Content

7.4 Entscheidungskriterien für Kauf oder Leasing in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Finanzierung, page 282 - 286

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3625-9, ISBN online: 978-3-8006-4441-4, https://doi.org/10.15358/9783800644414_282

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
7.4 Entscheidungskriterien für Kauf oder Leasing 255 Erfolgsrechnung des Leasing-Gebers: Jährliche Betriebseinnahmen (Erträge) in Höhe des jeweiligen Zins- und Kostenanteils der Leasing-Rate (vgl. Spalte (3) in Abbildung 65), d. h. im ersten Jahr 3 Mio. EUR, im zweiten Jahr 2.905.578 EUR usw. Bilanz des Leasing-Nehmers: • Aktivierung des Leasing-Gegenstandes zu 32 Mio. EUR; planmäßige Abschreibung (z. B. linear), d. h. pro Jahr = Jahre20 EURMio.32 ? ? ? ? ? ? 1,6 Mio. EUR; • Passivierung einer Verbindlichkeit gegenüber dem Leasing-Geber in Höhe der Anschaffungskosten des Leasing-Gebers (= 30 Mio. EUR); diese Verbindlichkeit verringert sich (erfolgsneutral) jährlich um den Tilgungsanteil der Leasing-Rate (vgl. Spalte (4) in Abbildung 65), d. h. im ersten Jahr um 944.220 EUR, im zweiten Jahr um 1.038.642 EUR usw. Jahr (1) Leasing-Rate (2) Zins- und Kostenanteil (inkl. Gewinnzuschlag) z.B. 10 % der Restschuld des Leasing-Nehmers (3) Tilgungsanteil (4) = (2) – (3) Restschuld (5) 0 1 2 3 • • 20 – 3.944.220 3.944.220 3.944.220 • • 3.944.220 – 0,1 !30Mio. = 3.000.000 0,1 !29.055.780 = 2.905.578 0,1 !28.017.138 = 2.801.713,80 • • • – 944.220 1.038.642 1.142.506,20 • • • 30.000.000 29.055.780 28.017.138 26.874.631,80 • • • ? 59.163.300 29.163.300 30.000.000 – Abbildung 65: Die Aufspaltung der Leasing-Rate in einen Zins- und Kostenanteil und einen Tilgungsanteil 754 Erfolgsrechnung des Leasing-Nehmers: Jährliche Betriebsausgaben (Aufwendungen) von 1,6 Mio. EUR Abschreibungen und in Höhe des jeweiligen Zins- und Kostenanteils der Leasing-Rate (vgl. Spalte (3) in Abbildung 65), d. h. im ersten Jahr 3 Mio. EUR, im zweiten Jahr 2.905.578 EUR usw. 7.4 Entscheidungskriterien für Kauf oder Leasing Obwohl die Werbebotschaften der Leasing-Gesellschaften (keinesfalls überraschend) etwas anderes vermuten lassen, kann eine Leasing-Finanzierung nicht generell als „besser“, etwa im Sinne von kostengünstiger, bezeichnet werden als der z. B. durch Bankkredit fremdfi- 754 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Leasing als Sonderform der Außenfinanzierung. In: Der Steuerberater 1997, S. 433. 256 7 Leasing als Sonderform der Außenfinanzierung nanzierte Kauf des entsprechenden Gegenstandes. Vielmehr muss in jedem Einzelfall ein genauer Vorteilhaftigkeitsvergleich vorgenommen werden. Im Folgenden sollen verschiedene Entscheidungskriterien aufgezeigt werden, die für diesen Vergleich heranzuziehen sind.755 Insbesondere Vorteile im steuerlichen Bereich werden von den Verfechtern des Leasing als Finanzierungsalternative hervorgehoben. Hierbei wird stets der Fall betrachtet, dass der Leasing-Gegenstand steuerlich dem Leasing-Geber zugerechnet wird (andernfalls ergeben sich praktisch keine Unterschiede in der steuerlichen Behandlung zum kreditfinanzierten Kauf). Beim Leasing-Nehmer stellen die Leasing-Raten einkommen- bzw. körperschaftsteuerlich Betriebsausgaben dar und mindern damit auch den Gewerbeertrag. Im Falle eines kreditfinanzierten Kaufs eines Vermögensgegenstandes wird die