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9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 336 - 350

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_336

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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310 9 Derivative Finanzinstrumente 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 9.5.1 Vorbemerkungen Das Forward Rate Agreement (FRA), ein unbedingtes Zinstermingeschäft, unterliegt einer individuellen Vertragsausgestaltung zwischen den Kontraktpartnern. Da keine Börse dem Handel zwischengeschaltet ist, wird die außerbörsliche Vereinbarung „over the counter (OTC)“ gehandelt. Insbesondere im internationalen Handel und zwischen Kreditinstituten findet das Forward Rate Agreement aufgrund relativ starker Zinsschwankungen und daraus resultierender Kursschwankungen am Geld- und Kapitalmarkt großes Interesse. Die Kontraktpartner eines Forward Rate Agreements sind bemüht, ihre sich aus Zins- und damit verbunden auch Kursschwankungen ergebenden Risiken auszuschalten oder zumindest soweit möglich einzuschränken. Das grundsätzliche Problem soll anhand eines Beispiels gezeigt werden, das den Fall der Zinssicherung, also des Hedging (vgl. Abschnitt 9.5.5), betrifft. Beispiel: Eine Unternehmung A beabsichtigt bereits heute, in einem späteren Zeitpunkt, z. B. in drei Monaten, einen Kredit in einem bestimmten Umfang aufzunehmen bzw. einen in drei Monaten in seiner Zinsbindung auslaufenden Kredit zu verlängern. Sie möchte sich bereits heute die derzeitigen Zinsen für einen bestimmten kurzfristigen Zeitraum in der Zukunft, z. B. für sechs Monate, allerdings erst beginnend in drei Monaten, sichern. Es soll also das Risiko, dass sich in drei Monaten die Zinssituation für die Unternehmung verschlechtert hat, d. h. dass die Zinsen gestiegen sind, ausgeschaltet werden. Mit der Sicherung der heutigen Zinsen ist allerdings zwingend verbunden, dass auch die Chance einer zukünftigen Zinssenkung nicht genutzt werden kann. Eine andere Unternehmung B möchte in drei Monaten bis dahin zugeflossene liquide Mittel für sechs Monate verzinslich anlegen oder aber eine in drei Monaten auslaufende Geldanlage für weitere sechs Monate verlängern. Auch diese Unternehmung möchte sich die heutigen Zinsen sichern und damit der Gefahr entgegenwirken, dass die Zinsen in sechs Monaten niedriger sind als heute. Dabei muss sie allerdings akzeptieren, dass die Chance der Zinserhöhung nicht genutzt werden kann. Beide Unternehmungen werden zwar voraussichtlich in drei Monaten die eigentliche Kreditaufnahme (A) bzw. Geldanlage (B) für sechs Monate am Finanzmarkt tatsächlich zu den dann herrschenden Zinsbedingungen vornehmen. Wenn beide Unternehmungen bereits heute ein entsprechendes Forward Rate Agreement schließen, so erhalten bzw. leisten sie in drei Monaten eine Ausgleichszahlung, die von der Entwicklung des Referenzzinssatzes abhängig ist. Die Ausgleichszahlung erhält derjenige FRA-Partner, für den sich am Finanzmarkt im Hinblick auf sein Grundgeschäft die Situation gegenüber dem Zeitpunkt des Abschlusses des Forward Rate Agreements verschlechtert hat. Er vereinbart nun zwar seine Kreditaufnahme bzw. Geldanlage zu den jetzt herrschenden, ungünstigeren Zinsbedingungen. Da er den Zinsnachteil aber in Form der Ausgleichszahlung von dem Vertragspartner erhält, entsprechen seine effektiven Kredit- bzw. Anlagezinsen dem vertraglich vereinbarten FRA-Zinssatz. Der Partner, für den sich die Finanzmarktsituation gegenüber der Ausgangssituation (Zeitpunkt des FRA- Abschlusses) verbessert hat, wird zwar gerne bei der tatsächlich in drei Monaten durchgeführten Kreditaufnahme bzw. Geldanlage die verbesserte Zinssituation akzeptieren. Er muss jedoch die Ausgleichszahlung in Höhe des eingetretenen Zinsvorteils an den FRA-Partner leisten, so dass seine effektiven Kredit- bzw. Anlagezinsen ebenfalls dem vereinbarten FRA-Zinssatz entsprechen. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 311 9.5.2 Der Begriff des Forward Rate Agreements Durch die individuelle Ausgestaltung des Kontraktes ist das Forward Rate Agreement841 ein maßgeschneidertes Instrument zur Absicherung von Zinssatzänderungen in der Zukunft. Sowohl der Käufer als auch der Verkäufer eines Forward Rate Agreements sind in ihren Abmachungen völlig frei in der Bestimmung der Vorlaufzeit (Zeitraum zwischen Abschluss des Kontraktes und Zeitpunkt, zu dem die Zinssicherungsperiode beginnt), der Zinsperiode (Länge der zinsgesicherten FRA-Laufzeit), dem zugrunde liegenden Kapitalbetrag und der Wahl des Referenzzinses. Konkret vereinbaren die Vertragspartner eines Forward Rate Agreements am Abschlusstag zur Absicherung gegen Zinsänderungsrisiken in der Zukunft: • einen festen Zinssatz (FRA-Satz), • einen bestimmten Kapitalbetrag, der aber in keinem Fall zwischen den Vertragspartnern ausgetauscht werden soll, sondern ausschließlich als Basis zur Berechnung einer Ausgleichszahlung dient, • einen festgelegten Anfangstermin der Verzinsung in der Zukunft (Settlement Date), • eine bestimmte, mit diesem Termin beginnende Laufzeit (Zinsperiode bzw. FRA- Laufzeit), • einen Referenzzins, der das