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1.4 Die Ursprünge des Controllings in:

Péter Horváth

Controlling, page 31 - 33

12. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3878-9, ISBN online: 978-3-8006-4455-1, https://doi.org/10.15358/9783800644551_31

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
1 Das Controllingkonzept18 Vahlens Handbücher – Horváth – Controlling (12. Auflage) – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 19.09.2011 Status: Imprimatur Seite 18 gezeigt: Der Controller ist kein Kontrolleur! Das grundlegende Missverständnis liegt jedoch darin, dass mit der gängigen „deutschen“ Bezeichnung „Controlling“ entweder „Controllership“ oder die Wahrnehmung von „Control“ gemeint sein kann. Unsere Beispiele zeigen aber: Der Controller macht selbst kein „Control“ bzw. „Controlling“, er unterstützt vielmehr die Führung hierbei. In den folgenden Abschnitten des Buches wird noch ausführlich dargelegt, dass die Aufgaben des Controllers weder mit „control“ noch mit „kontrollieren“ zu umschreiben sind. Da sich jedoch für die institutionalisierte koordinierende Funktion der Informations- und Planungsunterstützung im deutschen Sprachgebrauch „Controlling“ (= Funktion) und „Controller“ (= Funktionsträger) eingebürgert haben, wollen wir diese Bezeichnungen weiter verwenden. Festgehalten sei, dass wir dabei immer „Controllership“ meinen. Heute sind die begrifflichen Unklarheiten weitgehend behoben. In der Praxis und Literatur sind die Begriffe „Controller“ und „Controlling“ unter Fachkundigen klar. 1.4 Die Ursprünge des Controllings Das Entstehen der institutionalisierten Controllingaufgaben im heutigen Sinne ist in erster Linie das Ergebnis der industriellen Entwicklung in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vgl. hierzu auch Horváth 2002). Jackson (1949), der der Entstehungsgeschichte empirisch nachgegangen ist, zeigt, dass die Controllingaufgaben in amerikanischen Unternehmungen aus den Aufgaben des „secretary“ (Schriftführer) und des „treasurer“ (Schatzmeister) entstanden sind, „when it became necessary, because of the large volume of accounting work involved, or advantageous for other reasons, to separate the accounting functions from the secretarial and financial functions of the corporate business“ (Jackson 1949, S.9). Die Zunahme der Aufgaben im Rechnungswesen war nicht nur eine Folge des Wachstums, sondern auch eine Konsequenz der stärkeren und umfassenden steuerlichen Belastung und der komplizierten Finanzierungsformen (vgl. Th. H. Sanders im Vorwort zu Jackson 1949). Die erste Unternehmung, die die Stelle eines „Comptroller“ einrichtete, war die „Atchison, Topeka & Santa Fe Railway System“, die 1880 diese Stelle mit eher finanzwirtschaftlichen Aufgaben ausstattete: „The duties of the Comptroller are largely financial and relate to the bonds, stocks, and securities owned by the company …“ (Satzung der Unternehmung, zit. bei Jackson 1949, S. 8). Die Eisenbahngesellschaften waren zu dieser Zeit die Vorreiter der Industrialisierung (vgl. Chandler 1962, S.23). Als erste Industrieunternehmung hat 1892 die „General Electric Company“ die Stelle des Controllers etabliert. Allerdings scheint die Aufgabe in den darauffolgenden Jahren noch nicht stark verbreitet gewesen zu sein, da bei den 143 amerikanischen Großunternehmungen (von 195 Befragten), die diesen Aufgabenkreis 1948 bereits auswiesen, das „Durchschnittsalter“ für die Aufgabe erst 22 Jahre betrug (vgl. Jackson 1949, S. 7). 1.4 Die Ursprünge des Controllings 19 Vahlens Handbücher – Horváth – Controlling (12. Auflage) – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 19.09.2011 Status: Imprimatur Seite 19 In der Tat, erst die Herausforderung der Depressionsjahre der Weltwirtschaftskrise hat zu verstärkten Anstrengungen auf den Gebieten der Planung und des Rechnungswesens in der Unternehmung und damit zur Etablierung der Controllingfunktion geführt (vgl. z.B. Peirce 1964, S. 50). Das „Controller’s Institute of America“ wurde bereits 1931 gegründet. Der Verband hatte im Jahre 1962 in den USA und Kanada ca. 5000 Mitglieder. In diesem Jahr erfolgte ein Namenswechsel in „Financial Executives Institute“, um die verwandten Interessen von Controllern, Treasurern und „financial vice presidents“ gemeinsam vertreten zu können (vgl. Hill 1976). Die Zeitschrift „The Controller“ wurde 1934 gegründet, sie erscheint seit 1962 unter dem Titel „The Financial Executive“. Im Jahre 1944 wurde die Forschungsinstitution „Controllership Foundation“ ins Leben gerufen (seit 1962: „Financial Executives Research Foundation“). 