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8.2 Zum Zusammenhang zwischen Planung und Taxation in:

Norbert Hirschauer, Oliver Mußhoff

Modernes Agrarmanagement, page 494 - 499

Betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsverfahren

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4743-9, ISBN online: 978-3-8006-4457-5, https://doi.org/10.15358/9783800644575_494

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486 8 Bewertung und Taxation Abschnitt 8.3 wird dargelegt, welche grundlegende Bedeutung Artikel 14 GG („Recht auf Eigentum“) fürdie Taxation hat. In Abschnitt 8.4 systematisieren wir die in der Praxis verwendeten Wertansätze undzeigen, wie man situationsabhängig den jeweils relevanten Ansatz ermittelt. Dabei fokussieren wir auf dieTaxation zur Vorbereitung von Entscheidungen. Die Taxation zur Bestimmung formal-rechtlicherZahlungsansprüche und -verpflichtungen wird nur kurz gestreift. Abschnitt 8.5 zeigt anhand einfacherBeispiele, wie man methodisch bei kurz- und langlebigen Produktionsmitteln vorgeht, um ihren „wirt-schaftlich richtigen Wert“ zu bestimmen. In Abschnitt 8.6 beschreiben wir die Unternehmensbewertungals wichtigen Anwendungsfall der Taxation und in Abschnitt 8.7 die zunehmend wichtiger werdende Be-wertung nicht-handelbarer Güter. Die Berücksichtigung von Risiko wird nicht gesondert behandelt, da diein Kapitel 7 beschriebenen Methoden zur Berücksichtigung von Verteilungen auch bei der Taxation ein-setzbar sind. 8.2 Zum Zusammenhang zwischen Planung und TaxationMit Blick auf die Abgrenzung zwischen der unternehmerischen Entscheidungsunterstützung und der Taxation ist zu beachten, dass man einerseits bei der Beschäftigung mit der betriebswirtschaftlichenAnalyse und Planung vielfach auf den Begriff der Bewertung stößt. Man denke nur an die Definitionen fürLeistungen (= monetär bewertete Güterentstehung) und Kosten (= monetär bewerteter Güterverzehr), wiewir sie in Kapitel 3 kennen gelernt haben. Andererseits findet sich in der Taxationsliteratur der Hinweis,dass die Aufgaben der Taxation sowohl die Vorbereitung von Entscheidungen als auch die Bemessung vonZahlungsansprüchen und -verpflichtungen bei einem Eigentumswechsel bzw. einer Veränderung der Nut-zungsrechte umfassen. Abb. 8-1 greift diese Gliederung der Taxationsaufgaben auf und kommt unter zu-sätzlicher Verwendung der Dimensionen „Wahlhandlung“ und „Marktpreis“ zu einer Abgrenzung zwi-schen betriebswirtschaftlicher Planung und Taxation. Abb. 8-1: Zum Zusammenhang zwischen betriebswirtschaftlicher Planung und Taxation a) „Eigentumswechsel“ steht hier für den allgemeinen Sachverhalt der Übertragung oder Veränderungvon Verfügungsrechten. Damit fallen hierunter auch die zeitlich begrenzte Überlassung von Nutzungs-rechten (z.B. Verpachtung) und die Einschränkung von Nutzungsrechten (z.B. Naturschutzauflagen).b) „Kein Marktpreis“ steht hier für Fälle, in denen kein eindeutiger Marktpreis für das zu bewertende Gutvorliegt. Wir fassen hierunter auch Situationen, in denen Preise für „ähnliche" Güter vorliegen, die imRahmen der Taxation gezielt gesucht und zur marktbasierten Orientierung genutzt werden. Bewertung Kein Eigentumswechsel Eigentumswechsel a) Wahlhandlung Wahlhandlung(nicht-dominiert) Keine Wahlhandlung(dominiert) Marktpreis Kein Marktpreis b) Taxation zur Entscheidungsunterstützung Taxation für formale Bewertungsanlässe 1) 2) 3) 4)Betriebswirtschaft-liche Planung Keine Wahlhandlung Taxation zur Bemessung objektbezogener Steuern 5) 6 1 13 23 82 _M uß ho ff - Bg 16 8.2 Zum Zusammenhang zwischen Planung und Taxation 487 In Abb. 8-1 wird