmenauch an, dass mit der neuen Fräse wieder vier Jahre lang Einzahlungen von 500 €/Jahr erwirtschaftetwerden können und dass die mit den Nutzungsjahren ansteigenden Reparaturauszahlungen unverändertbleiben.Die Annahme der Ersatzmöglichkeit der Fräse vor dem Ende ihrer regulären Nutzungsdauer verursachtzunächst eine kleine methodische Schwierigkeit. Ohne Diebstahl wäre es zu einem Investitionszyklus amEnde der Jahre ݐ = −3, ݐ = 1, ݐ = 5, ݐ = 9 usw. gekommen. Wird die Fräse dagegen wegen des Diebstahlsein Jahr früher ersetzt, ergibt sich ein Investitionszyklus am Ende der Jahre ݐ = −3, ݐ = 0, ݐ = 4, ݐ = 8usw. Durch die (in alle Zukunft) überlappenden Nutzungsdauern erscheint es im ersten Moment sehrschwierig, die Ertragswertdifferenz zwischen dem Zahlungsstrom „mit Fräse“ und dem Zahlungsstrom„ohne Fräse,mit Ersatz“ zu bestimmen. Tab. 8-8: Fall 3: Wirtschaftliche Situation bei der Möglichkeit zum identischen Ersatz und einem Zins von Null (€) a)Jahr ݐ(Nutzungsjahr) ݐ = −3(0) ݐ = −2(1) ݐ = −1(2) ݐ = 0(3) ݐ = 1(4)Z a h l u n g s s t r o m m i t F r ä s e1 Einzahlungen ݁௧ 0 500 500 500 5002 Auszahlungen ܽ௧ 400 50 100 150 2003 Einzahlungsüberschüsse ݁௧ − ܽ௧ -400 450 400 350 300H i l f s k a l k u l a t i o n e n f ü r d i e B e w e r t u n g4 Durchschnittskosten 225 225 225 2255 Leistungs-Kostendifferenz 275 275 275 2756 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „mit Fräse“ in ݐ = 0: 3007 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse, ohne Ersatz“ in ݐ = 0: 08 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse,mit Ersatz“ in ݐ = 0: 275a) Die nach Verlust der Fräse wegfallenden Zahlungen sind grau, Werte nach Ersatz fett gedruckt.b) Ertragswert bis zum Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer bei ݅௞௔௟௞ = 0%.Um zu vermeiden, dass man beide Situationen „bis unendlich“ durchdenken muss, begrenzt man denBetrachtungszeitraum mit Hilfe finanzmathematischer Kalkulationen auf die ursprünglich geplanteNutzungsdauer. Dies entspricht der folgenden Argumentation: Wenn der Geschädigte sich nach demDiebstahl der Fräse „aufs Sofa“ legt und entsprechend dem ursprünglich geplanten Investitionszykluserst am Ende des Jahres ݐ = 1 wieder investiert, entgeht ihm infolge des Diebstahls der Einzahlungs-überschuss des Jahres ݐ = 1 in Höhe von 300 €. Diesen Einzahlungsüberschuss bezeichnet man auch als Grenzrente. Der Ertragswert der Fräse in Höhe von 300 € (Zeile 6 minus Zeile 7) bleibt von der Er-satzmöglichkeit vollkommen unbeeinflusst. Nach dem Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer, d.h. abJahr ݐ = 2 ergibt sich keine Veränderung mehr durch den Diebstahl und die planmäßig durchgeführteidentische Folgeinvestition generiert wieder in jedem Jahr umgerechnet eine Leistungs-Kostendifferenzvon 275 € pro Jahr.Der Geschädigte könnte aber die Investition „Ersatzbeschaffung der Fräse“ gegenüber der ursprünglichenPlanung um ein Jahr vorziehen und dadurch als rationaler Anpasser das Einkommenspotenzial des Jahresݐ = 1 zur Schadensminderung nutzen. Angesichts des heterogenen Zahlungsstroms der betrachteten 8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung 507 Investition entsteht die Frage, wie hoch ihr Einkommenspotenzial pro Jahr ist. Es entspricht der auch als Durchschnittsrente bezeichneten Leistungs-Kostendifferenz der Investition, die sich bei ݅௞௔௟௞ = 0% auf275 € (= 500 − 400/4 − (50 + 100 + 150 + 200)/4) beläuft. Durch den Ersatz entstehen - im Vergleichzur Situation ohne Diebstahl - zusätzlich die Kosten, aber auch zusätzlich die Leistungen für ein Jahr. DerErsatzwert