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1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 31 - 34

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_31

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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1 Die Finanzwirtschaft1 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 1.1.1 Leistungswirtschaftlicher und finanzwirtschaftlicher Bereich Jede Unternehmung ist über die Beschaffung der Faktoreinsatzgüter, die eigentliche Leistungserstellung („Produktion“) sowie den Absatz der erstellten Güter in die Gesamtwirtschaft eingebunden. Über diesen „Kernbereich“ der Unternehmungstätigkeit, den leistungsbzw. güterwirtschaftlichen Bereich, tritt sie mit anderen in- und ausländischen Wirtschaftssubjekten und mit dem Staat in Kontakt. Die Einbindung einer Unternehmung in die Leistungs- und Zahlungsströme einer Volkswirtschaft zeigt Abbildung 1. Finanzmarkt Eigenkapital Fremdkapital Einlagen EntnahmenGewinne Kredite Rückzahlungen Zinsen Rechnungswesen Finanzbereich Rechnungswesen Finanzbereich Steuern Gebühren Beiträge Zuschüsse Subventionen Staat Beschaffungsmarkt Arbeitskräfte Betriebsmittel Werkstoffe Absatzmarkt Betriebe Haushalte Lager unfertiger Erzeugnisse Verwertung der Betriebsleistung (Absatz) Lager fertiger Erzeugnisse Erstellung der Betriebsleistung (Produktion) dispositiver Faktor Bestand liquider Mittel Roh-, Hilfs- und Betriebsstoff-Lager Personalbestand Anlagenbestand Elementarfaktoren Güterbewegungen Finanzbewegungen Abbildung 1: Güter- und Finanzbewegungen in der Unternehmung 1 Wesentliche Passagen dieses Abschnitts sind entnommen aus Bieg, Hartmut: Aufgaben, Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft. In: Der Steuerberater 1994, S. 456-460, 499-504, Der Steuerberater 1995, S. 15-19, 53-60 und aus Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Investition und Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 99-103, 135-139, 179-183. 2 1 Die Finanzwirtschaft Die hier getroffene gedankliche Unterscheidung zwischen leistungs- und finanzwirtschaftlichem Bereich sollte jedoch nicht zu der Annahme verleiten, diese beiden Bereiche seien unabhängig voneinander. Die Abhängigkeit zwischen leistungs- und finanzwirtschaftlichem Bereich resultiert einerseits aus vorangegangenen vertraglichen Vereinbarungen sowie gesetzlichen Vorschriften. Andererseits bedingen sich diese beiden Unternehmungsbereiche in zweifacher Hinsicht gegenseitig. Zum einen ist der reibungslose Ablauf des leistungswirtschaftlichen Prozesses jeder Unternehmung nur gesichert, wenn genügend finanzielle Mittel zur Beschaffung der Produktionsfaktoren zur Verfügung stehen und durch den Absatz der Betriebsleistungen über den Markt wieder zurückgewonnen werden können; der leistungswirtschaftliche Bereich setzt also generell voraus, dass seine Finanzierung gesichert ist. Zum anderen führen Störungen im leistungswirtschaftlichen Bereich letztlich immer auch zu Störungen im finanzwirtschaftlichen Bereich, da sich der aus dem Absatz der Betriebsleistungen erwartete Zustrom an Zahlungsmitteln nachteilig verändert. All dies zeigt die Berechtigung der Vorstellung Riegers, wonach der betriebliche Kreislauf im Allgemeinen in Geldform beginnt und über die Umwandlung in Güter bzw. Leistungen in der Wiedergeldwerdung als Folge der Leistungsverwertung endet.2 Es zeigt auch, dass „jeder güterwirtschaftliche Vorgang zugleich einen Akt der Kapitaldisposition darstellt“3. Zu den Güter- und Leistungsströmen parallel, aber in entgegengesetzter Richtung, verlaufen die Zahlungsströme (Geldströme). Allerdings müssen die korrespondierenden Ströme nicht zeitgleich fließen (z. B. beim Kauf auf