Marktzinsniveau der vereinbarten FRA-Laufzeit in der jeweiligen Währung widerspiegelt (bei Kontrakten in EUR i. d. R. einen EURIBOR- Satz). Der als Käufer eines Forward Rate Agreements bezeichnete Vertragspartner (im Beispiel: Unternehmung A) verpflichtet sich dabei, den Kapitalbetrag (die Einlage) zu den vereinbarten Bedingungen gedanklich zu übernehmen; er tritt quasi als (zukünftiger) Kreditnehmer auf, wobei er einen festen Zinssatz zu zahlen hat. Käufer eines FRA = Schuldner des Festzinssatzes (FRA-Satz) = „Festzinszahler“ Umgekehrt tritt der Verkäufer des Forward Rate Agreements (im Beispiel: Unternehmung B), der sich verpflichtet, den Kapitalbetrag (die Einlage) gedanklich zu den vereinbarten Bedingungen zu leisten, quasi als (zukünftiger) Kreditgeber bzw. Anleger auf, wobei er Gläubiger eines festen Zinssatzes ist. Verkäufer eines FRA = Gläubiger des Festzinssatzes (FRA-Satz) = „Festzinsempfänger“ Aus den in drei Monaten am Kapitalmarkt geschlossenen Verträgen, d. h. aus der tatsächlichen Kreditaufnahme der Unternehmung A bzw. der tatsächlichen Geldanlage der Unternehmung B einerseits und aus dem zwischen A und B abgeschlossenen Forward Rate Agreement ergeben sich die folgenden Zahlungsströme, wobei der Marktzinssatz, der 6- 841 Auch synonym als Future Rate Agreement bezeichnet. 312 9 Derivative Finanzinstrumente Monats-EURIBOR, entweder über (Annahme 1) oder unter dem vereinbarten FRA-Satz (Annahme 2) liegt (vgl. dazu Abbildung 88). Annahme 1 Annahme 2 In 3 Monaten gelte: EURIBOR > FRA-Satz (Marktzinssatz; (vereinbart) 6 Monate) ? B zahlt an A Differenz (EURIBOR – FRA-Satz) In 3 Monaten gelte: EURIBOR < FRA-Satz (Marktzinssatz; (vereinbart) 6 Monate) ? A zahlt an B Differenz (FRA-Satz – EURIBOR) A: Kreditaufnahme am Markt zu EURIBOR – Zahlung von B (EURIBOR – FRA-Satz) = effektive Zinszahlung: FRA-Satz A: Kreditaufnahme am Markt zu EURIBOR + Zahlung an B (FRA-Satz – EURIBOR) = effektive Zinszahlung: FRA-Satz B: Geldanlage am Markt zu EURIBOR – Zahlung an A (EURIBOR – FRA-Satz) = effektive Verzinsung der Anlage: FRA-Satz B: Geldanlage am Markt zu EURIBOR + Zahlung von A (FRA-Satz – EURIBOR) = effektive Verzinsung der Anlage: FRA-Satz Abbildung 88: Ausgleichszahlungen zwischen den FRA-Partnern Der zugrunde gelegte Kapitalbetrag kann auch in Form eines festverzinslichen Wertpapiers interpretiert werden. Dann besteht in der grundlegenden Konstruktion kein Unterschied zu den Zins-Futures.842 Allerdings sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Käufer“ und „Verkäufer“ bei Forward Rate Agreements und Zins-Futures gegensätzlich gebraucht werden. Der Käufer eines Forward Rate Agreements verpflichtet sich – wie oben beschrieben –, eine Einlage zu übernehmen, also gedanklich ein festverzinsliches Wertpapier zu verkaufen. Der Käufer eines Zins-Futures verpflichtet sich dagegen, ein festverzinsliches Wertpapier zu kaufen und damit eine Einlage zu leisten. Umgekehrt tritt der Verkäufer eines Forward Rate Agreements als fiktiver Kreditgeber auf, während der Verkäufer eines Zins-Futures als Kreditnehmer ein Wertpapier verkauft. Forward Rate Agreements sind international für eine Vielzahl von Perioden erhältlich bzw. veräußerbar. Die Kontraktkonstellationen bezüglich der FRA-Laufzeit beginnen bei wenigen Tagen Laufzeit bis zu Zeiträumen von mehreren Jahren, wobei in der Praxis aufgrund der hohen Liquidität FRA-Laufzeiten bis zu einem Jahr den höchsten Umsatz finden. Die Notierung der FRA-Kontrakte in EUR im Handel außerhalb der Börse erfolgt z. B. in Deutschland über Reuters. Die Euro-Forward Rate Agreements werden durch zwei Zahlenpaare am FRA-Markt gekennzeichnet (Quotierung). 842 Vgl. Abschnitt 9.4.2.3. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 313 Das in der Liste in Abbildung 89 in der jeweils ersten (grauen) Spalte stehende Zahlenpaar gibt Auskunft über den zeitlichen Ablauf des Forward Rate Agreements; die erste Zahl gibt die Vorlaufzeit, die zweite Zahl die Gesamtlaufzeit des Kontraktes in Monaten an. Die Differenz zwischen den beiden Zahlen ergibt die eigentliche FRA-Laufzeit. 1–4 2.40–42 1–7 2.54–56 1–10 2.64–66 1–13 2.72–74 2–5 2.50–52 2–8 2.61–63 2–11 2.70–72 2–14 2.77–79 3–6 2.58–60 3–9 2.67–69 3–12 2.75–77 3–15 2.82–84 4–7 2.65–67 4–10 2.73–75 4–13 2.80–82 4–16 2.87–89 5–8 2.70–72 5–11 2.78–80 5–14 2.84–86 5–17 2.90–92 6–9 2.75–77 6–12 2.82–84 6–15 2.88–90 6–18 2.93–95 7–10 2.80–82 7–13 2.86–88 7–16 2.91–93 12–24 3.09–11 8–11 2.83–85 8–14 2.89–91 8–17 2.94–96 12–18 3.00–02 9–12 2.86–88 9–15 2.92–94 9–18 2.97–99 18–24 3.12–14 Abbildung 89: Beispiel für die Quotierung eines Euro-Forward Rate Agreements Dies soll an dem oben vorgestellten Beispiel und mit Hilfe von Abbildung 89 und Abbildung 90 (Seite 314) erläutert werden. Ein FRA 3–9 (sprich: Forward Rate Agreement 3 gegen 9 Monate) bedeutet z. B., dass die Vorlaufzeit 3 Monate (1. Zahl) und die Gesamtlaufzeit des Vertrages 9 Monate (2. Zahl) beträgt. Mit dem Ende der Vorlaufzeit (Zeitpunkt t3) beginnt die eigentliche FRA-Laufzeit, die Zinsperiode, die sich aus der Differenz zwischen der Gesamtlaufzeit (9 Monate) und der Vorlaufzeit (3 Monate) ergibt, somit in diesem Beispiel 6 Monate beträgt. Während