1976 repräsentierte das FEI mit 9300 persönlichen Mitgliedern 450 bzw. 800 von den 500 bzw. 1000 größten US-Unternehmungen. Stolz wird vermerkt, dass im Mai 1971 der erste „fulltime president“ gewählt werden konnte (vgl. o.V. 1976, S. 82). Die Grundfunktionen des Controllers gingen nach einer empirischen Untersuchung (im Auftrag der Standard Oil of California) in 25 führenden amerikanischen Großunternehmungen bereits Anfang der Vierzigerjahre über das reine Rechnungswesen hinaus (vgl. Voorhies 1944, S.30): r Rechnungsfunktion: Buchführung, Kostenrechnung, Entwurf von Methoden und Systemen im Rechnungswesen, Koordination der Verwaltung in der gesamten Unternehmung, r Revisionsfunktion: Entwurf und Betreuung des Systems der internen Kontrolle, interne Revision, r Zusammenarbeit mit der externen Revision, r Steuerfunktion: Sammlung steuerlicher Informationen, Steuererklärungen, Zusammenarbeit mit den Finanzbehörden, r Interpretationsfunktion: Aufbereitung, Analyse und Erläuterung finanzieller Informationen zur Unterstützung des Managements bei Planung, Ergebnisermittlung oder für andere externe und interne Vorhaben. Die Definition von Knoeppel aus dem Jahre 1935 klingt auch in heutiger Sicht wegweisend: „We can define the controllership as the coordinating function in a business, working in a detached and unbiased way, and charged with the responsibility of planning for profits and providing suitable profit control machinery. It is the investigative, analytical, suggestive and advisory function, studying the business at all points all the time, and formulating what the proposed practice should be with reference to sales and production control, which, when accepted or modified by the executive management, becomes the approved practice for use by the performance or ,line‘ function.“ (Knoeppel 1935, zitiert bei Hill 1976, S. 39) Der Controller war bereits in dieser Zeit in amerikanischen Großunternehmungen entweder Mitglied der Geschäftsführung oder dieser unmittelbar zugeordnet (vgl. Jackson 1949, S. 46 sowie die Organisationspläne und Stellenbeschreibungen ebenda S. 55 ff., vgl. auch Littlefield, Thompson 1965). 1 Das Controllingkonzept20 Vahlens Handbücher – Horváth – Controlling (12. Auflage) – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 19.09.2011 Status: Imprimatur Seite 20 Immer wieder wird die Rolle des Controllers als „Coordinating Agent“ betont (vgl. z.B. Bradshaw 1950, S. 15). Auch auf die „Evolution of Controllership“ wird häufig hingewiesen (so z.B. Anderson, Saunders 1950, S. 47). Über die Anfänge der Controllingaufgaben im staatlichen Bereich berichtet Jackson (1950, S. 17 ff.): Die Stelle eines „Countrollour“ gab es bereits im 15. Jahrhundert am englischen Königshof für Aufgaben, die die Überprüfung von Aufzeichnungen über ein- und ausgehende Gelder und Güter zum Gegenstand hatten (z.B. „Countroller of Accounts in the Lord Chamberlain’s Office“). Der Titel erscheint später bei verschiedenen Positionen in der englischen Staatsverwaltung (z.B. „Controller of the Navy“). In den USA wurden vom Kongress 1778 per Gesetz die Ämter für „Comptroller, Auditor, Treasurer, and six Commissioners of Accounts“ geschaffen. Der Controller hatte über das Gleichgewicht zwischen dem Staatsbudget und der Verwendung der Staatsausgaben zu wachen. Nach mehreren Gesetzesänderungen gibt es heute das unabhängige Amt des „Comptroller General“ als Leiter des „General Accounting Office“ der USA. Die etymologische Erklärung des Wortes „controller“ bzw. „comptroller“ ist etwas kompliziert (vgl. Crow 1927, S. 1): Im mittelalterlichen Latein war „contra rolatus“ („Gegenrolle“) die Bezeichnung für eine zweite – für Kontrollzwecke vorgenommene – Aufzeichnung über eingehende bzw. ausgehende Güter und Gelder. Die Führung der „contre rôle“ (frz.) oder der „counter roll“ (engl.) oblag dem „countre-roullour“ oder „counterroller“. Der Begriff wird bereits 1292 im Englischen erwähnt (vgl. Jackson 1950, S. 22). Die Bezeichnung „comptroller“ sei im 16. Jahrhundert durch einen „etymologischen Irrtum“ entstanden (Jackson 1950, S. 22), indem das französische Wort „compter“ (= rechnen) als Basis der Schreibweise verwendet wurde. Crow (1927, S. 1) vermutet, dass der Grund darin liege, die Silbe „count“ nicht als Titel missverstehen zu können. Im Bereich der privaten Unternehmungen überwiegt heute die Bezeichnung „controller“ eindeutig (vgl. Peirce 1964), obwohl „The New Encyclopaedia Britannica“ (Bd. III, 1975, S. 57) noch vom „comptroller“ spricht. 1.5  Möglichkeiten zur Erkundung des Controllings in der Praxis Welche Möglichkeiten stehen uns zur Verfügung, Stand und Entwicklung des Controllings in der Praxis zu erkunden? Die Literatur können wir dabei in folgende Sparten aufteilen: r „Offizielle“ Verbandsdarstellungen, r Berichte über spezifische empirische Untersuchungen der Aufgaben, Organisation und Entwicklung des Controlling, r Veröffentlichungen über „typische“ oder „nachahmenswerte“ Lösungen aus der Praxis“, r Lehrbücher bzw. Nachschlagewerke zur Controllingfunktion.

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Zusammenfassung

Der Klassiker zum Controlling.

Controlling: umfassend und bewährt

Auch nach über dreißig Jahren verfolgt dieses Buch weiterhin das ehrgeizige Ziel, mit jeder Neuauflage den »State of the Art« in Wissenschaft und Praxis des Controllings wiederzugeben. Unverändert geblieben ist dabei die Intention dieses Standardwerkes. Es liefert eindeutige Antworten auf drei umfassende Fragen:

* Was ist die Grundidee des Controllingkonzepts?

* Welche Aufgaben umfasst die Controllingfunktion?

* Wie wird die Controllingfunktion organisatorisch realisiert?

Höchste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Péter Horváth gehört zu den renommiertesten Persönlichkeiten im Controlling. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrates einer Managementberatung und Gründungsherausgeber der Zeitschrift für Controlling.