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11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 416 - 447

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_416

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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11 Die Innenfinanzierung392 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung979 11.4.1 Vorbemerkungen Zu den vier Kernbereichen des Finanzierungsbegriffs980 zählen auch die beiden in diesem Abschnitt zu behandelnden betrieblichen Maßnahmen, nämlich • die Maßnahmen der Vermögensumstrukturierung, die der Erhöhung bzw. der Beschleunigung der Freisetzung des in Vermögenswerten, z. B. Sachgüter oder Finanztitel, gebundenen Kapitals, also der Liquidisierung von Vermögensgegenständen, dienen (Finanzierung durch Vermögensumschichtung); • die Maßnahmen zur optimalen Strukturierung des Kapitals der Unternehmung (Kapitalumschichtung, Umfinanzierung). 11.4.2 Die Vermögensumschichtung 11.4.2.1 Begriffliche Grundlagen sowie Überblick über die Instrumente der Vermögensumschichtung Unterteilt man die Instrumente der Innenfinanzierung nach ihrer Bilanzwirkung, so ist die zu einem Vermögenszuwachs und damit gleichzeitig zu einer Kapitalneubildung führende Innenfinanzierung (Bilanzverlängerung) von der sich aus einer Vermögensumschichtung und der dadurch hervorgerufenen Kapitalfreisetzung ergebenden Innenfinanzierung (Aktivtausch) zu unterscheiden.981 In beiden Fällen der Innenfinanzierung ist die Unternehmung selbst Quelle des Finanzierungsvorgangs, d. h., die Finanzmittel entstehen aus der eigenen Finanzkraft der Unternehmung.982 Im ersten Fall der Innenfinanzierung aus Vermögenszuwachs und dadurch bedingter Kapitalneubildung handelt es sich insbesondere um die Zurückbehaltung von erwirtschafteten Gewinnen im Wege der offenen und/oder stillen Selbstfinanzierung sowie um die Finanzierung durch Bildung von (langfristigen) Rückstellungen (z. B. Pensionsrückstellungen).983 Der zweite, hier zu behandelnde Fall der Innenfinanzierung aus Vermögensumschichtung bezieht sich dagegen auf die Freisetzung des in Sach- oder Finanzwerten gebundenen Kapitals im Wege der Veräußerung von Vermögensgegenständen bzw. durch den sich über den Markt vollziehenden betrieblichen Umsatzprozess. Bei diesen Maßnahmen der Vermö- 979 Vgl. zu diesem Abschnitt Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 67-78, S. 99-104; Waschbusch, Gerd: Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung. In: Der Steuerberater 1998, S. 269-277, S. 311-318. 980 Vgl. Abschnitt 1.3.2. 981 Vgl. Abschnitt 3.1. 982 Vgl. Busse, Franz-Joseph: Grundlagen der betrieblichen Finanzwirtschaft. 5.Aufl., München/Wien 2003, S. 658. 983 Vgl. dazu die Abschnitte 11.2 und 11.3. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 393 gensumschichtung handelt es sich demnach um die Liquidisierung bzw. Wiedererwirtschaftung ehemals investierter Mittel und deren Bereitstellung für erneute Finanzierungsvorgänge. Konkrete Instrumente der Innenfinanzierung aus diesem Bereich sind die Kapitalfreisetzung durch den Verkauf (nicht) betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände, insbesondere von Forderungen (z. B. im Rahmen des Factoring), die Kapitalfreisetzung durch Verkürzung der Kapitalbindungsdauer (Rationalisierungsmaßnahmen) sowie die Kapitalfreisetzung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten. Abbildung 115 gibt dazu einen strukturierten Überblick. Innenfinanzierung aus Vermögensumschichtung und dadurch bedingter Kapitalfreisetzung unabhängig vom betrieblichen Umsatzprozess aus dem betrieblichen Umsatzprozess Kapitalfreisetzung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten Kapitalfreisetzung durch den Verkauf (nicht) betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände Kapitalfreisetzung durch den Verkauf von Forderungen – Factoring – Forfaitierung – Asset Backed Securities Kapitalfreisetzung durch Verkürzung der Kapitalbindungsdauer (Rationalisierungsmaßnahmen) Abbildung 115: Überblick über die Instrumente der Innenfinanzierung aus Vermögensumschichtung984 11.4.2.2 Die Kapitalfreisetzung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten 11.4.2.3 Grundlagen Kapitalfreisetzung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten bedeutet, dass einer Unternehmung aus der Veräußerung betrieblicher Leistungen Umsatzerlöse zufließen, in denen ihr u. a. Abschreibungen auf abnutzbare Vermögensgegenstände des Anlagevermögens vergütet werden. Ein sich (eventuell) anschließender Liquiditätsabfluss in Höhe der in den Umsatzeinzahlungen enthaltenen Abschreibungsbeträge (Abschreibungsgegenwerte) wird durch die erfolgsmindernde Verrechnung dieser Abschreibungsbeträge verhindert. Die 984 Modifiziert entnommen aus Waschbusch, Gerd: Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung. In: Der Steuerberater 1998, S. 270. 11 Die Innenfinanzierung394 Unternehmung erhält auf diese Weise disponibles Kapital. Dieser Prozess der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten lässt sich auch folgendermaßen verdeutlichen: Die Wertminderungen verschleißabhängiger Potenzialfaktoren – z. B. einer Maschine – werden im betrieblichen Rechnungswesen auf zweifache Weise erfasst und verrechnet: zum einen als kalkulatorische Abschreibungen in der Kosten- und Leistungsrechnung, zum anderen als bilanzielle Abschreibungen in der Finanzbuchhaltung. Da jedoch beiden Rechenwerken unterschiedliche Aufgabengebiete zukommen, können die (in einer Periode) für dieselbe Maschine verrechneten kalkulatorischen und bilanziellen Wertminderungen mitunter erheblich voneinander abweichen. Die Kosten- und Leistungsrechnung dient i. d. R. ausschließlich den innerbetrieblichen Aufgaben der Information, Dokumentation und – vor allem – Disposition. Hier geht es deshalb darum, die kalkulatorischen Abschreibungen auf abnutzbare Vermögensgegenstände des Anlagevermögens möglichst exakt und verursachungsgerecht so zu bestimmen, dass beim Ausscheiden der alten Maschine aus dem Produktionsprozess eine neue, zumindest gleichwertige Maschine zu den dann aktuellen Marktpreisen wieder beschafft und die Produktion somit aufrecht erhalten werden kann. Zu diesem Zweck werden die kalkulatorischen Wertminderungen der Maschine, die üblicherweise auf der Basis derWiederbeschaffungskosten – sofern bekannt – kalkuliert werden, auf die Stückselbstkosten der damit bearbeiteten betrieblichen Erzeugnisse verrechnet. Ist der am Absatzmarkt erzielbare Preis größer als die Stückselbstkosten oder ist er wenigstens gleich den Stückselbstkosten der betreffenden Endprodukte, so wird mit dem Verkauf jeder Erzeugniseinheit vom Kunden auch ein Teil der kalkulatorischen Wertminderung der Maschine vergütet. Diese Teile der Umsatzerlöse bezeichnet man auch als Abschreibungsgegenwerte, den Gesamtvorgang der allmählichen Selbstliquidation der Maschine als Desinvestition. Der Unternehmung fließen demnach liquide Mittel in Form von Umsatzerlösen zu. Diese Umsatzerlöse stellen allerdings in der Finanzbuchhaltung, also handels- und steuerrechtlich, Erträge dar. Diese Erträge werden, soweit ihnen nicht Aufwendungen gegenüberstehen, zum einen besteuert und können zum anderen an die Unternehmungseigentümer ausgeschüttet werden. Damit verbunden ist grundsätzlich ein entsprechender Abfluss von liquiden Mitteln, der es der Unternehmung unmöglich machen würde, ohne Zuhilfenahme anderer Finanzierungsquellen die alten Vermögensgegenstände durch neue zu ersetzen. Deshalb ist die Finanzbuchhaltung in die Betrachtung des Finanzierungseffekts aus Abschreibungsgegenwerten mit einzubeziehen. Auf abnutzbare Vermögensgegenstände des Anlagevermögens sind im Interesse einer periodengerechten Erfolgsermittlung sowohl handels- als auch steuerrechtlich planmäßige Abschreibungen zu verrechnen. Die Anschaffung derartiger Vermögensgegenstände ist zunächst grundsätzlich erfolgsneutral, d. h., es werden lediglich liquide Mittel in illiquide Vermögensgegenstände getauscht (Vermögensumschichtung), ohne dass Aufwendungen oder Erträge anfallen. Die bilanzielle Abbildung des Kaufs erfolgt durch Ansatz des Vermögensgegenstandes in Höhe der Anschaffungskosten. Nun unterliegen aber abnutzbare Vermögensgegenstände des Anlagevermögens im Zeitablauf Wertminderungen. Diese Wertminderungen sollen durch planmäßige jährliche Abschreibungen bilanziell erfasst werden. Diese jährlich verrechneten Abschreibungsbeträge, die – im Falle des Kaufs – von den Anschaffungskosten ausgehen und sich unter der 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 395 Annahme einer bestimmten Nutzungsdauer sowie eines bestimmten Verteilungsverfahrens – des Abschreibungsverfahrens – ergeben, verringern den jeweiligen bilanziellen Wertansatz des betreffenden Vermögensgegenstandes. Gleichzeitig vermindern sie als Aufwendungen den Gewinn und verteilen so die Anschaffungskosten des Vermögensgegenstandes auf die einzelnen Perioden der zugrunde gelegten Nutzungsdauer. Da der Gewinn aber gleichzeitig Bestandteil des Eigenkapitals ist, führen die Abschreibungen – für sich allein betrachtet – zunächst zu einer Bilanzverkürzung (vgl. dazu Abbildung 116 und Abbildung 117; beide Seite 396985). Da der durch die Vornahme von Abschreibungen bedingten Aufwandsverrechnung in Abbildung 117 (Seite 396) während der Nutzungsdauer des hiervon betroffenen Vermögensgegenstandes keine entsprechende Auszahlung gegenübersteht, sondern erst die Ersatzbeschaffung dieses Vermögensgegenstandes zum Ende der Nutzungsdauer wieder zu einer Auszahlung führt, kann man hier von einer positiven Finanzierungswirkung sprechen. Sie tritt allerdings nur dann und in dem Umfang ein, in dem entsprechende ertragswirksame Einzahlungen zur Verfügung stehen. Dies ist z. B. der Fall, wenn es der Unternehmung gelingt, aufwandsdeckende Umsatzeinzahlungen zu erzielen. Sie stellen nicht nur einen Zufluss liquider Mittel dar, sondern auch entsprechende Erträge, die in Höhe der verrechneten Abschreibungsaufwendungen als Vergütungen des Marktes für die Wertminderungen der Produktionsanlagen und damit für die Abschreibungen interpretiert werden können. In Höhe der verrechneten Abschreibungen wird ein Abfluss der aus den Umsatzeinzahlungen resultierenden liquiden Mittel für Steuern und eventuell Gewinnausschüttungen verhindert. Betrachtet man diese Finanzierungswirkung aus Abschreibungsgegenwerten in der Bilanz, so ergibt sich das in Abbildung 118 und Abbildung 119986 (beide Seite 397) dargestellte Bild. Die Abschreibungen vermindern zunächst den ausgewiesenen Wert des Anlagevermögens. Gleichzeitig fließt dieser Wert durch die Vergütung der Abschreibungsgegenwerte durch den Markt im Rahmen des Umsatzprozesses in Form liquider Mittel (beispielsweise Bankguthaben) wieder zu. Der Wert des Umlaufvermögens erhöht sich entsprechend. Die Gewinnwirkungen – und damit die Wirkungen auf die Höhe des Eigenkapitals – kompensieren sich, da den Abschreibungsaufwendungen ertragswirksame Umsatzeinzahlungen in gleicher Höhe gegenüberstehen. Insgesamt bleibt die Bilanzsumme demnach gleich. Es ergibt sich allerdings eine Vermögensumschichtung: Illiquides Anlagevermögen wird in liquide Mittel umgeschichtet, die nun bis zur Ersatzbeschaffung des betreffenden Vermögensgegenstandes anderweitig eingesetzt werden können. Und genau hierin liegt die Finanzierungswirkung aus dem Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten. 985 Beide Abbildungen entnommen aus Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 68-69. 