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2.1 Vorbemerkungen in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 47 - 50

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_47

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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2 Überblick über die Finanzierungstheorie 2.1 Vorbemerkungen Finanzwirtschaftliche Planungen und Entscheidungen wirken mitunter weit in die Zukunft hinein. So führen beispielsweise Einzahlungen aus der Aufnahme von Krediten zu vertraglich vereinbarten Auszahlungsverpflichtungen für Zinsen und Tilgung in späteren Zeitpunkten. Aus der Aufnahme von Eigenkapital entstehen zwar keine rechtlichen Zahlungsverpflichtungen, wohl aber müssen die Erwartungen der Eigentümer durch Gewinnausschüttungen erfüllt werden. Im Bereich der Leistungsein- und -auszahlungen bestehen ebenfalls intertemporale Zusammenhänge; insbesondere ermöglichen Investitionsauszahlungen spätere Einzahlungsüberschüsse im Leistungsbereich. Zudem sind die Auswirkungen finanz- und leistungswirtschaftlicher Vorgänge auf die Zahlungen an den Staat (Steuern) bzw. vom Staat (Subventionen) zu berücksichtigen. Bei der Abstimmung zukünftiger Ein- und Auszahlungen muss angesichts einer ungewissen Zukunft zudem stets so disponiert werden, dass nicht nur beim planmäßig vorgesehenen Ablauf der Zahlungsströme der erforderliche Ausgleich von Ein- und Auszahlungen erreicht wird; man muss sich auch Entwicklungen anpassen können, die vom planmäßigen Verlauf abweichen. Hierzu ist ein hinreichend großes Potenzial von Anpassungsmöglichkeiten (ungenutzte Finanzierungsmöglichkeiten, Einschränkung des Investitionsprogramms, Liquidation von Finanzanlagen) notwendig.42 Daraus ergibt sich die Aufgabe, die aus den wechselseitigen geld- und güterwirtschaftlichen Beziehungen einer Unternehmung resultierenden Zahlungsmittelbewegungen im Gleichgewicht zu halten, also den Mittelbedarf und die verfügbaren Mittel aufeinander abzustimmen und die Leitung der Unternehmung auf (mögliche) finanzielle Engpässe hinzuweisen. Bei allen unternehmerischen Entscheidungen, die das Ziel verfolgen, den Erfolg langfristig zu maximieren, ist die strenge Nebenbedingung zu beachten, dass die Liquidität ständig gesichert sein muss. Der maximale Gewinn muss allerdings nicht zur Sicherung der Liquidität führen, was sich u. a. durch den Zusammenbruch illiquider Unternehmungen zeigt, die eine günstige Gewinnsituation aufweisen. Durch Nichtbeachtung dieser Liquiditätsproblematik wird der Bestand der Unternehmung bedroht, da • die Liquiditätssituation von Ein- und Auszahlungen (Zahlungsmittelbestandsveränderungen)43 mit beeinflusst wird; diese kann (und wird i. d. R.) aufgrund der Periodisierung der Zahlungsvorgänge zu Aufwendungen und Erträgen von der Erfolgssituation einer Periode abweichen; 42 Vgl. Hax, Herbert: Finanzierung. In: Vahlens Kompendium der Betriebswirtschaftslehre, Band 1, 4. Aufl., München 1998, S. 179-180. 43 Vgl. zu diesen Begriffen ausführlicher Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investition. 2. Aufl., München 2009, Abschnitt 1.1.1.1. 2 Überblick über die Finanzierungstheorie18 • durch unsere Rechtsordnung die Einhaltung von Liefer- und Zahlungsversprechen erzwungen werden kann. Damit wird deutlich, dass kurzfristig gesehen die Liquidität für die Existenz einer Unternehmung entscheidender sein kann als die Rentabilität und dass eine Unternehmung nur bei ständiger Erhaltung der Liquidität zur langfristigen Gewinnmaximierung in der Lage ist.44 Der störungsfreie Ablauf des Prozesses der betrieblichen Leistungserstellung erfordert es, dass der Unternehmung die erforderlichen liquiden Mittel fristgerecht zur Verfügung stehen. Voraussetzung für die Existenzsicherung der Unternehmung ist die zeitliche Koordination der Ein- und Auszahlungsströme. Das Problem der zeitlichen Abstimmung der Zahlungsströme entsteht aus zwei Gründen: • Die Kapitalgeber stellen der Unternehmung i. d. R. das Kapital befristet und unterschiedlich lange zur Verfügung. • Das in der Unternehmung eingesetzte Kapital wird für unterschiedlich lange Zeiträume in den Vermögenswerten gebunden. Im Rahmen der Finanzierungstheorie, die zur Lösung der bei der Finanzierung aufgeworfenen Probleme beitragen soll, sind vor allem zwei Fragestellungen von Interesse: • Kapitalgeber verlangen Hilfestellungen bei der Auswahl von am Geld- und Kapitalmarkt möglichen Anlageformen, • Kapitalnehmer, im Folgenden: die