der Fräse entspricht der Ertragswertdifferenz zwischen der Situation „mit Fräse“ und der sichnach Diebstahl und vorgezogenem Ersatz ergebenden Situation „ohne Fräse, mit Ersatz“ (Zeile 6 minusZeile 8). Er beläuft sich auf 25 €. Ohne Verlust der Sache hätte das vierte Nutzungsjahr ein Einkommens-potenzial von 300 € gehabt. Durch die schadensmindernde Nutzung dieses Jahres kann immerhin ein Ein-kommenspotenzial von 275 € realisiert werden.Statt der Betrachtung vollständiger Alternativen lässt sich der Ersatzwert im vorliegenden Fall auch direktaus den kostenrelevanten Komponenten herleiten: Durch den Ersatz können die Einzahlungen aus demLohnunternehmergeschäft - ganz unbeeinflusst vom Diebstahl - durchgehend bei 500 € gehalten werden.Anstelle der ohne Diebstahl für das vierte Nutzungsjahr anfallenden (Grenz)Auszahlungen von 200 € ent-stehen durch den Ersatz nun aber jahresbezogene (Durchschnitts)Kosten von 225 €. Bei der unterstelltenidentischen Ersatzmöglichkeit reicht also eine Versicherungsleistung von 25 € aus, um den Schaden inForm der Mehrkosten zu kompensieren, die dem Unternehmer durch den Ersatz seiner drei Jahre altenFräse entstanden sind. Nach Gleichung (8-1) gilt:ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[0;min(25; 300)] = 25Der Betrag in Höhe von 25 € entspricht im Übrigen dem bereits angesprochenen „Neuwert minus Ent-wertungsabschlag“. Er ist genau der Betrag, den ein gedachter rationaler Käufer für die gebrauchte Frä-se maximal bezahlt hätte, wenn er von den gleichen Parametern bzgl. der Reparaturentwicklung unddes Neupreises ausgeht. Der Kauf einer drei Jahre alten Fräse (mit dem Potenzial zur Weiternutzung fürein Jahr) zum Preis von 25 € würde den gedachten Käufer ja ökonomisch gleich stellen wie der Kauf ei-ner neuen Fräse: In beiden Fällen bekäme er die Arbeitsleistung der Maschine für ein Jahr zu Kostenvon 225 €/Jahr. Fall 4: Ersatzmöglichkeit durch eine nicht-identische neue Maschine; Zins von NullIn vielen Fällen steht weder eine gleich alte Gebrauchtmaschine noch eine leistungsgleiche Neuma-schine mit unverändertem Anschaffungspreis als Ersatzmöglichkeit zur Verfügung. Der Ersatz der zubewertenden Altmaschine muss vielmehr oft in Form einer Neumaschine erfolgen, die einen höherenAnschaffungspreis und eine höhere Arbeitsleistung hat. Die grundsätzliche Vorgehensweise bei derBerechnung des Ersatzwertes bleibt davon zwar unberührt. Im Vergleich zur bisher geschildertenVorgehensweise müssen aber nun weitere einkommenswirksame Komponenten berücksichtigt wer-den.Wir unterstellen zur Verdeutlichung die folgende Situation (vgl. Tab. 8-9): Nach dem Diebstahl kann nureine neue Fräse zu einem Anschaffungspreis von 500 € (statt vorher 400 €) beschafft werden. Die mit denNutzungsjahren ansteigenden Reparaturauszahlungen bleiben unverändert. Die Neumaschine ist aberleistungsstärker als die alte und erzielt deshalb Einzahlungen in Höhe von 530 €/Jahr (statt vorher500 €/Jahr).Es gilt weiterhin, dass der Ertragswert der Fräse (Zeile 6 minus Zeile 7) 300 € beträgt, da man im viertenNutzungsjahr ohne Diebstahl eine Grenzrente in Form des Einzahlungsüberschusses von 300 € gehabthätte. Im Jahr nach dem Diebstahl kann durch einen vorgezogenen Ersatz ein schadensminderndes Ein-kommenspotenzial in Höhe der neuen Durchschnittsrente von 280 € (= 530 − 500/4 − (50 + 100 +150 + 200)/4) realisiert werden. Die Differenz der beiden Werte in Höhe von 20 € ist der spezifische Er-satzwert der Altfräse. 