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1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 34 - 41

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_34

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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4 1 Die Finanzwirtschaft 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 1.2.1 Die Ziele der Finanzwirtschaft Aus leistungswirtschaftlicher Sicht wird angestrebt, bei der Erstellung der betrieblichen Leistungen und bei ihrem Absatz langfristig den Gewinn zu maximieren. Verfolgt die Unternehmungsleitung ausschließlich dieses Ziel, so werden betriebliche Leistungen nur erbracht, wenn sich damit ein Gewinn erzielen lässt, wenn also eine positive Differenz zwischen Erlösen und Kosten, den leistungsbedingten Erfolgsbeiträgen, zu erwarten ist.9 Die finanzwirtschaftliche Sicht ist im Gegensatz dazu kapital- bzw. zahlungsorientiert. Dies zeigt sich in der Formulierung der finanzwirtschaftlichen Zielfunktion im Sinne der Maximierung der Kapitalrentabilität (dies entspricht einer Kapitalorientierung) unter den Nebenbedingungen der Liquidität (dieses Kriterium ist zahlungsorientiert), der Sicherheit und der Unabhängigkeit.10 1.2.2 Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien 1.2.2.1 Die Kapitalrentabilität als eigenständige finanzwirtschaftliche Zielsetzung Die Kapitalrentabilität stellt eine besondere Interpretation des Gewinnbegriffs dar. Kapitalrentabilitäten sind Kennzahlen, in denen eine Erfolgsgröße ins Verhältnis zu verschiedenen in der Unternehmung eingesetzten Kapitalgrößen gesetzt wird. Sie geben an, in welcher Höhe sich das eingesetzte Kapital in der betreffenden Periode verzinst hat, und tragen somit dem weit verbreiteten Renditedenken Rechnung. Da das in der Finanzwirtschaft angestrebte Ziel die Rentabilitätsmaximierung ist, orientiert man sich bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen nicht an der absoluten Höhe des Gewinns, sondern an der Relation zwischen Gewinn bzw. Jahresüberschuss und eingesetztem Kapital, also an der relativen Höhe des Gewinns. Bei Vergleichen ist darauf zu achten, dass ein Unterschied besteht zwischen dem handelsrechtlichen Gewinn, dem steuerrechtlichen Gewinn und dem Gewinn nach IFRS und dass darüber hinaus zwischen dem Gewinn vor Steuern und dem Gewinn nach Steuern zu unterscheiden ist. Dabei stellt der Jahresüberschuss den nach handelsrechtlichen Vorschriften ermittelten Gewinn nach Steuern dar. Abbildung 3 (Seite 5) enthält Ausprägungsformen der Kapitalrentabilität. Dabei entspricht die Rentabilität eines einzelnen Investitionsprojekts dem durch die Investitionsrechnung ermittelten internen Zinsfuß. Setzt man den Jahresüberschuss (oder in anderer Definition das Betriebsergebnis) einer Unternehmung zu ihren Umsatzerlösen in Beziehung, so erhält man die Umsatzrentabilität. Eine Modifikation der Kennzahl Gesamtkapitalrentabilität stellt der Return On In- 9 Auf die wichtige Differenzierung zwischen Leistungen und Erträgen bzw. Kosten und Aufwendungen, wobei die neutralen Erträge und Aufwendungen einerseits und die kalkulatorischen Leistungen und Kosten andererseits zu berücksichtigen sind, sei hier nur hingewiesen; vgl.Wöhe, Günter: Bilanzierung und Bilanzpolitik. 9. Aufl., München 1997, S. 21-24. 10 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 18-26. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 5 vestment (ROI) dar, der als Quotient aus Jahresüberschuss (bzw. Betriebsergebnis) und Gesamtkapital gebildet wird. Um die Gründe für einen gegenüber dem Vorjahr verbesserten oder verschlechterten ROI besser analysieren zu können, zerlegt man ihn in die Bestandteile Umsatzrentabilität (Jahresüberschuss bzw. Betriebsergebnis : Umsatzerlöse) und Kapitalumschlagshäufigkeit (Umsatzerlöse : Gesamtkapital). Das Produkt dieser beiden Größen ergibt wiederum den ROI.11 a) Eigenkapitalrentabilität = b) Gesamtkapitalrentabilität = c) Betriebskapitalrentabilität = d) Rentabilität eines einzelnen Investitionsobjektes JÜ = Jahresüberschuss; EK = Eigenkapital; FK = Fremdkapital; EK + FK = Gesamtkapital = Gewinn (bzw. JÜ) EK Gewinn (bzw. JÜ) + FK-Zinsen EK + FK Betriebsergebnis betriebsnotwendiges Kapital dem Projekt zurechenbare Einzahlungsüberschüsse für das Projekt erforderlicher Kapitaleinsatz Abbildung 3: Ausprägungsformen der Kapitalrentabilität 1.2.2.2 Die Liquidität Würde man die Liquidität mit dem Zahlungsmittelbestand (Kassenbestand + jederzeit verfügbare Guthaben bei Kreditinstituten) gleichsetzen, so wäre ihr Umfang eindeutig und ihre Messung unproblematisch. Die Definition der Liquidität als positiver Zahlungsmittelbestand ist aber als finanzwirtschaftliches Kriterium wenig aussagefähig. Nicht die Höhe des Zahlungsmittelbestandes ist ausschlaggebend, sondern ob die Zahlungskraft einer Unternehmung insgesamt ausreicht, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Dem Umstand, dass der Zahlungsmittelbestand nur einen Teil der disponierbaren Zahlungsmittel umfasst, trägt der erste zu erörternde Liquiditätsbegriff Rechnung, wonach Liquidität die Eigenschaft eines Vermögensobjektes ist. Dem Umstand, dass Liquidität nicht nur durch die Zahlungskraft, sondern auch durch die Zahlungsverpflichtungen bestimmt wird, trägt der zweite Liquiditätsbegriff Rechnung, wonach Liquidität die Eigenschaft eines Wirtschaftssubjektes (in unserem Zusammenhang also einer Unternehmung) ist. Versteht man Liquidität als eine Eigenschaft von Vermögensobjekten, so geht es im Wesentlichen um die Liquidisierbarkeit (oft verkürzt auch als Liquidierbarkeit bezeichnet) einzelner Vermögensgegenstände. Man kann also unter Liquidität die „Eigenschaft von Vermögensobjekten [verstehen; d. Verf.], mehr oder weniger leicht als Zahlungsmittel verwendet oder durch Verkauf oder Abtretung in ein Zahlungsmittel umgewandelt werden 11 Ausführlich hierzu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Externes Rechnungswesen. 5. Aufl., München 2009, S. 344-346. 6 1 Die Finanzwirtschaft zu können“12 (absolute Liquidität). Zahlungsmittel sind dabei dadurch gekennzeichnet, dass durch ihre Übertragung eine Zahlungsverpflichtung mit befreiender Wirkung erfüllt wird. Gesetzliche Zahlungsmittel, für die Annahmezwang besteht, verfügen bei ungestörter Geldwirtschaft über diese Eigenschaft. Inwieweit auch andere als die gesetzlichen Zahlungsmittel hier einzubeziehen sind, hängt von der Annahmebereitschaft der Gläubiger ab.13 Liquidität wird aber auch als Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten im Sinne von Zahlungsfähigkeit verstanden. Wie bereits angedeutet, kann es sich im Rahmen betriebswirtschaftlicher Untersuchungen bei den in Frage stehenden Wirtschaftssubjekten nur um Unternehmungen handeln. Insoweit kann man Liquidität auch als Eigenschaft von Unternehmungen verstehen, „Zahlungsansprüche mehr oder weniger leicht erfüllen zu können“.14 Dieser Liquiditätsbegriff wurde am prägnantesten von Witte formuliert: „Liquidität ist die Fähigkeit der Unternehmung, die zu einem Zeitpunkt zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen uneingeschränkt erfüllen zu können; sie muß während des Bestehens der Unternehmung zu jedem Zeitpunkt gegeben sein“.15 Unter zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen versteht man in diesem Zusammenhang solche, die vertraglich oder gesetzlich zwingend bzw. wirtschaftlich unumgänglich sind. Nach Mellerowicz ist unter der Liquidität der Tatbestand der Zahlungsbereitschaft, also die Fähigkeit einer Unternehmung, allen Zahlungsverpflichtungen und Zahlungsnotwendigkeiten fristgerecht nachkommen zu können, zu verstehen. Diese Formulierung zeigt besonders deutlich, dass die Liquidität immer unter dem Gesichtspunkt einer fortzuführenden Unternehmung zu sehen ist, die das ständige Eingehen neuer Zahlungsverpflichtungen erforderlich macht. Können diese Verpflichtungen ohne Gefährdung der zukünftigen Liquidität eingegangen werden, so wird die Unternehmung vom Zahlungsbereich her nicht behindert.16 Nach Gutenberg befindet sich eine Unternehmung im finanziellen Gleichgewicht, wenn sie zu allen Zeitpunkten genau so viele liquide Mittel zur Verfügung hat, wie sie zur Deckung ihrer fälligen Zahlungsverpflichtungen benötigt.17 Diese Definition reduziert den Begriff des finanziellen Gleichgewichtes auf die Zahlungsfähigkeit, also auf den Liquiditätsaspekt. Da es sich hier um eine ständige Augenblicks- oder Momentanliquidität (zeitpunktbezogene Liquidität) handelt, stellt sich das Problem der Aufrechterhaltung der Liquidität für jede Unternehmung zu jedem Zeitpunkt ihres Bestehens. Bei dieser verwendeten Liquiditätsdefinition gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder liegt Liquidität vor oder nicht. Liquide sein im Sinne dieses Liquiditätsbegriffs bedeutet also nicht, über einen hohen Bestand an Zah- 12 Stützel, Wolfgang: Liquidität. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, hrsg. von Erwin von Beckerath u.a., 6. Band, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1959, S. 625. 13 Vgl. Bieg, Hartmut: Schwebende Geschäfte in Handels- und Steuerbilanz. Frankfurt a. M./Bern 1977, S. 180-181. 14 Stützel, Wolfgang: Liquidität. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, hrsg. von Erwin von Beckerath u.a., 6. Band, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1959, S. 622. 15 Witte, Eberhard: Die Liquiditätspolitik der Unternehmung. Tübingen 1963, S. 15. 16 Vgl. Mellerowicz, Konrad: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 3. Band. 10. Aufl., Berlin 1959, S. 23. 17 Vgl. Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. 3. Band: Die Finanzen. 8. Aufl., Berlin u.a. 1980, S. 272-273. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 7 lungsmitteln zu verfügen. Eine größere Zahlungskraft, als sie von den Zahlungsanforderungen her bedingt wird, ist unnötig und unter dem Rentabilitätsgesichtspunkt unwirtschaftlich. Reicht die Zahlungskraft nicht aus, die auftretenden Zahlungsanforderungen zu erfüllen, so liegt Illiquidität vor. 1.2.2.3 Die Sicherheit Unter Sicherheitsstreben versteht man das Ziel der Eigentümer bzw. der für die Unternehmung Verantwortlichen, das zur Verfügung gestellte Kapital uneingeschränkt zu erhalten. Konsequent umgesetzt würde dies den Verzicht auf jegliches Risiko bedeuten. Da jedoch letztlich (fast) jede unternehmerische Tätigkeit ein gewisses Risiko in sich birgt, müsste bei strenger Verfolgung dieses Zieles jegliche derartige Tätigkeit eingestellt werden. Dies kann allerdings nicht Sinn und Zweck dieser Zielsetzung sein. Vielmehr muss dieses Ziel zur Nebenbedingung