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Anton Meyer, Fabian Göbel, Christian Blümelhuber, Grounded Theory in:

Manfred Schwaiger, Anton Meyer (Ed.)

Theorien und Methoden der Betriebswirtschaft, page 397 - 411

Handbuch für Wissenschaftler und Studierende

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3613-6, ISBN online: 978-3-8006-4437-7, https://doi.org/10.15358/9783800644377_397

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Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber GroundedTheory Zusammenfassung Die Soziologen Glaser und Strauss beschäftigten sich mit einer der elementarsten Fragen der Wissenschaft, wie neue Theorien gefunden werden können. In der heutigen Zeit scheint ein systematisches, methodisches Vorgehen zur Entdeckung von Theorien bzw. theoretischer Aus sagen in vielen wirtschafts und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, angesichts der Dominanz von Anstrengungen im Begründungs und Verwendungszusammenhang von (oftmals bereits betagten)Theorien, notwendiger denn je. In wissenschaftlichen Publikationen fristen induktiv theoriebildende Studien mittels GroundedTheory immer noch ein Schattendasein. Dies mag an der anfänglichen Komplexitätsbarriere liegen, die es zu überwinden gilt. Grounded Theory ist eine Kunstlehre, weshalb keine allgemein anerkannte Vorgehensweise existiert, die rezeptartig erlernt werden kann. An dieser Stelle setzt dieser Beitrag an und möchte dem geneigten Forscher zunächst die Grundlagen sowie die charakteristischen Merkmale dieses qualitativen Ansatzes näherbringen, um darauf aufbauend auf Erfolgsfaktoren und Stolpersteine, insbesondere im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen, einzugehen. Univ. Prof. Dr. Anton Meyer ist Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre und Vorstand des In stituts für Marketing an der Ludwig Maximilians Universität München. Dipl. Kfm. Fabian Göbel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Marketing an der Ludwig Maximilians Universität München. Prof. Dr. Christian Blümelhuber ist Inhaber des InBev Baillet Latour Lehrstuhls für Euro marketing an der Solvay Business School der Université Libre de Bruxelles. Inhaltsverzeichnis 1 Zum Status Quo der empirischen betriebswirtschaftlichen Forschung . . . . . . . . . . . . 403 2 Grounded Theory – Grundlagen und Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404 2.1 Komparative Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 2.2 Kodieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 2.3 Theoretisches Sampling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 3 Tipps und Tricks auf dem Weg zur Theoriebildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 4 Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 402 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Klassifizierung empirischer Arbeiten nach Art des theoretischen Beitrags . . 404 Abbildung 2: Ablaufmodell gegenstandsbezogener Theoriebildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 Abbildung 3: Unterschiedliche Herangehensweisen an theoriebildende Forschung . . . . . . 410 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Vorbildliche Publikationen der Grounded Theory Forschung . . . . . . . . . . . . . . 412 Grounded Theory 403 1 Zum Status Quo der empirischen betriebswirtschaftlichen Forschung „Sometimes a social researcher can approach an area of inquiry with a pri or, well formulated theory that so accurately describes it that the research can concentrate on the accumulation of information applicable to the existing the ory. Many inquiries, however, do not fit this pattern“ (M /T 1986, S. 142). Die letzten Jahrzehnte methodologischer Entwicklung der Wirtschafts und Sozialwissen schaften haben tiefgreifende Veränderungen – auch für die betriebswirtschaftliche Forschung – mit sich gebracht. Zum einen wurden immer komplexere quantitative Auswertungsmodelle entwickelt und verwendet, welche äußerst rigide Anforderungen an das Datenmaterial stellen. Zum anderen begründete dies im selben Atemzug kritische Anmerkungen und daraus resultie rend die Forderung nach sogenannten offenen Erhebungsmethoden, welchen den Befragten die Möglichkeit offerieren, im wahrsten Sinne zu Worte zu kommen. „Qualitative research does not measure, it provides insights“ ( R /S 1998, S. 8). Qualitative Forschung eignet sich demnach vortrefflich diese angeführte Lücke zu schließen. Derartige Insights resultieren dabei aus einem Prozess der Analyse und Interpretation der Einschätzungen der Befragten (vgl. S 1994, S. 495). Der Beitrag, welchen qualitative Forschungsmethoden auf diese Weise zum Erkenntnisgewinn leisten können, ist in der betriebswirtschaftlichen Literatur unbestrit ten (vgl. D /L 2005; G J 2004; G 2005; B . 