508 8 Bewertung und Taxation Tab. 8-9: Fall 4: Wirtschaftliche Situation bei der Möglichkeit zum nicht-identischen Ersatz und einem Zins von Null (€) a)Jahr ݐ(Nutzungsjahr) ݐ = −3(0) ݐ = −2(1) ݐ = −1(2) ݐ = 0(3) ݐ = 1(4)Z a h l u n g s s t r o m m i t F r ä s e1 Einzahlungen ݁௧ 0 500 500 500 5002 Auszahlungen ܽ௧ 400 50 100 150 2003 Einzahlungsüberschüsse ݁௧ − ܽ௧ -400 450 400 350 300H i l f s k a l k u l a t i o n e n f ü r d i e B e w e r t u n g4 Durchschnittskosten 225 225 225 2505 Leistungs-Kostendifferenz 275 275 275 2806 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „mit Fräse“ in ݐ = 0: 3007 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse, ohne Ersatz“ in ݐ = 0: 08 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse,mit Ersatz“ in ݐ = 0: 280a) Die nach Verlust der Fräse wegfallenden Zahlungen sind grau, Werte nach Ersatz fett gedruckt. Die Er-satzmaschine hat einen Anschaffungspreis von 500 € und Einzahlungen von 530 €/Jahr.b) Ertragswert bis zum Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer bei ݅௞௔௟௞ = 0%.Bei der direkten Berechnung des spezifischen Ersatzwertes aus den kostenrelevanten Komponentenkommt man zum gleichen Ergebnis: Anstelle der ohne Diebstahl anfallenden (Grenz)Auszahlungen von200 € für das letzte Nutzungsjahr entstehen durch den erforderlichen Ersatz nun jahresbezogene (Durch-schnitts)Kosten von 250 €. Die Mehrkosten von 50 € sind aber mit der Mehrleistung der neuen Fräse inHöhe von 30 € (= 530 − 500) zu verrechnen. Es ergibt sich der bereits bekannte spezifische Ersatzwertvon 20 € (= 250 − 200 − 30). Nach Gleichung (8-1) gilt:ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[0;min(20; 300)] = 20Bei der unterstellten nicht-identischen Ersatzmöglichkeit reicht also eine Zahlung von 20 € aus, um denUnternehmer vollständig für den Schaden zu kompensieren - vorausgesetzt er „legt sich nicht einfach einJahr lang aufs Sofa“, sondern passt sich schadensmindernd an. Fall 5: Ersatzmöglichkeit durch eine nicht-identische neue Maschine; positiver ZinsGrundsätzlich können alle bisher beschriebenen Fallkonstellationen realitätsnaher ausgestaltet werden,indem man mit einem positiven Zinssatz rechnet. An der grundsätzlichen Vorgehensweise würde dasnichts ändern. Allerdings muss zur Berechnung von Größen, wie Durchschnittskosten, Leistungs-Kostendifferenzen und Ertragswerten, in bewährter Manier die Finanzmathematik angewendet werden(vgl. Kapitel 6).Zur Veranschaulichung betrachten wir noch einmal die Möglichkeit des nicht-identischen Ersatzes vonFall 4, unterstellen jetzt aber bei der Berechnung des Wertes der Fräse einen Kalkulationszinsfuß von 5%p.a. (vgl. Tab. 8-10).Welche Veränderungen ergeben sich durch den Zinssatz von 5%? Weiterhin entgeht dem Unternehmerdurch den Diebstahl zunächst die Grenzrente in Form des Einzahlungsüberschusses im Folgejahr der altenFräse von 300 €. Dies entspricht auf das Verlustjahr ݐ = 0 bezogen einem Ertragswert von 285,71 €(= 300 ∙ 1,05ିଵ). Durch einen vorgezogenen (nicht-identischen) Ersatz der Fräse kann im Jahr nach demDiebstahl ein schadensminderndes Einkommenspotenzial in Höhe der Durchschnittsrente (= Leistungs-Kostendifferenz) von 267,04 € erzielt werden, wobei die Durchschnittsleistung 530 € und die Durch- 8.5 Grundsätzliche Vorgehensweise bei der wirtschaftlichen Bewertung 509 schnittskosten 262,96 € (= (500 + 50 ∙ 1,05ିଵ + 100 ∙ 1,05ିଶ + 150 ∙ 1,05ିଷ + 200 ∙ 1,05ିସ) ∙ 0,2820) be-tragen. Die Durchschnittsrente entspricht auf das Verlustjahr bezogen einem Wert von 254,33 €(= 267,04 ∙ 1,05ିଵ). Der Differenzbetrag der beiden auf das Verlustjahr bezogenen Werte in Höhe von31,39 € (= 285,71 − 254,33) ist der spezifische