modifiziert werden. Kann nicht von vornherein ein Verlust ausgeschlossen werden, so wird ein Risiko nur dann eingegangen, „wenn der Verlustgefahr auch die Chance eines Gewinns gegenübersteht“.18 Dabei ist folgendes Verhältnis zwischen Risiko und Gewinn entscheidend: Je höher das Risiko einer Aktion ist, desto höher kann i. d. R. der Gewinn aus dieser Aktion und damit die Steigerung der Rentabilität ausfallen. Der Eintritt eines Misserfolges wirkt sich dagegen negativ auf die Rentabilität aus. Bei entsprechend hohem Verlust aus der Aktion werden die Gewinne aus anderen Aktionen aufgezehrt; der so entstehende Periodenverlust führt zur Verminderung des Eigenkapitals. Die Rentabilität kann also auch negativ werden. Bei entsprechend hohen (kumulierten) Periodenverlusten kann es auch zu einer völligen Aufzehrung des Eigenkapitals kommen; im schlimmsten Fall ergibt sich ein „negatives“ Eigenkapital. 1.2.2.4 Die Unabhängigkeit Unter dem Unabhängigkeitsstreben versteht man das Ziel der Eigentümer bzw. der Unternehmungsleitung, die Kapitalbeschaffung so zu gestalten, dass das Unternehmungsgeschehen nicht durch die Einflussnahme Dritter beeinträchtigt wird. Es geht also konkret um die Möglichkeit der Einflussnahme der (neugewonnenen bzw. ihr bisheriges Engagement verstärkenden) Kapitalgeber auf unternehmerische Entscheidungen. Jede Kapitalaufnahme schafft neue Mitspracherechte, die sich nach der Art des aufgenommenen Kapitals unterscheiden. Mit der Zuführung von Eigenkapital ist üblicherweise die Gewährung von Entscheidungs-, Mitsprache-, Stimm- und Kontrollrechten verbunden. Hierbei sind folgende Fälle zu unterscheiden: Erfolgt die Einlagenfinanzierung durch die bisherigen Gesellschafter, so können sich Entscheidungsrechte und das Stimmrechtsverhältnis ändern, wenn die Gesellschafter mit einer vom bisherigen Beteiligungsverhältnis abweichenden Quote zusätzliches Eigenkapital 18 Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 35. 8 1 Die Finanzwirtschaft zuführen; dies gilt nur für den Fall, dass die Stimmrechtsverteilung von der Anteilsquote abhängt.19 Beim Eintritt neuer Gesellschafter sind diesen – neben Vermögensrechten in Form einer risikoadäquaten Verzinsung und der Abgeltung stiller Rücklagen bei Ein- und Austritt – auch „Machtbefugnisse“ zu gewähren, die sich auf Mitsprache sowie Informations- und Kontrollrechte erstrecken.20 Dadurch werden die Entscheidungsbefugnisse der bisherigen Gesellschafter geschmälert, was insbesondere bei mittelständischen Unternehmungen, die häufig bewusst nach Unabhängigkeit von fremden Kapitalgebern streben, als nachteilig empfunden wird. Inwieweit sich Auswirkungen auf die Machtstrukturen innerhalb der Gesellschaft ergeben, hängt dabei sowohl von der gesellschaftsrechtlichen Stellung der neuen Eigenkapitalgeber (z. B. stiller Gesellschafter, Komplementär, Kommanditist, Stamm- oder Vorzugsaktionär) als auch von den ihnen zustehenden Rechten nach Gesetz, Gesellschaftsvertrag oder Satzung ab.21 Durch entsprechende Gestaltung (z. B. durch Konstruktion einer stillen Gesellschaft oder gesellschaftsvertraglicher Beschränkung der Einflussnahmemöglichkeiten) kann somit der Machtverlust der bereits beteiligten Gesellschafter begrenzt werden. Die tatsächlichen Einflussnahmemöglichkeiten der Eigenkapitalgeber können faktisch auch durch eine breite Streuung der Kapitalanteile, wie sie beispielsweise bei Publikumskapitalgesellschaften vorkommt, beschränkt sein; diese führt dazu, dass für Inhaber kleiner Anteile eine Beteiligung an der Entscheidungsfindung