dieser 6 Monate findet eine Verzinsung des zugrunde liegenden Kapitalbetrags statt. Die zu leistende Zinsausgleichszahlung ist allerdings nicht nachschüssig am Ende der Gesamtlaufzeit (Zeitpunkt t4;Maturity Date) zu leisten, sondern vorschüssig zu Beginn der Zinslaufzeit (Zeitpunkt t3; Settlement Date). Wie Abbildung 89 weiterhin zeigt, werden Forward Rate Agreements im Interbankenhandel mit Geld- und Briefsatz quotiert, was aus der zweiten Spalte der Liste ersichtlich wird. Das Forward Rate Agreement im Beispiel FRA 3–9 weist eine Spanne von 2,67 % bis 2,69 % auf. Dies bedeutet, dass der Geldkurs 2,67 % der Preis für den Verkäufer des FRA- Kontraktes ist, welcher diesen Zins für die geleistete fiktive Einlage erhalten würde. Der FRA-Preis für den Käufer ist dann der Briefkurs 2,69 %; der Käufer hätte diesen Zins für die fiktiv erhaltene Einlage zu zahlen. Neben den offiziellen Geld- und Briefkursen besteht für die Käufer und Verkäufer eines Forward Rate Agreements auch die Möglichkeit, bei den Anbietern Zinssätze für gebrochene Laufzeiten quotieren zu lassen, wobei meist eine größere Geld-Brief-Spanne besteht. Bei den Kontraktpartnern eines Forward Rate Agreements handelt es sich i. d. R. einerseits um größere Unternehmungen, die Kredite bzw. Anlagen gegen das Zinsänderungsrisiko absichern wollen, und andererseits um Kreditinstitute, die dieses Absicherungsinstrument anbieten oder kaufen, um zukünftige Zinsschwankungen zu steuern. 314 9 Derivative Finanzinstrumente 9.5.3 Die Erfüllung eines Forward Rate Agreements 9.5.3.1 Die Ausgleichszahlung eines Forward Rate Agreements Kennzeichnend für ein Forward Rate Agreement ist, dass der zugrunde gelegte Kapitalbetrag nicht ausgetauscht wird, d. h. keine effektive Erfüllung des Vertrages erfolgt. Es besteht keine Verpflichtung, das Kapital zu liefern oder bereitzustellen. Der vereinbarte Kapitalbetrag dient vielmehr lediglich zur Berechnung einer Ausgleichszahlung, die vergleichbar mit dem cash settlement eines Zins-Futures843 ist. Es besteht demnach für die Kontraktpartner eines Forward Rate Agreements keine Wahlmöglichkeit zwischen der effektiven Erfüllung des FRA-Kontraktes und der Leistung einer Ausgleichszahlung. Der zeitliche Ablauf einer FRA-Vereinbarung und deren Erfüllung soll mittels des Beispiels FRA 3–9 anhand von Abbildung 90 erläutert werden. Vorlaufzeit 3 Monate +2 Valutatage -2 Valutatage Laufzeit FRA 6 Monate t0 t1 t2 t3 t4 30.01.01 01.02.01 29.04.01 01.05.01 01.11.01 heute Valuta Fixing Settlement Maturity Date Date Date t Abbildung 90: Zeitplan eines Euro-Forward Rate Agreements am Beispiel FRA 3–9844 Aus diesem Beispiel wird ersichtlich, dass die Vorlaufzeit üblicherweise zwei Valutatage nach dem Vertragsabschluss (Zeitpunkt t0) beginnt (d. h. im Zeitpunkt t1). Die Ermittlung der Differenz zwischen dem vereinbarten FRA-Zinssatz und dem Satz des aktuellen Referenzzinses für die zu sichernde Periode (z. B. 6-Monats-EURIBOR) findet am sogenannten Fixing Date (Zinsfeststellungstag, Zeitpunkt t2) zwei Valutatage vor Beginn der Zinslaufzeit (FRA-Laufzeit, Zeitpunkt t3) statt. Die Ausgleichszahlung, durch die die Erfüllung des Forward Rate Agreements stattfindet, ist zu Beginn der Laufzeit der fiktiven Kreditaufnahme bzw. Anlage am Settlement Date (Zeitpunkt t3) fällig. Zu diesem Zeitpunkt werden sämtliche Verpflichtungen aus dem FRA- Kontrakt erfüllt. Zum Ende der FRA-Laufzeit nach Abschluss der Zinssicherungsperiode (Maturity Date, Zeitpunkt t4) finden keine Zahlungen mehr statt. Dieser Zeitpunkt dient lediglich zur Bestimmung der Zinsperiode, d. h., FRA-Laufzeit = Zeitraum zwischen Maturity Date und Settlement Date. 843 Das cash settlement eines Zins-Futures ist der monetäre Ausgleich des Kontraktes am Liefertag, falls der Future tatsächlich erfüllt und nicht vorzeitig glattgestellt wird. Die Höhe des Ausgleichsbetrags ergibt sich aus der Differenz zwischen vereinbartem Terminkurs und dem Kassakurs des Basiswerts am Liefertag; vgl. Abschnitt 9.4.3. 844 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 142. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 315 Die Ausgleichszahlung ist der einzige Cashflow, der beim Forward Rate Agreement anfällt und gewährleistet, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer so gestellt werden, als hätten sie die Einlage zu den vereinbarten Konditionen effektiv übernommen bzw. geleistet. Dies geschieht dadurch, dass eine auf das Settlement Date abgezinste Kompensationszahlung in Höhe der Zinsdifferenz zwischen vereinbartem FRA-Satz und Referenzzinssatz ermittelt wird. Die Abzinsung der Ausgleichszahlung auf das Settlement Date erfolgt, weil normalerweise die effektive Zinszahlung für die Einlage erst amMaturity Date, also am Laufzeitende, erfolgt. Mit dem Forward Rate Agreement sichert man sich vor einer ungünstigen Zinsentwicklung in der Zeit zwischen Vertragsabschluss und Fixing Date ab. Die durch die Zinsausgleichszahlung für beide Kontraktpartner erreichte Zinsabsicherungswirkung verdeutlicht Abbildung 91 an einem Beispiel. Durch die FRA-Vereinbarung sichert man sich den gewünschten Anlage- bzw. Kreditzinssatz, unabhängig von der Zinsentwicklung bis zum Fixing Date, für eine Zinslaufzeit von 6 Monaten, beginnend mit dem vierten Monat nach Vertragsabschluss. 