2006; B 2007 sowie in diesemHerausgeberband, M /R ). Sowohl quantitative als auch qualitative Forschungszugänge können in Form empirischer Studien theoretischen Erkenntnisgewinn generieren. Quantitative Studien formulieren anhand existenter Theorien Hypothesen und testen diese empirisch. Dies ist für den Erkenntnisgewinn der betriebswirt schaftlichen Forschung von unbestrittener Relevanz, da zahlreiche Theorien in empirischen Untersuchungen keine Unterstützung erfahren (vgl. M 2003). Eine zweite Möglichkeit für empirische Studien einen derartigen Beitrag zu leisten sind theoriebildende Arbeiten. Hier zu eignet sich der qualitative Forschungszugang vortrefflich (vgl. C /Z P 2007; E /G 2007; W 1989). Abbildung 1 gibt einen Überblick über mögliche theoretische Beiträge empirischer Publikationen. Eine aktuelle Studie des Academy of Management Journal (vgl. C /Z P 2007, S. 1281ff.) hat gezeigt, dass der Umfang des theoretischen Beitrags einer Publikation in einem positiven Zusammenhang mit Zitationsraten steht. Daher sollte ein ambitionierter For scher versuchen, in seiner Forschung einen möglichst hohen theoretischen Erkenntnisbeitrag (außerhalb des grau eingefärbten Bereichs in Abbildung 1) zu realisieren. Im Rahmen der the oriebildenden Verfahren ist der wissenschaftliche Ansatz der Grounded Theory weit verbreitet, der sich dieTheoriebildung als Erkenntnisziel gesetzt hat. Bedenklich ist, dass in letzter Zeit ein inflationärer Gebrauch dieses Begriffs zu beobachten ist (vgl. S 2006, S. 633). Deshalb will der vorliegende Beitrag dem Leser zunächst die Grundlagen sowie die charakteristischen Merkmale dieses qualitativen Ansatzes näherbringen. Darauf aufbauend werden Erfolgsfaktoren und Stolpersteine des Ansatzes, insbesondere im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen, diskutiert. 404 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber 2 GroundedTheory – Grundlagen und Vorgehensweise Grundsätzlich geht es bei der GroundedTheory um die Entdeckung von neuenTheorien auf Ba sis von in der Sozialforschung gewonnenen Daten (vgl. G /S 2005, S. 12). Es handelt sich dabei um einen Prozess, welcher Forschern denWeg von der Datenauswahl über deren Erhe bung bis hin zu einer möglichen daraus resultierendenTheorie weist. Dabei ist GroundedTheory als Methodologie im Sinne eines Methodenbündels zu verstehen. Die Bezeichnung Grounded Theory wird oftmals sowohl für die Methodologie wie auch für das erzielte Forschungsergebnis verwendet und lässt sich als gegenstandsbegründete oder verankerte Theorie übersetzen (vgl. B 2007, S. 475f.). Die Methodik erhält ihre theoretische Fundierung aus dem wissenschaft lichen Pragmatismus sowie dem symbolischen Interaktionismus, ohne sich jedoch mit letzter Strenge an den Konzepten zu orientieren (vgl. C /S 1990, S. 5). Wie bei anderen komplexen Themenstellungen auch, ist für das Verständnis des Ansatzes eine Auseinanderset zung mit der historischen Entwicklungsgeschichte hilfreich. Die Methode wurde von G /S (1967) als Reaktion auf den vorherrschenden extre men Positivismus, welcher sich zur damaligen Zeit in weiten Teilen der Sozialforschung ver breitet hatte, entwickelt. Insbesondere lehnten sie sich dabei gegen die Annahmen einer Großen Theorie auf (vgl. G /S 2005, S. 19). Die beiden Forscher stellten sich also gegen hypothesengetriebene, deduktive Forschungsansätze, eine in ihren Augen spekulative Theorie bildung und die damit verbundenen Forschungsmethoden der damaligen Zeit. Sie führten die Methodik als einen interpretativen Prozess ein, welcher auf die Analyse der „actual production of Reporters Qualifiers ExpandersBuilders Testers Bu ild in g N ew Th eo ry Testing Existing Theory 5 grounds predictions with existing theory is inductive or grounds predictions with logical speculation 1 grounds predictions with existing conceptual arguments 3 grounds predictions with existing models, diagrams, or figures 4 grounds predictions with referencees to past finding 2 attempts to replicate previously demonstrated effects 1 examines effects that have been the subject of prior theorizing 2 introduces a new mediator or moderator of an existing relationship or process 3 examines a previously unexplored relationship or process 4 introduces a new construct (or significantly reconceptualizes an existing one) 5 high theoretical contribution low theoretical contribution Abbildung 1: Klassifizierung empirischer Arbeiten nach Art des theoretischen Beitrags [in Anlehnung an colquitt/zaPata-Phelan 2007, S. 1283] Grounded Theory 405 meanings and concepts used by social actors in real settings“ (G J 2004, S. 457) fokus siert. Erstmalig fand dieser Prozess der Theoriegewinnung in einer Untersuchung der Situation von todkranken Patienten und dem damit einhergehenden Verhalten des Pflegepersonals An wendung (vgl. G /S 1965). In der Folge wurde diese Methodik zur Klärung weiterer Forschungsfragen in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Fachrichtungen eingesetzt (vgl. M /T 1986, S. 144). Im Kern handelt es