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8.1 Vorbemerkungen in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 286 - 288

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_286

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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8 Das Börsenwesen 8.1 Vorbemerkungen Unter einer Börse versteht man einen hochgradig organisierten sowie zeitlich und örtlich zentralisierten Markt für fungible (vertretbare) Sachen oder Rechte. Börsen lassen sich einerseits nach der Art der gehandelten Gegenstände (Handelsobjekte) in Wertpapierbzw. Effektenbörsen, in Devisenbörsen und in Warenbörsen klassifizieren. Andererseits können sie auch nach dem Zeitpunkt der Erfüllung der abgeschlossenen Geschäfte unterschieden werden. An Kassabörsen stehen der Zeitpunkt der Konditionenfestlegung (Vertragsabschluss) und der Zeitpunkt der Vertragserfüllung (Lieferung und Bezahlung) in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang. Dagegen erfolgt die Vertragserfüllung von an Terminbörsen abgeschlossenen Termingeschäften erst zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten späteren Zeitpunkt; bei diesen Geschäften fallen also Geschäftsabschluss und Erfüllung des Geschäfts zeitlich auseinander. Sachen oder Rechte sind dann vertretbar (fungibel), wenn sie im Verkehr üblicherweise nach Zahl, Maß oder Gewicht bestimmt werden.758 Dies setzt eine Gleichartigkeit in dem Sinne voraus, dass jede einzelne Sache (bzw. jedes einzelne Recht) von ihnen jederzeit gegen jede andere Sache (bzw. jedes andere Recht) austauschbar ist. Je nach Handelsobjekt wird die Fungibilität auf unterschiedliche Weise gewährleistet. Fungibel sind z. B. alle Wertpapiere derselben Art und desselben Ausstellers über denselben Nominalbetrag (also solche mit derselben Wertpapierkennnummer) oder Devisenguthaben in derselben Währung. Börsengehandelte Finanzterminkontrakte (Futures759) und Optionen760 erhalten ihre Fungibilität erst durch die Standardisierung der Kontraktbedingungen durch die Börse. (Welthandels-)Waren (Commodities), die i. d. R. nicht durch eine völlige Gleichmäßigkeit gekennzeichnet sind, werden mittels einer Typisierung, bei der die Börse bestimmte Qualitätsmerkmale festlegt, fungibel gemacht. Erst die Fungibilität von Handelsobjekten ermöglicht es, sie an der Börse ohne ihre Anwesenheit und ohne die Notwendigkeit einer Besichtigung zu handeln. An der Börse findet daher lediglich der Vertragsabschluss und die Preisfestsetzung, nicht jedoch ein direkter Austausch der Handelsobjekte statt. Die Erfüllung des Vertrages erfolgt in der dem Börsenhandel nachgelagerten Abwicklung. Wie jeder Markt dient auch eine Börse insbesondere dazu, (potenzielle) Käufer und Verkäufer zusammenzuführen. Um von einer Börse sprechen zu können, muss dieser Markt jedoch zusätzlich eine Reihe weiterer Aufgaben wahrnehmen. Eine Börse definiert und überwacht 758 Vgl. § 91 BGB. Der Gesetzgeber definiert die Vertretbarkeit zwar nur für bewegliche Sachen, jedoch ist diese Definition problemlos auch auf Rechte, wie sie in Wertpapieren verbrieft werden, übertragbar. 759 Vgl. Abschnitt 9.4. 760 Vgl. Abschnitt 9.2. 260 8 Das Börsenwesen den Prozess der Preisbildung und sorgt für einen ordnungsgemäßen Handel, einen fairen Wettbewerb zwischen den Marktteilnehmern sowie für eine ökonomisch effiziente Durchführung der Transaktionen. In der Tatsache, dass Börsen einer staatlichen Aufsicht unterworfen sind, liegt der wesentliche Unterschied zu außerbörslichen Märkten, die prinzipiell die gleiche ökonomische Funktion erfüllen können.761 Speziell Wertpapierbörsen erfüllen zudem eine Reihe wichtiger volkswirtschaftlicher Funktionen.762 Investoren stellen über Börsen sowohl Eigen- und Fremdkapital als auch mezzanines Kapital zur Verfügung. Börsen haben daher insbesondere eine Finanzierungsfunktion für Investitionen. Das Kapital soll in diejenigen Investitionen gelenkt werden, die – im Verhältnis zum eingegangenen Risiko – am renditestärksten eingeschätzt werden (Selektionsfunktion). Die Interessenlagen der Erwerber von Wertpapieren hinsichtlich der Dauer der Kapitalüberlassung und die der Emittenten der Papiere hinsichtlich der Verfügungsdauer über das überlassene Kapital können sich sehr stark unterscheiden. Die Emittenten von Wertpapieren sind regelmäßig daran interessiert, dass ihnen das Kapital für einen möglichst langen Zeitraum unkündbar zur Verfügung gestellt wird. Bei Schuldverschreibungen wollen sie während der gesamten Laufzeit über das Kapital verfügen können, bei Aktien bis zu einer ordentlichen Kapitalherabsetzung, wobei im zweiten Fall die Verfügungsdauer nicht zuletzt wegen der erforderlichen qualifizierten Mehrheit