Ziel); außerdem gibt es finanzwirtschaftliche Transaktionen ohne leistungswirtschaftliches Äquivalent. Trotzdem ist es berechtigt, die Finanzwirtschaft als Spiegelbild der Leistungswirtschaft zu charakterisieren, so dass den genannten (leistungswirtschaftlichen) „Kernbereichen“ der Unternehmung die finanzwirtschaftlichen Äquivalente der Beschaffungsfinanzierung, der Produktionsfinanzierung und der Absatzfinanzierung gegenübergestellt werden können.4 1.1.2 Investition und Finanzierung als Elemente der Finanzwirtschaft Entsprechend der Einteilung des leistungswirtschaftlichen Bereichs in Beschaffung von Produktionsfaktoren, Produktion und Absatz der erstellten Leistungen kann man den finanzwirtschaftlichen Bereich in Kapitalbeschaffung (Finanzierung), Kapitalverwendung (Investition) und Kapitaltilgung unterteilen. Die Lehre der Finanzwirtschaft umfasst daher Theorie und Technik der Kapitalaufbringung (einschließlich der Kapitaltilgung) und der Kapitalanlage, behandelt also sowohl die Akquisition als auch die Disposition finanzieller Mittel.5 Die Zusammenfassung von Investition und Finanzierung unter dem Begriff Finanzwirtschaft erfolgt, weil zwischen beiden Bereichen aufgrund der ausgelösten Zahlungsmittelbewegungen Interdependenzen bestehen. So entstehen ohne Mittelverwen- 2 Vgl. Rieger, Wilhelm: Einführung in die Privatwirtschaftslehre. 3. Aufl., Erlangen 1964, S. 179. 3 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. 3. Band: Die Finanzen. 8. Aufl., Berlin u.a. 1980, S. 2. 4 Vgl. Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 37. 5 Vgl. dazu auch Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 3 und 8. 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 3 dungsmöglichkeiten keine Finanzierungsprobleme; Finanzierungsfragen lassen sich nicht abschließend klären, solange die Beziehung zur Mittelverwendung nicht berücksichtigt wird. Ebenso braucht man ohne Finanzierungsmöglichkeiten nicht über Investitionsmöglichkeiten nachzudenken; Investitionsfragen können nicht ohne Berücksichtigung der finanziellen Aspekte beantwortet werden.6 Diese übergreifende Betrachtung der genannten Teilbereiche in der Finanzwirtschaft weicht von der traditionellen, isolierten Betrachtung der beiden Gebiete ab. Aber nur in einer derartigen ganzheitlichen Betrachtung des Gesamtsystems der Unternehmung lassen sich die Interdependenzen der einzelnen Bereiche berücksichtigen. Anders als der auf die Deskription finanzwirtschaftlicher Sachverhalte beschränkte, traditionelle Ansatz der Finanzwirtschaft ist der moderne Ansatz der Finanzwirtschaft entscheidungsorientiert. Investition und Finanzierung werden nun als Optimierungsvorgang gesehen, in dem Mittelbeschaffung und Mittelverwendung im Hinblick auf die Unternehmungsziele aufeinander abgestimmt werden.7 Die Charakteristika des traditionellen, des management- und entscheidungsorientierten und des neuerdings betrachteten kapitalmarktorientierten Ansatzes der Finanzwirtschaft sind in Abbildung 2 gegenübergestellt. Charakteristika älterer und neuerer Auffassungen zur betrieblichen Finanzwirtschaft Traditioneller Ansatz: (1) Externe Betrachtungsweise (2) Deskriptive Methode (3) Isoliertheit der Finanzierungsentscheidungen im Hinblick auf die Kapitalbeschaffung (4) Effizienzkriterium: Einhaltung bestimmter Bilanzstrukturnormen Management- und entscheidungsorientierter Ansatz: (1) Interne Betrachtungsweise (2) Analytische Methode (3) Simultanität der Entscheidungen im Hinblick auf Kapitalbeschaffung und -verwendung (4) Effizienzkriterien: Beiträge zur Erfolgs- und Risikoposition Kapitalmarktorientierter Ansatz: (1) Externe Betrachtungsweise (2) Analytische Methode (3) Verständnis der Renditeforderungen von Kapitalgebern als Kapitalkosten der Unternehmung (4) Effizienzkriterium: Kurswertmaximierung Abbildung 2: Charakteristika älterer und neuerer Auffassungen zur betrieblichen Finanzwirtschaft8 6 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmungsfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 17. 