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4.1 Vorbemerkungen in:

Norbert Hirschauer, Oliver Mußhoff

Modernes Agrarmanagement, page 155 - 157

Betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsverfahren

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4743-9, ISBN online: 978-3-8006-4457-5, https://doi.org/10.15358/9783800644575_155

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4 Produktionstheorie 4.1 VorbemerkungenProduktion heißt, Inputs (Produktionsfaktoren) einzusetzen und mit einer bestimmten Produktions-technologie in Outputs (Produkte) zu transformieren. Die Produktionstheorie behandelt die grundlegendenökonomischen Zusammenhänge, die bei Input- und Outputentscheidungen zu berücksichtigen sind. Die drei zentralen Fragestellungen der Produktionstheorie bestehen in der Bestimmung (1) der optima-len speziellen Intensität, (2) der Minimalkostenkombination und (3) der optimalen Produktionsrichtung.Bei der optimalen speziellen Intensität geht es darum, welche Menge eines bestimmten Faktors einge-setzt werden soll (wie intensiv ein spezieller Faktor optimalerweise zu nutzen ist). Man spricht in diesemZusammenhang auch von der optimalen Faktorintensität. Ein Beispiel in der landwirtschaftlichen Produk-tion ist die Ermittlung der optimalen Höhe des Stickstoffeinsatzes pro ha Weizen. Bei der Minimalkostenkombination wird gefragt, in welchen Mengenverhältnissen Produktionsfaktoren ein-gesetzt werden sollen (welche Faktorkombination die kostenminimale Produktion einer bestimmten Out-putmenge gewährleistet). Man spricht hier auch von der optimalen Faktorallokation. Ein gut bekanntesBeispiel sind Rationalisierungsmaßnahmen, die die kostengünstigere Herstellung einer gegebenen Out-putmenge durch eine Veränderung des Einsatzverhältnisses von Kapital und Arbeit ermöglichen. Bei derFrage nach der optimalen Produktionsrichtung geht es darum, das Mengenverhältnis zu bestimmen, indem verschiedene Produkte hergestellt werden sollen (welche Ausrichtung der Produktion beieiner bestimmten Kapazitätsausstattung optimalerweise zu wählen ist). Man bezeichnet dies alsoptimale Produktallokation. Ein Beispiel ist die Ermittlung des optimalen Anteils von Weizen und Gersteauf einer gegebenen Ackerfläche.Stellvertretend für eine Vielzahl von Produktionsfaktoren, über deren Einsatz entschieden werden muss,und stellvertretend für eine Vielzahl von Produkten, die man in verschiedenen Kombinationen erzeugenkann, nehmen wir im Folgenden eine Zwei-Variablen-Perspektive ein. Tab. 4-1 verdeutlicht denZusammenhang. Tab. 4-1: Die variablen Größen der drei produktionstheoretischen Fragestellungen Faktormenge 1 (z.B. Stickstoff) Faktormenge 2 (z.B. Saatgut) Produktmenge 1 (z.B. Weizen) Produktmenge 2 (z.B. Kartoffeln) Faktormenge 1 Minimalkosten-kombination Faktormenge 2 Minimalkosten-kombination Produktmenge 1 OptimaleProduktionsrichtung Produktmenge 2 OptimaleProduktionsrichtungWir betrachten zwecks Übersichtlichkeit insgesamt nur vier Größen: zwei Inputs und zwei Outputs. Beiden einzelnen Fragestellungen nimmt die Produktionstheorie jeweils eine partielle Perspektive (Ceteris- O p t i m a l e s p e z i e l l eI n t e n s i t ä t O p t i m a l e s p e z i e l l eI n t e n s i t ä t 144 4 Produktionstheorie Paribus-Perspektive) ein, bei der nur zwei Größen als Variablen betrachtet und alle anderen Größen alsgegebene Parameter unterstellt werden. Die durch die Matrixfelder bezeichneten Variablenkombinatio-nen bezeichnen den Gegenstand der jeweiligen produktionstheoretischen Fragestellung.Über die Zwei-Variablen-Perspektive hinaus werden die folgenden Annahmen getroffen:1. Unternehmerziel „Gewinnmaximierung“: Der Unternehmer verfolgt eine eindimensionale Ziel-setzung, nämlich die Maximierung des Gewinns. Andere Ziele werden nicht berücksichtigt.2. Vollkommene Information: Der Unternehmer kennt alle zukünftigen Zustände und Entwicklungensowohl im technischen als auch im wirtschaftlichen Bereich. Unsicherheit bzgl. der Erträge, Qualitätenund Preise werden nicht berücksichtigt.3. Homogenität: Alle betrachteten Güter auf den Faktor- und Produktmärkten haben die gleichenEigenschaften. Zum einen wird also von einer unterschiedlichen Wirkung einer in verschiedenenStickstoffdüngemitteln (z.B. Kalkammonsalpeter und Ammoniumnitrat) enthaltenen Reinstickstoff-menge abstrahiert. Zum anderen werden preisbeeinflussende Unterschiede in der Produktqualität(z.B. unterschiedliche Rohproteingehalte imWeizen) vernachlässigt.4. Teilbarkeit: Alle Inputs und Outputs sind beliebig stückelbar. Es wird somit bspw. davon abstrahiert,dass