2. Fall: 6-Monats-EURIBOR am Fixing Date: 4,00% < FRA-Satz Vorlaufzeit FRA-Laufzeit/Zinslaufzeit – Käufer zahlt Ausgleichszahlung + Käufer erhält Ausgleichszahlung Zeit Fo rw ar d 6- M on at s- EU R IB O R in % p. a. vereinbarter FRA-Satz 5,00% 01.02.01 Beginn der Vorlaufzeit (2 Tage nach Vertragsabschluss) 01.05.01 Settlement Date (2 Tage nach Fixing Date) 01.11.01 Maturity Date 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 6,0 7,0 8,0 9,0 Gesamtlaufzeit 31.12.01 Abschlussstichtag 1. Fall: 6-Monats-EURIBOR am Fixing Date: 5,75% > FRA-Satz Abbildung 91: Wirkungsweise eines Forward Rate Agreements 3–9 bei unterschiedlicher Entwicklung des Referenzzinssatzes845 Der Verkäufer zahlt dann an den Käufer eine Kompensation in entsprechender Höhe, wenn der Referenzzinssatz am Fixing Date über dem FRA-Satz liegt (1. Fall). Hier kann der Käufer Mittel lediglich zum höheren Marktzinssatz (6-Monats-EURIBOR) aufnehmen. Für ihn besteht die Absicherung demnach darin, dass er mit demVerkäufer einen niedrigeren Zinssatz vereinbart hatte und er den Überhang vom FRA-Zins zum Marktzinssatz nun vom Verkäufer vergütet bekommt. Umgekehrt leistet der Käufer die Ausgleichszahlung dann an den Verkäufer, wenn der Referenzzinssatz am Fixing Date unter dem FRA-Satz liegt (2. Fall). Der Verkäufer 845 Modifiziert entnommen aus Binkowski, Peter/Beeck, Helmut: Finanzinnovationen. 3. Aufl., Bonn 1995, S. 76. 316 9 Derivative Finanzinstrumente kann den Kapitalbetrag, der dem Kontrakt zugrunde liegt, in diesem Fall nämlich nur zum niedrigeren Marktzinssatz (6-Monats-EURIBOR) tatsächlich anlegen, hatte aber („glücklicherweise“) mit dem Käufer die Verzinsung zum höheren FRA-Satz vertraglich vereinbart, weshalb er jetzt diesen Ausgleichsbetrag zwischen FRA-Zins und Marktzinssatz vom Käufer vergütet bekommt. Für die Berechnung der Ausgleichszahlung sind von der British Bankers Association einheitliche Richtlinien (FRABBA Terms) entwickelt worden. Danach ergibt sich die Höhe der Ausgleichszahlung A durch eine Verzinsung des Kapitalbetrags K mit der Differenz zwischen dem aktuellen Referenzzinssatz (iR) und dem FRA-Satz (iFRA) für die vereinbarte FRA-Laufzeit in Tagen (TFRA) und der anschließenden linearen Abzinsung auf den Beginn der FRA-Laufzeit (Settlement Date) mit dem Referenzzinssatz (iR). Der Zinsberechnung liegt die 365/360-Tage Methode zugrunde. Diese Methode beinhaltet die taggenaue, kalendermäßige Berechnung der Laufzeit und bezieht diese auf 360 Zinstage im Jahr. Die sich ursprünglich ergebende Formel ( ) 360 Ti+1 360 Ti-iK =A FRA R FRA FRAR ? ?? . lässt sich umformen zu FRAR FRAFRAR Ti+360 T)i-(iK=A ? ?? . Für das in Abbildung 91 (Seite 315) dargestellte Beispiel ergeben sich die folgenden Ausgleichszahlungen: 1. Fall: 6-Monats-EURIBOR im Fixing Date 5,75 % > FRA-Satz Berechnung der Ausgleichszahlung des FRA-Verkäufers an den FRA-Käufer 211.185 1830575,0360 183)0500,00575,0(000.000.50 ? ?+ ??? 2. Fall: 6-Monats-EURIBOR am Fixing Date 4,00 % < FRA-Satz Berechnung der Ausgleichszahlung des FRA-Käufers an den FRA-Verkäufer 102.249 1830400,0360 183)0500,00400,0(000.000.50 ?? ?+ ??? Insbesondere große Industriekunden eines Kreditinstituts können Forward Rate Agreements als Zinssicherungsinstrument einsetzen, wie das nachfolgende Beispiel zeigt. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 317 Beispiel:846 Eine Unternehmung will an einem Forschungsprojekt der Bundesrepublik Deutschland, das über mehrere Jahre laufen wird, teilnehmen und muss heute ein Angebot über Art und Umfang der Kosten, die durch das Projekt entstehen, abgeben. Da die Unternehmung einer starken Konkurrenz ausgesetzt ist, bedarf es einer möglichst exakten Kalkulation und einer hohen Planungssicherheit der auftretenden Kosten. Zur Vorfinanzierung des Projekts benötigt die Unternehmung ab Projektbeginn in neun Monaten einen Kredit in Höhe von 20 Mio. EUR für ein Jahr. Um sich heute einen Zins für diesen Kredit zu sichern, den sie in die Kalkulation eingehen lassen wird, kauft die Unternehmung von ihrem Kreditinstitut ein Forward Rate Agreement 9–21 zum Preis von 4,3 %. Damit hat sie sich gegen jegliche Zinsschwankungen abgesichert, jedoch auch die Chance, in neun Monaten das Geld zu einem niedrigeren Zinssatz aufnehmen zu können, vergeben. Die Höhe der Ausgleichszahlung, die zwischen der Unternehmung und dem Kreditinstitut in neun Monaten fließt, hängt von dem vereinbarten Referenzzins (12- Monats-EURIBOR) am Fixing Date in neun Monaten ab. Notiert der 12-Monats-EURIBOR am Fixing Date z. B. 4,5 %, so erhält die Unternehmung von ihrem Kreditinstitut die Ausgleichszahlung in Höhe von EUR.38.785,95 3650,045360 3650,043)(0,04520.000.000 A = ?