der Begriff „Bewertung“ als Oberbegriff verwendet, unter dem alle betriebswirtschaftli-chen Vergleiche und alle Taxationsaufgaben zusammengefasst werden. Die fünf Ausgangssituationen für eine Bewertung lassen sich wie folgt beschreiben: Fall 1: Bei der betriebswirtschaftlichen Planung stellen die unternehmerischen Handlungsalternativen die„Objekte“ dar, die zu bewerten und zu vergleichen sind. Beispiele sind der Vergleich verschiedener Pro-duktionsprogramme, die Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer einer Maschine oder andere innerbe-triebliche Wettbewerbskalkulationen. Letztlich lässt sich bei unternehmerischen Wahlhandlungen dasEntscheidungskalkül wie folgt formulieren: Wähle die Alternative, die den höchsten Barwertzuwachs (Er-tragswertzuwachs) bringt! Bei einer solchen „normalen“ betriebswirtschaftlichen Bewertung stehen un-terschiedliche Wahlhandlungen im Blickpunkt, nicht jedoch der Wechsel des Eigentums an einer Sache. Fall 2: Die Bewertung einerWahlhandlung fällt häufig mit der Bewertung einer Sache zusammen. Dies istder Fall, wenn es um freiwillige bzw. nicht-dominierte Kauf- und Verkaufsentscheidungen bei Sachen geht,für die Marktpreise existieren. Bei der Investitionsfrage „Bau eines Stalles“ wird bspw. im Rahmen derKapitalwertberechnung (vgl. Punkt 6.3.3) der betriebliche Wert des Investitionsgutes (= Barwert der In-vestitionsrückflüsse) mit seinem am Markt vorgegebenen Kaufpreis (= Anschaffungswert) verglichen.Dies kann man sowohl als Bestimmung des Wertes einer Handlung als auch als Bestimmung des Werteseines Gutes verstehen. Ähnliches gilt für andere Beschaffungsentscheidungen, wie z.B. den Kauf von Stick-stoff. Hier ist nach dem Grenzwertprinzip (vgl. Abschnitt 2.4) der monetäre Grenzertrag im Betrieb mitdem Kaufpreis am Markt zu vergleichen. Obwohl es in diesen Fällen eindeutig um die Bewertung einerEntscheidung und um die Bewertung einer Sache geht, spricht man bei Existenz eines Marktpreises übli-cherweise nicht von Taxation. Fall 3: Man spricht aber von Taxation, wenn bei einem nicht-dominierten Eigentumswechsel eine Sachezu bewerten ist, für die kein Marktpreis existiert. Ein Beispiel ist der Kauf/Verkauf eines Unternehmens.Hier muss der potenzielle Käufer den Ertragswert der künftigen Einzahlungsüberschüsse (Nettozah-lungen) bestimmen, den das Unternehmen „in seinen Händen“ hat. Dieser stellt den maximalen Kaufpreisdar, der als kritischer Wert die ökonomische Situation des Käufers nicht ändern würde. Allerdings gibt eskeine identischen (homogenen), in großer Zahl auf dem Markt gehandelten Unternehmen. Es existiertdamit auch kein vorgegebener Marktpreis, mit dem der potenzielle Käufer seinen kritischen Kaufpreisvergleichen könnte. Vielmehr muss zuvor auch ein potenzieller Verkäufer den Ertragswert bestimmen,den das Unternehmen für ihn hat. Dieser stellt seinen minimalen Verkaufspreis dar. Ein Einigungsspiel-raum für einen Eigentumswechsel besteht nur dann, wenn der maximale Kaufpreis des Käufers über demminimalen Verkaufspreis des Verkäufers liegt. Fall 4: Man bezeichnet eine Bewertungsaufgabe ebenfalls als Taxationsaufgabe, wenn der Eigentums-wechsel nicht freiwillig erfolgt, aber zu rechtlich verbindlichen Zahlungsansprüchen (seitens des bisheri-gen Eigentümers) und Zahlungsverpflichtungen (seitens des neuen Eigentümers) führt. Solche Situationenwerden unter dem Begriff „dominierter Eigentumswechsel“ subsumiert. Man spricht in diesem Zusam-menhang auch von formal-rechtlichen Bewertungsanlässen, da es darum geht, den Geldbetrag zu bestim-men, der dem bisherigen Eigentümer gemäß der formalen Rechtslage