986 Beide Abbildungen entnommen aus Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 69-70. 11 Die Innenfinanzierung396 Aktiva PassivaBilanz Gewinn- und Verlustrechnung Aufwendungen Erträge Gewinn Gewinn Eigenkapital Anlagevermögen Umlaufvermögen Rückstellungen Verbindlichkeiten Abbildung 116: Gewinnminderung und Bilanzverkürzung durch Abschreibungen (Ausgangssituation: keine Vornahme von Abschreibungen) Abschreibungen= zusätzlicherAufwand Gewinn- und Verlustrechnung Aufwendungen Erträge Gewinn Bilanzverkürzung Gewinnminderung Aktiva PassivaBilanz Gewinn Eigenkapital Anlagevermögen Umlaufvermögen Rückstellungen Verbindlichkeiten Abschreibungen Abschreibungen Abbildung 117: Gewinnminderung und Bilanzverkürzung durch Abschreibungen (Vornahme von Abschreibungen) 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 397 Aktiva PassivaBilanz Gewinn Eigenkapital Anlagevermögen Umlaufvermögen Rückstellungen Verbindlichkeiten Abschreibungen Bilanzverkürzung Abschreibungen Abbildung 118: Die Finanzierungswirkung von Abschreibungen in der Bilanz (I) Aktiva PassivaBilanz Gewinn Eigenkapital Anlagevermögen Umlaufvermögen Rückstellungen Verbindlichkeiten Bilanzverkürzung Bilanzverlängerung Abschreibungen Umsatzerlöse = zusätzl. Guthaben bei Kreditinstituten Abschreibungen Umsatzerlöse Abbildung 119: Die Finanzierungswirkung von Abschreibungen in der Bilanz (II) Ein Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung verdeutlicht, dass diese Mittel auch tatsächlich in der Unternehmung verbleiben können und nicht etwa den Betrieb in Form von Steuer- und eventuell Ausschüttungszahlungen verlassen (vgl. Abbildung 120; Seite 399): Die 11 Die Innenfinanzierung398 Abschreibungsaufwendungen schützen einen Teil der Erträge, nämlich gerade die den Abschreibungen entsprechenden Umsatzerlöse, vor Besteuerung und Ausschüttung. Damit die Finanzierungswirkung – wie vorstehend beschrieben – eintritt, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:987 • Zunächst einmal müssen die in den Kosten verrechneten kalkulatorischen Abschreibungen mindestens der produktionsbedingten Wertminderung des betreffenden Vermögensgegenstandes entsprechen. Sind die verrechneten und vom Markt in den Umsatzerlösen vergüteten kalkulatorischen Abschreibungen aber geringer (z. B. kalkulatorische Nutzungsdauer > tatsächliche Nutzungsdauer bei gleichem Abschreibungsverfahren und gleicher Abschreibungsbasis), so wurden am Ende der tatsächlichen Nutzungsdauer nicht genügend Abschreibungsgegenwerte über Umsatzerlöse erzielt, um den Vermögensgegenstand zu ersetzen. Entsprechen dagegen die kalkulatorischen Abschreibungen genau dem produktionsbedingten Werteverzehr, so kann der Vermögensgegenstand am Ende seiner tatsächlichen Nutzungsdauer wiederbeschafft werden. Dieser Fall dürfte jedoch in der Realität am seltensten vorkommen. Sofern allerdings die kalkulatorischen Abschreibungen die tatsächliche Wertminderung übersteigen, lassen sich Maschinenkapazitäten, die noch nutzbar sind, kalkulatorisch, finanzbuchhalterisch und faktisch ersetzen. Die damit verbundene Kapazitätsausweitung geht noch über den im Abschnitt 11.4.2.3.1 beschriebenen Kapazitätserweiterungseffekt hinaus. • Die zweite Voraussetzung für die Finanzierungswirkung ist, dass die am Markt erzielbaren Verkaufspreise mindestens die Selbstkosten (inklusive der anteiligen kalkulatorischen Abschreibungen) der mit dem Vermögensgegenstand hergestellten Produkte decken. Kurz- bzw. mittelfristig besteht allerdings die Gefahr der Nichterfüllung dieser Bedingung, da der Produktverkaufspreis i. d. R. von der Markt- und nicht von der Unternehmungssituation her bestimmt wird. • Drittens müssen die Umsatzerlöse in liquider Form – also als Einzahlungen – zugehen. In dem Maße, in dem Zielverkäufe getätigt werden, und in Abhängigkeit von der Länge der gewählten Zahlungsziele sinkt die besprochene Finanzierungswirkung aus Abschreibungsgegenwerten. Dies gilt auch für den Fall, in dem die aus den Zielverkäufen resultierenden Forderungen im Wege des Factoring (vgl. Abschnitt 11.4.2.4.1) veräußert werden, da hierbei Kosten (und Zeitverluste) entstehen. • Schließlich ist Folgendes bezüglich des Verhältnisses von kalkulatorischen und bilanziellen Abschreibungen zu beachten: Weil für die Gewinnermittlung und -besteuerung nicht kalkulatorische Werte, sondern stets die bilanziell verrechneten Abschreibungen von Bedeutung sind, verbleiben die freigesetzten liquiden Mittel nur dann in der Unternehmung, wenn der Gewinn durch Verrechnung bilanzieller Abschreibungen in Höhe der in den Selbstkosten verrechneten kalkulatorischen Abschreibungen gemindert wird. Wenn die verrechneten und zurückgeflossenen kalkulatorischen Abschreibungen größer als die entsprechenden bilanziellen Abschreibungen sind (z. B. 987 Vgl. Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 443. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 399 weil die kalkulatorischen Abschreibungen von eventuell höheren Wiederbeschaffungskosten, die bilanziellen Abschreibungen von niedrigeren Anschaffungskosten ausgehen), so erkennt das Handels- und Steuerrecht diese Differenzen nicht als periodenerfolgsmindernde Beträge an, sondern betrachtet sie als Gewinnbestandteile. Sie sind zunächst zu versteuern, der Rest steht – zumindest teilweise – den Eigenkapitalgebern zu. Gelder, die den Betrieb verlassen haben, können aber keine Finanzierungswirkung mehr besitzen. Sind dagegen die bilanziellen Abschreibungen höher als die kalkulatorischen, so werden stille Reserven gebildet, die ebenfalls eine Finanzierungswirkung entfalten können. Diese Wirkung ordnet man allerdings im Rahmen der Finanzierungslehre der sogenannten stillen Selbstfinanzierung (Gewinnthesaurierung durch Bewertungsmaßnahmen)988 und nicht etwa der Finanzierung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten zu. Gewinn- und Verlustrechnung (verminderte) (verminderte) = Gewinn vor Ver- Steuerzahlungen Ausschüttungs- rechnung von zahlungen Abschreibungen Erträge Aufwendungen Abschreibungen = zusätzliche Aufwendungen nach Abschreibungsverrechnung verbleibender Gewinn Abbildung 120: Die Finanzierungswirkung von Abschreibungen in der Gewinn- und Verlustrechnung989 11.4.2.3.1 Der Kapazitätserweiterungseffekt Soll der Betriebsprozess im bisherigen Umfang aufrecht erhalten werden, so sind diejenigen Anlagen, deren wirtschaftliche Nutzungsdauer beendet ist, zu ersetzen, d. h., die vom Markt in den Umsatzerlösen vergüteten Abschreibungsgegenwerte sind in neuen Anlagen zu investieren. Geht man von dem Regelfall in einem Produktionsbetrieb aus, dass der Unter- 988 Vgl. dazu Abschnitt 11.2.2. 989 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 71. 11 Die Innenfinanzierung400 nehmung bereits während der Nutzungsdauer der Vermögensgegenstände Abschreibungsgegenwerte zugeflossen sind, so erfolgt dieser Rückfluss früher investierter Mittel zu einem großen Teil weit vor dem Ersatzzeitpunkt. Die auf diese Weise zugeflossenen liquiden Mittel können damit entweder zur Durchführung neuer Sachinvestitionen verwendet oder bis zur Wiederbeschaffung der abnutzbaren Vermögensgegenstände des Anlagevermögens als Fonds flüssiger Mittel gehalten werden; auch die Vornahme von Finanzinvestitionen bzw. eine Tilgung von Verbindlichkeiten ist möglich. Wird die erste Alternative gewählt, so ergibt sich ohne Zuführung von neuem Kapital (von außen oder von innen) ein Kapazitätserweiterungseffekt („Lohmann-Ruchti-Effekt“). Bei dem vorstehend angesprochenen Kapazitätserweiterungseffekt handelt es sich um den einfachen Sachverhalt, dass die Unternehmung die über die Umsatzerlöse zurückgeflossenen Abschreibungsgegenwerte – die früher als zum Ersatz der Altanlagen benötigt wieder vorhanden sind – ausschließlich dazu verwendet, weitere Anlagen identischer oder ähnlicher Art anzuschaffen. Als Folge dieser Zusatzinvestitionen kommt es zu einer Vergrößerung der Periodenbearbeitungskapazität der Unternehmung. Folgendes Beispiel soll diesen Effekt verdeutlichen. Beispiel:990 Eine Speditionsunternehmung beschafft sich jeweils zu Beginn von fünf aufeinander folgenden Jahren (00–04) je einen LKW gleichen Typs zu 200.000 EUR pro Stück. Diese „Erstausstattung“ ist extern langfristig finanziert; Zins- und Tilgungszahlungen hieraus sind im Weiteren nicht zu berücksichtigen. Bei einer betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer eines LKW von fünf Jahren beträgt die jährlich gleich hohe Fahrleistung (Leistungsabgabe; Periodenkapazität) 150.000 km. Es ergeben sich damit Abschreibungen in Höhe von EUR000.40Jahre5 EUR200.000 = pro Jahr und LKW. Die jährlichen Abschreibungsgegenwerte (lineare Berechnung über die Nutzungsdauer), denen entsprechende Umsatzeinzahlungen gegenüberstehen, werden am Ende eines jeden Jahres – sobald sie ausreichen – in LKW gleicher Technik, gleicher Nutzungsdauer und gleicher Wiederbeschaffungskosten (re-)investiert. Spitzenbeträge werden bis zum nächstmöglichen Investitionszeitpunkt vorgetragen. Damit ergibt sich der Kapazitätserweiterungseffekt gemäß der Abbildung 121 (Seite 401). Am Ende des Jahres 00 erwirbt die Speditionsunternehmung den LKW 1, der ab dem Jahr 01 abgeschrieben wird. Am Ende des Jahres 01 wird außerdem der LKW 2 angeschafft, der ab dem Jahr 02 abgeschrieben wird. Die Anschaffungsauszahlungen der LKW 1 und 2 (sowie 3 bis 5) bleiben außer Betracht, da sie extern finanziert werden. Unter der Prämisse entsprechender Umsatzeinzahlungen entsprechen den Abschreibungen von 40.000 EUR pro LKW im Jahr auch liquide Mittel in gleicher Höhe; aufgrund der entsprechenden Aufwandsverrechnung für Abschreibungen fallen keine Auszahlungen für Ertragsteuerzahlungen und Gewinnausschüttungen an. Am Ende des Jahres 03 stehen der Speditionsunternehmung damit (kumulierte) liquide Mittel in Höhe von 240.000 EUR zur Verfügung (vgl. Zeile 8: „? Überschüssige Mittel vor Zusatzinvestition“ in Abbildung 121; Seite 401). Hiermit kann ein weiterer LKW außerplanmäßig finanziert werden. Obwohl die Speditionsunternehmung bis zu diesem Zeitpunkt erst 3 LKW erworben hat, wird er als LKW 6 bezeichnet, weil sein Erwerb neben die ursprünglich vorgesehenen Käufe der LKW 1 bis 5 tritt. Am Ende der Periode 04 ergeben sich wieder- 990 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 73-77. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 401 um überschüssige Mittel in Höhe von 240.000 EUR (vgl. Zeile 10: „? Überschüssige Mittel nach 1. Zusatzinvestition“ in Abbildung 121), mit denen der LKW 7 erworben werden kann. Am Ende der Periode 06 kann sogar ein achter LKW gekauft werden. Damit setzt die Speditionsunternehmung in der Periode 07 insgesamt 8 LKW ein, also drei mehr als ursprünglich geplant. Bei dieser Vorgehensweise ist – unter der Annahme ihrer externen Erstfinanzierung – stets sichergestellt, dass die LKW 1 bis 5 der Grundausstattung aus Abschreibungsgegenwerten wiederbeschafft werden können (vgl. Zeile 7: „Ersatzinvestitionen (Grundausstattung)“ in Abbildung 121). Am Ende der Periode 08 ist sogar die Ersatzbeschaffung des LKW 6 möglich (vgl. Zeile 15: „Ersatzinvestition für LKW 6 ...“ in Abbildung 121). Die überschüssigen Mittel der Periode 09 in Höhe von 160.000 EUR (vgl. Zeile 16: „? Überschüssige Mittel nach 4. Zusatzinvestition und Ersatzinvestition von LKW 3“ in Abbildung 121) reichen demgegenüber nicht dazu aus, den LKW 7, dessen Nutzung in der Periode 09 ausläuft, wiederzubeschaffen. In der Periode 10 stehen der Speditionsunternehmung damit nur 7 LKW zur Verfügung (LKW 1 bis 5, Ersatz von LKW 6 sowie LKW 8). 09 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 11 ) 40 .0 00 20 0. 00 0 Er sa tz vo n LK W 5 ?2 00 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 16 0. 00 0 08 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 10 ) 40 .0 00 40 .0 00 20 0. 00 0 Er sa tz vo n LK W 4 ?2 00 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 24 0. 00 0 ?2 00 .0 00 40 .0 00 07 40 .0 00 40 .0 00 9) 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 20 0. 00 0 Er sa tz vo n LK W 3 ?2 00 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 12 0. 00 0 06 40 .0 00 8) 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 20 0. 00 0 Er sa tz vo n LK W 2 ?2 00 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 20 0. 00 0 ?2 00 .0 00 0 05 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 20 0. 00 0 Er sa tz vo n LK W 1 ?2 00 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 12 0.0 00 12 ) 04 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 16 0. 00 0 40 .0 00 24 0. 00 0 7) ?2 00 .0 00 40 .0 00 03 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 12 0. 00 0 24 0. 00 0 ?2 00 .0 00 40 .0 00 02 40 .0 00 40 .0 00 80 .0 00 12 0. 00 0 6) 01 40 .0 00 40 .0 00 40 .0 00 Ja hr es en de A bs ch re ib un g LK W 1 1) A bs ch re ib un g LK W 2 2) A bs ch re ib un g LK W 3 3) A bs ch re ib un g LK W 4 4) A bs ch re ib un g LK W 5 5) ? A bs ch re ib un ge n pr o Ja hr = ? liq ui de A bs ch re ib un gs ge ge nw er te Er sa tz in ve st iti on en (G ru nd au ss ta ttu ng ) ? Ü be rs ch üs si ge M itt el vo r Zu sa tz in ve st iti on en Zu sa tz in ve sti tio ne n LK W 6 un d A bs ch re ib un g LK W 6 ? Ü be rs ch üs si ge M itt el na ch 1. Zu sa tz in ve st iti on Zu sa tz in ve st iti on LK W 7 un d A bs ch re ib un g LK W 7 ? Ü be rs ch üs si ge M itt el na ch 2. Zu sa tz in ve st iti on un d Er sa tz in ve st iti on vo n LK W 1 Zu sa tz in ve st iti on LK W 8 un d A bs ch re ib un g LK W 8 ? Ü be rs ch üs si ge M itt el na ch 3. Zu sa tz in ve st iti on un d Er sa tz in ve st iti on vo n LK W 2 Er sa tz in ve st iti on fü r LK W 6 un d A bs ch re ib un g ? Ü be rs ch üs si ge M itt el na ch 4. Zu sa tz in ve st iti on un d Er sa tz in ve st iti on vo n LK W 3 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 7) 40 .0 00 au s0 3 + (1 60 .0 00 + 40 .0 00 )a us 04 . 8) 1. A bs ch re ib un g de rE rs at zi nv es tit io n fü rL K W 1. 9) 1. A bs ch re ib un g de rE rs at zi nv es tit io n fü rL K W 2. 10 ) 1. A bs ch re ib un g de rE rs at zi nv es tit io n fü rL K W 3. 11 ) 1. A bs ch re ib un g de rE rs at zi nv es tit io n fü rL K W 4. 12 ) 40 .0 00 au s0 4 + (4 0. 00 0 + 40 .0 00 )a us 05 . ? Su m m e 1) A ns ch af fu ng En de 00 = A nf an g 01 ;e xt er n fin an zi er t. 2) A ns ch af fu ng En de 01 = A nf an g 02 ;e xt er n fin an zi er t. 3) A ns ch af fu ng En de 02 = A nf an g 03 ;e xt er n fin an zi er t. 4) A ns ch af fu ng En de 03 = A nf an g 04 :e xt er n fin an zi er t. 5) A ns ch af fu ng En de 04 = A nf an g 05 ;e xt er n fin an zi er t. 6) 40 .0 00 au s0 1 + 80 .0 00 au s0 2. K ei ne B er üc ks ic ht ig un g vo n Zi ns ef fe kt en ,z .B .A nl ag e de r4 0. 00 0 au s0 1 fü r1 Ja hr us w . Abbildung 121: Der Kapazitätserweiterungseffekt bei der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten (alle Angaben in EUR) 11 Die Innenfinanzierung402 Insgesamt zeigt die Abbildung 121 (Seite 401), dass die Kapitalfreisetzung aus dem Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten eine Kapazitätserweiterung ermöglicht. Statt der ursprünglich geplanten fünf LKW können ab der Periode 04 eine größere Zahl von LKW eingesetzt werden. Allgemein kann man damit den Kapazitätserweiterungseffekt wie folgt beschreiben: Während der Nutzungsdauer sinkt zwar die Kapazität, die insgesamt von einer einzelnen Anlage (z. B. einem LKW) abgegeben werden kann (Gesamtkapazität); die Kapazität, die von ihr in den Einzelperioden erbracht werden kann (Periodenkapazität), ist dagegen bis zum Ablauf der Nutzungsdauer unverändert (LKW 1: Periodenkapazität 150.000 km; Gesamtkapazität insgesamt 750.000 km; verbleibende Gesamtkapazität nach einem Jahr: 600.000 km usw.). Das bedeutet: Der Leistungserstellungsprozess einer Unternehmung kann in dem bisherigen Umfang aufgrund unveränderter Periodenkapazitäten aufrecht erhalten werden, sofern Anlagen, deren Gesamtkapazität verbraucht ist (am Ende der Nutzungsdauer), ersetzt werden. Der Unternehmung fließen Teile der früher investierten Mittel (Abschreibungsgegenwerte) in den Verkaufserlösen aber bereits weit vor dem Ersatzzeitpunkt der Anlagen wieder zu. Bis zu diesem Ersatzzeitpunkt stehen ihr diese liquiden Mittel neben den Anlagen zur Verfügung. Diese Anlagen repräsentieren aber eine bestimmte Periodenkapazität, so dass der Leistungserstellungsprozess bis zum Ersatzzeitpunkt unverändert fortgesetzt werden kann. Die bis zu diesem Zeitpunkt nicht benötigten Beträge (Abschreibungsgegenwerte) können für Zusatzinvestitionen verwendet werden. Ohne Kapitalbeschaffung von außen kommt es somit zu einer Erweiterung der Periodenkapazität. LKW Ende Periode 07 Ende Periode 08 Ende Periode 09 verbleibende Gesamtkapazität in Tausend km Restnutzungsdauer in Jahren verbleibende Gesamtkapazität in Tausend km Restnutzungsdauer in Jahren verbleibende Gesamtkapazität in Tausend km Restnutzungsdauer in Jahren 1 450 3 300 2 150 1 2 600 4 450 3 300 2 3 750 5 600 4 450 3 4 150 1 750 5 600 4 5 300 2 150 1 750 5 6 150 1 750 5 600 4 7 300 2 150 1 – – 8 600 4 450 3 300 2 ? 3.300 22 3.600 24 3.150 21 ? 412,5 2,75 450 3 393,75 2,625 verbleibende ? Gesamtkapazität pro LKW in Tausend km pro Jahr? Restnutzungsdauer* 150= 2,75 412,5 150= 3 450 150= 2,625 393,75 * Dies entspricht der verbleibenden Gesamtkapazität pro LKW in Tausend km pro Jahr Restnutzungsdauer (Ende Periode 07: 3.300 : 22 = 150; Ende Periode 08: 3.600 : 24 = 150; Ende Periode 09: 3.150 : 21 = 150). Abbildung 122: Die Entwicklung der Gesamtkapazität beim Kapazitätserweiterungseffekt im Rahmen der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 403 Soweit es sich auch bei den Zusatzinvestitionen um abnutzbare Vermögensgegenstände des Anlagevermögens handelt, kommt es auch hier in der Folgezeit zu einer Kapitalfreisetzung durch Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten. Durch die mehrjährige Nutzungsfähigkeit und die nach der Vornahme von Zusatzinvestitionen unterschiedliche Altersstruktur der Anlagen wird erreicht, dass bis zum nächsten Ersatzzeitpunkt mehr Anlagen als zuvor ihre Periodenleistung abgeben. Soweit Zusatzinvestitionen in gleichartigen homogenen Anlagen erfolgen, bleibt allerdings die (durchschnittlich der Unternehmung zur Verfügung stehende) Gesamtkapazität konstant, da nur der verbrauchte Teil der Gesamtkapazität durch neue Anlagen ersetzt wird. Dies verdeutlicht die Abbildung 122 (Seite 402). In der Praxis ist allerdings zu beachten, dass der – zudem handels- und steuerrechtlich häufig unterschiedliche – Abschreibungsverlauf mit dem tatsächlichen Wertminderungsverlauf (Nutzungsverlauf) nicht immer übereinstimmt. Üblicherweise werden aufgrund handels- und steuerrechtlicher Abschreibungsvorschriften die Abschreibungen in den ersten Jahren der Nutzung höher angesetzt als die Wertminderungen. Werden die durch Aufwandsverrechnung an die Unternehmung gebundenen (überhöhten) Abschreibungsgegenwerte zur Finanzierung von Investitionen herangezogen (stille Selbstfinanzierung), so kann in diesen Jahren sowohl die Perioden- als auch die Gesamtkapazität der Unternehmung erweitert werden. Zu beachten ist außerdem, dass sich der Kapazitätserweiterungseffekt nicht ständig fortsetzt; er kann maximal zu einer Verdoppelung der ursprünglich vorhandenen (extern finanzierten) Vermögensgegenstände führen. Voraussetzung für die Verdoppelung ist allerdings neben der Anwendung des linearen Abschreibungsverfahrens die beliebige Teilbarkeit der Vermögensgegenstände und die sofortige Reinvestition der zugeflossenen Abschreibungsgegenwerte. Wenn man aber berücksichtigt, dass in der Realität Vermögensgegenstände i. d. R. nicht beliebig teilbar sind und (deshalb) Investitionsentscheidungen in bestimmten Zeitabständen getroffen werden, ergibt sich der folgende sogenannte Kapazitätserweiterungsfaktor (KEF):991 1+n n2=KEF ? mit n: Nutzungsdauer des Vermögensgegenstandes Für das obige Beispiel ergibt sich damit ein KEF von 2 · 15 5 + =1,67. Die Kapazität kann demnach rechnerisch auf das 1,67-fache der geplanten Kapazität erweitert werden. Mit anderen Worten: Die Kapazität der Grundausstattung kann maximal um 2/3 = 66,67 % gesteigert werden. Die Speditionsunternehmung kann somit durch die Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten maximal eine Kapazität von 5 · 1,67 = 8,33 LKW, also 8 LKW aufbauen. 