7 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmungsfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 17. 8 Leicht modifiziert entnommen aus Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 7. 4 1 Die Finanzwirtschaft 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 1.2.1 Die Ziele der Finanzwirtschaft Aus leistungswirtschaftlicher Sicht wird angestrebt, bei der Erstellung der betrieblichen Leistungen und bei ihrem Absatz langfristig den Gewinn zu maximieren. Verfolgt die Unternehmungsleitung ausschließlich dieses Ziel, so werden betriebliche Leistungen nur erbracht, wenn sich damit ein Gewinn erzielen lässt, wenn also eine positive Differenz zwischen Erlösen und Kosten, den leistungsbedingten Erfolgsbeiträgen, zu erwarten ist.9 Die finanzwirtschaftliche Sicht ist im Gegensatz dazu kapital- bzw. zahlungsorientiert. Dies zeigt sich in der Formulierung der finanzwirtschaftlichen Zielfunktion im Sinne der Maximierung der Kapitalrentabilität (dies entspricht einer Kapitalorientierung) unter den Nebenbedingungen der Liquidität (dieses Kriterium ist zahlungsorientiert), der Sicherheit und der Unabhängigkeit.10 1.2.2 Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien 1.2.2.1 Die Kapitalrentabilität als eigenständige finanzwirtschaftliche Zielsetzung Die Kapitalrentabilität stellt eine besondere Interpretation des Gewinnbegriffs dar. Kapitalrentabilitäten sind Kennzahlen, in denen eine Erfolgsgröße ins Verhältnis zu verschiedenen in der Unternehmung eingesetzten Kapitalgrößen gesetzt wird. Sie geben an, in welcher Höhe sich das eingesetzte Kapital in der betreffenden Periode verzinst hat, und tragen somit dem weit verbreiteten Renditedenken Rechnung. Da das in der Finanzwirtschaft angestrebte Ziel die Rentabilitätsmaximierung ist, orientiert man sich bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen nicht an der absoluten Höhe des Gewinns, sondern an der Relation zwischen Gewinn bzw. Jahresüberschuss und eingesetztem Kapital, also an der relativen Höhe des Gewinns. Bei Vergleichen ist darauf zu achten, dass ein Unterschied besteht zwischen dem handelsrechtlichen Gewinn, dem steuerrechtlichen Gewinn und dem Gewinn nach IFRS und dass darüber hinaus zwischen dem Gewinn vor Steuern und dem Gewinn nach Steuern zu unterscheiden ist. Dabei stellt der Jahresüberschuss den nach handelsrechtlichen Vorschriften ermittelten Gewinn nach Steuern dar. Abbildung 3 (Seite 5) enthält Ausprägungsformen der Kapitalrentabilität. Dabei entspricht die Rentabilität eines einzelnen Investitionsprojekts dem durch die Investitionsrechnung ermittelten internen Zinsfuß. Setzt man den Jahresüberschuss (oder in anderer Definition das Betriebsergebnis) einer Unternehmung zu ihren Umsatzerlösen in Beziehung, so erhält man die Umsatzrentabilität. Eine Modifikation der Kennzahl Gesamtkapitalrentabilität stellt der Return On In- 9 Auf die wichtige Differenzierung zwischen Leistungen und Erträgen bzw. Kosten und Aufwendungen, wobei die neutralen Erträge und Aufwendungen einerseits und die kalkulatorischen Leistungen und Kosten andererseits zu berücksichtigen sind, sei hier nur hingewiesen; vgl.Wöhe, Günter: Bilanzierung und Bilanzpolitik. 9. Aufl., München 1997, S. 21-24. 10 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 18-26.

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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.