der Einsatz von bestimmten Inputs (z.B. Maschinen) oder die Produktion bestimmter Outputs(z.B. Tiere) nur ganzzahlig erfolgen kann.5. Statische Betrachtung: Es wird nur eine Produktionsperiode betrachtet. Vernachlässigt wird also,dass gegenwärtige Entscheidungen positive oder negative Auswirkungen auf den zukünftigenProduktionserfolg haben können. Sachverhalte, wie z.B. der Vorfruchtwert von Leguminosen oderErosionsschäden beim Maisanbau, bleiben unberücksichtigt.6. Nicht-Berücksichtigung externer Effekte: Es wird eine einzelwirtschaftliche Sicht eingenommen,d.h. es wird davon abstrahiert, dass Entscheidungen negative oder positive Wirkungen außerhalb desUnternehmens haben können, die nicht zu Kosten oder Erlösen6 für das Unternehmen führen (vgl.Kapitel 9). Sachverhalte, wie Umweltschäden oder der positive Effekt einer schönen Kulturlandschaftfür die Gesellschaft, bleiben damit unberücksichtigt.7. Mengenanpassung (price taker): Der Unternehmer hat durch seine Faktoreinsatz- und Produkti-onsmengenentscheidungen weder auf den Faktormärkten noch auf den Produktmärkten Einfluss aufdie Preise. Man sagt auch: Die Faktor- und Produktpreise stellen für den Unternehmer ein Datum dar.Er kann aber die Faktornachfrage- und Produktionsmengen an die gegebenen Preise anpassen.Die genannten Annahmen sind ohne Zweifel unrealistisch. In der Praxis sind die Dinge wesentlich komplexer.Dies ist zwar bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen, stellt an dieser Stelle aber keinenNachteil, sondern einen Vorteil dar. Es geht ja zunächst darum, die grundsätzlichen ökonomischen Wirkungs-zusammenhänge zu durchdringen. Darauf aufbauend sind dann für unterschiedliche betriebliche Entschei-dungssituationen konkrete Planungsverfahren zu entwickeln, um praktische Entscheidungen zu unterstützen.Bei der Beantwortung der drei zentralen Fragestellungen der Produktionstheorie gehen wir stufenweisevor: In Abschnitt 4.2 wird die Bestimmung der optimalen speziellen Intensität behandelt. Die Bestimmungder Minimalkostenkombination ist Gegenstand von Abschnitt 4.3. In Abschnitt 4.4 wird auf den sog.Expansionspfad eingegangen, der den Zusammenhang zwischen den ersten beiden Fragestellungen her-stellt. Abschnitt 4.5 widmet sich der Bestimmung der optimalen Produktionsrichtung. In Abschnitt 4.6wird die Bedeutung der Produktionstheorie für praktische ökonomische Entscheidungen diskutiert. 6 Man könnte hier auch von Kosten und Leistungen sprechen. Da man bei der Darstellung der allgemei-nen produktionstheoretischen Zusammenhänge aber von Vorratshaltung und Zusatzleistungen abstra-hiert, wird - der Konvention folgend - von Kosten und Erlösen gesprochen. 4.2 Optimale spezielle Intensität 145 4.2 Optimale spezielle Intensität 4.2.1 Beschreibung und Lösung des EntscheidungsproblemsIm Folgenden beschreiben wir die Bestimmung der optimalen speziellen Intensität. Dabei betrachten wirdas Beispiel der optimalen Stickstoffeinsatzmenge beim Anbau von Weizen. Um die Stickstoffintensität zuoptimieren, muss man zunächst den Zusammenhang zwischen dem technisch maximal möglichen Wei-zenertrag (Output) und der jeweiligen Stickstoffeinsatzmenge (Input) kennen. Es sei unterstellt, dass die-ser biologisch-technische Zusammenhang aufgrund von ackerbaulichen Versuchen bekannt ist. Bei die-sen Versuchen wurde Winterweizen auf mehreren gleich großen Parzellen identischer Bodengüte mitsteigenden Stickstoffmengen gedüngt. Alle weiteren Inputs, wie z.B. die Aussaatmenge, die Düngung mitsonstigen Nährstoffen, Pflanzenschutz etc., wurden konstant gehalten. Die Ergebnisse der Versuche zei-gen, welche Weizenerträge (in dt/ha) an diesem Standort bei Stickstoffmengen von 0, 20, 40, …, 300 kg/hagemessen wurden (vgl. Abb. 4-1). Abb. 4-1: Versuchsaufbau zur Bestimmung des Zusammenhangs zwischen Stickstoffeinsatzmenge und Weizenertrag Ein Blick auf die in der unteren Hälfte von Abb. 4-1 angegebenen Zahlenwerte zeigt, dass bereits die nichtgedüngte Parzelle aufgrund des im Boden mobilisierbaren Stickstoffvorrats einen Ertrag von 45 dt/ha lie-fert. Die Zufuhr von Stickstoffdünger bringt zunächst erhebliche Ertragszuwächse. Diese nehmen jedochmit wachsendem Stickstoffeinsatz ab. So kann durch eine Erhöhung der Stickstoffintensität von Null auf 0 kg/ha Annahmen: • Mit Weizen bestelltehomogene Parzellen • UnterschiedlicheStickstoffintensitäten • Identischer sonstigerFaktoreinsatz 20 kg/ha 40 kg/ha ... ... Stickstoffeinsatz ݔௌ௧ (kg/ha) Weizenertrag ݕௐ௘ (dt/ha)020 45,052,6... ...200 85,0 Zusammenhang zwischen Stickstoffeinsatz undWeizenertrag ... ... ...300 75,0 180 84,6220 84,6