in der Unternehmung organisatorisch unmöglich wird und die Kontrolle der Entscheidungsorgane wenig wirksam vollzogen werden kann.22 Insgesamt ist die Mitsprache bei der Aufnahme neuen Eigenkapitals üblicherweise größer als bei der Kreditfinanzierung. Bei Letzterer ist der Umfang der Kreditgewährung und die Marktmacht des Gläubigers im Verhältnis zur kreditnehmenden Unternehmung für den Umfang der Mitspracherechte entscheidend. Das Unabhängigkeitsstreben kollidiert in starkem Maße mit den übrigen finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien. Durch das Zugeständnis, zukünftig in gewisser Weise auf das Unternehmungsgeschehen Einfluss nehmen zu können, werden u. U. insbesondere Fremdkapitalgeber dazu veranlasst, ihrerseits Zugeständnisse bei der Vereinbarung des Zinssatzes zu machen, ihr Kapital langfristig zur Verfügung zu stellen oder sogar risikobereiter zu investieren. Dies mag die kreditnehmende Unternehmung beim Abschluss des Kreditvertrags als außerordentlich vorteilhaft einschätzen. Sie wird diese Vorteile aber möglicherweise mit einer Einflussnahme des Gläubigers „bezahlen“ müssen, welche die Dispositionsfreiheit und Flexibilität der Unternehmung so stark einschränkt, dass dadurch 19 Bei Kapitalgesellschaften ergeben sich analoge Veränderungen beim Bezugsrecht, beim Gewinnverteilungsschlüssel und beim Anspruch auf den Liquidationserlös. 20 Vgl. Kußmaul, Heinz: Betriebswirtschaftliche Beratungsempfehlungen zur Finanzierung mittelständischer Unternehmen. In: Steuerberaterkongreß-Report 1990, München 1991, S. 188-189. 21 Vgl. Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9.Aufl., München 2002, S. 417-419. 22 Vgl. Franke, Günter/Hax, Herbert: Finanzwirtschaft des Unternehmens und Kapitalmarkt. 5. Aufl., Berlin u.a. 2004, S. 6. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 9 der Unternehmungsprozess gestört wird. Auch durch die bei der Kreditaufnahme vielfach notwendigen und durchaus üblichen Sicherheiten in Form von Grundpfandrechten, Mobiliarpfandrechten und Sicherungsübereignungen wird die unternehmerische Verfügungsgewalt eingeengt, ja sogar die Möglichkeit weiterer Kreditaufnahmen begrenzt,23 denn diese Vermögensgegenstände stehen zur Absicherung weiterer Kredite nicht mehr zur Verfügung. Letztlich kann die Beherrschung durch einen einzelnen Kapitalgeber sogar die Rentabilität insofern beeinträchtigen, als dieser Preise diktieren und Wachstumsbeschränkungen im leistungswirtschaftlichen Bereich vorschreiben kann.24 Die Erhaltung der Dispositionsfreiheit und der Flexibilität der Unternehmung ist von solcher Bedeutung, dass sich das Unabhängigkeitsstreben als wichtige Nebenbedingung bei der Kapitalbeschaffung darstellt. Es muss allerdings eine überlegte und klare Abwägung vorgenommen werden, ob aus dem Unabhängigkeitsstreben heraus ein Verzicht auf eine weitere Kapitalaufnahme sinnvoll ist, der dann eventuell einen Verzicht auf mögliches Unternehmungswachstum mit sich bringt.25 1.2.3 Die finanzwirtschaftlichen Aufgaben und Fragestellungen Die für die betriebliche Finanzwirtschaft Verantwortlichen müssen die Geldströme (Zahlungsströme) einer Unternehmung, die durch betriebliche und außerbetriebliche Prozesse ausgelöst werden, erfassen, steuern und kontrollieren. Sie haben dabei insbesondere die termingerechte Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen sicherzustellen, müssen dabei allerdings stets darauf bedacht sein, der Unternehmung nicht durch den Bestand zu hoher liquider Mittel Erträge entgehen zu lassen. Hieraus