zusteht. Ein Beispiel hierfür ist dieBemessung der Entschädigungssumme, auf die ein Landwirt nach einer Flächenenteignung Anspruch hat,die der Staat im Interesse der Allgemeinheit vorgenommen hat. Fall 5:Wenn eine Zahlungsverpflichtung vomWert eines Vermögensgegenstands (z.B. eines Grundstücks)abhängt, muss dieser Vermögensgegenstand zunächst in Geld gefasst werden. Eine derartige Bewertung(z.B. für die Bemessung der Grundsteuer) wird als Taxation bezeichnet, da eine explizite monetäre Bewer-tung eines physischen Vermögensgegenstands erforderlich ist. Wenn die Bemessungsgrundlage dagegenbereits eine monetäre Größe (Einkommen, Umsatz etc.) darstellt, ist die Bestimmung der Zahlungsver-pflichtung einfach. Dies gilt für die wichtigsten Steuern (Einkommensteuer, Umsatzsteuer etc.). Es giltaber auch umgekehrt für die Bemessung von Zahlungsansprüchen wie z.B. Arbeitslosengeld oder Unter- 7 1 13 23 82 _M uß ho ff - Bg 17 488 8 Bewertung und Taxation haltszahlungen. Obwohl in all diesen Fällen die Höhe der Bemessungsgrundlage bestimmt werden muss,fassen wir solche Bemessungsvorgänge nicht unter den Begriff der Bewertung oder Taxation. Es geht jaweder um die Geldwerte von Objekten (Gütern) noch um die Geldwerte von Alternativen.Bei der mit Fall 3 angesprochenen Taxation zur Entscheidungsunterstützung geht es nicht um richtigoder falsch, sondern darum, ob die generierten Informationen hilfreich sind oder nicht. Hilfreich ist dieTaxation dann, wenn sie den wirtschaftlichen Wert, den eine Sache für ein bestimmtes Wirtschaftssubjekthat, möglichst zutreffend einschätzt. Entscheidungstheoretisch ist hierfür immer ein zukunftsbezogenergedanklicher Vergleich der gesamten wirtschaftlichen Situation erforderlich, in der sich das betrachteteWirtschaftssubjekt „mit der zu taxierenden Sache“ und „ohne die zu taxierende Sache“ befindet. Manspricht in diesem Zusammenhang auch von den drei Grundsätzen der Bewertung: Zukunftsbezogenheit, Gesamtbewertung und Subjektivität. Um Missverständnisse zu vermeiden, die aus einer negativenKonnotation des Wortes „subjektiv“ in der Alltagssprache herrühren könnten, sei die Bedeutung des Be-griffs „subjektiver Wert“ ausdrücklich präzisiert: Der „subjektive“ Wert bezeichnet den für ein bestimmtesWirtschaftssubjekt zutreffenden Wert eines Gutes. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Ent-scheidungsträgerbezogenheit. Möglicherweise ist ein Unternehmen in der Hand des Wirtschaftssubjekts„Käufer“ mehr wert als in der Hand des Wirtschaftssubjekts „Verkäufer“. Dies könnte z.B. daran liegen,dass der Käufer der bessere Unternehmer ist und deshalb höhere zukünftige Nettozahlungen generierenkann. Wie wir wissen, ist dies sogar die Voraussetzung für einen freiwilligen Eigentumswechsel. Es gibtdamit keinen allgemeingültigen wirtschaftlichen Wert, der für alle Wirtschaftssubjekte gleichermaßenGültigkeit hat. Im Gegenteil. Alle entscheidungsrelevanten Werte sind subjektiv. Im Folgenden nutzen wirdeshalb explizit den Begriff „subjektiv relevanterWert“ statt „subjektiver Wert“.Im Gegensatz dazu kann man bei der mit Fall 4) angesprochenen Taxation für formale Bewertungsanlässe durchaus die Frage stellen, ob eine Bewertung richtig oder falsch ist. „Richtig“ oder „falsch“ meinthier die Einhaltung bzw. die Nicht-Einhaltung der geltenden Bewertungsvorschriften, und zwar sowohl imHinblick auf die zu verwendenden Datenquellen als auch auf die zu nutzenden Bewertungsverfahren.Zwar folgen auch die rechtlichen Vorgaben für die verschiedenen formal-rechtlichen Bewertungsanlässei.d.R. der Logik, den wirtschaftlichen Wert eines Gutes ungefähr richtig