+ ??? = Konkret wird die Unternehmung den Kredit über 20 Mio. EUR zu 4,5 % per annum aufnehmen und bezahlt nach 12 Monaten 900.000,00 EUR Zinsen. Durch den FRA-Vertrag hat sie sich jedoch den Kredit zu 4,3 % gesichert und würde demnach nur 860.000,00 EUR Zinsen bezahlen müssen. Die zu viel gezahlte Zinsdifferenz von 40.000,00 EUR am Maturity Date erhält die Unternehmung von ihrem Kreditinstitut am Settlement Date. Dieser Betrag ist mit 4,5 % auf das Settlement Date abgezinst die Höhe der Ausgleichszahlung von 38.785,95 EUR. Durch diesen Betrag werden der Unternehmung die durch den gestiegenen Referenzzinssatz höheren Zinsaufwendungen, die sie aus der teureren Kreditaufnahme am Markt hat, ausgeglichen. Entwickelt sich jedoch das Zinsniveau nach unten und notiert der 12-Monats-EURIBOR am Fixing Date nur 4 %, so hat die Unternehmung an das Kreditinstitut die Ausgleichszahlung zu bezahlen. Die Ausgleichszahlung beträgt in diesem Fall: EUR.58.462,36 3650,04360 3650,04)(0,04320.000.000 A = ?+ ??? = Die Unternehmung kann den benötigten Kredit zwar günstiger als erwartet, nämlich zu 4 %, aufnehmen, hat jedoch durch das Absicherungsgeschäft die Differenz zum vereinbarten FRA- Zins als zusätzlichen Zinsaufwand an das Kreditinstitut zu zahlen. Die Unternehmung zahlt für den Kredit über 20 Mio. EUR effektiv zwar nur 800.000,00 EUR, muss aber im gleichen Zuge 60.000,00 EUR – mit 4 % auf das Settlement Date abgezinst – als Ausgleichszahlung in Höhe von 58.462,36 EUR an das Kreditinstitut zahlen. Unabhängig von der Entwicklung des 12-Monats-EURIBOR hat sich die Unternehmung also gegen das Zinsänderungsrisiko abgesichert und schafft dadurch die heute erforderliche Planungssicherheit für die Angebotsabgabe, um an dem Forschungsprojekt teilnehmen zu können. 9.5.3.2 Die Glattstellung eines Forward Rate Agreements In den letzten Jahren haben sich trotz der Möglichkeit der einzeln gestaltbaren Komponenten des Vertrages am FRA-Markt in Deutschland gängige Kontraktkonstellationen gebildet, z. B. drei-, sechs-, neun- und zwölfmonatige FRA-Vertrags-Laufzeiten. Durch diese ge- 846 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 143-144. 318 9 Derivative Finanzinstrumente wachsene Standardisierung besteht die Möglichkeit, jederzeit ein entsprechendes Gegengeschäft relativ unkompliziert einzugehen und damit das ursprüngliche Forward Rate Agreement vorzeitig glattzustellen. Eine Glattstellung bedeutet für den Käufer eines FRA-Kontraktes, dass er während der Vorlaufzeit den Kontrakt durch den Verkauf eines identisch ausgestalteten FRA-Vertrages, also mit derselben FRA-Laufzeit, demselben Settlement Date, Kapitalbetrag und Referenzzins, kompensiert. Dementsprechend neutralisiert der Verkäufer eines Forward Rate Agreements seinen Kontrakt durch den Kauf eines Forward Rate Agreements mit gleichen Vertragskomponenten. Der Gewinn bzw. Verlust aus der Glattstellung ergibt sich aus der Differenz der FRA-Sätze aus dem Ursprungs- und dem Kompensationsgeschäft. Beispiel:847 Ein Kreditinstitut schließt als Verkäufer ein Forward Rate Agreement 6–18 mit einem Firmenkunden als Käufer ab. Dieser will sich für einen in sechs Monaten benötigten 10 Mio. EUR- Kredit für ein Jahr mit einem festen FRA-Zins gegen steigende Zinsen absichern. Da das Kreditinstitut damit das Marktpreisrisiko aus dem FRA-Kontrakt trägt, kann es die Position sofort wieder durch ein kongruentes Gegengeschäft schließen und damit vorzeitig glattstellen. Die Position schließen bedeutet für das Kreditinstitut, dass es am selben Tag einen FRA- Kontrakt 6–18 z. B. von einem anderen Kreditinstitut zu den selben Konditionen wie das Ursprungsgeschäft kauft und dadurch das Zinsrisiko eliminiert (Hedging, vgl. Abschnitt 9.5.5). Tritt dasselbe Kreditinstitut als Spekulant auf (vgl. Abschnitt 9.5.5) und schafft sich durch den Verkauf eine offene Position, d. h., spekuliert es auf sinkende Zinsen in den nächsten Monaten, so kann das Kreditinstitut gegebenenfalls einen FRA-Kontrakt 3–15 nach drei Monaten zu einem niedrigeren FRA-Satz und sonst identischen Vertragsbedingungen aus dem Ursprungsgeschäft kaufen. Beide Forward Rate Agreements sind dann am selben Settlement Date fällig. Der Gewinn des Kreditinstituts wird sich auf die Höhe der Differenz der FRA-Sätze aus dem Ursprungs- und dem Glattstellungsgeschäft belaufen, unabhängig davon, in welche Richtung sich der Referenzzins letztlich bewegt. Die Differenz der FRA- Sätze bezieht sich auf den beiden Kontrakten zugrunde liegenden Kapitalbetrag und die FRA-Laufzeit, abgezinst auf das Settlement Date. Demnach hat das mit dem FRA spekulierende Kreditinstitut durch die Glattstellung ab diesem Zeitpunkt sein Zinsrisiko ebenfalls eliminiert, indem es die Position im Zeitpunkt der Glattstellung schließt. 847 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 144. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 319 Beispiel:848 Ein Kreditinstitut habe ein FRA 6–18 zu 4,06 % über 10 Mio. EUR verkauft. Drei Monate später ist das Zinsniveau etwas gesunken und das Kreditinstitut stellt den verkauften FRA- Kontrakt durch Kauf eines FRA 3–15 zu 3,81 % über 10 Mio. EUR glatt, um den Gewinn aus der Zinssenkung zu realisieren. Dies bedeutet am Settlement Date, weitere 3 Monate später, dass beide Kontrakte gleichzeitig erfüllt werden. Die Entwicklung des Zinsniveaus bis zu diesem Settlement Date spielt dann für das Kreditinstitut keine Rolle mehr, da es den Gewinn in Höhe von 25.347,22 EUR zum Maturity Date realisieren kann. Dieser Gewinn wird schließlich mit dem aktuell gültigen Referenzzins auf das Settlement Date abgezinst. Ausgleichszahlung aus dem Verkauf eines FRA 6–18 Ausgleichszahlung aus dem Kauf eines FRA 3–15 360 365i1 360 365i(0,038110.000.000 360 365i1 360 365i(0,040610.000.000 )) R R R R ?