Unternehmungen, sind an Entscheidungshilfen interessiert, um in Bezug auf ihre Ziele optimale Finanzierungsalternativen finden zu können. Bei diesen Fragestellungen sind – dies zeigt Abbildung 7 (Seite 19) – die folgenden Komponenten von Bedeutung:45 (A) Die Ziele der Kapitalgeber und Kapitalnehmer: Sie beeinflussen wesentlich die Auswahl aus den zur Verfügung stehenden Alternativen. (B) Der Übertragungsvorgang: Beim Transfer der Zahlungen zwischen Kapitalgeber und Kapitalnehmer treten Behinderungen auf in Form von (1) Steuern, (2) Transaktionskosten (z. B. Überweisungs- und Maklergebühren) und (3) Informationskosten, weil Kapitalgeber und Kapitalnehmer ihre Engagements auswählen und überwachen müssen. Daneben sind (4) Opportunitätskosten zu berücksichtigen, wenn – wie üblich – die Entscheidung für eine Alternative gleichzeitig den Verzicht auf eine andere Möglichkeit erfordert. 44 Vgl. Bieg, Hartmut: Schwebende Geschäfte in Handels- und Steuerbilanz. Frankfurt a. M./Bern 1977, S. 179-180. 45 Vgl. hierzu Steiner, Manfred/Kölsch, Karsten: Finanzierung – Zielsetzungen, zentrale Ergebnisse und Entwicklungsmöglichkeiten der Finanzierungsforschung. In: Die Betriebswirtschaft 1989, S. 410-411. 2.1 Vorbemerkungen 19 (C) Der Marktzusammenhang: Die Ziele der Kapitalgeber und Kapitalnehmer und das Übertragungsmedium sind in den Marktzusammenhang zu bringen, aus dem sich die möglichen Anlage- bzw. Finanzierungsalternativen ergeben. (1) Steuern (2) Transaktionskosten (3) Informationskosten (4) Opportunitätskosten (C) M A R K T Z U S A M M E N H A N G Kapitalgeber (A) Übertragungsvorgang (B) Kapitalnehmer (A) Abbildung 7: Das Forschungsgebiet der Finanzierungstheorie46 Wird die Lösung der Probleme mit Hilfe quantitativ analytischer Modelle angestrebt, so spricht man von Finanzierungstheorie i. e. S. Die Finanzierungstheorie i. w. S. umfasst zusätzlich den Bereich der Begriffsbildung sowie die Beschreibung und Interpretation von Finanzierungsvorgängen. Hier wird von der weiten Interpretation ausgegangen. Abbildung 8 (Seite 20) enthält eine mögliche Systematisierung der Ansätze der Finanzierungstheorie.47 Bei der folgenden kurzen Charakterisierung der verschiedenen Theorieansätze wird auch darauf eingegangen, welche der in Abbildung 7 genannten Komponenten Untersuchungsgegenstand des jeweiligen Ansatzes sind. 46 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Überblick über die Finanzierungstheorien. In: Der Steuerberater 1997, S. 27. 47 Vgl. hierzu Steiner, Manfred/Kölsch, Karsten: Finanzierung – Zielsetzungen, zentrale Ergebnisse und Entscheidungsmöglichkeiten der Finanzierungsforschung. In: Die Betriebswirtschaft 1989, S. 413-425. Andere Systematisierungen sind ebenfalls möglich; vgl. z.B. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 7. 2 Überblick über die Finanzierungstheorie20 Fi na nz ie ru ng st he or ie i.w .S . K la ss is ch e Fi na nz ie ru ng st he or ie N eu er e Fi na nz ie ru ng st he or ie N eo -in st itu tio na lis tis ch e Fi na nz ie ru ng st he or ie Fi na nz ch em ie Fo rm en le hr e Pr oj ek tor ie ntie ru ng Fi na nz an al ys e Fi na nz pl an un g Ei nw er tig e A ns ät ze K ap ita lm ar kt th eo rie D es kr ip tiv Q ua nt ita tiv Pr in ci pa l- A ge nt - Th eo rie St rip pi ng R ep lic at in g (F in an ci al En gi ne er in g) V ol lk om m en er K ap ita lm ar kt U nv ol lk om m en er K ap ita lm ar kt Si ch er he it – K ap ita lw er tm et ho de – M et ho de de si nt er ne n Zi ns fu ße s U ns ic he re Er w ar tu ng en – Se ns iti vi tä ts an al ys e – Ri si ko an al ys e Si ch er he it – D ea n- M od el l – Li ne ar e Pr ogr am m ie ru ng U ns ic he re Er w ar tu ng en – C ha nc e- C on st ra in ed - M od el l – Fr ak til m od el l – M od ig lia ni /M ill er -T he or em – C ap ita lA ss et Pr ic in g M od el – A rb itr ag e Pr ic in g Th eo ry Abbildung 8: Systematisierung verschiedener Ansätze der Finanzierungstheorie i. w. S.48 2.2 Die klassische Finanzierungstheorie Die klassische Finanzierungstheorie betrachtet die Vorgänge im finanz- und leistungswirtschaftlichen Bereich unabhängig voneinander. Dabei wird hauptsächlich die Komponente (A), also die Ziele der Kapitalgeber und Kapitalnehmer, untersucht. Bei dieser überwiegend 48 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Überblick über die Finanzierungstheorien. In: Der Steuerberater 1997, S. 28.

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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.