einzuschätzen. Anstelle des Bemü-hens, den Wert einer Sache für das jeweiligeWirtschaftssubjekt so zutreffend wie möglich zu bestimmen,nutzt man aber sog. objektive Bewertungsvorschriften. Auch hier sei zur Vermeidung von Missverständ-nissen der Begriff „objektive Bewertung“ ausdrücklich präzisiert: Bei der Bestimmung des „objektiven“Wertes wird nach festen formalen Regeln vorgegangen, die vom Einzelfall abstrahieren. Damit ist zwarintersubjektiv leicht nachvollziehbar, ob ein Wert auf der Grundlage der jeweils vorgeschriebenen Daten-quellen und Bewertungsregeln bestimmt wurde. Dies geht aber auf Kosten der Subjektivität. Das heißt,der „objektive“ Wert ist nicht notwendigerweise der Wert, der für das einzelne Wirtschaftssubjekt tat-sächlich wirtschaftlich relevant ist. Um eine alltagssprachliche Gleichsetzung der Form „objektiv gleich zu-treffend“ zu vermeiden und gleichzeitig den Aspekt der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit zu betonen,verwenden wir im Folgenden den Begriff „objektivierter Wert“ statt „objektiver Wert“.19 19 Der Begriff „objektiver Wert“ wird auch in der Bedeutung „allgemeingültig“ im Sinne eines „Wertes fürJedermann“ verwendet. Dies gilt bspw. für den gemeinen Wert nach §9 Bewertungsgesetz (BewG), derfür die steuerliche Bewertung von Vermögensgegenständen relevant ist, oder für den ähnlich definier-ten Verkehrswert nach §194 Baugesetzbuch (BauGB). Der gemeine Wert und der Verkehrswert sind alsder Preis definiert, der im gewöhnlichen Geschäftsverkehr ohne Berücksichtigung ungewöhnlicher oderpersönlicher Verhältnisse zu erzielen ist. Der objektive Wert für Jedermann ist gleichzeitig ein objekti-vierter Wert, da er das Resultat eines objektivierten Verfahrens ist. Es kann aber durchaus weitere, vomWert für Jedermann abweichende objektivierte Werte geben. Man denke z.B. an den Wert eines GmbH-Anteils, der sich gemäß den formalen Bewertungsregeln ergibt, die für das Ausscheiden eines Gesell-schafters im Gesellschaftsvertrag festgelegt wurden. 8.2 Zum Zusammenhang zwischen Planung und Taxation 489 Einen auf den ersten Blick nicht zu der Systematik von Abb. 8-1 passenden Bewertungsanlass stellt die Be-leihung, d.h. eine Kreditgewährung auf der Grundlage einer dinglichen Sicherheit, dar. Die Bewertungdinglicher Sicherheiten (= Bestimmung des Beleihungswertes) und die Bestimmung der Beleihungsgrenzeim Rahmen der Kreditgewährung kann als „vorsorgliche Bewertung“ für einen Eigentumswechsel ver-standen werden, der erfolgen muss, wenn es mit der Kreditrückzahlung „schief geht“ und die Bank die Si-cherheit liquidieren muss, um ihr Kapital zurück zu gewinnen.Gemäß Abb. 8-1 gibt es bei einem Eigentumswechsel die „Taxation zur Entscheidungsunterstützung“(nicht-dominierte Eigentumswechsel) und die „Taxation für formal-rechtliche Bewertungsanlässe“ (do-minierte Eigentumswechsel). Bei einer weiteren Differenzierung lassen sich insgesamt vier Typen von Taxationsanlässen unterscheiden: nicht-dominiert, einseitig vom neuen Eigentümer dominiert, einseitigvom bisherigen Eigentümer dominiert und zweiseitig dominiert (vgl. Tab. 8-2). Tab. 8-2: Die entscheidungstheoretische Struktur von Taxationsanlässen Nicht-dominierter Taxationsanlass(freiwilliger Eigentumswechsel) Æ Ermittlung des subjektiv relevanten Wertes einer Sache für den potenziellen Verkäufer Æ Ermittlung des subjektiv relevanten Wertes einer Sache für den potenziellen Käufer Æ Eigentumswechsel kommt zustande, wenn der vom bisherigen Eigentümer geforderte Preis kleineroder gleich dem Preis ist, den der Käufer zu zahlen bereit ist Beispiel: Kauf/Verkauf eines Unternehmens