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10.2 Die Kapitalgeber und Kapitalnehmer in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 356 - 359

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_356_1

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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10 Eine Systematisierung der Konditionenvereinbarungen der Außenfinanzierung 10.1Grundlagen Die historische Entwicklung der Finanzmärkte zeigt, dass die Menge der verschiedenen Finanzierungsinstrumente bzw. die Anzahl der Möglichkeiten, die einer Unternehmung im Rahmen der Außenfinanzierung zur Verfügung stehen, im Zeitablauf stetig zugenommen hat. Hierbei wurden jedoch keine grundsätzlich neuen Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen; vielmehr wurden die klassischen Formen der Bereitstellung von Eigenkapital und Fremdkapital nur variiert und in unterschiedlicher Weise miteinander kombiniert.859 Aufgrund der großen Anzahl ist eine vollständige Aufzählung sämtlicher Finanzierungsinstrumente nicht möglich; sie wäre auch nicht sinnvoll. Jedes Finanzierungsinstrument setzt sich aus verschiedenen Konditionenbestandteilen zusammen. Deswegen soll eine Systematisierung der möglichen Konditionenbestandteile von Finanzierungsinstrumenten vorgestellt werden. Hierdurch werden die einzelnen Bestandteile in eine hierarchische Ordnung gebracht. Durch Kombination dieser Elemente, deren Auswahl überwiegend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt, können dann die meisten historischen, heutigen und zukünftigen Finanzprodukte kreiert werden.860 Auf eine Trennung in Eigen- und Fremdkapitaltitel wird hierbei soweit wie möglich verzichtet, um die grundsätzliche Geltung der Systematik für beide Formen zu verdeutlichen. 10.2 Die Kapitalgeber und Kapitalnehmer Bei jedem Finanzierungsinstrument gibt es einen Kapitalgeber und einen Kapitalnehmer, wie Abbildung 7 (Seite 19) zeigt. Sie vereinbaren die dem Finanzkontrakt zugrunde liegenden Konditionen. Der (potenzielle) Kapitalgeber sucht eine Anlagemöglichkeit; umgekehrt bietet der (potenzielle) Kapitalnehmer eine Anlagemöglichkeit. (Potenzieller) Kapitalgeber und (potenzieller) Kapitalnehmer werden den Finanzkontrakt allerdings nur dann abschlie- ßen und somit den Kapitalaustausch nur dann vornehmen, wenn sie sich über die Konditionen der Kapitalhingabe einig geworden sind.861 Insofern stellt jedes Finanzierungsinstrument sowohl eine Kapitalbeschaffungsmöglichkeit für die Kapitalnehmer als auch eine Kapitalanlagemöglichkeit für die Kapitalgeber dar. 859 So z. B. durch die Schaffung mezzaniner Finanzierungsinstrumente, die sowohl Merkmale von Eigen- als auch von Fremdkapital enthalten; vgl. hierzu Abschnitt 6. 860 Dieser Vorgang wird auch als Replicating oder Financial Engineering bezeichnet (siehe hierzu auch die Ausführungen in Abschnitt 2.5). 861 In diesem Zusammenhang ist es denkbar, dass die Kontraktpartner einen Vermittler benötigen, der sie zusammenbringt. 332 10 Konditionenvereinbarungen der Außenfinanzierung Kapitalgeber und Kapitalnehmer, die die Entscheidungsträger der einem Finanzkontrakt zugrunde liegenden Konditionenvereinbarung sind, lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten systematisieren (siehe hierzu Abbildung 96). Kapitalgeber und Kapitalnehmer Nationalität Risikograd (Bonität) der Kapitalnehmer Anzahl der Kapitalgeber Inland Ausland öffentliche Haushalte Unternehmungen private Haushalte national supranational Abbildung 96: Systematisierung der Kapitalgeber und Kapitalnehmer Die beiden Kontraktpartner können zunächst nach ihrer Nationalität unterschieden werden. Hat z. B. bei einem festverzinslichen Wertpapier der Kapitalgeber seinen Sitz im Ausland, so wird von einer Auslandsanleihe im Gegensatz zu einer Inlandsanleihe gesprochen.862 Das Inland lässt sich – ebenso wie alle ausländischen