+ ??? ? ?+ ??? 4444444 84444444 764444444 84444444 76 360 365 i1 25.347,22 360 365 i1 360 365 0,002510.000.000 RR ? = + = ?+ ?? Beispielhaft ergibt sich unter Annahme eines Referenszinssatzes von 4,5 % ein Gewinn in Höhe von: .EUR24.241,22 360 3650,0451 25.347,22 = ?+ Abbildung 92 (Seite 320) zeigt aus der Sicht des Kreditinstituts, mit welchem Gewinn bzw. Verlust die einzelnen FRA-Kontrakte am Settlement Date erfüllt werden und welcher Betrag aus beiden Kontrakten dem Kreditinstitut letztlich zufließt, wenn unterschiedliche Zinsniveauentwicklungen unterstellt werden. 9.5.4 Die Preisbildung von Forward Rate Agreements Wie in Abbildung 89 (Seite 313) dargestellt, werden Forward Rate Agreements mit einem Geld- und Briefzins quotiert. Die Spanne zwischen Geld- und Briefzins, die den Vermittlern von Forward Rate Agreements zukommt, entsteht beim Geldzins durch einen Abschlag vom FRA-Zins für den Verkäufer und beim Briefzins durch einen Aufschlag auf den FRA-Zins für den Käufer. Interessant ist jedoch, wie dieser FRA-Zins entsteht, da Käufer und Verkäufer sich auf einen Preis unter Vorgabe der Geld-Brief-Spanne einigen müssen und Marktungleichgewichte auf einem vollkommenen Markt durch Arbitragemöglichkeiten normalerweise direkt ausgeglichen werden. 848 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 144. 320 9 Derivative Finanzinstrumente Referenzzins iR Ausgleichszahlung in EUR Gewinn in EUR Verkauf FRA 6–18 Kauf FRA 3–15 3,0 % +104.299,77 –79.700,77 = +24.599,00 3,5 % +54.832,00 –30.353,43 = +24.478,57 3,8 % +25.383,15 –976,28 = +24.406,88 3,9 % +15.605,17 +8.777,91 = +24.383,07 4,0 % +5.846,24 +18.513,08 = +24.359,32 4,1 % –3.893,70 +28.229,30 = +24.335,60 4,5 % –42.665,54 +66.905,76 = +24.241,22 5,0 % –90.707,20 +114.831,46 = +24.124,26 Abbildung 92: Gewinnentwicklung aus der Glattstellung eines FRA 6–18 mit einem FRA 3– 15 bei unterschiedlicher Zinsniveauentwicklung849 Die Ermittlung des Marktpreises eines Forward Rate Agreements auf einem vollkommenen Kapitalmarkt basiert auf der Forward-Formel. Danach hängt der FRA-Zins iFRA für die FRA-Laufzeit in Tagen TFRA vom Marktzinssatz ivor für den Zeitraum der Vorlaufzeit in Tagen Tvor und dem entsprechenden Marktzinssatz iges für die Gesamtlaufzeit in Tagen Tges des FRA-Kontraktes ab (Tges = Tvor + TFRA). Der Zusammenhang erschließt sich aus folgender Überlegung. Ein Kapitalbetrag K, der heute für eine bestimmte Vorlaufzeit Tvor aufgenommen bzw. angelegt wird und nach Ablauf dieser Vorlaufzeit im Rahmen eines neuen Vertrages für einen Zeitraum TFRA in der Zukunft aufgenommen bzw. angelegt wird, muss nach Ablauf dieser FRA-Laufzeit TFRA in der Zukunft in Summe denselben Zinsaufwand bzw. Zinsertrag realisieren, wie wenn dieser Kapitalbetrag K schon heute zum entsprechenden Zinssatz für die Gesamtlaufzeit Tges aufgenommen bzw. angelegt würde. Die Berechnung des FRA- Zinssatzes basiert demnach auf folgendem Zusammenhang: ?? ? ? ?? ? ? ?+?=? ? ? ? ? ? ?+?? ? ? ? ? ? ?+? 360 T i1K 360 Ti1 360 Ti1K gesgesFRAFRAvorvor . Den für die Vereinbarung zwischen den Kontraktpartnern notwendigen FRA-Zinssatz erhält man, indem die Gleichung nach dem FRA-Preis iFRA aufgelöst wird: ?? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ?+ ?+ = FRAvor vor ges ges FRA T 3601 360 Ti1 360 T i1 i . 849 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 144. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 321 Beispiel:850 Dem folgenden Beispiel für eine FRA-Preis-Berechnung liegt die aktuelle Zinsstruktur vom 4. Februar eines Jahres 01 zugrunde. Die Eurogeldmarktsätze lauten für zwei Monate (60 Tage) 3,375 % – 3,45 % und für sechs Monate (180 Tage) 3,55 % – 3,625 %. Es soll nun mittels der oben hergeleiteten Formel eine Preisuntergrenze und eine Preisobergrenze für das Forward Rate Agreement 2–6 berechnet werden. Der Käufer eines Forward Rate Agreements tritt in zwei Monaten als fiktiver Kreditnehmer auf. Für die Preis-Berechnung kann das folgende risikolose Geschäft abgeschlossen werden. Ein Investor tätigt am 4. Februar 01 eine Anlage für sechs Monate und erhält dafür am Eurogeldmarkt einen Zinssatz von 3,55 % per annum. Hierfür nimmt er am 4. Februar 01 einen Kredit über dieselbe Kapitalhöhe für zwei Monate auf und muss dafür einen Zinssatz von 3,45 % per annum bezahlen. Damit er am 4. April 01 den Kredit prolongieren kann, da sein Kapital bis 4. August 01 gebunden ist, will er heute wissen, welchen Zins er in zwei Monaten für eine viermonatige Kreditaufnahme zahlen muss, damit er ohne Verlust, aber auch ohne Gewinn (risikolos) aus dem Geschäft herauskommt. Dieser Zins entspricht dem FRA-Zinssatz; man berechnet ihn wie folgt: %3,580,03579 120 360 1 360 60 0,03451 360 180 0,03551 iFRA ==?? ?+ ?