991 Vgl. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 259; Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9.Aufl., München 2002, S. 365. 11 Die Innenfinanzierung404 Die theoretische und praktische Bedeutung des Kapazitätserweiterungseffekts darf indessen nicht überschätzt werden, da den Modellrechnungen mehrere vereinfachende und damit nicht immer realitätsnahe Annahmen zugrunde liegen:992 • Bei der Darstellung des Kapazitätserweiterungseffekts (vgl. Abbildung 121; Seite 401) geht man von konstanten (Wieder-) Beschaffungspreisen für die ersatzweise oder zusätzlich gekauften Vermögensgegenstände aus. Unterstellt man aber realistischerweise steigende (Wieder-) Beschaffungspreise, so können mit den im Umsatzprozess erwirtschafteten Abschreibungsgegenwerten weniger neue Anlagen angeschafft werden; die Kapazitätserweiterung ist dann entsprechend geringer. • Unberücksichtigt bleibt weiterhin, dass eine technische Kapazitätserweiterung in der Unternehmung zumeist nicht ohne Folgen bleibt. So kann die Ausdehnung des abnutzbaren Anlagevermögens einer Unternehmung beispielsweise zu einer Vergrößerung des Vorratsvermögens führen. Eventuell ist auch zusätzliches Personal notwendig (z. B. LKW-Fahrer). In diesen Fällen bedingt ein gestiegenes Anlagevermögen einen steigenden Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen bzw. für die Erfüllung laufender Zahlungsverpflichtungen. Wenn dieser nicht durch sonstige Mittel gedeckt werden kann, sondern durch Abschreibungsgegenwerte finanziert werden muss, dann ist eine Kapazitätserweiterung in Höhe des Kapazitätserweiterungseffekts nicht möglich. • Die technische Kapazitätserweiterung ist zudem in den Gesamtzusammenhang der Unternehmungstätigkeit einzubetten. Zum einen ist deshalb in mehrstufigen Produktionsprozessen eine kapazitative Abstimmung vorzunehmen. Der Ausbau einer Produktionsstufe ist danach nur dann sinnvoll, wenn auch die vor- und nachgelagerten Stufen analog erweitert werden. Ansonsten kommt es zum Aufbau von Leerkapazitäten oder (überhöhten) Lagerbeständen. Zum anderen ist eine Kapazitätserweiterung (einer oder aller Produktionsstufen) selbstverständlich nur dann sinnvoll, wenn ausreichende Absatzmöglichkeiten bestehen, also die mit der zusätzlichen Kapazität produzierten Güter und Dienstleistungen auch am Markt verkauft werden können. Schließlich darf der aus einer Kapazitätserweiterung resultierende Absatz nicht zu einem Verfall der Absatzpreise führen, weil dann die erzielten Umsatzeinzahlungen u. U. nicht mehr dazu ausreichen, den gezeigten Kapazitätserweiterungseffekt darzustellen.993 11.4.2.3.2 Die Reduzierung des externen Kapitalbedarfs Bei der Darstellung des Kapazitätserweiterungseffektes wurde unterstellt, dass die geplante Grundausstattung (LKW 1 bis 5) extern, z. B. durch eine entsprechende Kreditaufnahme, finanziert wird. In den Perioden 00 bis 04 besteht demgemäss ein Kapitalbedarf in Höhe 992 Vgl. zu den folgenden Ausführungen Däumler, Klaus-Dieter: Betriebliche Finanzwirtschaft. 9. Aufl., Herne 2008, S. 338-340; Olfert, Klaus: Finanzierung. 14. Aufl., Ludwigshafen (Rhein) 2008, S. 391-392; Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 472-476; Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 444-448. 993 Für die Erläuterung weiterer Annahmen oder Mängel wird auf die in Fußnote 992 genannte Literatur verwiesen. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 405 von jeweils 200.000 EUR. Die im Umsatzprozess erwirtschafteten Abschreibungsgegenwerte könnten allerdings statt zur Kapazitätserweiterung zur Reduzierung dieses externen Kapitalbedarfs eingesetzt werden. Abbildung 123 verdeutlicht dies. Während LKW 1 noch voll extern finanziert werden muss (externer Kapitalbedarf in der Periode 00 in Höhe von 200.000 EUR), kann zum Erwerb des LKW 2 bereits der Gegenwert einer Abschreibung auf LKW 1 (= 40.000 EUR) eingesetzt werden. Der externe Kapitalbedarf sinkt dadurch auf 160.000 EUR. Ebenso können Abschreibungsgegenwerte beim Kauf der LKW 3 bis 5 in den Perioden 02 bis 04 eingesetzt werden; der externe Kapitalbedarf reduziert sich auf diese Weise sukzessive. Der Ersatz von LKW 1 kann – anders im Beispiel gemäß Abbildung 121 (Seite 401) – voll aus Abschreibungsgegenwerten finanziert werden, so dass hierfür extern kein Kapital zu beschaffen ist. Dies gilt auch für den Ersatz der übrigen LKW der Grundausstattung. Jahresende 00 01 02 03 04 05 06 07 08 Kauf und Abschreibung LKW 1 Kauf und Abschreibung LKW 2 Kauf und Abschreibung LKW 3 Kauf und Abschreibung LKW 4 Kauf und Abschreibung LKW 5 -200.000 40.000 -200.000 40.000 40.000 -200.000 40.000 40.000 40.000 -200.000 40.000 40.000 40.000 40.000 -200.000 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 1) 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 2) 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 40.000 3) 40.000 40.000 Ersatzinvestitionen (Grundausstattung) Ersatz von LKW 1 -200.000 Ersatz von LKW 2 -200.000 Ersatz von LKW 3 -200.000 Ersatz von LKW 4 -200.000 Externer Kapitalbedarf 200.000 160.000 120.000 80.000 40.000 0 0 0 0 1) 1. Abschreibung der Ersatzinvestition für LKW 1. 2) 1. Abschreibung der Ersatzinvestition für LKW 2. 3) 1. Abschreibung der Ersatzinvestition für LKW 3. Abbildung 123: Die Reduzierung des externen Kapitalbedarfs durch Verwendung von Abschreibungsgegenwerten Während im Ausgangsfall (vgl. Abschnitt 11.4.2.3.1) ein über 5 Jahre kumulierter externer Kapitalbedarf in Höhe von 5 ? 200.000 EUR = 1.000.000 EUR bestand, ergibt sich nun ein über 5 Jahre kumulierter externer Kapitalbedarf von lediglich 600.000 EUR (= 200.000 + 160.000 + 120.000 + 80.000 + 40.000). Allerdings haben in der Ausgangssituation die 1 Mio. EUR eine Gesamtkapazität bis zu 8 LKW finanziert (Kapazitätserweiterungseffekt). Wenn nun aber die Abschreibungsgegenwerte – wie hier unterstellt – zur Reduzierung des externen Kapitalbedarfs eingesetzt werden, ist selbstverständlich eine solche Kapazitätserweiterung nicht mehr möglich. Die Speditionsunternehmung muss dann mit (nur) 5 LKW arbeiten. 11 Die Innenfinanzierung406 11.4.2.4 Die Kapitalfreisetzung durch den Verkauf von Forderungen 11.4.2.4.1 Factoring Ein Großteil der produzierten Güter und Dienstleistungen von Unternehmungen wird unter Einräumung von Zahlungszielen verkauft. Die dadurch entstehenden (geplanten) Verzögerungen beim Zahlungseingang führen bei der Unternehmung zu (Finanzierungs-) Kosten. Darüber hinaus kommt es außerdem zu zusätzlichen (ungeplanten) Verspätungen bei der Bezahlung von Rechnungen, weil die eingeräumten Zahlungsziele überschritten werden, und zwar häufig ohne Zinsausgleich für den Zeitraum der Verspätung. In der Bundesrepublik Deutschland ergaben sich beispielsweise 2008 (2007) ein durchschnittliches Zahlungsziel von 25 (25) Tagen und ein durchschnittlicher Zahlungsverzug von 14 (12) Tagen; im Durchschnitt erhielten damit die Unternehmungen erst 39 (37) Tage nach der Rechnungserstellung die Zahlungen.994 Die Zahlungsmodalitäten sind zudem häufig branchenbezogen allgemein üblich, so dass sich eine einzelne Unternehmung einer Branche nicht ohne negative Auswirkungen auf ihre Absatzmöglichkeiten von diesen Usancen lösen kann. Damit stellt sich die Frage nach Alternativen, die zu einer Beschleunigung des Zahlungsmittelzuflusses bei der liefernden Unternehmung führen. Eine Möglichkeit hierzu ist das Factoring. Die Finanzierungswirkung des Factoring ergibt sich aus dem vertraglich vereinbarten laufenden Verkauf und der Übertragung kurzfristiger Geldforderungen der Unternehmung (meist Forderungen aus Lieferungen und Leistungen) im Wege einer Globalzession an ein Spezialfinanzierungsinstitut (Factor), welches als Gegenleistung liquide Mittel in Form von Bankguthaben zur Verfügung stellt. Neben dieser Finanzierungsfunktion (Bevorschussung der angekauften Forderungen bis zum Tag ihrer Fälligkeit) können je nach Vertragsgestaltung weitere Funktionen durch den Factor übernommen werden: • Die Delkrederefunktion: Hier übernimmt der Factor das Ausfallrisiko der angekauften Forderungen in voller Höhe; die veräußernde Unternehmung hat dann dieses Ausfallrisiko nicht mehr zu tragen. • Die Dienstleistungs- oder Servicefunktion: Der Factor betreibt die Debitorenbuchhaltung, das Mahnwesen sowie das Inkasso. Diese Dienstleistungen können ausgedehnt werden auf die Fakturierung für den Factoring-Kunden, die Erstellung und Auswertung von Statistiken sowie auf eine betriebswirtschaftliche Beratung (z. B. Analyse von Absatzmärkten). Entsprechend dem Umfang der vom Factor übernommenen Funktionen unterscheidet man zwei verschiedene Ausprägungen des Factoring. Übernimmt der Factor neben der Finanzierungsfunktion auch die Delkrederefunktion, so liegt echtes Factoring vor. Entfällt dagegen die Delkrederefunktion, d. h., der Factor greift bei Ausfall bzw. Teilausfall einer Forderung auf den Factoring-Kunden zurück, so spricht man vom unechten Factoring. Wirtschaftlich gesehen handelt es sich in diesem Fall um eine normale Kreditgewährung (gesichert durch eine Globalzession), während das echte Factoring eine endgültige Veräußerung und damit Liquidisierung der Forderung darstellt. In Deutschland wird von den beiden vorstehend 994 Vgl. Creditreform: Insolvenzen in Europa 2008/09. Neuss 2009, S. 13. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 407 angesprochenen Ausprägungen des Factoring fast ausnahmslos das echte Factoring praktiziert. Dafür lassen sich in der Hauptsache zwei Gründe nennen. Zum einen wollen sich Factoring-Kunden gegen das durch die ständige Zunahme der Insolvenzfälle gestiegene Ausfallrisiko abgesichert wissen. Zum anderen erachtet die höchstrichterliche Rechtsprechung Forderungsabtretungen, die dem verlängerten Eigentumsvorbehalt unterliegen – und dieser wird häufig praktiziert –, nur im Falle des echten Factoring für rechtlich wirksam.995 Eine weitere Unterscheidung des Factoring wird getroffen nach der Offenlegung der Abtretung gegenüber dem Schuldner des Factoring-Kunden. Beim offenen (notifizierten) Factoring enthalten die Rechnungen des Factoring-Kunden einen Hinweis auf die Forderungsabtretung. Mit befreiender Wirkung kann der Schuldner dann nur noch unmittelbar an den Factor zahlen.996 Das stille (nicht-notifizierte) Factoring zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass der Schuldner des Factoring-Kunden nicht über die Abtretung informiert wird. Er zahlt weiterhin schuldbefreiend an den Factoring-Kunden, der die Zahlung für Rechnung des Factors treuhänderisch entgegennimmt und an diesen weiterzuleiten hat. Aufgrund des dadurch zusätzlich entstehenden Kontroll- und Sicherungsaufwandes und mit zunehmendem Verständnis der Firmenkunden für diese Art der Finanzierung ihrer Lieferanten – früher galt das Vorurteil: Wer Forderungen abtritt, ist in Schwierigkeiten997 – hat sich das offene (notifizierte) Verfahren in Deutschland durchgesetzt. In der Praxis findet sich demnach fast ausschließlich das echte offene Factoring. Die dabei entstehenden Beziehungen zwischen den Vertragspartnern verdeutlicht Abbildung 124 (Seite 408). Um beim echten Factoring zu verhindern, dass der Factoring-Kunde ausschließlich risikobehaftete Forderungen abtritt, wird i. d. R. nicht der Verkauf von Einzelforderungen, sondern nur der Verkauf ganz bestimmter Forderungsgruppen (z. B. die Forderungen gegen Schuldner, deren Name mit den Buchstaben A bis K beginnt) oder gar aller Forderungen der Unternehmung vereinbart. Darüber hinaus setzt der Factor nach Prüfung der Kreditwürdigkeit der einzelnen Schuldner sogenannte Warenkreditlimits fest, bis zu deren Höhe er Forderungen des Factoring-Kunden gegenüber dem entsprechenden Schuldner ankaufen wird. Als zusätzliche Schutzmaßnahme bevorschusst er nicht die ganze Forderung, sondern nur etwa 80–95 % der Forderung. Die restlichen 5-20 % erfasst er auf einem Sperrkonto als Sicherheitsabschlag für etwaige Gewährleistungsansprüche (z. B. Mängelrügen), Warenretouren oder Inanspruchnahmen von Skonti seitens des (Dritt-)Schuldners. Diese Minderungen des Rechnungsbetrages und damit der entsprechenden Forderungen trägt selbstverständlich – auch beim echten Factoring – nicht der Factor, sondern der Factoring-Kunde, der sie wirtschaftlich zu verantworten hat. Die Übernahme des Delkredererisikos beim echten Factoring durch den Factor beschränkt sich allein auf Zahlungsausfälle, die in der Person des Schuldners begründet liegen. In der Bilanz des Factoring-Kunden findet man diesen Sperrbetrag weiterhin als (illiquide) Forderung, nun allerdings als Forderung gegenüber dem Factor unter den „Sonstigen Ver- 995 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 435. 996 Vgl. § 407 BGB. 997 Vgl. Däumler, Klaus-Dieter: Betriebliche Finanzwirtschaft. 9. Aufl., Herne 2008, S. 308. 11 Die Innenfinanzierung408 mögensgegenständen“ und nicht mehr wie die Ursprungsforderung als Forderung aus Lieferungen und Leistungen. Dieser Sperrbetrag wird durch den Factor bei Zahlungseingang der ursprünglichen Forderung, spätestens jedoch 90 bis 120 Tage nach dem Rechnungsverfalltag abzüglich der tatsächlich in Anspruch genommenen Skonti und sonstigen Kaufpreisminderungen beglichen. (2a) Lieferungen auf Ziel mit Abtretungserklärung Factor Factoring- Kunde (Dritt-) Schuldner (5) Zahlung (4) Kreditüberwachung (2b) Forderung (2c) Kreditwürdigkeitsprüfung (3) Forderungsbevorschussung (1a) Factoringvertrag Kreditwürdig- (1) keitsprüfung (2) Kaufvertrag Abbildung 124: Vertragsbeziehungen beim echten offenen Factoring998 Abbildung 125 und Abbildung 126999 (beide auf Seite 409) verdeutlichen den Einfluss des Factoring auf die Höhe der liquiden Mittel. Dabei wird von einem Bestand liquider Mittel in Form von Bankguthaben bereits vor der Durchführung des Factoring ausgegangen; dieser Bestand erhöht sich durch die Factoring-Maßnahme. Selbstverständlich ist auch die Verminderung eines zunächst bestehenden Bestandes an (kurzfristigen) Bankverbindlichkeiten durch die Factoring-Maßnahme möglich. 998 Modifiziert entnommen aus Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 304. 999 Beide Abbildungen entnommen aus Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 101-102. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 409 Aktiva Bilanz Passiva liquide Mittel Eigenkapital Rückstellungen Verbindlichkeiten Anlagevermögen Vorräte Forderungen aus Lieferungen und Leistungen U m la uf ve rm ög en Guthaben bei Kreditinstituten Abbildung 125: Der Einfluss des Factoring auf die Höhe der liquiden Mittel (Ausgangssituation: Situation vor Factoring) Aktiva Bilanz Passiva liquide Mittel Eigenkapital Rückstellungen Verbindlichkeiten Anlagevermögen Vorräte Forderungen aus Lieferungen und Leistungen Sicherheitsabschlag 5-20 % = Sonstige Vermögensgegenstände U m la uf ve rm ög en Fa ct or in g Bevorschussung 80-95 % = zusätzliches Guthaben bei Kreditinstituten Guthaben bei Kreditinstituten Abbildung 126: Der Einfluss des Factoring auf die Höhe der liquiden Mittel (Situation nach Factoring) 11 Die Innenfinanzierung410 Vernachlässigt werden in Abbildung 125 und Abbildung 126 (beide auf Seite 409) allerdings die Kosten des Factoring, die sich wie folgt zusammensetzen:1000 • bankübliche Sollzinsen (Zinssatz für Kontokorrentkredite) für die bevorschussten Forderungen, d. h. für die Differenz zwischen angekauften Forderungen und dem Sperrbetrag; • die Delkredere-Gebühren, die der Abgeltung des Delkredererisikos dienen und je nach Bonität der Abnehmer des Factoring-Kunden zwischen 0,2 % und 0,5 % des versicherten monatlichen Saldenbestands betragen; • sogenannte Prüfgebühren, die eine Beteiligung des Factoring-Kunden an den Kosten des Factors für Bonitätsprüfungen der Schuldner darstellen; • Dienstleistungsgebühren in Höhe von 0,5-2 % des Umsatzes, abhängig z. B. von der Zahl der Kunden, dem durchschnittlichen Rechnungsbetrag und der Anzahl der Mahnungen. Beachtenswert beim Factoring ist außerdem, dass sich aus der Übernahme von Dienstleistungen die Gefahr der Abhängigkeit der Unternehmung von einer Factoring-Gesellschaft ergeben kann. Kurzfristig ist es der Unternehmung nämlich nur sehr schwer möglich, die entsprechenden Funktionen (z. B. Debitorenbuchhaltung, Mahn- und Inkassowesen) wieder selbst zu übernehmen. Die genannten Kosten des Factoring können zwar als Aufwendungen verrechnet werden, vermindern aber als Auszahlungen bzw. Mindereinzahlungen die liquiden Mittel. Demgegenüber stehen aber folgende Vorteile des Factoring, die aus dem Haupteffekt, nämlich der Umschichtung illiquider Vermögensteile in liquide Mittel, resultieren und hauptsächlich eine Vermeidung von ansonsten anfallenden Auszahlungen (positiver Liquiditätseffekt) und Aufwendungen (positiver Rentabilitätseffekt) bewirken:1001 • Inanspruchnahme von Skonti bei der Begleichung von Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen mit Hilfe der zusätzlichen liquiden Mittel; • Begleichung sonstiger hoch verzinslicher Verbindlichkeiten mit Hilfe der zusätzlichen liquiden Mittel, damit verbunden gegebenenfalls Gewerbesteuereinsparungen durch Reduzierung von Zinsaufwendungen aus Dauerschuldverhältnissen; • „Schonung“ der Kontokorrent-Kreditlinien mit allen damit verbundenen Vorteilen; • Kosteneinsparungen bei der Debitorenbuchhaltung, der Kreditwürdigkeitsprüfung, dem Mahnwesen sowie der Beitreibung von Forderungen sowie • Vermeidung von Forderungsverlusten aus Insolvenzen der Abnehmer. 1000 Vgl. Rapp, Andreas: Factoring, Forfaitierung. In: Knapps Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Redaktion der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen u.a., 5. Aufl., Frankfurt a.M. 2007, Artikel 4488, S. 9. 1001 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 435-436. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 411 Angesichts der aufgezeigten Kosten des Factoring sollten grundsätzlich nur Unternehmungen mit folgenden Merkmalen Factoring als Finanzierungsinstrument in Erwägung ziehen:1002 • die Kunden stammen aus einem breit diversifizierten Kreis gewerblicher Abnehmer; • der Jahresumsatz beträgt mindestens 500.000 EUR; • die Zahlungsziele liegen i. d. R. bei 30 bis 90 Tagen, keinesfalls über 120 Tagen; • die durchschnittlichen Rechnungsbeträge belaufen sich auf mindestens 200 EUR. 11.4.2.4.2 Forfaitierung Eng verwandt mit dem echten Factoring ist die Forfaitierung. Dabei handelt es sich um einen nicht mit Rückgriff belasteten Verkauf von zumeist mittel- und langfristigen Exportforderungen gegenüber ausländischen Importeuren an ein in- bzw. ausländisches Finanzierungsinstitut unter Einräumung guter Sicherheiten. Der Erwerber übernimmt bei diesem Finanzierungsinstrument aber keine Dienstleistungsfunktionen. Zwischen dem Exporteur und dem Erwerber wird lediglich ein Kaufvertrag abgeschlossen, der durch Abtretung der betreffenden Forderungen und Entrichtung des Kaufpreises erfüllt wird. Es erfolgt ein voller Rechtsübergang auf den Erwerber der Forderungen, ohne dass im Innenverhältnis treuhänderische Beziehungen zwischen den beiden Vertragspartnern bestehen. Da beim Verkauf à forfait (in Bausch und Bogen) die Rückgriffsmöglichkeit stets ausgeschlossen ist, kommen für die Forfaitierung nur erstklassige Forderungen, die zusätzlich gesichert sind, in Frage. Akzeptiert beispielsweise der Schuldner seine Verbindlichkeit durch Wechselannahme, so sind spätere Einreden aus dem Grundgeschäft ausgeschlossen. Bankakzepte, Bankgarantien oder Staatsgarantien bzw. -bürgschaften stellen weitere mögliche Sicherheiten dar.1003 Die Kosten der Forfaitierung ergeben sich als Diskont von der anzukaufenden Forderung zuzüglich Spesen. Mit der Forfaitierung sind folgende Vorteile verbunden:1004 • die Bilanz des Exporteurs wird von mittel- und langfristigen Forderungen, vor allem aber von mittel- und langfristigen Verbindlichkeiten zur Refinanzierung dieser Forderungen entlastet; die Kreditwürdigkeit des Exporteurs verbessert sich durch die abnehmende Fremdkapitalquote; 1002 Vgl. Betsch, Oskar: Factoring. In: Handwörterbuch des Bank- und Finanzwesens, hrsg. von Wolfgang Gerke und Manfred Steiner, 3. Aufl., Stuttgart 2001, Sp. 685; Olfert, Klaus: Finanzierung. 