Staaten – entsprechend den in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung üblichen Bezeichnungen in die Bereiche öffentliche Haushalte, Unternehmungen und private Haushalte unterteilen. Zu den öffentlichen Haushalten zählen in der Bundesrepublik Deutschland der Bund, die Sondervermögen des Bundes, die Bundesländer sowie die Kommunalverbände und Gemeinden. Der Bereich der Unternehmungen kann in die Gruppen monetäre Finanzinstitute und andere Unternehmungen unterteilt werden, wobei Letztere sich weiter nach einzelnen Branchen systematisieren lassen.863 Diese Unterscheidungen werden getroffen, weil sich hieraus einige Namen von Finanzierungsinstrumenten ableiten lassen. Die jeweiligen Bezeichnungen können dabei von den Kapitalnehmern abgeleitet sein. So ergibt sich beispielsweise die Bezeichnung „Bundesanleihe“ allein aus dem Sachverhalt, dass bei diesem Finanzierungsinstrument der Kapital- 862 Als „Inland“ wird in Deutschland üblicherweise die Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Da seit dem Beginn der dritten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion am 01.01.1999 der EUR die offizielle Währung derjenigen Mitgliedstaaten ist, die ab diesem Zeitpunkt die einheitliche Währung einführten, wird aber immer häufiger – vor allem im Zusammenhang mit der Emission von EUR-Anleihen – die Gesamtheit der Mitgliedstaaten, die den EUR eingeführt haben, als „Inland“ bezeichnet. 863 Der Bereich der Unternehmungen kann auch nach anderen Kriterien – beispielsweise nach der Unternehmungsgröße – weiter unterteilt werden. 10.2 Die Kapitalgeber und Kapitalnehmer 333 nehmer (Anleiheschuldner) die Bundesrepublik Deutschland ist. Entsprechend ergeben sich z. B. die Namen „Bankschuldverschreibung“ oder „Industrieobligation“. Ein „Mittelstandskredit“ dagegen wird an mittelständische Unternehmungen vergeben. Die Bezeichnungen können aber auch von den einzelnen Kapitalgebergruppen stammen, so z. B. „Lieferantenkredite“, „Kundenkredite“ (Anzahlungen), „Arbeitnehmerkredite“ oder auch „Bankkredite“, „Versicherungskredite“, „öffentliche Kredite“, „Konzernkredite“, „private Kredite“. Der Sektor Ausland lässt sich in dem nationalen Zweig ebenso untergliedern wie das Inland. (Dies ist allerdings in Abbildung 96; Seite 332, nicht berücksichtigt.) Der supranationale Zweig umfasst dagegen diejenigen Kapitalgeber und Kapitalnehmer, die nicht einem einzelnen Staat zugeordnet werden können. Hierzu zählen vor allem Organisationen wie die Weltbank oder die Europäische Investitionsbank. Neben der Untergliederung nach Nationalität und Wirtschaftssektoren lassen sich die Kapitalnehmer nach dem von seiner Bonität abhängigen Risikograd systematisieren. Der Risikograd einer Kapitalanlage wird von Ratingagenturen864 durch ein Rating865 des Schuldners in komprimierter Form wiedergegeben. In Anlehnung an die gängigen Ratingsymbole werden Anleihen von Unternehmungen mit höchster Bonität als Triple-A-Anleihen (AAA-Anleihen) bezeichnet. Derartige Anleihen zeichnen sich durch ein besonders geringes Ausfallrisiko aus. Hingegen sind High-Yield Bonds ein Beispiel für Anleihen, bei denen die Emittenten eine geringe Bonität aufweisen, die vertragsgemäße Bedienung der Anleihen durch die Emittenten also zweifelhaft erscheint. Nach der Anzahl der Kapitalgeber wird speziell bei Krediten zwischen • den von einem einzigen Kreditgeber gewährten Einzelkrediten, • den von einer Gruppe von Kreditgebern (z.B. von einem Bankenkonsortium) gewährten Konsortialkrediten sowie • den i. d. R. von zwei gleichberechtigten Partnern mit jeweils gleichen Kreditteilen gewährten Metakrediten unterschieden. 864 Zu den bekanntesten Ratingagenturen gehören Standard & Poor’s, Moody’s sowie Fitch Ratings; vgl. dazu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investitions- und Finanzierungsmanagement. Band III: Finanzwirtschaftliche Entscheidungen. München 2000, Abschnitt 2.1.4.1. 