Einkommen- bzw. Körperschaftsteuerbemessungsgrundlage durch die vorzunehmenden Abschreibungen und die zu zahlenden Fremdkapitalzinsen verringert. Auf den ersten Blick erscheint Leasing damit steuerlich günstiger als ein kreditfinanzierter Kauf. Allerdings entsteht zunächst lediglich ein Steuerstundungseffekt: Beim Leasing (vor allem dem Vollamortisations-Leasing) ist die Grundmietzeit, während der sich die obigen steuerlichen Auswirkungen ergeben, kürzer als die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer, während der die steuerlichen Wirkungen des kreditfinanzierten Kaufs entstehen. Ob der Barwert der Steuerzahlungen bei Leasing größer oder kleiner ist als der entsprechende Barwert der Steuerzahlungen beim kreditfinanzierten Kauf, hängt ab von der Höhe der (sich eventuell im Zeitablauf ändernden) Steuersätze und des zur Barwertberechnung herangezogenen Kalkulationszinsfußes. Auch das verwendete Abschreibungsverfahren spielt hierbei eine Rolle: Wird beim kreditfinanzierten Kauf degressiv abgeschrieben, so ist er in steuerlicher Hinsicht der Leasing- Variante gleichwertig. Ein tatsächlicher Steuervorteil ergibt sich für das Leasing nur, wenn der Zins- und Kostenanteil der Leasing-Raten insgesamt höher ist als der des kreditfinanzierten Kaufs. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die Gesamtkosten des Leasing höher sind. Ob dann die höheren Gesamtkosten abzüglich des Steuervorteils des Leasing zusammengenommen günstiger sind als niedrigere Gesamtkosten zuzüglich eines Steuernachteils beim kreditfinanzierten Kauf, kann nur mittels einer Berechnung anhand spezifischer einzelfallbezogener Daten entschieden werden. 755 Vgl. Bieg, Hartmut/Hossfeld, Christopher: Finanzierungsentscheidungen. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 141-144; Däumler, Klaus-Dieter: Betriebliche Finanzwirtschaft. 9. Aufl., Herne 2008, S. 283- 297; Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 454-456; Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 173-176; Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 397-407; Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 288-297. 7.4 Entscheidungskriterien für Kauf oder Leasing 257 Dass die Kosten des Leasing im Grunde stets höher sind als die eines kreditfinanzierten Kaufs, ergibt sich bereits aus den Kostenbestandteilen, die Eingang in die Kalkulation der Leasing-Raten beim Leasing-Geber finden (vgl. Abbildung 66).756 Selbstkosten des Vermögensgegenstandes + GewinnzuschlagHersteller-Anteil = Verkaufspreis des Herstellers Zinskosten + Verwaltungskosten + Risikokosten + Gewinnzuschlag+ Bank-Anteil = „Verkaufspreis“ eines Bankkredites, den der Leasing-Geber zur Finanzierung des Kaufpreises des Vermögensgegenstandes benötigt + Leasing-Geber-Anteil Verwaltungskosten + Risikokosten + Gewinnzuschlag = In den Leasing-Raten zusätzlich zu verrechnende Elemente = Kalkulationsbasis für die Leasing-Raten Abbildung 66: Die Kalkulationsbasis für die Leasing-Raten des Leasing-Gebers757 Der Leasing-Geber kann eventuell niedrigere Zinskosten mit der Bank aushandeln als eine andere kreditsuchende Unternehmung und verursacht der Bank unter Umständen auch niedrigere Verwaltungs- und Risikokosten. Diese Kostenvorteile des Leasing-Gebers werden allerdings durch den Leasing-Geber-Anteil überkompensiert, so dass Leasing teurer ist als ein kreditfinanzierter Kauf. Ein Argument, das häufig zugunsten