Einseitig vom bisherigen Eigentümer dominierter Taxationsanlass(vom bisherigen Eigentümer rechtlich durchsetzbarer Eigentumswechsel) Æ Ermittlung des subjektiv relevanten Wertes einer Sache für den bisherigen Eigentümer Æ Ermittlung des objektivierten (formal-rechtlichen) Zahlungsanspruchs des bisherigen Eigentümersgegenüber dem neuen Eigentümer Æ Eigentumswechsel wird vom bisherigen Eigentümer durchgesetzt, wenn sein subjektiv relevanterWert unter seinem formal-rechtlichen Zahlungsanspruch liegt Beispiel: Kündigung eines GmbH-Geschäftsanteils Einseitig vom neuen Eigentümer dominierter Taxationsanlass(vom neuen Eigentümer rechtlich durchsetzbarer Eigentumswechsel) Æ Ermittlung des subjektiv relevanten Wertes einer Sache für den neuen Eigentümer Æ Ermittlung der objektivierten (formal-rechtlichen) Zahlungsverpflichtung des neuen Eigentümersgegenüber dem bisherigen Eigentümer Æ Eigentumswechsel wird vom neuen Eigentümer durchgesetzt, wenn sein subjektiv relevanter Wertüber seiner formal-rechtlichen Zahlungsverpflichtung liegt Beispiel: Wahrnehmung einer Kaufoption Zweiseitig dominierter Taxationsanlass(von einem „Dritten“ durchgesetzter Eigentumswechsel) Æ Ermittlung des objektivierten (formal-rechtlichen) Zahlungsanspruchs des bisherigen Eigentümers Æ Eigentumswechsel ist von außen vorgegeben; der bisherige Eigentümer hat einen objektivierten(formal-rechtlichen) Zahlungsanspruch gegenüber einem anderen Wirtschaftssubjekt, das nicht derneue Eigentümer ist Beispiel: versicherter DiebstahlschadenBei nicht-dominierten Taxationsanlässen besteht Freiwilligkeit bzgl. des Tauschs „Sache gegen Geld“und „Geld gegen Sache“. In derartigen Situationen geht es für beide Seiten um den Vergleich von zweimöglichen Handlungsalternativen. Für den potenziellen Käufer geht es um die Frage, ob er eine Sache (einUnternehmen, einen Hektar Ackerland, eine Immobilie etc.) kaufen oder sein Geld alternativ (z.B. bei derBank) anlegen soll. Für den potenziellen Verkäufer geht es um die Frage, ob er durch den Verkauf das 490 8 Bewertung und Taxation bisher in der Sache gebundene Kapital freisetzen und es alternativ nutzen soll. Zu einem Tausch kommt esnur dann, wenn dies beiden Vertragspartnern vorteilhaft erscheint. Bei Abwesenheit von Marktpreisen- und das ist ja die Voraussetzung, um im Zusammenhang mit Wahlentscheidungen über Taxation zu spre-chen (vgl. Abb. 8-1) - besteht die Bewertungsaufgabe darin, den subjektiven Grenzpreis für den Käufer (d.h. seinen maximalen Kaufpreis) und den subjektiven Grenzpreis für den Verkäufer (d.h. seinen minimalenVerkaufspreis) zu bestimmen. Neben Kauf- und Verkaufsvorgängen gehört auch die begrenzte zeitlicheÜberlassung von Nutzungsrechten gegen Zahlung eines Geldbetrags, d.h. z.B. Pacht- und Verpachtungs-entscheidungen oder Miet- und Vermietungsentscheidungen, zu den nicht-dominierten Taxationsanlässen.Bei einseitig dominierten Taxationsanlässen ist zu unterscheiden, ob der neue oder der bisherige Ei-gentümer „dominiert“, d.h. den Eigentumswechsel einseitig durchsetzen kann: (1) Hat der bisherige Ei-gentümer die Macht, den Eigentumswechsel herbeizuführen, muss er überlegen, ob der formal-rechtlicheZahlungsanspruch, den er gegenüber dem neuen Eigentümer durchsetzen kann, höher ist als der Wert derSache „in seinen Händen“. Ein Beispiel ist das Ausscheiden eines GmbH-Gesellschafters. Der Gesellschafterwird dann kündigen, wenn das Halten des Geschäftsanteils für ihn subjektiv weniger wert ist als die Ab-findung, die er von den verbleibenden Gesellschaftern gemäß Gesetz oder gemäß den Regelungen des Ge-sellschaftsvertrags verlangen