865 Ein Rating stellt ein Beurteilungsverfahren dar, das eine Vielzahl von Bestimmungsfaktoren eines Untersuchungsgegenstands (hier: eine Unternehmung) bezüglich einer bestimmten Fragestellung (hier: die Bonität der Unternehmung) bewertet und das Ergebnis in einer einzigen Kennzahl, dem so genannten Rating, verdichtet; vgl. dazu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investitions- und Finanzierungsmanagement. Band III: Finanzwirtschaftliche Entscheidungen. München 2000, Abschnitt 2.1.4.1. Die Erkenntnis, dass die Bonität einer Unternehmung in starkem Maße von ihrer zukünftigen Entwicklung abhängt, wird von den Ratingagenturen dadurch berücksichtigt, dass sie für eine Unternehmung verschiedene, nach der zeitlichen Länge des jeweiligen Betrachtungszeitraums differenzierte Ratings vergeben. 334 10 Konditionenvereinbarungen der Außenfinanzierung 10.3 Die möglichen Bereiche von Konditionenvereinbarungen 10.3.1 Systematisierung der Konditionenvereinbarungen Aufgrund ihrer unterschiedlichen Zielvorstellungen müssen Kapitalgeber und Kapitalnehmer Konditionen für die Kapitalüberlassung vereinbaren (siehe hierzu auch Abbildung 7; Seite 19). Eine Übersicht, in der mögliche Bereiche von Konditionenvereinbarungen systematisiert werden, findet sich in Abbildung 97 (Seite 335). 10.3.2 Zeitpunkt der Konditionenfestlegung Bei der Konditionenvereinbarung müssen sich der Kapitalgeber und der Kapitalnehmer zunächst über den Zeitpunkt der Konditionenfestlegung einigen. I. d. R. wird dieser Vorgang in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Kapitalbereitstellung erfolgen (Kassageschäfte). Bei Termingeschäften werden die Konditionen dagegen in entsprechendem zeitlichem Abstand vor der Kapitalbereitstellung bereits mit Vertragsabschluss festgelegt. Insofern ist ein normaler Bankkredit, dessen Konditionen in entsprechendem zeitlichem Abstand vor der Inanspruchnahme festgelegt werden, ebenso ein Termingeschäft wie ein heute abgeschlossener Kaufvertrag, in dem der veräußerte Vermögensgegenstand wie der Kaufpreis festgelegt wird, der aber erst in drei Monaten durch Lieferung des Gegenstandes und Bezahlung des Kaufpreises von den Vertragspartnern zu erfüllen ist. Wird der zeitliche Abstand zwischen Konditionenfestlegung und Kapitalbereitstellung nach praktischen Gesichtspunkten fixiert, so kann selbst bei einer Frist von wenigen Tagen noch ein Kassageschäft vorliegen (z. B zwei Valutatage im Bankgeschäft). Die Übergänge zwischen Kassageschäften und Termingeschäften können somit fließend sein. Der Zeitpunkt der Konditionenfestlegung kann allerdings auch nach der Kapitalbereitstellung liegen. In der Praxis werden jedoch i. d. R. nicht alle, sondern nur ein einziger Vertragsbestandteil oder einige wenige Vertragsbestandteile nachträglich festgelegt. So gibt es z. B. Finanzkontrakte, bei denen einer der Kontraktpartner (Kapitalgeber oder Kapitalnehmer) die Rückzahlungswährung nach der Kapitalbereitstellung bestimmen kann. 10.3.3 Bindungsgrad der Konditionenvereinbarung Eine ursprünglich vereinbarte Konditionenfestlegung muss allerdings – je nach Bindungsgrad der Konditionenvereinbarung – nicht in jedem Fall für den gesamten Kapitalbereitstellungszeitraum Gültigkeit besitzen. Wurde ein Änderungsrecht oder eine Änderungspflicht vereinbart, wie z. B. die Kündigung des Kapitalbetrags durch den Kapitalgeber (z. B. durch einen OHG-Gesellschafter oder durch die satzungsändernde Mehrheit der Aktionäre), so kann durch Ausübung des Änderungsrechts bzw. durch Erfüllung der Änderungspflicht die ursprüngliche Konditionenfestlegung nachträglich geändert werden.

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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

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Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.