des Leasing angeführt wird, ist die mit ihm verbundene Erhaltung oder Erweiterung des Kreditspielraums. Begründet wird dies damit, dass beim Leasing-Nehmer im Falle der Zurechnung des Leasing-Gegenstandes zum Leasing- Geber die nachteiligen bilanziellen Wirkungen eines kreditfinanzierten Kaufs vermieden werden. Beim kreditfinanzierten Kauf erhöht sich nämlich durch die Passivierung einer Verbindlichkeit gegenüber dem Kreditgeber die Fremdkapitalquote der kreditnehmenden Unternehmung. Dies ist gleichbedeutend mit einer sich negativ auf die Kreditwürdigkeit der Unternehmung auswirkenden Verringerung der Eigenkapitalquote. Hierzu ist Folgendes zu sagen: Zwar hat Leasing keinen Einfluss auf die Bilanz des Leasing-Nehmers, im Anhang müssen aber mittlere und große Kapitalgesellschaften und be- 756 Vgl. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 173. 757 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Leasing als Sonderform der Außenfinanzierung. In: Der Steuerberater 1997, S. 435. 258 7 Leasing als Sonderform der Außenfinanzierung stimmte andere Unternehmungen nach § 285 Satz 1 Nr. 3 HGB Angaben über Leasing- Verpflichtungen machen. Unabhängig davon werden sich (potenzielle) Kreditgeber aller Unternehmungen im Rahmen ihrer Kreditwürdigkeitsprüfung stets nach sämtlichen Verpflichtungen erkundigen. Leasing kann dann nur durch Nicht-Auskunft, im Grunde also Betrug, verheimlicht werden. Aufgrund der höheren Gesamtkosten könnte Leasing sogar als nachteilig für die Liquiditäts- und Rentabilitätslage einer Unternehmung eingeschätzt werden. Einen Vorteil weist das Leasing im Zusammenhang mit dem Kreditspielraum allerdings auf. Leasing-Gesellschaften besichern ihre Leasing-Forderungen mit einem Wert von 100 % des Vermögensgegenstandes, indem sie das juristische Eigentum an ihm behalten. Banken rechnen demgegenüber als Kreditsicherheiten nur unter 100 % eines zu finanzierenden Objektes an, der Restbetrag ist durch andere Sicherheiten zu besichern bzw. durch Eigenkapital zu finanzieren. Wird ein Vermögensgegenstand geleast und nicht kreditfinanziert, so können die sonst benötigten Zusatzsicherheiten anderweitig eingesetzt werden. Unter Liquiditätsaspekten wurde bereits auf die höhere Belastung durch Leasing aufgrund der größeren auszahlungswirksamen Kosten als beim kreditfinanzierten Kauf hingewiesen. Außerdem ergibt sich beim Leasing folgendes Liquiditätsproblem: Die Grundmietzeit der Leasing-Verträge ist i. d. R. kürzer als die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer des Vermögensgegenstandes. Damit können bei unterstellter gleichmäßiger Kapitalfreisetzung während der Nutzungsdauer mit den im Umsatzprozess verdienten Mitteln die Leasing-Raten nicht in vollem Umfang aufgebracht werden. Es ergibt sich eine periodisch wiederkehrende Finanzierungslücke, die mittels anderer Finanzierungsinstrumente zu füllen ist. Beim kreditfinanzierten Kauf eines Vermögensgegenstandes wird demgegenüber meist die Kreditlaufzeit mit der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer des Vermögensgegenstandes abgestimmt, so dass (theoretisch) keine Finanzierungslücke entsteht. 