sich nahezu immer um ein ausschließlich induktives Vorgehen, aus welchem Theorien erst auf Grundlage vorliegender Daten entwickelt werden: „[…] grounded Theory is derived from data and then illustrated by characteristic examples of data“ (G /S 1967, S. 5). Die Methodik grenzt sich also klar von logisch deduktiven Methoden ab, im Rahmen derer Da ten erst im Nachhinein zur Bestätigung oder Widerlegung einer Theorie herangezogen werden, ohne jedoch eine Rolle bei der Theoriegenerierung zu spielen. Ziel ist dabei nicht „[…] to make truth statements about reality but, rather, to elicit fresh under standings about patterned relationships between social actors and how these relationships and interactions actively construct reality“ (G /S 1967, S. 25). Grounded Theory sollte also nicht in erster Linie angewendet werden, um Hypothesen zu testen, sondern um Aussagen darüber zu treffen, wie Untersuchungssubjekte ihre Realität in terpretieren. Wichtig ist auch, dass der geneigte Forscher unvoreingenommen seine Analysen durchführt und somit durch keinerlei (theoretische) Beeinflussung an der Aufdeckung neuer Theorien gehindert wird. Dies stellt eine der größten Herausforderungen dar, weshalb dieser Aspekt im weiteren Verlauf innerhalb eines kurzen Exkurses aufgegriffen wird. Abbildung 2 zeigt ein idealtypisches Ablaufmodell einer gegenstandsbezogenen Theoriebil dung. Datenerhebung des/der Forscher/in im Feld „Stop and memo!“ Anfertigen von Merkzetteln über konzeptuelle Aspekte des Gegenstandsbereichs Ausarbeitung und Vervollständigung von Kodes und Memos Vergleich und Verknüpfung der Kodes und Memos Gegenstandsbezogene Theorie Abbildung 2: Ablaufmodell gegenstandsbezogener Theoriebildung [mayring 2002, S. 106] 406 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber In der Folge soll dem Leser ein anwendungsorientierter Überblick über die Methode und die einzelnen Schritte im Verlauf des Forschungsprozesses gegeben werden. Der Methodik liegen dabei drei zentrale Konzepte zu Grunde, welche in der Folge kurz vorgestellt werden sollen. 2.1 Komparative Analyse Ein zentraler Bestandteil der Grounded Theory ist die Methode der komparativen Analyse. Innerhalb dieses Vorgehens erfolgen Datenerhebung und deren Auswertung simultan. Bei der Beobachtung qualitativer Ereignisse und ihrer Ausprägungen werden bereits während der Aus wertung Kategorien erstellt, in welche einzelne Ereignisse einzuordnen sind. Dieses Vorgehen wird auch als Vergleichen bezeichnet, wobei dabei weniger die Suche nach identischen Inhalten gemeint ist, sondern vielmehr die Suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden (vgl. B 2007, S. 476). Durch derartige Vergleiche kann ein Forscher im Laufe des Kodierungsprozesses Kategorien generieren, zu welchen weitere Aussagen oder Ereignisse zugeordnet werden können. Untergruppen fassen dabei Ereignisse zusammen, die innerhalb einer Kategorie den gleichen Sachverhalt beschreiben: „[…] while coding an incident for a category, compare it with the previous incident in the same and different groups coded in the same category“ (vgl. G / S 1967, S. 106). Zentrales Instrument bei der Erarbeitung gegenstandsbezogenerTheorie elemente sind dabei sogenannteMemos. Jedesmal, wenn der Forscher auf zentrale Aspekte stößt, ist er angehalten, ein derartiges Memo zu verfassen, auf welchem unbedingt auch die konkreten Kontextbedingungen der zugrunde liegenden Beobachtung erfasst werden sollten (vgl. G / S 1967, S. 108f.). Diese können dann zur Bildung von Auswertungskategorien genutzt werden, anhand derer das vorliegende Material durchgearbeitet werden kann. Wird ein weiteres Ereignis oder eine neue Kategorie aufgedeckt, so sind diese stets mit den bereits identifizierten Kategorien (Memos)1 und den damit verbundenen Gedanken und Ansätzen von theoretischen Konstrukten im Sinne des komparativen Vergleichens in Verbindung zu setzen (vgl. G / S 1967, S. 112). Im Laufe der Datenerhebung kristallisiert sich Schritt für Schritt ein theoretischer Bezugsrahmen heraus, welcher in kontinuierlichen Arbeitsschritten modifiziert und vervollständigt wird. Wenn dieser in Klarheit und Aussagekraft zufriedenstellend ist, wird von einer zusätzlichen Datenerhebung abgesehen, der wesentliche Teil der Auswertung ist bereits vollzogen (vgl. M 2002, S. 104). 