ergeben sich die folgenden Aufgaben: • Die für die betriebliche Finanzwirtschaft Verantwortlichen haben langfristig den Finanzmittelbedarf zu erkunden, den die Unternehmung in den übrigen betrieblichen Teilbereichen, aber auch im finanzwirtschaftlichen Bereich hat. Sie haben Finanzmittel in ausreichendem Umfang und in der gewünschten Fristigkeit zu beschaffen, um diese dann ihrer speziellen Verwendung, etwa der Anschaffung von Realgütern oder der Beschaffung vorübergehender oder langfristiger Finanzanlagen zuzuführen. • Der zielgerechte Ablauf der Finanzmittelbeschaffung und -verwendung setzt voraus, dass der Zahlungsverkehr kostengünstig und schnell abgewickelt werden kann, d. h., es sind nicht nur die notwendigen Vorkehrungen für den ungestörten Ablauf des Zahlungsverkehrs zu schaffen, sondern es sind auch Neuerungen, die den Ablauf langfristig verbessern können, durchzuführen. Darüber hinaus ist im finanzwirtschaftlichen Bereich das organisatorische Umfeld so zu gestalten, dass die Unternehmung ihre Ziele erreichen kann. 23 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 10. 24 Vgl. Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 36. 25 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 13. 10 1 Die Finanzwirtschaft • Schließlich ist zu kontrollieren, ob die eingesetzten Instrumente zielgerecht arbeiten, ob die gewählte Organisationsstruktur sinnvoll ist, ob die Finanzierungsform noch zeitgerecht ist, ob die vorgenommenen Investitionen den Erwartungen entsprechen; falls Änderungen des Umweltzustandes eingetreten sind oder Erkenntnisse anderer Art vorliegen, können unverzüglich Anpassungsmaßnahmen vorgenommen werden. In großen Unternehmungen werden die finanzwirtschaftlichen Entscheidungen häufig dezentral in verschiedenen Abteilungen getroffen. In diesem Falle müssen alle Entscheidungen durch eine Instanz koordiniert werden. Bezeichnet man diese Stelle als das Finanzmanagement, so wird der Begriff – wie allgemein üblich – in institutioneller Sichtweise verwendet. Er bezeichnet also die Instanz, die für die Koordinierung der Aktivitäten der Unternehmungsführung zuständig ist, die das finanzielle Gleichgewicht der Unternehmung sicherstellen soll. Gewöhnlich ist das der Finanzvorstand.26 Es lässt sich ein enges Zusammenspiel zwischen Kapitalanlage und Kapitalaufbringung feststellen. Selbst wer die Investitionsrechnung isoliert betrachtet, hat die Ausgangsfrage zu stellen, welches Investitionsobjekt zu realisieren ist, wenn Mittel in genügend großer Höhe zur Verfügung stehen. Andererseits ist Ausgangsfrage der Finanzierung, wie eine Investition, die zwingend benötigt wird, optimal finanziert werden sollte. Diese Fragestellungen lassen u. U. vermuten, jeweils einer der Teilbereiche sei fix, während der andere zu optimieren sei. Tatsächlich können aber in der Praxis beide Teilbereiche gestaltet werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der gemeinsamen Planung von Investition und Finanzierung. Es gilt folgender Zusammenhang: Jede Mittelverwendung hat eine Mittelbeschaffung zur Voraussetzung. Der beste Investitionsplan ist bedeutungslos, wenn keine Mittel zur Beschaffung der Investition zur Verfügung stehen. Umgekehrt ist die Beschaffung finanzieller Mittel unsinnig, wenn für sie keine ertragbringende Verwendung gefunden werden kann. Daher muss Mittelbeschaffung stets eine Mittelverwendung nach sich ziehen.27 Trotz dieser Interdependenzen werden die Bereiche der Kapitalanlage28 und der Kapitalaufbringung29 üblicherweise getrennt voneinander behandelt. Diese Vereinfachung ist angebracht, um einen Überblick über die einzelnen Teilbereiche zu erhalten. Erst die Darstellung der grundlegenden Zusammenhänge ermöglicht es, die fließenden Übergänge und somit das komplexe Zusammenspiel zu erkennen.30 26 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmungsfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 25-26. 