8 Das Börsenwesen 8.1 Vorbemerkungen Unter einer Börse versteht man einen hochgradig organisierten sowie zeitlich und örtlich zentralisierten Markt für fungible (vertretbare) Sachen oder Rechte. Börsen lassen sich einerseits nach der Art der gehandelten Gegenstände (Handelsobjekte) in Wertpapierbzw. Effektenbörsen, in Devisenbörsen und in Warenbörsen klassifizieren. Andererseits können sie auch nach dem Zeitpunkt der Erfüllung der abgeschlossenen Geschäfte unterschieden werden. An Kassabörsen stehen der Zeitpunkt der Konditionenfestlegung (Vertragsabschluss) und der Zeitpunkt der Vertragserfüllung (Lieferung und Bezahlung) in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang. Dagegen erfolgt die Vertragserfüllung von an Terminbörsen abgeschlossenen Termingeschäften erst zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten späteren Zeitpunkt; bei diesen Geschäften fallen also Geschäftsabschluss und Erfüllung des Geschäfts zeitlich auseinander. Sachen oder Rechte sind dann vertretbar (fungibel), wenn sie im Verkehr üblicherweise nach Zahl, Maß oder Gewicht bestimmt werden.758 Dies setzt eine Gleichartigkeit in dem Sinne voraus, dass jede einzelne Sache (bzw. jedes einzelne Recht) von ihnen jederzeit gegen jede andere Sache (bzw. jedes andere Recht) austauschbar ist. Je nach Handelsobjekt wird die Fungibilität auf unterschiedliche Weise gewährleistet. Fungibel sind z. B. alle Wertpapiere derselben Art und desselben Ausstellers über denselben Nominalbetrag (also solche mit derselben Wertpapierkennnummer) oder Devisenguthaben in derselben Währung. Börsengehandelte Finanzterminkontrakte (Futures759) und Optionen760 erhalten ihre Fungibilität erst durch die Standardisierung der Kontraktbedingungen durch die Börse. (Welthandels-)Waren (Commodities), die i. d. R. nicht durch eine völlige Gleichmäßigkeit gekennzeichnet sind, werden mittels einer Typisierung, bei der die Börse bestimmte Qualitätsmerkmale festlegt, fungibel gemacht. Erst die Fungibilität von Handelsobjekten ermöglicht es, sie an der Börse ohne ihre Anwesenheit und ohne die Notwendigkeit einer Besichtigung zu handeln. An der Börse findet daher lediglich der Vertragsabschluss und die Preisfestsetzung, nicht jedoch ein direkter Austausch der Handelsobjekte statt. Die Erfüllung des Vertrages erfolgt in der dem Börsenhandel nachgelagerten Abwicklung. Wie jeder Markt dient auch eine Börse insbesondere dazu, (potenzielle) Käufer und Verkäufer zusammenzuführen. Um von einer Börse sprechen zu können, muss dieser Markt jedoch zusätzlich eine Reihe weiterer Aufgaben wahrnehmen. Eine Börse definiert und überwacht 758 Vgl. § 91 BGB. Der Gesetzgeber definiert die Vertretbarkeit zwar nur für bewegliche Sachen, jedoch ist diese Definition problemlos auch auf Rechte, wie sie in Wertpapieren verbrieft werden, übertragbar. 759 Vgl. Abschnitt 9.4. 760 Vgl. Abschnitt 9.2.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Nach einer allgemeinen Einordnung der Finanzierung von Unternehmen werden die einzelnen Instrumente der Außen- und Innenfinanzierung mit ihren theorie- und praxisrelevanten Merkmalen vorgestellt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Darüber hinaus wird auf Finanzinnovationen und Finanzderivate eingegangen.

Einführendes Lehrbuch in die Grundlagen der Unternehmensfinanzierung

Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft

Finanzierungstheorie

Finanzierungsarten

Außenfinanzierung durch Eigenkapital

Außenfinanzierung durch Fremdkapital

Derivative Finanzinstrumente

Innenfinanzierung^.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Finanzierungsproblemen.