2.2 Kodieren Kodieren kann im Rahmen der GroundedTheory Forschung als Verschlüsseln oder Übersetzen von Daten verstanden werden und umfasst die Benennung von Konzepten sowie ihre nähe re Erläuterung und Definition. Das Ergebnis des Kodierprozesses ist in der Regel eine Liste von Begriffen mit weiter erläuternden Texten (vgl. B 2007, S. 476). Code ist dabei ein technischer Begriff des Auswertungsverfahrens und synonym zu einem benannten Konzept zu verstehen. Die zuvor erwähnten theoretischen Memos gründen sich auf derartige Codes und deren übergreifende Relationen, welche sich im Forschungsprozess herauskristallisieren. Dabei werden drei Typen des Kodierens unterschieden, die in Teilen den Fortschritt des Forschungs prozesses widerspiegeln – offenes, axiales und selektives Kodieren. Diese werden im Folgenden kurz dargestellt. Offenes Kodieren ist ein interpretativer Prozess, bei welchem die vorliegenden qualitativen Daten analytisch aufbereitet werden (vgl. C /S 1990, S. 12). Hier spiegelt sich das Grund prinzip der Grounded Theory am besten wider. Ausgehend von den Daten werden sukzessive Für einen beispielhaften Aufbau eines Memos vgl. M /T (1986, S. 151). Grounded Theory 407 Konzepte entwickelt, die infolgedessen als Eckpfeiler eines theoretischen Modells Verwendung finden können. Anfangs ist zu empfehlen, einzelne kurze Textpassagen auszuwerten, wohinge gen zu einem späteren Zeitpunkt der Auswertung (mit fortgeschrittener Expertise) auch größere Absätze kodiert werden können (vgl. B 2007, S. 477). Nach Entdeckung der ersten Kon zepte ist in der Folge darauf zu achten, die einzelnen Konzepte anhand ihrer Eigenschaften und Unterdimensionen weiter zu spezifizieren. Derartige Spezifikationen können die identifizierten Kategorien weiterentwickeln und im Ergebnis die entstehende Theorie schärfen (vgl. C / S 1990, S. 12). Der nächste Schritt erfolgt in Form des axialen Kodierens. Dieser Schritt dient der Vereinfachung und Differenzierung bereits identifizierter Konzepte und kommt typischerweise in mittleren bis späten Stadien der Auswertung zum Einsatz (vgl. B 2007, S. 479). Durch diese weitere Differenzierung werden bereits identifizierte Konzepte zu Kategorien weiterentwickelt. Hierbei geht es in erster Linie darum, wie Kategorien mit ihren Unterdimensionen in Verbindung stehen. Es wird untersucht, ob sich die vermuteten Relationen in den vorliegenden Daten widerspiegeln. Diese Relationen können dabei sowohl aus dem offenen Kodierungsprozess, als auch aus Vermu tungen und/oder der Erfahrung des Forschers resultieren (vgl. C /S 1990, S. 13). Der finale Schritt wird als selektives Kodieren bezeichnet und findet zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Forschungsprozesses statt. Hierbei wird der Forscher als Autor der im Forschungs verlauf entstandenen Kategorien, Codenotizen, Memos etc. tätig (vgl. B 2007, S. 482). Im Rahmen des selektiven Kodierungsschritts werden sämtliche Kategorien um eine Kernkategorie herum angeordnet. Idealerweise entspricht die Kernkategorie dem zentralen Phänomen, welches sich auch in der ursprünglichen Forschungsfrage wiederfindet. Häufig ist es jedoch nicht im mer einfach, angesichts der zahlreichen identifizierten Details die Kernaussage der absolvierten Forschung kurz und bündig zu formulieren. Dieses zentrale Phänomen lässt sich jedoch durch Fragen nach dem zentralen Inhalt der Untersuchung ermitteln: „What is the main analytic idea presented in this research? If my findings are to be conzeptualised in a few sentences, what do I say? What does all the action/interaction seem about?“ (C /S 1990, S. 14). Es ist jedoch nicht ungewöhnlich, wenn ein anderes Phänomen als ursprünglich angenommen sich als zentral für den Forschungsgegenstand erweist (vgl. C /S 1990, S. 14; B 2007, S. 482). Sobald die Kernkategorie inklusive ihrer relevanten Unterdimensionen iden tifiziert worden ist, werden die weiteren identifizierten Kategorien systematisch in Beziehung zur Kernkategorie gesetzt. Ist dieser Schritt erfolgt, lassen sich die jeweiligen Eigenschaften und Dimensionen hinsichtlich auftretender Muster und Gesetzmäßigkeiten untersuchen. Un zureichend entwickelte Kategorien lassen sich dabei am besten in diesem Kodierungsschritt aufdecken. Derartige Kategorien zeichnen sich dadurch aus, dass nur wenige Eigenschaften oder Unterdimensionen identifiziert werden konnten und somit keine ausreichende konzeptionelle Dichte aufweisen (vgl. C /S 1990, S. 14). In diesem Falle sollten weitere Daten zur Überbrückung derartiger Lücken erhoben werden. Da im Rahmen eines Forschungsprojekts jedoch nicht unbegrenzt Daten erhoben werden kön nen (und dies unter Umständen auch nicht nötig ist), wird der Auswahl des Samples eine beson dere Bedeutung zuteil. Die Methodologie stützt sich dabei auf das theoretische Sampling. Dieses Verfahren der Stichprobenauswahl soll im folgenden Absatz erläutert werden. 