kann. (2) Liegt die Macht zur Herbeiführung eines Eigentumswechsels beimzukünftigen Eigentümer, ist für diesen maßgeblich, ob der für ihn subjektiv relevante Wert der Sache hö-her ist als die formal-rechtliche Zahlungsverpflichtung, die ihm gegenüber dem bisherigen Eigentümerentsteht. Ein Beispiel für einen vom neuen Eigentümer dominierten Taxationsanlass ist die Wahrnehmungeiner Kaufoption auf ein Gut zu bestimmten, in der Vergangenheit festgelegten Konditionen.Viele weitere Taxationsanlässe können von ihrer Problemstruktur her als einseitig dominiert verstandenwerden. Folgende Anlässe sind besonders relevant: • Enteignungen: Bei Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit dominiert der zukünftige Eigentümer,d.h. die Allgemeinheit bzw. der Staat. Bei einer Enteignung ist möglicherweise nicht von vornherein of-fensichtlich, was die „Ermittlung des subjektiv relevanten Wertes der Sache für den neuen Eigentümer“bedeutet. Die Tatsache, dass der mit einer Enteignung verbundene Eingriff in das Eigentumsrecht nurzum Wohle der Allgemeinheit zulässig ist (vgl. Abschnitt 8.3), impliziert, dass die enteignete Sache fürdie Allgemeinheit (viel) mehr wert sein muss als die dem Enteigneten zu zahlende Entschädigung. Eineexplizite Quantifizierung des Wertes der Sache für den neuen Eigentümer kann zwar entfallen, nichtaber die formal-rechtliche Bemessung der gesetzlich geregelten Entschädigungszahlung. • Gesetzliche oder vertragliche Schadensersatzfälle: Wenngleich der Schadensverursacher in vielenFällen „die Sache nicht erlangt“, ist er als dominierender Akteur zu sehen. Er hat ja das Eigentum desGeschädigten (Opfers) ohne dessen Einwilligung „weggenommen“, indem er es fahrlässig oder vor-sätzlich geschädigt oder zerstört hat. Hierfür haftet er, d.h. er muss dem Geschädigten nach dem zivil-rechtlichen Deliktsrecht (§823 Absatz 1 BGB) Schadensersatz in Höhe des erlittenen Wertverlusts be-zahlen. Gleiches gilt bei einem Schaden, der durch die Verletzung vertraglicher Leistungspflichten(z.B. nicht termingerechte Übergabe einer mangelfreien Sache gemäß Verkaufsvertrag) entsteht. • Erbauseinandersetzungen: Die von der Hofnachfolge ausgeschlossenen „weichenden Erben“ werdendominiert. Sie können nicht selbstbestimmt entscheiden, ob sie ihren Erbteil in Form eines Unterneh-mensanteils behalten wollen oder nicht. Vielmehr hat der Erblasser eine Hoferbin oder einen Hoferbenbestimmt. Die weichenden Erben haben aber für die „erzwungene Hergabe“ ihres Unternehmensanteilseinen Abfindungsanspruch, dessen Bemessung in den entsprechenden (Landes)Gesetzen geregelt ist.Während klar ist, was mit einem „einseitig dominierten Taxationsanlass“ gemeint ist, erschließt sich dieBedeutung des Begriffs „zweiseitig dominierter Taxationsanlass“ nicht auf den ersten Blick. Als zwei-seitig dominierten Taxationsanlass kann man die Bemessung der Versicherungsleistung auffassen, die einVersicherungsnehmer vom Versicherer als Ersatz für den Schaden erhält, der ihm durch das versicherteSchadensereignis entstanden ist. Im Versicherungsvertrag ist geregelt, wie die Höhe der Versicherungs- 8.3 Rechtliche Bedeutung von Artikel 14 GG für die Taxation 491 leistung genau zu bestimmen ist. Unabhängig von der konkreten Vertragsgestaltung ist hierfür immer dieBestimmung der Schadenshöhe erforderlich. Dies ist eine Taxationsaufgabe. Zweiseitig dominiert ist dieseSituation deshalb, weil beiden Vertragspartnern ein unfreiwilliger Eigentumswechsel aufgezwungen wird.Dem dominierten Versicherten wird die Sache ohne seine Einwilligung „weggenommen“. Im Gegensatzzum Schadensersatzfall oder zur Enteignung