Ersatzwert. Tab. 8-10: Fall 5: Wirtschaftliche Situation bei der Möglichkeit zum nicht-identischen Ersatz und einem positiven Zins (€) a)Jahr ݐ(Nutzungsjahr) ݐ = −3(0) ݐ = −2(1) ݐ = −1(2) ݐ = 0(3) ݐ = 1(4)Z a h l u n g s s t r o m m i t F r ä s e1 Einzahlungen ݁௧ 0 500 500 500 5002 Auszahlungen ܽ௧ 400 50 100 150 2003 Einzahlungsüberschüsse ݁௧ − ܽ௧ -400 450 400 350 300H i l f s k a l k u l a t i o n e n f ü r d i e B e w e r t u n g4 Durchschnittskosten 234,76 234,76 234,76 262,965 Leistungs-Kostendifferenz 265,24 265,24 265,24 267,046 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „mit Fräse“ in ݐ = 0: 285,71 (= 300 ∙ 1,05ିଵ)7 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse, ohne Ersatz“ in ݐ = 0: 0,008 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Fräse,mit Ersatz“ in ݐ = 0: 254,33 (= 267,04 ∙ 1,05ିଵ)a) Die nach Verlust der Fräse wegfallenden Zahlungen sind grau, Werte nach Ersatz fett gedruckt. Die Er-satzmaschine hat einen Anschaffungspreis von 500 € und Einzahlungen von 530 €/Jahr.b) Ertragswert bis zum Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer bei ݅௞௔௟௞ = 5% p.a.Zum gleichen Ergebnis kommt man, wenn man den spezifischen Ersatzwert direkt berechnet: Anstelle der(Grenz)Auszahlungen von 200 €, die ohne Diebstahl der Fräse für das vierte Nutzungsjahr angefallen wä-ren, entstehen (Durchschnitts)Kosten für die Ersatzfräse von 262,96 €/Jahr. Die Mehrkosten von 62,96 €sind dann aber noch mit der Mehrleistung der neuen Fräse in Höhe von 30 € zu verrechnen. Durch denschadensmindernden Ersatz verbleibt im Jahr nach dem Diebstahl noch ein Unterschiedsbetrag von32,96 €. Diesen Betrag müsste die Versicherung für eine vollständige Schadenskompensation bei einemKalkulationszinsfuß von 5% aber nur dann zahlen, wenn die Zahlung erst ein Jahr nach dem Diebstahl er-folgen würde. Erfolgt sie dagegen direkt zum Verlustzeitpunkt, reicht eine Versicherungsleistung von31,39 € (= 32,96 ∙ 1,05ିଵ) aus, um den Schaden zu kompensieren. Nach Gleichung (8-1) gilt:ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[0;min(31,39; 285,71)] = 31,39Bei der Bewertung einer Sache, die statt einem Nutzungsjahr noch mehrere zukünftige Nutzungsjahre hat,ergeben sich keine grundsätzlichen methodischen Unterschiede zu der hier dargestellten Vorgehensweise.Der Unterschied besteht allein darin, dass die Leistungs- und Kostenunterschiede, die sich durch den Ver-lust der Sache ergeben und die zu kapitalisieren sind, sich über mehrere zukünftige Perioden erstrecken. Fall 6: Möglichkeit zum nicht-identischen Ersatz bei Wertzuwachs; Zins von NullIn den bisher betrachteten Fällen haben wir - stellvertretend für Maschinen, Produktionsanlagen und Ge-bäude - eine Gartenfräse betrachtet. Das Charakteristikum dieser Güter besteht darin, dass sie mit zuneh-mender Nutzungsdauer an Wert verlieren, weil die noch verfügbare Restnutzungsdauer abnimmt und dieReparaturen zunehmen. Dementsprechend ist der Ersatzwert von Gebrauchtmaschinen, -anlagen und-gebäuden in aller Regel als „Neuwert minus Entwertungsabschlag“ zu berechnen. Wenn eine identischeWiederbeschaffung im Sinne der Beschaffung eines Ersatzobjektes mit gleicher Arbeitsleistung nicht mög-lich ist, sind zudem die durch den Ersatz verursachten Leistungsänderungen zu berücksichtigen. 