2.3 Theoretisches Sampling Größe und Auswahl einer Grundgesamtheit bzw. Stichprobe sowie die Repräsentativität der Stich probenziehung spielen in der quantitativen Forschung eine zentrale Rolle (vgl. L 2005, S. 187). Explorative theoriebildende Forschung im Sinne einer Grounded Theory gehorcht jedoch 408 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber anderen Gesetzen. Für sie ist kennzeichnend, dass eine Forschungsfrage sich im Verlauf der Er hebung weiterentwickeln kann und somit eine ex ante Definition des Auswahlverfahrens, der Auswahlgröße und des Auswahlumfangs die Methodologie ad absurdum führen würde. Theore tisches Sampling bezeichnet „[…] den auf die Generierung von Theorien zielenden Prozess der Datenerhe bung, währenddessen der Forscher seine Daten parallel erhebt, kodiert und analysiert sowie darüber entscheidet, welche Daten als nächstes erhoben werden sollen und wo sie zu finden sind“ (G /S 2005, S. 53). Zu Beginn werden in der Regel möglichst verschiedene Untersuchungssubjekte in das Sam ple aufgenommen, um Daten zu gewinnen, welche ein breites Spektrum zur Forschungsfrage abdecken und damit eine inhaltliche Repräsentativität zu gewährleisten. In der Folge werden Daten gesucht, welche die bereits (vorläufig) entwickelten Kategorien bestätigen oder weiter differenzieren (vgl. B 2007, S. 476). Allerdings müssen auch zu einem späteren Zeitpunkt erhobene Daten mit den Anfangskonzepten verglichen werden. „To maintain consistency in data collection, the investigator should watch for indications of all important concepts in every observation – ones carried from previous analyses as well as ones that emerge in the situation“ (C /S 1990, S. 9). So existiert zu Beginn der Forschung keine Erfüllungsbedingung in Form einer gewissen Anzahl zu erhebender Interviews oder anderer Datenquellen. Der Forscher erhebt so lange weiter, bis es zur theoretischen Sättigung kommt. Diese tritt ein, wenn keine zusätzlichen Daten mehr gefunden werden, mit deren Hilfe weitere Kategorien entwickelt werden können und damit davon ausgegangen werden kann, dass die gesamte inhaltliche Bandbreite des interessierenden Phänomens abgedeckt wurde. Sobald sich Beispiele wiederholen, kann davon ausgegangen wer den, daß eine Kategorie gesättigt ist. „The criteria for determining saturation […] are a combination of the empirical limits of the data, the integration and density of the theory and the analyst ś theoretical sensivity“ (G /S 1967, S. 62). Das Vorgehen verlangt also weiterhin eine theoretische Sensibiltät des Forschers. Darunter wird die Fähigkeit verstanden, die hervorgehende Theorie zu konzeptualisieren und zu formulieren. Im Ergebnis hängt die Verallgemeinerbarkeit der gewonnenenTheorie zum großen Teil vom Ab straktionsniveau ab, welches das Forschungsvorhaben aufweist: je abstrakter die identifizierten Kategorien, desto breiter der Anwendungsbereich der Theorie. Selbstverständlich kann sich auch dieser Forschungszugang nicht der Forderung nach einer wissenschaftlichen Schärfe bzw. Rigor entziehen. Allerdings ist auch in diesem Zusammenhang auf einige Besonderheiten hinzuweisen. Grundsätzlich sollten, je nach eingesetzter Forschungs methodik, die allgemein anerkannten Gütekriterien qualitativer Forschung (für einen Überblick vgl. in diesem Herausgeberband, M /R & B /S ) zum Einsatz kommen, um dem Leser die Güte der erfolgten Forschung offenzulegen. Darüber hinaus ist im Ergebnis die Güte der entstandenen Theorie zu bewerten. Allgemeingültige Urteile über die Plausibilität oder einenWertbeitrag einer neuenTheorie zu fällen, ist jedoch meist äußerst problematisch und kommt einer philosophischen Diskussion nahe. Daher ist es besonders wichtig, dass der Forscher nicht versäumt, die Angemessenheit des gewählten Forschungszugangs herauszuarbeiten sowie die geleistete empirische Arbeit nachvollziehbar offenzulegen. Grounded Theory 409 Exkurs: Differenzen zwischen Glaser und Strauss Seit den 1970er Jahren kam es zu Differenzen in den Auffassungen zur Entstehungsweise einer wahren Grounded Theory von Glaser und Strauss. Diese Differenzen beziehen sich dabei vor allem auf den Vorgang des Kodierens und somit den „zentralen Prozeß, aus dem aus den Daten Theorien entwickelt werden“ (S /C 1996, S. 39). Während Glaser ein induktives Vorgehen für zwingend notwendig erachtet, kann nach Strauss/Corbin durchaus ein a priori Kodierparadigma, welches auf generellen Theorien der Erhebenden fußt, zum Einsatz kom men. G (1992 S. 62ff.) kritisiert die von Strauss/Corbin vorgeschlagene Vorgehensweise als wenig induktive Herangehensweise, welche die Daten und somit auch die Theorien in ein vorgefertigtes Raster zwingt. Laut K (1995, S. 42f.) ist der zentrale Unterschied, „dass Strauss/Corbin die Verwendung eines bestimmten heuristisch analy tischen Rahmens und dessen Explikationen für notwendig halten, während Glaser der Überzeugung ist, dass nur eine Ad hoc Kodierung auf der Basis von implizitem theoretischem Hintergrundwissen einer Methodologie empirisch begründeter Theorie angemessen ist“. Es handelt sich dabei nach Auffassung der Verfasser um eine beinahe philosophische Frage, welche ausschließlich im Kontext der zur klärenden Forschungsfrage und der Intention des ausführenden Forschers diskutiert werden kann. „So gibt es gewiss kein Verstehen, das von allen Vorurteilen frei wäre, so sehr auch immer derWille unserer Erkenntnis darauf gerichtet sein muss, dem Bann unserer Vorurteile zu entgehen. Es hat sich im Ganzen