der Aktionäre als äußerst langfristig, wenn nicht gar als unbegrenzt eingeschätzt wird. Dagegen wollen die Inhaber von Wertpapieren die Möglichkeit haben, diese je nach ihren persönlichen Bedürfnissen und unabhängig von der ursprünglichen Laufzeit der Wertpapiere wieder zu veräußern. Die unterschiedlichen Interessen beider Gruppen hinsichtlich der Kapitalverfügungsdauer bzw. der Kapitalbereitstellungsdauer lassen sich dann erfüllen, wenn jederzeit ein Verkauf der Wertpapiere über die Börse möglich ist, der zu einem Austausch der Eigentümer der Papiere führt, ohne dass dadurch die Verfügungsdauer des Emittenten berührt wird (Fristentransformationsfunktion). Schließlich findet an Börsen auch eine Losgrößentransformation statt. Hohe Kapitalbeträge, die die Kapital suchenden Unternehmungen für ihre Investitionen benötigen, werden über die Ausgabe sehr vieler Wertpapiere zu relativ niedrigen Emissionskursen aufgebracht, so dass sich die Anleger ihren Präferenzen entsprechend an der Finanzierung beteiligen können. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf den Kassa- wie auch auf den Terminhandel mit Wertpapieren bzw. Finanzderivaten. 761 Vgl. zu diesem Abschnitt Lutz, Stefan: Börse. In: Knapps Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Redaktion der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen u. a.., Band 1, Frankfurt a. M. 1999, S. 229. 762 Vgl. dazu Rosen, Rüdiger von: Börsen und Börsenhandel. In: Handwörterbuch des Bank- und Finanzwesens, hrsg. von Wolfgang Gerke und Manfred Steiner, 3. Aufl., Stuttgart 2001, Sp. 356- 357. 8.2 Die Organisation von Börsen 261 8.2 Die Organisation von Börsen 8.2.1 Börse und Börsenträger In Deutschland sind Börsen öffentlich-rechtliche Institutionen, deren Errichtung einer Genehmigung der Börsenaufsichtsbehörde des zuständigen Bundeslandes bedarf.763 Sie unterliegen den Vorschriften des Börsengesetzes (BörsG). Als Anstalten des öffentlichen Rechts sind sie organisatorisch verselbstständigt (d. h. nicht in die Staatsverwaltung eingegliedert) und können ihre im Börsengesetz festgelegten Rechte und Pflichten im Rahmen ihrer Selbstverwaltung eigenverantwortlich wahrnehmen. Ihnen obliegt als Marktveranstalter die Organisation und Durchführung des Börsenhandels. Der Börsenbetrieb selbst wird durch einen Börsenträger sichergestellt. Börsenträger sind Kapitalgesellschaften, privatrechtlich rechtsfähige Trägervereine oder örtliche Industrieund Handelskammern. Die Aufgabe des Börsenträgers liegt in der Bereitstellung von Mitteln und Ressourcen, damit der Börsenhandel, also die eigentliche Zusammenführung von Angebot und Nachfrage, stattfinden kann. Er ermöglicht somit die faktische Existenz der Börse, indem er die materiellen Voraussetzungen dafür schafft. Mit Erteilung der Genehmigung, eine Börse zu errichten, werden dem Träger gleichzeitig auch Verwaltungs- und Organisationskompetenzen des Börsensitzlandes in Bezug auf die Schaffung des organisatorischen Rahmens für den Börsenhandel übertragen. Er baut die Börsenverwaltung auf und sorgt für deren personelle und sachliche Ausstattung. Er darf jedoch trotz dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit keinen Einfluss auf die inneren Börsenangelegenheiten (z. B. die Rahmenbedingungen für den Börsenhandel) nehmen. Insbesondere ist er auch kein Börsenorgan.764 8.2.2 Die Börsenorgane Für die inneren Angelegenheiten sind die Börsenorgane zuständig. Da sie staatliche Aufgaben wahrnehmen, richten sie ihr Handeln nach dem allgemeinen öffentlichen Interesse, das in der Schaffung eines ordnungsgemäßen und fairen Wertpapierhandels liegt.765 Durch die jeweiligen Börsenorgane erhalten die Börsen ihre Handlungsfähigkeit. Das oberste Organ ist der Börsenrat766, der sich aus Vertretern aller am Börsenhandel Beteiligten (z. B. zum Handel zugelassene Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute, Skontroführer, Emittenten, Anleger) zusammensetzt. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen alle Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung. Beispielsweise erlässt er im Rahmen seiner Rechtssetzungsbefugnis die Börsenordnung767 in Form einer Satzung, in der u. a. der 763 Vgl. Abschnitt 8.2.3. 764 Vgl. zur Rechtsstellung von Börse und Börsenträger ausführlich und m. w. N. Kümpel, Siegfried: Börsenrecht – Eine systematische Darstellung. 2. Aufl., Berlin 2003, S. 108-133. 765 Vgl. m. w. N. Kümpel, Siegfried: Börsenrecht – Eine systematische Darstellung. 2. Aufl., Berlin 2003, S. 108-110. 766 Vgl. §§ 12, 13 BörsG. 767 Vgl. § 16 BörsG.

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References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

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