27 Vgl.Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9.Aufl., München 2002, S. 3. 28 Vgl. dazu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investition. 2. Aufl., München 2009. 29 Vgl. dazu dieses Lehrbuch. 30 Vgl. dazu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investitions- und Finanzierungsmanagement. Band III: Finanzwirtschaftliche Entscheidungen. München 2000. 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 11 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 1.3.1 Die Investition31 Der Investor verfolgt mit einer zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfolgenden Geldauszahlung für bestimmte Vermögensgegenstände oder Dienstleistungen das Ziel, dadurch in späteren Perioden höhere Geldeinzahlungen oder Minderauszahlungen zu erwirtschaften. Charakteristische Merkmale von Investitionen sind demnach die Transformation eines gegenwärtigen Zahlungsmittelbestandes in materielle oder andere immaterielle Güter, sowie das Ziel, dadurch auf direkte bzw. indirekte Weise zusätzliche Einzahlungen oder geringere Auszahlungen zu erreichen.32 Es lässt sich also eine enge Verknüpfung zwischen der güter- bzw. leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Ebene einer Unternehmung erkennen. Jedoch kann bei der Beratung, Beurteilung und Entscheidung über eine Investition prinzipiell eine Trennung zwischen leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Aspekten vorgenommen werden. Betrachtet man die innerhalb des Bereichs des betrieblichen Finanz- bzw. Rechnungswesens ablaufenden Prozesse hinsichtlich Entscheidungsvorbereitung, Treffen von Entscheidungen sowie Informationserstellung und -verwertung, so wirken sich die mit einer Investition in Zusammenhang stehenden Aktionen zum einen deutlich auf die Aktivseite einer Bilanz sowie auf die Gewinn- und Verlustrechnung und die Finanzrechnung aus, zum anderen macht sich die Planung und Berechnung von realisationsfähigen und auch zur Verwirklichung geeigneten Investitionsobjekten (Investitionsrechnung) im Bereich der mittel- bis langfristigen Unternehmungsplanung bemerkbar (vgl. Abbildung 4; Seite 12). 1.3.2 Die Finanzierung In der Literatur herrscht keine Einigkeit über die Definition des Finanzierungsbegriffes. Die klassische Interpretation der Finanzierung orientiert sich an dem in der Bilanz ausgewiesenen Kapital.33 Finanzierung beschränkt sich dann auf die Vorgänge der Kapitalbeschaffung, wobei der Begriff der Kapitalbeschaffung eng oder weit gefasst werden kann. So kann der Begriff der Kapitalbeschaffung anhand nachfolgender Kriterien eingeschränkt werden: • entsprechend der Form der Kapitalbeschaffung, z. B. Beschränkung auf die Beschaffung finanzieller Mittel durch Ausgabe von Wertpapieren; • entsprechend der Dauer der Kapitalbereitstellung, z. B. Beschränkung auf die Beschaffung langfristiger Mittel; 31 Vgl. dazu ausführlicher Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investition. 2. Aufl., München 2009, Abschnitt 1.3.1. 32 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 1. 33 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 347.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.