unserer Untersuchung gezeigt, dass die Sicherheit, die der Gebrauch wissenschaftlicher Methoden ge währt, nicht genügt, Wahrheit zu garantieren. Das gilt im besonderen Maße für die Geisteswissenschaften, bedeutet aber nicht eine Minderung ihrer Wis senschaftlichkeit, sondern im Gegenteil die Legitimierung des Anspruchs auf besondere humane Bedeutung, den sie seit alters erheben. Dass in ihrer Erkennt nis das eigene Sein des Erkennenden mit ins Spiel kommt, bezeichnet zwar die wirkliche Grenze derMethode, aber nicht die der Wissenschaft. Was das Werk zeug der Methode nicht leistet, muss vielmehr und kann auch wirklich durch eine Disziplin des Fragens und des Forschens geleistet werden, die Wahrheit verbürgt“ (G 1990, S. 494). Von der Formulierung einer Normregel muss in diesem Sinne Abstand genommen werden. Ab bildung 3 zeigt zusammenfassend die unterschiedlichen Auffassungen und zugrunde liegenden Fragestellungen der beiden Zugangsmöglichkeiten der Methodologie. 410 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber Nach diesem kurzen Exkurs über wahre oder verfälschte gegenstandsbezogene Theoriebildung sollen dem geneigten Forscher im Anschluss einige Erfolgsfaktoren und Stolpersteine bezüglich ihrer Anwendung erläutert werden. 3 Tipps und Tricks auf dem Weg zur Theoriebildung In der Folge sollen gängige Missverständnisse in Bezug auf Grounded Theory aus der Welt geräumt werden und relevante Implikationen für Herangehensweise und sicheren Umgang mit der Methodik aufgezeigt werden. Diese erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, spiegeln jedoch die Erfahrungen der Verfasser sowie eine Zusammenfassung der gängigen Literatur wi der. Eines der am weitesten verbreiteten Missverständnisse resultiert aus der Vorgabe, sich der For schungsfrage ohne Vorwissen oder vorangegangene Forschung, im Sinne einer offenen quali tativen Forschung (vgl. M 2002, S. 27ff.), anzunähern. Dies darf aber zu keinem Zeit punkt als ein Argument für eine ungewissenhafte oder gar fehlende ex ante Literaturrecherche angegeben werden. „Leaving aside the question of whether it is possible to disregard one`s prior knowledge and experience, the idea that reasonable research can be conducted without a clear research question simply defies logic“ (S 2006, S. 634). Die Gefahr eines Vorverständnisses im Rahmen des Vorgehens der Grounded Theory besteht darin, dass es den Forscher (willentlich oder nicht) in eine hypothesenprüfende Position versetzt, im Gegensatz zur intendierten reinen Beobachtung und Deskription des Gegenstandsbereichs. Um eine derartige Prädisposition zu vermeiden, gibt es einige anerkannte Heuristiken. Zunächst gilt es, im Sinne der Offenheit nicht nur Publikationen zu berücksichtigen, welche sich allzu einseitig einem Phänomen nähern, sondern solche, die möglichst mehrere relevante Teilbereiche integrieren (vgl. S 2006, S. 635). Darüber hinaus muss sich der Forscher stets über seine Position und die Möglichkeit der Beeinflussung durch sein Vorwissen im Klaren sein. GT (Strauss/Corbin) positivistisch aufdecken/auffinden konstruieren/aufstellen naive Objektivität nicht-naive Subjektivität Vereinfachung erwünscht Komplexität ist darzulegen versucht finale Schlüsse zu ziehen vorläufig, offen GT (Glaser) konstruktivistisch Abbildung 3: Unterschiedliche Herangehensweisen an theoriebildende Forschung Grounded Theory 411 Oftmals werden Publikationen auch dazu missbraucht, ungefilterte Daten zu präsentieren. In derartigen Fällen ist auf die Unterscheidung zwischen Grounded Theory und Phänomenologie zu verweisen. Im Rahmen letzterer ist es erwünscht, erhobene Daten in wenig verdichteter Form zu präsentieren, um eine holistische und unverzerrte Interpretation der subjektiven Eindrü cke der Befragten zu gewährleisten (vgl. S 1972, S. 55; B /D 2006, S. 304). Grounded Theory wiederum hat sicherlich ihre Anleihen in der Phänomenologie, jedoch liegt der Fokus hier weniger auf der Deskription subjektiver Erlebnisse. Vielmehr geht es darum, diese Erlebnisse auf eine theoretische Ebene zu abstrahieren und kausale Relationen dieser ex trahierten Elemente zu identifizieren (vgl. S 2006, S. 635). Dieser Unterschied lässt sich auch in den jeweils zum Einsatz kommenden Erhebungsverfahren festmachen. In phänome nologischen Untersuchungen werden häufig Tiefeninterviews eingesetzt, wobei hier sämtliche Details und insbesondere dieWortwahl der Befragten wichtige Untersuchungsgegenstände sind. Im Rahmen der GroundedTheory Forschung wird hingegen versucht, die sozialen Faktoren des Untersuchungsgegenstandes aus den Interviews zu extrahieren (vgl. W /G 2000, S. 1488). Zudem greift die Grounded Theory Forschung häufig auf mehrere Datenquellen, im Sinne einer Methodentriangulation (vgl. J 1979; H /R 1999), zurück (vgl. S 2006, S. 635). Daraus resultiert sogleich eine weitere Herausforderung des Ansatzes, die gewonnenen Daten auf eine konzeptionelle