+ = ?? ? ? ? ? ?? ? ? ? ? Liegt der Preis für die Kreditaufnahme in zwei Monaten für vier Monate unterhalb 3,58 %, dann ist Arbitrage möglich, da der für den Investor aus der Kreditaufnahme resultierende Zinsaufwand unter dem Zinsertrag aus der Anlage liegt; damit liegt die Preisuntergrenze für das FRA 2–6 bei 3,58 %. Um die Preisobergrenze zu berechnen, müssen analoge Überlegungen für den Verkäufer eines Forward Rate Agreements 2–6 durchgeführt werden. Der Verkäufer des Forward Rate Agreements tritt in zwei Monaten für vier Monate als fiktiver Kreditgeber auf. Das risikolose Geschäft zur FRA-Preis-Berechnung wird demnach wie folgt konstruiert. Ein Investor nimmt einen Kredit am 4. Februar des Jahres 01 für sechs Monate am Eurogeldmarkt auf und bezahlt dafür einen Zins von 3,625 % p. a. Diesen aufgenommenen Kapitalbetrag legt er sofort wieder am Eurogeldmarkt für zwei Monate zu 3,375 % p. a. an. Da er das Kapital am 4. April 01 zurückbekommt, zur Tilgung des Kredits jedoch erst am 4. August 01 benötigt, legt er es am 4. April 01 für weitere vier Monate an. Der Zins, den er aus dieser zukünftigen Anlage erhalten muss, damit sich Zinsaufwand und Zinsertrag entsprechen, beläuft sich auf: %3,730,03729 120 360 1 360 60 0,033751 360 180 0,036251 iFRA ==?? ?+ ?+ = ?? ? ? ? ? ?? ? ? ? ? Liegt der Preis für die Anlage in zwei Monaten für vier Monate über 3,73 %, so ist ebenfalls Arbitrage möglich, weshalb die Preisobergrenze für das FRA 2–6 bei 3,73 % liegt. Das Beispiel zeigt, dass die Spanne des gehandelten FRA 2–6 am 4. Februar 01 zwischen 3,58 % (Geldseite) und 3,73 % (Briefseite) ist. Demnach wird der Käufer bereit sein, einen maximalen Preis von 3,73 % zu akzeptieren, während der Verkäufer einen Mindestpreis von 3,58 % akzeptieren wird. 850 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 145. 322 9 Derivative Finanzinstrumente Beim Abschluss eines FRA-Kontraktes wird grundsätzlich die zum Abschlussdatum aktuelle Zinsstrukturkurve des Geld- und Kapitalmarktes zugrunde gelegt. In der Fachsprache wird deshalb ein FRA-Zinssatz als Implied Forward Rate bezeichnet. Auf einem vollkommenen Kapitalmarkt lassen sich damit auch direkte Zusammenhänge zwischen der aktuellen Zinsstrukturkurve und dem FRA-Zinssatz herstellen. Während bei Vorliegen einer steilen Zinsstrukturkurve – die langfristigen Zinssätze divergieren stark von den kurzfristigen Zinssätzen – auf hohe FRA-Zinssätze geschlossen werden kann, liegen bei einer flachen Zinsstrukturkurve – lang- und kurzfristige Zinssätze unterscheiden sich nur geringfügig – niedrigere FRA-Zinssätze vor. Außerdem sind bei einer normalen Zinsstrukturkurve – die kurzfristigen Zinssätze sind niedriger als die längerfristigen Zinssätze – die arbitragefreien FRA-Zinssätze höher als das aktuelle Zinsniveau. Analog sind dann bei einer inversen Zinsstruktur – die kürzerfristigen Zinsen sind höher als die längerfristigen Zinsen – die FRA-Zinssätze auf dem vollkommenen Kapitalmarkt niedriger als das momentane Zinsniveau. 9.5.5 Die Motive der Kontraktpartner Wie bereits dargelegt, dienen Forward Rate Agreements dazu, Zinssätze für bestimmte (kurzfristige) Zeiträume in der Zukunft festzuschreiben. Dabei kann die Zinsterminvereinbarung aufgrund von drei unterschiedlichen Motiven der FRA-Vertragspartner vereinbart werden. Die erste Intention ist, dass die Marktteilnehmer das zukünftige Zinsrisiko schon heute ausschalten wollen, indem der Zinssatz am Abschlusstag des Vertrages fixiert und damit gesichert wird (Hedging). Eine weitere Absicht der Marktteilnehmer ist, dass sie mit ihrer Vorstellung über die zukünftige Zinsentwicklung Geld verdienen möchten und deshalb heute ein Forward Rate Agreement eingehen, um in Zukunft den möglichen Gewinn zu realisieren (Spekulation). Das dritte Motiv von Marktteilnehmern ist, die unterschiedlichen Preise identischer FRA-Kontrakte an verschiedenen Märkten aufgrund unvollkommener Kapitalmärkte gewinnbringend auszunutzen (Arbitrage). Der Einsatz eines Forward Rate Agreement als Zinssicherungsinstrument im Rahmen des Hedging, also zur Absicherung bestehender oder zukünftiger Finanzanlagen bzw. Kreditaufnahmen gegen das Zinsrisiko in Form fallender oder steigender Zinsen, kann in zwei Richtungen wirken. Einerseits sichert der Kauf eines Forward Rate Agreements gegen steigende Zinsen ab. Man wird dieses Instrument demnach dann einsetzen, wenn man in der Zukunft einen bestehenden eigenen Kredit bzw. eine Geldeinlage verlängern oder einen neuen Kredit aufnehmen muss und steigende Zinsen erwartet. Der Verkauf eines Forward Rate Agreements wirkt dagegen absichernd gegen sinkende Zinsen. Hier wird man einen Kontrakt verkaufen, wenn man in der Zukunft bestehende Finanzanlagen prolongieren oder Liquiditätsüberschüsse neu anlegen will und sinkende Zinsen erwartet. Abbildung 93 (Seite 323) gibt einen Überblick über die Einsatzmöglichkeiten von Forward Rate Agreements. 