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Zusammenfassung

Gemäß dem Motto „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ geht es im vorliegenden Lehrbuch darum, Studierenden und Praktikern beim Erwerb analytischer Fähigkeiten und einer problemlösungsorientierten Methodenkompetenz zu helfen.

Für die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere der Wettbewerbsdruck und das unternehmerische Risiko sind infolge der Liberalisierung der Agrarmärkte und des Klimawandels angestiegen. Hinzu kommen ein laufender Anpassungsdruck an veränderte Verbraucherwünsche, neue gesellschaftliche Anforderungen sowie eine zunehmende Verflechtung zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Das vorliegende Lehrbuch trägt diesen Entwicklungen durch die Fokussierung auf die praktische unternehmerische Entscheidungsunterstützung unter Risiko Rechnung.

Dieses Buch schafft zum einen das theoretisch-konzeptionelle Verständnis für die grundlegenden ökonomischen Strukturen der wichtigsten unternehmerischen Entscheidungsanlässe. Zum anderen vermittelt es das handwerkliche Können im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Analyse- und Planungsinstrumenten, über das Manager in einer unsicheren Unternehmensumwelt verfügen müssen, um erfolgreiche Entscheidungen fällen zu können.

Aus dem Inhalt:

• Grundlagen und Ziele unternehmerischen Entscheidens

• Kontrolle und Analyse

• Produktionstheorie

• Produktionsprogrammplanung

• Investitionsplanung und Finanzierung

• Querschnittsaufgabe Risikomanagement

• Bewertung und Taxation

• Corporate Social Responsibility

Über die Autoren:

Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich für Landwirtschaftliche Betriebslehre am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Norbert Hirschauer ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung im Agribusiness am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Für Dozenten steht auf der Website ein auf das Buch abgestimmter Foliensatz mit den Abbildungen und Tabellen des Buches zur Verfügung. Für Studierende sind Übungsaufgaben formuliert.