Ebene zu abstrahieren: „The researcher seeks to discover (identify) a slightly higher level of abstraction – higher than the data themselves – that allows the application of a name to the action or object observed or referred to“ (M /T 1986, S. 147). Dies kann nur durch ein gelungenes Zusammenspiel von Datensammlung und Analyse im Sinne eines komparativen Vergleichs gewährleistet werden. Damit einhergehend stellt oftmals die Frage nach dem Zeitpunkt der theoretischen Sättigung einen zentralen Kritikpunkt des Ansatzes dar. Da der Ansatz keine strikte Trennung zwischen Datenerhebung und Auswertung kennt, fällt eine Beurteilung dieser Thematik auch dem er fahrenen Forscher schwer. Für die Feststellung der theoretischen Sättigung bedarf es des taziten Wissens eines Forschers, welches sich aus der Erfahrung des Forschers und Kontextspezifika der Forschungsfrage ergibt. Die unbestimmte Natur der Sättigung treibt den positivistisch ge neigten Forscher dazu, eine bestimmte Anzahl an Interviews zu fordern. Dies entspricht jedoch in keinsterWeise den diskutierten Anforderungen. Sichere Signale für eine eintretende Sättigung können im Sinne eines theoretischen Sampling nur vermehrt auftretende Wiederholungen und Bestätigung bestehender Kategorien sein – beides hängt dabei auch vom empirischen Kontext und der Expertise des Forschers ab. Eine goldene Regel kann es somit nicht geben, es bleibt dem Forscher selbst überlassen über den Zeitpunkt der Sättigung zu entscheiden. Es kann für die Lösung der diskutierten Aspekte durchaus hilfreich sein, sich Unterstützung in Form weiterer (erfahrener) Forscher zu sichern. Denn hingegen der weit verbreiteten Meinung, muss ein Grounded Theorist nicht zwangsläufig alleine der Forschungsfrage nachgehen (vgl. C /S 1990, S. 11; S 2006, S. 640). Vielmehr kann es oftmals sinnvoll sein, sich des vermeintlich vorhandenen eigenen theoretischen Bias zu entledigen, indem weitere unabhängige Forscher in das Team aufgenommen werden. Dies führt aus eigener Erfahrung häufig zu gänzlich neuen Insights und kann sich ebenso positiv auf die geforderte theoretische Sensibilität auswirken. Eine weitere Schwierigkeit muss überwunden werden, wenn es nach Abschluss der Forschung um die Präsentation der Ergebnisse geht. Obwohl der Prozess der GroundedTheory Gewinnung schrittweise durch zeitgleiche Erhebung und Analyse der Daten erfolgt, werden die Ergebnisse trotzdem in sequentieller Reihenfolge – Theorie, Datensammlung, Analyse und Ergebnisse 412 Anton Meyer /Fabian Göbel /Christian Blümelhuber – präsentiert. Dies mag den gängigen Normen wissenschaftlicher Publikationen und deren Verortung im positivistischen Paradigma geschuldet sein, verkennt jedoch den Kern des For schungszugangs, in welchem aus Datensammlung und deren stetiger Analyse zu guter letzt (und nicht wie in positivistischen Beiträgen üblich zu Beginn eines Beitrags) die gegenstands verankerteTheorie resultiert. Oftmals wird es dem Forscher schwerfallen, sich gegen bestehende Routinen aufzulehnen, sodass aus pragmatischen Gründen die Ergebnisse in die gängige Form der Publikationen gebracht werden. In diesem Falle ist darauf Wert zu legen, dass der Prozess der Datenanalyse, inklusive des Kodierschemas und der gebildeten Kategorien, im Sinne der Explikation (vgl. L 2005, S. 24), offengelegt und dem Leser somit nachvollziehbar ge macht wird, sei es über eine Tabelle im Flusstext des methodischen Teils oder im Anhang eines Beitrags (vgl. S 2006, S. 637; E /G 2007, S. 29). Zudem sollte im (einleitenden) theoretischen Teil darauf hingewiesen werden, dass die theoretischen Konzepte und ihre kausalen Relationen das Ergebnis der Arbeit darstellen und aus der empirischen Arbeit resultieren. Die dargestellten Herausforderungen sollen aber nicht bedeuten, dass es unmögliche wäre, he rausragende Arbeiten zu veröffentlichen, in welchen die Methodologie vorbildlich umgesetzt wurde. In der Folge soll dem Leser ein Überblick über eine Auswahl der von den Verfassern geschätzten Arbeiten gegeben werden. Diese können dazu beitragen, die Lücke eines fehlenden Kochrezepts zu schließen, und zugleich als Inspirationsquelle dienen, sich der Methodologie in kommenden Studien zu bedienen. Die gewählten Publikationen spiegeln das breite Einsatzspektrum wider, das die Methodologie ermöglicht. So lassen sich herausragende Arbeiten in unterschiedlichsten Bereichen der betriebs wirtschaftlichen Forschung finden – von der Organisationsforschung bis zu Studien im Bereich des Konsumentenverhaltens. Gleichzeitig handelt es sich bei unserer Auswahl aber um eine sehr begrenzte, welche sicherlich weitere vorhandene exzellente Werke nicht berücksichtigt. Verfasser/ Jahr SampleTheoretischer Beitrag Publikation/ Zitationen in Ebsco Titel Isabella, Lynn, A. 1990 40 Manager eines mittelgroßen Finanzdienstleistungsunternehmens Entwicklung eines theoretischen Modells zur Wahrnehmung