geschieht dies aber nicht durch einen anderen (dominieren-den) Beteiligten, der dann einen finanziellen Ausgleich zu leisten hat. Vielmehr erfolgt die Wegnahmedurch einen „Dritten“. Dies schließt Fälle von Diebstahl, aber auch natürliche Schadereignisse (und damitdie Natur als „Dritten“) ein. Ein Versicherungsvertrag lässt sich damit wie folgt interpretieren: In der ge-danklichen Sekunde, in dem das versicherte Schadereignis (z.B. Diebstahl, Brand, Hagelschlag, Glasbruchetc.) eintritt, wechselt die Sache den Eigentümer, nämlich vom Versicherten zum Versicherer. Der Versi-cherer wird seinerseits aber auch dominiert. Ihm wird genau in derselben gedanklichen Sekunde durchden dominierenden „Dritten“ die Sache wieder genommen. Er hat aber die Pflicht, dem Versicherten dievertragsgemäße Versicherungsleistung zu bezahlen. 8.3 Rechtliche Bedeutung von Artikel 14 GG für die TaxationDer mit „Eigentum - Erbrecht - Enteignung“ überschriebene Artikel 14 GG stellt die essentielle rechtlicheGrundlage der Taxation dar. Dies bezieht sich zunächst auf einen ganz grundsätzlichen Sachverhalt: Ohne(staatliche) Garantie des Rechts auf Eigentum könnten sich keine freiwilligen Tauschvorgänge entwi-ckeln. Damit ergäbe sich auch nicht die Bewertungsfrage, wie viel Geld bei einem nicht-dominierten Ei-gentumswechsel für eine Sache zu fließen hat. Aber auch ein dominierter Eigentumswechsel würde beieiner fehlenden Eigentumsordnung keinen Bewertungsanlass darstellen. Mangels Rechtsordnung würdeja gar kein rechtlicher Zahlungsanspruch für einen erzwungenen Eigentumswechsel existieren. Der Begriff„dominiert“ wäre lediglich als gewalttätige Aneignung von Sachen in einem „Krieg aller gegen alle“ zu ver-stehen, in dem der Stärkere aufgrund fehlender Normen und Gesetze gewinnt. Eine Bewertung wäre in ei-nem solchen rechtlosen Zustand, den man auch als Anomie bezeichnet, obsolet. Artikel 14 (Eigentum - Erbrecht - Enteignung)(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Ge-setze bestimmt.(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich demWohle der Allgemeinheit dienen.(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder aufGrund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist un-ter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen derHöhe der Entschädigung steht im Streitfall der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.Neben dem grundsätzlichen Recht auf Eigentum verweist Artikel 14 GG auch auf die Grenzen des Eigen-tums. Absatz 2 weist in allgemeiner, aber ausdrücklicher Form darauf hin, dass Eigentum auch demWohleder Allgemeinheit zu dienen hat. Dies bezeichnet man als Sozialpflichtigkeit bzw. Sozialbindung des Ei-gentums. Der rechtsphilosophische Grundsatz der Sozialpflichtigkeit hat zwei Implikationen: Erstensmüssen die institutionellen Grenzen des Eigentums festgelegt werden. Dies meint die generelle Be-stimmung des Inhalts und der Schranken des Eigentums. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, sichEigentum konzeptionell als ein „Bündel von Verfügungs- und Nutzungsrechten“ vorzustellen, das in Ab-wägung der Interessen der Allgemeinheit und des Einzelnen durch Gesetze definiert wird. Das Ablassenvon Motoröl ins Erdreich gehört bspw. nicht zu dem Bündel an Rechten, die mit dem Bodeneigentum ver-bunden sind. Zweitens führt die Sozialbindung des Eigentums aber auch zu Absatz 3, in dem geregelt ist,dass der Staat zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben in das Recht auf Eigentum von Einzelnen eingreifen unddurch einen hoheitlichen Rechtsakt Enteignungen vornehmen kann, wenn dies dem Wohle der