510 8 Bewertung und Taxation Bei Dauerkulturen im Allgemeinen und insbesondere in der Forstwirtschaft verläuft die Wertentwick-lung dagegen über lange Zeiträume entgegengesetzt zu der Wertentwicklung von Maschinen, Anlagenund Gebäuden. Dies liegt daran, dass die erwirtschafteten Einzahlungsüberschüsse nicht abfallen, son-dern aufgrund des biologischen Zuwachses über der Zeit (stark) ansteigen. Im Extremfall (z.B. beiForstkulturen) kann dies bedeuten, dass es lediglich zu einer relevanten Einzahlung am Ende einer sehrlangen „Nutzungsdauer“ von z.B. 75 Jahren kommt. Über einen weiten Zeitraum - bei Forstanlagen i.d.R.sogar über die ganze Nutzungsdauer hinweg - gilt: je älter die Anlage, desto höher ihr Wert. Dement-sprechend ist z.B. der Ersatzwert (im Sinne des relativen Ersatzkostenwertes) einer Forstfläche metho-disch als „Neuwert plus Wertzuschlag“ zu berechnen. Anders ausgedrückt: Es ist zu berücksichtigen,dass nach Ersatz eines zerstörten Forstes eine Minderleistung verbleibt, da bis zur Ernte zusätzlicheJahre vergehen.Trotz der langen Nutzungszeiten bei Dauer- und Forstkulturen gehen wir zur Veranschaulichung der me-thodischen Vorgehensweise wieder von einem Zins in Höhe von Null aus. Der Übersichtlichkeit halber be-trachten wir erneut ein Unternehmen, das nur aus der zu bewertenden Sache besteht, die annahmegemäßeine Nutzungsdauer von vier Jahren hat und die am Ende des dritten Jahres zerstört wird. Wir bezeichnendie zu bewertende Sache in unserem stilisierten Beispiel als Forst, da der betrachtete Zahlungsstrom trotzder starken Vereinfachung so strukturiert ist, dass er die grundsätzlichen Charakteristika der Zahlungs-ströme von Forstflächen widerspiegelt: Die Zahlungsstruktur ist stark heterogen. Dies liegt vor allemdaran, dass in den Anfangsjahren die Einzahlungen gegen Null gehen und erst am Ende der Nutzungs-dauer eine nennenswerte Einzahlung erfolgt (vgl. Tab. 8-11). Der Forst wird am Ende des dritten Jahresdurch einen Brand vollständig vernichtet. Tab. 8-11: Fall 6: Wirtschaftliche Situation bei der Möglichkeit zum nicht-identischen Ersatz eines Gutes mit Wertzuwachs und einem Zins von Null (€) a)Jahr ݐ(Nutzungsjahr) ݐ = −3(0) ݐ = −2(1) ݐ = −1(2) ݐ = 0(3) ݐ = 1(4)Z a h l u n g s s t r o m m i t „ F o r s t “1 Einzahlungen ݁௧ 0 5 5 5 2 2252 Auszahlungen ܽ௧ 400 10 10 10 2103 Einzahlungsüberschüsse ݁௧ − ܽ௧ -400 -5 -5 -5 2 015H i l f s k a l k u l a t i o n e n f ü r d i e B e w e r t u n g4 Durchschnittskosten 160 160 160 1605 Leistungs-Kostendifferenz 400 400 400 4006 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „mit Forst“ in ݐ = 0: 2 0157 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Forst, ohne Ersatz“ in ݐ = 0: 08 Ertragswert b) des Zahlungsstroms „ohne Forst,mit Ersatz“ in ݐ = 0: 400a) Die nach Verlust des Forstes wegfallenden Zahlungen sind grau, Werte nach Ersatz fett gedruckt.b) Ertragswert bis zum Ende der ursprünglichen Nutzungsdauer bei ݅௞௔௟௞ = 0%.Der Ertragswert des Forstes beträgt 2 015 € (Zeile 6 minus Zeile 7), da man im vierten Nutzungsjahr ohneZerstörung des Waldes eine Grenzrente in Form des Einzahlungsüberschusses von 2 015 € gehabt hätte.Wenn der Forstunternehmer nach der Zerstörung die Wiederaufforstung nicht um ein Jahr vorzieht,entgeht ihm dieser Ertragswert vollständig. Identischer Ersatz im Sinne der Wiederbeschaffung oder-herstellung eines gleich alten und damit leistungsgleichen Ersatzforstes ist nicht möglich. Wenn er aberdie Wiederaufforstung um ein Jahr vorzieht, kann er das Folgejahr zur Erzielung eines schadensmindern-den Einkommenspotenzials in Höhe der Durchschnittsrente von 400 € nutzen. Der Ersatzwert beläuft sichdamit auf 1 615 (Zeile 6 minus Zeile 8). Es gilt: 8.6 Die Unternehmensbewertung als wichtiger Anwendungsfall 511 ݎ݈ܹ݁ = max[ܸ݁ݎܹ;min(ܧݎݏܹ; ܧݎݐܹ)]= max[0;min(1 615; 2 015)] = 1 615Eine Versicherungsleistung von 