und Reaktionen des Managements auf Change- Management-Prozesse Academy of Management Journal, Vol. 33, S. 7-41 140 Evolving Interpretations as change unfolds: How managers construe Key Organisational Events Sutton, Robert, I. 1987 Heterogenes Sample von acht Konkurs gehenden Unternehmen aus dem privaten und öffentlichen Sektor, Variation in Größe und Alter Induktive Studie zum „Sterben“ von Unternehmen. Entwicklung eines theoretischen Rahmens des Prozesses vomWissen um das Aus hin zum finalen Exit Administrative Science Quarterly, Vol. 32, S. 542-569 41 The Process of Organizational Death: Disbanding and Reconnecting Kates, Steven M. 2002 44 homosexuelle Männer (Alter 16-52) wohnhaft in einer kanadischen Stadt Induktive Studie zur Bedeutung diverser Aspekte des Konsums in der homosexuellen Subkultur Journal of Consumer Research, Vol. 29, S. 383-399 31 The Protean Quality of Subcultural Consumption: An Ethnographic Account of Gay Consumers Tabelle 1: Vorbildliche Publikationen der Grounded Theory-Forschung Grounded Theory 413 4 Schlussbetrachtung Während mit quantitativen Analysen in hohem Maße das Ziel verfolgt wird, aus bestehenden Theorien deduktiv abgeleitete Hypothesen und damit bestehendes Wissen zu testen, eignet sich die hier dargestellte gegenstandsbezogene Theoriegewinnung insbesondere dann, wenn es da rum geht sich komplexen, bislang wenig erforschten Zusammenhängen anzunähern. Allerdings verunsichert die anfangs befreiend wirkende Forderung, sich in den ersten Auswertungspha sen von bestehenden Theorien zu lösen und eine neue Theorie aus den Daten entstehen zu lassen, unerfahrene Forscher oftmals. Hinzu kommt, dass pragmatische Entscheidungsvorga ben praktisch nicht existieren, was eine gewisse Erfahrung unabdingbar macht. Gleichzeitig muss die Forschung im Ergebnis den diskutierten Qualitätskriterien genügen, um Vorwür fe eines „messy research“ (P 1993) oder der „soft science“ (M /T 1986, S. 143) zu entkräften. Dabei wurde auch auf die teils unterschiedlichen Glaubensrichtungen im Sinne möglicher Herangehensweisen hingewiesen. Die durchaus komplexe Vorgehensweise mit ihren in diesem Beitrag dargestellten Schwierigkeiten, sollte den geneigten Forscher jedoch nicht abhalten, sich dieser Methodik zu bedienen. Insbesondere sollte im Falle einer Anwen dung transparent gemacht werden, inwieweit die Kernkonzepte der Methodologie, theoretisches Sampling und komparative Analyse, Eingang in die Forschung gefunden haben und umgesetzt wurden. Werden die Vorgaben der Methodik entsprechend befolgt, kann ihr innovatives Poten tial in Bezug auf eine Theoriebildung ausgeschöpft werden. „The seamless craft of a well executed grounded theory study […] is the product of considerable experience, hard work, creativity and, occasionally, a healthy dose of good luck“ (S 2006, S. 639). In diesem Sinne hoffen die Verfasser dieses Beitrags, dass trotz der höheren Forschungsrisiken zukünftig wieder mehr theoriegenerierende empirische Forschung in allen Bereichen der Wirt schaftswissenschaften betrieben wird. Denn nur eine stärkere Sensibilisierung für theoriegene rierende Arbeiten, deren Förderung und mutiges Anpacken sind der Nährboden für den Fort schritt einer Wissenschaftsdisziplin. 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References

Zusammenfassung

Dieser Sammelband bietet einen Überblick über relevante Theorien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie ausgewählte Methoden der qualitativen und quantitativen Forschung. Der Leser hat die Möglichkeit, jede hier behandelte Theorie und Methode in ihren grundlegenden Aussagen bzw. Funktionsweisen zu verstehen sowie hilfreiche Hinweise und Literaturquellen für ein vertiefendes Studium jedes Themenfeldes zu erhalten.

Studenten oder Doktoranden stehen vor dem gleichen Problem:

Wie können Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundiert werden, wie werden sie in Hypothesen transformiert und mit welchen empirischen Methoden überprüft?

Die Kernbotschaft: Auf dem Weg zu wissenschaftlicher Leistung müssen Theorien und Methoden Hand in Hand gehen.

Damit dies gelingen kann benötigt jeder Forscher eine grundlegende Kenntnis derjenigen Theorien und empirischen Methoden, die im jeweiligen Forschungsfeld Relevanz besitzen und für die Anwendung in Frage kommen. Das Verständnis von Theorien bzw. der Funktionsweise und Leistungsfähigkeit empirischer Methoden sind dabei essentiell. Erst dadurch werden eine zutreffende Auswahl und eine korrekte Anwendung von Theorien und Methoden zur Lösung des Forschungsanliegens ermöglicht.

Der Überblick über die Theorien und Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Der kompakte Sammelband ist empfehlenswert für Studenten und Doktoranden, die Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundieren, in Hypothesen transformieren und anschließend mit geeigneten empirischen Methoden überprüfen können.