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Zusammenfassung

Gemäß dem Motto „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ geht es im vorliegenden Lehrbuch darum, Studierenden und Praktikern beim Erwerb analytischer Fähigkeiten und einer problemlösungsorientierten Methodenkompetenz zu helfen.

Für die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere der Wettbewerbsdruck und das unternehmerische Risiko sind infolge der Liberalisierung der Agrarmärkte und des Klimawandels angestiegen. Hinzu kommen ein laufender Anpassungsdruck an veränderte Verbraucherwünsche, neue gesellschaftliche Anforderungen sowie eine zunehmende Verflechtung zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Das vorliegende Lehrbuch trägt diesen Entwicklungen durch die Fokussierung auf die praktische unternehmerische Entscheidungsunterstützung unter Risiko Rechnung.

Dieses Buch schafft zum einen das theoretisch-konzeptionelle Verständnis für die grundlegenden ökonomischen Strukturen der wichtigsten unternehmerischen Entscheidungsanlässe. Zum anderen vermittelt es das handwerkliche Können im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Analyse- und Planungsinstrumenten, über das Manager in einer unsicheren Unternehmensumwelt verfügen müssen, um erfolgreiche Entscheidungen fällen zu können.

Aus dem Inhalt:

• Grundlagen und Ziele unternehmerischen Entscheidens

• Kontrolle und Analyse

• Produktionstheorie

• Produktionsprogrammplanung

• Investitionsplanung und Finanzierung

• Querschnittsaufgabe Risikomanagement

• Bewertung und Taxation

• Corporate Social Responsibility

Über die Autoren:

Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich für Landwirtschaftliche Betriebslehre am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Norbert Hirschauer ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung im Agribusiness am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Für Dozenten steht auf der Website ein auf das Buch abgestimmter Foliensatz mit den Abbildungen und Tabellen des Buches zur Verfügung. Für Studierende sind Übungsaufgaben formuliert.