9.5 Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements 323 Finanzlage Zukünftige Marktsituation Zu prolongierende oder zukünftige Kreditaufnahmen Zu prolongierende oder zukünftige Finanzanlagen Zinssenkung C H A N C E Keine Absicherung erforderlich851 R I S I K O Absicherung durch V E R K A U F eines Forward Rate Agreements Zinssteigerung R I S I K O Absicherung durch K A U F eines Forward Rate Agreements C H A N C E Keine Absicherung erforderlich851 Abbildung 93: Die Absicherung von Kreditaufnahmen bzw. Finanzanlagen durch Forward Rate Agreements bei unterschiedlichen zukünftigen Marktsituationen852 In beiden Absicherungsfällen wäre auch eine Absicherung durch Zins-Futures denkbar.853 Für den Fall einer geplanten Kreditaufnahme könnte sich die Unternehmung gegen steigende Zinsen (sinkende Kurse) durch den Verkauf, für den Fall einer geplanten Mittelanlage könnte sie sich gegen sinkende Zinsen (steigende Kurse) durch den Kauf eines entsprechenden Zins-Futures absichern. Allerdings sprechen besondere Merkmale für den Einsatz von Forward Rate Agreements. Die individuelle Vereinbarung dieser Kontrakte ermöglicht auf den jeweiligen Bedarf zugeschnittene Beträge und Laufzeiten, die bei standardisierten Futures nicht möglich sind; dadurch erweisen sich Forward Rate Agreements als sehr flexibles Finanzinstrument. Es können z. B. „Broken Dates“ gehandelt werden, wie z. B. 11. oder 29. eines Monats oder nicht standardisierte Laufzeiten von z. B. 2, 4 oder 10 Monaten. Bei Forward Rate Agreements fallen zudem keine Margins und Verlustausgleichszahlungen wie bei Zins-Futures an. Ebenso sind sie frei von Provisionen oder sonstigen Vorabkosten. Da Forward Rate Agreements direkt zwischen den beteiligten Partnern abgeschlossen werden und nicht wie bei den standardisierten Futures die Eurex854 dazwischen geschaltet wird, die mit Hilfe des Systems der Margins das Risiko des Ausfalls eines Partners absichert, haben die Partner von Forward Rate Agreements das aus dem Ausfall des jeweils anderen 851 Sehr wohl kann ein risikoaverser Entscheidungsträger auch in diesen Fällen eine entsprechende Absicherung vornehmen, um jegliche Unwägbarkeit auszuschließen. 852 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Finanzmanagement mit Forward Rate Agreements. In: Der Steuerberater 1998, S. 146. 853 Vgl. Abschnitt 9.4.2.3. 854 Vgl. Abschnitt 8.3.3.3. 324 9 Derivative Finanzinstrumente Partners resultierende Risiko zu übernehmen. Dieses Ausfallrisiko eines FRAs beschränkt sich allerdings auf die Nichterbringung der Ausgleichszahlung zum Settlement Date, da beim Forward Rate Agreement im Vergleich zum Zins-Future kein Austausch der Kapitalbeträge erfolgt. Bei Ausfall einer Vertragspartei kann es somit maximal zum Verlust in Höhe der Zinsdifferenz zwischen dem FRA-Satz und dem Referenzzinssatz am Fixing Date kommen. Ist das Motiv der Kontraktpartner die Spekulation, so spekuliert der Käufer eines Forward Rate Agreements auf steigende Zinsen zum Termin, d. h., der spekulative FRA-Käufer erwartet, dass am Fixing Date der zugrunde gelegte Referenzzins höher als der vereinbarte FRA-Zinssatz ist. In diesem Fall erhält er als Gewinn die Ausgleichszahlung vom Verkäufer ausgezahlt. Liegt der Referenzzinssatz unter dem FRA-Zins, so realisiert er einen Verlust in Höhe der an den Verkäufer des Forward Rate Agreements zu leistenden Ausgleichszahlung. Auf der Gegenseite spekuliert ein Verkäufer eines Forward Rate Agreements auf sinkende Zinsen zum Termin. Er rechnet entsprechend damit, dass am Fixing Date der Referenzzinssatz unter dem vertraglich fixierten FRA-Satz liegt. Ist dies der Fall, so erhält er vom Käufer des Forward Rate Agreements den Gewinn am Settlement Date in Höhe der Ausgleichszahlung. Wenn sich seine Erwartungen nicht erfüllen, erleidet er den Verlust in Höhe der an den Käufer des Forward Rate Agreements zu leistenden Ausgleichszahlung. Schließlich geht ein Investor als Arbitrageur einen FRA-Kontrakt ein, wenn er das Forward Rate Agreement auf einem Markt zu günstigeren Konditionen kaufen und auf einem anderen Markt zum selben Zeitpunkt teurer verkaufen kann. Sein Gewinn ergibt sich dann aus der Differenz zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis. Voraussetzung für diese Art von Geschäft ist jedoch, dass die Märkte unvollkommen sind. 9.6 Finanzmanagement mit Kreditderivaten 9.6.1 Vorbemerkungen Durch die Vergabe von Krediten gehen Banken insbesondere das Adressenrisiko in der Ausprägung des Ausfallrisikos ein, d. h. das Risiko, dass der Kreditnehmer die fälligen Zins- und Tilgungszahlungen aufgrund gesunkener Bonität nicht mehr oder nicht mehr in voller Höhe leisten kann. Mit Hilfe von Kreditderivaten können Banken die übernommenen Ausfallrisiken auf eine dritte Partei übertragen und somit die Kosten der Eigenkapitalunterlegung reduzieren. Ein Kreditderivat ist ein bilateraler Vertrag, der spezifische Aspekte des Kreditrisikos von der zugrunde liegenden Position löst und diese von einem Kontraktpartner auf die andere Vertragspartei überträgt. Kreditderivate ermöglichen es dem Risikoverkäufer (Sicherungsnehmer), die mit dem Kredit verbundenen Ausfallrisiken von dem zugrunde liegenden Risikoaktivum und dessen anderen Risiken zu trennen und gegen Zahlung einer Prämie auf den Risikokäufer (Sicherungsgeber) zu übertragen. Dabei werden die ursprünglichen Kreditbeziehungen des Risikoverkäufers weder verändert noch neu begründet; man kann vom Erhalt der originären Gläubiger-Schuldner-Beziehungen sprechen.

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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

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