14. Aufl., Ludwigshafen (Rhein) 2008, S. 353; Rapp, Andreas: Factoring, Forfaitierung. In: Knapps Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Redaktion der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen u.a., 5. Aufl., Frankfurt a.M. 2007, Artikel 4488, S. 3-4. 1003 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 436. 1004 Vgl. Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9.Aufl., Wiesbaden 1995, S. 373-374. 11 Die Innenfinanzierung412 • der Exporteur erhält eine Exportkreditfinanzierung ohne den sonst üblichen Selbstbehalt in Höhe von 10-30 %; • dem Exporteur entstehen keine Kosten für eine Exportkreditversicherung; • bei auf Fremdwährung lautenden Geschäften entstehen dem Exporteur keine Währungsrisiken mehr; der Forfaitierende übernimmt diese Risiken; • dem Exporteur entstehen keine Kosten für die Aufbewahrung von Wechseln, die Überwachung von Fälligkeiten sowie das Inkasso. 11.4.2.4.3 Asset Backed Securities1005 11.4.2.4.3.1 Funktionsweise von Asset Backed Securities Unter dem Begriff „Asset Backed Securities“ (kurz: ABS) sind Wertpapiere oder Schuldscheine zu verstehen, die Zahlungsansprüche gegen eine ausschließlich für die Durchführung der ABS-Transaktion gegründete Zweckgesellschaft zum Gegenstand haben.1006 Die Zahlungsansprüche werden durch einen Bestand zumeist unverbriefter Forderungen („assets“) gedeckt („backed“), die von einer Unternehmung, dem Forderungsverkäufer, auf die Zweckgesellschaft übertragen werden und im Wesentlichen den Inhabern der Asset Backed Securities, also den Investoren, als Haftungsmasse zur Verfügung stehen. Bei Asset Backed Securities handelt es sich demnach um durch Vermögenswerte (insbesondere unverbriefte Forderungen) gedeckte (gesicherte) Wertpapiere oder Schuldscheine. 1007 Die Bedienung der Asset Backed Securities erfolgt aus den Zahlungsströmen, die sich aus den Zins- und Tilgungszahlungen der Forderungsschuldner „für die an die Zweckgesellschaft veräußerten Forderungen ergeben.“1008 Die im Rahmen einer ABS-Transaktion neu geschaffenen Finanztitel werden – gegebenenfalls unter Einschaltung eines Bankenkonsortiums – entweder an organisierten Finanzmärkten (öffentliche Platzierung) oder an nicht organisierten Finanzmärkten (private Platzierung) untergebracht; ihre Laufzeit bewegt sich 1005 Vgl. Waschbusch, Gerd: Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung. In: Der Steuerberater 1998, S. 314-316; vertiefend hierzu Waschbusch, Gerd: Asset Backed Securities – eine moderne Form der Unternehmungsfinanzierung. In: Zeitschrift für Bankrecht und Bankwirtschaft 1998, S. 408-419. 1006 Vgl. BAKred: Veräußerung von Kundenforderungen im Rahmen von Asset-Backed Securities- Transaktionen durch deutsche Kreditinstitute – Rundschreiben Nr. 4/97 vom 19. März 1997, Geschäftsnummer I 3–21 – 3/95, Berlin 1997, S. 1. 1007 Eine Sonderform der Asset Backed Securities – und zugleich ihr Ursprung – sind die Mortgage Backed Securities (MBS), denen grundpfandrechtlich gesicherte Forderungen (Hypothekendarlehen) zugrunde liegen; vgl. Deutsche Bundesbank: Asset-Backed Securities in Deutschland: Die Veräußerung und Verbriefung von Kreditforderungen durch deutsche Kreditinstitute. In: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank Juli 1997, S. 57. 1008 Deutsche Bundesbank: Asset-Backed Securities in Deutschland: Die Veräußerung und Verbriefung von Kreditforderungen durch deutsche Kreditinstitute. In: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank Juli 1997, S. 57-58. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 413 i. d. R. zwischen einem Jahr und fünf Jahren.1009 Typische Erwerber von Asset Backed Securities sind Kreditinstitute, Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds sowie Hedge-Fonds. Bei der Begebung von Asset Backed Securities handelt es sich um eine Form der Mittelbeschaffung, die ebenso wie das Factoring sowie die Forfaitierung dem Bereich der objektgestützten Finanzierung zugeordnet werden kann.1010 Bei einer objektgestützten Finanzierung werden Kreditmittel nicht im Hinblick auf die Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers, sondern allein gestützt auf die Werthaltigkeit und Ertragskraft einzelner Vermögenswerte überlassen.1011 Dabei ist die Idee, die hinter einer Asset-Backed-Finanzierung steht, alles andere als neu. Denn das Prinzip der Besicherung der in einer Schuldverschreibung verbrieften Gläubigeransprüche durch einen reservierten Zugriff der Gläubiger auf bestimmte Vermögensgegenstände des Schuldners hat gerade in Deutschland eine lange Tradition und spiegelt sich im Pfandbrief als einem durch Hypothekendarlehen gedeckten Wertpapier wider. Die Neuartigkeit der Asset Backed Securities liegt indessen in der Abwicklungstechnik begründet, die bei Inanspruchnahme dieses Finanzierungsinstruments angewandt wird.1012 Eine ABS-Transaktion ermöglicht den Anschluss an die nationalen und internationalen Geld- bzw. Kapitalmärkte, indem sie ursprünglich nicht handelbare Vermögenspositionen in fungible Wertpapiere oder andere leicht handelbare Schuldtitel wie Schuldscheindarlehen umformt.1013 Damit verbunden ist die vorzeitige Freisetzung des insbesondere in Forderungsbeständen gebundenen Kapitals.1014 Die in der Realität vorzufindenden ABS-Emissionen zeichnen sich durch eine vergleichsweise große Heterogenität aus. Die Ursache hierfür liegt in der individuellen Ausgestaltungsmöglichkeit dieses Finanzierungsinstruments; es kann flexibel auf die Bedürfnisse des 1009 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 403-404. Die Laufzeit der Mortgage Backed Securities ist dagegen eher im langfristigen Bereich zwischen 10 und 30 Jahren anzusiedeln; vgl. Arbeitskreis „Finanzierung“ der Schmalenbach-Gesellschaft – Deutsche Gesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.: Asset Backed Securities – ein neues Finanzierungsinstrument für deutsche Unternehmen? In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 1992, S. 508. 1010 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 409. 1011 Vgl. Meiswinkel, Christoph: Asset-Backed Securities. In: Mitteilungen aus dem Bankseminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Nr. 75, Bonn 1989, S. 1. 1012 Vgl. zu den vorhergehenden Überlegungen Everling, Oliver: Asset Securitisation in Europa. In: Die Bank 1993, S. 82; Früh, Andreas: Asset Backed Securities/Securitization am Finanzplatz Deutschland. In: Betriebs-Berater 1995, S. 105. 1013 Vgl. Paul, Stephan: Zur Finanzierung über Asset Backed Securities. In: Semesterbericht Nr. 34 des Instituts für Kredit- und Finanzwirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum, hrsg. von Joachim Süchting, Bochum 1991, S. 23. 1014 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 404; Paul, Stephan: Asset Backed Securities (ABS). In: Die Betriebswirtschaft 1993, S. 848. Süchting prägt diesbezüglich das Bild des Auftauens von Forderungen vor allem aus dem Massengeschäft; vgl. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 410. 11 Die Innenfinanzierung414 Forderungsverkäufers sowie der Investoren zugeschnitten werden. Dennoch lassen sich die z. T. sehr komplexen ABS-Transaktionen auf eine gemeinsame Grundstruktur zurückführen.1015 Die Konstruktionselemente und die Beteiligten sowie den Ablauf einer Finanzierung über die Platzierung von Asset Backed Securities zeigt Abbildung 127 (Seite 415), wobei die dort dargestellte Konzeption einer ABS-Transaktion für den Verkauf unterschiedlicher Forderungsarten – etwa von Hypothekendarlehen oder von Leasingforderungen – exemplarischen Charakter hat. Sie verdeutlicht zudem die Vielschichtigkeit einer Finanzierung durch Asset Backed Securities. Im Mittelpunkt steht das bereits angesprochene Beziehungsgeflecht zwischen Forderungsverkäufer, Zweckgesellschaft und Investoren. Darüber hinaus wirkt bei einer üblichen ABS- Transaktion allerdings noch eine Vielzahl weiterer Beteiligter unter Wahrnehmung ganz unterschiedlicher Aufgaben mit. Es sind dies insbesondere ein Arrangeur, ein Sponsor, ein Serviceagent, eine Zahlstelle (Paying Agent), ein Treuhänder, verschiedene Sicherungsgeber sowie mindestens eine Ratingagentur. Mitunter übernehmen einzelne der genannten Akteure auch mehrere Tätigkeiten zugleich. Die Bereitschaft von Unternehmungen, die Refinanzierung von Forderungen durch die Emission von Asset Backed Securities vorzunehmen, erklärt sich aus mehreren Vorteilen. Ein wesentlicher Vorteil aus Sicht des Forderungsverkäufers liegt in der Erschließung zusätzlicher, bisher unausgeschöpfter Finanzierungsquellen. ABS-Transaktionen ermöglichen durch die Monetisierung von Forderungsbeständen im Wege der wertpapiermäßigen Verbriefung den direkten Zugang zu den Geld- und Kapitalmärkten und damit zu neuen Investorenkreisen. Für dieses Vorgehen ist insbesondere das vom Forderungsverkäufer ansonsten nicht erreichbare, im Vergleich zu herkömmlichen Finanzierungsinstrumenten niedrigere Niveau der unmittelbaren Geldbeschaffungskosten maßgebend.1016 Da bei den Asset Backed Securities das Rating der Emission weniger an der Bonität des Forderungsverkäufers, sondern vielmehr an der Qualität der übertragenen Forderungen sowie der wirtschaftlichen und juristischen Stimmigkeit der Gesamtkonstruktion ausgerichtet ist, können auch Unternehmungen, die nicht über ein erstklassiges Emissionsstanding verfügen, Marktkonditionen in der Nähe von Triple A-Anleihen realisieren.1017 Damit kommt es entscheidend auf die Zuverlässigkeit der Ratingagenturen an. 1015 Zur Beschreibung der Grundkonzeption einer Asset-Backed-Finanzierung vgl. insbesondere Arbeitskreis „Finanzierung“ der Schmalenbach-Gesellschaft – Deutsche Gesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.: Asset Backed Securities – ein neues Finanzierungsinstrument für deutsche Unternehmen? In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 1992, S. 500-511. 