1 615 € würden den Forstunternehmer also vollständig für die Zerstö-rung seines Waldes entschädigen.Wir sind in Tab. 8-11 aus didaktischen Gründen von einem Zinssatz von Null ausgegangen. Dies ist ange-sichts der langen Lebensdauer von Dauer- und Forstkulturen bei der praktischen Bewertung absolut un-zulässig. Hier sind die zur Bewertung erforderlichen Größen, wie Durchschnittskosten, Leistungs-Kostendifferenzen und Ertragswerte, finanzmathematisch korrekt herzuleiten. Da die diesbezüglich rich-tige Vorgehensweise bereits in Fall 5 dargestellt wurde, verzichten wir auf eine Wiederholung. 8.6 Die Unternehmensbewertung als wichtiger AnwendungsfallDie Bewertung von Unternehmen stellt einen der wichtigsten Bewertungsanlässe dar. Auch hier istgrundsätzlich zu unterscheiden, ob es um die Bestimmung des tatsächlichen wirtschaftlichen Wertes zurUnterstützung von Entscheidungen (z.B. Kauf oder Verkauf) oder um einen formal-rechtlichen Taxations-anlass (z.B. Ausscheiden eines GmbH-Gesellschafters) geht, bei dem im Sinne einer objektivierten Vorge-hensweise vorgegebene Bewertungsvorschriften anzuwenden sind. Wir konzentrieren uns im Folgendenauf die entscheidungstheoretisch-fundierte Bestimmung des subjektiv relevanten Wertes für die Ent-scheidungsunterstützung (vgl. Punkt 8.6.1). Aufgrund der großen Verbreitung überlieferter Praktikerver-fahren sowie der Bedeutung formal-rechtlicher Bewertungsanlässe gehen wir in Punkt 8.6.2 aber auch aufdie sog. „objektiv(iert)en“ Unternehmensbewertungsverfahren ein. In Punkt 8.6.3 wird erläutert, wie manden Anteilswert von Unternehmen unterschiedlicher Rechtsformen ermittelt. Abschließend werden dieUnternehmensbewertungsverfahren systematisiert (Punkt 8.6.4). 8.6.1 Bestimmung subjektiv relevanter Unternehmenswerte a) Entscheidungsorientierte Unternehmenswerte und EinigungspreiseDie Verfahren zur Bestimmung subjektiv relevanter Unternehmenswerte werden oft unter der Kurzbe-zeichnung „subjektive Unternehmensbewertung“ subsumiert und auch als moderne oder entschei-dungstheoretisch fundierte Verfahren der Unternehmensbewertung bezeichnet. Dies liegt daran, dass siesich von älteren Praktikerverfahren der Unternehmensbewertung abwenden, die im Sinne einer objekti-vierten Verfahrensweise darauf aus waren, einen allgemeingültigen Wert des Unternehmens „an sich“ zubestimmen. Subjektive Verfahren nehmen stattdessen eine entscheidungsträgerorientierte und anlass-bezogene Sichtweise ein und suchen nach einem Entscheidungswert, d.h. der Information, die die best-mögliche Entscheidungsunterstützung in einer bestimmten Situation gewährleistet.Onno Überleg findet diese Ausführungen überflüssig. Der Wert eines Unternehmens sei doch eindeutig zubenennen: Man müsse doch nur in die Bilanz schauen, aus der der Eigenkapitalbestand abzuleiten sei. DerEigenkapitalbestand entspräche dem Unternehmenswert. Su Sidenkt sieht das anders. Zum einen erstel-len nicht alle (landwirtschaftlichen) Unternehmen eine Bilanz. Zum anderen weist sie darauf hin, dassanalog zur Bewertung einzelner Sachen auch die Bestimmung von Entscheidungswerten für das Bewer-tungsobjekt „Unternehmen“ einen zukunftsbezogenen gedanklichen Vergleich der gesamten wirtschaft-lichen Situation erfordert, in der sich das betroffene Wirtschaftssubjekt mit dem und ohne das zu bewer-tende Objekt befindet. Das heißt, die drei Grundsätze der Bewertung, Zukunftsbezogenheit, Gesamtbewer-tung und Subjektivität, sind auch beim Bewertungsobjekt „Unternehmen“ zu berücksichtigen. Wie wir imFolgenden sehen werden, hat Su Sidenkt wieder einmal Recht.