1016 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 410. 1017 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 410; vgl. auch Abschnitt 10.2. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 415 Verkaufspreises Sponsor Weiterleitung der Zins- und Tilgungszahlungen Zahlstellenvertrag Emissionserlös Platzierung der Wertpapiere Nettoemissionserlös Übernahme der Wertpapiere Zins- und Tilgungszahlungen Forderungen Weiterleitung der Zins- und Tilgungszahlungen Forderungen und Verwaltungsvertrag Unternehmung als Forderungsverkäufer (Originator) sowie als Serviceagent Forderungsschuldner Zweckgesellschaft (Special Purpose Vehicle) als Forderungskäufer Sicherungsgeber (z. B. Abschluss einer Ausfallversicherung bei einer Versicherungsgesellschaft) Treuhänder Ratingagentur Bankenkonsortium Zahlstelle (Paying Agent) Investoren Arrangeur vertrag vertrag erteilung Zahlung des Versicherungs- Auftrags- Verkauf der Inkassostellen- Treuhand- Abbildung 127: Die Grundstruktur einer ABS-Transaktion1018 Weitere Vorteile von Asset Backed Securities hängen davon ab, wie die vorzeitig gewonnene Liquidität eingesetzt wird.1019 Dem Forderungsverkäufer eröffnen sich hier grundsätzlich zwei Alternativen. Zum einen kann er die Liquidität dazu nutzen, Verbindlichkeiten abzubauen. Hierdurch sinkt die Bilanzsumme, und es kommt zu einer Erhöhung der 1018 Modifiziert entnommen ausWaschbusch, Gerd: Asset Backed Securities – eine moderne Form der Unternehmungsfinanzierung. In: Zeitschrift für Bankrecht und Bankwirtschaft 1998, S. 410. 1019 Vgl. hierzu sowie zum Folgenden Arbeitskreis „Finanzierung“ der Schmalenbach-Gesellschaft – Deutsche Gesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.: Asset Backed Securities – ein neues Finanzierungsinstrument für deutsche Unternehmen? In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 1992, S. 519. 11 Die Innenfinanzierung416 Eigenkapitalquote sowie zu einer Verbesserung weiterer finanzwirtschaftlicher Kennzahlen wie z. B. des Kapitalumschlags sowie des Verschuldungsgrades. Damit verbunden ist die Hoffnung auf eine Erhöhung der Verschuldungskapazität sowie eine Senkung der unmittelbaren Kapitalaufbringungskosten der Unternehmung für zukünftige Kredite. Die zusätzlich erlangte Liquidität kann zum anderen aber auch in ertragreichere Aktiva als bisher reinvestiert werden. Insofern steigt die Investitionsfähigkeit der forderungsver- äußernden Unternehmung, ohne dass es der Aufnahme weiteren Fremd- oder Eigenkapitals bedarf. Neben den angeführten Vorteilen sind Asset-Backed-Finanzierungen jedoch auch mit gewissen Nachteilen verbunden. An erster Stelle ist dabei auf die nicht unerheblichen Kosten einer ABS-Transaktion, insbesondere die einmaligen und laufenden Emissionskosten, zu verweisen. Zur erstgenannten Kategorie sind bei der Begebung von Asset Backed Securities u. a. die Kosten der Vorbereitung und Strukturierung der Transaktion sowie – im Falle einer öffentlichen Platzierung – der Auflegung und Börseneinführung der Wertpapiere zu rechnen. Neben diesen einmaligen Emissionskosten fallen während der gesamten ABS- Transaktionsdauer laufende Drittleistungskosten an. Konkret handelt es sich hierbei um laufende Kosten beispielsweise für den Treuhänder, den Serviceagenten, die Sicherungsgeber, die Ratingagenturen und das Bankenkonsortium.1020 Als nachteilig wird zudem von potenziellen Interessenten an einer Asset-Backed-Finanzierung die zumeist langwierige Vorbereitungsphase einer solchen Transaktion empfunden.1021 Vorlaufzeiten von mehreren Monaten bis zu einigen Jahren sind nicht unüblich. Schließlich bestehen Befürchtungen, die Verbriefung von Forderungen könne von Außenstehenden als letzter finanzieller Rettungsanker aufgefasst werden.1022 Dieser möglichen Gefahr für den Forderungsverkäufer kann jedoch entgegengewirkt werden, indem der Forderungsverkauf als stille Zession vereinbart wird und der Forderungsverkäufer selbst Serviceagent bleibt. Aber auch im Falle einer offenen Abtretung dürfte ein Imageschaden nur dann auftreten, wenn es nicht gelingt, im Rahmen einer offensiven Informationspolitik derartige Einschätzungen zu korrigieren. Insgesamt betrachtet stehen die vorstehend geschilderten Chancen und Risiken aus Sicht des Forderungsverkäufers einer pauschalen Beurteilung der relativen Vorteilhaftigkeit von ABS-Transaktionen entgegen; sie verdeutlichen vielmehr die Notwendigkeit einer einzelfallbezogenen Beurteilung. 1020 Vgl. Benner, Wolfgang: Asset Backed Securities – eine Finanzinnovation mit Wachstumschancen? In: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 1988, S. 414. 1021 Vgl. Wulfken, Jörg/Weller, Michael: Securitisation als neue Finanzierungsform. In: Die Bank 1992, S. 646. 1022 Vgl. zu diesem Gesichtspunkt Arbeitskreis „Finanzierung“ der Schmalenbach-Gesellschaft – Deutsche Gesellschaft für Betriebswirtschaft e.V.: Asset Backed Securities – ein neues Finanzierungsinstrument für deutsche Unternehmen? In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 1992, S. 519 und S. 524. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 417 11.4.2.4.3.2 Asset Backed Securities und Finanzmarktkrise1023 Beschäftigt man sich mit der Frage, in welchem Zusammenhang Asset Backed Securities und die derzeit noch anhaltende Finanzmarktkrise stehen, so muss zunächst hervorgehoben werden, dass die Risiken, die in den an die Zweckgesellschaften verkauften Forderungen liegen, durch den Verkauf nicht verschwinden, sondern auf die Inhaber der von ihr emittierten Wertpapiere übergegangen sind. Ausfälle bei den Kreditforderungen, die der ABS-Transaktion zugrunde liegen, schlagen auch auf die Inhaber der durch diese Forderungen abgesicherten Schuldverschreibungen durch. Im Folgenden werden stichwortartig Gründe dargestellt, die in ihrer Gesamtheit die Finanzmarktkrise ausgelöst haben. • Bei einem äußerst niedrigen Leitzins von 1 % wurden von Personen ohne Einkommen, ohne Arbeit und ohne Vermögen Immobilien erworben und von Banken in der Erwartung stark steigender Immobilienpreise zu über 100 % bei höchstens zweijähriger Zinsbindung kreditfinanziert, wobei meist nur die Immobilie, nicht dagegen der Kreditnehmer haftete. • Die kreditgewährenden Banken wollten die Forderungen allerdings nicht bis zur vollständigen Tilgung halten, sondern verkauften sie mit dem gesamten Risiko entweder an eigens zu diesem Zweck gegründete, zunächst halbstaatliche Hypothekenbanken (Freddie Mac, Fannie Mae) oder aber an eigens zu diesem Zweck gegründete Zweckgesellschaften. Unter diesen Umständen wurde von den kreditgewährenden Banken auf eine sorgfältige Prüfung der Kreditwürdigkeit der Kreditnehmer und der Werthaltigkeit der Immobilien verzichtet. • Durch den Auslandssitz der Zweckgesellschaften und weitere zielgerichtete Maßnahmen wurde die Konsolidierung der Zweckgesellschaften im Konzernabschluss der die Forderungen verkaufenden Banken verhindert. • Zudem wurden Sitzländer für Zweckgesellschaften gewählt, die steuerliche Vorteile boten und eine weniger anspruchsvolle bzw. weniger aufmerksame Bankenaufsicht betrieben. • Die von der Zweckgesellschaft in erheblichem Umfang benötigten finanziellen Mittel wurden – unter Einschaltung von Bankenkonsortien – durch Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds und andere Zweckgesellschaften durch Erwerb von Asset Backed Commercial Papers mit meist nur halbjähriger Laufzeit zur Verfügung gestellt. Die Zweckgesellschaften betrieben somit Fristentransformation in erheblichem Umfang. • Die Erwerber dieser Titel erwarteten – wie bei Projektfinanzierungen – Zins- und Tilgungszahlungen aus den zugrunde liegenden Immobilienkrediten bzw. aus der Verwertung der Sicherheiten, vertrauten allerdings – ohne eigenverantwortliche Prü- 1023 Vgl. Bieg, Hartmut: Die Finanzmarktkrise – Ursachen, Verlauf, Erkenntnisse und Lösungsversuche. In: Der Steuerberater 2009, S. 66-75. 