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References

Zusammenfassung

Gemäß dem Motto „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ geht es im vorliegenden Lehrbuch darum, Studierenden und Praktikern beim Erwerb analytischer Fähigkeiten und einer problemlösungsorientierten Methodenkompetenz zu helfen.

Für die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere der Wettbewerbsdruck und das unternehmerische Risiko sind infolge der Liberalisierung der Agrarmärkte und des Klimawandels angestiegen. Hinzu kommen ein laufender Anpassungsdruck an veränderte Verbraucherwünsche, neue gesellschaftliche Anforderungen sowie eine zunehmende Verflechtung zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Das vorliegende Lehrbuch trägt diesen Entwicklungen durch die Fokussierung auf die praktische unternehmerische Entscheidungsunterstützung unter Risiko Rechnung.

Dieses Buch schafft zum einen das theoretisch-konzeptionelle Verständnis für die grundlegenden ökonomischen Strukturen der wichtigsten unternehmerischen Entscheidungsanlässe. Zum anderen vermittelt es das handwerkliche Können im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Analyse- und Planungsinstrumenten, über das Manager in einer unsicheren Unternehmensumwelt verfügen müssen, um erfolgreiche Entscheidungen fällen zu können.

Aus dem Inhalt:

• Grundlagen und Ziele unternehmerischen Entscheidens

• Kontrolle und Analyse

• Produktionstheorie

• Produktionsprogrammplanung

• Investitionsplanung und Finanzierung

• Querschnittsaufgabe Risikomanagement

• Bewertung und Taxation

• Corporate Social Responsibility

Über die Autoren:

Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich für Landwirtschaftliche Betriebslehre am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Norbert Hirschauer ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung im Agribusiness am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Für Dozenten steht auf der Website ein auf das Buch abgestimmter Foliensatz mit den Abbildungen und Tabellen des Buches zur Verfügung. Für Studierende sind Übungsaufgaben formuliert.