11 Die Innenfinanzierung418 fungen – auf das „unabhängige“ Urteil von Ratingagenturen, die die Zweckgesellschaften zuvor bei der Gestaltung der ABS-Transaktion beraten hatten. • Aus Sicherheits- und Renditeüberlegungen wurden die Asset Backed Commercial Papers in Tranchen eingeteilt. Die gesamten aus den Immobilienkrediten fließenden Gelder sollten zunächst für Zins- und Tilgungszahlungen an die erste Tranche, die verbleibende Liquidität sodann nacheinander für die folgenden Tranchen verwendet werden. Mit steigendem Risiko wurden höhere Zinsen zugesagt; die Nachfrage nach den risikoreicheren, aber höherverzinslichen Titeln war erheblich. • Die zurückgehende Konjunktur, der Leitzinsanstieg auf nahezu 6 % und die starke Zunahme der Arbeitslosigkeit ab Mitte 2006 führte zum Versiegen der Zahlungsströme aus den Immobilienkrediten und damit zu ausbleibenden Zahlungsströmen für die Asset Backed Commercial Papers. Es kam hinzu, dass auch Zweckgesellschaften Asset Backed Commercial Papers erworben hatten, sich die Mittel ihrerseits aber ebenfalls durch Ausgabe solcher Titel beschafft hatten. Niemand konnte mehr die ursprünglichen Immobilienkredite irgendeiner Zweckgesellschaft zuordnen. Unter diesen Umständen gelangen den Zweckgesellschaften die zwingend notwendigen Anschlussfinanzierungen nicht mehr. • Weil sich die Geschäftsmodelle aller Zweckgesellschaften ähnelten und weil vertrauenswürdige Informationen über die Kreditportfolien nicht zu erhalten waren, wurde das Misslingen der Anschlussfinanzierung zumMassenereignis im Bereich der Zweckgesellschaften. • Die Inhaber der wertlos gewordenen, nicht mehr verkäuflichen Asset Backed Commercial Papers erhielten die von ihnen erwarteten Zahlungen nicht mehr. Damit ergab sich auch für sie beim Auslaufen früher aufgenommener Gelder ein Geldanschlussproblem. • Schlagartig fehlte dem ganzen Finanzmarkt die Liquidität. Aus der Verlustkrise war eine Liquiditätskrise geworden. • Den – bisher letzten – Höhepunkt der Krise bildete der Zusammenbruch von Lehman Brothers. Wegen der starken internationalen Verflechtung hatte dies weltweit bei so vielen Geldanlegern Forderungsausfälle in bedrohlichem Ausmaß – und damit den Verlust der eigenen Bonität – zur Folge, dass ein weltweiter Bankenkollaps ohne energisches Eingreifen der Staaten durchaus möglich gewesen wäre. • Den drohenden Auszahlungsbegehren der Bankeinleger, insbesondere der privaten deutschen Haushalte, wurde mit dem Verweis auf die gesetzliche Einlagensicherung in Höhe von 20.000 EUR, in der Krise auf 50.000 EUR erhöht, mit dem Hinweis auf die Einlagensicherungseinrichtungen der drei Bankengruppen (privates Bankgewerbe, genossenschaftlicher Bankenbereich, Sparkassen) und mit der staatlichen Garantie aller Bankeinlagen begegnet. • Banken, die aufgrund geschwundener Bonität keine Kredite mehr erhielten, sich also in Liquiditätsproblemen befanden, wurden vom Staat entsprechende Garantien gegen- über den zurückhaltenden Geldgebern angeboten, wodurch den Geldgebern das Ausfallrisiko abgenommen wurde. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 419 • Dagegen wurde Banken, die in erheblichem Maße Verluste erlitten haben, also Eigenkapitalminderungen hinnehmen mussten und somit aus aufsichtsrechtlichen Gründen ihre Geschäftstätigkeit einschränken mussten, neues Eigenkapital vom Staat angeboten. • Dieses Angebot galt und gilt allerdings nur für „systemisch“ wichtige Banken, deren Zusammenbruch zu Schwierigkeiten bei vielen Banken wie Nichtbanken führen würde. Daraus ergeben sich jedoch ordnungspolitisch bedenkliche Auswirkungen, können doch derartige Banken zukünftig im Vertrauen auf die ihnen erneut zu gewährende Hilfe noch größere Risiken eingehen, solange es nicht zu einer Verschärfung der Aufsichtsregeln für das Kreditgewerbe kommt. 11.4.2.5 Die Kapitalfreisetzung durch den Verkauf insbesondere nicht betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände Neben den bereits angesprochenen Maßnahmen der Vermögensumschichtung – Kapitalfreisetzung durch den Rückfluss von Abschreibungsgegenwerten sowie Kapitalfreisetzung durch den Verkauf von Forderungen1024 – kann sich eine Unternehmung auch durch die Veräußerung insbesondere nicht betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände finanzielle Mittel beschaffen. Dabei kann entsprechend dem Grad der Betriebsnotwendigkeit unterschieden werden zwischen • der Veräußerung von Vermögensanteilen, die nicht dem betrieblichen Hauptzweck dienten und seither aus spekulativen oder anlagepolitischen Gründen gehalten werden; • der Veräußerung von Vermögensteilen, die der Unternehmung als kapazitätsorientiertes Erweiterungsvermögen dienten, soweit die entsprechenden Erweiterungsabsichten aufgegeben werden; • der Veräußerung von Vermögensteilen des kapazitätsgebundenen Vermögens im Rahmen von Rationalisierungsmaßnahmen oder aufgrund eines finanzwirtschaftlichen Engpasses. So können beispielsweise bisher in nicht betrieblich genutzten Grundstücken gebundene Mittel zu einer Ausweitung der Produktionskapazität eingesetzt werden. Als weitgehend frei verfügbare interne Liquiditätsreserven dienen zudem sowohl die Wertpapiere des Finanzanlage- als auch des Umlaufvermögens, wobei allerdings zu beachten ist, dass Anteilseignertitel, die zur Herstellung einer leistungswirtschaftlichen Verbindung zu der anderen Unternehmung gehalten werden, nicht ohne Weiteres veräußert werden können. Aber auch die Veräußerung anderer Gegenstände des Anlage- und Umlaufvermögens erweist sich häufig als problematisch. So hat der Verkauf von Anlagen, die in einem direkten Zusammenhang mit dem Produktionsprozess stehen, gegebenenfalls eine Gefährdung der Betriebsbereitschaft der Unternehmung zur Folge.1025 Als mögliche Lösungsalternative bietet sich hier das sogenannte „Sale-and-lease-back-Verfahren“ an, bei dem zunächst betriebsnotwendige 1024 Letztere stellt einen Spezialfall des Verkaufs von Vermögensgegenständen dar. 1025 Vgl. auch Olfert, Klaus: Finanzierung. 14. Aufl., Ludwigshafen (Rhein) 2008, S. 402. 11 Die Innenfinanzierung420 Vermögensgegenstände des Anlagevermögens an eine Leasing-Gesellschaft verkauft und im unmittelbaren Anschluss hieran von dieser wieder angemietet werden. Die weitere Nutzung dieser Gegenstände für betriebliche Zwecke erfolgt im Rahmen des mit der Leasing- Gesellschaft geschlossenen Vertrages, wobei auf die Liquiditätsbelastung aus den Leasing- Raten hinzuweisen ist.1026 Bei den beschriebenen Maßnahmen handelt es sich um Finanzierungsvorgänge, die neben der ursächlich angestrebten Vermögensumschichtung mit den Folgen der Liquidisierung1027 (Aktivtausch) gleichzeitig auch zu einer Bilanzverlängerung oder -verkürzung führen können. Dies ist dann der Fall, wenn beim Verkauf (nicht) betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände stille Rücklagen (Differenz zwischen einem höheren erzielten Marktwert und einem niedrigeren Buchwert) gewinnerhöhend aufgedeckt werden oder wenn durch vorherige Überbewertung der veräußerten Vermögensgegenstände (d. h. Buchwert > Marktwert) ein außerordentlicher Aufwand entsteht. Letztlich sind diese Sachverhalte allerdings als Vermögenszuwachs und damit gleichzeitig als Eigenkapitalneubildung bzw. als Verlust früher beschafften Eigenkapitals zu qualifizieren. 11.4.2.6 Die Kapitalfreisetzung durch Verkürzung der Kapitalbindungsdauer (Rationalisierungsmaßnahmen) Zur Finanzierung durch Vermögensumschichtung zählt schließlich auch die Beschleunigung des Kapitalumschlags durch die Verkürzung der Kapitalbindungsdauer, also durch die Verkürzung der Zeitspanne zwischen den Auszahlungen für die Produktionsfaktoren und den Einzahlungen für die Verkaufserlöse. Ein derartiger Kapitalfreisetzungseffekt kann vor allem auch durch Rationalisierungsmaßnahmen, insbesondere im Beschaffungs-, Produktions- und Absatzbereich einer Unternehmung erreicht werden, z. B. durch die Reduzierung der durchschnittlichen Kapitalbindungsdauer in den Rohstoffbeständen wegen einer effizienteren Materialdisposition oder durch die bessere Überwachung und Verkürzung eingeräumter Zahlungsziele. Als Folge derartiger Maßnahmen können die Betriebsprozesse bei gleichem Produktions- und Umsatzvolumen mit einem geringeren Kapitaleinsatz als bisher durchgeführt werden. Die auf diese Weise freigesetzten finanziellen Mittel stehen damit für andere Verwendungszwecke (z. B. für Investitionen, aber auch zur Tilgung von Verbindlichkeiten) zur Verfügung. 11.4.3 Die Umfinanzierung Da sich die Umfinanzierung weder der Außen- noch der Innenfinanzierung eindeutig zuordnen lässt, wird sie gesondert behandelt. Bilanziell handelt es sich bei den Maßnahmen der Umfinanzierung lediglich um einen Passivtausch. Einen Überblick über ausgewählte Mög- 1026 Vgl. zum Leasing Abschnitt 7. 1027 I.d.R. ist dies mit einer Verringerung der Rentabilität durch Wegfall von Erträgen verbunden. 11.4 Finanzierung durch Vermögensumschichtung und Umfinanzierung 421 lichkeiten der Umfinanzierung – ausgerichtet an der Eigenkapitalstruktur von Kapitalgesellschaften – gibt Abbildung 128.1028 Umfinanzierung 1. Umfinanzierungen, die das Eigenkapital berühren a) Umwandlung von ausschüttungsfähigem Gewinn in Rücklagen b) Umwandlung von Rücklagen in ausschüttungsfähigen Gewinn c) Umwandlung von Rücklagen in gezeichnetes Kapital (insbesondere nominelle Kapitalerhöhung) d) Umwandlung von gezeichnetem Kapital in Rücklagen 2. Umfinanzierungen, die das Fremdkapital berühren a) Umwandlung im Hinblick auf die Fristigkeit b) Umwandlung im Hinblick auf die Herkunft c) Umwandlung im Hinblick auf die Sicherheiten 3. Umfinanzierungen, die das Eigenkapital und das Fremdkapital berühren a) Umwandlung von Eigenkapital in Fremdkapital b) Umwandlung von Fremdkapital in Eigenkapital Abbildung 128: Ausgewählte Maßnahmen der Umfinanzierung1029 Durch eine solche Kapitalumschichtung, d. h. durch die Entscheidung, eine andere als die bisher gewählte Finanzierungsalternative einzugehen, kann zum einen die Struktur des Kapitals der Unternehmung hinsichtlich der Rechtsstellung eines Kapitalgebers verändert werden, indem die Gläubigerposition des Kapitalgebers in eine Eigentümerposition umgewandelt wird oder umgekehrt. Die Kapitalstruktur kann zum anderen aber auch hinsichtlich der zeitlichen Verfügbarkeit des Kapitals verändert werden, indem z. B. eine Umfinanzierung kurzfristiger Kredite in ein langfristiges Darlehen vorgenommen wird. Eine dritte Möglichkeit der Umfinanzierung ist im Austausch von Kapitalgebern zu sehen, bei dem sich die Rechtsstellung der Kapitalgeber jedoch nicht ändert, d. h., ein Gesellschaftsanteil innerhalb einer personenbezogenen Unternehmung (Einzelunternehmung, Personenhandelsgesellschaft)1030 wird veräußert oder von einem Kreditinstitut eingeräumte Kredite werden von 1028 Modifiziert entnommen aus Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 461. 1029 Modifiziert entnommen aus Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden, S. 461. 1030 Diese Möglichkeit ist in Abbildung 128 nicht enthalten, da sie sich auf Kapitalgesellschaften beschränkt, wo sich der Gesellschafterwechsel in der Bilanz nicht niederschlägt. 11 Die Innenfinanzierung422 einem anderen Kreditinstitut abgelöst. Auf die Verfügbarkeit des Kapitals in quantitativer Hinsicht haben Maßnahmen dieser Art im Gegensatz zur Kapitalerhöhung oder Kapitalherabsetzung keinen Einfluss. 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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

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Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.